Lebenselixier Bewegung - Prof. Dr. Thomas Wessinghage - E-Book

Lebenselixier Bewegung E-Book

Prof. Dr. Thomas Wessinghage

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Beschreibung

"Unser modernes digitales Leben ist ein Angriff auf unseren Körper, der sich bewegen möchte", sagt Thomas Wessinghage, ehemaliger Weltklasseläufer, Präventionsmediziner und Fitness-Visionär. Aus langjähriger Erfahrung weiß er, wie viel Lebenskraft und -freude in der Bewegung liegen. In seinem Buch lässt er teilhaben an den prägendsten Stationen seines Lebens – vom begeisterten Jungen, der seine ersten Turnschuhe schnürte, zum renommierten Mediziner und gefragten Fachmann für Gesundheitsthemen. "Unser Körper hat sich mit der Digitalisierung nicht automatisch auf 2.0 upgegraded, sondern er hat steinzeitliche Bedürfnisse." Persönlich und mit wissenschaftlicher Expertise erklärt Wessinghage verständlich und unterhaltsam, wie wir dem Körper das geben können, was er wirklich braucht. Denn mit der richtigen inneren Haltung und Disziplin stellt sich körperliches, geistiges und seelisches Wohlbefinden ein – auch im Alter. Er gibt dabei nicht nur praktische Empfehlungen, auch erzählt er aus seinem bewegten Leben. Ein inspirierender Appell, das Geschenk Leben zu nutzen!

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Seitenzahl: 294

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Thomas Wessinghage

Lebenselixier Bewegung

Prof. Dr. Thomas Wessinghage hat eine beeindruckende sportliche Karriere hinter sich: Er gewann als Mittel- und Langstreckenläufer 22 Deutsche Meistertitel, wurde 1982 in Athen Europameister über 5.000 Meter und nahm 1972 und 1976 an den Olympischen Spielen teil. Für fast 45 Jahre hielt er den Deutschen Rekord über die 1.500 Meter (3:31,58 min; gelaufen 1980 in Koblenz). Nach seiner aktiven Karriere war er als Facharzt für Orthopädie, Physikalische u. Rehabilitative Medizin und Sportmedizin tätig, zuletzt als Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Medical Park Kliniken im Tegernseer Tal. Heute ist er Prorektor der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement (DHfPG), zudem 1. Vorsitzender des Arbeitgeberverbands deutscher Fitness- und Gesundheits-Anlagen (DSSV).

Shirley Michaela Seul hat als freie Autorin und Co-Autorin bereits zahlreiche Bücher geschrieben.

Prof. Dr. Thomas Wessinghage

Mit Shirley Michaela Seul

Lebenselixier Bewegung

Mein Fazit aus Sport und Präventionsmedizin

für einen gesunden Körper und mentale Fitness

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden, denn es ist urheberrechtlich geschützt. Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG („Text und Data Mining“) zu gewinnen, ist untersagt.

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Zur besseren Lesbarkeit wird in diesem Buch das generische Maskulinum verwendet. Personenbezeichnungen umfassen selbstverständlich alle Geschlechter gleichermaßen. Die gewählte Form dient allein der sprachlichen Vereinfachung und schließt Frauen, Männer und Menschen aller Geschlechtsidentitäten gleichermaßen ein.

Klimaneutrale Produktion.

Gedruckt auf umweltfreundlichem, chlorfrei gebleichtem Papier.

1. Auflage 2025

Copyright © 2025 Bonifatius Verlag in der Bonifatius GmbH

Karl-Schurz-Str. 26 | 33100 Paderborn | Tel. 05251 153-171 | [email protected]

Umschlaggestaltung: Weiss Werkstatt München, werkstattmuenchen.com

Titelfoto: © T. Wessinghage, Medical Park

Bildteil: privat, sofern nicht anders angegeben.

Satz: Bonifatius GmbH, Paderborn

Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck

Printed in Germany

eISBN: 978-3-98790-961-0

www.bonifatius-verlag.de

Inhalt

Vital oder fix und fertig?

Sind wir nicht alle Betrüger?

Schlüsselkompetenzen für den Erfolg

Körperglück

Wie die Menschheit ins Laufen kam

Meine ersten Olympischen Spiele

Der Vatersegen

Struktur als Disziplin

Disziplin im Sport, Erfolg im Beruf

Arzt auf der Langstrecke

Muskeln unterm Mikroskop

Medizinmann beim HSV

Medizin als Heilsbringer?

Bonustrack

Cool-down

Der tägliche Auslauf: Empfehlungen für ein gesundes Training

Danksagung

In Liebe und Dankbarkeit

– für meine Eltern –

Vital oder fix und fertig?

In den letzten Jahrzehnten haben wir Menschen uns daran gewöhnt, immer älter zu werden. Ein langes Leben wird uns mittlerweile statistisch prophezeit, und so scheint es immer weiterzugehen. Werden wir bald flächendeckend die Marke des Alters von 100 Jahren knacken?

Nein, die Kurve hat einen Knacks bekommen: Wir sind 2024 erstmals mit 81,2 Jahren unter den EU-Durchschnittswert bei der Lebenserwartung gefallen, obwohl Deutschland mehr Geld als alle anderen Staaten für die Gesundheit seiner Bürger ausgibt. Doch wofür genau wird dieses Geld ausgegeben? Und wie viel davon wird dort investiert, wo die Chancen auf ein langes und vor allem gesundes Leben am besten sind?

Laut zahlreicher wissenschaftlicher Studien wäre eine erhebliche Anzahl der Erkrankungen im Alter vermeidbar, denn nur etwa ein gutes Fünftel der über 65-Jährigen in Deutschland bewegt sich ausreichend.

Sich regelmäßig zu bewegen, ist gewiss keine neue Botschaft. Doch über viele Jahre hat sich unsere Wahrnehmung von Bewegung verändert, ebenso unser Lebensstil. Und bevor Sie jetzt das Buch zuschlagen, weil Sie kein schlechtes Gewissen haben wollen, geben Sie mir bitte eine Chance.

Denn Bewegung kann so viel mehr, als Sie vom Sofa zu locken. Sie ist ein wahres Lebenselixier, denn sie verbessert Ihre Lebensqualität ganzheitlich – körperlich wie auch psychisch. Kurz: Bewegung schenkt uns Lebensfreude!

Auf den folgenden Seiten möchte ich Sie motivieren, Ja zu sagen zum wichtigsten Partner Ihres Lebens: Ihrem Körper. Denn er stellt die wesentlichen physiologischen wie mechanischen Voraussetzungen bereit für jede Art von Aktivität – Muskeln, Skelett, Herz-Kreislauf, Hormone … – und damit für ein langes und erfülltes Leben.

Aber wertschätzen wir das eigentlich?

Ist uns die fundamentale Bedeutung unseres Körpers im Alltag bewusst?

Nicht nur als Mediziner wage ich zu behaupten, dass die meisten Menschen ihren Körper erst richtig spüren, wenn er nicht mehr ordnungsgemäß funktioniert. Und das ist schade! Besser wäre es doch, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen!

Ihre Gesundheit liegt mir am Herzen!

Thomas Wessinghage

Sind wir nicht alle Betrüger?

Eigentlich weiß man genau, was man tun sollte, um dem Körper Gutes zu tun, gesund zu bleiben, die Lebensqualität zu verbessern. Man tut es aber nicht. Man weiß genau, was man unterlassen müsste. Und macht trotzdem weiter wie gewohnt. So ist er, der Mensch. So sind wir, die einen mehr, die anderen weniger.

Eine egal wie hohe statistische Lebenserwartung bedeutet nicht automatisch, dass das Leben länger schön ist. Das Gegenteil ist häufig der Fall: Die steigende Lebenserwartung verlängert die Zeit, in der das Leben für viele Menschen eben nicht schön ist. Diese große Angst ist mit dem Älterwerden verbunden. Doch mit einer gesunden Lebensweise zeigt sich, dass auch in höherem Alter das Leben weitgehend schmerzfrei genossen werden kann. Das ist nicht nur für den Einzelnen eine gute Nachricht, sondern auch für die Gesellschaft, denn: Krankheit kostet Geld, sehr viel Geld, das zu Lasten der Gemeinschaft an anderen Stellen eingespart werden muss.

„Es wird schon gut gehen“, hoffen wir. Dabei ähneln wir ein bisschen Betrügern, die sich darauf verlassen, ihr Betrug werde nicht entdeckt. Sie wissen zwar, dass es immer schwieriger wird, eine Straftat zu begehen, schließlich hängen überall Kameras, doch sie glauben trotzdem, dass sie mit heiler Haut davonkommen. Denn sie sind ja schlauer als andere. Oder sie überschätzen sich nach dem Motto: Im Zweifelsfall trifft es die anderen, nicht mich selbst.

Doch eines Tages merkt man, dass der Plan nicht aufgeht. Eine Kamera entdeckt bei einer Magenspiegelung das Ergebnis des Betrugs. Oder im CT, MRT wird etwas gefunden. Oder man selbst überführt sich eines anderen Selbstbetrugs, weil man sich jahrelang gar nichts und dann aus einer Laune heraus viel zu viel zugemutet hat … Wird schon gut gehen … Ja, vielleicht. Vielleicht aber auch nicht, denn man hat diese kleinen augenzwinkernden Betrügereien keinem anderen angetan, sondern seinem Körper, also sich selbst.

Wissen Sie eigentlich, welche Wunder Ihr Körper ständig vollbringt? Keine Maschine kann ihn ersetzen. Hier mal ein paar Beispiele: 9.000 Liter Blut befördert das Herz täglich und schlägt dabei rund 100.000 Mal. Die Nieren filtern täglich ca. 170 Liter Blut, also in Bierwährung etwa 340 Flaschen oder 17 Kästen Münchner Hell.

All das leistet der Körper ein Leben lang, rund um die Uhr, jeden Tag, ohne Wochenende, Freizeit oder Urlaub.

Ich glaube, wir sind uns einig, dass wir dieses Wunder achten und ja, auch ehren und uns so verhalten wollen, damit es möglichst lange ein Wunder bleibt, anstatt den Körper zu einer Wunde werden zu lassen, die schmerzt und uns das Leben versauert. Genau das kann aber passieren, wenn wir die Grundbedürfnisse unseres Körpers missachten. Denn ihre Erfüllung entscheidet darüber, ob und wie lange wir gesund bleiben, ob und wie sich unser Älterwerden gestaltet. Und wir müssen uns schlau verhalten, denn das ist unser Körper auch. Er interpretiert jede unserer Handlungen mit einem Wissen, das er sich über Zehntausende von Jahren angeeignet hat.

Hängt das nicht von den Genen ab? Oder vom Schicksal? Nun, zu einem Teil gewiss. Dennoch können wir sehr viel dazu beitragen, dass wir gesund sind und bleiben – egal in welchem Lebensalter. So richtet sich dieses Buch auch an unterschiedliche Leserinnen und Leser: an ambitionierte und Freizeit-Sportler, Sporteinsteiger, Menschen, die sich für Gesundheitsthemen interessieren und möglichst lange beweglich bleiben möchten, Fitness-Interessierte, Leichtathletik-Fans, „Patienten“, die selbst aktiv werden wollen, wie auch Angehörige, die sich Sorgen machen. Zum Beispiel Eltern, die sich verzweifelt fragen, wie sie ihre mit dem Smartphone oder ihrer Konsole verwachsenen Kinder zu mehr Bewegung motivieren können – weil sie wissen, dass die Unterlassungen von heute die Krankheiten von morgen sind.

Kurioserweise greift unser moderner Lebensstil, der viel Gutes mit sich bringt, unsere gesunde Basis an. Oder anders ausgedrückt: Wir leben nicht nur in sehr bequemen Zeiten, sondern in zu bequemen. Auto, Fahrstuhl, Fernbedienung, Zentralheizung, per App bedienbare Spül- und Waschmaschine, Telefon …

Um den Alltag zu meistern, muss man sich nicht mehr viel bewegen. Ja nicht einmal, wenn einem der Sinn nach Austausch mit anderen steht, muss man Schritte tun. Es genügen minimale Fingerbewegungen für das digitale Visavis. Alles ist jederzeit verfügbar – zur Not, und ja, das ist eine Not, auch im Liegen.

So ist unser modernes Leben ein Angriff auf einen Körper, der sich bewegen möchte – weil er das braucht, weil er so gebaut ist. Er hat sich im digitalen Zeitalter nicht upgegradet auf 2.0, sondern ist noch immer nahezu derselbe wie aus der ersten Serie in der Steinzeit. Und als solcher hat er Steinzeit-Bedürfnisse: Er möchte laufen und liegen – alles zu seiner Zeit. Er möchte kauen, statt Smoothies durch den Strohhalm zu saugen, er möchte seinem Biorhythmus folgen und sich ausreichend bewegen. Wenn er das lange nicht mehr tut oder nur unzureichend, baut er ab. Nicht nur Muskeln. Alle Körperfunktionen sind früher oder später davon betroffen. Einer Armada von Zivilisationskrankheiten fällt es dann leicht, den Körper zu entern. Selbst die Seelensegel flattern auf Halbmast.

Unzählige Studien haben gezeigt: Bewegungsmangel und ein die körperlichen Bedürfnisse boykottierender Lebensstil bahnen den Weg in Depressionen. Und wer psychisch in den Seilen hängt, wird sich kaum aufraffen können, mittels Bewegung wieder in Schwung zu kommen. Ein Teufelskreis. Wann ist zu wenig zu viel, und wann ist zu viel wirklich zu viel? Dazu wissen wir heute deutlich mehr als früher.

In meinem Medizinstudium habe ich noch gelernt, dass ein Patient nach einem Herzinfarkt ins Bett gehört. Heute wissen wir, dass er seine Chancen, diese Krise gut zu überstehen, auf dem Fahrradergometer signifikant erhöht. Gezielte und strukturierte Bewegung ist aber nicht nur zur Rekonvaleszenz nötig, sondern immer – egal ob wir krank oder gesund, jung oder alt sind.

Letztlich ist der Körper wie ein Fahrzeug, und jeder versteht, dass ein Auto, das nicht gewartet wird, irgendwann liegen bleibt. Unsere trickreiche Zivilisation hat hier jedoch Abhilfe geschaffen: Wer nicht gehen kann, wird geschoben oder bekommt Ersatzteile sowie Pillen, inklusive Nebenwirkungen.

Ich frage mich oft: Warum nutzen wir nicht das, was wir von Haus aus haben? Wir haben einen meistens perfekt funktionierenden Körper fürs Leben geschenkt bekommen. Es ist nicht schwer, ihn gesund zu erhalten, doch ist es eine Nebenwirkung der Zivilisation, dass wir es verlernen. Und schlimmer noch: Unser heutiger Lebensstil hat sich als eines der größten Gesundheitsrisiken entpuppt.

Modernes Leben – eine Gefahr?

Also, lieber zurück in die Steinzeit? – Dann würden die meisten von uns gar nicht mehr am Leben sein, und einen Zahnarzt gab es auch nicht. Oder Narkose. Eine Erkältung konnte das Todesurteil bedeuten. Allerdings ist es ein Trugschluss anzunehmen, dass die Menschen früher im Durchschnitt maximal 30 Jahre alt wurden. Das möchte ich am Beispiel der britischen Königin Anne verdeutlichen. Sie lebte vom 6. Februar 1665 bis zum 1. August 1714 und war in dieser Zeit 18-mal schwanger. William, ihr siebtes Kind, wurde am ältesten, nämlich 11 Jahre. Alle anderen starben als Säuglinge oder Kleinkinder. Solch traurige Schicksale waren in den damaligen Zeiten nicht ungewöhnlich; die Säuglingssterblichkeit war enorm hoch – und verfälscht die Statistik. Die meisten Kinder und auch Mütter, die bei der Geburt starben, hätten mit unserem heutigen medizinischen Wissen gerettet werden können.

Da wird einem bewusst, was für ein Geschenk unsere Hightechmedizin ist. Sie kriegt nicht nur eine Erkältung, die seinerzeit auch tödlich hätte enden können, in den Griff, sondern baut sogar Ersatzteile ein. Die Medizin hat unglaubliche Fortschritte gemacht seit meinem Medizinstudium, das ich 1977 mit dem Staatsexamen beendet habe, und das ist großartig!

Allerdings scheinen wir gelegentlich zu vergessen: Was unseren Körper betrifft, ist er immer noch der Alte. Wir laufen mit demselben Modell herum wie unsere Vorfahren, die mit Pfeil und Bogen statt Kreditkarte jagten. Da die Welt um uns herum jedoch immer technisierter geworden ist, verfallen wir manchmal dem Irrglauben, auch der Körper könnte behandelt werden wie ein Computer. Wir meinen, er bräuchte nur die richtigen Programme, ein Update, eine High-Speed-Verbindung. Mit „In-App-Käufen“ erwerben wir uns zusätzliche Features. Wir können unseren Körper optimieren, ob mit plastischer Chirurgie, Fettabsaugen oder Abnehmspritzen, falls es mit der Bewegung und dem Lebensstil nicht klappt. Hauptsache, es geht schnell!

Was wir dabei vergessen: die Freude am Tun. Ein beweglicher Körper ermöglicht viel mehr Teilhabe am Leben. Sie klingelt nämlich nicht an der Tür, wenn man im Fernsehsessel sitzt, und holt einen ab, um aktiv statt passiv etwas zu erleben. Dem Leben muss man schon eine Chance geben und ihm dafür ein bisschen entgegengehen.

Ich erinnere mich an eine Arthrose-Patientin, die ausschließlich Massagen verschrieben haben wollte. „Die tun mir so gut.“ Im Gegensatz zu dem von mir empfohlenen Training an den Geräten: „Das ist nichts für mich. Das müssen Sie streichen. Die Übungen mag mein Körper gar nicht.“

Im Gespräch stellte sich heraus, dass die Mittfünfzigerin ihre Wohnung fast nie verließ, da sie dazu acht Stufen steigen müsste. „Das schaffen meine Knie nicht mehr.“

In der Folge und in Verbindung mit anderen Umständen war die Patientin in eine soziale Isolation gerutscht, aus der es keinen Ausweg zu geben schien – außer zwei neue Kniegelenke. Doch sie fürchtete sich vor einer Operation. Deshalb war sie auch erstaunt, dass ich ihr für „ein bisschen Seele-Streicheln“ kein Rezept ausstellen wollte. Mein Therapievorschlag sah anders aus und stieß zuerst auf wenig Freude.

So habe ich es oft erlebt während meiner langjährigen Tätigkeit – ob als Ärztlicher Direktor und Chefarzt in der Rehaklinik Saarschleife, ob als Ärztlicher Direktor und Geschäftsführer der Rehaklinik Damp oder als Chefarzt, Ärztlicher Direktor und Geschäftsführer von drei Medical-Park-Kliniken am Tegernsee. Viele Menschen sehen nur die Anstrengung, die es kostet, Gewohnheiten zu verändern, nicht aber das Ziel: Lebensfreude!

Wie Sie dieses Ziel trotz aller Widerstände erreichen können, werden Sie im hinteren Teil dieses Buches erfahren. Dort finden Sie auch zahlreiche Anregungen für mehr Lebensqualität, egal in welchem Alter. Und ein paar Spezialtipps für all diejenigen, die ihren Lebensspätsommer und -herbst nicht als passive Zuschauer, sondern als aktive Gestalter verbringen wollen.

Um noch einmal auf die Patientin zurückzukommen: Ihr fiel dann plötzlich ein, wie schön es war, als sie früher manchmal mit dem Hund einer Nachbarin spazieren ging. Dass sie unterwegs so viele nette Gespräche hatte. Dass sie das richtig glücklich gemacht hatte und wie weich das Fell des Hundes war. Auf einmal hatte sie ein Ziel, und dafür lohnte sich die Anstrengung.

Ich glaube, dass uns die fehlende Vorstellungskraft, was wir erreichen können, wenn wir uns bewegen, oft lähmt. Dazu kommt natürlich, dass die Komfortzone mit einem heimtückischen Klebstoff ausgekleidet ist. Da braucht es Schwung, um sich loszureißen, zumal wir Menschen auch häufig Schwierigkeiten haben, uns langfristig zu motivieren.

Warum fällt es uns so schwer, Dinge zu verändern, die existenziell wichtig sind? Dieses Phänomen beschäftigt nicht nur uns Mediziner, sondern auch Wissenschaftler aus anderen Bereichen. Es scheint so zu sein, dass die meisten von uns Weltmeister sind. Nicht im Sport, sondern im Verdrängen. Es wird schon nicht so schlimm werden …

Wir tun leider meist erst dann etwas – wir werden im wahrsten Sinne des Wortes aktiv –, wenn es fünf vor zwölf ist. Oder auch fünf nach zwölf. Wer vom Fach ist, weiß, dass es schlimm wird, sobald sich eindeutige Anzeichen häufen.

Erprobtes Erfolgsrezept

Lang vom Fach bin ich auch, sowohl als Sportler als auch als Mediziner. Nach meinem Abitur 1970 nahm ich an den Junioren-Europameisterschaften in Paris teil. Ich hatte gerade meine neue Lieblingsstrecke entdeckt, die 1.500 m, als nur wenige Wochen später das erste Semester meines Medizinstudiums begann. Doch es ließ mir bei kluger Planung genug Zeit zum Training, und so schaffte ich es, mich für die Olympischen Spiele 1972 in München zu qualifizieren.

Wegen der Olympischen Spiele 1976 in Montreal verschob ich mein Staatsexamen um ein halbes Jahr und legte 1977 in 14 Fächern 28 Prüfungen ab. Insgesamt wurde ich viermal für die deutsche Olympiamannschaft nominiert und nahm an 62 Länderkämpfen teil. 1981 wurde ich Leichtathlet des Jahres, 1982 in Athen Europameister über 5.000 m und auch siebenmal Halleneuropameister.

Während meiner Facharztausbildung zur Orthopädie arbeitete ich an verschiedenen Kliniken und betrieb zudem bis 1987 aktiv Leistungssport. Beim Fußballbundesligisten HSV habe ich mich in Zusammenarbeit mit Felix Magath acht Jahre lang um die Wegbereitung der ambulanten Rehabilitation und dabei auch um die der Fußballspieler gekümmert. 2008 erhielt ich die Berufung zum Professor an der DHfPG, Deutsche Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement, später wurde ich ihr Prorektor.

Mit 68 Jahren schied ich aus dem Klinikalltag aus und widme mich seither vielen anderen Aktivitäten wie beispielsweise der Vorstandsarbeit im DSSV – Deutscher Sportstudio Verband –, der Arbeitgebervertretung der deutschen Fitness- und Gesundheitseinrichtungen. Ich bin als Speaker viel unterwegs, arbeite als Autor, gebe einen Newsletter heraus und bin für die Hochschule nach wie vor als Prorektor tätig. Die Auswirkungen von Bewegung und einem gesunden Lebensstil – egal ob im Leistungssport oder im Alltag – sind zu meinem Lebensthema geworden.

Mit nunmehr 73 Jahren stelle ich fest, dass mein „Rezept“ für Gesundheit und hohe Lebensqualität auch in der Praxis funktioniert hat. Ich kenne ehrlich gesagt wenige Altersgenossen, eigentlich eher keine, die in diesem Alter so viel in ihre Gesundheit investieren – und das bedaure ich sehr. Es liegt wohl daran, dass Fitness nicht vom Himmel fällt, sondern irdisch erworben werden muss. Die gute Nachricht: Man braucht kein Abitur dazu.

Doch ich gestehe: Im Vergleich zu meinem Pensum von früher bin ich nun ein engagierter Freizeitsportler. Denn für Lebensqualität und Gesundheit kommt es nicht darauf an, ein extremes Training zu absolvieren, sondern darauf, sich regelmäßig zu bewegen. Und gut zu seinem Körper zu sein – der größten Liebe unseres Lebens. So schreibe ich dieses Buch als Mediziner, als Sportler und auch als Mensch mit einer gewissen Lebenserfahrung, der glaubt, ein funktionierendes Konzept entdeckt zu haben, mit dem wir gesund bleiben und glücklich alt werden.

Im Alter von vierzehn Jahren begann ich mit dem Leistungssport, und er hat mich in einer sehr wichtigen frühen Phase meines Lebens geprägt. Durch meine beiden Hauptdisziplinen, die 1.500 und 5.000 m, standen dabei Eigenschaften wie Fleiß, Disziplin, körperliche und seelische Balance im Fokus. Diesen Fokus habe ich auch nach meiner aktiven Sportkarriere beibehalten. Er hat mich sowohl im Beruf als auch im Privatleben stets begleitet und vorangebracht.

Als Arzt konnte ich meinen Patienten nicht nur theoretische Tipps zu gesunder Lebensführung geben – ich hatte sie praktisch alle selbst ausprobiert. Und wenn ein Mediziner jenseits der 50 beziehungsweise 60 Therapiekonzepte vorstellt, die er selbst verkörpert – und dabei sehr vital wirkt –, motiviert das auch andere. Oder wie sagte einmal ein Patient so nett beim Abschied: „Herr Doktor Wessinghage, Sie sind mein Erfolgs-Rezept.“

Ich habe Tausende von Patienten begleitet und kenne die Stolperfallen auf dem Weg zur Gesunderhaltung. Wobei Gesundheit stets altersangepasst betrachtet werden muss. Mit zwanzig sieht Gesundheit anders aus als mit siebzig. Aber ob zwanzig oder siebzig, man kann gesund sein und sich gesund und leistungsfähig fühlen und große Freude am Leben haben, sofern man frei von Zivilisationskrankheiten ist, die leider in immer früheren Lebensphasen auftreten. Zu denen gehören beispielsweise Herz-Kreislauf-Probleme, Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck, Gefäßerkrankungen, Arthrosen, Karies. Manche Befindlichkeitsstörungen wie Schlaf- und Verdauungsstörungen oder Depressionen werden von vielen Betroffenen gar nicht als Folgen von Zivilisationskrankheiten erkannt. Man glaubt, man müsse sich damit abfinden, das bringe das Alter so mit. Nein, das Alter kann auch mit leichtem Gepäck anreisen, man muss sich nicht mit Zipperlein abfinden, und man braucht auch nicht darauf zu warten, dass irgendwann ein „Kraut“ dagegen wächst. Das Kraut gibt es nämlich schon, und auf den folgenden Seiten möchte ich es Ihnen vorstellen – und mehr noch: Ihnen Lust darauf machen, aus diesem Kraut ein Elixier zu machen und davon zu kosten … und sich dann an einem neuen Lebensgefühl zu erfreuen.

Jeder Körper möchte gesund sein!

Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man sein Leben passiv oder aktiv verbringt. Ob man einen Gipfel zu Fuß erobert, die frische Luft genießt, viel Schönes sieht und wahrnimmt, wie still es ist, – und die Brotzeit schmeckt ganz anders, man hat sie sich ja auch verdient. Oder ob man in der Kabine mit vielen anderen nach oben gegondelt wird und später wieder runter. Wer schon eine Weile in der Gondel durchs Leben schunkelt, muss sich natürlich erst wieder daran gewöhnen, zu Fuß zu gehen. Andere hingegen, die noch nie in einer Gondel saßen und das aus tiefster Überzeugung ablehnen, müssen sich vielleicht mit zunehmendem Alter damit anfreunden, hin und wieder den bequemeren Weg zu wählen. Damit will ich sagen: Es gibt keine ideale Strecke für alle. Jeder ist ein Individuum mit seiner eigenen Geschichte. Doch wenn man den Körper quasi als erster Körperverantwortlicher richtig behandelt, braucht er häufig keine ärztliche Behandlung.

Leider machen wir uns aber, die einen mehr, die anderen weniger, so mancher Betrügereien an unserem Körper schuldig. Da es fast alle tun, scheint es normal zu sein. Denn obwohl wir von immer mehr angeblich zeitsparenden Alltagshelfern umgeben sind, haben immer mehr Menschen immer weniger Zeit. Schon gar nicht für regelmäßiges Training, und seien es morgens nur drei Minuten im Bett die Beine in die Luft zu heben und die Fußgelenke kreisen zu lassen. Wer es mal versucht, stellt meist ziemlich erstaunt fest, dass eine kleine Bewegungseinheit am Morgen eine Investition in das Gelingen des Tages ist – und erweitert sie dann vielleicht sogar „freiwillig“. Denn es fühlt sich gut an. Und man merkt plötzlich: Hoppla, da ist ja noch wer. Da hängt ja ein Körper an den Gedanken. Und eine Seele gibt es auch noch! Auf einmal fühlt sich alles total entspannt an morgens im Bett nach ein bisschen Fußkreisen. Oder nach einer Gymnastikeinheit vor dem Kaffee. Oder fünf Kilometern entspanntem Laufen. Herrlich auch, dieses gute Gewissen: Ich hab heute schon was für mich gemacht. Nur für mich!

Sehr oft tun wir sehr viel Gutes für andere und vergessen uns selbst dabei. Gerade so, als dürften wir nicht auch mal an uns denken. Doch die Menschen, die uns wohlgesinnt sind, wünschen sich, dass es uns gut geht. Sie möchten, dass wir gesund sind und weiterhin noch viele schöne Dinge gemeinsam erleben können.

Und das möchte der Körper auch.

Jeder Körper möchte gesund sein, darauf ist er ausgelegt. Wenn Sie beim Zwiebelschneiden mit dem Messer abrutschen und ein wenig bluten, rückt sofort das Einsatzkommando Ihres Körpers aus. Von der Freiwilligen Feuerwehr zum Technischen Hilfswerk und der Polizei, alle helfen mit. Über dreihundert Arten weißer Blutkörperchen gibt es in unserem Körper, die jeden Angreifer aufspüren, verhaften und eliminieren. Sollte irgendwo ein Blutgefäß verletzt sein, wenn also nur ein Tröpfchen Blut fließt, flicken Blutplättchen, Thrombozyten genannt, das Loch und sorgen mit Gerinnungsfaktoren dafür, dass alles schnell wieder dicht und die Gefahr gebannt wird. Anschließend kommen die Fibrozyten, Bindegewebszellen, die Hausmeister im Körper, die alles reparieren und eine schicke Narbe aus den Verletzungen machen. Und schon kann es weitergehen … Das ist nur ein Beispiel von unzähligen, das verdeutlicht: Unser Körper will leben!

Hindern wir ihn daran oder unterstützen wir ihn dabei?

Auf den folgenden Seiten möchte ich Sie motivieren, unseren besten Freund, den Körper, bei seiner Arbeit für uns bestmöglich zu unterstützen, indem Sie ihm, indem Sie sich selbst Freiraum im Leben verschaffen – durch Bewegung.

Wohlgemerkt: die richtige. Das mag für den einen mehr, für den anderen weniger sein. Das ideale Maß hat nicht nur Auswirkungen auf Ihre organische Gesundheit. Sie werden sich auch ausgeglichener, zufrieden, ja vielleicht sogar glücklich fühlen, wenn Sie die Signale Ihres Körpers wahrnehmen und deuten können. Sie brauchen dazu keine Dolmetscher, es kommt darauf an, nach innen zu lauschen. Ich bin überzeugt: Jedem Körper wohnt ein Heiler inne. Indem wir ihm folgen, folgen wir der Fährte zu einem guten Leben.

Mildernde Umstände?

Egal in welchem Lebensalter, wir können immer beginnen, uns zu bewegen, und mit einem angepassten Training unsere Situation verbessern. Immer. Ganz gleich, ob uns die Angst vorm Pflegeheim im Nacken sitzt oder wir durch jahrelange Überbeanspruchung langsamer machen müssen. Ob wir für unsere Enkel fit sein wollen oder uns mit dreißig der erste Bandscheibenvorfall signalisiert, dass es so nicht weitergeht – Veränderung ist möglich! Ja, auch im hohen Alter lässt sich noch vieles zum Positiven wenden, wie zahlreiche Studien belegen.

Bis vor einigen Jahren ging man davon aus, die Persönlichkeit eines Menschen wäre unveränderbar. So hatte es der „Vater“ der Psychoanalyse, Sigmund Freud, gedeutet. Sind nicht alle Wesenszüge in der Kindheit betoniert? Seine Erkenntnisse waren geprägt vom herrschenden Zeitgeist, und der war insgesamt nicht besonders menschenfreundlich. Die aktuelle Altersforschung hat belegt, dass wir uns bis ins hohe Alter verändern können, egal, wie unsere Flügel in der Kindheit beschnitten wurden. Sie können nachwachsen, „nachreifen“ nennt dies die Wissenschaft.

Indem wir den Körper bewegen, bewegt sich auch die Seele. Und das kann nachhaltige Folgen haben, denn die Erfahrungen, die wir im Leben sammeln, bilden sich zum Teil auch in unseren Genen ab. Wir geben also, vereinfacht ausgedrückt, nicht nur die Farbe unserer Augen und Form unserer Ohren, sondern auch eine gewisse Färbung unserer Lebenseinstellung weiter – hell oder dunkel.

Persönlichkeitsveränderungen sind allerdings nicht durch eine bloße Absichtserklärung zu erreichen. Sie brauchen Zeit, und am besten gedeihen sie mit dem Dünger der Liebe. In einem späteren Kapitel werde ich mich dem Gegner von Veränderung widmen: der Gewohnheit. Auch sie ist zu verändern!

Auch Leid kann das Leben positiv beeinflussen, wenn es gelingt, Krisen als Chancen zu nutzen. Oft haben mir Patienten nach schweren Erkrankungen erzählt: Heute bin ich froh um diesen Einschnitt in meinem Leben. Er hat mir gezeigt, dass ich etwas verändern muss. Ohne diese Warnung hätte ich das nicht geschafft. Und heute bin ich dankbar dafür. Jetzt ist mein Leben reicher, denn ich habe es zu schätzen gelernt. – So wachsen uns in mancher Krise Flügel und aus der Vogelperspektive sieht alles anders aus, zumal man die Verantwortung für sein Tun und Lassen übernimmt, anstatt die Schuld bei anderen und den Umständen zu suchen.

„Entschuldigung, Euer Ehren, dass ich mich eines Verbrechens schuldig gemacht habe. Ich konnte nichts dafür. Alle haben das gemacht, das sind doch mildernde Umstände, oder? Ich muss doch nicht ins Gefängnis?“

„Doch“, könnte ein weiser Richter antworten. „Aber das Gefängnis wird zu Ihnen kommen, wenn Sie eines Tages durch Ihre Versäumnisse Ihre Bewegungsfreiheit verlieren und dann eingesperrt sind in einem immer kleineren Rahmen der Möglichkeiten.“

Aus Zipperlein keinen Zipper werden lassen

Ein vitaler Körper, mit dem wir das Leben mit allen Sinnen genießen können, ermöglicht es uns, unsere Bedürfnisse zu erfüllen, die weit über den Körper hinausgehen. Wir wollen mit lieben Menschen zusammen sein, vielleicht reisen, wir wollen sinnstiftende Aufgaben erfüllen, haben Hobbys und Ziele … Alles, was wir sind und werden und erreichen möchten, hängt davon ab, wie wir mit unserem Körper umgehen. Ohne Körper gäbe es uns nicht. Sie nicht, mich nicht. Das vergessen wir aber leider nur allzu gern. Bis es dann irgendwo zwickt – ein Alarmsignal des Körpers. Nehmen wir es wahr und reagieren darauf, haben wir gute Chancen, dass sich ein Zipperlein nicht zu einem ausgewachsenen Zipper auswächst, welche Diagnose auch immer dahinterstecken mag.

Wer sich körperlich bewegt, bleibt auch geistig fitter. Ältere Menschen, die sich nicht bewegen, haben beispielsweise ein deutlich höheres Risiko, an Darmkrebs oder an Demenz zu erkranken, als Altersgenossen, die sich bewegen. Zahlreiche Studien haben die Wichtigkeit und Wirksamkeit von körperlicher Aktivität belegt. Die erste mir bekannte Studie zum Thema Krebs und Bewegung wurde 1922 von zwei schwedischen Wissenschaftlern durchgeführt. Es dauerte aber noch viele Jahre, bis man im ausgehenden 20. Jahrhundert bemerkte, dass körperliche Aktivität sehr hilfreich ist in der Rehabilitation, zum Beispiel nach einem Herzinfarkt oder einer Krebserkrankung.

Gerade die modernen Krebstherapien mit Operation, Chemotherapie und Bestrahlung belasten den Organismus enorm, und körperliches Training unterstützt uns auch dabei, wieder zu Kräften zu kommen. Das Gleiche gilt für das Fatigue-Syndrom (dauerhafte, stark beeinträchtigende Müdigkeit), das seit Corona vielen Menschen ein Begriff ist: Auch hier hilft Bewegung, aber wohl dosiert und auf den individuellen Organismus abgestimmt.

Übrigens: Körperliche Aktivität wirkt sich auch präventiv positiv aus, denn Bewegung senkt das Krebsrisiko. Zur Verdeutlichung einige Prozentzahlen, die durch Studien zweifelsfrei belegt sind und das relative Risiko angeben gegenüber dem Erkrankungsrisiko von Menschen, die sich wenig oder gar nicht bewegen:

Blasenkrebs: -15 %

Brustkrebs: -12 bis -21 %

Dickdarmkrebs: -19 %

Gebärmutterkrebs: -20 %

Speiseröhrenkrebs: -21 %

Nierenkrebs: -21 %

Magenkrebs: -19 %

Lungenkrebs: bei Frauen -20 bis -30 %

Lungenkrebs: bei Männern -20 bis -50 %

Wer sich früh ein bisschen Zeit nimmt, handelt klug. Denn Zeit, die man in seine Gesundheit investiert, spart Zeit, die man später in Wartezimmern verbringt. Das bestätigen auch die Zahlen vieler Organisationen – ob für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), Weltgesundheitsorganisation (WHO), Deutsches Statistisches Bundesamt usw. Doch Zahlen fühlen wir nicht. Und leider spüren wir die Notwendigkeit, etwas an unserem Lebensstil zu ändern, meistens erst dann, wenn wir Einschränkungen erleben.

Trainiert und geschützt: So nachhaltig senkt Ausdauertraining Krankheitsrisiken

Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt dreimal pro Woche ein ausdauerorientiertes Bewegungsprogramm, denn man hat herausgefunden, dass sich eine ausreichend dosierte Ausdauerbelastung für etwa 48 Stunden im Organismus nachweisbar positiv auswirkt. Betrachten wir die großen Zivilisationskrankheiten wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes und Übergewicht/Fettleibigkeit, dann können wir durch Ausdauertraining das jeweilige Erkrankungsrisiko senken. Auch zur Vorbeugung gegen Krebs und Depressionen taugt das Ausdauertraining. Zusätzlich sollte man zweimal pro Woche Krafttraining durchführen, dann hat man gut vorgesorgt.

Seit Jahrzehnten trete ich als Mediziner und Sportler an, um andere davon zu überzeugen, Mitglied im „Team Prävention“ zu werden. Ich muss allerdings gestehen, dass ich mit meinen Erfolgen nicht so zufrieden bin wie mit meiner sportlichen Karriere. 22-mal war ich Deutscher Meister, ich habe eine Vielzahl deutscher und europäischer Rekorde aufgestellt, und eine meiner deutschen Bestzeiten, über 2.000 m, ist bis heute ungebrochen. Doch da war ich für mich allein verantwortlich und musste andere nicht davon überzeugen, etwas zu tun oder zu lassen. Nun gut, meinen Körper. Zuerst wusste ich nichts über meinen Körper. Wir waren kein super Team, denn ich kannte ihn nicht. Dann habe ich ihn durch den Leistungssport kennengelernt. Erst dann habe ich die Erkenntnisse der Medizin mit meinen eigenen Erfahrungen korrelieren können. Dieser Prozess war ein langer, er dauert bis heute an.

Inzwischen habe ich meine körperliche Höchstleistung bewusst zurückgenommen. Das resultiert auf dem altersbedingt unvermeidlichen Rückgang der körperlichen Leistungsfähigkeit, den ich natürlich erlebt habe. Eine „Höchstleistung“ kann ohnehin nur in einem begrenzten Zeitfenster von vielleicht 10 Jahren zwischen 25 und 35 erbracht werden.

Zusätzlich zum zwangsläufigen Rückgang kommt die persönliche, willentliche Entscheidung, im fortgeschrittenen Alter nicht nach der altersbedingt noch möglichen Höchstleistung zu streben – wie es Teilnehmer an Seniorenmeisterschaften tun –, sondern sich sinnvollerweise auf ein gesundheitsrelevantes Leistungsniveau zu beschränken. Aber auch hier gibt es Grauzonen beziehungsweise Anlass zu Überlegungen: Ist intensives Training im höheren Alter nur von sportlichem Ehrgeiz getriggert oder hat es auch medizinische Effekte? Ich vermute Letzteres.

Mit heute 73 Jahren laufe ich immer noch, rudere und fahre Rad. Letztlich ist nicht entscheidend, welche Art von Sport man betreibt. Wichtig ist, dass wir dem Körper geben, was er braucht, dass wir die tägliche Bewegung wie unsere körperliche Hygiene, Duschen oder Zähneputzen, in unseren täglichen Ablauf integrieren.

Wir wollen gut aussehen und gut riechen – und vergessen dabei oft unser Innenleben. Diese Art der Hygiene, die Verantwortung für unsere Gesundheit, ist kein Zeitfresser, keine Strafe, sondern ein Vergnügen! Und wer das gute Körpergefühl nach Beanspruchung kennt, wird nicht mehr darauf verzichten wollen.

Falls Sie nun auf dem Sprungbrett Ihres neuen Vorsatzes stehen: Wählen Sie eine Bewegungsart, die Ihnen Freude macht. Nicht jedem macht Laufen oder Fahrradfahren oder Fitnesscenter gleichermaßen Spaß. Wie wäre es mit Tanzen, Yoga, Tischtennis, Badminton, Kampfsport? Die Liste der Möglichkeiten ist schier unendlich. Man muss übrigens dafür nirgends hingehen, auch zu Hause lässt sich viel Gutes für die Gesundheit tun. Idealerweise belasten Sie sich in fünf Hauptbeanspruchungsformen:

Fünf Fähigkeiten für mehr Gesundheit

Ausdauer:

Wichtigste Fähigkeit, um Herzinfarkt und Schlaganfall vorzubeugen, das Krebsrisiko zu senken, Diabetes mellitus Typ 2 zu vermeiden, die Gelenke fit zu halten und mental und psychisch fit zu bleiben – keine Depressionen, keine Demenz.

Beweglichkeit:

Hält Muskeln geschmeidig, entlastet Gelenke, Sehnen, Bänder; wichtig für ein dynamisches Gangbild, Mobilität im Alltag, gegen Schmerzen des Bewegungsapparates.

Kraft:

Verschwindet langsam, aber sicher etwa ab dem 35. Lebensjahr. Bei Frauen nach der Menopause schneller als bei Männern. Kraft hält uns jugendlich, gesund, mobil; sie wirkt intensiv im Stoffwechsel, auch gegen Diabetes mellitus Typ 2; Muskelaufbau hilft beim Schlankbleiben und schützt unsere Gelenke. Kraft ist unverzichtbar für ein aktives Älterwerden und die beste Vorbeugung gegen Osteoporose.

Koordination:

Geschicklichkeit, unverzichtbar für das Hantieren mit Gegenständen im Alltag, für ein sicheres Gangbild, zur Vorbeugung gegen Stürze. Koordination verhindert, dass uns ständig das Handy aus der Hand fällt und dass wir fallen. Im Alter können Knochenbrüche ein frühes Ende bedeuten!

Schnelligkeit:

Fast alles, was schnell geht, kann auch langsam erfolgen; außer: Sturzprophylaxe, also Abfangen von Stürzen nach Stolpern. Ein höheres Tempo als Schneckentempo ist nicht nur beim Überqueren einer Straße wichtig.

Alle der genannten Fähigkeiten können geübt werden – manche mit mehr, andere mit weniger Erfolg wie Schnelligkeit und Beweglichkeit. Dennoch sollte man sie nicht vernachlässigen – weil man sonst sich selbst vernachlässigt im Sinne der Lebensqualität.

Der Sämann

Die meisten meiner Patienten wollten gar keine Höchstleistungen vollbringen, sondern schmerzfrei werden. Oder sie wollten nach einer schweren Erkrankung „zurück ins Leben“. Viele habe ich auch in ihrer Sportkarriere begleitet und musste bremsen, anstatt anzutreiben. Denn falsche Bewegung kann schlimme Folgen haben, genauso wie zu viel oder unsinnige Bewegung.

Weiß man, was einem Patienten guttäte und der Patient beherzigt nichts davon, ist das frustrierend. Und ja, ich bin sehr oft gescheitert, wenn ich Patienten zu einer Veränderung ihrer Lebensgewohnheiten riet. Rauchen aufhören? Jetzt? Ach, heute ist kein gutes Datum, das mache ich am 1. Januar.

Wie angenehm, dass es jedes Jahr einen ersten Januar gibt. Wenn ich meine Patienten über ihre Risikofaktoren für Schlaganfall, Herzinfarkt und Co. aufklärte, stand ich oft als Spielverderber da. Oder sie nickten und sahen dabei aus, als würden sie denken: Das mag schon sein, aber bei mir ist das anders.

Zum Glück habe ich mich im Laufe der Zeit damit abgefunden, dass meine Empfehlungen nur von einem kleineren Prozentsatz meiner Patienten aufgegriffen wurden. Der Großteil wollte lieber eine Pille, ein Rezept für Massagen oder eine Operation. So ist es nun einmal, und im Gleichnis vom Sämann finden wir das auch in der Bibel.

Höret zu! Siehe, der Sämann ging aus, zu säen. Und es begab sich, indem er säte, dass etliches an den Weg fiel; und die Vögel des Himmels kamen und fraßen es auf. Anderes aber fiel auf steinigen Boden, wo es nicht viel Erde hatte; und es ging alsbald auf, weil es nicht tiefe Erde hatte. Als aber die Sonne aufging, wurde es verbrannt; und weil es nicht Wurzel hatte, verdorrte es. Und anderes fiel unter die Dornen; und die Dornen wuchsen auf und erstickten es, und es gab keine Frucht. Und anderes fiel auf gutes Erdreich und brachte Frucht, die aufwuchs und zunahm; und etliches trug dreißigfältig, etliches sechzigfältig und etliches hundertfältig.

Und er sprach zu ihnen: Wer Ohren hat zu hören, der höre!1