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Benedikt Dyrlich, aufgewachsen in der sorbisch-katholischen Oberlausitz, ist ein kantiger Typ, der schon als junger Mann stets und ständig aneckte. 1964 verließ er den gängigen Werdegang eines DDR-Schülers und kam an das Bischöfliche Vorseminar in Schöneiche bei Berlin. Er sollte Priester werden. Aber Geistlicher wurde er nicht, stattdessen Literat, Theaterdramaturg, Politiker, Chefredakteur – ein Mensch der Worte und der Tat, ein Patriot, der Widerspruch nicht scheute, wenn ihm etwas gegen den Strich ging, der aber auch Zugeständnisse machen musste, wenn er Gefahr lief, seine Zukunft aufs Spiel zu setzen. Mit Auszügen aus Tagebüchern, Briefen und Beiträgen, die er seit Beginn der 1970er-Jahre gesammelt hat, zeichnet er im ersten Teil seines zweibändigen Werkes rückblickend Etappen seiner Biografie wie auch die Verhältnisse in der DDR bis zum politischen Umbruch im Herbst 1989. Eine Besonderheit des Buches ist, dass es Einblick gewährt in die „Wortschmiede“. Man erfährt Hintergründe, teils sogar den Entstehungstag einiger von Dyrlichs bekanntesten Gedichten.
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Seitenzahl: 461
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Benedikt Dyrlich
Leben im Zwiespalt1
AusTagebüchern,Briefen und Beiträgen
1964–1989
Domowina-Verlag
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Die Zeitdokumente wurden zumeist in obersorbischer Sprache verfasst.
Diese wurden von Dietrich Scholze ins Deutsche übertragen.
Die original deutschen Dokumente sind mit einem Stern gekennzeichnet.
Die Ausgabe ist gefördert vom Sächsischen Landesbeauftragten zur Aufbereitung der SED-Diktatur. Autor und Verlag danken dem Landesbeauftragten Herrn Lutz Rathenow sowie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Behörde für die freundliche Unterstützung bei der Recherche.
ISBN 978-3-7420-2522-7
1. Auflage 2018
© Domowina-Verlag GmbH
Ludowe nakładnistwo Domowina
Bautzen 2018
Gefördert von der Stiftung für das sorbische Volk,
die jährlich auf der Grundlage der von den Abgeordneten
des Deutschen Bundestages, des Landtages Brandenburg
und des Sächsischen Landtages beschlossenen Haushalte
Zuwendungen aus Steuermitteln erhält.
Lektorat: Peter Thiemann
1/1762/19
www.domowina-verlag.de
Mein Lebensweg ist holprig und kurvenreich wie ein Gebirgspfad. Oft lagen Steine im Weg, dann musste ich unversehens anhalten, freiwillig oder gezwungen die eingeschlagene Richtung ändern, mich neu orientieren, ohne zu wissen, wohin die »Reise« geht. Diese Ungewissheit trieb mich zur ständigen Suche nach Auswegen und Kompromissen, vor allem aber in Zufluchten außerhalb der verordneten und eingrenzenden Wirklichkeit (der DDR). Ich war gefangen im Zwiespalt, bemüht »Wurzeln zu schlagen« und zugleich »wegzufliegen«.
Was hinter mir liegt, ist kaum zu überblicken, was mich erwartet, kann ich mir denken (und kann es mir doch nicht vorstellen). Das Endziel ist noch nicht im Blickfeld. Ich fühle mich weiterhin daheim in Traditionen und nicht minder offen in alle Himmelsrichtungen.
In meinen Erinnerungen stütze ich mich auf selbst verfasste Zeitdokumente, in denen sich kleine und große Erlebnisse, Erfahrungen und Reflexionen widerspiegeln, in denen von überraschenden und schönen Augenblicken die Rede ist, die mich zum Schreiben bewegten und bewegen – zur Poesie – wie zu beruflicher und ehrenamtlicher Tätigkeit zum Wohle (nicht nur) meines Volkes, der Sorben.
Wenn ich durch die eigene Geschichte »schweife«, erblicke ich auch jene leidvollen Hindernisse, die ich in den vergangenen Jahrzehnten überwinden oder denen ich ausweichen musste, um nicht den Boden unter den Füßen, nicht mich selbst zu verlieren.
In dieser »Rückblende« versuche ich in Zeitabschnitten das Vergangene in die Gegenwart zu holen, mithilfe vieler verstreuter und zerstückelter Notizen, privater und öffentlicher Briefe sowie literarischer und publizistischer Texte. Zum Glück habe ich seit etwa 1970 etliche meiner Aufzeichnungen ausdauernd aufbewahrt, in etwa einem halben Hundert Ordner. (Viele Briefe, die ich vor 1990 geschrieben habe, wurden mit Pauspapier verdoppelt.) Auch unzählige Postsendungen meiner engsten Angehörigen, Freunde und Förderer, den Briefwechsel mit Lektoren, Herausgebern und Verlegern, Politikern und Funktionären wie auch Gutachten habe ich gesammelt.
Erst in den vergangenen Jahren der Freiheit erhielt ich tieferen Einblick in die Akten der Staatssicherheit der DDR. Einige Offenbarungen habe ich in die einleitenden Worte zu den drei Kapiteln einfließen lassen.
Alle persönlichen und amtlichen Schriftstücke und Beiträge habe ich auf der Grundlage heutiger Erkenntnisse überprüft. Ich habe sie (wenn nötig) sprachlich korrigiert und teils gekürzt, insbesondere zur Wahrung von Persönlichkeitsrechten. Jedoch habe ich nichts »zurechtgeschnitten« oder »frisiert«, im Gegenteil, ich habe darauf geachtet, dass in den Texten »meine Vergangenheit« als Teil der sorbischen und deutsch-sorbischen Geschichte aufscheint, in diversen Färbungen, Schattierungen und Prägungen.
Benedikt Dyrlich
Dresden, im Oktober 2018
Bereits in den ersten Jahren auf der sorbischen Schule in Räckelwitz, die ich von 1956 bis 1964 besuchte, schrieb ich gern Aufsätze. Am liebsten aber verfasste ich Briefe und Karten zu Ostern oder zu Weihnachten, zu Geburts- oder Namenstagen. Bei diesen familiären »Pflichtaufgaben« behielt besonders meine Mutter das Geschriebene im Auge. Sie achtete penibel darauf, dass die Post aus Neudörfel, einem kleinen Dorf in der Oberlausitz, gelegen halbwegs zwischen deren »Hauptstadt« Bautzen und der Lessingstadt Kamenz, höflich und ordentlich geschrieben »in die Welt« ging. Vor allem musste die Adresse stimmen, damit die Brüder und Schwestern und die engsten Verwandten von Mutter und Vater sie auch erhielten: Tante Madlena, Ordensfrau in Maastricht, später in Rom, Tante Hana in Wien, die Patentanten Hańža (zu Deutsch Agnes) und Marja in Prag, Onkel Pawoł in Bochum und Onkel Jurij in Bautzen und selbstverständlich die »liebe Tante Mathilde« in Bad Godesberg, die vorher in Dresden gewohnt hatte und bei der damals, vor und während des Krieges, meine Mutter acht Jahre lang als Haushälterin tätig gewesen war – bis zur Bombennacht im Februar 1945.
Leider sind diese sorbischen und deutschen Zeilen, in denen ich auch meine Gedanken über die Sixtinische Madonna, die heilige Quelle von Rosenthal, die sorbischen Osterreiter und so fort mitgeteilt habe, längst im »Papierkorb der Zeit« verschwunden.
1964 lernte ich den ersten bekannten Menschen persönlich kennen: Gustav-Adolf »Täve« Schur. Er beeindruckte mich. Über ihn habe ich mein erstes »Kurzporträt« verfasst, welches die sorbische Kinderzeitschrift »Płomjo« (Die Flamme) im August jenes Jahres veröffentlichte. Der herausragende ostdeutsche Radsportler imponierte mir, als er vor dem Start der Radsportwettbewerbe beim 5. Pioniertreffen in Chemnitz (damals Karl-Marx-Stadt) uns jungen Wettkämpfern aus der Räckelwitzer Dorfschule wohltuende Ratschläge gab und uns freundlich, aber entschieden anspornte, aus uns »alles herauszuholen«. Was wir dann auch taten. Und so wurden wir vier sorbischen Burschen als Mannschaft sozusagen DDR-Meister.
Mit dem kleinen Aufsatz über »Täve« in meiner Muttersprache begann meine publizistische und literarische Leidenschaft und »Laufbahn«, die mich zuerst in die sorbischen Printmedien und ab dem 20. Lebensjahr auch in die deutsche Öffentlichkeit trieb. Anfänglich fühlte ich mich berufen zu belehrenden Betrachtungen und Berichten hauptsächlich über kirchliche Ereignisse, Traditionen und Entwicklungen im »Sorbenland«. Im Mittelpunkt standen Begegnungen mit Jugendlichen und deren Problemen.
Das war in der Zeit meines Aufenthalts am Bischöflichen Vorseminar in Schöneiche bei Berlin (1964–68) zur Vorbereitung auf das Studium der katholischen Theologie und Philosophie in Erfurt, das ich dann aber – mit schwerwiegenden Folgen – nach fünf Semestern abbrach. Schon damals führte ich Tagebuch und schrieb weiterhin Briefe an Verwandte und Freunde. Leider sind auch diese Aufzeichnungen »aus der Welt«.
Seinerzeit erwachte mein Interesse an Literatur sowie ein bestimmtes kritisches Bewusstsein. Die Lehrer und Professoren in Schöneiche und Erfurt stachelten uns »Priesteramtskandidaten« zum Lesen von theologischen, aber auch philosophischen und literarischen Schriften an, selbst zum Lesen von Gedichten. An der katholischen Schule am Rande Berlins und in den Räumen am Erfurter Dom standen in den Bibliotheken Bücher vieler Autoren, die in der DDR nicht allgemein zugänglich oder gar verboten waren: Kierkegaard, Jaspers, Camus, Sartre, Grass und andere. Mein sorbischer Mitschüler und Mitstudent Jurij Wałda (Georg Walde)[Eine Auswahl sorbischer Personen mit abweichendem deutschem Namen findet sich im Anhang. Des Weiteren eine Auflistung sämtlicher erwähnter Gedichte mit Angabe des Gedichtbands.], der dann als Priester in der Lausitz, später in einigen deutschen Städten und zuletzt in Klagenfurt tätig war, »belieferte« mich zudem mit Büchern, deren Verbreitung im deutschen Arbeiter- und Bauernstaat sogar strengstens untersagt war (zum Beispiel die Werke von Alexander Solschenizyn oder Ernst Jünger).
Insbesondere die Empfehlungen des Zweiten Vatikanischen Konzils mit der Hinwendung der »Kirche in die Welt von heute« und ein aufgeklärtes Werteverständnis in Westeuropa bewirkten in mir ein Umdenken, die Einsicht in die Notwendigkeit von (pastoraler und kultureller) Erneuerung auch in meiner engeren sorbischen Heimat. So sah ich mich veranlasst, mich mit meiner publizistischen Tätigkeit in der Zeitschrift »Katolski Posoł« (Katholischer Bote) mit den damaligen Reformern des sorbischen Lebens in und außerhalb der Kirche zu solidarisieren. Kaplan Měrćin Wićaz, Chefredakteur dieses Zwei-Wochen-Blatts, ermunterte mich in der Weihnachtsausgabe des Jahres 1969, in meinem Engagement nicht nachzulassen. Er meinte, meine Texte hätten »ein vielversprechendes Niveau«. Ich fühlte mich geehrt und herausgefordert zur weiteren Mitarbeit.
Zwei Jahre zuvor hatte ich im »Katolski Posoł« mein erstes, noch ausgesprochen frommes Gedicht veröffentlicht, einen hübsch gereimten Text für ein Marienlied. Und am 23. Januar 1972 wagte Měrćin Wićaz mein erstes politisches Gedicht mit dem Titel »Rakety a swět« (Raketen und unsere Welt) abzudrucken. Das Gedicht, in dem ich den Krieg verurteile und auf dessen grausame Folgen hinweise, war vorher von der Redaktion der sorbischen Kinderzeitschrift abgewiesen worden.
Zum Diskurs über »Gott und die Welt« und zum Schreiben in meiner Muttersprache beflügelten mich zu jener Zeit auch die Weiterbildungsseminare für sorbische Theologen, die jährlich in den Sommerferien von der Gemeinschaft katholischer sorbischer Geistlicher organisiert wurden. Die Lehrer dieser »Untergrunduniversität« waren Geistliche und Intellektuelle mit Format wie Monsignore Měrćin Salowski, Pater Stanij Nawka, die Kapläne Cyril Pjech und Měrćin Wićaz, der Vertriebsleiter des Domowina-Verlags Beno Kućank, der Slawist Dr. Jurij Młynk sowie der Schriftsteller und Übersetzer von Weltliteratur Anton Nawka. Diese Seminare waren eine Art Denk- und Sprachschule. Dazu gehörte auch die Arbeit an einer Neuübersetzung der gesamten Bibel ins Sorbische, woran ich von 1968 bis 1971 mitgewirkt habe; ich übertrug die Bücher Samuel 1 und 2.
Meine in jener Phase ständiger Suche und Experimente stark national und religiös gefärbten Texte und Gedichte rüttelten von Beginn an die Zensoren im sorbischen »volkseigenen« Verlag auf. Daran änderte sich auch nichts, als ich 1969 in den Zirkel junger Autoren beim Arbeitskreis sorbischer Schriftsteller aufgenommen wurde. Měrćin Wićaz, der Chefredakteur des »Katolski Posoł«, hatte mich schon vor meinem Beitritt zur Gruppe der Nachwuchsautoren zur Vorsicht im Umgang mit politischen Anspielungen in meinen Texten gemahnt. Von ihm erfuhr ich, dass der Cheflektor des Domowina-Verlags Dr. Pawoł Völkel alle Beiträge der Zeitschrift der katholischen Sorben streng zensierte. Wićaz empfahl mir, bestimmte Artikel anonym oder unter einem Pseudonym zu veröffentlichen, was ich dann unter dem Namen »Anton Bek« – Anton ist mein zweiter Vorname und Bek eine Verkürzung von Benedikt – oder dem Kürzel »A. B.« auch tat. Ich musste mich vorsehen, dass ich mir mit meiner Arbeit für den »Katolski Posoł« und meinen Vorträgen vor jungen katholischen Sorben nicht sämtliche Wege in die Zukunft verbaute.
Im Zusammenhang mit der Veröffentlichung einer Auswahl junger Lyrik in der Dezemberausgabe der sorbischen Kulturzeitschrift »Rozhlad« (Umschau) 1970 begann sich die Staatssicherheit für mich zu interessieren. Und daran hat sich bis in den Spätherbst 1989 nichts geändert. Letztlich haben etwa 25 Personen – offiziell oder inoffiziell, beständig oder hin und wieder – geheime Informationen über mich und meine Familie an die »Stasi« geliefert, Sorben wie Deutsche. Darunter waren Spitzenvertreter der Domowina, des Bundes Lausitzer Sorben, der Leiter des Sektors für sorbische Kultur im Ministerium für Kultur der DDR, der Leiter der Bautzener Redaktion des DDR-Rundfunks und weitere Chefs und Mitarbeiter sorbischer Institutionen.
Im Fokus mehrerer amtlicher und geheimer Zuträger, Gutachter und Zensoren standen zunächst mein Gedicht »Při rowje Ćišinskeho« (Am Grabe Ćišinskis) aus dem Jahr 1969, meine Biografie mit dem (abgebrochenen) Theologiestudium sowie meine Kontakte zu kirchlichen und künstlerischen Kreisen. Besonders das Verhältnis zu dem Dichter Kito Lorenc, der mir als Freund und Mentor bei meinen ersten lyrischen Schreibversuchen zur Seite stand, wurde von Funktionären und Mitarbeitern des Staates, der führenden Partei, der Domowina, des sorbischen Verlags und des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters Bautzen strikt beobachtet, wie aus den Akten des Operativen Vorgangs »Poet« des Ministeriums für Staatssicherheit hervorgeht. Der Schauspieler am Bautzener Theater Achim Wjenk übertrug im Auftrag des MfS meine Lyrik wörtlich ins Deutsche. Zum Gedicht »Rakety a swět« bemerkte er: »Das Gedicht hat starke pazifistische Tendenzen und nicht nur solche.«[BStU, MfS, BV Dresden AIM 785/98, Bd. 2, Bl. 45]Neben Wjenk gehörte der langjährige Vorsitzende des Arbeitskreises sorbischer Schriftsteller und leitende Lektor des Domowina-Verlags Jurij Krawža zu meinen »treuesten« Überwachern. Fast drei Jahrzehnte berichtete er als »Günt(h)er« ungehemmt und unverfroren über meine privaten Verhältnisse und meine öffentliche Tätigkeit als Autor und Mitarbeiter des Bautzener Theaters.[Faksimile 1 siehe Abb.: BStU, MfS, BV Dresden AOV 2376/76, Bd. 1, Bl. 49]
Schon 1971 bildete man sich in den Dienststellen des MfS in Bautzen und Dresden ein eindeutig verdächtigendes Urteil über meine literarischen »Gehversuche«, und das vor allem im Zusammenhang mit dem poetischen Schaffen von Kito Lorenc und der Malerei von Horst Bachmann aus Auritz bei Bautzen, zu dem ich ebenfalls freundschaftliche Beziehungen pflegte. Major Tzscheutschler, Leiter der Abteilung XX der Bezirksverwaltung Dresden, fasste in einem Maßnahmeplan vom 17. Juli 1972 das Ergebnis der Bespitzelung meiner ersten Gedichte wie folgt zusammen:
»Unabhängig voneinander malten bzw. verfassten B. und D. Bilder bzw. Lyrik, die nicht dem sozialistischen Realismus entsprechen und geeignet sind, vorwiegend kunstinteressierte Personenkreise negativ zu beeinflussen und somit auf diesem Gebiet die sozialistische Entwicklung zu hemmen bzw. zu schädigen ... Die im Operativplan vorgeschlagenen Maßnahmen müssten durch Maßnahmen der ständigen Kontrolle und Dokumentation sowohl der offiziell zugänglichen als auch der inoffiziell zu beschaffenden Lyrik des L. und D. und der Bilder des B. ergänzt werden.«[BStU, MfS, BV Dresden AOP 2376/76, Bd. 1, Bl. 109]
Diese Einschätzung meiner Poesie sowie mein ehrenamtliches Engagement für die kirchliche Jugend und Presse war wohl der Hauptgrund dafür, dass ich nach dem Abbruch des Theologiestudiums trotz aller Bemühungen nirgends in Bautzen Arbeit fand, weder an sorbischen noch an deutschen Einrichtungen. Zutiefst enttäuscht begab ich mich deshalb nach Karl-Marx-Stadt, um in der Küchwald-Klinik als Hilfspfleger zu arbeiten und nebenher an der Abendschule das »sozialistische« Abitur nachzuholen. Ich hatte zwar in Schöneiche eine gymnasiale Reifeprüfung bestanden, doch diese war nur im westlichen Teil Berlins und in Westdeutschland anerkannt. In der DDR galt ich lediglich als Acht-Klassen-Schüler. Diese Ausgrenzung erzeugte bei mir ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber den Herrschenden in Ostberlin und Bautzen, auch und insbesondere in der Domowina, der ich dennoch am 16. März 1971 freiwillig beitrat.
Kito Lorenc und weitere sorbische Intellektuelle weckten in mir den Geist des Widerspruchs, ein Sprach- und Selbstbewusstsein im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten und der Notwendigkeit von Kompromissen. Vor allem gelang es dem herausragenden Dichter, uns jungen Autoren einen skeptischen und nicht nur jugendlich-emotionalen Blick auf uns selbst und unsere sorbische und deutsch-sorbische Umgebung zu vermitteln. Wir erhielten Einblick in unsere Literaturlandschaft – begeistert erschloss ich mir die Sprachkunst des Klassikers der sorbischen Poesie Jakub Bart-Ćišinski und des Avantgardisten Jurij Chěžka – sowie in Traditionen der Dichtung weltweit, aber auch einen Ausblick in die Lyrik unserer deutschen und slawischen Nachbarn.
Ohne Kito Lorenc hätte meine erste sorbische Gedichtsammlung »Zelene hubki« (Grüne Küsse) in einer Zeit der Suche, des Zweifels (auch Verzweifelns) und Kämpfens 1975 nicht so erscheinen können, wie ich sie Anfang 1973 konzipiert und im Domowina-Verlag eingereicht hatte. Ohne ihn hätten sich mir auch nicht die Türen deutschsprachiger Redaktionen und Verlage in der DDR geöffnet.
Am meisten Rückhalt bot mir jedoch meine damalige Freundin, der ich im Frühling 1970 in Bautzen unter dem Reichenturm das erste Mal begegnet war und die ich bald danach in Erfurt näher kennengelernt hatte. Ohne meine Lebensgefährtin und spätere Frau Monika hätte ich die berufliche Aussichtslosigkeit und Diskriminierung, die fortwährende Bespitzelung unserer Beziehung, unseres Denkens und Schaffens nicht ausgehalten. Sie und ihre Mutter, die am Deutsch-Sorbischen Volkstheater in Bautzen als Souffleuse und Inspizientin arbeitete, halfen mir und ermutigten mich neben Freunden und Bekannten zum Schreiben. Sie unterstützten auch meinen beruflichen Einstieg am Bautzener Theater im Jahr 1973. Mit »Rückendeckung« einiger sorbischer Schauspieler und Schriftsteller gelang es mir nach mühseligen Auseinandersetzungen und Bewerbungen schließlich 1975, das gewünschte Studium der Dramaturgie an der Leipziger Theaterhochschule »Hans Otto« aufzunehmen.
Der Arbeitskreis sorbischer Schriftsteller mit seinem damaligen Vorsitzenden Jurij Koch förderte in dieser Phase mein Interesse an Literatur und Theater in Polen. Dabei konnte ich meine Erfahrungen und Sprachkenntnisse aus etlichen privaten Reisen zu unseren Nachbarn nutzen. Im Frühjahr 1974 wurde mir ein zweiwöchiger Studienaufenthalt in Warschau und Krakau ermöglicht. Die Begegnungen in dortigen Theatern, Redaktionen und auch mit jungen Dichtern hinterließen bei mir einen nachhaltigen Eindruck. Ich war fasziniert von einem selbstbewussten Patriotismus sowie von einer weltanschaulichen und ästhetischen Offenheit meiner Gastgeber, die weit über das hinausging, was in der DDR in den Bereichen Literatur, Publizistik und Kunst möglich schien. Diese Reise war mir Anstoß, mich selbst und die eigenen Traditionen der Literatur zu hinterfragen, sie in einem erweiterten Kontext zu reflektieren – in Gedichten, publizistischen Beiträgen und Projekten, die ich angeregt und gemeinsam mit anderen verwirklicht habe.
Als ich das erste Mal vor »Täve« Schur stand, wurde mir irgendwie anders. Aber als wir eine Weile mit ihm gesprochen hatten, gab sich das. Plötzlich war mir, als würde ich vor einem einfachen, ganz normalen Menschen stehen. »Täve« redete mit uns wie ein guter alter Bekannter. Er antwortete auf jede unserer Fragen, und wenn einer von uns einen Scherz machte, dann lachte er mit uns. Zum Schluss wurden wir alle zusammen noch fotografiert.
Zuschrift in der Kinderzeitschrift »Płomjo« 18/1964
Unsere Kirche widmet den Monat Mai der heiligen Maria. Wie toll schon alles blüht und duftet, die Wiesen werden grün, in den Gärten zeigen sich die Blumen in den schönsten Farben. Die ganze Herrlichkeit des Mai erinnert uns an die Muttergottes. Sie ist noch um vieles schöner als die schönste Blume in Gottes Schöpfung. In unseren Gotteshäusern feiern wir im Mai überall Andachten zu Ehren der Himmelskönigin. Sie sind nicht nur für die Älteren gedacht, sondern besonders für uns Junge, deshalb sollten wir uns öfter und eifriger daran beteiligen. Ist es nicht schön, an solch einem stillen Abend mit dem Rad in die Pfarrkirche zu fahren, wenn man im Dorf keine Kirche hat? Wenn du einen Freund hast, so nimm ihn mit. Das ist nicht nur ein kleines Opfer, sondern auch eine Labsal nach eines harten Tages Arbeit. Die Gottesmutter freut sich darüber und wird es dir reich vergelten.
unter der Überschrift »Mejski nyšpor« (Maienandacht) im »Katolski Posoł«
Wie in jedem Jahr, so versammelten sich auch heuer am Mittwoch der Karwoche die Dorfbewohner abends vor dem Heiligen Kreuz, um sich auf den Kreuzweg nach Rosenthal zu begeben. Herr Jan Pjech leitete die Litanei und nannte die Lieder. Auch aus den Orten Teichhäuser und Gränze schlossen sich Leute an. Unterwegs und in Rosenthal sangen wir Fürbitten für die Kirche und für unser Sorbenvolk, aber auch für persönliche Sorgen. Geb’s Gott, dass wir uns auch nächstes Jahr wieder in so großer Zahl treffen.
Nachricht im »Katolski Posoł«
Am 4. Juli, einem regnerischen Montag, kamen unsere Kleinen aus allen Himmelsrichtungen über die sorbischen Fluren, Felder und Dörfer nach Rosenthal gezogen, um dort gemeinsam das Messopfer zu feiern und sich der Gottesmutter in verschiedenen persönlichen Dingen anzuvertrauen und sie um Fürbitte bei Gott zu ersuchen. Das heilige Abendmahl feierte Herr Kaplan Beno Šołta, den Gläubigen zugewandt. Herr Kaplan Cyril Pjech gab vor jedem Teil der Messe einige Gedanken vor, um die Kinder zu größerer Andacht und Frömmigkeit anzuhalten. Die Feier wurde umrahmt von der Mädchenschola. Zu den Pilgern predigte Herr Kuratus Měrćin Salowski aus Wittichenau. Er sprach zu den Kindern verständlich und schlicht über Missionsberufe. Nach der heiligen Messe machten sich die Prozessionen wegen des Regens gleich wieder auf den Heimweg.
aus einem Bericht unter der Überschrift »Serbske dźěći putnikowachu do Róžanta« (Sorbische Kinder pilgerten nach Rosenthal) im »Katolski Posoł«
Marijiny měsac
Kak krasnje zaso swěći
nam słónco na zemju,
wšo wonka so nět pyši,
štož je tam na polu.
To hižo čuju we wutrobje,
zo kwětki wšudźe kćěja
a z nimi so nam wjesele
zas zbliži měsac meja.
Tež ptački wjesle spěwaju
tak jasnje, wótře, rjenje.
We hajku, lěsku, na njebju
so wšitko zaso směje.
Ach, k tebi chcu hić do cyrkwje,
ow maćer, ty Marija!
To je twój měsac na wěčnje,
tón krasny měsac meja.
Gedicht über den »Marienmonat« Mai, veröffentlicht im »Katolski Posoł«
In Nummer 10 des »Katolski Posoł« vom vorigen Jahr haben wir über die erste Studienwoche berichtet, die im Rahmen der fünfjährigen Ausbildung sorbischer Theologen und jener, die sich auf ein Studium vorbereiten, in Sdier stattfand. In diesem Jahr wurde sie vom 22. bis 27. Juli in Ralbitz fortgesetzt. Neu war dabei, dass auch Frauen und Mädchen, die sich auf kirchliche Berufe vorbereiten oder schon im kirchlichen Dienst stehen, an der Studienwoche teilnahmen. So waren wir insgesamt zwölf Teilnehmer. Unser Herr Bischof hat diese Studienwochen amtlich bestätigt, daher haben sie nun einen offiziellen Charakter.
Das Programm war heuer wieder sehr reichhaltig und umfassend, wir haben wirklich fleißig gearbeitet und gelernt. Täglich begannen wir die Arbeit mit einer Messe. Am Tag der heiligen Anna feierten wir sie in Rosenthal in Form einer Konzelebration. Die ersten drei Tage konzentrierten wir uns auf das Erlernen der Muttersprache – es ist schließlich für uns die einzige Gelegenheit, denn sonst fehlt uns diese Möglichkeit. Wir übten Grammatik und Syntax, übersetzten aus dem Deutschen ins Sorbische und umgekehrt. Das war nützlich und ergiebig für uns, die wir ja einmal für unser sorbisches Volk wirken wollen, denn dafür müssen wir unsere Muttersprache mündlich und schriftlich ordentlich beherrschen.
Kurzreferate über die Anfänge des sorbischen Schrifttums bis zur nationalen Wiedergeburt boten unsere Theologen. So haben wir zumindest generell etwas über die wichtigsten und interessantesten Werke der ersten sorbischen Autoren gehört und damit einen weiteren Ansporn zum Studium auf diesem Gebiet erhalten. Die Referate verbanden wir mit einem Besuch im Museum des sorbischen Schrifttums in Bautzen. Wir raten jedem, sich dieses Museum anzusehen und den beachtlichen Weg der sorbischen Literatur von den vergangenen Jahrhunderten bis in unsere Zeit zu verfolgen.
Am Mittwoch gestalteten wir einen Wortgottesdienst samt Forum für die sorbische katholische Jugend. Ungeachtet technischer Mängel – wir hielten das Forum in der Kirche ab – können wir allgemein sagen, dieses Gespräch, das die Herren Kapläne Cyril Pjech und Měrćin Wićaz, der Redakteur des »Katolski Posoł«, mit drei Jugendlichen führten, ist recht gut gelungen und hat, wie wir gehört haben, auch ein positives Echo unter der Jugend gefunden. Die Jugendlichen kamen hauptsächlich aus der Gemeinde Ralbitz, aber auch Vertreter aus anderen Pfarrgemeinden waren dabei. Diese Form der Jugendarbeit wollen wir weiterhin pflegen und ausbauen.
Mit dem Forum, das wir am nächsten Tag ausgewertet haben, begann zugleich der zweite Teil der Studienwoche. Wir sprachen über soziologische Fragen bei uns Sorben. Dazu hörten wir von Erzpriester Jurij Šołta, der uns ein großartiger Gastgeber war, einen Vortrag über die geistliche Tätigkeit in der Lausitz.
Herr Kuratus Měrćin Salowski, der für die Studienwoche verantwortlich ist, referierte über Forderungen der Soziologie an die Gemeinschaft der Kirche. Wir richteten in diesem Zusammenhang einige Vorschläge zur Verbesserung der Seelsorge an die Vereinigung der sorbischen katholischen Geistlichen.
aus einem Bericht unter der Überschrift »Druhi studijny tydźeń« (Zweite Studienwoche) im »Katolski Posoł«
In zwei Artikeln, die von der Redaktion der Pariser Zeitung »Le Monde« unter dem Vorbehalt publiziert wurden, dass sie nicht die offizielle Meinung der französischen Geistlichen wiedergeben, befasst sich der katholische Kaplan und Arzt Marc Oraison mit dem heute viel diskutierten Problem des Zölibats.
Unter Hinweis auf das Konzil und die Enzyklika »Sacerdotalis caelibatus« vom 24. Juni 1967 behauptet der Verfasser, dass jedermann im institutionellen Zölibat der Priester auf den ersten Blick den Hauptgrund für die Unruhe unter den Geistlichen erkennen müsste. Dabei akzeptiert der Autor das Argument nicht, dass analoge Schwierigkeiten sowie eine Abnahme der Kandidaten für Theologie auch und gerade bei den evangelischen Mitbrüdern auftreten, die doch kein Zölibat kennen. Betrachtet man das Problem aus der historischen Perspektive, meint der Verfasser, so bildeten in den ersten christlichen Jahrhunderten die Prediger des Evangeliums und die Spender der Sakramente, selbst die Apostel, nie eine besondere, von der Gemeinschaft der Gläubigen abgesonderte Gruppe. Erst in der Epoche nach Kaiser Konstantin und mit dem Zerfall des Weströmischen Reiches beginnt sich eine spezielle Priesterschicht herauszukristallisieren – also die Klerikalisierung. Damit übernimmt das Priestertum als feste Gruppe der Gebildeten und zur Organisation des menschlichen Lebens Befähigten eine wichtige Rolle für die Zivilisation. Heute sei das nicht mehr nötig. Die Situation und damit die Ausbildung der Priester hätten sich so verändert, dass man wohl oder übel die aktuelle Losung von der »Deklerikalisierung« anerkennen müsse.
Des Weiteren erklärt der Autor, dass es weder vom physiologischen noch vom psychologischen Standpunkt dem Menschen möglich sei, ohne Ehe glücklich zu sein. Deshalb müsse insbesondere gegen das Gefühl der Einsamkeit von Geistlichen etwas getan werden. Hier lägen die Wünsche der Priester nach Aufhebung des Zölibats.
Am Ende kommt Kaplan Oraison zu diesem Urteil: Das Zölibat sollte nicht sofort abgeschafft werden, die katholische Kirche müsste sich aber heute um eine gründliche und radikale Änderung des Systems bemühen, die später gewisse Veränderungen in dieser Hinsicht erlaubt. Unterdessen würde eine Änderung der Bedingungen, unter denen ein katholischer Priester leben muss, das genannte Problem um vieles erleichtern.
unter der Überschrift »K diskusiji wo celibaće« (Zur Diskussion über das Zölibat) im »Katolski Posoł«
Das neue Schuljahr hat für viele unserer Kinder begonnen. Die Zahl der Teilnehmer am rein sorbischen Unterricht ist an den zweisprachigen Schulen erneut gesunken. Warum?
Inzwischen sieht es so aus: Sorbische Eltern meinen, es sei für ihr Kind besser und nützlicher, zuerst einmal die deutsche Sprache zu erlernen. Mit dem Sorbischen komme man, wie ich erst unlängst wieder aus dem Mund einer Mutter hörte, doch nicht weiter als bis Elstra. Dieser Spruch ist allen bekannt und es wurde schon ausführlich darüber geschrieben und gesprochen.
Doch wenn man diese »Argumente« und Begründungen von so vielen, teilweise guten Sorben und Christen hört, dann fragt man sich wieder und wieder: Meinen die das ehrlich oder sind das nur Phrasen, die ein richtiges Gespräch von Anfang an im Keim ersticken sollen? Ist die Sorge vieler Eltern so groß, dass sie aus Überzeugung ihre Kinder nicht beide Sprachen lernen lassen, Deutsch und Sorbisch? – Nur eine Sprache zu lernen ist anscheinend leichter, aber klar ist auch: Wer unverantwortlich handelt, handelt falsch und gegen Grundsätze.
Ich kenne ein recht gutes Beispiel: Ein Mitstudent aus der Lausitz hatte kein Sorbisch gelernt, weil sich sein sorbischer Vater und seine sorbische Mutter sagten, dies sei unnötig und behindere nur die Entwicklung des Kindes. Heute ist er ein junger Mann, hat Abitur und studiert. Erst vor Kurzem hat er mir im Gespräch gestanden, seine Eltern hätten bei seiner Erziehung einen großen Fehler gemacht, weil sie ihm die Muttersprache nicht beigebracht haben; sie handelten unverantwortlich, weil sie nur auf vordergründige Vorteile und Erfolge bedacht waren und primitives Geschwätz ernst nahmen.
Handeln heute nicht viele von uns derart unverantwortlich gegenüber ihren Kindern? Werden später nicht Vorwürfe und Fragen der Kinder an ihre Eltern berechtigt sein, warum es ihnen verwehrt wurde, Sorbisch zu lernen? Es ist schließlich bekannt und wissenschaftlich erwiesen (nicht nur anhand des Sorbischen), dass dem Menschen das Erlernen von zwei Sprachen zugleich weder physiologisch, psychologisch noch intellektuell schadet, sondern ihm im Gegenteil hilft. Jeder, der mehrere Sprachen beherrscht (und jeder Sorbe kennt mindestens zwei!), kann besser und leichter denken und unterscheiden. Das ist erwiesen, es ist nicht irgendeine sorbische Theorie.
Und weiter: Heute und in der Zukunft, in der unsere Kinder leben werden, braucht es ausgebildete und selbstbewusste Persönlichkeiten und Christenmenschen. Wer aber ist eine selbstbewusste und christliche Persönlichkeit? Martin Heidegger und Karl Jaspers, zwei Philosophen, erklären dazu in etwa: Ein Mensch, der sein Wesen als solches, wie er es von der Natur (von Gott) empfangen hat, täglich aufs Neue zu verwirklichen sucht, ist wahrhaft selbstbewusst.
Also, der Mensch soll leben, wie er geboren wurde – ein Sorbe als Sorbe! Das ist eigentlich nichts Neues. Es ist einer der ersten Grundsätze des Menschen und der christlichen Weltanschauung. Warum also etwas ändern, was doch grundsätzlich unmöglich ist?
Ein weiterer Gedanke zur Muttersprache ist ebenfalls längst bekannt. Das Sorbische ist ein Schlüssel zu anderen, vor allem slawischen Sprachen. Ist nicht gerade heute, in einer Zeit der Technik und Wissenschaft, der Austausch (die Kommunikation) zwischen Angehörigen verschiedener Nationen und Völker dringend erforderlich? Aber er ist nur möglich, wenn einer den anderen kennenlernt. Jemanden gut kennenlernen kann man jedoch nur, indem man seine Sprache erlernt. Und eben heute, wo wir zum ersten Mal in der Geschichte unsere Sprache völlig frei benutzen und anwenden können und dies auch gesetzlich gesichert ist, müssten wir doch begreifen, dass die Muttersprache für jeden Zeitgenossen umso nötiger und nützlicher ist, für ihn selbst und für alle anderen.
Wir wissen, eine zusätzlich erlernte Sprache wertet die menschliche Persönlichkeit nicht ab, wie einige noch zu denken scheinen, sondern öffnet ihr Grenzen und Horizonte.
Lassen wir uns nicht häufig von anderen (sogar von sorbischen Lehrern) beirren und beeinflussen? Sind die Entscheidungen unserer Eltern vor sich selbst und für ihre Kinder stets verantwortlich, wenn sie mit ihren Nachkommen nicht sorbisch sprechen oder ihnen die Möglichkeit dazu gar verwehren? Oder stecken dahinter nur Lauheit und Oberflächlichkeit?
Wenn dem so ist, dann sollten wir endlich daran denken aufzuwachen.
unter der Überschrift »Přispomnjenja« (Anmerkungen) im »Katolski Posoł«
In der Periode vor dem Zweiten Weltkrieg traten etwa 20 Sorbinnen dem Orden der Ursulinen bei. Es war üblich, dass sie in die Niederlande gingen. Darunter waren auch Fräulein Madlena Dyrlichec (eine Schwester meines Vaters Jakub Dyrlich) und Fräulein Marja Wojnarjec aus Neudörfel. Nachdem sie das Gelübde abgelegt hatten, wirkte die eine 20 Jahre in Maastricht, die andere in Boxtel. Von dort wurden sie 1959 ins Generalhaus der Ursulinen versetzt, ins erhabene Rom.
34 Jahre vergingen, bevor die beiden Ordensschwestern ihr Heimatdorf und die Lausitz für kurze Zeit und vielleicht zum letzten Mal besuchen konnten. Gegen Ende der Ferien reisten sie für zwei Wochen dorthin. Vieles hatte sich unterdessen bei den Sorben verändert, viel Neues war entstanden und Altes vergangen.
Die beiden Ordensschwestern sprechen ein vorzügliches Sorbisch. Man kann sich kaum vorstellen, dass das nach 34 Jahren in der Fremde überhaupt möglich ist. Doch die Verbindungen in die Heimat haben hier vieles begünstigt. Auch den »Katolski Posoł« erhalten sie regelmäßig.
In Rom stellte sich auch heraus, dass die sorbische Sprache ein eindeutiges Plus für ihren Träger ist und dass man mit ihr recht weit kommt. Das Ursulinenkloster in der italienischen Hauptstadt beherbergt nämlich derzeit an die 60 Schwestern aus 17 Ländern von drei Kontinenten (aus Europa, Amerika und Afrika). Unter ihnen sind ungefähr ein Drittel Slawinnen, sie stammen aus Polen, Jugoslawien, der Slowakei und der Lausitz. Die Hauptsprache im Kloster ist Französisch. Aber auch in slawischen Sprachen wird kommuniziert und die Liturgie gefeiert. Dafür erweist sich das Sorbische als eine unschätzbare Hilfe.
unter der Überschrift »Serbowce z Roma« (Zwei Sorbinnen aus Rom) im »Katolski Posoł«
Du hast versprochen, mir bald einen Brief zu schreiben. Gern würde ich Gedichte von dir bekommen, denn ich muss bis Ende April für den »Katolski Posoł« eine Jugendseite unter der Überschrift »Naš swět« (Unsere Welt) erstellen, also mit neuen Gedichten junger Sorben. Könntest du mir helfen?
aus einem Brief an Róža Chěžkec in Bautzen
Schade, dass du gestern nicht nach Neudörfel kommen konntest, vielleicht wird das in deiner »optimistischen Zukunft« noch mal passieren.
Auch ich habe nicht alle Hoffnung verloren. Aber die heutige Entwicklung deutet auf reale Vorbehalte hin, die einen jungen Menschen oft genug mit aller Schärfe und Radikalität treffen. Aus meiner Sicht steckt darin das ganze Motiv, weshalb ich Theologie und Philosophie studiere. In unserem Staat benötigen wir bewusste und aufgeschlossene Leute, die um die innere (und äußere) Freiheit kämpfen. Und mein Weg heißt: Kampf – Freiheit – Mensch. Zugleich: Sorbe – Christ oder Sorbe – andere Weltsicht. Das sind freilich nur meine Prinzipien, die sich aus einer Philosophie ergeben, welche in den Fundamenten vom Marxismus abweicht.
Ich habe großes Interesse daran, mich wieder mit dir zu unterhalten und Empfindungen auszutauschen. Hast du am Mittwoch nach Ostern Zeit? Ich würde nach Bautzen kommen. Oder wenn du mal durch mein Dorf fährst, dann klopfe bei uns an die Tür!
Dein Gedicht »Dźens z mróčnom moje sony du« (Heut gehen mit den Wolken meine Träume) lässt mich nicht mehr los. Die Sprache ähnelt der von Ćišinski und ist tief empfunden.
aus einem Brief an Róža Chěžkec in Bautzen
Freiheit ist kein Muss, auch kein religiöses Gebot. Freiheit ist eine echte Chance. Sie wird genutzt, wenn der Mensch selbst und aus sich heraus handelt, wobei er auf den anderen, seinen Nächsten achtet.
Betrachtet man die Situation bei den Sorben, dann erkennt man, wie es um die Freiheit steht. Vielen fehlt der Blick zu den anderen, die Antenne für Gemeinschaft und Solidarität. Vielen ist das Schicksal des sorbischen Volkes völlig gleichgültig.
Vor einigen Tagen habe ich das Gedicht »Budyska nóc« (Bautzener Nacht) geschrieben und es gestern an Róža nach Bautzen geschickt. Ich habe aber hinzugefügt, dass es nicht zur Veröffentlichung bestimmt ist, noch nicht.
Tagebuch
Ja, wo sehe ich meine Zukunft? – Über Freiheit habe ich schon genug geschrieben. Ich weiß, dass jeder diesen Begriff ein wenig anders versteht. Auch ich verstehe ihn auf meine Weise.
Andererseits hat meine Umwelt ihr Bild von der Freiheit, ihre Vorstellungen, ihre (meist veralteten) Regeln. Und das Traurige ist, dass sie für alle gelten oder gelten sollen. Wer sich hingegen nicht an diese Normen hält, fällt aus dem allgemein verbindlichen Moralkodex heraus. Und das Dumme ist, dass wir uns alle daran gewöhnt haben, in diesem Rahmen (der Traditionen) zu denken und zu wirken, seine Grenzen zu beachten und sie nicht zu durchbrechen.
Das Schlimmste ist, dass unsere innere Einstellung von diesen historisch entstandenen Maßstäben so sehr beeinflusst wird. Sie diktieren mir auch, wie ich sein müsste, wie ich als künftiger Geistlicher bei den Sorben auftreten sollte.
Meine Zukunft verbinde ich demnach auch mit der Frage: Wer nimmt künftig das Schicksal der Sorben in seine Hände?
Für mich ist Ćišinski Vorbild. Er wurde durch seine kleinmütigen Landsleute in große Zweifel gestürzt. Er verzweifelte (fast) an sich und an seinem geistlichen Beruf. Doch seine radikale Liebe war stärker als die unsäglichen Verbannungen aus der Heimat. Daraus erwuchsen Gedichte, die dazu ermutigen und es ermöglichen, sich selbst und die Zukunft des sorbischen Volkes zu erkennen.
Mich selbst stürzt besonders in Zweifel, dass bei uns Sorben eine Unfreiheit herrscht, die auf Neid, Geld, Aberglauben und fehlender Bildung beruht. Wegen solcher Zweifel plage ich mich mit der Frage, ob ich auf dem richtigen (beruflichen) Weg bin. Ich fühle mich eher unfrei.
Heute habe ich von Gerat Libš aus der Redaktion der Kinderzeitschrift »Płomjo« einen Brief zu meinem Gedicht »Rakety a swět« erhalten, das ich dort eingereicht hatte:
Raketen und unsere Welt
Raketen sind unnütz,
solange Kinder spielen,
und Fliegerbomben
jagen sie heim.
Dort ist die Scheune
schon zerstört.
In Flammen stehen
Haus und Hof.
Niemand weiß,
wie das endet,
jeder aber weiß:
elend.
Und Tränen fallen
auf roten Sand.
Raketen sind unnütz,
solange Gefängnisse
übervoll sind,
und Unrecht herrscht
im Land.
Niemand weiß,
wie das endet,
jeder aber weiß:
elend.
Und Tränen versickern
im blässlichen Boden
der kleinen Kammer.
Raketen sind unnütz,
solange massenhaft
Menschen Hunger leiden,
und sterben
in jungen Jahren.
Niemand weiß,
wie das endet,
jeder aber weiß:
elend.
Und Tränen spritzen
auf Reste Brot
zahlreicher Kinder.
Ja, irgendwo ist elend
unsere Welt!
Autorfassung (2018)
Gerat Libš lobt das Gedicht zwar, doch er meint, »wir wollen die großen Gedanken lieber großen Denkern überlassen«. Er schlägt mir vor, Verslein zu schreiben, die in der Kinderzeitschrift veröffentlicht werden können. Aber das liegt mir nicht. »Am 15. Mai wollen und können wir uns über Weiteres unterhalten«, schreibt Libš. Na ja! Für deine Gedichte besten und lieben Dank.
aus einem Brief an Róža Chěžkec in Bautzen
Das war wirklich ein herrlicher »sorbischer Tisch« im Erfurter Café »International«, zusammen mit deiner Freundin Marka Nawkec und dir sowie mit meinen Mitstudenten Jurij Wałda und Pětr Wjacławk.
Acht Tage kennen wir uns inzwischen näher. Du glaubst wahrscheinlich nicht daran, dass ich jemals Kaplan werde. Sich für diesen Beruf zu entscheiden, ist tatsächlich schwierig. Dazu sind Überlegungen und Erwägungen nötig. Um die Freiheit zu erlangen, brauche ich aber klare Entscheidungen.
Freiheit jedoch ist ein Wort, das diejenigen kennen, die keine Freiheit haben. Und wir haben sie in vielerlei Hinsicht nicht. Warum? Weil auch die Kirche ein System ist, in dem der Dogmatismus überwiegt. Oft könnte ich am altmodischen Denken und an den Verhältnissen verzweifeln, die mich hier und in den sorbischen Pfarrgemeinden umgeben. Es fehlen frischer Wind und ein neuer Geist (des Konzils). Jurij Wałda, mit dem ich mich schon vor fünf Jahren in Schöneiche angefreundet habe, hat mir vorgestern gesagt, dass er an keine große Erneuerung in der Kirche glaubt. Trotzdem will er sich zum Priester weihen lassen, obwohl er nicht sicher ist, ob er diesen Beruf zeitlebens »aushält«. Für seinen endgültigen Entschluss hat Jurij noch drei, vier Jahre Zeit. Pětr Wjacławk und ich noch etwas länger.
aus einem Brief an M. in Erfurt
Wir haben die Pflicht und den Auftrag, alles Gute und Richtige aus unserer Geschichte zu bewahren, alles Hemmende und Unnötige (auch in unserer Weltanschauung) auszusondern und so gemeinsam Gegenwart und Zukunft zum Nutzen des heutigen Menschen zu gestalten. Es geht uns schließlich um dessen Existenz.
Das ist der menschliche ebenso wie der christliche Auftrag. Wer das noch nicht begriffen hat, möge endlich etwas genauer hinter die Kulissen schauen. Und die allgemeine Auffassung lautet, auch wenn das zum Beispiel einige sorbische Lehrer (und weitere Sorben) noch immer nicht bemerken, dass dem Menschen klipp und klar zusteht, was er von seinem Wesen her ist ... Zum Sorben gehört, dass er Sorbe ist!
Einige Jugendliche aus der Umgebung von Crostwitz haben mir nahegelegt, eine Bitte an alle sorbischen Väter und Mütter zu richten: Setzen wir uns dafür ein, dass unsere Kinder die Muttersprache erlernen, und schicken wir sie in sorbische Klassen – nicht zum Selbstzweck, wie es manchmal propagiert wird, oder aus oberflächlich moralischen Gründen, sondern schlicht aus menschlichen und christlichen Motiven.
Das neue Schuljahr steht bevor. Fürchten wir uns nicht vor einer persönlichen Entscheidung! Gesetzlich ist uns garantiert, dass wir dieses Angebot annehmen können. Legen wir jede Halbherzigkeit ab. Zeigen wir tapfer, dass wir nicht auf schwachen Beinen stehen und nicht nur unsere eigene Zukunft und unser privates Glück errichten, sondern dass wir mit unseren Taten gemeinsam Geschichte schreiben, auch für diejenigen, die nach uns kommen.
aus einem Beitrag unter der Überschrift »Naležnosć« (Anliegen) im »Katolski Posoł«
Manchmal zweifelst ganz bestimmt auch du. Sei froh. Ohne Zweifel kann keine Liebe bestehen, weil Liebe kein Wissen ist, keine Sicherheit. Sie ist immer wieder Ansporn, den anderen zu gewinnen, sich ihm hinzugeben. Eben das bedeutet Glück.
Der Tod gefällt mir nicht. Hoffentlich gibt es nach dem Tod noch etwas Menschenwürdigeres, als uns der Marxismus anzubieten vermag.
aus einem Brief an M. in Erfurt
Der Dialog ist heute überall aktuell. Jeder redet darüber, über das Gespräch eines jeden mit jedem. Selbst in die kleinsten Kreise ist ein neuer Wind eingezogen und damit die Forderung nach Demokratie, Gleichberechtigung und Freiheit. Gefordert werden die offene Auseinandersetzung und das Gespräch über alle Fragen. Jeder will mitreden, seine Haltung erklären, seinen Vorschlag unterbreiten, jeder will, dass nicht nur einer alles vorschreibt, nicht nur einer seine Meinung und seine Praxis allen aufzwingt und somit absolut herrscht. Es ist einfach nicht mehr möglich, allein über alles und in allem zu entscheiden, in diesem Ansturm unterschiedlichster Aussagen, Angebote und Einstellungen. Es gibt viele Wege!
Verschiedene Wege bringen uns weiter, helfen uns, die Wahrheit zu beleuchten, sie tiefer zu durchdringen. Ein großartiges Beispiel dafür bleibt das Zweite Vatikanische Konzil unter dem populären Papst Johannes XXIII. Dort wurde nicht verurteilt, nicht abgelehnt, es wurde geredet – offen und aufrichtig. Es wurde gesucht und es wurde gefunden, damit wir weiter suchen und reden, weiter den Dialog führen.
Der Dialog möchte zur Überlegung zwingen, uns aus einem ruhigen Leben reißen, aus einem Glauben, der womöglich nicht mehr ist als die Erhaltung von Traditionen, Bildern und Privilegien.
Der Dialog will einen Weg finden, er will Entscheidungen vorbereiten. Die Theologie ist heute so umfassend und überblickt dennoch nicht, dass es unmöglich geworden ist, etwas ohne wirkliche Prüfung, ohne Diskussion und Gespräch zu entscheiden, selbst die Ansichten von Extremisten müssen beachtet werden.
aus einem Beitrag unter der Überschrift »Dialog w cyrkwi« (Dialog in der Kirche) im »Katolski Posoł«
Für den Einzelnen ist es wichtig und notwendig, dass er seinen Auftrag wesenhaft erkennt. Er muss sich bewusst machen, dass die Forderung des Lebens (christlich: Gottes) größer ist, als dass er nur als Roboter oder als kleiner Computer funktioniert. Der Zweck soll die gebildete Persönlichkeit sein, die für sich und für andere Verantwortung übernimmt! Das entspricht auch den Geboten des christlichen Glaubens, es ist sein Bestandteil.
Diese Worte klingen groß, aber ... Schauen wir konkreter hin: Gegen Ende des vorigen Jahres besuchte ich einen Poesie- und Gesangsabend in Schmerlitz. Vorgetragen wurden Gedichte sorbischer Lyriker, besonders auch der neueren. Ein Gesangsquartett unter Leitung des Komponisten Jan Bulank umrahmte den Abend mit Liedern. Das Programm war gut und verdeutlichte manchem Anwesenden sicherlich (erneut), wie schön und wichtig solche Angebote für das Publikum sind. Doch weshalb waren so wenige Zuschauer und Zuhörer im Saal?
Klar ist, wer ins Theater oder zu Konzerten geht, wer Literatur liest und sich mit Kunst befasst (und als Sorben brauchen wir uns dabei wahrlich nicht zu verstecken), der sündigt nicht gegen die Kirche und gegen Gott. Und auf den Index, der ohnehin nicht mehr gilt, gehört kein einziges sorbisches Werk.
Lassen wir uns sagen: Man ist nicht dann gebildet und erzogen, wenn man alle Quadratzahlen bis 100 aus dem Kopf aufzählen kann; man denkt nicht schon historisch, wenn man alle Geburts- und Sterbedaten großer Männer von Hammurabi bis Johannes XXIII. kennt. Ein gebildeter Mensch ist derjenige, der das, was er gelernt, erlebt – positiv wie negativ – und studiert hat (auch praktisch), in sein gesamtes Leben »einbauen« und so seine Haltung und seinen Glauben eindeutig bejahen kann, freilich auch neue Kräfte sammeln für die weitere Arbeit und für neue Erfolge.
Möge man schimpfen und zweifeln, doch unzweifelhaft ist, dass heute verschiedene kulturelle Veranstaltungen, die man uns allen, besonders den Jugendlichen, anbietet, oft gering geachtet werden. Ich kenne einige junge Kerle, die ihre Freizeit so verbringen: wochentags in die Kneipe und sonntags zur Messe, zum Fußball (nichts gegen Fußball!) und abends zum Tanz. Etwas anderes kommt leider gar nicht infrage. Ich will nicht moralisieren, aber ist da nicht etwas faul?
aus einem Beitrag unter der Überschrift »Zdźěłanosć« (Bildung) im »Katolski Posoł«
Ich denke an dich, an mich und an uns. Alles erscheint rosig. Heikel scheint lediglich meine berufliche Zukunft zu sein. Ich sehe sie nicht recht, denn ich stehe unentschlossen am Scheideweg. Das tut weh, aber ich weiß nicht, weiß überhaupt nicht, wo und wie das enden soll. Ich denke nach und überlege, komme aber stets zu dem gleichen Ergebnis: Benedikt, du weißt noch immer nicht, wo und wer du bist. – Wahrscheinlich bin ich immer noch ein Rotzjunge, einfach noch zu grün. Wer weiß? Das ärgert und betrübt mich, denn ich stehe zwischen zwei Feldern: Von der einen Seite winkst du mir zu, von der anderen der Beruf des Geistlichen, dem ich freilich inzwischen »abgewinkt« habe. Dabei weiß ich, dass ich als Geistlicher für die Sorben am meisten bewirken könnte.
aus einem Brief an M. in Erfurt
Mit Kindern ist es so schön, wie man es sich selbst macht. Wie du sie behandelst, so behandeln sie auch dich. Das spüre ich zurzeit in Panschwitz-Kuckau, bei der sogenannten religiösen Kinderwoche. Mit jungen Menschen sich vergnügen und ihnen zugleich etwas zeigen, ihnen etwas entdecken und erfahren helfen, das gefällt mir. Heute waren wir im Lippe-Park am Ćišinski-Denkmal. Ich habe den Kindern erzählt, wie der Dichter oft frühmorgens von Ostro hinunter nach Panschwitz-Kuckau gegangen ist, um im Kloster die Messe zu lesen. Unterwegs hat er Eindrücke und schöne Bilder dieser hügeligen Landschaft zu den jeweiligen Jahreszeiten in sich aufgenommen und sie später in Poesie verwandelt.
Ich lese den Kindern gern etwas in Sorbisch vor, zum Beispiel lustige Verse von Michał Nawka aus dessen Sammlung »Klepam, klepam pišćałku ...« Mit der manchmal albernen Schar habe ich die Verse draußen auf dem Hof sogar »inszeniert«. Wenn wir zusammen spielen, dann dominiert das Sorbische, so wie früher, als ich selber noch Kind war und die ganze Neudörfeler Welt kleiner und größerer Bengels und Mädchen sich häufig, besonders aber in den Ferien um unser Gehöft versammelte. Wie einst in Neudörfel, so lernen und benutzen auch hier in Panschwitz selbst jene Kinder das Sorbische, die zu Hause leider nur deutsch sprechen. (In Neudörfel haben wir ausschließlich das Sorbische verwendet, sodass selbst die Kinder der »Flichtlinge« es erlernen und benutzen mussten.)
Gestern Abend haben wir (sechs sorbische Studenten) uns zu unserem »traditionellen« privaten Gespräch in Crostwitz getroffen: außer dem Gastgeber Ludwig Nowak aus Crostwitz und mir noch Alfons Frencl aus Rosenthal, Jurij Mahr aus Bautzen, Jurij Wałda aus Piskowitz und Alfons Wićaz aus Radibor. Wir waren uns einig, dass jeder von uns immer und überall helfen wird, die sorbische Sprache zu bewahren und weiterzuentwickeln, komme, was wolle.
Richtige Ferien oder Urlaub habe ich dieses Jahr nicht, denn ab nächster Woche muss ich wieder das Alte Testament mitübersetzen, in Crostwitz auf der Pfarrei, in der Wohnung von Kaplan Beno Šołta. Es ist eine ziemlich anstrengende Arbeit, die ich mir gemeinsam mit anderen »aufgehalst« habe. Doch wir brauchen eine Übersetzung der Heiligen Schrift ins moderne Sorbisch, mehr als jedes andere Buch in der Muttersprache.
Noch etwas: In Panschwitz habe ich heute ein zwanzigjähriges freundliches, kluges und hübsches Mädchen aus Schönau kennengelernt, das ins Kloster Marienstern eintreten wird. Ich bewundere sie und wundere mich, dass sie den Mut hat, diese Berufung und die Entsagung auf sich zu nehmen. Sie ist noch nicht als Nonne eingekleidet, sondern läuft in alltäglicher, geradezu modischer Kleidung herum. Sie kann sich noch so oder anders entscheiden.
Auch ich darf das, obwohl ich mich schon entschieden habe. Aber das fünfte Semester studiere ich noch zu Ende, ich möchte die erste Hauptprüfung (das Philosophikum) erfolgreich ablegen. Das hat mir auch mein bester Freund Jurij Wałda geraten. In den philosophischen und pädagogischen Fächern brauche ich keine Angst zu haben, dass ich bei den Prüfungen durchfalle. Dort fühle ich mich sicher.
aus einem Brief an M. in Erfurt
Zu Hause gibt es nichts Neues. Du kennst ja die Problematik. Hier fühle ich mich nicht so recht wohl, vielleicht auch deshalb nicht, weil das Leben auf dem Dorf noch sehr schlicht ist, besonders das geistige. Die Leute haben ihre alltäglichen Sorgen, Fragen und Ansichten. Und oft wird gegen ein Gebot »gesündigt«, das da heißt: »Liebe deinen Nächsten!« Es werden Leute in den Dreck getreten, dass es einen um den Verstand bringt. Wenn Felder, Vieh, Motorräder, Fußball und Kirche alles sind, worüber man beim Kaffee oder beim Bier reden kann, dann ist das etwas wenig. Wo sind die Horizonte, die Hirne, mit deren Hilfe wir das Dasein in der Provinz etwas erweitern, verschönern und ausschmücken könnten?
Heute war ich in Crostwitz bei einem Jugendabend. Rudolf Kilank hat einen Vortrag gehalten, ein Geistlicher, den ich schätze, weil er offen ist. Er hat Kenntnisse in Theologie und Philosophie, in Literatur und sorbischer Geschichte. Und er hegt die große Hoffnung, dass ich mit der Theologie nicht aufhöre.
Ich habe die Hoffnung, dass ich kommende Woche in Bautzen den beruflichen Wechsel einleiten kann. Ein großer Optimist bin ich zwar nicht, obwohl ich größere Fähigkeiten verspüre, als sie für so eine Marionette in der Zeitungsredaktion nötig sind. Ich bin neugierig, was bei dem Gespräch nächsten Dienstag herauskommem wird, zu dem mich der stellvertretende Chefredakteur der »Nowa doba« Měrćin Völkel ins Bautzener Café »Exquisit« eingeladen hat.
Das Schicksal unserer Generation ist, dass wir in unseren Grenzen verhaftet bleiben und ein Leben führen wie bisher noch jeder Biedermann. Ob Sorbe oder Deutscher, jeder darf und muss fröhlich und ohne Zweifel leben. Und hinzu kommt: Der Sorbe soll fromm und anständig bleiben, im Staat ebenso wie in der Kirche.
Ja, wenn nur unsere Generation lauter aufschreien würde! Dann würden diese »Kleinbürger« aus ihrem kleinstädtischen Getue oder aus ihrer dörflichen Enge erwachen. Aber wer schreit denn heute noch? – Das lohnt anscheinend nicht.
Die gegenwärtigen Systeme werden nicht ewig bestehen. Mögen die Marxisten einmal überlegen, wie viele Menschen sie noch nicht von Ausbeutung und Unterdrückung erlösen konnten, und dies trotz all der gewonnenen Revolutionen, bei all den großen Beteuerungen und Versprechungen.
Und auch in der Kirche müssen wir uns fragen, wie es mit dem »Reich Gottes« hier auf Erden steht. Bei Professor Heinz Schürmann, einem der bedeutendsten Interpreten des Neuen Testaments unter den katholischen Gelehrten, habe ich in den Vorlesungen vernommen, dass wir uns in unserer Lebenszeit schon um das »Himmelreich auf Erden« bemühen sollen. Herrje, auch in der Kirche klingt ein solcher Anspruch der Heiligen Schrift noch immer wie eine Botschaft aus einer fremden Welt!
Wenn man die unverfälschten Ideale von Marxisten und Christen vergleicht, dann stößt man auf Gemeinsamkeiten, die auf das Paradies vorausweisen. Misst man diese Ideale an der Wirklichkeit, dann bleibt nicht viel mehr als der Trost auf spätere (bessere) Zeiten, auf die »klassenlose Gesellschaft« oder das »ewige Leben« nach dem Tod.
Doch im Alten Testament, das ich gerade mit ins Sorbische übersetze, erscheint die Sehnsucht nach Erlösung von jeglicher Not zusammen mit den erfreulichen Erfahrungen irdischen Daseins. Lies nur einmal das »Hohelied« Salomos, wo schon am Anfang die Liebe zweier Menschen so besungen wird: »Mit Küssen seines Mundes bedecke er mich. | Süßer als Wein ist deine Liebe.«
aus einem Brief an M. in Erfurt
Gerade bin ich vom Kirmestanz in unserer »Baracke« zurück, wo es Dorfgespräche und gute Laune, aber auch ein großes Gedränge gab. Mir gefiel es dort nicht so recht, schließlich musste ich ohne dich auskommen, mit diesem und jenem plaudern, anstoßen. Ich habe kein einziges Mal getanzt. Ich wollte auch gar nicht, weil viele mich argwöhnisch musterten. »Der Theologe, beim Tanz!«
Viele, auch junge Sorben aus meiner Pfarrgemeinde erwarten von mir Gott weiß was. Sie erwarten, dass ich bald ihr »Seelsorger« sein werde. Sie wissen ja nicht, dass ich mich auf ein »neues Leben« vorbereite, ein Leben mit dir.
Bei uns zu Hause aber vermuten sie schon, dass ich vom »Weg zum Geistlichen« abbiegen, das Theologiestudium nach dem nächsten Semester aufgeben will. Meinem Vater gefällt das überhaupt nicht, immerhin hat er mit meiner ersten (verstorbenen) Mutter über viele Jahre einiges auf sich genommen und getan, damit »einer der drei Dyrliche« Priester würde. Und dieser »eine« sollte ich sein, was ich in einer gewissen Phase meiner Kindheit auch wollte. Vater gefällt nicht, dass ich mit dir eine Beziehung habe.
Nicht nur mein Vater und meine zweite Mutter wissen noch nicht hundertprozentig, dass ich ihre Erwartungen nicht erfüllen kann, weil ich mich – wie du seit Langem weißt – nicht zum Priester berufen fühle. Ich möchte einfach mit dir zusammen leben – und das ohne Versteckspiel und Verleugnung.
aus einem Brief an M. in Erfurt
Schon den ganzen Tag über gießt es in Neudörfel. Also habe ich viel für meine erste theologische Hauptprüfung gelernt, die ich noch ablegen will, bevor ich aus Erfurt verschwinde. Mehr als die theologische Literatur aber interessieren mich hier in meinem Zimmer andere Bücher. Immer wieder habe ich mich heute in Briefe Ćišinskis vertieft. Mich rühren diese Schriften sehr, sie bestätigen mir, dass Ćišinski wirklich ein unerschrockener, unermüdlicher und liebender Mensch war.
aus einem Brief an M. in Erfurt
Bei dem Gespräch mit Měrćin Völkel heute in Bautzen ist wenig herausgesprungen. Ich habe den Eindruck, der stellvertretende Chefredakteur hat in der Redaktion der »Nowa doba« nicht viel zu sagen und zu entscheiden. Er war jedoch sehr freundlich und interessierte sich für meine Lyrik.
Tagebuch
Für mich als jungen Sorben war es nicht schwer, eine Verbindung ins benachbarte Polen zu finden, anfangs durch briefliche Kontakte, später durch persönliche Freundschaften. Wenn aber zwischen Menschen engere Beziehungen geknüpft werden, dann beginnt man sich für den anderen nachhaltiger zu interessieren, über die alltägliche Oberflächlichkeit hinaus. Und es verwundert nicht, dass einer den anderen mit seiner Geschichte besser verstehen will.
Ein Weg, jemanden historisch zu verstehen und zu erfahren, besteht darin, sich mit seiner Kultur, besonders seiner Literatur zu beschäftigen. Sie formt den Menschen ja vor allem. Und das Merkwürdige dabei ist: Im Bemühen, einen Menschen oder ein Volk aus seiner Vergangenheit heraus zu verstehen, erhebt man sich selbst weiter und höher, das heißt, man begreift sich selbst auf einer höheren Stufe. Das ist womöglich ein dialektischer Sprung.
Diesen Prozess, diese Entwicklung befördern ganz ernsthaft persönliche Begegnungen mit Zeitgenossen. Eine davon war offenbar, als ich voriges Jahr im September mit mehreren jungen Polen unter der Krakauer Kathedrale – in einer beleuchteten Krypta – an den Särgen von Adam Mickiewicz und Juliusz Słowacki stand. Dort wurden mir einige bislang ungelöste Fragen beantwortet und einige Zweifel beseitigt, auch im Hinblick auf unser Schicksal und unsere Zukunft.
aus einem Beitrag zum Gedicht »Pod Wawelskej katedralu« (Unter der Wawel-Kathedrale) in der Zeitschrift »Rozhlad« 12/1970
In der Bautzener »Krone« wurde gestern »Vogelhochzeit« gefeiert. M. und ich waren dabei. Über das Niveau der Veranstaltung ist nicht viel zu sagen. Ungeachtet dessen, dass das Programm einige Verwunderung und Bewunderung weckte, bildeten doch mehrere Teile ein größeres oder kleineres Spektakel, sie waren also eher banal. Das anschließende Vergnügen nutzte ich, um einige Vertreter des geistigen Lebens unter den Sorben zu treffen. Das Ergebnis der Gespräche: allgemeines Erstaunen darüber, dass ich das Studium der Theologie abgebrochen habe. Der Lektor Pětr Malink meinte, ich sollte den Sorben und dem Zirkel junger Autoren weiter treu bleiben. »Die Jungen müssen allmählich die Zügel in die Hand nehmen«, fügte er hinzu.
Tagebuch
Der Sonntag ist vorbei, doch ein großes Ereignis bewegt mich: Heute Abend startete Apollo 14, das dritte bemannte Raumschiff der Amerikaner, das zum Mond fliegt. Interessant, was der Mensch alles vollbringt!
Spektakuläre Erfolge in der Technik allein aber belegen den Fortschritt noch nicht. Dazu ist mehr vonnöten als technische Errungenschaften und Flüge in den Weltraum. Jedenfalls ist eine Menschlichkeit nötig, die immer noch nicht bei uns angekommen ist. Egoismus und Ideologie besitzen und besetzen die vorderen Plätze bei uns. Wann hört das einmal auf? Derzeit bietet weder der Sozialismus noch der Kapitalismus den Menschen die rechte Aussicht für die Zukunft. Sogar aus dem neuen Stück von Jurij Koch »Mjez sydom mostami« (Zwischen sieben Brücken), das im Herbst letzten Jahres im Deutsch-Sorbischen Volkstheater in Bautzen zu sehen war und an das ich in einem längeren Beitrag für eine der nächsten Nummern des »Katolski Posoł« erinnere, geht hervor, dass sich der Mensch (auch im Sozialismus) anpasst und vor allem auf privaten Vorteil und Gewinn schaut. (In Kochs Stück taucht aber Gott sei Dank die junge Lehrerin Bělkec auf, die gegen Egoismus und nationale Lauheit ankämpft.)
Dieser Tage habe ich mir vorgenommen, mich mehr mit polnischer Lyrik zu beschäftigen. Damit, so hoffe ich, will ich mir weiteres Handwerkszeug fürs Schreiben aneignen. Der erste Dichter, dem ich mich widmen möchte, ist Konstanty Ildefons Gałczyński. Sein Leben und Wirken erscheinen mir sympathisch. Gałczyński, 1905 in Warschau geboren, wo er 1953 auch starb, erkennt die Freuden und pflegt seinen Humor, obgleich auch ihn Dunkelheit umgibt. Beides jedoch gehört zusammen. Wer schöne und traurige Begebenheiten trennt, ist Utopist oder Nihilist.
Viele verbinden eine zu große Hoffnung mit sich selbst, viele wiederum bestreiten sie. Beides fördert den Stolz und hilft, »solche und andere Flecken« zu verheimlichen, die es gibt und geben wird, solange wir leben. Sich um die Zukunft sorgen heißt: die ganze Realität aufnehmen und annehmen!
Tagebuch
Ich will und will und weiß, dass ich nicht kann. Mir fehlt der Glaube, die Tiefe. Alles ist Gaukelei. Wenn jemand wüsste, welchen Sinn das Leben hat, dann würde ich ihm alles geben, was ich habe. Ich weiß, dass niemand es weiß.
Am ehesten weiß es Sartre: Am Ende ist alles sinnlos. Am Ende kommt der Tod. Niemand will das so recht wahrhaben, solange er lebt. Niemand spricht gern darüber (Gott sei Dank noch ein paar Theologen, die uns aber mit ihren Antworten nur etwas weismachen wollen).
Ach, was für »Realisten« wir doch sind, besonders die Kommunisten unter uns! – Ich verstehe, dass sie schon auf Erden das Himmelreich versprechen. Ist das nicht eine noch größere Lüge, als wenn die Priester sagen: »Es gibt Gott!«?
