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Im zweiten Band seiner Autobiografie beschreibt Benedikt Dyrlich (*1950) die Etappen nach der Wende. Das erste Kapitel umfasst die Jahre seines Wirkens im Sächsischen Landtag als Abgeordneter der SPD-Fraktion, das zweite die Zeit, in der er Chefredakteur der sorbischen Tageszeitung „Serbske Nowiny“ war. Das dritte Kapitel schildert die Jahre nach seinem schweren Unfall im Sommer 2009, der ihn plötzlich aus dem beruflichen Alltag riss. Der Umbruch 1989/90 hat auch Dyrlichs Leben entscheidend verändert, beständig war jedoch seine kämpferische Natur. Ob als Politiker, Journalist oder Vorsitzender des Sorbischen Künstlerbundes, unermüdlich, bisweilen mit ungestümer Hartnäckigkeit, setzte er sich für die Gegenwart und Zukunft seines Volkes ein, für dessen Literatur und Kunst. Er stritt für die Unabhängigkeit der Medien, für Demokratie bei den Sorben und fiel dabei nicht selten in Ungnade. Das Buch zeichnet seinen Weg in den neuen politischen Verhältnissen und seine persönliche Sicht auf die Ereignisse zum Zeitpunkt des Geschehens. Zugleich ist es ein spannender Abriss der jüngsten sorbischen Geschichte. Die Zeitdokumente wurden zumeist in obersorbischer Sprache verfasst. Diese wurden von Dietrich Scholze ins Deutsche übertragen.
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Seitenzahl: 507
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Benedikt Dyrlich
Leben im Zwiespalt2
AusTagebüchern,Briefen
und Beiträgen
Domowina-Verlag
ISBN 978-3-7420-2625-5
1. Auflage 2019
© Domowina-Verlag GmbH
Ludowe nakładnistwo Domowina
Bautzen 2019
Gefördert durch die Stiftung für das sorbische Volk,
die jährlich auf der Grundlage der beschlossenen Haushalte
des Deutschen Bundestages, des Landtages Brandenburg
und des Sächsischen Landtages Zuwendungen aus Steuermitteln erhält.
Lektorat: Peter Thiemann
Fotos: Matthias Bulang, Monika Dyrlich
1/1831/19
www.domowina-verlag.de
Die Zeitdokumente wurden zumeist in obersorbischer Sprache verfasst.
Diese wurden von Dietrich Scholze ins Deutsche übertragen. Die original deutschen Dokumente sind mit einem Stern gekennzeichnet.
Der Jahreswechsel 1989/90 war für alle, die in der DDR herangewachsen waren, ein (eigentlich) unbeschreiblicher Umbruch. Die Republik, in der wir gelebt und gewirkt, geliebt und gehasst hatten, brach in sich zusammen.
Ich gehörte zu denjenigen, welche die DDR nicht abschaffen, sondern grundlegend demokratisieren und verbessern wollten. Doch zwei deutsche Staaten in einer Konföderation sollte es nicht geben. »Die Mehrheit der Ostdeutschen wünscht eine schnelle Vereinigung mit Westdeutschland. Daran ist nicht mehr zu zweifeln«, schrieb ich am 20. Dezember 1989 ins Tagebuch. Und so hieß es auch für mich: den Neubeginn wagen – im geeinten Deutschland, in dem sich bislang ungekannte Möglichkeiten der individuellen Freiheit auftaten.
Wie wir (im östlichen Zipfel der Bundesrepublik) aber bald erfahren konnten, herrschten in den gewonnenen Freiräumen strenge, ja teils rabiate Verhältnisse (des Kapitalismus), unter denen auch wir Sorben zügig lernen mussten, gemeinsam mit den anderen autochthonen Volksgruppen Deutschlands für unsere Rechte zu kämpfen, nicht zuletzt gegen Denkmuster und Lebensformen, die uns aufgezwungen wurden. In der Parole »Wir sind ein Volk« lag die Betonung bei uns auf dem letzten Wort.
Auch nach der Wende führte ich weiter Tagebuch, nicht mehr so akribisch wie in den Jahren zuvor, aber beständig. Briefe schrieb ich nur noch selten. (Das Pauspapier verschwand im »Mülleimer der Geschichte«.) Telefongespräche, E-Mails, später noch Facebook-Einträge ersetzten den (sammelbaren) Schriftwechsel.
Hinzu kam indes ein anderes Sammelwerk, in dem sich fast zwanzig Jahre meines Lebens, wenngleich oft verzerrt, spiegeln. Der Einblick in »meine« Stasi-Akten machte mir bewusst, wie brüchig die Plattform ist, auf der sich der Mensch in Diktaturen bewegt, wie »einfach« er sich vereinnahmen und nötigen lässt von den Mächtigen, denen Menschlichkeit, Freiheit und kulturelle Vielfalt letztlich egal sind.
Der Umbruch – und ein neuer Aufbruch – wirkte sich auch auf das Dichten aus. Die Quellen meiner Poesie drohten zu versiegen. Ich hatte wie viele Dichter und Schriftsteller in der DDR gelernt (und mich daran gewöhnt), zwischen den Zeilen zu schreiben, dort meine politische Kritik zu äußern, um sie den Argusaugen der Zensoren zu entziehen. Nun gab es plötzlich keinen Grund mehr für eine doppelbödige Sprache, um Befindlichkeiten, Befunde und Zustände des engeren (eigenen) und weiteren (gemeinschaftlichen) Gesichtskreises zum Ausdruck zu bringen.
Im ersten Band meiner Erinnerungen steige ich ein im heißen Sommer 1964, als ich, vierzehnjährig, meinen ersten (kleinen) Beitrag in der Kinderzeitschrift »Płomjo« veröffentlichte, kurz bevor ich von der sorbischen Schule in Räckelwitz an das Bischöfliche Vorseminar in Schöneiche bei Berlin wechselte, zur Vorbereitung auf das Studium der Theologie und Philosophie. Im zweiten Buch steige ich aus im heißen Sommer 2018 mit einer Aussicht auf die Zukunft. Dazwischen lief ein Leben im fortwährenden Zwiespalt.
Benedikt Dyrlich
Dresden, im Oktober 2019
Mit dem neuen Jahr 1990 zog es mich mehr und mehr in die Politik, in die Nähe der Sozialdemokraten. Die Sozialdemokratische Partei in der DDR (SDP) war am 7. Oktober 1989 in Schwante bei Berlin gegründet worden und vereinte sich ein Jahr später mit der westdeutschen SPD. Obschon ich sehr zweifelte, ob ich mich als bisher konsequenter Parteiloser an eine Partei binden sollte, trat ich im Mai 1990 den Sozialdemokraten bei.
Ein wesentliches Motiv für diese weitreichende Entscheidung war, dass die junge Partei aus der Bürgerbewegung hervorging und zu den neuen, von der Diktatur unbeschädigten politischen Kräften in der am 18. März 1990 gewählten Volkskammer zählte. Geworben hatten mich mehrere Bautzener Parteimitglieder wie Günther Hörenz, Edith von Wolffersdorff, Jutta Mieth und Diethold Tietz. Auch Genossen aus Heidelberg taten das Ihre, wie der aus Bautzen stammende Studiendirektor im Ruhestand Helmut Schwalm und der in Pulsnitz geborene Grafiker Klaus Staeck. Die Sozialdemokraten aus Heidelberg und aus Worms halfen uns zudem mit Geld und Technik, damit wir in Bautzen auf der Goschwitzstraße ein erstes Parteibüro einrichten konnten.
Über die Folgen meines Sprunges von der »Bühne« des Theaters ins »kalte Wasser« der Politik habe ich kaum nachgedacht, dabei war ich erst Anfang April von der neuen Intendantin des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters Cosima Stracke-Nawka zum Leiter des sorbischen Bereichs berufen worden. In den stürmischen Wochen und Monaten vom Frühjahr 1990 war es kaum möglich, sich tiefergehend mit Auswirkungen des eigenen Einsatzes bei der Erneuerung der Gesellschaft auf das private und berufliche Leben zu beschäftigen. Die alltäglichen Sorgen und Verpflichtungen in der Familie und im Beruf wurden zweitrangig (und damit gezwungenermaßen vernachlässigt).
Wie etliche bürgerbewegte Menschen aus der Lausitz packte auch mich die Hoffnung auf eine aufgeklärte und friedliche, soziale und liberale Zukunft. Auch ich wurde getrieben von einer unfassbaren Euphorie, die auf Veränderung zielte und zur Mitwirkung regelrecht beflügelte. Im 40. Lebensjahr fühlte ich mich körperlich und geistig fit und den Herausforderungen gewachsen, zumal mir ein gewisses Draufgängertum schon immer sympathisch erschien. Und Risiken scheute ich ohnehin nicht, da ich bereits aus dem Leben in der DDR wusste, dass öffentliches und schöpferisches Wirken neben einer »Portion Courage« stets Kompromisse und sogar einen gewissen Opportunismus einschließt. Letztlich haben mich Ideale einer freien Gesellschaft, nach der ich mich in der sozialistischen Diktatur fortwährend gesehnt hatte, zu »unbetretenen Ufern« des Wirkens getragen.
Auf Bitten der Bautzener Sozialdemokraten ließ ich mich im Juni 1990 als Kandidat für den Sächsischen Landtag aufstellen. Ich ging davon aus, dass ich nur förmlich einen (hinteren) Platz im Wahlkampf einnehmen soll, damit auch ein Sorbe den Sozialdemokraten dabei hilft, der CDU die Vorherrschaft streitig zu machen, die sie mit der Wahl zur Volkskammer und bei der Kommunalwahl am 6. Mai errungen hatte. Mit der überraschenden, von mir nicht angestrebten Nominierung auf einem aussichtsreichen Platz auf der Landesliste musste ich mich über Nacht für eine völlig »neue Richtung« entscheiden. Diesen Schritt (zum Berufspolitiker) machte ich nach einem bangen Telefonat mit meiner Frau, kurz bevor meine Partei die Nominierung in einer Wahlversammlung endgültig beschloss.
Fortan war Wahlkampf angesagt mit dem Slogan »Natyrlich Dyrlich«, den zwei Freunde aus Bautzen und ich ersonnen hatten, der Designer des Mähdrescherwerkes in Singwitz Gunter Schober und der freie Journalist Falko Ballon. Am 14. Oktober 1990 wurde ich in den Sächsischen Landtag gewählt. Am 27. Oktober konstituierte sich der Landtag in der Dreikönigskirche in Dresden und ich wurde einer der Abgeordneten in der ersten frei gewählten sächsischen Volksvertretung nach der friedlichen Revolution.
Die Herausforderungen meiner neuen Tätigkeit waren groß und vielfältig. Kein Wunder also, dass die Erlebnisse und Erfahrungen aus der Zeit vor dem Wendeherbst, glückliche wie ernüchternde, immer mehr aus dem Blickfeld rückten. Doch bald holte mich die Vergangenheit wieder ein. Die Einsicht in die Stasi-Akten zwang mich zur Auseinandersetzung mit dieser beklemmenden Last. Ich war genötigt, die bittere Wahrheit zur Kenntnis zu nehmen: Fast zwei Jahrzehnte standen meine Frau und ich unter Beobachtung, unsere Beziehung genauso wie unsere Kontakte zu Freunden und Bekannten im In- und Ausland. Diese Wirklichkeit wurde in zahllosen Berichten und Vermerken verewigt, gespickt mit Verdächtigungen und Maßnahmeplänen.
Das letzte Dokument wurde am 24. Oktober 1989 erstellt, also schon inmitten einer breiten Bewegung zur politischen Erneuerung. Es bezieht sich auf Informationen des sorbischen Rundfunkjournalisten Helmut Rychtar, mit dem ich mich in den letzten drei Jahren der DDR öfter im Bautzener Café »Lipa« (heute Café »Jannasch«) zum freundschaftlichen Plausch getroffen habe – und der als IM über diese Gespräche ergeben berichtete:
»In einem Gespräch mit Benedikt Dyrlich vorige Woche stellte ich u.a. fest, dass er jetzt wieder versucht, sich mit seinen literarischen Werken in den Vordergrund zu stellen. […] Ich persönlich lege nicht viel Wert auf seine Veröffentlichungen, die oft vom Normalverbraucher nicht verstanden werden. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass Dyrlich Oberwasser bekommen möchte.«(BStU, MfS, BV Dresden, AIM 9941/91, Bd. 2, Bl. 157)
Die Zeit rennt, das neue Jahr ist vier Tage alt. Seit vorgestern bin ich wieder im Theater, wo in einer Woche die erste Premiere dieses Jahres ansteht. In den Probenpausen, in der Kantine, auf der Raucherinsel und anderswo in den Räumen des Hauses führen wir heiße Diskussionen über die inhaltliche und organisatorische Erneuerung und die finanzielle Notlage des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters. Doch auch über seinen Status debattieren wir. Hintergrund der Dispute ist ein Brief, den ich mithilfe der leitenden Dramaturgin Cosima Stracke-Nawka formuliert und im Namen der Domowina-Gruppe des Theaters an den Kulturminister der DDR Dietmar Keller abgeschickt habe. Darin fordern wir, das DSVTh in ein Staatstheater umzuwandeln.
Kurz vor Weihnachten haben wir eine Arbeitsgruppe zur Erneuerung des sorbischen Theaters gebildet. In ihr und mit ihr wollen wir eine Antwort finden auf die Frage, wie wir größeres Interesse für die sorbischen Aufführungen wecken und weiteren Nachwuchs heranziehen können. Das Problem ist, dass bei der Theaterleitung die sorbischen Belange kaum ernsthaft wahrgenommen, erörtert und zu lösen versucht werden. Daher bin ich mir im Haus mit vielen Sorben einig, dass die sorbische Bühne am DSVTh größere Selbstständigkeit und Verantwortung erhalten sollte. Auch über eine Herauslösung des sorbischen Bereichs am Theater diskutieren wir, was freilich manch ein Deutscher und selbst manch ein Sorbe nicht versteht.
Zum Ausspannen und zur Flucht vor den Aufgaben am Theater hatte ich nicht einmal zwischen Weihnachten und Silvester viel Zeit, weil ich an den Abenden mit den Vorbereitungen der Inszenierung zweier Einakter von Jan Pawoł Nagel (Jan Paul Nagel[Eine Auswahl sorbischer Personen mit abweichendem deutschem Namen findet sich im Anhang. Des Weiteren eine Auflistung sämtlicher erwähnteredichte und Prosatexte des Autors mit Angabe der Sammlung.])beginnen musste, für die ich die Regie übernommen habe: »Duett für Flöte und eine alte Dame« und »Passacaglia für großes Orchester und einen Baggerführer«. Premiere soll am 21. April (also an meinem 40. Geburtstag) im Senftenberger Theater sein. Das habe ich mit dem dortigen Intendanten Heinz Klevenow vereinbart.
Außerdem bin ich weiterhin in die Initiativen der Sorbischen Volksversammlung, der Domowina und des Arbeitskreises sorbischer Schriftsteller eingespannt. Die Erhaltung von Klitten ist mir ein persönliches Anliegen, deshalb fahre ich am Sonnabend zu einer weiteren Demonstration dorthin. Ich helfe die Proteste mit zu gestalten. Vor allem unter den Sorben suche ich nach prominenten Rednern. Jurij Koch spricht dort übermorgen, Jurij Brězan in zwei Wochen. Auch Róža Domašcyna und Tomasz Nawka wollen den Protest unterstützen. Kito Lorenc hingegen möchte nicht, weil er meint, er sei kein guter Redner von der Bühne, was ich ihm aber nicht abnehme.
Bei all diesen und anderen Herausforderungen konnte ich mich an der Schwelle zum neuen Jahrzehnt doch ein wenig erholen und zu mir kommen. Ich habe sogar etwas gedichtet. Das deutsche Gedicht »Verhängnis laut Orwell« habe ich beendet und mich »geplagt« mit dem sorbischen Entwurf des schon deutsch erschienenen Textes von 1987 »Abstrich mit Zuversicht oder Fluch der dicken Luft«. Gerade im Kontext des weiterhin bedrohten Dorfes Klitten scheint mir das zur Ironie tendierende Gedicht noch immer aktuell zu sein. Doch die sorbische Version muss »leichter« wirken, als sie es derzeit tut. Die Überschrift aber sitzt: »Zbytk nadźije abo wobskóržba morjenych wjeskow« (Ein Rest Hoffnung oder die Anklage ermordeter Dörfer).
Zu Silvester habe ich mich mit M. und den Söhnen im Trabi, den wir vor anderthalb Jahren endlich kaufen konnten und der inzwischen nicht mehr viel wert ist, zu Dorothea L. nach Berlin auf den Weg gemacht. Die Mitarbeiterin des Schriftstellerverbandes der DDR wohnt mit Mann und zwei Jungen im Vorschulalter in einem charmanten, aber recht verwahrlosten Haus auf der Oderberger Straße, ganz nahe an der Mauer.
In Berlin begrüßten wir das neue Jahr diesmal nicht wie sonst, indem wir uns auf dem Balkon gegenseitig Liebe, Freundschaft und Gesundheit wünschten, nein, wir feierten die Zäsur im Kalender an der Scheide zweier Welten, zwar ebenfalls draußen unter freiem Himmel, aber im grellen Licht der weiterhin bewachten Grenze: dort der Westen, hier der Osten. Die Wächter auf dieser und auf jener Seite des »antifaschistischen Schutzwalls« hatten in der ziemlich kalten Silvesternacht Erbarmen mit uns. Sie erlaubten uns und dem ganzen jauchzenden, jubelnden und knallenden Volk um uns herum, von der einen auf die andere Seite der verrufenen Mauer zu gehen. Sogar mit Sekt stießen sie mit uns und mit anderen an. Niemand gab so recht auf die Uniformen der Soldaten acht, schließlich wollten die Wachtposten von jedem, der gespannt oder entspannt oder sogar beschwipst hin und her taumelte, nur formell den Ausweis sehen, mit einem Lächeln oder einem freundlichen Wort. Die Beamten fühlten wohl wie wir, dass die Tage der Berliner Mauer gezählt sind. Das spürte ich selbst umso mehr, als sich in den Lärm der letzten und ersten Nacht des Jahres ein ungewöhnliches Klopfen mischte. Den seltsamen Sound erzeugten die »Mauerspechte«. Sie kamen zu Silvester mit Hammer und Meißel an die Westseite der mit Graffiti verzierten Mauer und schlugen Betonstücke heraus. Auch unser vierzehnjähriger Sohn Marko gehörte zu diesen Spechten.
Tagebuch
Eine traurige Nachricht ist eingetroffen: Unsere Schauspielerin Erika Rjedźic ist am 3. Januar im 62. Lebensjahr im Bautzener Krankenhaus verstorben.
Mit Erika waren viele von uns über Jahrzehnte verbunden, persönlich, besonders aber durch jene Kunst, die Jakub Bart-Ćišinski einst für einen »Stützpfeiler der nationalen Existenz« hielt. Ich kann mich erinnern, wie sie mir vor über fünfzehn Jahren einmal in einer Probenpause von den beschwerlichen Anfängen des Sorbischen Volkstheaters erzählt hat, das sie 1948 mit gegründet hatte: Auch sie, eine beliebte junge Darstellerin, musste damals mit einem Leiterwagen Kulissen fahren. Und viele andere Arbeiten hat sie neben den Proben und Vorstellungen erledigen müssen. »Ja, damals brauchten wir einen großen Idealismus«, hat sie mir gegenüber betont.
Erika Rjedźic ist immer eine Schauspielerin mit Anspruch geblieben, mit einem ganz persönlichen, netten und zugleich herben Ausdruck. Ich selbst habe mich so richtig in die Künstlerin »verguckt«, als sie 1977 die sichelkrumme Alte in der Inszenierung des Stücks »Landvermesser« spielte. In dieser Rolle des Dramas von Jurij Koch hat sie uns und später auch dem deutschen Publikum ohne ein Wort die geduldig ertragene Last unserer Geschichte enthüllt.
aus einem Beitrag unter der Überschrift »Za dźiwadźelnicu Eriku Rjedźic« (Im Gedenken an die Schauspielerin Erika Rjedźic) in der sorbischen Tageszeitung »Nowa doba«
Die Solidarität der sorbischen Schriftsteller mit dem runden Tisch in Klitten wächst. Im Vorstand des Arbeitskreises haben wir gestern einen Brief an Ministerpräsident Hans Modrow besprochen und beschlossen, den ich entworfen hatte. In diesem Protestschreiben heißt es:
»Wir verlangen ein tiefgreifendes Umdenken und Handeln in der Energiepolitik. Wir verlangen eine Nationalitätenpolitik, die sich vom ›Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte vom 19. Dezember 1966‹ leiten lässt. Nach Artikel 1,1 dieser Vereinbarung hat das sorbische Volk das Recht, über seine wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung selbst zu bestimmen. Wir erwarten, dass dieses Recht von der jetzigen und jeder künftigen Regierung unseres Landes respektiert und mit entsprechenden Maßnahmen gestärkt wird.«
Nach der gestrigen Sitzung habe ich den Eindruck, dass sich täglich mehr sorbische Autoren zum kritischen Denken bequemen. Immer deutlicher aber spüre ich auch, dass wir uns bald noch stärker als bisher in die Erneuerung der Gesellschaft werden vertiefen und einbringen müssen. Mir scheint, dass die Zeit der Demonstrationen und Deklarationen auf Straßen, Plätzen und in Sälen vorübergeht, spätestens mit den Wahlen zur neuen Volkskammer und zu den neuen Kommunalvertretungen. Deshalb verstehe ich Günther Hörenz, wenn er mir wiederholt ins Ohr flüstert, dass ich endlich »der politisch unbelasteten Partei von Willy Brandt« beitreten solle. Hörenz, der vorigen Dienstag beiderGründungsversammlungderSozialdemokratischenParteiin der DDR (ab dem 13. Januar 1990 mit der Abkürzung SPD)im Kreis Bautzen zum ersten Sprecher gewählt wurde, ist der Meinung, dass ich dann die Sorgen und ErwartungenderSorbenwirksamer an breitere Kreise der Politik herantragen könnte als in den (begrenzten) sorbischen Gremien und Initiativen. Die »Philosophie« von Hörenz lässt sich angesichts der geringen Zahl der Sorben gar nicht bestreiten. Doch in eine Partei einzutreten – das liegt mir nicht. Ich will mich an keine alte oder neue politische Richtung binden, sondern im Denken und Handeln frei bleiben. Ich will ich selbst bleiben.
Also helfe ich weiter dabei, die Erneuerung bei uns Sorben durchzusetzen. Auch aus diesem Grund habe ich mich am Montag bei der Krisensitzung des Bundesvorstandes der Domowina als Vertreter der Betriebsgruppe des Theaters und der Sorbischen Volksversammlung in die Leitung des Arbeitsausschusses wählen lassen, der einen außerordentlichen Kongress der nationalen Organisation vorbereiten soll. Dort sollen neue Programme und personelle Veränderungen beschlossen werden. Ich bin jedoch eher skeptisch, ob die Erneuerung gelingt. Ich spüre, dass manche Funktionäre und Speichellecker des alten Regimes ihre »sorbische« Macht nicht abgeben wollen.
Kurios dabei ist: In der Leitung des Arbeitsausschusses und überhaupt in der Domowina, im Arbeitskreis sorbischer Schriftsteller und im Theater sitze ich plötzlich mit einigen »Brüdern« zusammen, die zum Beispiel 1978 mit verhindert haben, dass mir öffentlich der Literaturpreis der Domowina verliehen wurde, weil ich Kontakte zu einer Journalistin des RIAS geknüpft hatte. Keiner von den ehemaligen Funktionären verliert auch nur ein Wort (des Bedauerns) über dieses Ereignis oder andere »Sünden« aus alten Zeiten.
Tagebuch
Vorurteile, ja zum Teil Hass gegen uns Sorben stecken tiefer in der Gesellschaft, als wir das wahrhaben wollen. In der Vergangenheit durften wir darüber nicht offen reden und uns damit auseinandersetzen. Es war mehr oder weniger ein Tabu – in der Schule, auf Arbeit, auch in der Domowina und anderswo. Alle, auch die Älteren, sollten sich als »Antifaschisten« und »Freunde unter den Völkern« sehen und erweisen. Aber schon als wohl Sechsjähriger habe ich die Feindseligkeit einmal direkt erlebt.
Meine Mutter, in der katholischen sorbischen Tracht, »sauste« mit mir durch die Lessingstadt Kamenz, vom Bus zum Zahnarzt. Uns entgegen eilte ein größerer und älterer Kerl mit einem Einkaufsbeutel. Er blieb stehen und schleuderte gegen meine Mutter unvermittelt einige üble Schimpfworte (wie »wendische Minka«). Ich bin damals nicht wenig erschrocken, Mutter aber hielt mich fester an der Hand und hastete wortlos weiter.
Später habe ich viele solche und ähnliche verbale Angriffe erlebt, auch und gerade in Bautzen, wenn ich mich zum Beispiel mit M. oder anderen in einer Gaststätte sorbisch unterhielt. Häufiger hörte ich da: »Hier wird deutsch gesprochen!«
Aus diesen Erfahrungen rühren meine grundsätzlichen Zweifel, ob wir die rassistischen Vorurteile in der Lausitz überwunden und ausgerottet haben. Man hört sie weiter und sogar schärfer als früher in der DDR auf den Straßen, in Sportstätten, in Restaurants, besonders gegenüber Vietnamesen, Afrikanern, Juden, Arabern, aber auch gegenüber Polen, Tschechen, Russen – und gegenüber uns Sorben. Literarisch habe ich mich mit der Problematik mehrfach zu befassen versucht, schon vor der Wende, etwa 1983 in dem kurzen Prosatext »Heimat wie ein Alp« (Auszug):
Da brüllte aus Lautsprechern, die rundherum in der dicken
Luft verstreut hingen, eine männliche Stimme: Die Slawen
sollen für uns arbeiten. Soweit wir sie nicht brauchen, mögen
sie sterben!
Der jüngste Auswurf an alltäglichem Rassismus »erschien« dieser Tage in unserem Theater. Intendant Jörg Liljeberg informierte gestern mit einem Aushang alle Mitarbeiter über einen Brief, der unseren »Musentempel« erreicht hatte und der mich ziemlich aufgeregt, ja erschreckt hat. Der anonyme Absender reagiert auf den Tod der sorbischen Schauspielerin Erika Rjedźic mit einem infam verballhornten »Totengeläut«:
»Wir alle Deutschen sind hocherfreut das diese wendische Hexe, die sogenannte Ericka Reda verreckt ist. Hoffentlich folgen bald mehr. Es leben die Deutschen, die Gerechten.«
Tagebuch
Gestern fand die dritte Zusammenkunft der Sorbischen Volksversammlung im Bautzener Kolpinghaus statt. Wir sind uns nicht ganz einig, wie wir (am runden Tisch) mit der Domowina umgehen und deren Erneuerung organisieren sollen. Ich habe mich mit für die größte »nationale Gemeinsamkeit« ausgesprochen, auch mit den bisherigen leitenden Funktionären der Domowina. Wichtig aber wird sein, dass diese auf dem außerordentlichen Kongress am 17. März nicht wieder in den Bundesvorstand drängen. Dorthinein gehören künftig unbelastete Sorben, selbst wenn sie keine Mitglieder der Domowina sind. Nur mit ihnen wird sich das »sorbische Dach« erneuern lassen.
Tagebuch
Die Einwohner von Klitten haben ihr Dorf vor der Abbaggerung bewahrt. Das ist ein Ereignis in der Geschichte der Lausitz und des sorbischen Volkes. Viele sorbische Schriftsteller und Künstler haben den Klittenern dabei geholfen, sie sind dort in den letzten Wochen ständig am Sonntagnachmittag mit durchs Dorf gezogen, haben geredet, musiziert und gesungen, vor der Gaststätte und in der Kirche, wo gestern eine Dankvesper stattfand. Ich selbst war dabei, erregt und gerührt, als am 1. Februar in Berlin der Vorsitzende des Ministerrates der DDR Hans Modrow einer sorbischen Delegation, zu der außer mir Jurij Grós, Bjarnat Cyž, Jan Kósk und Sieghard Kozel gehörten, verkündete: »Klitten bleibt!«.
Die Klittener Erfahrungen lehren mich, dass die sorbische und die sorbisch-deutsche Gemeinsamkeit mehr bewirken kann als darüber zu klagen und zu jammern, dass alles den Bach hinuntergeht. Ich selbst habe mich seit Ende November an sechs friedlichen Demonstrationen beteiligt. In Abstimmung mit dem Klittener Komponisten und Lehrer Hinc Roj habe ich Rundfunk- und Fernsehsender in das »zum Tode verurteilte« Dorf geholt und auch deutsche Landsleute wie Tilman Zülch von der Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen als Redner gewonnen.
Die Freude war und ist in Klitten groß, doch zugleich wissen wohl viele, dass die Entscheidung der DDR-Regierung noch lange nicht bedeutet, dass in Zukunft kein »Stück Lausitz« mehr der Kohle geopfert wird. Im Gegenteil, der Kampf um unsere Dörfer, Fluren und Felder, Wälder, Seen und Teiche geht weiter. Deshalb dürfen wir im Bemühen um unsere Heimat, unsere natürlich und historisch gewachsenen Reichtümer nicht nachlassen. Und deshalb plane ich nun eine Fahrt in das niederlausitzische Horno/Rogow, um dort am 24. Februar das Wort zu ergreifen gegen die Vernichtung eines weiteren, vor einhundert Jahren noch rein sorbischen Dorfes.
Tagebuch
Weiterhin viel Euphorie und Hoffnung, Skepsis und Verwirrung. Alles auf einmal. Alles bei fliegendem Wechsel und täglicher Veränderung. Einmal so, dann anders und wieder von vorn. Die Welt, die ferne und die nahe, dreht sich rasch vorwärts, obwohl man oft nicht recht weiß, ob wir nicht nur auf der Stelle treten (und im Schlamm). Auf jeden Fall muss man seine Gefühle zügeln und nüchtern auf und um sich schauen, damit man, in dem Jubel und Trubel zielsicher schreitend oder unsicher taumelnd, nicht etwa stolpert, auf irgendwelche Gleise stürzt, wo einen ein moderner Schnellzug (oder eine veraltete Lokomotive) erfassen kann. Man muss darauf achten, dass man sein Schicksal in die eigenen Hände nimmt, dabei die Kondition und ein fröhliches Herz behält. Und dass man manchmal durchatmet, vor den gerechten Geistern und eifrigen Kämpfern, aber auch vor Judassen, Heuchlern, Spinnern und all diesen Schleimern flüchtet, die ihre Fähnlein jeweils genau in den Wind hängen. (Ich wundere mich zunehmend darüber, wie viele »getreue« Anhänger der SED und ihrer Blockparteien auch bei uns Sorben plötzlich vom Sozialismus nichts mehr wissen wollen.)
Eine solche Zuflucht vor dem ganzen Wendegetöse ist mir vergönnt, wenn ich abends nach Hause komme in »mein« Hochhaus am Rande des Stadtteils Gesundbrunnen, geschafft von Proben und Kontroversen (im Theater), von Demonstrationen (in Klitten und nächste Woche auch in Horno), von Sitzungen und Disputen im Arbeitskreis sorbischer Schriftsteller, in der Sorbischen Volksversammlung und inzwischen auch in der SPD, in die ich aber weiterhin nicht eintreten will, obwohl man mich wirbt (und mich die »größere« Politik auch immer mehr lockt). Im Hochhaus am Rande von Bautzen, im elften Stock, kann ich mich – Gottseidank! – allen diesen Verlockungen, Verpflichtungen und Anforderungen entziehen, mich etwas absetzen von den zahllosen Baustellen, die »über Nacht« auch im Sorbenland entstanden sind, und das sogar an Orten, von denen wir gedacht hatten, dass dort alles Sorbische auf festem Boden stünde, unter dem Schutz der Traditionen, eines hohen Bewusstseins und einer starken Überzeugung. Zu Hause kann ich mich ein wenig den Gedichten, der Musik und dem Gespräch »unter vier Augen« hingeben. Selber dichten jedoch kann ich derzeit fast gar nicht. Zur Poesie fehlen mir (wieder einmal) die Musen.
In den letzten vier Wochen des Aufruhrs, Gepolters und Getöses auf Straßen und an runden oder eckigen Tischen ist, so will mir scheinen, mehr passiert als sonst in einem ganzen Jahr. In der Domowina und in anderen sorbischen Einrichtungen zeichnen sich personelle und inhaltliche Veränderungen ab, was vornehmlich ein Verdienst der Sorbischen Volksversammlung ist. Ohne diese Initiative wären wir Sorben nicht aus unserem Schlaf erwacht, hätte sich namentlich im Haus der Sorben und in unseren Institutionen nichts bewegt. Die alten Funktionäre der Domowina wollen noch immer nicht wahrhaben, dass auch bei uns nicht alles bleiben kann und wird, wie es noch bis zum vorigen November war. In der Sorbischen Volksversammlung wiederum denken und »predigen« einige, dass uns die Einheit Deutschlands die Erlösung von allen Zukunftssorgen bringen wird. Schon jetzt aber spielen die (fehlenden) Finanzen eine größere Rolle als Fragen nach unserer »nationalen Wiedergeburt«.
Bei allen politischen Veränderungen, bei allen widersprüchlichen Auffassungen, bei allen Geldnöten aber sind wir uns einig: Zum Wohle der Sorben lässt sich lediglich etwas verändern und umgestalten, wenn wir selbst die Verantwortung übernehmen, uns im demokratischen Sinne und Bewusstsein stärken und uns dabei als Volk betrachten. (Wir sind keine nationale Minderheit, die außerhalb der DDR ihr Mutterland besitzt. Wir sind einVolk.)
Tagebuch
Namens der Domowina-Gruppe am Theater habe ich einen Brief an Pfarrer Malink aufgesetzt. Darin bitte ich den Vertreter der Sorben am Zentralen Runden Tisch in Berlin, dass er bei der Beratung am 19. Februar die Schaffung eines »zentralen Fonds« zur Förderung aller sorbischen Kultureinrichtungen und Medien ansprechen möge. Unseren Institutionen droht das Aus, wenn sich die jetzige Situation nicht bessert.
Bereits am 12. Februar habe ich in einem Brief an Günther Hörenz und die Bautzener SPD auf die finanzielle Misere der sorbischen Kultureinrichtungen hingewiesen. Die Lage verschärft sich gerade, was ich mit einem aktuellen Beispiel bekräftigt habe: So will der Zentralrat der Freien Deutschen Jugend seine Verantwortung als Herausgeber und die jährliche Unterstützung in Höhe von 550 000 Mark für die sorbische Kinderzeitschrift »Płomjo« (in deren Redaktion M. arbeitet) Anfang April aufgeben bzw. einstellen. Gern würde ich es sehen, wenn sich die SPD sicht- und hörbar für die Sorben einsetzte, insbesondere für eine neue Kohlepolitik und die territoriale Aufnahme der gesamten Lausitz in das künftige Land Sachsen. Hörenz, der nächste Woche am 1. Parteitag der wiedergegründeten Ost-SPD in Leipzig teilnimmt, hat mir versprochen, dass er dieses und weitere Anliegen Walter Romberg übermitteln wird, dem sozialdemokratischen Minister in der Regierung Modrow und darüber hinaus seinen Genossen im Dresdener und im Cottbuser Bezirk.
Tagebuch
Die Quellen meiner Poesie scheinen wie ausgetrocknet. Es fließt nichts mehr daraus. Was soll nun mit dem Dichten werden?
Der Aufbau-Verlag in Berlin wartet auf neue Texte in deutscher Sprache, er möchte eine weitere Sammlung älterer und neuerer Gedichte und kurzer Prosa herausgeben. Vorgestern erhielt ich einen Brief von Cheflektorin Dr. Sigrid Töpelmann. Sie fragt: »Haben Sie neue Texte?«
Ich gebe zu, dass ich seit Längerem nichts Nennenswertes gedichtet habe. Die unruhige Zeit fordert ihren Tribut, auch von mir. Ich kann und werde aber nicht wie ein Hund jaulen, dem jemand auf den Schwanz getreten ist. Mein Schicksal habe ich selbst in der Hand.
Tagebuch
Allseits plagt mich mehr und mehr das Gewissen, ja es quält mich. Weil ich mich kaum um meine familiären Verpflichtungen kümmere. Ebenso vernachlässige ich Bekanntschaften und Freundschaften. Und ich dichte auch (fast) nichts. Gestern Nachmittag aber musste ich mich mit einem Mal an den Schreibtisch setzen und ohne jede Absicht zu schreiben beginnen. Bevor ich heute ins Theater (zur Probe) ging, hinterließ ich M., die schon früh zeitig mit Sohn Kajetan aus dem Haus geeilt war, auf dem Tisch fünf Blätter mit Entwürfen zu sieben »Gedichten« (in Prosa). Darin habe ich »Wahrheiten« einzufangen versucht, die sich jeglicher Euphorie in der neuen Freiheit verweigern. Um unsere Lage und unser Selbstbewusstsein ist es ja immer schlechter bestellt. Auf dem ersten Blatt steht: »Wotličenje bjez smilnosće«.
Abrechnung gnadenlos
Die Kiefer schlägt die Erde, aus dem Bach
springt ein Schlürfrest und Krebsen
wird schwarz vor Sehnsucht
nach Wasser. Der Weg flieht aus dem Sumpf
zur Brücke, wo
dein Mund Rädchen dreht. Du ziehst scharfe Kurven,
ins Bild fügt sich trocken das Land.
deutsche Fassung aus »Surreale Umarmung« (2016)
Tagebuch
Im niederlausitzischen Horno habe ich gestern Nachmittag als erster Sorbe gegen die Abbaggerung eines weiteren sorbisch-deutschen Dorfes das Wort ergriffen. Vor etwa 400 Demonstranten, darunter etliche Klittener, habe ich am Schluss meiner Rede ausgerufen: »Möge in der Lausitz das ewige Licht der Humanität und Kultur brennen. Gerade deshalb darf auch Horno/Rogow nicht in Trümmer fallen und verfeuert werden.« Leider spricht in Horno niemand mehr fließend sorbisch, doch viele Einwohner fühlen sich wohl mit ihren slawischen Wurzeln verbunden. Zumindest habe ich das bei der gestrigen Demonstration so empfunden.
Tagebuch
Im Theater werden Intrigen gesponnen. Niemand weiß so recht, warum der bisherige Intendant Jörg Liljeberg uns verlassen will. Ich auch nicht. In der Kantine und anderswo hört man, dass es etwas mit seiner politischen Vergangenheit zu tun habe. Er ist ja bei aller Liberalität und allem neuen Denken (was mir gefallen hat) zugleich ein zuverlässiger Genosse geblieben (was mir nicht gefallen hat).
Seine Offenheit (für den Sozialismus im Sinne von Gorbatschow) und gleichzeitig die unerschütterliche Parteilichkeit waren stets zu spüren, wenn ich mit ihm gearbeitet habe (wie an der deutschen Inszenierung von Jurij Kochs »Landvermesser«). Oder wenn es um prinzipielle Aspekte des sorbischen Spielplans ging. Liljeberg stand immer in Verbindung mit der Partei und wohl auch mit der Staatssicherheit im Kreis und im Bezirk, dabei erlaubte er aber neue Sichtweisen, freie Diskussionen und eigene Wege in den sorbischen Bereichen des Theaters.
Seltsam jedoch ist, dass der Intendant jetzt mehr oder weniger selbst und ohne Absprache mit den Vertretern der Sorben am Theater seine Nachfolge geregelt hat. Diese übernimmt übermorgen Cosima Stracke-Nawka, die seit 1987 Leiterin der Dramaturgie war. Den Stuhl des Chefdramaturgen besetzt Thomas Liljeberg, der Sohn des Intendanten, der angeblich an der Humboldt-Universität in Berlin Theaterkunst studiert hat. Wieder kein Sorbe oder solide zweisprachig gebildeter Fachmann auf diesem wichtigen Posten! Diese Rochade stinkt ziemlich und weckt und fördert damit das klammheimliche Gerede am Theater und darüber hinaus.
Ich selbst beteilige mich nicht groß an dieser »neuesten Inszenierung« mit Spekulationen und Unterstellungen. Mit Cosima bin ich bisher gut ausgekommen, wir haben uns in sorbischen Belangen immer verständigen wollen und können. Cosima hat ein sorbisches Herz und ist mir zugetan (so wie ich ihr). Sie weiß jedoch auch, dass ich selber einmal als Chefdramaturg vorgesehen war – und die Intendanz würde mich nun, da für dieses Amt kein Parteibuch mehr nötig ist, ebenfalls reizen.
Damals wie heute aber habe ich wohl am Theater keine wirkliche Chance für einen beruflichen Aufstieg. Das hat verschiedene Gründe, einer davon wird sein, dass ich »zu sorbisch« bin, dass ich für eine stärkere Präsenz der sorbischen Sprache am Theater und in dessen Umfeld eintrete, womöglich manchmal recht unwirsch und taktisch unklug. Mein Eindruck ist, dass manche Mitarbeiter und Verantwortlichen im Kreis (auch Sorben) eine solche Erneuerung des sorbischen Theaters gar nicht wünschen.
Tagebuch
Der außerordentliche Kongress des Schriftstellerverbandes der DDR hat am Wochenende in Berlin die Zerstörung sorbischer Siedlungen und die Forderung nach einem »Nationalitätengesetz« thematisiert. Auf Vorschlag des Arbeitskreises sorbischer Schriftsteller wurde eine Petition an die Volkskammer der DDR verabschiedet, die ich entworfen hatte. Darin heißt es:
»Der außerordentliche Kongress des Schriftstellerverbandes unterstützt die Forderungen des sorbischen Arbeitskreises, die ethnische Identität des sorbischen Volkes zu erhalten. Mit der Zerstörung der sorbischen Dörfer erlischt nicht nur die Geschichte und Kultur dieses Volkes, auch der Zusammenhalt und der Fortbestand dieser ethnischen Minderheit wird gefährdet. Wir unterstützen weiterhin die Erarbeitung und Verabschiedung eines Nationalitätengesetzes, welches das Recht auf Fortbestand der sorbischen Kultur garantiert.«
Auf dem turbulenten Kongress wäre ich beinahe in den neuen Vorstand gewählt worden. Ich erhielt 136 Stimmen (von 400 möglichen). Wenn ich neun Stimmen mehr gehabt hätte, wäre ich an Jutta Schlott und Gisela Kraft vorbeigezogen. Unter den anderen noch relativ jungen Kandidatinnen und Kandidaten, mit denen ich bekannt bin (Wolfgang David, Kerstin Hensel, Roland Erb, Beate Morgenstern, Thomas Rosenlöcher und Kristian Pech), hatte ich den meisten Zuspruch. Lediglich der Lyriker Richard Pietraß erhielt noch größeres Vertrauen.
Mein Gefühl nach dem Kongress: Der Einfluss des Schriftstellerverbandes nimmt ab, seine Substanz ist brüchig. Zurzeit drängen viele »schlaue Füchse« auf Stellen, die bislang von verrufenen Ideologen besetzt waren. Dorothea L., die dort tätig ist, sagte mir, dass der Verband wohl bald »im Morast stecken bleibt«.
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Schock und Hundstage nun auch in der SPD. Auch Mitglieder und Sympathisanten der Partei in Bautzen waren entsetzt, als sie hörten und lasen, dass der Vorsitzende der DDR-Sozialdemokraten Ibrahim Böhme mehr als zwei Jahrzehnte der Stasi berichtet hat, unter anderem über den Lyriker Reiner Kunze. Es ist schon nichts Neues mehr, dass die Füchse der vergangenen Diktatur in alle (neuen) Hühnerställe (der Demokratie) einzudringen versuchen. Vielleicht ist es gerade jetzt an der Zeit, in die SPD einzutreten?
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Lange habe ich gezögert, jetzt habe ich mich endlich entschlossen und die Bitte um Aufnahme in die SPD eingereicht. Ich habe sie heute, am Sonntag, nachmittags in den Briefkasten von Günther Hörenz im benachbarten Hochhaus im Gesundbrunnen geworfen. Am Ende konnte und wollte ich die Werbung der Bautzener Sozialdemokraten nicht ablehnen. Doch auch der Heidelberger Lehrer Helmut Schwalm, der aus Bautzen stammt, hat mir ewig in den Ohren gelegen und zu Herzen gesprochen. Professor Klaus Staeck, der politische Grafiker aus der Neckarstadt, der wiederum aus Pulsnitz stammt, meinte ebenfalls, ich könnte mit einer Mitgliedschaft bei den Sozialdemokraten viel für die sorbische Kunst bewirken. Mit ihm hatte ich mich nach Ostern im Bautzener Restaurant »Wjelbik« zu einem Gespräch getroffen. Staeck, mit dem ich mich gut verstehe, bedauerte, dass man in Heidelberg fast nichts über uns Sorben, über sorbische Literatur und Kunst weiß – und wenn, dann höchstens etwas über das Osterreiten und das Eiermalen.
Ehrlich gesagt, ich kann die Gründe für meinen Eintritt in die Partei der Sozialdemokraten nicht einmal genau benennen. Ich habe die Entscheidung letztlich bewusst getroffen, noch am selben Tag, an dem ich die Leitung des gesamten sorbischen BereichsanunseremTheaterübernahm(miteinemneuenVertragab1. April). Dabei wusste und weiß ich, dass mir die Mitgliedschaft bei den Sozialdemokraten keine beruflichen Vorteile bringt, besonders in Sachsen und in Bautzen nicht, wo inzwischen die CDU fast so unangefochten herrscht wie noch vor einigen Monaten die SED.
Meine Entscheidung für die SPD resultiert aus der Einsicht, dass wir als Sorben in die Parlamente einziehen müssen (und zwar nicht nur mit den Mandaten von CDU, DBD und PDS), wenn wir uns mehr Rechte und eine wirksame Unterstützung im künftigen vereinten Deutschland sichern wollen. Gerade die SPD, die keine einzige Sorbin und keinen einzigen Sorben in der neuen, erstmals demokratisch gewählten Volkskammer der DDR hat, sollte die sorbischen Angelegenheiten als ihre eigenen betrachten. Das freilich wird nur möglich sein, wenn auch Sorben der Partei angehören und auf ihren Wählerlisten erscheinen.
Vielleicht hat mich auch bewogen, mich bei den Sozialdemokraten zu engagieren, weil die Partei nicht durch ehemalige Mitglieder der NSDAP (im Westen) oder durch mehr oder weniger untertänige »Knechte und Mägde« der SED (im Osten) belastet ist. (Was natürlich nicht ausschließt, dass in sie auch der eine oder andere Gevatter der bisherigen Diktatur einzudringen versucht – wie etwa Ibrahim Böhme.) Alle sorbischen Abgeordneten, die am 18. März in die neue Volkskammer gelangt sind, haben in der DDR mittelbar oder unmittelbar dabei geholfen, die Politik der SED zu stärken und umzusetzen. Entweder waren sie selbst Mitglieder der SED (wie Jurij Grós) oder sie gehörten den sogenannten Blockparteien an (Marja Michałkowa, Ludwik Nowak und Stanisław Tilich der CDU, Jurij Čornak der DBD).
Noch etwas zieht mich in die SPD: Der Geist der Partei ist europäisch, weniger deutsch. Und er ist auf Solidarität mit den sozial und kulturell Schwachen gerichtet. Ein solcher Geist, der sich zugleich scharf vom Ungeist des Antisemitismus abgrenzt, wird im künftigen Deutschland notwendig sein, verbunden mit dem ganz praktischen Bekenntnis zu vielen Sprachen und Kulturen ethnischer Minderheiten und zu unseren slawischen Nachbarn. Ich möchte in der SPD die sorbischen Besonderheiten, unsere eigentümliche Landschaft und ihren doppelten historischen und kulturellen Boden schützen und fördern helfen.
Bedenken, dass ich mich mit meiner Entscheidung an eine Partei binde und damit auch einer gewissen Disziplin unterordnen muss, habe ich dennoch. M., die von meiner Bitte um Aufnahme noch nichts weiß, rät mir weiterhin davon ab. Sie sieht die Gefahr, dass ich meine »poetische Ader« aufs Spiel setze, die Unabhängigkeit im Denken und Schreiben. Sie fürchtet, dass ich meine Zeit mit Politik vergeude – und damit den Freiraum für eine verantwortliche Partnerschaft und für die Familie. M. ist skeptisch, ob ich bei den Sozialdemokraten viel für die Sorben erreichen kann. Viele Sorben glauben, die SPD sei so »rot« wie die SED und stänkere gegen die Kirche.
Ich gestehe, dass ich kein »parteiischer Mensch« bin. Ich habe vielmehr stets eigene Energien und Perspektiven entwickelt und gesucht und sie nach Kräften auf die (beschränkte sorbische) Gemeinschaft zu übertragen versucht, besonders auf literarischem und kulturellem Gebiet. Das war und ist auch heute nicht leicht, weil die Mehrheit in unserem Völkchen nicht so sehr einen selbstbewussten »Bund von Individualisten«, sondern eher kleine »sorbische Königreiche« bevorzugt, in deren Grenzen die Einheit von Glaube und Tradition gilt. Es ist unser Schicksal, dass wir selbst in den heutigen stürmischen Zeiten in lauter (lokalen) Kleingärten leben; und dass wir nicht nur unter uns, sondern auch zu unseren slawischen und deutschen Nachbarn nicht noch mehr Brücken bauen. Im Gegenteil, uns selber akzeptieren wir nicht so recht in unserer (individuellen und oft eigensinnigen) Verschiedenheit, was ich erneut in der Domowina, aber auch in kirchlichen Kreisen beobachte.
Ein solch selbstbewusster und gegenüber Andersdenkenden und Andersgläubigen oder Ungläubigen offener nationaler Geist, der alle eint, fehlt uns nach wie vor. Obwohl wir in den vergangenen Monaten und Wochen anregende Ideen, Forderungen, Erwartungen und Programme hervorgebracht, aufgeschrieben, diskutiert und auch verabschiedet haben, besitzen wir bislang kein Ziel, das alle Sorben vereinen könnte, keine übergeordnete Vertretung, unter der jeder, der das will, gern sorbisch und zweisprachig leben könnte – und zwar ganz nach seinem Geschmack, seiner Überzeugung, seinem Bekenntnis, seiner politischen Einstellung und auch mit seiner Biografie (meinetwegen auch mit seinem Starrsinn).
Selbstkritisch bekenne ich, dass uns sogar in der Sorbischen Volksversammlung ein starker Strang fehlt, an dem alle Sorben gemeinsam ziehen (oder sich ziehen lassen) könnten. Ich befürchte, dass uns die geistige und politische Erneuerung in den kommenden Monaten und Jahren nicht gelingen wird. Auf dem außerordentlichen Kongress der Domowina am 17. März in Wetro, wo auch ich in den neuen Bundesvorstand gewählt wurde (mit 236 von 454 gültigen Stimmen), zeigte sich jedenfalls kein großer Geist zur Überwindung der sehr vielfältigen »innersorbischen« Interessen. Der neue Vorsitzende Bjarnat Cyž kann dies nicht sein, denn er ist ein Vertreter der »alten Garde«. Den evangelischen Pfarrer Jan Malink hat die Mehrheit der Delegierten abgelehnt, was ich für eine fatale Entscheidung halte.
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M. ist ziemlich wütend, weil ich die Bitte um Aufnahme in die SPD gestellt habe – und das ohne Absprache mit ihr. »Niemals in eine Partei!«, lautete stets ihr Appell (schon in der alten DDR). Als ich ihr gestern Abend meinen endgültigen Entschluss mitteilte, den ich immer wieder aufgeschoben hatte, meinte sie nur: »Ich bezweifle, dass du damit glücklich wirst.«
Irgendwo hat sie recht, dachte ich. Doch bedauern will ich meinen Entschluss nicht, weil ich spüre, dass ich damit etwas bewirken kann, für uns Sorben und für die Lausitz. Natürlich wäre es für meine persönliche »Karriere«, gleich ob am Theater oder vielleicht sogar in der Politik, besser, wenn ich mich an die CDU gehalten hätte. Die Partei von Helmut Kohl, die weiterhin »blühende Landschaften« verspricht, beherrscht unterdessen »atmosphärisch« fast gänzlich meine nähere Heimat, vor allem die sorbisch-katholischen Gebiete und das Oberland.
Der evangelische Diakon Christian Schramm, mit dessen Hilfe ich vor der Wende mehrere sorbisch-deutsche Jugendprojekte mit Literatur und Musik im Theater auf die Beine gestellt habe, hat sich inzwischen den Christdemokraten angeschlossen. Er kandidiert am nächsten Sonntag für das Amt des Bautzener Oberbürgermeisters. Meinem guten Bekannten aus alten Zeiten sagte ich neulich: »In die CDU hätte ich nie gehen können.« Dann erläuterte ich ihm, warum nicht: Diese Partei hat M. und mir in keiner Weise den Rücken gestärkt, als wir 1987 die Jugendweihe für unseren Sohn abgelehnt und beim Bezirksvorstand der CDU in Dresden um moralische Unterstützung gebeten haben.
Christian Schramm hegt große Hoffnung, dass sich die CDU personell erneuert, woran ich eher zweifle, weil ich täglich sehe, wie oberflächlich viele Christdemokraten mit ihrer Vergangenheit in der DDR umgehen. Viele tun so, als wären an der früheren Diktatur lediglich die SED und die Stasi schuld.
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Nach der Messe in der Sorbischen Kirche wandte sich Jurij Rjenč an mich. Der fast achtzigjährige ehemalige Rechtsanwalt bot mir »brisante« Berichte und Protokolle an, die er dann am Nachmittag in den Gesundbrunnen brachte – mit dem Fahrrad.
Nach einem Kaffee, den ich mit ihm und M. trank, vertiefte ich mich in das Material. Ich las unter anderem, dass Rjenč im Auftrag des Wendischen Nationalrates am 2. April 1946 mit Josip Broz Tito in Belgrad wegen der territorialen (das heißt staatlichen) Autonomie der Lausitz verhandelt hatte, worum sich der Nationalrat bemühte, wobei er den Marschall um Solidarität mit uns Sorben bat. Obgleich die Audienz wohl nicht sehr viel bewirkte, hatte sie dennoch Folgen. So wurden mehr als vierzig sorbische Wehrmachtsangehörige vorzeitig aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, darunter auch mein Vater. Allein für diese Aktion verdienen Jurij Rjenč und weitere Sorben Respekt und Anerkennung.Diesumsomehr,weilsievonsowjetischenundostdeutschenStalinisten wegen dieser und ähnlicher Verbindungen in den Fünfzigerjahren erbittert verfolgt wurden. Rjenč wurde sogar zum Tode verurteilt.
Über diese Vorgänge müssen wir heute offen reden und schreiben. Dabei sollten wir uns bewusst machen, dass nach den bitteren Erfahrungen mit dem hitlerschen Ungeist und dem Rassismus das Vertrauen vieler Sorben zum deutschen Volk gelitten hat. Deshalb war und ist es begreiflich, dass sich die »sorbische Elite« der Nachkriegszeit zum Teil von ihren (deutschen) Nachbarn zu distanzieren versuchte.
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Peter Adler, der Vorsitzende der Sozialdemokraten im Bezirk Dresden, und mehrere Genossen in Bautzen und in unserer Partnerstadt Heidelberg reden mir zu, für den Landtag zu kandidieren. Ich selber aber zweifle daran, dass es richtig wäre, meine neue Tätigkeit als Leiter des sorbischen Ensembles am Deutsch-Sorbischen Volkstheater gerade jetzt aufzugeben, da mit der neuen (amtierenden) Intendantin Cosima Stracke-Nawka ein frischer Wind, eine größere Offenheit und Freundlichkeit im Theater eingezogen sind. – Und was wird mit der Familie? Soll ich sie mehr und mehr vernachlässigen? – Und was wird mit dem Schreiben? – Dem Aufbau-Verlag habe ich mitgeteilt, dass ich an neuen Gedichten arbeite, in diesem Jahr aber kein druckreifes Manuskript abgeben werde. Das schaffe ich einfach nicht.
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Momentan fühle ich mich recht gefordert, auch erschöpft. M. meint, wir sollten uns irgendwo erholen (mit den beiden Jungs), bevor ich mich ganz in die »große Politik« einspannen lasse.
Außer dem deutschen drängt mich nun auch der sorbische Verlag »zur Tat«. Mein Gott, ich kann mich ja nicht zerreißen! Erneut frage ich mich, ob ich auf dem richtigen Weg (meines Lebens) bin. Oder bin ich wieder auf einen Umweg eingebogen? – Egal, zurück kann und will ich nicht.
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Als Junge war ich mit meinem Vater und meinem älteren Bruder Alojs oft draußen auf dem Feld. Und Vater sollte uns dabei immer etwas erzählen, was er selbst erlebt (oder sich ausgedacht) hatte. Gern hörte ich von seinen Erlebnissen aus dem Krieg in Frankreich, Griechenland oder Jugoslawien. Häufig hieß es: »Ich habe Glück gehabt, dass ich gesund und munter aus dem Krieg heimgekehrt bin!« Einmal sagte Vater, er sei aus der Gefangenschaft in Zagreb eher entlassen worden als die anderen. Eines Tages kam ein jugoslawischer Offizier in die Stube und fragte, ob unter den Gefangenen ein Lausitzer Sorbe wäre. Vater meldete sich, weil er dachte, er sollte beim Übersetzen helfen. Und wunderte sich sehr, als er schließlich erfuhr, dass er unmittelbar die Heimreise antreten sollte. Seine Entlassung hatte der Rechtsanwalt Rjenč bei Tito persönlich ausgehandelt.
aus einem Beitrag unter der Überschrift »Dodawk« (Nachtrag), veröffentlicht am 18.7.1990 in der »Nowa doba«
Zuerst wollte ich mit M. und Sohn Kajetan nach Tschechien flüchten. Aber auf unserem Balkon hoch über Bautzen lässt es sich auch gut ausruhen, schließlich stören uns hier keine Jagdflieger mehr, die in früheren Jahren gerade im Sommer über unseren Köpfen unerbittlich donnerten und dröhnten (was sogar aus einigen meiner Gedichte herauszuhören ist). Auf dem Balkon sitzt man vor allem abends gemütlich, unterhält sich und schreibt auch Gedichte, während über der neuen und alten Stadt die Dämmerung herniedersinkt.
Das Telefon fasse ich kaum an, schon den fünften Tag nicht. Ich gehe einfach nicht in die Stadt, sondern nur manchmal einkaufen oder etwas besorgen. Oder ich laufe mit M. und Kajetan zum Stausee, zum FFK-Strand, zur Badestelle für Freikörperkultur, wo wir inzwischen fast zwei Jahrzehnte Stammgäste sind (»FKK hinter B.«). Sohn Marko geht nicht mehr mit uns dorthin, er sucht sich mit seinen Freunden eigene Wege.
Ja, die ruhigen Tage zu Hause bekommen mir so richtig gut. In entspannter Umgebung »küssen mich die Musen« wieder (welch ein Klischee, diese Wendung!). Mehrere Gedichte liegen in Entwürfen vor, darunter dieses (vielleicht schon druckreife):
Sommers 90
Im Safe Allerliebste sitzt der Schatz
Knacke ihn golddurstig wie du bist
Deine zarten Hände sollen räubern
Das Licht das Lied müssen raus
Aus dem geheimen Verschluss die
Verborgenen Werte auffliegen mit
Den Worten: Du kannst mich mal
Wieder sonntäglich sehen
Auch an einem Stück Prosa arbeite ich, in dem die »Poezija komorki« (Poesie der Kammer) – so der Titel, in Anlehnung an Jurij Chěžkas »Poezija małej komorki« – sich in ein »neues Gefängnis« und damit in einen schweren Traum verwandelt.
Tagebuch
Bezirksparteitag der Sozialdemokraten im Bautzener Haus der Sorben. Ich wurde mit in den Vorstand gewählt. Jetzt bin ich schon ein etwas größerer »Parteibonze«, aber noch kein großer, was ich auch niemals werde, dazu bin ich nicht geboren.
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In den vergangenen Tagen habe ich das »Memorandum« der Domowina, der Sorbischen Volksversammlung und weiterer sorbischer Verbände (auch kirchlicher) mehreren Bundes- und Landespolitikern der SPD übermittelt. Darin bitten wir Sorben um eine Verankerung der besonderen Rechte autochthoner Volksgruppen Deutschlands im Grundgesetz.
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Die Ereignisse überschlagen sich, unterdessen wurde ich zum Spitzenkandidaten der SPD in Bautzen und Umgebung für die Landtagswahl am 14. Oktober gewählt. Mein Leben nimmt eine neue Kurve.
Könntest du am Montag, dem 8. Oktober, im Bautzener Theater auftreten und alte und neue »Sekundenprosa« lesen. Hilf mir bitte im Wahlkampf um Stimmen gegen die CDU (wobei ich kein Fanatiker der SPD bin!). Ich habe jetzt sehr viel zu tun.
aus einem Brief an Wolfgang Ebert, Kolumnist und Schriftsteller in München
Der Einigungsvertrag ist unter Dach und Fach. Uns Sorben freilich haben die Regierungen von BRD und DDR mehr oder weniger vergessen. Bjarnat Cyž hat sich im Namen der Domowina mit einem Protest und über »seine Kanäle« mit aller Kraft noch um eine Verbesserung dieser wichtigen Vereinbarung bemüht. Das ist lobenswert. Ich unterstütze ihn mit meinen Möglichkeiten und Kontakten.
So habe ich den Volkskammerabgeordneten der SPD Dr. Karl-Heinz Kunckel in dieser Sache dringend um Hilfe gebeten. Leider haben die Sozialdemokraten am 20. August die (letzte) DDR-Regierung verlassen und damit ihren Einfluss in Berlin und bei den Verhandlungen in Bonn geschwächt.
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Die Sorben haben ihre Freiheit, aber keine gesicherte Aussicht auf Gleichberechtigung. Es scheint, als ob der Vertreter unserer Regierung in Bonn nicht im Interesse der Sorben und auch nicht nach den Grundsätzen internationaler Vereinbarungen gehandelt hätte. Oder kennt der Minister und Jurist Günther Krause die allgemein gültigen Prinzipien im Umgang mit nationalen und anderen Minderheiten nicht?
aus einem Kommentar unter der Überschrift »Přesłapjacy wuslědk« (Enttäuschendes Ergebnis) in der »Nowa doba«
Der Einigungsvertrag ist unterzeichnet. Quasi in letzter Sekunde ist es gelungen, in einer Protokollnotiz zu Artikel 35 das uneingeschränkte Recht zur Pflege der sorbischen Sprache zu verankern. Besonders freut mich, dass die »Bewahrung und Fortentwicklung der sorbischen Kultur und der sorbischen Traditionen gewährleistet« ist. Die Aussage bedeutet in dem Zusammenhang, dass wir außer dem Schutz auch das Recht auf finanzielle Förderung unserer künstlerischen und wissenschaftlichen Institutionen haben – und hoffentlich auch der Bildungseinrichtungen. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob der entsprechende Abschnitt in den Anmerkungen zu Artikel 35 die sorbischen Schulen einschließt. Ich fürchte, das tut er nicht, denn Bildung wird künftig in der Verantwortung Brandenburgs und Sachsens liegen.
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Die Entscheidung ist gefallen: Am letzten Sonnabend hat in Görlitz ein Sonderparteitag der Sozialdemokraten meine Kandidatur für den Sächsischen Landtag bestätigt. Und das mit einem aussichtsreichen Platz auf der Landesliste. Geistig und seelisch bereite ich mich allmählich auf die »große« Politik vor, obgleich ich die begonnenen Aufgaben im Theater noch gut erfüllen will, insbesondere die Regie des Jugendstücks »Vineta« aus der Feder von Angela Stachowa.
Auf dem Parteitag am Wochenende wurde Anke Fuchs als Kandidatin für das Amt der sächsischen Ministerpräsidentin nominiert. Es ist mir gelungen, die Kandidatin vor etwa drei Wochen in die Lausitz einzuladen. Heute am späten Nachmittag und Abend hat sie uns besucht. In Radibor vor der Schule haben wir auf sie und ihren Konvoi erst einmal über eine halbe Stunde gewartet. Unter den Wartenden waren der Gemeindepfarrer Clemens Hrjehor, der Vorsitzende der Domowina-Gruppe Jan Pawlik und der Vorsitzende des Dachverbandes Bjarnat Cyž. Alle drei haben mich bei den Vorbereitungen des Besuchs der führenden Politikerin und Bundesgeschäftsführerin der SPD im Heimatdorf von Dr. Marja Grólmusec und Alojs Andricki unterstützt. Leider hatte sich nur ein Häuflein Einwohner eingefunden. Es ist abzusehen, dass die SPD bei den Landtagswahlen in Radibor kaum zwanzig Prozent der Stimmen erreichen wird.
Jan Pawlik, der dem Gemeinderat vorsteht, begrüßte die Gäste, wobei er auf die lebendige Zweisprachigkeit in Dorf und Gemeinde verwies. Der Vorsitzende der sächsischen Sozialdemokraten Michael Lersow bemerkte in seiner Begrüßung, dass »die Sorben sich schon seit Jahrhunderten nach Freiheit für ihre bedrohte Sprache und Kultur sehnen«. Die Worte von Jan Pawlik und dem Vorsitzenden der sächsischen SPD, dem ich »etwas« zugearbeitet hatte, klangen gut. Anke Fuchs war gerührt, wie ich an ihrem nachdenklichen Gesicht ablesen konnte. So fiel es mir nicht schwer, meine Gedenkworte mit den Ansprüchen an die Gegenwart zu verbinden:
»Erlauben Sie mir, drei Prinzipien hervorzuheben, die das Denken und die Philosophie der heutigen SPD bestimmen. Ich zitiere aus dem Programm, das voriges Jahr am 20. Dezember in Berlin beschlossen wurde: ›In der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands arbeiten Menschen verschiedener Grundüberzeugungen und Glaubenshaltungen zusammen ... Freiheit ist für uns die Freiheit eines jeden, auch und gerade des Andersdenkenden ... Alle Menschen haben ein Recht auf ihre Heimat, ihr Volkstum, ihre Sprache und Kultur. Ein Volksgruppenrecht, das im Einklang mit den Menschenrechten der Vereinten Nationen steht, ist unentbehrlich.‹ – Ich bin überzeugt, dass die genannten und weitere Prinzipien dem Vermächtnis von Marja Grólmusec und Alojs Andricki entsprechen. Und sie vertragen sich mit keiner Diktatur, weder einer braunen noch einer roten, wie wir sie auch bei den Sorben gänzlich überwinden wollen. Diese teilweise bitteren Erfahrungen der Vergangenheit und unsere heutigen Erwartungen an die Demokratie haben mich dazu bewogen, auf der Liste der SPD für das sächsische Parlament zu kandidieren.«
Nach einigen kurzen Gesprächen mit Radiborern entschwand ich unter dem Druck des nächsten Termins mit Anke Fuchs und ihren Begleitern schnell nach Bautzen. Im »Wjelbik« erwarteten uns über fünfzig Interessenten zu einem Wahlforum, bei dem mehrere Sorben das Wort ergriffen. Unter den Diskutanten über die Erwartungen an die künftige sächsische Politik war Dompfarrer Dr. Rudolf Kilank, der mir zuvor wiederholt zugeredet hatte, in die Politik zu gehen, falls sich die Chance dazu ergäbe. Kilank ist ebenso wie mir bewusst, dass »alle Gleise« für die Zukunft der Sorben in Dresden, Potsdam und Bonn gelegt werden.
Nach dem Forum fragte mich Anke Fuchs, eine geborene Hamburgerin, bei einem Glas Wein vertraulich und unwillkürlich: »Wie siehst du das, habt ihr Sorben wirklich eine Überlebenschance?« Meine Antwort: »Ja, weil viele von uns Sorben sein wollen.« Eine zweite Frage: »Wie siehst du das, wäre es wirklich ein Verlust, wenn es in Europa plötzlich so ein kleines Volk nicht mehr gäbe?« Meine Antwort: »Es wäre für mich persönlich ein Verlust, wenn es so ein kleines Volk, wie wir es sind, nicht mehr gäbe. Und es wäre ein Verlust für Europa, weil mit dem Verschwinden einer jeden Sprache die kulturelle Vielfalt verliert und kulturelle Gleichmacherei zunimmt.«
Mein Eindruck nach der Begegnung mit Anke Fuchs ist, dass wir versuchen müssen, aktiv und überzeugend für unsere Besonderheiten und unsere Rechte zu kämpfen. Gerade Politikerinnen und Politiker aus dem Westen benötigen Vermittler, die ihnen bewusst machen, dass auch kleine Völker, wie wir Sorben eines sind, ihre »Ambitionen« haben. Ich denke, in diesem Sinne war der Besuch der Politikerin bei uns sinnvoll und nützlich.
Tagebuch
Die letzten drei Tage mit Klaus Staeck auf der Straße unterwegs in Bautzen. Der bekannte Grafiker unterstützt mich großzügig im Wahlkampf, wozu ihn mein oft in Bautzen verweilender Heidelberger Genosse Helmut Schwalm »aufgehetzt« hat.
Vorgestern habe ich im Foyer des Theaters eine Schau von Staecks Plakaten mit eröffnet, die provozieren und zum Nachdenken anregen, auch über die Mängel der Demokratie im freien und in einigen Tagen vereinigten Deutschland. In Bautzen aber besteht wenig Interesse für solche »linke« politische Kunst! Nur eine Handvoll Interessenten war zur Eröffnung gekommen.
Ich selbst bin von Staecks Plakaten begeistert. Überhaupt bewundere ich den Horizont, die Kühnheit und Unbestechlichkeit des Künstlers. Obwohl er in der SPD ist (und damit natürlich parteiisch), scheut er nicht davor zurück, seine Partei und deren Führer zu kritisieren. Nach Eröffnung der Ausstellung sagte er mir, dass er als Künstler stets unabhängig von diesen oder jenen Gönnern und von der öffentlichen Hand war und sein wollte. Dies ermöglichte ihm, frei zu schaffen und den Mund zu öffnen, sich einzumischen, sogar mit Nachdruck.
Gestern Nachmittag unter dem Reichenturm überraschte es auch meinen Heidelberger Gast nicht wenig, dass viele Bautzener kühl reagierten, wenn wir sie ansprachen und ihnen Werbematerial der SPD und Postkarten mit Staecks deutlichen und ungewöhnlichen Karikaturen anboten. Unser Angebot (auch zu einem Gespräch) lehnten einige sogar ausdrücklich ab. Etwa mit den Worten: »Kommunisten und Sozialisten wählen wir nicht!« Oder: »Wir wollen keine Roten mehr!« Oder: »Die SPD ist wie die SED!« Oder: »Die SPD ist gegen die Einheit Deutschlands!« Oder: »Kohl ist unser Kanzler!«
Mehrere Passanten aber blieben stehen und suchten ein vernünftiges Gespräch, sie äußerten ihre Sorgen und Erwartungen an die SPD (und überhaupt an die Politik). Immer wieder hörten wir, dass viele Leute besorgt sind, zum Beispiel wegen drohender Arbeitslosigkeit. Bei einem Forum am Sonnabend im Bautzener Kinder- und Jugendzentrum an der Wallstraße (ehemals das »Haus der Pioniere«) erhob sich ein älterer Herr und erklärte: »Ich befürchte, dass wir im vereinigten Deutschland Bürger zweiter Klasse sein werden.« Ehe ich dazu kam, dem Mann zu antworten, warf Klaus Staeck mit einem herben Lächeln in den Raum: »Ich kann Sie trösten: Sie werden keine Bürger zweiter Klasse, Sie werden Bürger dritter Klasse sein.«
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Die Inszenierung des Stücks »Vineta« verspricht ein Erfolg zu werden. Zumindest bei der Uraufführung vorgestern Abend herrschte eine beständige Spannung unter den jungen Zuschauern. Und am Schluss der Vorstellung habe ich entspannte Gesichter gesehen und etliche Komplimente gehört.
Der lang anhaltende Beifall und die Anerkennung galten vornehmlich den beiden Darstellern des Jugendtheaters am Deutsch-Sorbischen Volkstheater Betina Bulankec und unserem Sohn Marko. Beide verkörpern ein junges Paar, die unbeschwerte Liebe zwischen einem Mädchen und einem Jungen in einem Lausitzer Dorf, das wegen der Kohle abgerissen werden soll.
Für mich endet mit dieser Inszenierung wohl die neue Ausrichtung auf die Regie. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mich auf diesem Gebiet weiter vervollkommnen werde, falls man mich, wie es langsam möglich erscheint, in den Sächsischen Landtag wählt. Auch vom Sorbischen Kinder- und Jugendtheater, das ich in den letzten Jahren zu einem agilen Nachwuchsensemble zu entwickeln versucht habe, werde ich mich verabschieden müssen.
Es geht mir ziemlich an die Nieren, dass ich womöglich bald mir gewogene Leute (auch hinter der Theaterbühne) verlassen und mich (erneut) weitreichenden Veränderungen im beruflichen und privaten Leben stellen muss. Dieser Schritt ist mit großen Risiken verbunden, dessen bin ich mir bewusst, doch ich bin voller Zuversicht, schließlich habe ich mich schon öfter im Leben wohl oder übel neuen Herausforderungen stellen und Risiken auf mich nehmen müssen.
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Vor fast einem Jahr haben wir daheim vor dem Fernseher euphorisch mitgefeiert, als die Berliner Mauer fiel. Und viel telefoniert, in alle Himmelsrichtungen. Letzte Nacht haben wir eher nüchtern den Jubel und Trubel, das Pathos der Wiedervereinigung in Berlin beobachtet (wieder daheim, wieder vor dem Fernseher). Und kein Telefongespräch geführt.
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Der Nerven und Kräfte raubende Kampf um die Wähler ist vorüber. Jetzt gegen Abend kann ich aufatmen. Morgen entscheidet sich, ob ich in den Sächsischen Landtag gewählt werde, was ich hoffe. Ich stehe an der aussichtsreichen 16. Stelle auf der Landesliste der SPD. Trotzdem bin ich mir nicht sicher, ob die Partei genügend Stimmen erhält, dass es für mich reicht. Ich weiß nur, dass die CDU mit Marko Šiman das Direktmandat in »meinem« Wahlkreis gewinnen wird. Die Oberlausitzer, gerade auch die Sorben, kaufen Kurt Biedenkopf und der CDU alle Versprechungen und Versicherungen ab. Die SPD aber ist für viele so »rot« wie die SED. Etliche meinen auch, die Sozialdemokraten treten nicht für das vereinigte Deutschland ein. Im Wahlkampf habe ich erfahren, dass besonders junge und jüngere Einwohner meines Wahlkreises so gut wie nichts über die Sozialdemokratie wissen. Vielen Lausitzern ist die SPD schlicht egal, weil mit der CDU scheinbar lauter materielle Wohltaten der Marktwirtschaft winken, gewissermaßen »ein gesamtdeutsches Paradies auf Erden«.
Bei allen solchen und anderen Erfahrungen, Zweifeln und Bedenken bin ich mit dem zurückliegenden Wahlkampf zufrieden, schließlich habe ich viel über die Sorgen der Menschen gehört, vor allem auf dem Lande. Viele belastet die Angst um den Arbeitsplatz, ihr Grundstück, ihren Hof. Woanders fürchtet man, dass demnächst die ganze Kohleindustrie aus der Lausitz abwandert, die Männer in die Arbeitslosigkeit »fallen« und die Jugend in den Westen geht. Diese Angst wühlt mich auf – und führt mich gleichzeitig zu einer neuen Erkenntnis: Es genügt nicht, dass wir die Erhaltung aller von der Kohle bedrohten Lausitzer Dörfer fordern, nein, wir müssen auch eine Erneuerung der Wirtschaft, die Entwicklung neuer Zweige der Wertschöpfung verlangen. Insbesondere das Handwerk müssen wir (gemeinsam mit der Politik) beleben und fördern helfen. Gerade unter den Sorben haben Handwerks- und Familienbetriebe eine Tradition – und damit eine Zukunft.
Ich bin sehr dankbar, dass ich so viel Hilfe und Solidarität im Wahlkampf bekommen habe, auch und besonders in meiner Familie, von M. und unserem fünfzehnjährigen Sohn Marko, der mit anderen Bautzener Jugendlichen oft abends und nachts für mich und die SPD Plakate geklebt hat.
Ungewöhnliche Unterstützung habe ich auch in den Vorwahldebatten erlebt: So veröffentlichte eine überparteiliche Initiative aus Heidelberg in der gestrigen »Sächsischen Zeitung« eine Anzeige, in der sie mich zu wählen empfahl, weil ich mich »schon vor der Wende kritisch mit der Energie-, Umwelt- und Kulturpolitik auseinandergesetzt« und mich »für eine offene und demokratische Gesellschaft eingesetzt« habe. Die Anzeige ermutigt mich, weil die Heidelberger Genossen sie ohne meine Hilfe formuliert haben und angesehene, verdiente Persönlichkeiten aus Kultur, Wissenschaft und öffentlichem Leben der Partnerstadt am Neckar sie finanzierten. Mit einigen von ihnen stehe ich schon seit Ende letzten Jahres in Verbindung, etwa mit dem Bundestagsabgeordneten Professor Hartmut Soell. Andere, so den Stadtrat Lothar Binding und den Direktor des Deutsch-Amerikanischen Instituts Dr. Jakob Köllhofer, habe ich Anfang August näher kennengelernt, als M. und ich mit den Bautzener Sozialdemokraten das schöne Heidelberg und dessen Umgebung besuchten.
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Mein Gott, vor einem Jahr habe ich noch unter großen Gefahren dabei geholfen, die Wege zur Demokratie zu ebnen. Seit gestern bin ich nun selbst einer von 160 Abgeordneten des frei gewählten Landtages und damit der Volksvertretung in Sachsen. In die Räume der Dreikönigskirche an der Dresdener Hauptstraße sind mit mir gestern vier weitere Sorben eingezogen: Dr. Gabriele Wirth aus Bischofswerda, Ludwik Nowak aus Crostwitz, Marko Šiman aus Bautzen und Sieghard Kozel aus Wartha.
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