21,99 €
Borderline?! - Ist therapierbar Sie leiden unter extremen Stimmungsschwankungen und schwierigen Beziehungen, in denen ganz plötzlich Liebe in Hass und Wut umschlagen kann? Eine Borderline-Persönlichkeitsstörung ist durch großes inneres Leid und Spannung geprägt. - Verstehen: Das Buch bietet Ihnen einen bewegenden Einblick in die Innenwelt von Betroffenen, wodurch Sie sich selbst besser kennenlernen. - Helfen: Sie erhalten einen Überblick über alle wirksamen Therapien, die Ihnen wirklich weiterhelfen. - Verbinden: Für Familie und Partner wird der Alltag oft zu einem Tanz auf dem Vulkan. Erfahren Sie, worauf es in turbulenten Zeiten ankommt und wie Sie diese Schwierigkeiten meistern können.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 296
Veröffentlichungsjahr: 2020
Prof. Dr. phil. Dr. med. Günter Niklewski, Dr. phil. Rose Riecke-Niklewski
4., überarbeitete Auflage 2020
»Nie kann ich mich auf meine Gefühle verlassen! Das ist alles so anstrengend. Und die anderen finden mich anstrengend – und unberechenbar. Aber was soll ich sagen: Ich kann mich ja selbst nicht berechnen. Ich bin meinen Gefühlen, Stimmungen und Launen ausgeliefert! Und was ist dahinter? Wenn ich das wüsste!« Die junge Frau, die sich auf den nächsten Seiten so beschreibt, hat die Diagnose »emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ« oder kurz »Borderline-Störung« erhalten. Borderline-Störungen werden vor allem bei jungen Erwachsenen heute so häufig diagnostiziert, dass Kritiker lange – in Einzelfällen sicher nicht ganz zu Unrecht – die Diagnose zur Modediagnose oder gar die Krankheit selbst zur Modekrankheit erklärten. Inzwischen hat jedoch eine intensive fachwissenschaftliche Diskussion stattgefunden. Auch die Therapieforschung hat in den letzten Jahrzehnten Fortschritte gemacht. Trotzdem sind Fehlinformationen und Vorurteile immer noch weit verbreitet – und dies nicht nur beim Laien. Auch die Symptome der Krankheit selbst tragen dazu bei, dass Menschen, die unter ihnen leiden, oft die unterschiedlichsten Diagnosen und Therapien erhalten und lange Irrwege hinter sich haben, bevor sie an eine kompetente Adresse geraten. Dabei ist die Chance, trotz aller Schwierigkeiten auch als »Borderliner« ein erfülltes Leben zu führen, umso größer, je früher die Störung erkannt und je früher sie gut behandelt wird. Eine frühe und richtige Diagnose und die darauf zugeschnittene Behandlung sind umso wichtiger, wenn die Gefahr besteht, dass Selbstverletzungen und selbstschädigende Handlungen zu körperlichen, seelischen und sozialen Komplikationen führen. Nur so kann den Betroffenen und ihren Angehörigen langes Leid erspart bleiben.
Deshalb dieses Buch: Es macht Sie vertraut mit den einzelnen Symptomen, Schwierigkeiten und Besonderheiten der Erkrankung. Sie finden darin die entscheidenden Ergebnisse der Forschung zu Ursache und Entstehung der Störung und – sehr viel wichtiger – eine Darstellung und Würdigung der therapeutischen Möglichkeiten und Angebote, die aktuell am besten untersucht und als besonders erfolgversprechend erkannt wurden. Denn gute – störungsspezifische – Behandlungsmöglichkeiten gibt es. Sie haben endlich mit dem Vorurteil aufräumen können, eine Borderline-Störung sei unbehandelbar.
Gerade für die Borderline-Störung gilt, was bei körperlichen Erkrankungen längst Allgemeinwissen geworden ist: »Ein informierter Patient und informierte Angehörige tragen wesentlich zum Erfolg der Behandlung bei« – nicht zuletzt, weil ihnen ein besserer Umgang mit einer Störung, die alle Lebensbereiche beeinträchtigen kann, möglich wird.
Die letzten Kapitel sind vor allem den »Borderline-Beziehungen« in Familie und Partnerschaft gewidmet. Denn eine Borderline-Störung ist vor allem eine Beziehungsstörung. Das heißt, sie macht Beziehungen schwierig. Aber: Wenn Betroffene, ihre Familien, Freunde und Partner wissen, womit sie rechnen müssen, können sie hoffentlich die Gelassenheit und Zuversicht zurückgewinnen, die leider nur allzu häufig in all den Turbulenzen verloren gehen. Wir hoffen, dass dieses Buch Ihnen dabei eine Hilfe ist.
Impulsivität, Schwierigkeiten mit widerstreitenden Gefühlen, große Angst vor dem Alleinsein – das sind nur einige Symptome der Borderline-Störung. Selbstverletzungen, Sucht, Essstörungen und auch Suizidalität können dazukommen
»Ich weiß selten, wie ich eigentlich drauf bin, schon gar nicht, ob es mir vielleicht gerade gut geht. Das ist ja das Problem. Nur, wenn ich eine Scheißwut habe, dann weiß ich: Mir geht es beschissen! Eigentlich bin ich wie eine Marionette …« – Annäherungen an eine vielgestaltige Störung.
Anna(1): »Wer bin ich? Ein Versuch«
»Die Ärzte in der Klinik haben mir die Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung verpasst. (Davor war ich mal angstgestört, dann essgestört, dann depressiv – oder umgekehrt, ist ja egal.) Jetzt bin ich also eine ›Borderlinerin‹. Hab’ mich gleich durch Tausende von Websites durchgeklickt. Das also soll ich sein? Ich bin also wenigstens nicht allein mit diesem Etikett. Aber wer oder was bin ich? Ein Versuch: Ich bin 21, weiblich, bin (oder fühle mich) dick oder fett, je nachdem, wie ich drauf bin, habe drei abgebrochene Psychotherapien und ein abgebrochenes Au-pair-Jahr hinter mir. Ganz schön blöd gelaufen. Jetzt wohne ich wieder bei meinen Eltern und weiß einfach nicht, wie es weitergehen soll. Allein irgendwo zum Studium hin zu ziehen – Zu welchem bitte schön?!?! – kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Um ehrlich zu sein: Ich krieg’ die Panik, wenn ich nur daran denke! Diese innere Einsamkeit kannte ich vor Spanien gar nicht.
Ach ja, Klinik! Das kam so: Nach dem Abi wollte ich nichts wie weg von meiner Familie, bin also als Au-pair nach Barcelona. Die Gastmutter war erst superlieb, aber nach ein paar Tagen merkte ich, dass sie ja noch schlimmer war als meine. Und alle spanischen Männer, auch der Gastvater, waren hinter mir her und irgendwann habe ich das nicht mehr gepackt, habe Panik geschoben und mich immer öfter an den Flaschen, die da herumstanden, bedient – bis die Gastfamilie mich nachhause geschickt hat. Die Zeit daheim war schrecklich. Alle meine Schulfreunde waren weg. Entweder sie studierten schon oder machten, wie ich es eigentlich auch vorgehabt hatte, irgendwo ein Auslandsjahr. Und ich lag in meinem Zimmer – mehr war nicht drin. Ich sah auch keinen Sinn mehr. Ich bin dann doch manchmal raus, abends zur Autobahnbrücke. Da habe einfach nach unten geschaut, eigentlich konnte ich nur noch daran denken, wie es denn wäre. Mein Vater hat mich dann in die Klinik gebracht ...
Und die anderen Symptome, die ich im Netz gefunden habe? Stimmungsschwankungen? Wenn ich das wüsste! Ich weiß ja eigentlich selten, wie ich drauf bin, schon gar nicht, ob es mir vielleicht gerade gut geht. Das ist ja das Problem. Eigentlich bin ich wie eine Marionette oder besser, meine Stimmungen sind Marionetten, deren Fäden irgendwer in der Hand hält – nur nicht ich. Und meist bin ich meinen Stimmungen ausgeliefert – ich stell’ mir mein Ich dann vor wie ein Kartenhaus, das durch Launen zum Einsturz gebracht werden kann. Was dann übrig bleibt, ist einfach das absolute Nichts! Und die Selbstverletzungen? Was soll ich dazu sagen? Ja, ich schneide mich hin und wieder, ja, ich schlage meinen Kopf an die Wand und so weiter und so weiter, aber ich mag den Ausdruck Selbstverletzung nicht. In dem Moment, wo ich das tue, tue ich was für mich, und zwar etwas Gutes! Denn danach geht es mir ja besser. Wenn nicht das schlechte Gewissen wäre, dass ich es doch nicht ohne geschafft habe. Depressionen hatte ich, ja klar. Deshalb war ich ja in der Klinik und sollte die Tabletten nehmen. Aber wenn das Leben scheiße ist, helfen auch keine Tabletten. Und dann immer die Wut! Wenn ich wenigstens den Grund wüsste! Das ist alles so anstrengend. Und die anderen finden mich anstrengend – und unberechenbar. Aber was soll ich sagen: Ich kann mich ja selbst nicht berechnen. Ist doch logisch, dass ich keine Lust mehr habe. Das einzig Sichere in meinem Leben ist die Unsicherheit! Irgendwie führe ich ein Leben zwischen Hoch und Tief, Hass und Liebe, Trauer und Glück, Freud und Leid, Lust und Frust, Leben und Tod – ach klingt das gut. Ich sollte Schriftstellerin werden! Jedenfalls: Ein ›Dazwischen‹ gibt es kaum. Immer nur Extreme!«
Die Borderline-Störung, die wie keine andere seelische Krankheit die Zerrissenheit, Orientierungslosigkeit und Grenzenlosigkeit unseres Zeitalters widerzuspiegeln scheint, ist keine »Erfindung« unseres Jahrhunderts.
Schon Ende des 17. Jahrhunderts schrieb der englische Arzt Thomas Sydenham über eine Reihe seiner Patienten in einem Brief den heute so oft zitierten Satz: »Sie lieben diejenigen ohne Maß, die sie ohne Grund hassen werden.« Und er beklagte sich über ihre plötzlichen Ausbrüche von Wut, Schmerz oder Angst. Natürlich nannte Sydenham die von ihm beschriebene Störung nicht Borderline-Störung (er wählte für Frauen den Begriff »Hysterikerin«, für Männer den Begriff »Hypochonder«), dennoch traf er mit seiner Beschreibung den Nagel auf den Kopf. Auch heute noch sind diese von ihm genannten Symptome zwei der wichtigsten, wenn es darum geht, die Diagnose einer Borderline-Störung zu stellen. Zu »Grenzfällen« wurden jene Patienten jedoch erst zwei Jahrhunderte später. Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts tauchte der Begriff »Borderland« in der Psychiatrie auf. 1884 prägte ihn der Psychiater C. H. Hughes für ein »Grenzland« zwischen »geisteskrank« und »noch nicht geisteskrank«, sprich für Randphänomene im Grenzbereich zu schizophrenen Störungen. Der Begriff umfasste also Störungen, auf die die vorhandenen psychiatrischen Beschreibungen nicht recht zutrafen. Die Diagnose war eher eine Verlegenheitsdiagnose für Patienten, die man nicht verstand und bei denen auch keine der üblichen Therapien anschlug. Erst in den 1950er Jahren wurde mit dem Begriff »Borderline-Zustände« der Versuch unternommen, hinter der Vielzahl der unterschiedlichsten Symptome, über die manchen Patienten gleichzeitig oder häufiger noch nacheinander oder abwechselnd klagten, eine zugrundeliegende Störung zu suchen. Aber es dauerte immer noch zwei Jahrzehnte, bis der Begriff »Borderline« tatsächlich seinen Platz in den medizinischen Lehrbüchern und Klassifikationssystemen, durch die die medizinische Wissenschaft eine systematische Ordnung des jeweils gültigen medizinischen Wissens herstellt, fand. Seitdem sind die Anstrengungen, zu einem besseren Verständnis der Störung zu gelangen, nicht abgerissen und noch lange nicht zu einem Ende gekommen.
Die lange Geschichte der begrifflichen Klärung legt einen Verdacht nahe: Die eine unverwechselbare Borderline-Störung mit den immer gleichen typischen Symptomen gibt es nicht. Die Spannbreite einer Borderline-Störung reicht von einer Persönlichkeitsstruktur bis hin zur manifesten Störung mit all den Symptomen, unter denen Borderliner leiden können. Und nicht alle der in den Klassifikationssystemen genannten Symptome treten immer auf. Das ▶ DSM-5 zum Beispiel, das neun verschiedene Symptome als »Kriterien« für die Diagnose nennt, betont, dass schon fünf aus dieser Gruppe die Diagnose rechtfertigen. Auch die Intensität der einzelnen Symptome variiert stark von Person zu Person. Außerdem verliert sich auch heute noch jeder, der sich in der aktuellen Literatur zum Thema zurechtfinden möchte, in einem Irrgarten verschiedenster Begriffe und Bedeutungen. Diese werden zudem leider oft wie Synonyme verwendet, was dem Problem und den Betroffenen nicht gerecht wird. Unterschieden werden müssen mindestens drei Begriffe, die sich auf verschiedene Sachverhalte beziehen.
Borderline-Syndrom: Dieser Begriff bezieht sich auf die typischen Krankheitszeichen, die typischen Symptome, die in Verbindung miteinander auftreten, also ein »Syndrom« bilden.
Borderline-Persönlichkeit oder Borderline-Persönlichkeitsorganisation: Dieser Begriff beschreibt gleichbleibende Strukturmerkmale eines Individuums, seine Persönlichkeit und meint nicht notwendigerweise gleich eine Störung oder Krankheit.
Borderline-Zustand: Dieser Begriff steht für eine Krankheitsepisode, während deren sich die Borderline-Persönlichkeit auf die ihr typische Weise entwickelt. Der Borderline-Zustand wird ausgelöst durch äußere und innere Belastungen, die der Betroffene nicht ausgleichen, nicht mehr »kompensieren« kann.
Ärzte, Psychotherapeuten, Wissenschaftler berufen sich heute auf zwei Werke, wen es um die Diagnosestellung geht. Entweder auf das »Diagnostische und statistische Manual psychischer Störungen« der American Psychiatric Association (APA), kurz das »DSM«, und zwar nach der aktuellen fünften Auflage, dem »DSM-5«, das als wichtiges Standardwerk zur Diagnose psychiatrischer Erkrankungen gilt. Oder aber auf das von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verbindlich vorgegebenen Klassifikationssystem aller Erkrankungen, die »Internationale statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme«, kurz das »ICD-10«, wobei dessen Überarbeitung, das ICD 11, in Vorbereitung ist.
In beiden Werken beruht die Klassifikation und Einordnung der beschriebenen psychischen Störungen auf der Erscheinungsform, also den Symptomen, dem Verlauf und/oder Schweregrad, da sich die Hoffnung, durch die Möglichkeiten der neurobiologischen und genetischen Forschung seien ganz neue Diagnosekriterien möglich, bisher nicht erfüllt hat.
In beiden Klassifikationssystemen steht also das »Borderline-Syndrom« im Vordergrund. Als Grundlage dieses »Borderline-Syndroms« gilt jedoch bei beiden eine »Borderline-Persönlichkeit«.
Da sich die Verfasser des DSM-5 um eine sehr viel ausführlichere Beschreibung des Leidens bemüht haben, nehmen wir diese als Grundlage unserer Beschreibung: Ganz allgemein wird hier die Borderline-Störung als »ein tiefgreifendes Muster von Instabilität in zwischenmenschlichen Beziehungen, im Selbstbild und in den Affekten sowie von deutlicher Impulsivität« beschrieben.
Zur Erläuterung wird dann noch ein Bündel von neun Symptomen genannt, unter denen Betroffene leiden können:
verzweifelte Versuche, nicht allein sein zu müssen und reale oder auch nur eingebildete Trennungen zu verhindern
intensive, aber instabile zwischenmenschliche Beziehungen, in denen sich Bewunderung und Abwertung oder gar Hass abwechseln
Identitätsstörung: ausgeprägte und andauernde Instabilität des Selbstbildes und der Selbstwahrnehmung
starke Impulsivität mit der Tendenz, Impulse »ohne Rücksicht auf Verluste« auszuleben
wiederholte Drohungen, Andeutungen oder Versuche, sich umzubringen, oder Selbstverletzungen
auffallende Unausgeglichenheit und Instabilität in der Stimmung. Häufige depressive Stimmungen, Angst und Reizbarkeit, die jedoch oft nur Stunden oder höchstens einige Tage anhalten
häufiges und langanhaltendes Gefühl der Leere oder Langeweile
unangemessene und starke Wut und die Unfähigkeit, diese zu beherrschen
Phasen des Misstrauens, das sogar jeden Bezug zur Realität verlieren kann. In Krisensituationen kann es vorübergehend ganz zu einem »Abschalten« kommen. Der eigene Körper oder die umgebende Realität wird als fremd, verändert erlebt
Tim: »Ich werde wütend und mache jeden an«
»Was ich am wenigsten an mir leiden kann, sind meine Stimmungsschwankungen. Ich selbst kann mich nicht auf mich verlassen, kann nicht mit mir rechnen. Zum Beispiel kann ich ganz gut gelaunt nach Hause kommen, will meiner Freundin was erzählen, und sie hört nicht zu. Da raste ich aus! Entweder ich brülle, mache sie fertig oder ich geh’ gleich wieder und muss erst einmal Frust ablassen. Nachher tut’s mir leid – ich hab’ doch gesehen, dass sie gerade den Braten aus dem Backofen geholt hat und sich darauf konzentrieren musste!«
Auf die genannten neun Symptome möchten wir nun etwas genauer eingehen. Sie können einzeln oder auch in Kombination auftreten, manche lassen sich schwerer greifen als andere, auch die Ausprägungen können sehr variieren.
Zur Borderline-Störung gehört die Angst vor dem Alleinsein. Fast alle Menschen mit einer Borderline-Störung – im Folgenden kurz »Borderliner« – erleben deshalb in allen Beziehungen große Angst, verlassen zu werden. Diese Angst kann ausgelöst werden durch nichtige Anlässe, zum Beispiel einen verspäteten Anruf, eine Absage einer Verabredung oder einen Streit um Kleinigkeiten. Schwierig für alle Beteiligten wird, dass für Borderliner oft schon einfache Abwesenheit gefühlsmäßig zu endgültiger Verlassenheit wird.
Die Angst vor diesem endgültigen Verlassenwerden ist Ursache vieler Probleme im zwischenmenschlichen Bereich. Zum Beispiel macht sie das Bedürfnis, den Partner »unter Kontrolle zu haben«, verständlich. Auch die oft demonstrierte Hilflosigkeit, die andere motiviert, sich zu kümmern oder einfach da zu sein, erklärt sich aus dieser Angst. Ebenso hat Wut – oft ausgelöst durch einen für den Partner vollkommen unbedeutenden Anlass, der für den Borderliner aber die Gefahr des Verlassenwerdens beinhaltet – oft mit dieser Angst zu tun. Die ständig empfundene Drohung, verlassen zu werden, betrifft aber auch das Selbstwertgefühl. Denn verlassen wird – so die Fehleinschätzung – doch nur, wer nicht liebenswert oder gar lebenswert ist.
Katja
»Und genau wie damals ertrage ich die Einsamkeit nicht, ich werde wahnsinnig, wenn ich allein sein muss, wie früher, wenn ich zur Strafe aufs Zimmer geschickt wurde. Ich kriege die Panik. Was ich schon alles unternommen habe, um nicht allein zu sein. Ich habe schon die ekligsten Typen mitgenommen, nur damit mir das nicht passiert. Hab’ mir alles gefallen lassen, nur damit sie bleiben!«
Aus Angst vor dem Alleinsein gehen Borderliner oft sehr schnell Beziehungen ein. Diese sind sehr intensiv jedoch oft von nur kurzer Dauer, da der Partner/die Partnerin nach anfänglicher himmelhoch jauchzender Begeisterung, die ihn/sie zum Retter, Helden, einzig Wahren machte (Idealisierung), plötzlich nur noch als bösartig, verletzend, vernachlässigend, aggressiv bis grausam erlebt werden kann (Entwertung). Anlässe sind möglicherweise Kleinigkeiten, ein gereiztes Wort, eine Zurückweisung oder ein Streit um nichts.
Svenja
»Entweder ganz oder gar nicht. Ich habe nur beste Freunde, ich weiß von einer Sekunde auf die andere, wer mir wirklich nah und seelenverwandt ist, und den will ich dann auch ganz für mich alleine haben. Vielleicht ist das der Grund, warum meine Beziehungen immer nur so kurz halten. Scheiße ist bloß, dass es immer mit Krawall auseinandergehen muss. Aber wenn bei mir etwas vorbei ist, dann ist es auch definitiv vorbei, lieber ein Ende mit Schrecken …«
Zur Borderline-Störung gehört die Identitätsstörung. Das heißt: Borderliner klagen darüber, nicht zu wissen, »wer sie sind«. Ihnen fehlt ein umschriebenes Bild von sich selbst. Diese »Störung« des Selbstbilds betrifft viele Dimensionen und lässt viele Fragen offen: Wer bin ich, woher stamme ich, wie sehe ich aus, wo liegen meine Stärken und Schwächen, was habe ich gelernt und was kann ich leisten, was brauche ich für mich, mein seelisches und körperliches Wohlbefinden, was will ich, welche Erfahrungen habe ich gemacht, welche sind für mich wichtig, gut oder schlecht gewesen, was habe ich, worauf kann ich mich verlassen, mit wem möchte ich zusammen sein, welche Kontakte sind für mich passend, welche will ich meiden, wie orientiere ich mich sexuell, welche Werte sind für mich wichtig, was regt mich an, was entspannt mich? Diese Unsicherheit die eigene Identität betreffend umfasst ihr ganzes Selbst, ihr Fühlen, Denken, Empfinden.
Jens
»Ich weiß nicht, wer ich bin. Wer ich bin? Ich fühle mich wie eine Maske, hinter der aber nichts – in Worten – NICHTS ist. Wenn andere sagen: Das ist typisch für dich, kann ich nur lachen. Was soll denn typisch für mich sein? Typisch ist, dass nichts typisch für mich ist. Ich kann alles sein – oder eben gar nichts!«
Die Impulsivität und die Schwierigkeit, diese unter Kontrolle zu haben, sind Kernsymptome der Borderline-Störung. Besonders problematisch ist dies bei Impulsen, die die eigene Person, das Selbst schädigen. Dazu gehören sowohl Schädigungen des körperlichen Selbst, also zum Beispiel extremes Risikoverhalten in den unterschiedlichsten Bereichen, als auch des sozialen und emotionalen Selbst, etwa durch einen unüberlegten Vertragsabschluss, Kündigungen und so weiter.
Paul
»Ich steh eigentlich immer unter Strom. Bei mir ist alles intensiv. Wenn ich Auto fahre, dann richtig. Andere sind mir dann eigentlich ziemlich egal. Beim Essen ist es ähnlich: Wenn ich diese Gier empfinde, dann schlinge ich alles in mich hinein, egal was es ist, und wenn es sein muss, bis ich kotze.«
Suiziddrohungen oder -versuche geschehen häufig nach realen oder vorgestellten Zurückweisungen oder angesichts eines drohenden Verlusts einer stabilisierenden Person. Sie sind dann Ausdruck des »verzweifelten Bemühens, tatsächliches oder vermutetes Verlassenwerden zu vermeiden«. Eine andere Funktion haben Selbstverletzungen ohne jede Selbsttötungsabsicht. Sie werden angesichts starken Drucks häufig als entlastend erlebt und dienen meist der Wiederherstellung eines wie auch immer gearteten psychischen Gleichgewichts. Sie helfen den Betroffenen, den Kontakt zur Realität wiederherzustellen (vgl. ▶ Punkt 9).
Lisa
»Schneiden ist wie eine Erlösung. Warum ich schneide, weiß ich gar nicht. Es ist fast wie ein Zwang. Manchmal passiert es in der Arbeit, dass ich plötzlich anfange, daran zu denken. Das wird dann immer intensiver. Ich überlege mir oft schon Stunden vorher, wie es sein wird, wie ich möglichst schnell nach Hause komme – und dann bereite ich alles vor. Schon dann bin ich ganz ruhig – irgendwie erlöst.«
Borderliner erleben oft sehr intensive und extreme Gefühle, die abrupt in ihr Gegenteil umschlagen können. Dazu gehören positive Gefühlszustände (Liebe, Freude, Begeisterung) ebenso wie negative (Trauer, Zorn, Angst, Schuld, Scham), wobei negative Gefühle meist vorherrschen und sehr viel länger andauern. Stark ausschlagende, plötzlich eintretende Stimmungsschwankungen, denen Borderliner gewissermaßen ausgeliefert sind, sind die Folge.
Nele
»Meine Stimmung ist ein ewiges Hin und Her. Bei mir geht’s immer auf und ab, ich habe mich schon daran gewöhnt. Wenn’s mir mal wirklich gut geht, dann weiß ich, dass ich schon eine Minute später wirklich traurig dastehen kann. Genauso ist es mit der Angst – sie überfällt mich dann richtig, ohne dass ich weiß, wann es wieder so weit ist, das ist ein ewiges Hin und Her mit der Stimmung. Und was mir auch bei mir auffiel: Meine Gefühle sind viel stärker als bei anderen – nicht nur Angst oder Wut. Einfach alle Gefühle!«
Borderliner beschreiben aber auch Zustände innerer Leere oft gefühlt als innere Taubheit, die zum Verlust des Identitätsgefühls führen kann. Dieses kann sie überfallen in Situationen, die sie eben noch »ausfüllten«, die sie genießen konnten.
Sie »drehen ab«, weil dieser Zustand, der alles sinn- und hoffnungslos macht, alles erfasst und jedes andere Gefühl zunichtemacht. Die Unfähigkeit, allein zu sein, hängt stark mit dieser inneren Leere zusammen. Nur andere scheinen sie ausfüllen zu können.
Sven
»Es ist eh alles sinnlos. Aber soll ich mich wirklich aufraffen? Da ist dieses dumpfe, öde Gefühl, wie früher am Sonntagnachmittag auf dem Dorf, wo klar ist, dass sowieso nichts passiert, was mich aus diesem Gefühl erlösen kann. Und da soll ich noch gut drauf sein? Ist doch logisch, wenn ich auf den Mist keine Lust mehr habe, ist doch eh alles sinnlos. Wer nicht versteht, dass mein Leben sinnlos und vertan ist, der versteht von mir sowieso nichts.«
Viele Borderliner klagen über allgemeine Reizbarkeit, Ärger und Wut. Sie berichten von rasch einschießenden, manchmal langanhaltenden Zuständen äußerst quälender innerer Anspannung. Die hohe Impulsivität und die mangelnde Fähigkeit, sie zu kontrollieren, führen dann zu ständigen Konflikten mit anderen, häufig zu unangemessenen Wutanfällen und oft zu heftigem Streit bis hin zu aggressiven Handlungen.
Patrick
»Genauso ist es mit dieser Sauwut: Gnade dem, der da in meiner Nähe ist. Einmal habe ich mich mit drei Polizisten angelegt, denen ich den Stinkefinger gezeigt habe. Als sie dann was wollten, habe ich sofort losgeschrien. Nun ja, manche Ausdrücke hätte ich vielleicht doch lieber nicht sagen sollen. Jedenfalls mit der Anzeige danach war das ganz schön kompliziert. Ob es mir wenigstens leid tue, fragte der Richter. Was hätte ich dem denn sagen sollen? Hätte ich sagen sollen: Wissen Sie, in mir ist manchmal die Hölle los?«
In Belastungssituationen kann das Zutrauen zur Welt und zur eigenen Person vorübergehend völlig verloren gehen. Alles wird böse, verfolgend, die eigene Person scheint sich aufzulösen, der eigene Körper kann nicht mehr gespürt werden. Man steht neben sich (Depersonalisation). Die Umgebung verliert ihre Bedeutung, ihre Realität. Alles erscheint wie in einem Film (Derealisation).
Anzeichen sind verzerrte Wahrnehmungen, die alles kleiner oder größer oder sehr weit entfernt erscheinen lassen. Auch Halluzinationen sind dann manchmal möglich, wobei Betroffene anders als Menschen, die an einer Schizophrenie leiden, meist durchaus wissen, dass das, was sie gerade wahrnehmen, »eigentlich nicht sein kann«. (Experten sprechen dann von Pseudohalluzinationen.) Umgekehrt können Situationen, die die Verarbeitungsmöglichkeiten übersteigen, die also als ausweglose Bedrohung erlebt werden, auch eine Art »Totstellreflex«, also eine emotionale, sensorische und motorische Erstarrung, auslösen. Nichts geht mehr, nichts mehr wird gefühlt.
Daniela
»Wenn ich dann gemerkt habe, mit wem ich mich eingelassen habe, bin ich erst einmal weggetreten. Es ist immer so: Ich habe keine Erinnerung mehr daran, was wirklich passiert ist. Oft habe ich mich dann tagelang eingeschlossen, das Handy ausgeschaltet und mich unter der Bettdecke verkrochen … Komischerweise kann ich dann in meiner Wohnung allein sein.«
Für viele sind heute Selbstverletzungen zum »Markenzeichen« einer Borderline-Persönlichkeitsstörung geworden. Tatsächlich können sie über weite Phasen der Störung ganz in den Vordergrund treten und, da oft recht spektakulär und bedrohlich wirkend, auch zum Gegenstand der Hauptsorge werden. Müssen sie als Suizidversuche verstanden werden?
Borderliner praktizieren selbstverletzendes Verhalten in den verschiedensten Formen. Die häufigste Form ist sicher das Schneiden mit scharfen Gegenständen, wie Rasierklingen, Messern und Scherben. Am häufigsten sind Schnittverletzungen an den Unterarmen oder Oberschenkeln, nicht selten in fast grafisch anmutender Anordnung. Der Gefährdungsgrad ist trotz der oft blutigen Verletzungen eher gering. Im Gegensatz beispielsweise zu Pulsaderschnitten in suizidaler Absicht sind schwerwiegende Verletzungsfolgen wie Nerven- oder Sehnendurchtrennungen selten.
Auch das Kopfschlagen oder Sich-selbst-Schlagen, Beißen in Hände, Lippen oder andere Körperteile kennen viele Betroffene. Manche fügen sich Verbrühungen oder Verbrennungen zu, etwa mit dem Ausdrücken von Zigaretten auf der Haut. Allen Selbstverletzungen gemeinsam ist die Beschädigung, Verletzung des eigenen Körpers, ohne im eigentlichen Sinn suizidal zu sein, also auf die Beendigung des eigenen Lebens zu zielen.
Was hier für die Einordnung so klar unterschieden wird, stellt sich bei Borderlinern oft weniger eindeutig dar. Denn gerade bei den Selbstverletzungen, die sich Borderliner zufügen, ist das Risiko einer Selbsttötung nie ganz auszuschließen, da sie auch der Auftakt zu einer suizidalen Krise sein oder suizidale Krisen begleiten können. Wegen des Risikos einer Selbsttötung muss also auch bei Selbstverletzungen genauer nachgefragt werden. Betroffene müssen die Frage »Wollten Sie sterben?« klar verneinen können.
Selbstverletzungen gleich Borderline-Störung?
Der Trugschluss, dass selbstbeschädigendes Verhalten mit dem Vorliegen einer Borderline-Störung gleichgesetzt werden kann, ist auch unter Fachleuten immer noch weit verbreitet. Das Hauptmerkmal der selbstverletzenden Handlungen, die für Borderliner typisch sind, ist die Impulsivität. Aber solche impulsiven Selbstbeschädigungen kommen auch bei anderen psychischen Störungen vor. Das heißt: Borderline-Selbstverletzungen sind impulsiv, aber impulsive Selbstverletzungen müssen nicht bedeuten, dass der Betroffene eine Borderline-Störung hat.
Emma: »Mit 15 hat alles angefangen«
»Ich verkroch mich in meinem Zimmer. Es war wie immer, die haben mich immer nur angebrüllt und dann die Türen zugeknallt. Immer haben sie am Anfang gesagt, sie würden mich verstehen, und dann? Nicht die blasseste Ahnung haben die! Ich habe mich in meinem Hochbett verkrochen. Wie von selbst begannen meine Hände, einen spitzen Gegenstand zu suchen. Sie fanden eine Nagelschere. Vielleicht wollte ich nur einmal wissen, wie das ist. Doch dann sind da endlich die Schmerzen, aber die sind anders als die Schmerzen, die mir meine Eltern zugefügt haben. Ich sehe das Blut und habe das Gefühl, die Elternschmerzen endlich überwunden zu haben.«
Ist Ritzen »in«? Leider ist heute auch das »Ritzen« in manchen Gruppen Jugendlicher, auch Schulklassen fast zur Modeerscheinung geworden. Nicht alle Jugendlichen, die sich (meist leichte) Schnittwunden zuführen, sind »Borderliner«. Alle bedürfen aber sicher der besonderen Aufmerksamkeit verbunden mit der Frage: Warum meinen sie, durch diese Selbstverletzung besonders »cool«, »in« zu sein, und warum brauchen sie sie bei ihrer alterstypischen Suche nach einer eigenen Identität.
Für Nicht-Borderliner ist der Akt einer Selbstverletzung schwer nachvollziehbar. Häufig geschehen Selbstverletzungen als Reaktion auf Ereignisse, die für Borderliner eine erhebliche Belastung darstellen. Dies sind z. B. drohende Trennung oder Zurückweisung oder die Erwartung, mehr Eigenverantwortung übernehmen zu müssen.
Selbstverletzung als Notanker. Das von diesen Belastungen ausgelöste Gefühl, nicht mehr zu sein, auseinanderzubrechen, sich aufzulösen, abzustürzen, wird durch den körperlichen Schmerz durchbrochen. Auch zwanghaft auftretende innere Bilder, die häufig Elemente eines erlittenen seelischen Traumas als sogenannte Flashbacks wieder vergegenwärtigen, werden durch Selbstverletzungen unterbrochen. In all diesen Fällen wirken Selbstverletzungen wie eine Art Notanker angesichts einer inneren Überlastung. Der Schmerz entlastet und holt »Weggetretene« wieder ins Hier und Jetzt zurück.
Selbstbestrafung. Eine zweite Art der Entlastung durch Selbstverletzung erleben manche, wenn die Wut auf die eigene Person zu groß wird. Die Verletzung ist dann Selbstbestrafung, weil »ich wieder einmal« oder »wie immer« versagt habe, weil »ich meinen eigenen hohen perfektionistischen Ansprüchen nicht genügt habe«, »weil ich einfach grundlegend schlecht und böse bin, schlecht war und immer sein werde.« Diese Wut ist oft die Reaktion auf ein Leid, das ihnen selbst angetan wurde. Dadurch, dass sie sich nun fehlgeleitet in einer Wendung gegen die eigene Person, gegen die eigene Schlechtigkeit richtet, kann sich der Betroffene immer und immer wieder rächen. Er muss nicht die Aggression desjenigen fürchten, an dem er sich eigentlich rächen müsste.
Ventil für inneren Druck. Borderliner selbst beschreiben ihre Selbstverletzungen oft auch als Versuch, dem unerträglichen inneren Druck, der sie zum »Platzen« zu bringen droht, ein Ventil zu schaffen. Andere erleben sie als »Markenzeichen«, als Beweis dafür, etwas Besonderes zu sein, was immer noch besser ist, als nichts zu sein. Manchen dienen sie als Zeichen des Triumphes über den Schmerz oder die Feigheit. Wer ständig fürchten muss, die Kontrolle über sich zu verlieren, kann hier zeigen, wer nun wirklich »Herr im Hause« ist.
Neben diesen unterschiedlichsten Funktionen, mit sich selbst wieder ins Reine zu kommen – der sogenannten innerpsychischen Bedeutung von Selbstverletzungen –, können sie auch durchaus eine interpersonelle Funktion haben, also an andere gerichtet sein.
Wortloser Appell. Sie dienen in diesem Fall als »Sprache« oder besser Ersatz für Sprache. Man spricht dann vom Appellcharakter der Selbstverletzungen. In einem solchen Fall signalisieren Selbstverletzungen wortlos einen Zustand, über den man noch nicht sprechen kann. Vielleicht kann ein solcher Zustand tatsächlich nicht in Worte gefasst werden, weil er aus einer Zeit stammt, in der die Betroffenen noch nicht über Sprache verfügten, mit der sie ihn hätten beschreiben können. Angehörige erfahren in diesen Fällen immer wieder, dass sie diese »Sprache« gar nicht richtig verstehen oder dass sie so Widersprüchliches ausdrückt, dass sie ohne Hilfe eines therapeutischen »Dolmetschers« vielleicht für immer unverständlich bleiben muss.
Andere manipulieren. Borderliner erleben die Angst, das Entsetzen und auch die Verärgerung, die dieses Verhalten in der Umgebung auslöst, und sie entwickeln immer mehr die Fähigkeit, dieses Verhalten auch durchaus manipulativ einzusetzen. Aus der gefühlten Hilflosigkeit und Ohnmacht wird Macht.
Den Endpunkt selbstschädigenden Verhaltens bildet die Suizidalität und als ihre Konsequenz die Selbsttötung, der Suizid. Dieses Risiko der Borderline-Störung muss immer mit bedacht werden. Tatsächlich beträgt die Sterberate durch Selbsttötung je nach wissenschaftlicher Studie 5–10 Prozent. Von Suizidfantasien oder -gedanken sprechen alle Menschen mit einer Borderline-Störung hin und wieder.
Zum Komplex der Suizidalität gehören die folgenden Denk- und Handlungsebenen.
Suizidgedanken. Gedanken, Ideen und Fantasien, die immer um das eine Thema kreisen: »Was wäre, wenn ich mich umbrächte? Wie würde ich das tun? Soll ich nicht einfach?« Diese Gedanken werden möglicherweise bewusst heraufbeschworen, jedoch drängen sie sich häufig auch auf unabweisbare Weise auf.
Suizidale Gesten. Sie sollen, beabsichtigt oder unbeabsichtigt, die Umwelt auf Suizidgedanken aufmerksam machen.
Suizidversuche. Sie können ein misslungener Suizid sein, also tatsächlich den Tod beabsichtigt haben. Als sogenannte »parasuizidale Handlung« dagegen erfolgen sie ohne Tötungsabsicht, werden von der Umwelt aber als Suizidversuch verstanden. Oft sollen sie auch so gesehen werden.
Suizid. Die Selbsttötung, die gelingt und irreversibel ist.
Todeswunsch.
