Leben mit dem Wolf - Roland Norer - E-Book

Leben mit dem Wolf E-Book

Roland Norer

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Beschreibung

Die Rückkehr des Wolfs in die moderne Kulturlandschaft wirft viele strittige Fragen zwischen Arten- und Naturschutz, Weide und Forstwirtschaft, Jagd und öffentlicher Sicherheit auf. Inmitten des Dickichts immer neuer Regelungen versucht der Jurist Roland Norer, pragmatische Lösungen für ein Wolfsmanagement in Europa aufzuzeigen.

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Seitenzahl: 260

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Roland Norer

Leben mit dem Wolf

Anleitung für ein Wolfsmanagement in Europa

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

© 2026 oekom verlag, Münchenoekom – Gesellschaft für ökologische Kommunikation mbH Goethestraße 28, 80336 München+49 89 544184 – [email protected]

Layout und Satz: oekom verlagKorrektorat: Maike SpechtUmschlagabbildung: © Adobe Stock: AB PhotographyUmschlaggestaltung: Sarah Schneider, oekom verlag

Alle Rechte vorbehaltenISBN: 978‑3‐98726-477-1https://doi.org/10.14512/9783987264771

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Cover

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Hauptteil

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kapitel 1:

Einleitung

Kapitel 2:

Biologie

Kapitel 3:

Rückkehr

Kapitel 4:

Status

Kapitel 5:

Management

Kapitel 6:

Anleitung

Kapitel 7:

Schluss

Allgemeine Literatur

Anmerkungen

Bildnachweis

Über den Autor

Anmerkungen

In einer solchen Perspektive ist die gegenwärtige Ausbreitung von Wölfen auch nicht einfach als Wiederkehr des […] in den meisten europäischen Ländern im 18. und 19. Jahrhundert ausgerotteten Raubtiers zu begreifen. Was als natürlicher Vorgang und Frage der Biologie erscheint, lässt sich nicht trennen von den Bedingungen, unter denen Wölfe wieder ihren Platz finden. Deshalb ist auch das Bild der einfachen Rückkehr etwas verzerrend, kehren sie doch in eine gegenüber der Zeit ihrer Ausrottung völlig veränderte Umwelt zurück, in einen mittlerweile nicht nur industrialisierten, intensiv erschlossenen und viel dichter besiedelten Raum, sondern zugleich auch in einen Raum, in dem es heute trotz der Ausbreitung der vom Menschen beanspruchten Flächen sehr viel mehr Wald und ein Vielfaches an Wildtieren gibt als zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Definieren sich Tier und Mensch erst in ihren Beziehungen zueinander, so könnte man sogar sagen, dass der Wolf des 21. Jahrhunderts ein anderes Tier ist – grundsätzlich vielleicht nicht weniger historisch als die Menschen mit ihren gleichfalls umweltbedingt veränderten Lebensweisen und Denkstilen.Frank / Heinzer / Tschofen, Wolfsbeziehungen. Eine Spurensuche, S. 21

Vorwort

Seit der Rückkehr der Wölfe in praktisch alle Teile Europas ist eine Unzahl an Publikationen über den Canis lupus erschienen, vornehmlich biologischer Natur. Dass der Wolf mittlerweile auch zum juristischen Superstar aufgestiegen ist, ist dagegen weitgehend unbekannt. Keinem anderen Tier wurden und werden wohl so viele Rechtsnormen, Behördenakte, Gerichtsentscheide und Rechtsgutachten gewidmet. Als Jurist hat mich das europäische »ius lupi« schnell fasziniert, gerade in seinem Zusammenspiel von internationalem (Berner Konvention), supranationalem (EU‐Fauna‐Flora‐Habitat‐Richtlinie) und nationalem Recht (sowohl EU‑Mitgliedstaaten als auch Nicht‐EU‐Mitgliedstaaten).

Diesem überaus komplexen und von vielfältigen Interessenkonflikten geprägten Rechtsbereich habe ich 2024 mit Wolfsmanagement im Alpenraum. Rechtsfragen zwischen Artenschutz und Weidehaltung, NWV‐Verlag Österreich/Nomos/DIKE ein umfangreiches Fachbuch gewidmet. Mir ging es dabei vor allem darum, faktenbasierte Entscheidungsgrundlagen zu liefern und managementbasierte Handlungsoptionen aufzuzeigen. Da in der Wolfsdebatte aber naturgemäß Rechtsfragen weitgehend vernachlässigt werden, konnten damit kaum weitere Kreise angesprochen werden. Überdies ist auch die Rechtsentwicklung mittlerweile darüber hinweggegangen, insbesondere durch die Absenkung des Schutzstatus. Das bietet nunmehr die Gelegenheit, sich mit diesem aktuellen Sachbuch an alle Interessierten zu wenden. Angesichts der dynamischen Rechtsänderungen, die derzeit in den meisten Ländern vollzogen werden, versucht das Buch vornehmlich davon unberührte Grundsätze und Handlungsoptionen aufzuzeigen, während bei den Beispielen auf den Rechtsstand vom 31. Dezember 2025 abgestellt wird.

Mein großer Dank gebührt daher dem oekom verlag, dass er mir nun die Gelegenheit bietet, eine aktualisierte Darstellung in Form einer konzentrierten Anleitung für ein Wolfsmanagement in Europa vorzulegen. Auch wenn die Brille des Juristen allzu oft durchscheinen mag, das Ziel ist auch hier, faktenbasiertes Wissen um die komplexen Zusammenhänge von Arten‐ und Naturschutz, Weide‐ und Forstwirtschaft, Jagd und öffentlicher Sicherheit aufzuzeigen und mittels Analyse verschiedener in Europa bereits praktizierter und möglicher künftiger Optionen pragmatische Lösungen aufzuzeigen.

Luzern, im Dezember 2025Roland Norer

Kapitel 1Einleitung

»Un tempo da lupi«, sagt man im Italienischen, wenn man nebeliges, nasses Wetter meint, das man im Deutschen gemeinhin eher den Hunden oder Sauen zuordnen würde. Dieses Wetter ist aber nach jahrhundertealter Erfahrung der Hirten jenes, wo die Wölfe die Viehherden angreifen, und es gilt, besonders wachsam zu sein. »Die Zeit der Wölfe« ist aber auch seit den 1990er‐Jahren im Sinne der Rückkehr dieser Großraubtiere in weite Teile Europas zu verstehen. Ausgehend von den verbliebenen Restpopulationen und befeuert durch deren enorme Anpassungsfähigkeit und Wanderfreudigkeit, die radikal verbesserten Lebensbedingungen sowie nicht zuletzt die Erfolge eines strengen Artenschutzes, schreibt der Wolf seitdem seine eigene Erfolgsstory.

Handlungsmacht

Die Kulturtheorie schreibt den Wölfen Handlungsmacht zu, welche die Reaktionen und Konflikte erklären soll. So zeigten die Diskussionen, wie sehr Wölfe in der Lage sind, die scheinbar festgefügten Grenzen der europäischen Moderne zu unterlaufen und damit lange bestehende Selbstverständlichkeiten etwa der Jagd oder des Artenschutzes infrage zu stellen.1 Auch ihre Fähigkeit mehr oder weniger unbemerkt große Distanzen zu überwinden, Grenzen zu negieren und sich an veränderte Umweltbedingungen anzupassen, arbeite dieser Irritation zu und mache zugleich einen wesentlichen Teil der Emotionen – ablehnender wie bewundernder – in den öffentlichen Debatten aus.

Aufbau

Insofern ist es nach diesem Kapitel 1 (»Einleitung«) unumgänglich in Kapitel 2 (»Biologie«) die wichtigsten biologischen Daten zu Wölfen zu rekapitulieren. Für genauere Details kann getrost auf das weite Feld der wildtierbiologischen Fachliteratur verwiesen werden. Denn Eigenschaften wie Rudelbildung und Sozialverhalten, Transition und Prädation machen ihn offenbar zu einem in jeder Hinsicht lohnenden Forschungsobjekt.

Kapitel 3 (»Rückkehr«) ist dann dem gut dreißigjährigen Prozess der Wiederausbreitung gewidmet. Diese erfolgte in eine völlig andere Welt als zum Zeitpunkt der Ausrottung. Die Konfrontation von Wölfen mit einer intensiv genutzten Kulturlandschaft, dicht besiedelten Lebensräumen und damit verbundenen Flächenkonkurrenzen musste zwangsläufig zu Konflikten führen. Ermöglicht und begleitet wurde und wird diese Rückkehr durch den Aufbau internationaler, supranationaler und nationaler Rechtsregime und Institutionen.

Das führt zwangsläufig zur Frage nach dem Schutzstatus von Wölfen im aktuellen Recht. Kapitel 4 (»Status«) befasst sich mit der 2025 erfolgten Absenkung des Schutzes sowohl in der Berner Konvention als auch in der Fauna‐Flora‐Habitat‐Richtlinie der EU sowie ausgewählten nationalen Regelungen. Umfang und Ausgestaltung des aktuellen Schutzstatus sind derzeit Gegenstand lebhafter Diskussionen.

Der Hauptteil ist, wie es der Buchtitel verspricht, mit Kapitel 5 (»Management«) und Kapitel 6 (»Anleitung«) den Handlungsoptionen für ein pragmatisches Wolfsmanagement gewidmet. Pro und kontra Regulierung und Hindernisse auf dem Weg dorthin werden ebenso benannt wie die zur Verfügung stehenden Mittel und deren komplexes Zusammenspiel. Kapitel 7 (»Schluss«) versucht die einzelnen Elemente zusammenzuführen, deren Kosten zu beleuchten und endet mit einem hoffnungsvollen Ausblick.

Ziel

Diese Anleitung für ein Wolfsmanagement in Europa, dessen Notwendigkeit außer Frage steht, soll dazu beitragen, dass eine Integration in die moderne Kulturlandschaft gelingen kann. Denn die Zeit der Wölfe sollte auch eine Zeit von Biodiversität und Artenschutz, gesunder Alm‑, Deich‐ und Weidewirtschaft, nachhaltiger Forstwirtschaft und Jagd sowie Leben und Erholung in den ländlichen Räumen sein. »Un tempo per tutti« sozusagen.

Kapitel 2Biologie

In der Wildtierbiologie sind Wölfe sehr gut erforscht und dokumentiert. Zahlreiche Fachbücher vermitteln biologisch Interessierten vertiefte Einblicke in das Leben der Wölfe. Vielleicht mag es deshalb überraschen, wenn Wildtierbiologe Klaus Hackländer davon spricht, dass Wölfe für die naturkundliche Betrachtung eine eher langweilige Art seien.2 Sie pflegten keine spannenden Interaktionen mit anderen Tieren, hätten keine speziellen Ansprüche in der Ernährung und seien ausgeprägte Opportunisten. Wie dem auch sei, an der Biologie des Wolfs kann auch dieses Buch nicht vorbeigehen, ergeben sich doch aus den typischen Verhaltensweisen Ansätze für effiziente Regulierungen, die nur noch komplexer werden, wenn das besondere Verhältnis Mensch‐Wolf ins Spiel kommt.

In diesem Sinne widmet sich dieser Abschnitt vielen Daten, Lebensräumen, der Rolle des Wolfs im Ökosystem sowie der zumeist belasteten Mensch‐Wolf‐Beziehung.

Daten

Grundsätzlich werden beim Wolf (Canis lupus) Rudel, Wolfspaare sowie residente (standorttreue) und transiente (nicht standorttreue) Einzelwölfe unterschieden.3 Als Rudel gilt eine soziale und letztlich reproduzierende Einheit, die gemeinsam Nahrung beschafft und ein Revier markiert. Als Wolfspaar gelten ein weiblicher und ein männlicher Wolf, die seit mindestens drei Monaten oder mehr gemeinsam ihr Streifgebiet markieren, gemeinsam jagen und umherziehen und noch keine Nachkommen haben. Als residenter Einzelwolf gilt ein einzelner Wolf, der seit sechs Monaten oder mehr in einem Gebiet lebt, während ein transienter Einzelwolf weniger als sechs Monate in einem Gebiet lebt, nicht standorttreu ist und keine soziale Bindung an residente Wölfe eingeht.

Den europäischen Wölfen werden etwa neun Subpopulationen zugeordnet: Karpaten, Zentraleuropa, Balkan (Dinarisches Gebirge), Italien (Apennin), Spanien, Alpen, Baltikum, Karelien und Skandinavien. Doch diese Unterpopulationen verschmelzen gerade und werden sich langfristig auflösen.4 Manche sprechen mittlerweile von einer einzigen großen Metapopulation auf dem europäischen Festland.5

Kennzahlen

Wölfe erreichen in Mitteleuropa ca. 30 Kilogramm, die Lebenserwartung beträgt in freier Natur bis zu zehn Jahre. Paarungszeit ist Januar bis März, nach einer Tragezeit von neun Wochen kommen im April oder Mai in der Regel vier bis sechs Welpen auf die Welt.6 Die Jungtiere beginnen ab drei Wochen das Umfeld des Baus zu erforschen, ab etwa der achten Woche verlassen sie diesen und halten sich während des Sommers auf den sogenannten Rendezvousplätzen auf, bevor sie dann im Spätherbst bereits mit dem Rudel zur Jagd mitziehen und durch das ganze Territorium wandern. Die Zeiten größter Aktivität richten sich in der Regel nach den Beutetieren. Nachdem diese für gewöhnlich dämmerungs‐ bzw. nachtaktiv sind, brechen denn auch die Wölfe bevorzugt in der Abenddämmerung zur Jagd auf und kehren noch in der Nacht zum Lager zurück.

Zuwachsraten

Die aktuelle jährliche Zuwachsrate der europäischen Wolfspopulation beträgt bei exponentiellem Wachstum ca. 30 Prozent, sodass man davon ausgehen kann, dass sich der Wolfsbestand alle drei Jahre verdoppelt.7 So werden für Europa überwiegend ein bis 30 Tiere pro 1.000 Quadratkilometer als häufig beschrieben. Insbesondere in der Wiederbesiedlungsphase können jedoch die Wachstumskurven deutlich steiler ausfallen.

Für gewöhnlich wird davon ausgegangen, dass die Wolfspopulationen nicht exponentiell weiterwachsen, sondern bei einer landschaftsangepassten Populationsgröße eine Sättigung erreichen.8 Demnach reguliert sich die Anzahl der Rudel bei Erreichen der Lebensraumtragfähigkeit durch Konkurrenz, Territorialverhalten und begrenzte Nahrungsressourcen selbst, freilich auf einem in Hinblick auf die soziale Tragfähigkeit hohen Niveau.

Jäger

Das Nahrungsspektrum der flexiblen Fleischfresser reicht von kleinen bis zu ganz großen Beutetieren, kann aber auch Aas und menschliche Nahrungsabfälle umfassen.9 In unseren Breiten sind das meist Rotwild, Rehwild und Schwarzwild, wobei bevorzugt schwächere Individuen selektiert werden. Dabei liegt die Präferenz bei der am leichtesten erreichbaren Beute im Lebensraum, wozu auch Nutztiere wie Schafe, Ziegen, Rinder und Pferde zählen. Größere Beutetiere können vor allem von Rudeln gerissen werden, wobei auch Einzelwölfe lernen können, ausgewachsene Rinder und Pferde zu töten. Je nach Angebot ändert sich die Nahrungszusammensetzung, abhängig von den Gegebenheiten und der Region, insbesondere der Schalenwilddichte. Ein Rudel jagt zusammen mit Hetzjagden, gestellte Tiere werden mit Bissen in die Hinterteile, Flanken und Rücken auf den Boden gezwungen und dann durch Bisse in die Kehle getötet. Dann werden große Fleischstücke herausgerissen, vor allem der hintere Teil und die Innereien. Die Wölfe kehren auch mehrmals zu alter Beute zurück.

Bei Angriffen auf Nutztiere kommt es häufig zu Mehrfachtötungen (»surplus killing«).10 So wurden bei vielen Rassen das Fluchtverhalten durch die Domestikation abgemildert und die Fluchtmöglichkeiten durch Zäunungen eingeschränkt. So drängen sich insbesondere Schafe und Ziegen in Gefahrensituationen im Schutz der Herde, wodurch der Tötungstrieb des Wolfs wiederholt ausgelöst wird und er mehr reißt, als er selbst auf einmal fressen kann. Oft bleiben so lebensgefährlich verletzte und schwer verstörte Nutztiere zurück. Dieses als grundloses, grausames Töten missverstandene Verhalten verstärkt den Konflikt mit der Weidetierhaltung zusätzlich, wobei dieses Verhalten auch von anderen Tieren wie Mardern und Füchsen bekannt ist.

Sozialsystem

Das Sozialsystem der Wölfe ist komplex und von Rudelbildungen bestimmt.11 Die Rudelgröße variiert je nach Sterblichkeits‐ und Abwanderungs­rate und beträgt in Europa durchschnittlich sieben Tiere, wobei bis ca. 20 Tiere möglich sind. Ein Rudel besteht aus zwei Elterntieren und deren Nachkommen, nämlich Welpen aus dem aktuellen und aus vorhergehenden Jahren. Die Abwanderung der Jungwölfe erfolgt ab etwa der zweiten Fortpflanzung der Elterntiere, meist im Alter von zehn Monaten bis zwei Jahren.

Innerhalb eines Rudels herrscht eine strikte Rangordnung. Die beiden Elterntiere führen das Rudel an, die untergeordneten Nachkommen legen die weitere Rangordnung unter sich fest. Meist gehen die größten und aggressivsten Tiere als die dominantesten hervor. Aufgrund des hohen Grades an sozialer Organisation herrscht in einem Rudel Ordnung, wobei die Ränge laufend behauptet und festgelegt werden. Offene Kämpfe innerhalb des Rudels sind selten, wenn, dann um die dominante Position im Rudel.

Abbildung 1 Das Sozialsystem des Wolfs ist von Rudeln bestimmt.12

Nach außen hin verteidigen Wölfe ihr Revier gegen Eindringlinge und sichern sich damit die im Territorium vorkommende Nahrung. Die Territoriumsgrenzen werden an Bäumen, Steinen oder Sträuchern mit Harn markiert, zusätzlich dient auch das Heulen zur Abgrenzung. Angaben zur Territoriumsgröße schwanken stark je nach Nahrungsverfügbarkeit, Geografie, Rudelgröße und Dichte anderer konkurrierender Rudel. Während in weitläufigen Gegenden wie beispielsweise in Alaska Streifgebietsgrößen von einigen 1.000 Quadratkilometer beobachtet wurden, liegt die Größentendenz in Mitteleuropa bei ca. 200–300 Quadratkilometern mit steigender Tendenz von Süden nach Norden. Aus artenschutzrechtlicher Sicht ist es nicht notwendig, dass alle historischen Verbreitungsgebiete wiederbesiedelt werden.13 Herumziehende Einzelwölfe, meist auf der Suche nach einem eigenen Territorium bzw. Paarungspartner, werden im Gebiet eines territorialen Rudels angegriffen, weshalb Einzeltiere in der Regel besetzte Gebiete meiden. In Mitteleuropa ist jedoch die häufigste Todesursache von Wölfen eindeutig der Straßen‐ und Schienenverkehr.14

Weitwanderer

Abbildung 2 Wanderung von M237, 9.6.2022-22.3.202315

Die Distanzen, die Wölfe auch innerhalb kurzer Zeit zurücklegen können, sind legendär.16 So verließ der Rüde ID4 mit zehn Monaten das Streifgebiet im Elternrudel in Sachsen‐Anhalt und machte sich auf den Weg nach Norden, bog nach Westen ab bis hinaus an die Nordsee nahe Husum, kehrte um, lief an Hamburg vorbei zurück, um es dann Richtung Norden zu versuchen, wo er bei Rostock an die Ostsee stieß, wieder kehrtmachte und nach Osten lief, über die Oder nach Polen, um sich dann endlich, nach 50 Tagen, dort niederzulassen. Insgesamt legte der Rüde 1.628 Kilometer zurück, im Schnitt 33 pro Tag, mit einem Tagesmaximum von 97 Kilometern. Auf seiner Wanderschaft überquerte er problemlos 27‐mal die Autobahn und kreuzte 110 Bundesstraßen, dazu noch Elbe, Oder und Nord‐Ostsee‐Kanal.17 Übertroffen wurde diese Distanz nur durch den besenderten Wolf M237, der vom Juni 2022 bis März 2023 aus dem Bündner Oberland bis nach Ungarn wanderte, dabei Wien und Budapest passierte und stolze 1.950 Kilometer zurücklegte. Das ist die längste bisher bekannte Wanderung eines Wolfes in Europa.18

Mehrere hundert Kilometer bis 1.500 Kilometer sind also durchaus möglich. Im Schnitt betragen die Wanderungen jedoch um die 25 Kilometer, abhängig von der Verfügbarkeit der Beutetiere und Region, wobei oft nur rund ein Zehntel des Reviers genutzt wird. Dabei folgen die Tiere meist Pfaden anderer Tiere, Forststraßen, Bahngleisen oder Gewässern.

Die Europäische Kommission bringt diese bemerkenswerte Eigenschaft in ihrem Leitfaden zur FFH‐Richtlinie, in welchem dem Wolf als einziger Art ein eigener Anhang gewidmet ist, wie folgt zum Ausdruck: »Wölfe brauchen sehr viel Raum, da Individuen und Rudel Hunderttausende Quadratkilometer für ihre Territorien beanspruchen. Dementsprechend treten sie in sehr geringer Dichte auf, und ihre Populationen breiten sich über sehr große Gebiete aus, die sich meist über viele Verwaltungsgrenzen hinweg sowohl innerhalb eines Landes als auch länderübergreifend erstrecken.«19 Aus fachlicher Sicht bedarf es daher der Koordinierung und kohärenten Gestaltung von Erhaltungs‐ und Managementmaßnahmen auch in einer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit. Aus rechtlicher Sicht wirft die Transzendierung lokaler, regionaler und sogar nationaler Rechts‐ und Verwaltungsgrenzen unweigerlich Probleme auf.

Verbreitung

Damit erklärt sich auch die beeindruckende Verbreitung der Wölfe. In der EU finden sich Wolfsvorkommen mittlerweile in 24 der 27 Mitgliedstaaten (mit – aufgrund der Insellage – Ausnahme von Irland, Malta und Zypern), 2023 werden in allen Ländern (mit Ausnahme Luxemburgs) Rudel entdeckt. 2023 betrug der Bestand 20.300 Wölfe, die Länder mit den höchsten Zahlen waren Italien, Rumänien, Spanien, Polen, Deutschland und Griechenland.20

Abbildung 3 Large carnivore distribution map 2017–2022/2321

Lebensraum

Wölfe sind als hoch entwickelte soziale Raubtiere außerordentlich lern‐ und anpassungsfähig und können praktisch unter allen klimatischen und ökologischen Bedingungen leben (»Habitatgeneralisten«).22 Man findet sie in geschlossenen und offenen Wäldern, Wüsten und Steppen genauso wie in Gebirgs‐ und Küstenregionen, Ödland oder Graslandschaften bis hin zu Feuchtgebieten. Und selbstverständlich auch in von Menschen dominierten Kulturlandschaften. Als positive Faktoren werden jedoch ein hoher Bewaldungsgrad, eine geringe Dichte menschlicher Infrastruktur und große Rückzugsräume (insbesondere zur Aufzucht der Jungen) genannt. Als Beispiele werden immer wieder die waldreichen Regionen des Apennin und der Karpaten angeführt. Als entscheidend für die Etablierung von Rudeln werden vor allem das Vorhandensein von Nahrung und nur geringe menschliche Störungen bzw. Duldung der Tiere angesehen. In der Literatur sind für eine ausreichend große ungestörte Kernzone in etwa zehn Quadratkilometer zu finden, wobei auch schon weit kleinere Flächen beobachtet wurden. Als ideal können demnach Truppenübungsplätze sowie Gebirgs‐ und Hochlandlagen gelten. Dichte Straßen‐ und Schienennetze können in der Regel überwunden werden, stellen aber für gewöhnlich aufgrund der Barrierewirkung und als Mortalitätsfaktor einen limitierenden Faktor für die Etablierung von Wolfsvorkommen dar. Als wesentlichstes Kriterium gilt jedoch die Verfügbarkeit von Beute. Insofern wurden Habitatqualität, Habitatform und Witterung als Einflussfaktoren beobachtet.

Ökosystem

Die Auswirkungen von Wölfen auf Ökosysteme sind umstritten und werden oft romantisch verklärt. Da werden fast märchenhafte Geschichten erzählt, vom Wolf als Hoffnungsträger, der eine vom Menschen veränderte und zerstörte Umwelt heilt, den Wald der Zukunft schafft und sogar vor Krankheiten schützt. Dabei wird seine Rolle in den sogenannten trophischen Kaskaden, worunter eine über die Nahrungskette vermittelte Veränderung der Produktion eines Ökosystems durch den Einfluss von Prädatoren auf Pflanzenfresser verstanden wird, meist übertrieben und fußen auf meist wenigen und kurzzeitigen Studien, die überdies in noch relativ naturnahen Landschaften durchgeführt wurden.23 Was Wölfe wirklich in einem Ökosystem bewirken, ist stark von den jeweiligen Bedingungen abhängig und bei Weitem nicht vollständig bekannt.

Bleibt man am Boden der Fakten, ist die ökosystematische Wirkung von Wölfen durch ihre Rolle als Spitzenprädatoren geprägt, d.h., dass sie andere Tiere fressen, selbst jedoch keine Feinde haben. Auswirkungen der Wolfsprädation auf ihre Beutetiere werden sowohl auf Ebene letaler Effekte (Limitierung der Dichte) als auch nicht‐letaler Effekte (Veränderung des räumlich‐zeitlichen und sozialen Verhaltens, Stressreaktionen, Mischung an Erbanlagen) beschrieben, die sich entlang der Nahrungskette fortsetzen können. Unklarheit besteht jedoch darüber, wie häufig Wölfe in unseren komplexen Ökosystemen und von vielen anderen Faktoren abhängigen Lebensräumen überhaupt in der Lage sind, ihre Beutetiere stark genug zu beeinflussen, um trophische Kaskaden tatsächlich auslösen zu können.24

Als Beispiel sei der Einfluss von Wölfen auf die Einstandswahl von Rotwild genannt.25 So meidet das Rotwild in Gebieten mit Wolfspräsenz unübersichtliche und dichte Äsungsflächen etwa mit liegendem Totholz, weil sie es dem Fluchttier Rotwild nicht erlauben, rechtzeitig auf jagende Wölfe zu reagieren. Oder aber das Rotwild bildet größere Rudel, wie das in den wiederbesiedelten Wolfsgebieten beobachtet wurde. So wurde in Niedersachen ein Rudel von mehreren 100 Stück dokumentiert. Für gewöhnlich reagiert Rotwild bei Wolfsanwesenheit mit höherer Wachsamkeit, zeigt größere Fluchtdistanzen, reagiert bereits auf kleinere Störungen, verbringt weniger Zeit mit der Äsungsaufnahme und ist unregelmäßiger zu sehen. Dennoch ist die Auswirkung von Wölfen auf die Populationsdynamik beim Rotwild als Hauptbeuteart reichlich unklar und in hohem Maße davon abhängig, was sonst in einem Gebiet mit den Schalenwildbeständen passiert. So können Vorhersagen über die Entwicklung der Rotwildpopulation nicht allein aufgrund des rein zahlenmäßigen Verhältnisses von Beutegreifern zur Beutepopulation gemacht werden, auch das zur Verfügung stehende Beutespektrum, dessen Nutzung durch den Wolf und der menschliche Einfluss (über die Jagd) auf die Mortalitäts‐ und Zuwachsrate ist entscheidend. Anders präsentiert sich die Situation bei Dam‑, Reh‑, Gams‑, Muffel‐ und Schwarzwild.

Abbildung 4 Ein Wolf tappt in eine Fotofalle.26

Ein weiterer Punkt ist die Selektionierung der Beutetiere nach Kriterien der Fitness. In der Mehrzahl fallen schwächere, jüngere und ältere Tiere der Bejagung durch Wölfe zum Opfer. Dadurch aber, dass Wölfe dabei durchaus anthropogene Strukturen wie Straßen und Zäune zu nutzen wissen, während diese für die Beutetiere in der Regel nachteilig wirken, ist auch die Frage des positiven Einflusses von Wölfen auf den Gesundheitszustand ihrer Beutepopulationen von vielen weiteren Faktoren abhängig. Ebenso zeigt sich das Bild beim Einfluss von Wölfen auf die Vegetation und hier insbesondere den Wildverbiss ungleich differenzierter, als das für gewöhnlich dargestellt wird. Aufgrund der forstlich und jagdlich starken Nutzung der mitteleuropäischen Wälder stellen sich angenommene Kaskadenwirkungen vielfach als rein hypothetisch heraus. Letztlich trägt der Wolf im Vergleich zum Menschen nur einen geringeren Teil zur »Landschaft der Furcht« bei.27

Mensch‐Wolf‐Beziehung

Das Spannendste und damit auch Gegenstand dieses Buchs ist bei Wölfen stets die alte und wieder neue Frage nach den Beziehungen zu den Menschen. Das Verhältnis Mensch–Wolf findet seit gut 6.000 Jahren seine Themen in Mythologie und Kunst, in Sagen und nicht zuletzt in der Domestikationsgeschichte des Hundes.28

Dabei sticht die fast ausschließlich negativ besetzte Rolle des Isegrims hervor. Saugt noch im römischen Gründungsmythos eine Wölfin die Knaben Romulus und Remus, so gelten Wölfe ansonsten allgemein als mordlustige und hinterlistige Bestien, die Kinder fressen, Herden und damit Existenzgrundlagen vernichten und Furcht verbreiten. Dabei gibt es immer wieder Stimmen, die auf die großen Gemeinsamkeiten von Wolf und Mensch hinweisen, nicht nur weil beide die weitverbreitetsten Arten dieser Erde darstellen. Höhepunkt dieser seltsamen Beziehung ist die Lykanthropie, also die Verwandlung von Menschen in Wölfe, wie das vom Werwolfmotiv bekannt ist.

Abbildung 5 Werwölfe haben immer schon die menschliche Fantasie beflügelt.29

Hat der Wolf also ohne Schuld bereits aufgrund dieses – modern gesagt – Imageproblems einen Startnachteil, wenn es heute um die Ausverhandlung von Lebensräumen und Wildtiermanagement geht? Selbst wenn das nicht zutreffen sollte, in der Wolfsdebatte erscheint alles extremer, exaltierter. Der Wolf wird als Mythos gleichermaßen vergöttert wie verteufelt, er fasziniert und stößt ab, er stellt die Beziehung der Menschen zur Natur infrage und erschüttert tief verwurzelte Überzeugungen und Gefühle. Die einen heben den Wolf auf das symbolische Schild einer romantisierenden Rückkehr der Natur. In Zeiten der Umweltkrisen und des Biodiversitätsverlustes, in der Kulturlandschaften als usurpierte Naturlandschaften verstanden werden, gilt der Wolf als Erfolgsausweis, wie sich die Natur Lebensraum zurückerobert. Die anderen sehen in ihm einen Schädling, der nichts in der modernen Kulturlandschaft verloren habe, der neuerlich auszurotten sei und der schuld sei am Niedergang kleinräumiger Land‐ und Weidewirtschaft und Kultur. Historische und ethnografische, natur‐ und kulturwissenschaftliche Bezüge lassen sich in jeder Hinsicht herstellen. Es geht um starke Narrative wie Stadt–Land, Natur–Kultur, Mensch–Umwelt und ganz viel Politik. Wölfe, als Grenzgänger zwischen Natur‐ und Kulturräumen, »unterwandern immer wieder geografische und administrative Grenzen, aber auch Grenzen zwischen imaginierten Räumen wie Wildnis und Zivilisation und fordern uns als Gesellschaft damit heraus, diese Räume und Grenzen zu hinterfragen und neu zu denken«.30 Nicht die besten Voraussetzungen für pragmatische Lösungen, wie sie dieses Buch bieten will.

Kapitel 3Rückkehr

Dieses Kapitel ist der Rückkehr der Wölfe in weite Teile Europas gewidmet. Eine Erfolgsgeschichte? Jedenfalls eine faszinierende Entwicklung, die verschiedene Ursachen haben mag, aber geeignet ist, in drei Abschnitten erzählt zu werden. Erstens geht es nicht ohne Zahlen, die wegen ihrer Dynamik nicht mehr als eine Momentaufnahme sein können und doch geeignet sind, Tendenzen und Größenordnungen aufzuzeigen. Zweitens wird die diese Rückkehr begleitende Rechtsentwicklung auf Ebene der Berner Konvention, des EU‑Naturschutzrechts und schließlich der nationalen Regelungen beleuchtet. Auch hier gilt aufgrund der rasend schnellen Entwicklung die Darstellung mehr der Typizität als dem tagesaktuellen Rechtsstand. Drittens schließlich ist die Geschichte der Rückkehr auch eine der daran beteiligten Institutionen und ihrer unterschiedlichen Rollen und Interessen.

Wie bereits im Eingangszitat zum Ausdruck gebracht: Diese Rückkehr erfolgt heute in eine veränderte Kulturlandschaft, die sich während der Abwesenheit der Wölfe naturräumlich und gesellschaftlich wesentlich fortentwickelt hat. Viele ideale Lebensräume für Großraubtiere sind verloren gegangen, die Landschaften unterliegen oft auf engstem Raum vielfältigen und konkurrierenden Nutzungen wie Landwirtschaft, Verkehr, Wohnsiedlungen, Industriegebiete und Tourismus. Vielerorts sind ursprüngliche Wildnisse gepflegten Kulturlandschaften gewichen, Berge und Täler mit Straßen, Bahnen und Pisten erschlossen, soziale Strukturen heutiger landwirtschaftlicher Betriebe präsentieren sich deutlich verändert. Die Rückkehr ist daher nicht nur ein ökologischer, sondern auch ein kultureller und sozialer Prozess.31

Zahlen

Die Rückkehr der Wölfe beginnt in den 1990er‐Jahren und verläuft zunächst zaghaft und geografisch beschränkt, während sie sich in den letzten Jahren zunehmend dynamisiert. Die Wolfszahlen nehmen ständig zu, die Anzahl der Rudel ist im Steigen und von Jahr zu Jahr werden immer größere Gebiete besiedelt, wodurch es zwangsläufig zu mehr Konflikten mit menschlichen Aktivitäten kommt.

Entwicklung

Historisch ist der Wolf das am weitesten verbreitete Säugetier der Welt und lebt auf der nördlichen Hemisphäre nördlich von 15°N Breite in Nordamerika und 12°N in Indien.32 Zunehmende Veränderungen der Ökosysteme wie abnehmende Beutetierpopulationen, landwirtschaftliche Konflikte und Bejagung führten schließlich in weiten Teilen Europas zu seiner Ausrottung.33 So wurden die letzten Wölfe in Österreich und der Schweiz Ende des 19. Jahrhunderts erlegt, danach traten sie nur noch gelegentlich auf. Im Vergleich der deutschsprachigen Länder wurde ihnen aber in Deutschland der kürzeste Prozess gemacht, sodass hier bereits um 1750 aufgrund systematischer Bekämpfung eine faktische Ausrottung gegeben war. Wo sich Wölfe länger halten konnten – etwa in Schweden und Teilen Frankreichs –, war die Jagd auf Wölfe noch bis zum 20. Jahrhundert gesetzlich erlaubt oder sogar vorgeschrieben.

Abbildung 6 Historische Wolfsjagd im Sauerland.34

Damit fand der jahrhundertelange Kampf gegen den Wolf sein (vorläufiges) Ende. Weite Teile Europas waren für knapp 150 Jahre wolfsfrei. Einhergehend mit Bevölkerungswachstum, Technisierung und Modernisierung, bildete sich die moderne Kulturlandschaft heraus, wie wir sie heute kennen. So konnte sich insbesondere eine Art von Viehhaltung ausbilden, die – im Gegensatz zu jener in den Jahrhunderten davor – keine Rücksicht mehr auf allfällige Übergriffe von Wölfen nehmen musste. Traditionelle Abwehrinstrumente von der dauernden Behirtung über Herdenschutzhunde bis hin zur Wolfsgrube waren nicht mehr nötig und gerieten daher in Vergessenheit. Der Fokus der Nutzung natürlicher Ressourcen richtete sich zunächst auf die Sicherung der Versorgungslage, dann immer mehr auf eine ökologisch verträgliche Landbewirtschaftung und ökonomisch nachhaltige Nahrungsmittelproduktion.

Aber nicht aus allen Teilen Europas ist der Wolf verschwunden. In den Abruzzen, auf dem Balkan und in den Karpaten, in Finnland und den baltischen Staaten, in Polen und auf der Iberischen Halbinsel sind Wölfe nie in der Art dezimiert worden wie in Zentraleuropa. Von solchen Gebieten mit wenig Konfliktpotenzial aus starteten die Wölfe dann auch ihr Comeback.35 So ermöglichte die Unterschutzstellung der Restpopulation im Apennin 1971 der italienischen Wolfspopulation, sich nach Norden in die Alpen auszubreiten. Vom italienischen Alpenbogen aus erfolgte dann in den 1990er‐Jahren die Wiederbesiedlung der französischen (ab 1992) und schweizerischen (ab 1994) Teile. In den österreichischen und deutschen Alpen erschienen Wölfe ab 2002 bzw. 2006. Gleichzeitig profitieren sie vom Fall des Eisernen Vorhangs, die polnischen Wölfe zogen zuerst nach Nordostdeutschland, um sich dann weiter nach Westen und in den Süden zu bewegen. Weitgehend absent sind dabei Wölfe aus dem Süden, da sie in den südosteuropäischen Ländern bejagt werden und ihr Bestand in diesen Regionen weitgehend stabil bleibt.36 Die Gründe für die erfolgreiche Ausbreitung sind vor allem in der Erholung der Beutetierbestände, im zunehmenden Waldanteil, in der Anpassungsfähigkeit der Wölfe und nicht zuletzt im strengen gesetzlichen Schutz zu sehen.37 Im Gegensatz etwa zum Luchs finden wohl keine Aussetzungen statt, auch wenn sich diesbezügliche Gerüchte hartnäckig halten. Auch wenn Art. 22 FFH‐RL und die LCIE grundsätzlich die Möglichkeit von Wiederansiedlungen vorsehen, spricht sich die LCIE bei Wölfen klar gegen die Aussetzung von in Gefangenschaft gezüchteten Individuen aus.38 Im Gegenteil sind Aussetzungen verboten, nachweislich illegal ausgesetzte Wölfe sind einzufangen oder abzuschießen.

Wissenschaftlich betrachtet, erfolgt die Wiederbesiedlung einer Region in drei Phasen:39 Phase 1: Einwanderung von einzelnen jungen Männchen; die Tiere ziehen vorerst weit umher; wo sie genug Nahrung vorfinden, werden sie stationär. Phase 2: Einwanderung von jungen Wölfinnen; Paarbildung und Reproduktion in kleinen Familienrudeln beginnen meist in wildreichen, ruhigen Gebieten. Phase 3: flächige Ausbreitung und regelmäßige Reproduktion.

Wie gezeigt, findet sich der Wolf heute praktisch wieder in allen Ländern Europas und darüber hinaus weltweit.40

Statistik

Trotz möglicherweise unterschiedlicher Monitoringmethoden ergeben die amtlichen statistischen Zahlen einen Gesamteindruck, aus dem sich ungefähre Größenordnungen und Tendenzen ableiten lassen. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass diese Zahlen nicht vollständig alle Wolfsexemplare abbilden können und die Dunkelziffer höher liegt.

Für Europa wurde 2024 von 23.000 Wölfen ausgegangen.41 Für die drei großen deutschsprachigen Länder lauten die aktuellen Zahlen wie folgt:

Deutschland

Österreich

Schweiz

Rudel

219

9

41

Paare

43

Einzeltiere

14

102

320

Stand und Quelle

2024/25, DBBW

2024, ÖZ

19.11.2025, KORA

Rechtsentwicklung

Neben oder, besser gesagt, hinter diesen biologisch‐statistischen Entwicklungen verbirgt sich aber auch eine Ideengeschichte bzw. in deren Gefolge dann eine Rechtsgeschichte. Beide haben es bei den Wölfen in sich.

Ideengeschichte

Nachdem Wölfe in Europa über Jahrhunderte verfolgt und ausgerottet wurden, ist ihr furioses Comeback zum Teil wohl auch einer veränderten gesellschaftlichen Wahrnehmung zu verdanken. Dieser bemerkenswerte Bedeutungswandel »vom bösen Rotkäppchen‐Wolf zur positiv besetzten Öko‐ und Biodiversitätsikone«42 ist auf eine zunehmende Amerikanisierung in dieser Frage seit den 1970er‐Jahren zurückzuführen. Wie der Alpinhistoriker Jon Mathieu43 nachgewiesen hat, nehmen die Transferprozesse ihren Ausgang von der US‑amerikanischen Wilderness‐Bewegung, einer zunächst kleinen Gruppe Naturbegeisterter, inspiriert von romantisch‐religiösen Traditionen, die mit dem 1964 unterzeichneten Wilderness Act sogar Eingang in die dortige Gesetzgebung gefunden hat. Dabei mutet Wilderness ausgerechnet beim (auch) Kulturfolger Wolf etwas anachronistisch an, gründete denn auch der europäische Naturschutz nicht auf »Wildnis« sondern auf »Natur«. In den 1990er‐Jahren setzte dann ebenfalls in den USA die radikalere Version in Form der Rewilderness‐Bewegung ein, die nicht nur zum Ziel hat, wenig berührte Landschaften als Wildnis zu schützen, sondern auch Kulturlandschaften wieder zu verwildern.44

Berner Konvention

Der Beginn der Rechtsentwicklung in Europa lässt sich unzweifelhaft an der Ausarbeitung und dem Beschluss der Berner Konvention festmachen. Dabei handelt es sich um einen völkerrechtlichen Vertrag des Europarates, den aktuell 50 Staaten und die EU ratifiziert haben (EG 1982; Deutschland 1984; Österreich 1983; Schweiz 1982). Dieses »Berner Übereinkommen über die Erhaltung der europäischen wildlebenden Pflanzen und Tiere und ihrer natürlichen Lebensräume«, das 1979 im Berner Rathaus von den anwesenden Umweltministern unterzeichnet wurde, enthält in seinen Anhängen lange Listen von Tier‐ und Pflanzenarten, die verschiedenen Schutzniveaus zugeordnet werden. Der Wolf war dabei kein Thema in der Öffentlichkeit, in den meisten Ländern war er zum damaligen Zeitpunkt abwesend und konnte daher für die Mehrheit der Signatarstaaten gut, weil folgenlos geschützt werden.

Betrachtet man die Entstehungsgeschichte der Konvention und ihrer Anhänge, so mag überraschen, dass das damals für die Ausarbeitung verantwortliche Ad‑hoc‐Komitee und deren Arbeitsgruppen gerade beim Wolf relativ ahnungslos waren.45 Forschungen an freilebenden Populationen fehlten damals weitgehend, die Tiere hatten ihren schlechten Ruf, und in einer dem Europarat noch 1964 vorliegenden Übersicht wurde deren Ausrottung als ökonomisch wünschenswert betrachtet. Allmählich jedoch gewann im Komitee eine wolfsfreundliche Haltung Oberhand. Nicht zuletzt aufgrund transatlantischer Kontakte – so traten in den 1970er‐Jahren etwa der kanadische Wolfspezialist und Umweltaktivist Douglas H. Pimlott und sein US‑amerikanischer Kollege L. David Mech auf ihren Europareisen mit Werbematerial, Film und Manifest für den Wolfsschutz ein – erfolgte ein Umdenken auf dem Kontinent.

Letztlich findet der Wolf als Canis lupus, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, seinen Platz in den Anhängen der Berner Konvention.

Fauna‐Flora‐Habitat‐Richtlinie

Mit Unterzeichnung der Berner Konvention durch die Europäische Gemeinschaft 1982 stellte sich die Frage einer Umsetzung auf Ebene des europäischen Rechts. Man entschied sich, basierend auf der Umweltkompetenz, mit Natura 2000 ein gemeinsames kohärentes Schutzgebietsnetzwerk für bedrohte Gebiete, Tier‐ und Pflanzenarten aufzubauen und einem einheitlichen Schutzsystem zu unterwerfen. Dieses europäische Naturschutznetzwerk wird von der Vogelschutzrichtlinie (RL 79/409/EWG, abgelöst durch RL 2009/147/EG über die Erhaltung der wildlebenden Vogelarten) und der Fauna‐Flora‐Habitat‐Richtlinie (RL 92/43/EWG zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wildlebenden Tiere und Pflanzen) gebildet.

Letztere, bekannt als FFH‐Richtlinie, trat 1992 in Kraft und zielt auf einen günstigen Erhaltungszustand der wildlebenden Tier‐ und Pflanzenarten von gemeinschaftlichem Interesse. Ihre Anhänge spiegeln im Wesentlichen jene der Berner Konvention wider, weshalb auch hier der Canis lupus