Lebensfuge - Zuzana Ruzickova - E-Book

Lebensfuge E-Book

Zuzana Ruzickova

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Beschreibung

Es war der Anfang einer Sarabande von Johann Sebastian Bach, notiert auf einem Zettel, der Zuzana Ruzickova in Auschwitz die Kraft zum Überleben schenkte. In den schlimmsten Stunden ihres Lebens gab Bachs Musik ihr neue Hoffnung. "Die drei Tage, die wir im Viehwagen eingesperrt waren, da hab ich immer die Sarabande angeschaut, dieses Stück Papier, und hab mir alles im Kopf gespielt, was ich von Bach kannte." Zuzana Ruzickova überlebte als Jugendliche vier Konzentrationslager. Mit zerschundenen Händen kehrte sie nach Prag zurück, wo ihr das scheinbar Unmögliche gelang: Sie wurde eine der bedeutendsten Interpretinnen der Cembalomusik Johann Sebastian Bachs. Noch unter den Repressionen des kommunistischen Regimes war Bachs Musik ihr Lebenselixier. Aus ihr schöpfte sie die Gewissheit, dass es "etwas gibt, das über Dir ist, eine Ordnung." Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde Zuzana Ruzickova zur weltweit gefeierten Künstlerin. Dieses Buch ist das Vermächtnis ihres Lebens.

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Veröffentlichungsjahr: 2019

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Lebensfuge

Die Autorin

Zuzana Růžičková, geboren 1927 in Pilsen/Plzeň, kämpfte ihr Leben lang gegen die größten denkbaren Widerstände. Als Jugendliche überlebte sie mit ihrer Mutter vier Konzentrationslager, ihr Vater und ihre Großeltern starben in Theresienstadt. Nach dem Krieg ging Zuzana nach Prag, studierte Musik und machte als Cembalistin Karriere. Die kommunistischen Machthaber verboten ihr, das Fach Cembalo zu unterrichten, das Instrument galt ihnen als »feudal und religiös«. Doch im Ausland, nicht zuletzt in Deutschland, wurde sie als Musikerin gefeiert und verehrt. 2017 erschien ihr Gesamtwerk neu. Am 27. September desselben Jahres starb die Grande Dame des Cembalo in Prag.

Das Buch

Zuzana Růžičková war eine Legende – nicht nur als Mensch mit einer unglaublichen Lebensgeschichte, sondern auch als Musikerin, Cembalistin und Bach-Interpretin. Dass diese erstaunliche Karriere trotz aller Widrigkeiten möglich wurde, ist nur eines der vielen Wunder in Zuzanas Biografie. Denn zunächst ging es für sie um nichts als das nackte Überleben: Herausgerissen aus einer behüteten Kindheit, wird sie in Konzentrationslager verschleppt; sie überlebt Theresienstadt, Auschwitz, Neuengamme und die »Hölle aller Höllen « Bergen-Belsen. Eine Sarabande von Johann Sebastian Bach ist es, die ihr im Lager das Leben rettet. Nur in ihrem Kopf erklingt die Musik: »Die Nazis wissen nicht einmal, dass die Musik da ist. Sie können sie mir nicht stehlen. Sie gehört mir, mir allein.« Nach dem Krieg geht Zuzana nach Prag, ihr Körper ist geschwächt, die Hände von der Zwangsarbeit zerschunden. Doch auf dem Cembalo, jenem Instrument, das »Bachs Musik erst wirklich zum Leben erweckt«, entwickelt sie ihre wahre Meisterschaft. Basierend auf zahlreichen Gesprächen mit Zuzana Růžičková, die Wendy Holden noch 2017 mit ihr geführt hat, sind diese Erinnerungen das bewegende Vermächtnis einer großen Künstlerin und Musikerin.

Zuzana Ruzickova

Lebensfuge

Wie Bachs Musik mir half zu überleben

Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser

Besuchen Sie uns im Internet:www.ullstein-buchverlage.de

Propylaen ist ein Verlag der Ullstein Buchverlage GmbH

ISBN 978-3-8437-2063-2

© der deutschen Ausgabe 2019 by Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin© der Originalausgabe 2019 by Zuzana RůžičkovaÜbersetzung: Ursula Pesch und Gabriele WurdingerUmschlaggestaltung: Grafik-Design Büro Morian & Bayer-EynckUmschlagabbildung: »Property of the Kalabis Růžičkova Fund Prague«Titelbild: © Property of the Kalabis Růžičková Fund PragueAutorenfoto: © Gordon GetzelsE-Book Konvertierung powered by pepyrus.comAlle Rechte vorbehalten

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Inhalt

Die Autorin / Das Buch

Titelseite

Impressum

1Hermannstadt, Siebenbürgen, 1960

2Pilsen, 1927

3Prag, 1949

4Prag, 1938

5Ostrava, 1954

6Theresienstadt, 1942

7München, 1956

8Auschwitz-Birkenau, 1943

9Paris, 1965

10Hamburg, 1944

11Neuhaus, Tschechoslowakei, 1968

12Bergen-Belsen, 1945

13Pilsen, 1945

14Prag, 1989

EpilogZuzana: Zwei Würdigungen

Aleš Březina, Leiter des Bohuslav-Martinů-Instituts in Prag

Aus musikalischem Blickwinkel: Zuzanas letzter Schüler, Mahan Esfahani

Bibliografie

Danksagung

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

1Hermannstadt, Siebenbürgen, 1960

Widmung

Dieses Buch widmet Zuzana Johann Sebastian Bach, dessen Musik uns daran erinnert, dass es immer noch Schönheit gibt auf dieser Welt.

Vorbemerkung

Dieses Memoir zu schreiben, war eine besondere, sehr anspruchsvolle Aufgabe. In all den Jahren seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatte Zuzana kaum je eine Interviewanfrage abgelehnt. Sie führte persönliche Gespräche, gab aber auch Telefon- und Videointerviews. Sie wurde zudem im Rahmen von Fernseh- und Hörfunkdokumentationen befragt, und das in den unterschiedlichsten Sprachen – vor allem auf Tschechisch, Deutsch, Französisch und Englisch.

Als ich gebeten wurde, Zuzanas Aufzeichnungen zu einem großen Ganzen zusammenzufügen, reiste ich im September 2017 nach Prag, um meine eigenen Interviews mit ihr zu führen. Sie fanden in ihrer Wohnung statt, zwei Wochen, bevor sie verstarb. Zuzana war klein und zierlich, hatte ein offenes, freundliches Gesicht und rauchgraue Augen, in denen der Schalk aufblitzte, wenn sie lächelte. Sie war Kettenraucherin, die sich während unserer stundenlangen Gespräche in ihrer altmodischen Wohnung eine Zigarette nach der anderen anzündete. Manchmal fanden unsere Interviews auch in einem Restaurant statt, in dem sie stets überraschend große Portionen vertilgte. Obwohl Zuzana mit ihren neunzig Jahren schnell ermüdete, war sie fest entschlossen, die unzähligen Fragen, die mir bei der Sichtung des existierenden Materials und bei meinen eigenen Recherchen gekommen waren, alle zu beantworten. Immer wenn ihr Details wie Daten oder Namen nicht mehr einfallen wollten, schenkte sie uns einen Drink ein und bat mich, den Text entsprechend zu ergänzen. Als sich unsere gemeinsame Zeit dem Ende zuneigte, tätschelte Zuzana meine Hand und fragte mich, ob ich nun alles Nötige hätte. Vorerst ja, meinte ich und fügte hinzu, dass ich mich in ein paar Monaten gerne nochmals mit ihr treffen würde. Sie lächelte und gab mir einen Abschiedskuss. Leider sollte dieses Treffen unser letztes sein.

Eine Woche nach Zuzanas Tod wollten alle Beteiligten von mir wissen, ob es genügend Material gab, um weitermachen zu können. Verständlicherweise machten sich Verleger auf der ganzen Welt Sorgen um das Buchprojekt. Auch Zuzanas Familie und Freunde hofften, dass es vollendet werden konnte. Nach Sichtung des Materials konnte ich allen zu meiner großen Freude verkünden, dass dies der Fall sei. Zu diesem Zweck habe ich die Antworten aus Interviews, die ich selbst mit ihr geführt habe, aber auch die aus dem Interviewmaterial, das sich über die Jahrzehnte angesammelt hatte, transkribiert. Ich musste feststellen, dass sie sich teils bis aufs Wort glichen, da Zuzana über die Jahre immer wieder dieselben Geschichten erzählt hatte. Doch manchmal stieß ich auf widersprüchliche Aussagen, wie sie beim Erzählen von Geschehnissen, die weit zurückliegen, zwangsläufig entstehen. Zuzana wurde mit zunehmendem Alter ein bisschen vergesslich. In einigen ihrer Interviews behauptet sie, sich an bestimmte Ereignisse nicht erinnern zu können, während sie sie in anderen Gesprächen mit bemerkenswerter Anschaulichkeit schildert. Stieß ich, was nicht oft vorkam, auf Unstimmigkeiten, griff ich auf ihre schlüssigsten Interviews zurück, um anschließend mithilfe von persönlichen Briefen, Essays, Reden, Zeitungsartikeln, Archivmaterial, einem kleinen Tagebuch Zuzanas aus ihrer Zeit in Auschwitz sowie anderen historischen Dokumenten die Ereignisse bis ins Detail zu rekonstruieren. Ich stützte mich auch auf Aussagen von Zeitzeugen, die während des Kriegs und in der Zeit danach ähnliche Erfahrungen wie Zuzana gemacht hatten.

Es war eine anspruchsvolle Aufgabe, das ganze Material harmonisch zusammenzufügen. Die Großzügigkeit der Menschen, die Zuzana vor mir interviewt hatten, aber auch die Geduld von Historikern, Archivaren, Dokumentaristen, Freunden, Familienangehörigen, Übersetzern und Musikern auf der ganzen Welt war mir dabei eine enorme Hilfe.

Ich hatte immer den Eindruck, dass es Zuzana besonders wichtig war, Zeugnis über die Geschichte abzulegen, und zwar nicht nur über die Kriegsjahre, sondern auch über die Jahrzehnte danach, die oft äußerst schwierig für sie waren. Zuzanas Mut und Widerstandsfähigkeit angesichts des Leids, der Widrigkeiten und der Vorurteile, mit denen sie sich konfrontiert sah, werden mich für immer demütig zu ihr aufschauen lassen.

Doch obwohl Zuzana so viel durchgemacht hat in ihrem Leben, blieb sie ein Mensch, der das Leben liebte und einen großen Wunsch hatte: die Welt wissen zu lassen, dass es die Musik und die Liebe ihrer Mutter und ihres Mannes waren, die ihre Wunden heilen ließen. Es war mir eine ganz besondere Ehre, Zuzana diesen Wunsch zu erfüllen.

Wendy Holden

London 2018

1Hermannstadt, Siebenbürgen, 1960

»Willkommen, Genossin!« Die Begrüßung des Kulturdirektors im abgelegenen Hermannstadt in Siebenbürgen fiel wie immer herzlich aus. »Tausend Dank, dass Sie uns wieder besuchen. Wir können es kaum erwarten, Sie spielen zu hören.«

Es war im Winter 1960/61, und meine Reise von Kiew nach Hermannstadt hatte fast einen ganzen Tag gedauert. Ich hatte einen Flug nach Bukarest genommen und war dort in einen veralteten Dampfzug gestiegen, der sich unendlich langsam und behäbig durch die Landschaft geschlängelt hatte. Als ich endlich ankam, war ich müde und hungrig wie ein Wolf.

Meine letzte Konzerttournee – die zehnte in jenem Jahr – hatte mich in Fabriken, Werften, Schulen, Hochschulen und staatliche Einrichtungen in der Ukraine, der Sowjetunion und in Polen geführt und war wegen der dort herrschenden Eiseskälte ziemlich strapaziös gewesen. In Kiew war es zu einer besonders verzwickten Situation gekommen, als mir der dortige Direktor drohte, mich nicht zu bezahlen. Nach diesem vorletzten Konzert für die Obrigkeit wollte ich nur noch nach Hause zu meiner Familie in Prag.

Von früheren Besuchen im mittelalterlichen Hermannstadt wusste ich, dass meine Unterbringung und mein heiß ersehntes Abendessen sehr einfach ausfallen würden. Zum Glück hatte ich in meinem Koffer noch eine kleine Salami, eine Büchse Sardinen und einen Vorrat an russischen Zigaretten.

Von allen Ostblockländern, in denen ich unter den Sozialisten spielen musste, war Rumänien am stärksten von verheerender Armut und allumfassender Hoffnungslosigkeit gezeichnet. Die Menschen in dieser einst ungarischen Provinz hatten entsetzlich unter Präsident Gheorghiu-Dej und seinem Generalsekretär Nicolae Ceaușescu zu leiden und wurden von der Außenwelt noch konsequenter abgeschnitten als wir in der Tschechoslowakei. Ich kann mich an eine Reise nach Timișoara erinnern, wo das Hotelzimmer und besonders die Badewanne so unglaublich verdreckt waren, dass ich befürchtete, Bettwanzen im Zimmer zu haben. Als ich die Sachen, die meine liebe Mami so sorgfältig für mich eingepackt hatte, aus meinem Köfferchen nahm, brach ich in Tränen aus. Ich sagte mir: Wenn nur meine Mutter sehen könnte, wo ich hier gelandet bin.

In Hermannstadt fand ich ähnliche Bedingungen vor, doch der Musikdirektor, der den Besuch eines jeden Künstlers im Rahmen des staatlichen Kulturprogramms mit Begeisterung begrüßte, schaffte es jedes Mal, mich wieder aufzumuntern. Er war so dankbar, dass ich mich erneut dazu bereit erklärt hatte, in seiner Stadt aufzutreten.

»In Ihrer Unterkunft steht alles für Sie bereit«, versicherte er mir. Bei meinem ersten Besuch ein paar Jahre zuvor hatten seine Worte mein Herz höherschlagen lassen – bis ich mein ungeheiztes Zimmer gesehen hatte. Ich stellte mich darauf ein, in meinem Wintermantel schlafen zu müssen, da für die Nacht in jenem bitterkalten November ein Schneesturm vorhergesagt war.

Am folgenden Abend sollte mein Vortrag Alter Musik in der Halle eines Gebäudes stattfinden, das auch als Kino diente. Die Hermannstädter Musiker würden mich mit Feuereifer begleiten, und obwohl ich kein unvergessliches Konzert erwartete, wusste ich, dass der Applaus am Ende von Herzen kommen würde.

Bevor ich das grüne Ballkleid anzog, das meine Mutter von ihrer Schneiderin für mich hatte nähen lassen, wurde ich wie immer durch die Stadt eskortiert, um mich mit den Funktionären der Kommunistischen Partei in deren Verwaltungszentrale ablichten zu lassen und um Arbeitsstätten und Schulen zu besuchen. Das größte Interesse brachten mir die Schüler entgegen, besonders jene, die selbst musikalische Ambitionen hatten. Für sie war ich eine Art Berühmtheit.

An jenem Tag sprach ich vor Schülern, die mit ihren zwölf Jahren so alt waren wie ich damals, als Hitler in die Tschechoslowakei einmarschierte. Ich erzählte ihnen von meiner Begeisterung für die Musik und von meiner tiefen Verbindung zu Johann Sebastian Bach. »Ich war erst acht Jahre alt, als ich mich Hals über Kopf in die Musik Bachs verliebte. Es war Liebe auf das erste Hören«, erzählte ich den Kindern. Sie stellten mir viele Fragen, und ich erklärte ihnen nicht nur, warum ich beschloss, mein Leben der Musik zu widmen, sondern auch, warum ich vom Klavier zum Cembalo wechselte. »Manche Leute halten das Cembalo für ein veraltetes Instrument, ein hölzernes Artefakt aus dem sechzehnten Jahrhundert, das ins Museum gehört. Aber für mich ist es immer noch voller Leben«, erklärte ich ihnen. »Bach komponierte seine frühen Stücke für Tasteninstrumente für Orgel und Cembalo. Bach gab häufig an, auf welchem Instrument seine Stücke zu spielen seien, und ein Drittel seines gewaltigen Werkes ist dem Cembalo gewidmet. Ich wollte Bachs Intention treu bleiben und sie möglichst authentisch umsetzen, daher spiele ich Cembalo.«

Eine Hand schoss nach oben, und ein neugieriger Teenager fragte: »Aber was ist so besonders an Bach? Warum beispielsweise nicht Beethoven?«

Ich lächelte. »Beethoven droht dem Schicksal mit erhobener Faust«, meinte ich und ballte demonstrativ meine Hand zu einer Faust. »In der Musik Bachs finden wir die pure Freude am Leben, aber auch tiefe Verzweiflung. Man fühlt stets, was es wirklich bedeutet, ein menschliches Wesen zu sein.«

Zurück auf meinem Zimmer, wollte ich mich für die Abendvorstellung fertig machen und zündete mir gerade eine Zigarette an, als es an der Tür klopfte. Die Rezeptionistin, die den Auftrag hatte, mich zu bespitzeln und verdächtiges Verhalten umgehend zu melden, teilte mir mit, dass man am Telefon nach mir verlangte.

Beunruhigt eilte ich in ihr Zimmer und griff vorsichtig nach dem Hörer. Als ich die Stimme meines Mannes hörte, wäre er mir vor Schreck beinahe aus der Hand gerutscht. Warum rief mich Viktor an und von wo? Wir besaßen kein Telefon. In Prag hatten nur wenige eines. War meiner Mutter etwas zugestoßen?

»Es ist alles in Ordnung, Zuzana«, beruhigte Viktor mich, da er wusste, dass ich in Panik ausbrechen würde. »Ich rufe an, weil deine Mutter und ich möchten, dass du deine Reisepläne änderst. Es wird sehr schlechtes Wetter vorhergesagt, und wir wollen nicht, dass du mitten in einem Schneesturm nach Hause fliegst. Kannst du stattdessen den Zug nehmen?«

Ich spähte aus dem Fenster und sah im Licht der Straßenlaterne die Schneeflocken wild durcheinanderwirbeln. Doch schien das Wetter sich seit meiner Ankunft nicht verschlechtert zu haben. Gerade als ich anfangen wollte, mit Viktor zu diskutieren, hörte ich, wie meine Mutter Viktor dazu drängte, mich zu überreden. Ich konnte mir denken, welche Mühen die beiden in Kauf genommen hatten, um diesen Anruf zu tätigen.

»Na gut«, antwortete ich ein wenig widerwillig, da meine Rückreise dadurch doppelt so lange dauern würde und ich gleich nach meiner Rückkehr eine neue Aufnahme einspielen sollte. »Ich frage die Konzertagentur, ob das machbar ist.«

Mithilfe des Kulturdirektors ließ sich ein Angestellter der Agentur dazu überreden, meinen Reiseplan zu ändern. Ich musste noch ein Konzert in Arad, einer Stadt an der Grenze zu Ungarn, geben und hoffte, von dort aus nach Hause fahren zu dürfen. Die Obrigkeit war einverstanden. »Sie können sich den ganzen Weg zurück nach Bukarest sparen«, erklärte mir der Angestellte. »Stattdessen nehmen Sie den Mitternachtszug bis zur ungarischen Grenze und steigen dort in den Zug um, der über Wien und Ostrava nach Prag geht.« Er kritzelte irgendetwas auf das Ticket, das ich schon hatte, stempelte es ab und entließ mich wieder.

Als ich an jenem Abend an meinem Cembalo Platz nahm, um wie immer kurz in mich zu gehen, erkannte ich in der ersten Reihe einige der Kinder wieder, zu denen ich gesprochen hatte, ihre Blicke erwartungsfroh auf mich gerichtet. Dann begann ich, Bachs Italienisches Konzert zu spielen, und merkte, wie sie gebannt jedem einzelnen Ton lauschten, den ich dem gut gestimmten Instrument entlockte.

Schon bald hatte ich mich ganz in der Musik verloren und befand mich wie immer in diesem tranceartigen Zustand, sobald meine Finger die Tasten berührten. So war es stets, wenn ich Bach spielte. Der Struktur seiner Musik wohnt eine solche Schönheit inne. Ich habe kein fotografisches Gedächtnis, sondern vielmehr ein architektonisches. Sobald sich die Melodien aufbauen, stelle ich mir ein Gebäude vor. Ich weiß, wo die Höhen und Tiefen sind. Bachs Modulationen sind für mich wie Korridore, in denen ich mich entlangbewege. Ich weiß ganz genau, wann ich um die Ecke gehen muss. Ich weiß instinktiv, wie dieses Bauwerk aufgebaut ist. Ich verstehe seine Architektur und weiß, wo es langgeht – Korridore führen zu Zimmern, Treppen in höher liegende Stockwerke, bis irgendwann die Schlussmelodie das Gebäude vollendet.

Nachdem ich den letzten Ton gespielt habe, brauche ich immer eine ganze Weile, bis ich wieder zu mir komme – und den Applaus wahrnehme.

Wie immer bekam ich einen Blumenstrauß überreicht. Hinter der Bühne drückte mir der Kulturdirektor einen Umschlag mit meinem Honorar in rumänischen Leu in die Hände. Aufmachen durfte ich das Kuvert allerdings nicht, da ich strikte Anweisungen hatte, es nach meiner Ankunft in Prag innerhalb von vierundzwanzig Stunden dem Staat zu übergeben, genauso wie meinen Pass und die übrigen Einkünfte aus meiner Konzertreise.

Sicherlich wusste Siebenbürgens Kulturdirektor, dass mir die Leute, die meine Reisen planten, nur einen kleinen Anteil zugestanden, da er mich nochmals herzlich umarmte. »Wir haben Ihnen nicht viel zu bieten, Genossin Růžičková«, sagte er, »aber bitte lehnen Sie nicht ab, wenn wir Sie wieder einladen. Es bedeutet uns so viel, jemanden wie Sie bei uns zu haben.«

»Jemanden wie Sie.«

Ich schaute ihm in die Augen und grübelte über seine Wortwahl nach. Ich bezweifelte, dass er meine Geschichte kannte. Wahrscheinlich spielte er auf die Tatsache an, dass seine Stadt nur selten von den wenigen Musikern hinter dem Eisernen Vorhang Besuch bekam, die Alben aufnehmen und gelegentlich sogar in den Westen reisen durften.

Ich versicherte ihm, wiederzukommen, und nahm sein Angebot an, mich in dem dichter werdenden Schneetreiben zum Bahnhof zu begleiten. Hermannstadts mittelalterlicher Stadtkern war sehr pittoresk, doch sobald man durch die Randbezirke kam, wurde einem klar, dass der Winter den meisten Bewohnern der Stadt das Leben zusätzlich erschwerte. Als wir zum Bahnsteig gingen, mussten wir Menschen ausweichen, die so bitterarm waren, dass sie an ihren Füßen keine Schuhe, sondern Kleiderfetzen trugen.

Der Zug kam pünktlich einige Minuten vor Mitternacht in Dampfwolken gehüllt am Bahnsteig zum Stehen. Ich wollte gleich einsteigen, doch der Schaffner machte mir einen Strich durch die Rechnung. Nach eingehender Prüfung meiner Reiseunterlagen ließ er mich wissen, dass sie nicht gültig seien.

»Sie haben von Bukarest aus reserviert«, meinte er nüchtern. »In diesem Zug ist kein Platz für Sie.«

Ich war kurz davor, in Tränen auszubrechen. Ich sehnte mich nach der Stadt, die nach Ende des Kriegs meine Heimat geworden war, und hatte schreckliches Heimweh nach Viktor und meiner Mutter. Ich wollte einfach nur wieder in die Zweizimmerwohnung zurückkehren, in der es nur ein Bett gab, in dem meine Mami schlief, während Viktor und ich uns eine Matratze unter dem Flügel teilten.

»Aber ich muss zurück nach Prag«, protestierte ich, »und der Zug ist die einzige Möglichkeit, von hier wegzukommen.«

Da mischte sich der Kulturdirektor ein und wandte sich direkt an den Schaffner. »Genosse, das ist Zuzana Růžičková, die Cembalovirtuosin. Sie ist Ehrengast der Partei. Sie müssen Ihr Möglichstes tun, um ihr zu helfen.«

Doch der Beamte zeigte sich unbeeindruckt. Ich fragte mich, ob auch er sich, so wie Viktor und ich, geweigert hatte, der Kommunistischen Partei beizutreten.

»Haben Sie nicht vielleicht doch irgendwo noch einen Platz für mich?«, flehte ich den Schaffner an.

»Na gut«, seufzte er. »Sie können einen der Liegeplätze im tschechoslowakischen Schlafwagen haben. Aber machen Sie sich darauf gefasst, dass Sie in Ostrava von jemandem mit einem gültigen Ticket wieder hinausgeworfen werden.«

Ich dankte dem Schaffner und eilte zum Schlafwagen, bevor er seine Meinung änderte.

Ich hatte große Mühe, meinen mit Büchern, Ballkleidern, Noten und Essensvorräten vollgestopften Koffer auf das obere Etagenbett zu hieven. Ich war von Natur her kein athletischer Mensch und wog bei einer Körpergröße von einem Meter fünfzig weniger als fünfzig Kilo – sehr zur Enttäuschung meines Vaters, der sich immer ein sportliches Kind gewünscht hatte.

Bevor ich es mir auf dem unteren Etagenbett mit einem Buch meines Lieblingsautors Thomas Mann gemütlich machte, winkte ich dem onkelhaften Kulturdirektor, der am Bahnsteig in eine dichte Schnee- und Dampfwolke gehüllt stand, zum Abschied. Als der Zug mit einem Ruck losfuhr und der Mann aus meinem Blickfeld verschwand, musste ich an meine vorherige Station denken und an den Direktor der Philharmonie Kiew, der sich ziemlich eigenartig verhalten hatte.

Ähnlich wie in Siebenbürgen, war ich in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik spät am Abend angekommen und hatte großen Hunger. Wie immer wollte ich mich nach meiner Ankunft schnell auf mein Zimmer zurückziehen, um etwas zu essen. Doch zuvor machte ich mich auf die Suche nach dem Direktor der Philharmonie und fand ihn in einem winzigen Büro, das von einem kleinen Ofen beheizt wurde.

Die nachfolgende Szene war wirklich filmreif. Der Direktor war ein Bär von einem Mann, der hinter einem großen Schreibtisch saß und an seinen Armen schwarze Überzieher trug, um sein weißes Hemd nicht schmutzig zu machen. Seine Sekretärin befand sich in einer Ecke des Büros. Der Raum war völlig überheizt und schrecklich stickig.

»Guten Tag, Herr Direktor, ich bin Zuzana Růžičková und freue mich, hier sein zu dürfen«, begrüßte ich ihn höflich. Dann überreichte ich ihm die Unterlagen, mithilfe derer die Obrigkeit ersehen konnte, welche Steuern abgezogen werden mussten, ehe ich meinen Lohn ausgezahlt bekam.

Das Gesicht des Direktors lief rot an. »Was ist das?«, bellte er mich an und klopfte mit dem Finger auf meine Dokumente.

»Das ist mein Gastspielvertrag, Genosse«, erklärte ich. »Ich bräuchte, wie üblich, Ihre Unterschrift.«

Wortlos riss er mir meine Papiere aus der Hand und schleuderte sie in die Luft. Er sprang auf und brüllte: »Ich werde das nicht unterschreiben und auch sonst nichts! Ich bin diesen Papierkram so leid, tagein, tagaus in diesem stickigen Büro!« Er stiefelte auf die Tür zu, drehte sich kurz um und schrie: »Ich gehe raus. Lasst mich in Ruhe!«

Ich begann zu protestieren, doch dann schweifte mein Blick zu der unscheinbaren Sekretärin, die den Kopf schüttelte und den Zeigefinger an die Lippen presste. Mit einem Knall fiel die Tür ins Schloss, und wir hörten, wie der Direktor den Flur entlangstapfte. Die Frau half mir, meine Papiere aufzusammeln.

»Machen Sie sich keine Sorgen«, beschwichtigte sie mich. Sie schien die Entgleisungen ihres Chefs gewohnt zu sein. »Ich erledige das für Sie.«

»Wirklich? Oh, danke!«

Sie ordnete die Unterlagen auf ihrem Schreibtisch und wollte sie gerade abstempeln, als die Tür aufflog und der Direktor mit vor Wut flackernden Augen in den Raum stürmte. »Was machen Sie da? Wir werden das nicht unterzeichnen! Ich habe es verboten! Es ist mir egal, wenn ich meine Stelle deswegen verliere, ich streike!«

»Aber, Herr Direktor!«, jammerte ich. »Ohne diese Unterlagen komme ich in schreckliche Schwierigkeiten und erhalte keinen Lohn!« Ungerührt stiefelte er wieder hinaus. Ich war sprachlos. Zum Glück zeigte sich seine Sekretärin von seinem Auftritt völlig unbeeindruckt, und einige Minuten später hastete ich mit meinem unterzeichneten Vertrag aus dem Büro.

Als ich am folgenden Abend gerade die lange Treppe zu der Konzerthalle hinaufstieg, in der ich auftreten sollte, trat ebenjene Sekretärin diskret an mich heran, um mir mitzuteilen, dass mich der Direktor nach meinem Auftritt zum Abendessen einladen wolle.

»Was? Nachdem er mich so behandelt hat?«

»Er muss Sie zum Abendessen einladen«, erklärte sie mir. Und mit gedämpfter Stimme raunte sie mir zu: »Es wird von ihm erwartet.«

Ich hatte keine Wahl, also sagte ich zu.

Das Konzert ging gut über die Bühne, doch danach beim Abendessen mit dem Direktor im Hotelrestaurant herrschte beklommenes Schweigen. Irgendwann meinte er: »Ich weiß, dass ich mich Ihnen gegenüber nicht gut benommen habe, Genossin. Aber wissen Sie, das Leben hier ist sehr schwer für mich – weil ich Jude bin.«

Ich holte tief Luft, schaute ihm in die Augen und antwortete: »Das bin ich auch.« Er blinzelte kurz, musterte mich argwöhnisch und forderte barsch: »Beweisen Sie es!«

Unschlüssig sah ich mich in dem halb leeren Restaurant um. Der Direktor saß mit versteinerter Miene da, also krempelte ich meinen rechten Ärmel hoch und zeigte ihm die akkurate Tätowierung, die mir damals in Auschwitz ein ungerührter Funktionshäftling in gestreifter Uniform in meinen rechten Unterarm gestochen hatte.

Doch der Direktor winkte geringschätzig ab. »Alle möglichen Leute haben so etwas!« Ehe ich protestieren konnte, lehnte er sich zu mir und zischte: »Zeigen Sie mir Ihren Ausweis!«

Ich griff in meine Tasche und reichte ihm das Dokument, aber zu seiner Verärgerung gaben meine tschechoslowakischen Papiere nur Auskunft über meine Staatsangehörigkeit. Der Direktor schleuderte sie mir quer über den Tisch zu und befahl: »Sagen Sie etwas auf Jiddisch!«

Beinahe hätte ich laut aufgelacht. Mit meinen dreiunddreißig Jahren konnte ich zwar ein paar Brocken Hebräisch, hatte aber in meinem ganzen Leben kaum je Jiddisch gesprochen. Meine wohlhabenden und nicht strenggläubigen Eltern hatten mich nur zu besonderen Anlässen und an Festtagen in die Synagoge in Pilsen mitgenommen. Wir waren eine angepasste Familie gewesen, die zwar Chanukka, aber auch Weihnachten mit einem festlich geschmückten Weihnachtsbaum gefeiert hatte. Das bisschen Hebräisch hatte ich von meinem Großvater gelernt, der zu Festen immer gesungen hatte, doch Bekanntschaft mit Jiddisch sprechenden Juden hatte ich nur in den Konzentrations- und Arbeitslagern Theresienstadt, Auschwitz, Hamburg und Bergen-Belsen gemacht.

Ich zermarterte mir das Hirn und versuchte mit geschlossenen Augen, mich an Wörter aus einer Zeit zu erinnern, die ich liebend gerne vergessen hätte. »Meschugge!«, rief ich plötzlich.

»Gut und schön, aber was bedeutet das?«, fragte mich der Direktor, der die Sprache offenbar gut beherrschte.

»Verrückt?«

»Was noch?«

»Kvetsch?«, meinte ich unsicher. »Ich glaube, das bedeutet, sich zu beschweren.«

Er nickte.

»Ach ja, und Mensch, womit man einen guten, ehrbaren Menschen bezeichnet.«

Damit zeigte sich der Direktor sichtlich zufrieden und schenkte mir sein erstes Lächeln, das sein ganzes Gesicht völlig anders aussehen ließ. »Willkommen in Kiew, Genossin«, rief er und reichte mir seine riesige Hand. »Ich kann kaum erwarten, Sie meiner jüdischen Familie vorzustellen.«

Bis zum darauffolgenden Morgen, als ich mich von Kiew nach Siebenbürgen aufmachte, hatte ich diesen Satz für einen Scherz gehalten. Doch am Bahnhof angelangt, erwarteten mich der Direktor und eine riesige Menschenansammlung bereits. Er stellte sie mir als seine Eltern, Großeltern, Tanten, Cousins und Kinder vor. Sie scharten sich um mich, als wäre ich ein Filmstar.

»Sie sind alle da, um Ihnen Wiedersehen zu sagen!«, brüllte der Direktor über ihre Köpfe hinweg. »Bitte beehren Sie uns bald wieder!«

Einige Jahre später besuchte ich Kiew erneut, doch der Direktor war verschwunden. Ich vermute, dass er gefeuert worden war.

Nachdem der Zug die Grenze zu Ungarn passiert hatte, rumpelte er behäbig in Richtung Wien weiter, wo er auf ein Nebengleis geleitet und an eine moderne Diesellok angekuppelt wurde.

Als wir Ostrava erreichten, rechnete ich fest damit, aus meinem Einzelabteil geworfen zu werden, doch glücklicherweise erhob niemand Anspruch auf mein Stockbett. Ich vertrieb mir die Zeit mit Lesen, Essen und Rauchen und fiel irgendwann in einen tiefen Schlaf, als ich plötzlich aus meinem Bett geschleudert wurde.

Das Erste, an das ich mich erinnern kann, ist, dass ich mit einem dumpfen Schlag auf den Boden stürzte. Dann fiel mein Koffer von der oberen Etage des Stockbetts auf mich. Ich versuchte aufzustehen, doch da realisierte ich, dass sich der ganze Waggon in Schräglage befand. Ich hatte nicht die Kraft, den schweren Koffer hochzustemmen und mich zu befreien. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich in dieser misslichen Lage gefangen war, doch als ich endlich unter dem Koffer hervorkrabbeln konnte, hörte ich Schreie und das kreischende Geräusch, wenn Metall gegen Metall schleift.

Die folgenden Stunden war ich ganz benommen vor Schmerzen. Irgendjemand half mir aus dem Zug, und ich beharrte stur darauf, dass man mir auch meinen Koffer reichte. Als ich es aus dem Wrack geschafft hatte, lag alles in dichtem Nebel. Es roch nach Rauch. Überall lagen Trümmerteile herum. Vorsichtig stieg ich über Glasscherben und das, was von den Waggons übrig geblieben war und wie Kleinholz überall verstreut herumlag. Ich sah kreuz und quer Leichen im Schnee liegen. Ich hatte kein Zeitgefühl mehr, wusste nicht, ob es Tag oder Nacht war, aber es fühlte sich wie Nacht an, und ich konnte sehen, wie hinter mir, in dieser Szenerie der Zerstörung, Flammen aufloderten.

Wir Überlebenden wurden von staatlichen Wachmännern weggeführt und in einem unbeheizten Gebäude in der Nähe des Dorfes untergebracht, das, wie wir später erfahren sollten, Steblowa hieß und im Osten Böhmens lag. Anwohner versorgten uns mit Wasser, Brot und, um uns ein wenig aufzuwärmen, ein bisschen Kirschlikör, bevor sie weiter zur Unfallstelle eilten. Dann waren wir wieder uns selbst überlassen, bibbernd vor Kälte, mehr oder weniger stark verletzt und unter Schock stehend.

Irgendwann kam ein Mann, der sich um die Verletzten kümmerte und uns erzählte, was passiert war. Ein Passagierzug sei bei voller Fahrt frontal mit unserem Zug kollidiert. Es habe viele Tote und Verletzte gegeben. Um zu verhindern, dass der Kessel explodierte, habe irgendjemand die Kohlen auf die Böschung geworfen, doch dann sei der ausgelaufene Diesel unserer Lok in Brand geraten, wodurch ein Feuer ausgebrochen sei. Etwas unterhalb der Schienen wimmelten Menschen um das Zugwrack, um die Verletzten zu bergen und in die nahe gelegenen Krankenhäuser in Königgrätz und Pardubitz zu bringen.

Trotz meiner Rückenschmerzen ließ ich mich nicht ärztlich versorgen und fragte stattdessen, ob man mir dabei behilflich sein könne, schnellstmöglich zurück nach Prag zu kommen. »Ich habe einen wichtigen Termin«, betonte ich immer wieder, »und muss zurück nach Hause.«

Ich trat eine riskante Reise an, die mich zwei Tage kosten sollte. Ich nahm den Bus nach Königgrätz, fuhr mit dem Zug und der Straßenbahn und hatte es irgendwann endlich geschafft. Der Unfall hatte sich ungefähr hundertzwanzig Kilometer vor Prag ereignet, sodass ich erst in den frühen Morgenstunden zu Hause ankam. Als mir Viktor, der, obwohl es Schlafenszeit war, voll angezogen war, die Tür unseres Wohnhauses öffnete, schaute er drein, als sähe er einen Geist.

»Du lebst!«, rief er und schloss mich in seine Arme. Mein brillanter Komponistenehemann, der all meine Warnungen in den Wind geschlagen hatte und mich, eine junge Jüdin, frisch aus dem Konzentrationslager, zur Frau genommen hatte, konnte seinen Augen nicht glauben. Er trat einen Schritt zurück, versicherte sich nochmals und stellte fest: »Eine Wiedergängerin! Du bist von den Toten auferstanden, Zuzana – wieder einmal!«

Ich nickte nur, da ich vor Erschöpfung und Kälte kein Wort herausbrachte.

Mit letzter Kraft und unter höllischen Rückenschmerzen schleppte ich mich die sechs Stockwerke zu unserer Wohnung hinauf. Während wir uns langsam, Stufe für Stufe, nach oben arbeiteten, erzählte mir Viktor, dass meine Mutter und er eine Kurzmeldung über den Unfall per Funk aufgeschnappt hatten. Weitere Informationen hatte die Obrigkeit zurückgehalten.

Es dauerte eine ganze Weile, bis wir erfuhren, dass führende Parteifunktionäre beschlossen hatten, das schlimmste Zugunglück in der Geschichte der Tschechoslowakei weitgehend unter Verschluss zu halten. Auf diese Weise wollten sie verhindern, dass die Nachricht von »Feinden des Sozialismus missbraucht« würde. So berichteten die Medien zunächst auch nicht, dass hundertachtzehn Menschen bei dem Unfall ums Leben gekommen und mehr als hundert verletzt worden waren.

Als dem Lokomotivführer, dem Schaffner und dem Zugführer, die den Unfall überlebt hatten, der Prozess gemacht wurde, weil sie die Signale im Nebel falsch gelesen hatten, wurde auch darüber nicht berichtet. Viktor musste eine ganze Reihe von Leuten kontaktieren, die ihm noch einen Gefallen schuldeten, um mehr zu erfahren. Zum Glück hatte er einen einflussreichen Freund, der jemanden bei der Eisenbahnstation Prag kannte. Also rief Viktor dort an und fragte, ob der Schlafwagen aus Rumänien von dem Unfall betroffen gewesen sei.

»Ja«, lautete die Antwort. »Die letzten drei internationalen Passagierwaggons sind völlig zerstört worden. Es gibt keine Überlebenden.«

Daraufhin riefen Viktor und meine Mutter die Krankenhäuser rund um den Unfallort an, um herauszufinden, ob ich zu den Verletzten gehörte. Doch mein Name tauchte auf keiner Liste auf. Viktor und meine Mutter mussten annehmen, dass sie durch die Änderung meines Reiseplans unwillentlich meinen Tod verursacht hatten, und waren am Boden zerstört.

Als ich oben vor unserer Wohnungstür angelangt war, stand da meine Mutter, ebenfalls voll angezogen, und breitete ihre Arme aus. »Zuzanka«, flüsterte sie mit weit aufgerissenen Augen, das war alles, was sie herausbrachte.

Als Viktor und ich uns auf die Matratze unter unserem Flügel zum Schlafen legten, dämmerte bereits der Morgen. Dennoch bat ich meinen Mann, den Wecker zu stellen. Erschrocken schaute er mich an. »Warum das denn?«

»Ich muss gleich in der Früh in der Domovina Halle sein«, erinnerte ich ihn. »Das Gebäude ist extra für die Aufnahme reserviert, und alle werden auf mich warten.«

Viktor wollte schon protestieren, doch dann schaute er mir in die Augen. Schon als kleines Mädchen konnte ich nicht lügen, weil mich meine Augen jedes Mal verrieten. Diesen Wesenszug habe ich von meinem Vater geerbt. Viktor wusste, was ich dachte. Ich musste es gar nicht erst laut aussprechen: Was würde Bach tun? Also drehte er sich zur Seite und stellte den Wecker.

Ein Zugeständnis allerdings konnte mir mein besorgter Ehemann abringen. Ich stand noch früher auf und ließ mich gleich in der Früh im Krankenhaus untersuchen. »Es könnte ein Hexenschuss sein, womöglich habe ich mir aber auch den Rücken gebrochen«, informierte ich den Arzt, der mich untersuchte, und fügte lapidar hinzu: »Ein Koffer ist auf mich gefallen.« Der Mediziner ließ ein Röntgenbild machen und versprach mir, sich mit den Ergebnissen bei mir zu melden.

Ich kann mich nicht mehr erinnern, welches Stück wir an jenem Tag für Supraphon, das tschechoslowakische Plattenlabel, das meine Musik so erfolgreich vertrieb, aufgenommen haben. Später vermutete ich, dass es irgendetwas von Domenico Scarlatti, einem italienischen Zeitgenossen Bachs und produktiven Komponisten von Cembalomusik, gewesen sein musste. Auf der Schallplattenhülle aber steht schwarz auf weiß, dass es die Goldberg-Variationen waren, eines der schwierigsten Stücke Bachs. Schon als kleines Mädchen hatte ich davon geträumt, es irgendwann selbst einspielen zu dürfen. Der Überlieferung nach hatte ein russischer Graf, der unter Schlaflosigkeit litt, das Werk in Auftrag gegeben. Sein Cembalist Johann Goldberg sollte es ihm nachts vorspielen, um ihm die Zeit zu vertreiben. Die Variationen sind mathematisch perfekt aufgebaut und enthalten eine ganze Reihe von zahlensymbolischen Mustern, die nach Bachs Überzeugung die Seele eines jeden Musikliebhabers erfreuen.

Ich kann mich nicht erinnern, an jenem Tag Freude empfunden zu haben. Ich weiß nur, dass ich trotz höllischer Schmerzen meine Pflicht tat und etwa fünf Stunden am Cembalo saß. Wie immer unterstützten mich meine Musikerkollegen und die tüchtigen Mitarbeiter des Labels tatkräftig. Als der Produzent der Meinung war, genügend Material beisammenzuhaben, und mich fragte, ob ich anhören wolle, was sie bisher aufgezeichnet hatten, schüttelte ich nur den Kopf.

Ich fühlte mich fiebrig und antwortete ihm: »Vielen Dank, aber ich bin nach der langen Reise ziemlich müde und habe mir, glaube ich, eine Erkältung eingefangen. Ich möchte lieber heimgehen.«

Dann muss ich wohl vorschriftsmäßig meine Einnahmen aus der Konzertreise und meinen Pass bei der Obrigkeit abgegeben und anschließend die Trambahn zurück zu unserer Wohnung genommen haben. Sie lag in Vinohrady, ganz in der Nähe des Hotels Flora, eines vierstöckigen Gebäudes aus dem 19. Jahrhundert, in dem ich mit Viktor gerne zu Mittag aß (später wurde es abgerissen, um Platz für eine Shoppingmall und eine Metrostation zu machen). Allerdings kann ich das nur vermuten, da meine Erinnerung erst wieder einsetzt, als ich in unsere Straße einbog und den Krankenwagen mit geöffneten Hecktüren vor unserem Wohnhaus stehen sah. Ich ging, so schnell ich konnte, und rannte an unserer Eingangstür in den Arzt, den ich einige Stunden zuvor aufgesucht hatte.

»Wo waren Sie denn, Frau Růžičková?«, fragte er mich aufgebracht. »Wir haben schon auf Sie gewartet.«

»Warum? Was ist denn passiert?«, fragte ich und befürchtete, dass meiner Mutter etwas zugestoßen war.

»Es geht um Ihre Röntgenaufnahmen«, erklärte der Arzt. »Sie müssen sofort ins Krankenhaus.«

Verwirrt fragte ich, »Was? Warum denn?«.

»Meine liebe Genossin, Sie haben sich einen Halswirbel gebrochen.« Er fuhr fort und meinte, dass ich von Glück reden könne, nicht gelähmt zu sein. Die folgenden drei Wochen verbrachte ich flach ausgestreckt in einem Krankenhausbett. Anschließend musste ich mehrere Wochen lang ein enges Korsett tragen, um den Wirbel ruhig zu stellen. Das Musiklabel schickte mir einen Blumenstrauß mit einem Kärtchen, auf dem stand, dass die Aufnahme trotz meiner Schmerzen sehr gut geworden sei.

Zu meinem großen Glück hatte die Verletzung keinerlei Auswirkung auf das Musizieren am Cembalo. Und so boxte ich mich wie im Jahr 1945 durch eine weitere schwere Krankheitsphase. Gebeutelt, aber ungebrochen, konnte ich es kaum erwarten, nach Hause zu Viktor und meiner Mutter zurückzukehren. Wieder war ein Wunder geschehen, und ich war unendlich dankbar, Weihnachten mit den beiden Menschen verbringen zu dürfen, die mir mehr als mein eigenes Leben bedeuteten.

2Pilsen, 1927

»Kindermädchen für weiblichen, sechs Monate alten Säugling gesucht. Muss singen können.« Die Annonce meiner Mutter in der Pilsener Tageszeitung im Jahr 1927 hat damals wahrscheinlich zu einiger Verwunderung geführt. Einige der Bewerberinnen waren der Meinung, dass das Vorsingen für ein solch kleines Kind ein völlig unnötiger Luxus sei, doch meine Mutter beharrte darauf: »Ihr vorheriges Kindermädchen hat ihr immer vorgesungen, und sie hat es geliebt.«

Als Beweis für mein ungewöhnlich gut entwickeltes musikalisches Ohr setzte sie sich mich bei jedem Vorstellungsgespräch auf den Schoß und ließ jede der Anwärterinnen vorsingen. Sangen sie falsch, begann ich zu schreien, und so fand meine Mutter im Ausschlussverfahren das perfekte Kindermädchen für mich. Mama erzählte später, dass sie meine Reaktion auf falsches Singen bereits ahnen ließ, dass ich später einmal Musikerin werden würde.

Meine Eltern verwöhnten mich in der Tat sehr. Ich war ihr einziges Kind, und wir waren nicht gerade arm. Auf die Frage, wie mein Leben wohl verlaufen wäre, wenn ich nicht im Konzentrationslager gelandet wäre, pflege ich zu antworten, dass ich wohl ein unerträglich verzogenes Balg geworden wäre. Meine Mutter Leopoldina, »Poldi« genannt, war bei meiner Geburt dreißig Jahre alt, mein Vater vierunddreißig. Ein Schadchen (Heiratsvermittler) hatte, so wie es die Tradition vorsah, ihre Ehe arrangiert, doch unglücklich waren sie deshalb nicht, ganz im Gegenteil. Sie liebten sich hingebungsvoll und hatten eine der erfülltesten Ehen, die ich kenne.

Mama wollte Medizin studieren, führte aber stattdessen einen Porzellanladen in Doberschisch im Osten Böhmens. Dann arbeitete sie in der Buchhaltung eines Unternehmens, das Farben und Lacke herstellte, um anschließend die Stelle der Chefsekretärin im Automobilexportunternehmen Auto-Štádler in Pilsen zu übernehmen.

Sie war eine kultivierte, elegante Frau, die auf dem Internat Deutsch gelernt hatte. Nachdem sie die Schule abgeschlossen hatte, verbrachte sie viel Zeit bei ihrer Schwester in Wien, wo sie ins Theater, auf Konzerte und ins Museum ging. Meine Mutter war überwältigend schön, hielt sich selbst aber für hässlich, obwohl mehrere Männer sie anhimmelten, darunter auch ein verheirateter. Als junge Frau war sie in den Bruder eines Schwagers verliebt, einen älteren Mann mit einer Gehbehinderung. Auch er liebte sie heiß und innig. Doch ihre Eltern befanden ihn für ungeeignet und beauftragten stattdessen einen Heiratsvermittler.

Mein Vater hatte während des Ersten Weltkriegs als Erster Leutnant im 35. Infanterieregiment Pilsen gedient und einen Lungenschuss erlitten. Er sprach nie über den Krieg, doch seine Wunde beeinträchtigte ihn für den Rest seines Lebens, besonders bei sportlichen Aktivitäten. Er studierte an einer Wirtschaftsakademie und arbeitete danach in dem Spielwarengeschäft seines Vaters Hračky Růžičká (hračky bedeutet Spielwaren) in Solní 2 in Pilsen. Als er und meine Mutter sich zum ersten Mal formell vorgestellt wurden, war er gerade von seinem vierjährigen Aufenthalt in Chicago in den Vereinigten Staaten zurückgekehrt. Dort hatte er im Kaufhaus Leader, das sich in Mitbesitz von Verwandten mit dem Namen Ginsburg befand, eine Lehre absolviert. Meine Großtante Malvina war 1912 in die Vereinigten Staaten ausgewandert und hatte einen der Ginsburg-Söhne geheiratet. Sie ließen sich in einem Stadtteil Chicagos nieder, in dem hauptsächlich Tschechoslowaken lebten und der nach meiner Heimatstadt Pilsen benannt war. Zdeněk Ginsburg und seine drei jüngeren Brüder etablierten sich gemeinsam mit Verwandten aus der Familie Oplatka im Geschäft mit Kurzwaren. Bis in die Siebzigerjahre verkauften sie alles, von der Schuluniform bis zum Federbett. Sie schnitten ihr Angebot auf die Bedürfnisse der tschechoslowakischen Immigranten zu, die ihre treusten Kunden waren.

Aber die Ginsburgs hatten noch andere Talente. Einer der Ginsburg-Söhne, Roderick, machte sich einen Namen als Übersetzer tschechoslowakischer Literatur; er übersetzte zum Beispiel Karel Hynek Máchas Gedicht »Mai«, Karel Havlíček Borovskýs »Tiroler Elegien« und Ján Kollárs Gedichte. Dank der Freundlichkeit und Herzenswärme dieser Menschen genoss mein Vater seinen Aufenthalt in Chicago von Anfang bis Ende, obwohl er als Lehrling in der Lagerhalle anfing und hart arbeiten musste, um zu lernen, wie man ein Warenhaus leitete.

Mein Vater erinnerte sich gerne an seine Zeit in Amerika. Vermutlich wäre er dortgeblieben, wenn ihn nicht eines Tages ein Brief seines erkrankten Vaters Jindřich erreicht hätte, in dem er den Sohn bat, wieder nach Pilsen zurückzukommen und dort das Geschäft zusammen mit seinem jüngeren Bruder Karel zu leiten. Und so kehrte mein Vater nach vier Jahren, in denen er fließend Englisch gelernt und umfassenden Einblick in die Funktionsweise der amerikanischen Wirtschaft erhalten hatte, mehr oder weniger widerwillig nach Pilsen zurück. Zu dieser Zeit kam er mit meiner Mutter zusammen, und 1923 heirateten sie. Das Hochzeitsgeschenk meiner Großmutter mütterlicherseits war eine Köchin namens Emily, die uns alle betreute. Vier Jahre später kam ich am 14. Januar 1927 auf die Welt, woraufhin meine Großmutter meiner Mutter ein Dienstmädchen und etwas später ein Kindermädchen für mich zur Verfügung stellte. Meine Eltern nannten mich Zuzana Eva Miriam. Zuzana ist die tschechische Form von Susanna und bedeutet auf Hebräisch Lilie. Meine Eltern waren durch einen Kinofilm auf den Namen gestoßen, als meine Mutter mit mir schwanger war. Eva hieß meine Lieblingscousine, und Miriam ist mein jüdischer Name. Zuzana war nicht gerade ein geläufiger Name und löste in der Familie meiner Mutter einen kleinen Skandal aus. Meine Großmutter schrieb meiner Mutter einen empörten Brief, in dem sie sich ereiferte: »Zuzi ist doch ein Hundename!«

Zwar war mein Vater aus tiefstem Herzen Patriot, doch bin ich davon überzeugt, dass er nur aus familiärem Pflichtgefühl aus Amerika zurückgekehrt ist. Dennoch übernahm er frühzeitig die Leitung des Spielwarenladens zusammen mit seinem Bruder Karel, zu dem er ein sehr enges Verhältnis hatte. Karel war während des Ersten Weltkriegs aus der Armee Österreich-Ungarns desertiert und hatte sich der Fremdenlegion in Italien angeschlossen. Die beiden Brüder hatten den Geschäftssinn ihres Vaters geerbt, nicht aber seinen extravaganten Stil. Mein Großvater väterlicherseits hatte schulterlanges weißes Haar, trug einen Umhang und war für seine aufwendigen Schaufensterdekorationen bekannt, für die er sich je nach Anlass verschiedene Themen ausdachte. Einmal wählte er für den Nikolaustag das Thema »Hölle« mit vielen Teufeln und Feuer. Ein anderes Mal baute er zig Modelleisenbahnen auf. Doch egal, welches Thema er auch aussuchte, sein Schaufenster lockte stets viele Kinder an. Heute noch erzählen mir Leute, dass sie sich damals die Nase am Schaufenster des Spielwarenladens Růžičká platt gedrückt haben.

Im Laden gab es alle erdenklichen Spielsachen, Puppen, Bälle, Kreisel, Roller und Schlittschuhe zu kaufen. Als mein Vater den Laden übernahm, ließ er seine Erfahrungen aus Chicago einfließen und eröffnete eine »Schnäppchen-Abteilung« mit einem separaten Eingang, in der er Handschuhe, Schirme, Schuhe, Wäsche, Bettwaren, Schmuck und Lampen verkaufte, sodass die Kunden alles, was sie brauchten, in einem Geschäft kaufen konnten. Ich besitze ein altes Foto, auf dem die Schaufenster von oben bis unten mit allen erdenklichen Gegenständen vollgestopft sind. Mein Vater dachte sich Werbeslogans nach amerikanischem Vorbild aus, wie etwa »Vergiss Růžičká nicht!«, um diese in den Lokalzeitungen und auf riesigen Plakatwänden im Stadtgebiet zu veröffentlichen. Die Geschäfte liefen prächtig, und die Händler kamen scharenweise zu meinem Vater, um ihm ihre Waren anzupreisen. Soweit ich mich erinnern kann, türmten sich in meinem Kinderzimmer stets die Spielsachen. Eine Puppenmutter war ich nie gewesen, aber ich liebte alles, was glitzerte und glänzte, besonders Modeschmuck. Mami half im Laden und führte die Bücher. Dann machten meine Mutter und Karels Frau Kamila einen für Frauen in der damaligen Zeit sehr ungewöhnlichen Schritt und eröffneten in der Klatovská třída in einem anderen Stadtviertel ihren eigenen Laden unter dem Namen »Filiálka« (Filiale). Zuvor hatten ihnen ihre Ehemänner und mein Großvater ihren Segen gegeben. Mama und Kamila führten den Laden völlig eigenständig und mit großem Erfolg. Die Frauen versuchten, ihre Ehemänner zu übertrumpfen, und es entbrannte ein Wettstreit, wobei mein Vater immer unterstützend und freundlich blieb.

Wir drei waren sehr glücklich und schmusten viel miteinander, lange bevor dies in Mode kam. Besonders meine Mutter war eine richtige »Schmusekatze«, obwohl sie ein eher grüblerischer Geist war und meist traurig dreinschaute. Meine Eltern arbeiteten beide oft bis spät in den Abend, aber sobald sie zu Hause waren, widmeten sie mir ihre ganze Aufmerksamkeit, fragten mich, wie es mir den Tag ergangen war, und verwöhnten mich. Da ich deutsche und englische Kindermädchen hatte, wuchs ich dreisprachig auf, wobei wir mühelos zwischen Tschechoslowakisch, Deutsch und Englisch hin und her wechselten. Dass ich mich zu einem mehr oder weniger neurotischen Kind entwickelte, lag vielleicht daran, dass meine Eltern den ganzen Tag arbeiteten. Ich hatte schreckliche Ängste, dass meinen Eltern etwas zustoßen könnte. Meine Mutter war im Gegenzug überbehütend. Sie hätte mir gerne ein Geschwisterchen geschenkt, das mir Gesellschaft leistete, doch mein Vater hatte in den Dreißigerjahren eine sehr pessimistische Weltsicht und wollte nicht noch ein Kind in die Welt setzen.

Seine Entscheidung gegen ein weiteres Kind sollte uns das Leben retten, da es uns mit einem jüngeren Geschwister im Schlepptau vermutlich so wie unseren engen Verwandten ergangen wäre, die sofort in der Gaskammer gelandet sind.

Einen Bruder oder eine Schwester habe ich nie vermisst, da ich meine Cousine Dášenka, auch Dagmar genannt, hatte. Wir waren unzertrennlich. Dagmar war nur einen Monat jünger als ich und das älteste Kind von Onkel Karel und Tante Kamila. Dagmar und ich waren gleich angezogen, gingen in dieselbe Grundschule und waren bei allen Lehrern als Zuzi und Dagmar, die Růžičká-Mädchen, bekannt. Auch die Ferien verbrachten wir zusammen. Im Winter gingen wir Skilaufen mit unseren Eltern, und im Sommer wanderten wir im Riesengebirge.

Dagmar bewohnte mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder Miloš, auch Milošek gerufen, in Plachého 4 im Herzen von Pilsen eine Wohnung im ersten Stock, die direkt neben unserer lag. Von meinem Kinderzimmerfenster aus konnte ich quer über den Innenhof in das von Dagmar schauen. Jeden Morgen öffneten wir unsere Fenster und riefen uns fröhlich zu: »Guten Morgen, Cousine! Magst du rüberkommen?«

Von meinem anderen Fenster aus konnte ich den Laden meiner Mama sehen. Wenn sie abends um sechs Uhr Feierabend machte und zuschloss, winkte sie mir vom Eingang aus zu. Danach spazierten wir durch die Parks rund um die Synagoge, um meinen Vater an seinem Laden abzuholen. Oft kam er uns auf halbem Weg auf dem Fahrrad entgegen, und ich war jedes Mal so glücklich, dass unsere Familie wieder vollständig war. Ich bekam meine fünf Kronen Taschengeld, um gemeinsam meine Lieblingszeitschrift Malý hlasatel (»Kleiner Anzeiger«) und ein paar Blumen für meine Mutter zu kaufen.

Ich war ein wissbegieriges Kind, das von allem fasziniert war. Besonders angetan war ich von Flugzeugen und verkündete im Alter von sechs Jahren, später einmal Pilotin werden zu wollen. Schließlich entdeckte ich meine Liebe zur Literatur und wollte Schriftstellerin werden. Dagmar war ganz vernarrt in Tiere und äußerte schon früh den Wunsch, Tierärztin zu werden. Sie hatte eine Katze namens Evinka und ich in meinem Schlafzimmer ein Aquarium mit Tropenfischen. Einer hatte eine fächerartige Schwanzflosse, daher benannte ich ihn nach dem Stück »Lady Windermeres Fächer« von Oscar Wilde, das ich besonders gerne mochte. Ich besaß auch einen Kanarienvogel namens Jerry, aber ich bin sicher, dass sich Dagmar weitaus mehr für ihn interessierte, als ich es jemals getan habe.

Schon früh förderte mein Vater, den wir Tata riefen, unsere Englischkenntnisse, indem er uns Kinderbücher wie Peter Pan, Winnie Puuh und Alice im Wunderland in Englisch vorlas. Dagmar liebte Winnie Puuh besonders und träumte davon, eines Tages ihren eigenen Esel namens I-Aah zu besitzen. Meiner Cousine fiel es nicht so leicht, Fremdsprachen zu lernen, sodass mein lieber Tata eines Tages die Geduld mit ihr verlor und ihr keinen Unterricht mehr gab. Danach brachte mein Vater nur noch mir Englisch bei, und zwar auf ganz wunderbare Art und Weise. Wenn er nach Hause kam, ließ er mich jedes neue Wort, auf das wir beim Lesen eines Kapitels stießen, aufschreiben und fragte mich nach seiner Bedeutung. Er las nur weiter vor, wenn ich die Frage gut beantworten konnte, was ein enormer Ansporn für mich war.

Mami war eine äußerst elegante Erscheinung, die großen Eindruck auf mich machte. Sie war stets wunderschön angezogen, und ich liebte ihren Kleidungsstil. Mami hatte eine Schneiderin, bei der sie bezaubernde Sachen für sich und mich anfertigen ließ. Oft waren Dagmar und ich gleich angezogen, aber manchmal entwarf Mami auch Sachen, die wir im Partnerlook trugen. Wir liebten es beide, uns zu kostümieren. Einmal verkleidete ich mich als Cio-Cio-San aus Madame Butterfly, indem ich mir Mamis Bademantel überzog und mir sogar einen Turban band und Chrysanthemen ins Haar steckte. Ein anderes Mal war ich Mata Hari, und für eine Schulaufführung verwandelte ich mich in eine Postbotin in Uniform.

Mein Vater war passionierter Amateurfotograf und hatte sich in einem kleinen Zimmer unserer Wohnung seine eigene Dunkelkammer eingerichtet. Er machte unzählige Fotos von uns allen, die Freunde unserer Familie während des Kriegs zum Glück aufbewahrt haben und die mir bis heute sehr viel bedeuten. Eines meiner Lieblingsbilder zeigt Dagmar und mich als Wildblumen verkleidet. Ich hatte bei der Schulaufführung »Mutter Erde« die Rolle des Vergissmeinnichts, und Dagmar war ein Gänseblümchen. Verkleiden war einfach das Größte für uns!

Von klein auf war ich von Musik umgeben gewesen. Emily, unsere Köchin, sang mir alte Volksweisen vor, in denen es um Wölfe und Babys ging, mein Vater hatte eine schöne Baritonstimme und spielte Geige. Ein Klavier besaßen wir nicht, aber meine Mutter spielte bei jeder Gelegenheit, die sich bot, und ich liebte es, ihre Hände über die Tasten fliegen zu sehen. In unserer Familie wurde ständig gesungen. Schon morgens, wenn mein Vater sich rasierte, trällerten wir, und abends sangen wir Schlaflieder. Ich merkte mir jede Melodie und sang sie nach. Mein Vater hatte ein sehr musikalisches Ohr und merkte sofort, wenn ich falsch sang.

Tata brachte mir Lieder in allen möglichen Sprachen bei, vor allem tschechoslowakische und englische, aber auch russische. Ich weiß noch, dass ich Londons’s Burning, My Bonnie Lies Over the Ocean und ein lustiges Gedicht mit dem Titel My Mother Is Full of Kisses lernte. Es ging so: A kiss when I wake up in the morning, a kiss when I go to bed, a kiss when I burn my fingers and a kiss when I bump my head.

Mein Lieblingslied war ein altes amerikanisches Lied mit dem Titel Silver Threads. Es hatte den Text: Darling I am growing old, silver threads among the gold … life is fading fast away … But my darling you will be, always young and fair to me.

Käme es mir heute zu Ohren, bräche ich vermutlich in Tränen aus.

Als mein Vater unser erstes Radio kaufte, war das ein großes Ereignis in unserer Familie. Bedauerlicherweise hatte ich schreckliche Angst davor und rannte schreiend weg, sobald es angestellt wurde. Ich weigerte mich sogar, den Raum zu betreten, in dem es stand, mit der Begründung, es sei zu laut.

Mami brachte mich zu einem Kinderarzt, der mich untersuchte und mein Gehör für völlig normal befand. Er sagte zu meiner Mutter: »In Ihrem Zuhause ist es zu still. Vielleicht sollten Sie und Ihr Mann sich ein bisschen mehr zanken?«

Um mir über meine Angst vor dem Radio hinwegzuhelfen, ließ sich Tata eine Geschichte mit zwei Figuren namens Antenne und Amplion einfallen, die innerhalb des Kastens aus poliertem Mahagoniholz aufregende Abenteuer erlebten. In einer anderen witzigen Geschichte meines Vaters versuchte eine Nachtigall, einer Kuh und einer Gans das Singen beizubringen. Er hatte eine sehr gute Erziehung genossen und war mit seinem Beruf als Kaufmann nicht vollends glücklich. Ich denke, dass er lieber seine musikalische Ausbildung vertieft hätte, um Violinist zu werden. Er war von Natur aus introvertiert, hatte Philosophie studiert und zeigte großes Interesse am tagespolitischen Geschehen. Als ältester Sohn eines Kaufmanns aber war ein Leben als Denker unmöglich, und es blieb ihm nichts anderes übrig als das Geschäft zu übernehmen und es erfolgreich weiterzuführen. Im Geheimen plante Tata, genügend Geld zu verdienen, um den Spielwarenladen zu verkaufen oder seinem Bruder zu überlassen, mit fünfzig in Ruhestand zu gehen und sein Traumhaus zu bauen, eine Villa mit Tennisplatz. Wir schmiedeten Pläne und sprachen oft darüber, auch davon, dass er mir einmal eine schöne Mitgift zusammenstellen würde.

Jeden Abend las er meiner Mutter und mir vor. Manchmal waren es Artikel aus den amerikanischen Zeitungen, die er sich von Verwandten zuschicken ließ. Natürlich waren sie alles andere als aktuell, aber wir freuten uns sehr darauf. Während ich mich auf die Comics stürzte, las Tata uns aus den Nachrichten vor.

Er liebte es, uns die Geschichten von Rudyard Kipling oder eine Passage aus H. G. Wells’ spannendem Werk Der Krieg der Welten vorzulesen. In der umfangreichen Bibliothek meines Vaters waren alle erdenklichen Genres vertreten, egal, was er lesen wollte, er konnte es einfach aus dem Regal ziehen. Einen besonderen Genuss bereitete es mir, wenn er mir aus Homers Odyssee oder der Ilias vorlas. Beide Werke hatten enormen Einfluss auf mich, besonders ihr Rhythmus. Vermutlich habe ich mein gutes Rhythmus- und Taktgefühl diesem freundlichen jüdischen Kaufmann zu verdanken, der mir als Kind Literaturklassiker vorlas.

Die Eltern meines Vaters waren grundverschiedene Charaktere, führten aber eine überraschend harmonische Ehe. Sein Vater Jindřich war ein überzeugter tschechoslowakischer Patriot, der in Pilsen geboren war, aber viele Jahre in Wien lebte, wo er eine Einheit der national und patriotisch geprägten Turnbewegung Sokol gründete (Sokol bedeutet Falke). Der Leitspruch der Bewegung lautete: »Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper.« Auf Sokol-Festen trugen die Turner wunderschöne Uniformen und schwenkten bunte Fahnen, was das nationale Zusammengehörigkeitsgefühl zusätzlich festigte.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde mein Großvater wegen seiner Verbindungen zu der Turnbewegung, die eine bedeutende Rolle für die Entwicklung des tschechoslowakischen Nationalismus in der Zwischenkriegszeit spielte, aus Wien ausgewiesen. Später sollte sie von den Nazis brutal niedergeschlagen werden und darüber hinaus als Vorwand für unsere Verfolgung dienen.

Seit der Ausweisung meines Großvaters wuchsen in meiner Familie väterlicherseits die Ressentiments gegen Wien und der tiefe Hass gegen Österreich-Ungarn. Meine Familie lehnte auch mit großer Entschiedenheit die NSDAP ab, deren Aufstieg 1920 begann.

Nach den niederschmetternden Erfahrungen in Wien kehrte mein Großvater nach Pilsen zurück und heiratete meine Großmutter Paula, die aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie in Prag stammte. Sie bekamen rasch hintereinander fünf Kinder, denen sie allesamt patriotische tschechoslowakische Namen gaben. Die Erstgeborene hieß Vlasta, dann wurde mein Vater Jaroslav geboren, gefolgt von seinen Schwestern Jiřina und Zdena. Karel war der Jüngste. Die Schwestern meines Vaters heirateten beide keinen Juden.

Als mein Großvater Wien den Rücken kehrte, um wieder in der Tschechoslowakei Fuß zu fassen, verdiente er sein Geld zunächst mit dem Ex- und Import von Eisen. Später führte er den Spielwarenladen, dessen Schaufenster er so liebevoll nach Wiener Vorbild dekorierte. Seiner Leidenschaft für Sport und Gesundheit blieb er treu, und da er darüber hinaus auch ein großer Naturliebhaber war, verbrachte er seine Freizeit entweder im Naturkundemuseum oder im Wald, wo er Vögel beobachtete, Wildblumen bestimmte oder Schmetterlinge fing.

Jeden Sommer radelte er mit Dagmar und mir in ein Dorf namens Schwihau (Švihov), wo er dem einfachen Leben frönte. Wir besuchten die wunderschöne gotische Burg mit ihrem imposanten Wassergraben und gingen jeden Tag in den Wald und lernten viel über die Tier- und Pflanzenwelt. Es war mein Großvater, der Dagmar auf die Idee brachte, Tierärztin zu werden.

Im Gegensatz dazu war meine Großmutter eine temperamentvolle Salonlöwin und überzeugte Städterin, die gerne reiste und auf kulturelle Veranstaltungen ging. Meine Großeltern wussten mit ihrer großen Unterschiedlichkeit geschickt umzugehen und führten eine äußerst liebevolle Beziehung. Obwohl meine Großmutter fünf kleine Kinder zu Hause hatte, fuhr sie alleine nach Nizza, um dort ihre Ferien mit Freunden zu verbringen. Von ihrem Urlaubsort schickte sie uns Veilchencreme. Wenn sie frisch und erholt zurückkehrte, hatte sie stets ausgefallene Lebensmittel als Mitbringsel für uns dabei. Sie liebte jede Art von Musik und förderte die musikalische Bildung ihrer Kinder und Enkelkinder. Ihre Tochter Vlasta hatte eine wunderschöne Altstimme und wäre gerne Musikerin geworden. Sie sang bei der Aufführung von Smetanas komischer Oper Die verkaufte Braut in Paris die Rolle der Agnes, aber als Tochter einer angesehenen Familie war eine Karriere als Sängerin undenkbar, und so wurde sie mit einem wohlhabenden Mann namens Arnošt Karas verheiratet. Vlasta blieb für den Rest ihres kurzen Lebens unglücklich und verbittert über diese Entscheidung.

Meine Großmutter Paula, die ich Babička nannte, war zwar selbst nicht musikalisch, liebte aber die Künste und nahm mich oft ins Theater mit. Ab dem Alter von sechs Jahren besuchte ich Kindermatinees, dann Operetten und Ballette, später auch Opern. Meine erste Oper war Carmen, an der ich sowohl die Musik als auch die großen Emotionen liebte. Dagmar und meine Cousine Eva Šenková, die ebenfalls mitgekommen waren, waren so wie ich restlos begeistert.

Meine Großmutter unterstützte mehrere Wohltätigkeitsorganisationen, darunter auch einen Fonds zur Unterstützung bedürftiger jüdischer Studenten. Sie organisierte Streichquartette des Kammerorchesters und eine Darbietung von Beethovens Symphonien durch das Kolisch-Quartett. Für das jährlich im Frühling stattfindende Opernfestival reservierten wir immer eine Familienloge im Theater. Hingerissen beobachtete ich, wie die Musiker ihren Instrumenten diese wunderschönen Töne entlockten, und fasste den unumstößlichen Entschluss, Musikerin zu werden.

Vor jedem Konzert war ich halb krank vor Aufregung und Vorfreude, und manchmal zog mich die Musik derart in ihren Bann, dass ich schier das Atmen vergaß.

Obwohl meine Mutter aus einer religiösen, wenn auch nicht orthodoxen, jüdischen Familie stammte, waren wir nicht strenggläubig. Ihr Vater sang bei Pessach und am Sederabend auf Hebräisch, doch keiner in der Familie aß koscher oder sprach Jiddisch. Ganz im Gegenteil war die Familie, in der Tschechoslowakisch und Deutsch gesprochen wurde, völlig assimiliert.

Mein Vater hatte nie mit seinen Eltern in Wien gelebt und sprach nicht besonders gut Deutsch. Er mochte es auch nicht, wenn tschechoslowakische Juden in Kaffeehäusern Deutsch sprachen, da er befürchtete, dass sie dadurch andere Tschechoslowaken gegen sich aufbringen könnten. Er war überzeugter Atheist, der sein Geschäft noch nicht einmal am Sabbat schloss, doch hielt er sich mit Kritik an meiner Mutter zurück, die still an ihrem Glauben festhielt.

Mein Vater hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, meiner Mutter Blumen mitzubringen, wenn sie am Jom Kippur die Synagoge besuchte. Allerdings war es unsere Köchin Emily, selbst Tschechin und strenggläubige Katholikin, die meinen Vater auf die Idee brachte: »Sie müssen Frau Růžičková Blumen mitbringen.« Und wenn er sich dann mit einem Blumenstrauß zur Synagoge aufmachte, lief sie ihm nach und rief: »Aber, Herr Růžičká, Sie haben Ihren Hut vergessen!« Mein Vater war mit den jüdischen Bräuchen überhaupt nicht vertraut, ging aber trotzdem zur Synagoge, weil er meine Mutter über alles liebte.

Obwohl mich meine Mutter als Kind an großen Feiertagen in die Synagoge mitnahm, fühlte ich mich weder jüdisch noch in irgendeiner anderen Art und Weise anders als die anderen. Dagmar ging es genauso. Unsere Eltern erzogen uns in völliger Freiheit, auch religiöser Freiheit, und versuchten uns in keiner Weise zu beeinflussen. Da ich jede Art von Feier liebte, genoss ich es, an Rosch ha-Schana oder Jom Kippur in die Synagoge zu gehen, doch war es der einzige Ort, an dem ich mit der jüdischen Religion in Kontakt kam. Ich liebte alles, was mit Musik zu tun hatte, nur dass mein Interesse nicht das Geringste mit Gläubigkeit zu tun hatte und mich die Göttersagen der alten Griechen gleichermaßen in ihren Bann zogen.

Ich nahm sogar an der Fronleichnamsprozession teil und wurde vom Bischof gesegnet, als ich einen kleinen Strauß Pfingstrosen zum Altar brachte. Er schenkte mir ein Heiligenbildchen, das ich bis zum heutigen Tag aufgehoben habe.

Die Eucharistiefeier, bei der die Hostie, die den Leib Christi symbolisierte, genommen wurde, bereitete mir die größte Freude. Was mich im Nachhinein wirklich erstaunt, ist, dass damals unter Masaryk, dem ersten Präsidenten der Tschechoslowakei, keiner zu mir sagte: »Du gehörst nicht hierher. Du bist Jüdin«, obwohl weithin bekannt war, dass die Růžičkás Juden waren, auch wenn unser Name ein Zigeunername war. Auch forderten mich meine Eltern nicht dazu auf, diesen Zeremonien fernzubleiben. Wir gehörten zu einer Gemeinschaft, die als sozialdemokratisches Bollwerk galt, und ich durfte hingehen, wo ich wollte. Es war wirklich eine tolerante und demokratische Zeit.

Dagmars und mein erster Schultag war in der ortsansässigen Schule Cvičná škola in der Koperníkova-Straße. Obwohl wir dieselbe Klasse besuchten, waren wir nie Rivalinnen. Die Schule genoss einen hervorragenden Ruf, die Lehrer waren gut ausgebildet und vermittelten uns das ganze Spektrum von Sprachen und Kunst über Literaturklassiker bis zu Mathematik. Wegen meiner großen Geräuschempfindlichkeit, die sich zum ersten Mal gezeigt hatte, als ich mich vor dem Radio meines Vaters versteckte, musste ich oft im ruhigen Lehrerzimmer sitzen. Ich nahm Geräusche als derart schrill wahr, dass mir der Kopf brummte.