Lebst Du schon oder wiederholst Du noch? - Clara Welten - E-Book

Lebst Du schon oder wiederholst Du noch? E-Book

Clara Welten

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Beschreibung

Fragen Sie sich auch, weshalb Sie immer genau die Verhaltensweisen wiederholen, die Sie an Ihren Eltern am meisten ablehnten? Oder stellen Sie fest, dass sich bestimmte seelische Wunden hartnäckig halten und Ihr Dasein erschweren, trotz jahrelanger Therapiearbeit? Vielleicht haben Sie manchmal das Gefühl, dass es jenseits dieser aktuellen Realität noch etwas anderes gibt, eine andere Wirklichkeit, die Sie prägt und beeinflusst? Dann unterstützt Sie dieses Buch auf der Suche nach Antworten und im Verstehen diverser Realitäten. Lebst Du schon oder wiederholst Du noch? ist ein engagiertes Sachbuch für Laien und Fachleute, das sich mit der Gesundung der Seele beschäftigt: Wie folge ich meinem ureigenen Weg der Selbst-Bestimmung, ohne das Dasein anderer zu leben? Eine Vielzahl von Beispielen aus der Praxis, tiefenpsychologische Analysen und spirituelle Techniken wie Rückführungen und Seelenreisen zeigen Ihnen den globalen Zugang zu Ihren eigenen Welten auf. In der Komplexität ist Clara Weltens Buch ein Plädoyer für die moderne Seelenheilkunde, in der ein vielfältiges Handwerkszeug der Therapeuten sowie deren Authentizität als Basis aller empathischen Arbeit Sinn macht.

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Seitenzahl: 409

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Coming into our authentic, peaceful power

so that we can steer the course of our life in the direction we know it

should go, is one of the greatest gifts we can give to ourselves and

ultimately to the world.

Bringing together our whole being - physical, emotional,

psychological and spiritual - helps us impact the world and powerfully

and peacefully play the significant role for which we were born.

Clara Welten typifies this in her approach to life and in her

expression of herself through her work and writing.

*

ln unsere wahre friedliche Kraft zu treten, so dass wir den Verlauf

unseres Lebens in die Richtung steuern können, von der wir wissen, dass es

dorthin gehen soll, ist eines der größten Geschenke, die wir uns selbst und

letzten Endes der ganzen Welt geben können.

Unser ganzes Wesen - körperlich, emotional, mental, geistig,

spirituell - zusammenzubringen, hilft uns, auf die Welt einzuwirken und

kraftvoll und friedlich die bedeutende Rolle zu spielen, für die wir geboren

wurden.

Clara Welten verkörpert dies in ihrer Art zu leben und bringt es

durch ihre Arbeit und ihr Schreiben zum Ausdruck.

Dr. Brenda Davies, Wales, Oktober, 2015

Psychiaterin & spirituelle Heilerin

Inhalt

Vorwort

Unterstützung in seelischer Not – Von der Psychoanalyse zur Seelenreise

Eine Seele ruft

Psychoanalyse und Schamanismus – Wie gehört das zusammen?

Die Gärtnerin bin Ich! Wie wir unseren Garten umgraben, auf dass er blühen kann

Über die Bedeutung der Tiefenpsychologie als Werkzeug der Seelenerkenntnis

Die Struktur des Ichs oder wie wir uns als Mensch emanzipieren

Bewusstsein und Heilung aus spirituell integrativer Sicht

Wenn wir in den Spiegel unserer Seele schauen oder der Kosmos in uns

Eine Nachricht von oben: der Liebesbote

Der Seelenraum

Wie ich als Seelenbegleiterin den Heilungsprozess des Menschen unterstütze

Die Methode der Seelenbegleitung

Kritische Studie zur Psychoanalyse als therapeutisches Verfahren

Wenn ein Mensch geboren wird. Das Geburtstrauma aus tiefenpsychologischer und spiritueller Sicht

Vergangenheit ist vergangen. Wie Erinnerungen unsere Gegenwart und Zukunft determinieren

Liebst Du schon oder wiederholst Du noch? Über die Wirkung des „biografischen Wiederholungszwangs“

Die Liebe, gefangen im Wiederholungszwang kosmischer Dimensionen

Das Leiden, eine Frequenz aus verschiedenen Welten

Die Kraft des Narzissmus. Die Spiegelung des Größen-Selbst und über die Lust auf Mutterbindung

„Mama, lass' mich ziehen - bitte lass' mich los!“

Die spirituelle nonverbale Therapie als konkreter Zugang zu Deinen Welten

Die Praxis des Satsang. Das „Sitzen in der Wahrheit“ oder wie Körper dank Seele heilt. Ein Protokoll

Leiden, Tod und Leben: eine Fallstudie zur Rückführung

Wie Seelenanteile an folgende Generationen weitergegeben werden. Ein spirituelles Reiseprotokoll

Schamanische Welten als Ort der Erkenntnis und Erleuchtung. Eine Reisebeschreibung

Inspiriert Sein: Wenn wir empfangen und teilen. Eine Anleitung zu Deiner Praxis des Schreibens

Essay über die Glaubwürdigkeit der Seelenbegleiter und der Therapeuten

Ein gechanneltes Nachwort

Anhang

Glossar

Literaturhinweise

Coverbild - Barbara Köhler

1. Vorwort

Als ich im Jahre 2011 in meiner Supervisionsgruppe das Thema „Bewusstsein und Heilung im 21. Jahrhundert“ zu diskutieren begann, waren wir uns alle darüber einig, dass in den letzten 20 Jahren in der therapeutischen Arbeit ein großer Wandel stattgefunden hat. Wir - das waren ein Coach, eine Gestalttherapeutin, eine Schamanin, eine Tiefenpsychologin, eine Künstlerin und Heilerin, eine Ergotherapeutin - und ich als psychoanalytisch und schamanisch ausgebildete Seelenbegleiterin.

Worin lag und liegt dieser Wandel? Es fiel uns nicht leicht, diese Frage rational zu beantworten. Wir nahmen jedoch wahr: Die Arbeit geht leichter und anders. Und Bewusstwerdung braucht kein Setting mehr von fünf Jahren mit dreimal wöchentlichen Sitzungen1, sondern Heilung als Gesundung seelischer und (in der Folge) körperlicher Symptome geschieht wirkungsvoller, schneller, öfter und sichtbarer. Die Einigkeit in der Beantwortung überraschte uns; wir glichen unsere Erfahrungen miteinander und über die Grenzen unserer Gruppe hinweg ab und fanden Bestätigung des zunächst einmal Empfundenen.

Das war die Geburtsstunde dieses Buches: meine Lust, mich dem Thema intensiv zu widmen, Zeit zum Denken zu investieren, um die Ursache(n) dieses Wandels der Bewusstwerdung und der großen Heilungschancen zu analysieren und zu verstehen. Noch 30 Jahre zuvor war die Psychoanalyse eine sehr gute, wenn nicht die Möglichkeit gewesen, seelische Konflikte zu bearbeiten. In meiner psychotherapeutischen Praxis erlebte ich jedoch, dass mich viele Patienten vermehrt nach einer abgeschlossenen Analyse (von fünf bis zehn Jahren Dauer) aufsuchten, um „endlich ein für alle Mal“ Verbesserung ihrer seelischen Lage zu erfahren.

Die Psychoanalyse als Geistes- und Sozialwissenschaft hatte in den 30er Jahren zur Zeit Horkheimers und Adornos, zur Zeit der Kritischen Theorie eine herausragende Stellung im Diskurs der “Zusammenwirkung zwischen Innen- und Außenwelt“ eingenommen: Wie wirkt sich Gesellschaft auf das Bewusstsein der Menschen aus? Als politisch denkende Menschin faszinierte mich zutiefst die Beschäftigung mit gesellschaftlichen und seelischen Fragen. Nicht zuletzt um zu verstehen: „Wozu sind Kriege da?“ Und wie wirkt Massenpsychologie?

Diese Zeiten sind vorbei. Das politisch engagierte, analytische, interpretative Denken des 20. Jahrhunderts in Ideologien, in kommunistischen oder anderen Kategorien ist gewichen. Nach fünf politischen Systemen, zwei Weltkriegen und Mauerfall im Deutschland des 20. Jahrhunderts wich die Hoffnung einer Ernüchterung - vielleicht derjenigen, dass politisch richtige“ Lösungen grundlegende Veränderungen in Richtung „Pazifismus Fähigkeit“ bewirken können. Denn was ist schon „richtig“?

Für uns therapeutisch Arbeitende haben sich die Zeiten ganz erheblich verändert - positiv. Bei meiner Abkehr vom Denken in politischen Leitlinien hin zum Wissen über die Seele2 als das Zentrum des Menschen, wurde ich nach 25 Jahren von einer dritten Wirkweise inspiriert: Energie. Energie eröffnet einen spirituellen Horizont, der Freuds Bewusstsein und Unterbewusstsein gewissermaßen umhüllt - eine andere, erweiterte Dimension, die von fast jedem Menschen telepathisch zu erleben ist, gleich welchen Bildungsgrades.

In den 70ern - und auch noch heute - gesellschaftlich gern als Esoterik „verschubladet“, um es abzuwerten, ist die Dimension der energetischen Arbeit in der Therapie nicht mehr wegzudenken. Heute wissen wir, die wir nicht esoterisch, sondern ganz bodenständig verankert sind, dass Gedanken Energie sind, dass also Denken Energie ist, dass seelisch manifestierte Glaubenssätze Energie sind und dass psychosomatische Krankheiten ein Ungleichgewicht energetischer Verhältnisse im Körper darstellen. Wie also wirkt Energie?

Die tiefenpsychologischen Ursachen des seelischen Leidens meines Gegenübers zu verstehen, in seinem Kern spürbar auszuloten, ist in meiner Praxis die Basis für Veränderung - hier liegt auch heute noch die einzigartige Kraft der Tiefenpsychologie, der ich in diesem Buch viele Kapitel widme, von der Theorie zur Praxis, vom Interpretationsmodell zu Fallbeispielen. Erkenntnis kann heilen. Tiefes Verstehen kann er-lösen.

Oft reichen für die Gesundung von Seele und Körper die tiefenpsychologisch definierten Aspekte Bewusstsein und Unterbewusstsein aber nicht aus. Wenn die verbale Arbeit, die Worte und Interpretationen nicht genügend Macht besitzen, um die Wurzel einer seelischen Wunde wahrzunehmen, helfen nonverbale energetische Techniken, wie Seelenreisen und Besuche in schamanischen Welten, um Frieden und gar Heilung zu ermöglichen. Wie verbale und nonverbale therapeutische Vorgehensweisen konkret zur Genesung beitragen können, ist Thema dieses Buches.

Nach tiefenpsychologischem auf den Punkt bringen und einer Seelenreise fühlte Anna: „Es ist merkwürdig, aber ein dunkler Schatten, der 40 Jahre lang auf meiner Brust lag, ist verflogen und zum ersten Mal spüre ich, was es heißt, frei zu sein.“ Anna war angekommen in ihrer Selbst-Bestimmung.

1 Dies entspricht dem klassischen Setting der Psychoanalyse.

2 Von der Tiefenpsychologie zum Tibetischen Totenbuch, vom Buddhismus zum Schamanismus und Christentum ...

2. Unterstützung in seelischer Not - Von der Psychoanalyse zur Seelenreise

Fühlen Sie sich manchmal unendlich schwer, haltlos, traurig und leer? Haben Sie keine Lust aufzustehen, den Tag zu beginnen, auch, wenn der Himmel blau ist und die Sonne in Ihr Zimmer scheint? Haben Sie Angst loszugehen, unter die Menschen, sich in einer Gruppe aufzulösen oder an einer Kasse im Lidl zu stehen, während Ihnen das Portemonnaie aus der schwitzenden Hand rutscht, alle Geldstücke auf den weiß gekachelten Boden fallen mit einem riesigen Kratsch - gefühlt wie die Puzzleteile Ihres Lebens?

Seelische Leiden, derer gibt es viele - sie sind mannigfaltig, in den Symptomen ganz unterschiedlich, manchmal sofort erkennbar, manches Mal in einer Larve steckend und dem Schein verborgen ... Entscheidend jedoch ist, dass der reine Wille, die kognitive Kraft nicht (mehr) ausreichen, um aus dem Zustand der Dunkelheit oder Verwirrung herauszufinden.

Auch, wenn sich der Mensch außerordentlich anstrengt, Lösungen zu finden: sein Blick kann über Monate oder Jahre hinweg, manches Mal mit Beginn seines Lebens, in einem sehr begrenzten Raum gefangen und verhangen sein ...

Vielleicht gibt es - gleich welcher Diagnostik - eine Gemeinsamkeit für seelisches Leiden: Wenn die Seele im Dunkeln strauchelt, weiß sie nicht, wohin gehen. Sie ruft. Sie er-kennt ihren Weg nicht hinaus - aus dem langen düsteren Tunnel, aus der Angst, aus der Verletzung, aus der Verlorenheit. Sie erkennt sich nicht. Sie kann nicht strahlen. Sie sieht kein Licht. Definition für seelisches Leiden kann sein: Die Seele, die eine reisende und weise ist, mit all dem Wissen, das sie in ihrer feinstofflichen Existenzform inne trug, sieht ihren ureigenen, jedem Menschen identischen Weg nicht. Das Selbst bleibt ihr verborgen.3 Es bleibt dem Menschen, in dem sie wohnt, verborgen. Und das ist das Traurige am Leiden. Denn ist der Mensch, diese Einheit aus Körper, Geist und Seele, so weit aufgeräumt, dass seine Seele strahlen kann, fühlt sich das wunderbar an, verbunden mit Licht, Universum, mit Weisheit und Wesen, mit Elementen und Mutter Erde - Teil der kosmischen Energie, die wir Gott, Odem, Atem nennen können.

Wie kommen wir dazu, uns aufzuräumen?

Dieser Frage widme ich mich seit meinem 13. Lebensjahr, also seit über 30 Jahren. Damals litt ich selber. Ich litt so sehr, dass Leben für mich eine Qual war, jeder neue Tag eine nicht zu lösende Aufgabe ... Oft endete dieser Tag bereits im Mittag gelegen.

Doch dank meiner Lust am Denken, dank meiner analytischen Fähigkeit, Dinge, die ich nicht verstehe, durchdringen zu wollen und dank meines starken Lebenswillens lernte ich: Ich las und studierte, beobachtete und notierte, schrieb und untersuchte - und wurde frei. Die Tiefenpsychologie und Psychoanalyse halfen zuerst, dann die Philosophie der Existenz und kognitiv erarbeitete Erkenntnisse, später die Spiritualität, die Rückführungen und Seelenreisen. Letztere brachten Heilung meiner alten Wunden, die ich bis dato verstanden hatte, aber dennoch nicht zu lösen vermochte. In diesem Buch widme ich mich drei großen inhaltlichen Themenbereichen, die für die Gesundung der Seele und daraufhin des Körpers, der Psycho-Somatik4 wichtig sind:

1. der Kraft der Psychoanalyse und Tiefenpsychologie

Ich gehe auf Leidensformen ein, die sich in meiner Praxis oft zeigen, wie die Depression und das narzisstische Leiden in der Mutterbindung in seinen emotionalen Missbrauchsformen. In poetischen Texten bringe ich Ihnen das Kind und die Mutter nahe, beide gefangen in einer Bindung, die doch befreit werden möchte. Mit Beispielen aus der Praxis, den Erkenntnissen und Tiefenwirkungen können Sie selbst den Weg der Gesundung verfolgen.

Mit der Tiefenpsychologie, resultierend aus der Psychoanalyse, die einst Freud für uns benannte, ist ein reiches Instrumentarium seelischer Einsicht entstanden. Sie muss gelernt werden, gut und gründlich, auf dass der Mensch, der sie anwendet, nicht nur diagnostiziert und interpretiert, sondern über diese allzu menschliche Eigenschaft der Kategorisierung hinauswächst, um sie mit allen sechs Sinnen zu praktizieren. Voraussetzung ist unser Kontakt zum Gegenüber, meine empathische Verbindung zu dem, der mir gegenübersitzt und in seiner Lebensunlust zunächst gefangen ist. Die Annahme der Tiefenpsychologie, dass es für das seelische Leiden immer Ursachen gibt, die sich seitdem auf die Welt Kommen begründen, insbesondere in den ersten drei Lebensjahren manifestieren und eben in der Tiefe der Seele verborgen liegen, erweist sich als richtig. Der frühe Kontakt zu Vater und Mutter, zu den ersten Bezugspersonen, füllt das Reservoir für Liebe und Geborgenheit, mitunter aber auch für grenzenlose emotionale Leere und Kommunikationslosigkeit. Es liegt an mir als Seelenbegleiterin, als psychoanalytisch Geschulte, mit dem suchenden Menschen den Weg seiner Geschichte zurückzugehen und das Schwere im Licht der Hoffnung zu erlösen. Die Tiefenpsychologie ist als Versuch, der Wahrheit der Seele auf den Grund zu kommen, immer noch zeitgemäß. Viele Psychotherapeuten profitieren von den Einsichten zur Konfliktforschung, ohne sich bewusst auf sie zu beziehen. In einem gesonderten Kapitel verweise ich auf die Grenzen der tiefenpsychologischen Arbeit und der Psychoanalyse als therapeutische Praxis. Sie liegen in der Gesprächstherapie, die eine verbale, lediglich auf das Wort zentrierte Arbeit ist, im klassischen, Zeit begrenzten Setting, im engen psychoanalytischen Interpretationsrahmen, der das Gegenüber be- und verurteilt sowie in der Begrenzung des Bezuges auf das physische Dasein, auf diese Realität.

2. der Spiritualität mit Fragen zur Herkunft der Seele und ihren nonverbalen Therapieformen

Zusammenfassend kann ich diese Einheit als Woher kommen wir, wie heilen wir und wohin gehen wir, bezeichnen. Was sind Rückführungen, was Seelenreisen und wie gelange ich in die drei Schamanischen Welten? Wie können wir nonverbal heilsam arbeiten, lösen und befrieden? Was ist Heilung? Wie erkenne ich Leiden aus früheren Leben?

Ich gehe auch hier konkret auf seelische Leidensformen ein - wie kreative Ausdruckslosigkeit und Beziehungsunfähigkeit, die sich mir in der Praxis gezeigt haben. Dank der zahlreichen Reiseprotokolle, die ich Ihnen vorstelle, können Sie den Geschichten der Seele des reisenden Menschen folgen und sich bildlich vorstellen, wie Heilung für denjenigen möglich wurde.

Der Weg des Wortes beginnt in unserem zweiten Lebensjahr, ungefähr. Viele Leiden liegen noch vor dieser Zeit, im Moment selbst, als wir auf die Welt kamen (Geburtstrauma)5. Manche Leiden fühlten wir bereits, als wir noch im Leib unserer Mutter schwammen, getragen durch das fließende Element Wasser, durch Wärme und Struktur. Andere Verletzungen jedoch bringt unsere Seele hinein in diese Aktualität, von all ihren Reisen, die sie als Mensch (und als andere Inkarnation) gemacht hat, unterwegs ... diese Seele als reisende, die sich - wenn das Haus des Menschen verfällt, sein Körper - wieder auf den feinstofflichen Weg machen wird, raus aus der Materie, hinein in das energetische Feld, das uns alle umgibt und miteinander verbindet. Die Seele ist eine intelligente energetische Bewusstseinseinheit, die für sehr begrenzte Zeiten ihres Daseins MENSCH wird. Wir.

Die Seele, sie ruft uns zur Gesundheit auf und möchte von uns erkannt werden. Wenn sie leidet, möchte sie aufklären. Wenn unsere Ohren taub sind, meldet sie sich anhand des Körpers. Weshalb? Sie möchte Frieden schließen. Diese Annahme ist das Resultat meiner therapeutischen Arbeit: Wenn die Psyche ihr Thema gesehen und bereinigt hat, können sich Krankheiten quasi in Lichtgeschwindigkeit auflösen. Wenn die Erkenntnis mithilfe des Wortes nicht (mehr) reicht, um Erlösung zu finden, können die Seelenreisen Klarheit schenken.

Auch in diesem Themenabschnitt werden die Grenzen der rein spirituellen Arbeit benannt, die darin liegen, dass eine gewisse Ich-Konstitution vorliegen muss, um überhaupt auf Trance-Reisen gehen zu können und dass, wenn keine verbale Nacharbeitung erfolgt, die Tiefenwirkung des Verstehens im Hier & Jetzt, die Einbettung des Wahrgenommenen in der Aktualität kaum stattfinden.

3. der Rolle der Therapeuten und Heiler

Ich selbst diene einem ethischen Anspruch, den ich einst als moralisch bezeichnet habe, ihn jetzt aber als Dienen am Gesamtwerk Leben verstehe. Dieses Dienen am Gesamtwerk Leben beginnt mit der Ernährung, nämlich einer veganen-vegetarischen, also friedvollen und respektvollen jedem Lebewesen gegenüber und schließt den Machtfreien Raum in der Arbeit mit Patienten ein.6 Es geht um die klare Präsenz des Unterstützers, seiner Verantwortung, Wahrhaftigkeit, seiner Ethik und Glaubwürdigkeit, die wir weder an einem Wochenende noch in 12 Sitzungen eines Coaching-Seminars erlernen und die von jedem Seelenbegleiter fordert, sein Selbst im Augen-Blick achtsam und reflektiert zu halten. Diese Fähigkeit zur Selbstanalyse ist eine prozesshaft erlernte. Es ist die Voraussetzung für jede mitfühlende (statt mitleidende) Seelenarbeit.

Ein in sich selbst gefangener Therapeut ist ein dunkler Spiegel. Wenn der Suchende hineinschaut, erkennt er nur matte Fläche oder Schattenspiele. Der Unterstützung suchende Mensch kann dann kein Vorbild sehen, sich - zeitweise wichtig im therapeutischen Prozess - an keinem Ideal orientieren, kann nicht glauben und nur wenig Hoffnung schöpfen. Und für den Gesundungsprozess fatal: Er bewegt sich gar im Energiefeld des matten Schattenspielraums des Therapeuten, in den problematischen Themen des Anderen. Somit ist die Arbeit am Selbst für diejenigen, die in therapeutischen Berufen arbeiten, eine Voraussetzung für die ganzheitliche Qualität, die sie in der Unterstützung eines anderen bedienen wollen und können.

Ich gehe in diesem Buch weder auf die aktuelle, immer zeitabhängige Diagnostik der ICD 107 ein, die problemlos bei Wikipedia nachgelesen werden kann und zu der es entsprechende Literatur gibt, noch interessieren mich Einordnungen in einen Krankheitsbegriff. Die moderne Klassifikation ist keine Wahrheit, sondern lediglich Begrifflichkeit, um den Menschen besser kategorisieren zu können. Die Einordnung ist dann wichtig, wenn wir über seelische Leiden eine zusammenfassende Diagnostik benötigen. Dennoch ist diese allzu menschliche Eigenschaft der Kategorisierung eine Begrenzung, die nur eine einzige Fähigkeit, nämlich die kognitive intellektuelle bedient. Mittlerweile wissen wir, gar naturwissenschaftlich aus der Gehirnforschung belegt, dass das Herz ebenfalls „ein Gehirn“ hat und denkt. Belegt ist auch, dass dem Herz sowohl energetisch als auch intellektuell eine wesentlich größere Bedeutung für den Menschen zukommt, als bisher im wissenschaftlichen Diskurs angenommen und als dem Gehirn allein.8 Festgelegte Diagnosen, wie „affektive Störungen“ halten den Menschen eher davon ab, gesund zu werden, auch, weil sich dieser auf einen Primär- und Sekundäreffekt des Krankseins zurückziehen kann und dies umso mehr, als schulmedizinisch der Weg bereitet wird, Pharmazeutika zu schlucken, die wiederum den angesprochenen Aus-Weg aus dem Tunnel verhindern: Ein über längere Zeit hinweg medikamentös eingestellter Mensch wird kraftlos, energielos, sein gesamtes System stellt sich nicht auf Heilung, sondern auf Krankheit ein. Die Psychopharmaka haben oft zur Folge, dass der betroffene Mensch sein Leiden nicht aktiv durchschreitet, sondern es als solches akzeptiert und sich darin einrichtet. Das bedeutet in letzter Konsequenz für die Möglichkeit der Gesundung eine Blockierung - wie ein großer schwerer Stein im Flusse eines Bächleins aus hohem Berge. Dieser Mensch wehrt in dieser Erdenexistenz das Fließen und den Anschluss an das uns umgebende Licht ab. Das ist sehr traurig und fühlt sich für mich immer wie das Wegwerfen eines sehr kostbaren Geschenks an - des Lebens.

Ich versuche dennoch mit Menschen zu arbeiten, die sich für die Einnahme von Psychopharmaka entschieden haben, weil jeder die Verantwortung für seinen Weg selber trägt; ich lediglich Seelenbegleiterin (und nicht Heilerin) bin und weil ich jeden Menschen vom Grunde auf in seiner Wahl akzeptiere. Wir gehen dann in der gemeinsamen Arbeit so weit und so tief, so weit und tief es eben diesseits im Jetzt für ihn möglich ist. (Manches Mal ist eine Zusammenarbeit jedoch unmöglich, weil der Geist und die Seele des betroffenen Menschen durch die Pharmazeutika derart im Nebel verweilen, dass sein Ich nicht mehr in der Lage ist, aus dem Tunnelblick herauszuschauen und sich nicht mehr am Licht orientieren kann. Das Licht gibt es für diesen Menschen dann nur noch in einer sehr weit entfernt gelegenen Erinnerung; sein gesamtes System ist derart geschwächt, dass weder Geist, Seele noch Körper die Vision von Heilung überhaupt wahrnehmen, verstehen. Seine Augen und sein Herz sind blind geworden.)

Wenn ich als Seelenbegleiterin arbeite, bin ich hell-fühlig, hell-sichtig, hell-hörig und im Modus des Empfangens. Mein Geist, in dem die Rationalität und alles, was ich je gelesen, studiert und gelernt habe, als ein kleiner Teil des Ganzen inbegriffen ist, ist wach, mein Körper vitalisiert und meine Seele schaut mit dem Herzen in das essentielle Wesen - also in das, was in meinem Gegenüber als Selbst wohnt. Um meine Einstellung zur Arbeit für Sie näher zu veranschaulichen, erzähle ich Ihnen von einem Kennenlerngespräch mit einer jungen Frau.

3 Das Selbst definiere ich als einen ganzheitlicher Wesenskern. Er führt über die menschliche Struktur des Ichs weit hinaus, hinein in den Begriff der seelischen Bestimmung und also in die seelische Zielsetzung des Menschen.

4 Die Psyche steht für die Seele und der Begriff Soma für Leib/ Körper.

5 Lesen Sie im 15. Kapitel „Wenn ein Mensch geboren wird“ mehr darüber.

6 Ich verwende bewusst den Begriff Patienten anstatt nach Carl Rogers den Begriff des Klienten, der heutzutage vielfältig eingesetzt wird und für mich nach „Firmenkundschaft“ klingt.

7 ICD 10 - Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten

8Tattva Viveka Magazin, Extra - Das Herz-Gehirn, SEIN Ausgabe Nr. 225/5, Berlin 2014

3. Eine Seele ruft9

Marina stellt sich auf Empfehlung bei mir vor; ein junges Mädchen, gerade 18 Jahre alt. Braunes langes Haar, große Augen, verhungerte Augen, fast leer, keine Emotion, devitalisiert. Noch ohne ihren Körper bewusst wahrzunehmen, ahne ich ihr seelisches Leiden: Anorexie. Jetzt schaue ich ihre körperliche Erscheinung an und tippe auf 45 kg. „46 kg...", bestätigt sie mir später, bei einer Größe von 1,74 m. Ein hübsches Mädchen mit grünen Augen, vollem Mund und einem Strahlen; ich nehme das Strahlen in ihrem Inneren und um sie herum wahr: „Ein wichtiger Mensch, ein schönes menschliches Wesen, das noch viel vorhaben kann."

Dann erzählt sie, dass sie seit Wochen versuche, einen Therapeuten zu finden und auch in Erwägung gezogen habe, in eine Klinik zu gehen, in eine Psychiatrie oder in eine Klinik für Psychosomatik. Sie sagt: „Jetzt kann ich es nicht mehr kontrollieren. Ich will nichts essen. Ich habe keinen Appetit mehr. Ich habe keinen Hunger mehr. Und jetzt habe ich auch keine Kraft mehr. Wenn ich so weiter mache, falle ich einfach um ...“ Aber sie denkt, dass sie es eigentlich schaffen kann. „Wenn ich nur jemanden fände, der mich nicht sofort auf diese körperlichen Anzeichen reduziert!“ Jeder Professionelle, den sie treffe, frage sofort alle Essstörungsmerkmale ab, die ihr natürlich bekannt seien. Sie wurde zur Blutabnahme geschickt, zum EKG, zum Psychiater ... „Doch mein Körper ist doch nur ein Zeichen! Er ist doch nicht die Ursache!", spricht sie eindringlich, mir in die Augen schauend. Ich bestätige dies mit einem Nicken. „Warum fragt mich niemand, wie es mir geht?“ Der letzte Psychotherapeut hätte eine schriftliche Einverständniserklärung über ihren möglichen Tod gefordert, damit er - im Fall der Fälle - nicht verantwortlich sei.

Sie wüsste, dass es Ursachen gäbe, Ursachen, die mit ihrer Mutter im Zusammenhang stünden und bis weit in die Kindheit zurückreichten. Dahin möchte sie aber nicht alleine schauen, sondern nur mit einer Begleiterin an ihrer Seite, sonst bekäme sie „Zustände", die ihr Angst machten. Eindringlich fordert Marina: „Ich möchte, dass mich jemand sieht, wie ich bin. Jemand, der das sieht, was ich nicht (mehr) sehen kann!"

Ich lasse sie erzählen, höre zu, beobachte sie, wie sie ihre dünnen knochigen Finger aneinander reibt, wenn sie von Kontrolle, Disziplin und Willen spricht. Ja, Willen, den hat sie. Willen zum Leben, „... aber ich bin nichts wert; ich habe nur schlechte Seiten und mein Leben lohnt sich nicht. Alles, was ich tue, reicht nicht aus!"

„Reicht nicht aus, wofür?", frage ich in ihr leises Sprechen hinein: „... um einen Wert zu haben."

Selbstverständlich habe ich als psychoanalytisch und therapeutisch ausgebildete Seelenbegleiterin sofort die Informationen zur Anorexie im Kopf: Dieser typische Perfektionismus, dieses starke Über-Ich, das als Selbst-Wert nichts (mehr) stehen lässt, weil sich Ideale an der Realität chancenlos reiben, der Kontrollzwang, die Ordnungsliebe - und die Ursache: das Thema der Mutter ... Diese Informationen helfen mir zwar, die junge Frau kognitiv zu verstehen, helfen mir, ihr Leiden in ihre Biografie einzuordnen, aber sehen tue ich sie damit nicht: Kein Therapeut sieht einen Patienten aufgrund der Diagnostik. Schlimmer noch: Das Festhalten an der Diagnostik verhindert das ganzheitliche Sehen des Menschen. Das Erkennen desjenigen, der vor uns sitzt und der nicht in der Lage ist auszusprechen, was er vermitteln möchte, wie Marina: „Aber ich will doch leben! Ich bin doch stark. Warum glaubt niemand an mich? Wie kann ich wachsen, heraus aus diesem Gefängnis, das mein Körper ist, ein viel zu eng geschnürtes Korsett ...?"

Ich lasse mich ein. Beim Sprechen schaue ich ihr in die Augen, berühre ihre Seele in der Tiefe. Ich nehme ihren Energiekörper wahr. Ich spüre ihre unendliche Trauer, ihren Schmerz, ihre Angst, die den ganzen Raum erfüllen, unseren Raum. Ich habe Gänsehaut. Sie sagt: „Wissen Sie: Essen, ganz alleine, das lohnt sich nicht!“ Ich sehe ihre Hose, die bei Größe 34 an ihren langen Beinen schlottert. Und ich antworte (entsprechend meiner konfrontativen Methode)10 in die dichte Stille hinein: „Wissen Sie, wenn Sie nicht essen, dann gibt es Sie nicht mehr! Dann werden Sie sterben. Noch sechs Kilogramm weniger, und sie werden zwangsernährt, Venen zerstochen, am Tropf hängend, in einem Krankenhaus.“ Ich höre diesen Schock im Raum, den meine Worte bei ihr hinterlassen. Marina aber hört weiter zu. „Sie sind einzigartig!", spreche ich sie an: „Sie gibt es nur einmal auf dieser Welt. Nur, wenn Sie sich um sich kümmern, für sich Sorge tragen, Ihren eigenen Weg entdecken wollen, können Sie all Ihre Anteile wahrnehmen, die zu Ihnen gehören und die Ihnen zeigen, wie schön und wertvoll Sie sind - als Mensch.“ Nach einer Minute Schweigen schaut sie mich an und erwidert: „Das stimmt! Wenn ich nicht mehr bin, kann ich auch keine Tierärztin werden. Dann kann es mir auch nicht besser gehen und ich kann niemandem zeigen, was ich alles kann!"

Ich nehme diesen Faden des Lebens auf und spinne ihn weiter: „Ja, und dann spüren Sie nicht, wer Sie alles sein können!“ Eine Zeitspanne vergeht still im Raum. „Wissen Sie?“ führe ich weiter aus, „Es ist doch toll, dass Sie so organisiert sind! Dass Sie kontrollieren können! Viele Menschen wollen das und schaffen es nicht! Das ist eine Qualität! Die Disziplin und die Ordnungsliebe. Das sind Ihre Fähigkeiten. Im Moment sitzen Sie vor mir, als seien Sie auf das Nötigste des Überlebens komprimiert: Ihr Wille, ihre (letzte) Kraft, Ihre Stärke, all das ist da. Ich fühle es. Sie sind reduziert auf die Kraft des Überlebens ... auf dem Boden des Brunnens angekommen, sozusagen."

Sie hört intensiv zu, mir in die Augen schauend und ich treffe weiter in ihr Inneres: „Aber zum Leben gehört noch etwas anderes: Lust, Freude, Genießen, Begehren, sich nähren wollen. Sie sind jetzt die eine Seite des Mondes, Halbmond ... Aber der Vollmond, damit Sie wieder rund werden, braucht, dass Sie Ihre Schönheit sehen können, sich lieben, sich nähren. Und auch spüren können, wie hell, weil klar Sie sind, welche Visionen Sie haben, was Sie sich wünschen, in dieser Welt zu gestalten. Und wie sehr Sie gebraucht werden in dieser Welt! Wenn Sie sich darauf einlassen möchten, sich (wieder) zu finden und zu spüren, dann können wir zusammenarbeiten. Ich biete Ihnen an, das zu versuchen; vier Séancen, und wir sehen weiter, wie Sie hier draußen, ohne Klinik und ohne tägliche Überwachung, überleben und wachsen wollen."

***

Zwei Tage später klingelt mein Telefon und die junge Frau wünscht sich regelmäßige, wöchentliche Termine. Dieser erste Kontakt habe ihr so gutgetan, dass sie die Séancen von ihren Ersparnissen bezahlen möchte, die sie als 16-jährige Schülerin im Ferienlager verdient und zurückgelegt hat.11

Lassen wir uns darauf ein, den anderen zu spüren, als Wesen wahrzunehmen. Die Diagnostik dient als Hilfestellung der tiefenpsychologischen Ursachenarbeit. Aber wagen wir uns, am Selbst eines jeden menschlichen Wesens anzuknüpfen. Es erfordert Mut, weil Improvisation und das Einlassen auf die Kraft der Eingebung, also das Selbst-Vertrauen des jeweiligen Therapeuten, in jeder Sitzung: Mut, weil unser Schwingen auf das Resonanzfeld des Empfangens und weil keine psychoanalytischen Interpretationen unsere Richtlinien der Seelenbegleitung, wie ich sie verstehe, festlegen.

Jeder Mensch ist heil, auch, wenn er krank ist.

Jeder Mensch ist hell, auch, wenn er dunkel ist. Das Heile ist in uns. Es im Anderen wahrzunehmen und für ihn sichtbar zu machen, ist unsere Aufgabe. Der oft dünne Faden des Lebens wird dann wieder zum Netz, in dem es sich gemütlich sitzen und auch klettern lässt.

Nachtrag: Nach vier Wochen und fünf Sitzungen hat diese Patientin dank der „konfrontativen Methode“ zwei Kilogramm zugenommen, eine Zusage für den Studienplatz der Tiermedizin erhalten und freut sich darauf, Berlin zu verlassen und „frei zu sein", was für sie auch bedeutet, eine örtliche Distanz zur Mutter leben zu dürfen.12

9 Alle Beispiele von Patienten wurden so verändert, dass sich nur die Person selbst wiedererkennen kann. Der depersonalisierten Verwendung für das Buch wurde zugestimmt; der Ort, das Alter und die Namen wurden geändert.

10 Die konfrontative Methode repräsentiert dasjenige, das sie angibt: die Konfrontation. Sie ist zu gegebener Zeit als Spiegelfunktion für mein Gegenüber sehr erfolgreich, weil sie einem Erwachen gleicht.

11 Meine Honorare sind auf jede Person flexibel abgestimmt. Das günstigste sind 70€ für die zeitlich offene Séance, die bis zu 90 Minuten dauern kann. „Eine Séance dauert, solange sie dauert.", so das Motto.

12 Wer am Thema der Mutter interessiert ist, aus den zwei Sichtweisen des Kindes und der Mutter, wechsle zu den Kapiteln über Narzissmus.

4. Psychoanalyse und Schamanismus - Wie gehört das zusammen?

So lange ich denken kann, bin ich ein begeisterter Fan der Psychoanalyse gewesen. Mit 13 Jahren begann ich, Adler, Freud, Jung zu lesen, die Transaktionsanalyse und andere tiefenpsychologische Bücher.

Als junger Mensch habe ich, bereits angedeutet, sehr gelitten. Ich wuchs in der DDR als Kind einer politisch oppositionellen Familie auf; im „Widerstand“ zu stehen war mir zeitlebens eine Selbstverständlichkeit, somit auch die Einsamkeit und gewisse Isolation in jungen Jahren, die dazu gehören, „wenn man anders ist": In der Schule wurde ich geächtet, hatte keine Freunde, wurde regelmäßig verprügelt und malträtiert. Schwarze Schafe sind wunderbare Sündenböcke, wie Juden, Christen, Muslime, Schwarze oder Frauen ... je nachdem, wer in der Gesellschaft und Kultur zum Sündenbock erklärt und somit diffamiert wird.

Als ich16 Jahre alt war, wurde meine Familie aus der DDR freigekauft. Ich entging ganz knapp einem „Jugendgefängnis für verhaltensauffällige Jugendliche", in das in der DDR politisch Oppositionelle verfrachtet wurden: Kinder und Jugendliche, gleich welchen Alters, die „nicht im Sinne des Arbeiter- und Bauernstaates erzogen wurden“ - Kinder von politisch Resistenten. Die Einweisung hätte mir den Freitod gebracht. Dessen bin ich mir sicher.

Um der Isolation zu entgehen, verschlang ich in meinem trüben DDR-Städtchen alles, was ich im Bücherschrank meiner Eltern in die Finger bekommen konnte: Leon Uris, Alfred Andersch, Christa Wolf, Sarah Kirsch - und eben auch Sigmund Freud. Das Wunderbare an der Psychoanalyse war, dass ich mich plötzlich nicht mehr als „leidendes Objekt“ sah, vereinzelt und isoliert in der grauen Provinzstadt, sondern mich verstanden fühlte. Plötzlich wusste ich, was ich hatte: Depression - eine schöne schwarze! (Es gibt auch eine weiße, von dem französischen Psychoanalytiker Andre Green in den 80ern in dem Artikel „Die tote Mutter“ meisterhaft als Diagnose entworfen.)13

Ich stand jeden Morgen gegen vier Uhr auf, um Querflöte zu üben und Hausaufgaben zu machen, damit ich nach der Schule nicht das ganze Pflichtprogramm der Musikerziehung, die ich seit dem fünften Lebensjahr genoss, zu absolvieren hatte. Der Morgen war aber auch dazu da, um zu lesen: Massenpsychologie, Das Unbehagen in der Zivilisation, Das Ich und das Es, dazu Nietzsche und Marx. All diese wunderbaren Denkwelten hatte ich durchforstet, bevor ich volljährig, also 18 alt Jahre wurde. Und eines stand fest: Wenn es irgendwie ginge, wollte ich Psychoanalyse und Philosophie studieren!

Als aufmüpfige DDR-Schülerin aber war das undenkbar. Aus revolutionären politischen Gründen hätte ich nicht einmal die 10. Klasse absolvieren dürfen! Ich verweigerte bestimmte Unterrichtsfächer, wie den Wehrkundeunterricht, verließ die Klasse in regulären Schulstunden, wenn der Lehrer mal wieder über Biermann & Co, also über Staatsfeinde hetzte... Da ich keiner Jugendorganisation angehörte und alles verweigert hatte, was an Staatskonformen zu verweigern ging, (Jungpioniere, FDJ, Deutsch-Sowjetische Freundschaft, Jugendweihe...) war der Zugang zum Abitur sowieso eine fest verschlossene Tür im tief sächsischen Kreisstädtchen. Weil sich die politische oppositionelle Situation unserer Familie derart zuspitzte, kam die Rettung 1983 aus dem Westen: Der Freikauf ins Bayerische Lande mit 16 Jahren und damit, nach Abschluss des Abiturs, endlich das ersehnte Studium bei den Altlinken (Habermas, Honneth, A. Schmidt) in Frankfurt/Main.

Zwischendurch kam allerdings noch der Zusammenbruch. Da half auch kein Freud mehr, keine Jungsche Analyse, keine Existenzphilosophie von Kierkegaard, der nur bestätigte, was ich hatte: nämlich wahnsinnige Furcht vor der Angst. Ich war fertig. Am Ende. Energetisch, seelisch. Ein zusammengekauertes Häuflein Trauer, meinen Kopf an die Wand schlagend, auf dass er schmerzen möge: Äußerer Schmerz als Zeichen des Inneren und eines noch am Leben Seins ... Ich wies mich selbst in die Psychiatrie ein, 18 Jahre alt. Ich konnte nicht mehr leben. Ich wusste nicht mehr WIE.

Nach acht Wochen kam ich heraus, besuchte die 11. Klasse, holte allen Stoff nach, den ich versäumt hatte und beschloss, in Frankfurt/M. in der Tradition der Kritischen Theorie Psychoanalyse und Philosophie zu studieren. Bei Jürgen Habermas natürlich! Es waren die späten 80er. Kommunistisch waren wir alle sowieso, irgendwie... und Joschka Fischer hatte den Bundestagspräsidenten gerade als „Arschloch“ betitelt. Wunderbar! (Weil so sehr authentisch und wenig konform wie heutzutage in der Politik kaum jemand mehr wagt zu sein.)

Das Studium war so spannend, wie ich es erwartet hatte. Danach ging ich als Doktorandin der Sozialwissenschaften und mit einem Forschungsstipendium in der Tasche nach Paris, um bei Julia Kristeva, Luce Irigaray und Jaques Derrida vor Ort die Postmoderne zu studieren, die mir mittlerweile auf dem Herzen brannte. Dazu musste ich noch Französisch lernen. Ich tat es und verstand das erste Halbjahr in Paris nur „Chinesisch", dafür aber den Subjunktiv von Sein, weil ich in Frankfurt/M. eine Lektoren Prüfung für die französische Sprache abgelegt und Sartre übersetzt hatte. Derrida konnte ich mit Enthusiasmus folgen, wohnte im selben Viertel des collège de philosophie, nur Einkaufen konnte ich nicht gehen, weil Butter und Brause zu benennen zu schwierig waren für eine Sartre-Übersetzerin ... Auch das überlebte ich nach etwa drei Jahren intensiver Arbeit der „Integration".

Und dann kam die Zeit, als ich immer mehr spürte: Die Psychoanalyse ist toll, aber sie kann nicht heilen! (Eine Tatsache, die jeder „ethisch reife“ Analytiker heute bestätigen wird, auch, wenn er im Sektor des Gesundheitsberufs zu den Großverdienern zählt, mit bis zu 130€ pro 50 Minuten bei sieben bis zehn Patienten pro Tag.) Trotz einer abgeschlossenen Analyse nach fünf Jahren und dreimal in der Woche Besuch bei der werten Analytikerin auf dem nur relativ komfortablen braunen Ledersessel, fühlte ich mein Herz immer noch so schwer wie ein Rucksack voller Steine, obwohl ich nun wusste, was die Steine repräsentierten! Insbesondere an den Morgenden, an denen meine Beine gelähmt zu sein schienen, konnte ich nicht aufstehen. Depressiv war ich noch immer.

Mittlerweile hatte ich das Studium der Psychoanalyse bis zur Reife der Promotion absolviert und mich mit der Hypnotherapie nach Milton Erickson angefreundet. Und tatsächlich: Nach zwei Sitzungen kam „mehr Gesundung heraus", als nach zwei Jahren Monologisieren bei der Analytikerin, unterbrochen von drei Fragen in 50 Minuten Sitzung.

In der Hypnotherapie reiste ich das erste Mal in die Mittelwelt, ohne damals zu wissen, was das überhaupt ist, die Mittelwelt. Auch der Hypnotherapeut wusste und weiß nicht, dass es sich um eine reale parallele Welt handelt, in die der Schamane problemlos reisen kann so wie jeder Patient, mit dem ich arbeite. Der Hypnotherapeut ging und geht davon aus, dass es sich um einen Teil der Innenwelt des Patienten handelt, um einen Anteil seiner im Unterbewusstsein liegenden Welt.

Ich aber fand mein Land, meinen Baum, meine geistige energetische Präsenz, praktisch sofort und ich wusste auch sofort, dass das, was ich sah, ebenfalls real war - so real, wie für andere das morgendliche Besteigen der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit... Ich fühlte, dass das reale Sehen dank der Augen und das telepathische Sehen dank der Sinne lediglich zwei verschiedene Möglichkeiten der Wahrnehmung des Menschen sind, wobei ersteres, das Sehen dank der Physis, sogar wesentlich begrenzter ist als das telepathische Wahrnehmen dank unserer Sinne. (Viele Blinde werden dies bestätigen.)

In dieser Mittelwelt baute ich eine Brücke: Als ich die Hypnotherapie begann, gab es einen Abgrund, den ich in zahlreichen Gedichten in meinem Buch „Auf der Suche nach Leben"14 beschreibe: diesen unüberwindbaren Abgrund, dessen Sprung hinein den sicheren (inneren) Tod zu bedeuten schien. In der Hypnotherapie baute ich zunächst eine ganz wacklige Brücke, wie im Dschungel bei Tarzan, an Seilen und aus Brettern. Schon nach wenigen Sitzungen befestigte sich die Brücke, aus Sisal, wurde stabiler, klarer. Und nach zehn Sitzungen kam ich eines Tages in meiner Mittelwelt an und stellte fest: Es gibt keine Brücke, weil keinen Abgrund mehr.15 Mein Land war eine verbundene Landschaft geworden, mit Wiesen, Bergen und ein Bächlein vor meinem starken Baum (der Existenz): Das Bächlein, das da floss und fließt, das wusste ich, war/ist mein Schreiben. (Mittlerweile ein schöner bewegter lebendiger klarer Bergfluss, der in ein Meer mündet, in dem Delphine spielen.) Es gab kein Anzeichen eines Abgrunds mehr, als hätte es nie einen gegeben. Das Typische für die schamanische und spirituelle nonverbale Heilarbeit ist, dass das „symbolisch“ Gebaute oder anders gesagt, das telepathisch Integrierte, sofortigen Einfluss auf unsere aktuelle Realität besitzen: Ich wurde sicherer, klarer, stabiler, weil es eben zwischen mir und der Welt keinen Abgrund mehr gab!

Warum formuliere ich aktuelle Realität? Weil unsere Realität lediglich diejenige ist, die wir sehen, die sich materiell vor unserem physischen Auge verdichtet. Unser aller Realität ist wesentlich weiter, wesentlich mehr, lassen wir es denn zu, zu sehen: Die Mittel-, Ober- und Unterwelt sind reale Welten, die Krafttiere, die darinnen wohnen und auf unseren Besuch warten, sind real, die energetischen feinstofflichen Wesen, die uns so treu begleiten, sind real, Engelwesen, Hüter, Begleiter, Wesen aus der Welt, die im Schatten liegt, alles energetische Existenzen, alle real. Die sichtbare Realität ist nur die „obere Schicht“ - wie die des Bewusstseins im Unterbewusstsein. Wagen wir uns, die Tür zu öffnen und einen Spalt hinaus und hinein zu schauen, erkennen wir: Wir sind umgeben von ganz vielen parallel liegenden Realitäten, die alle real sind und sichtbar - telepathisch sichtbar. Der Mensch braucht weder Augen, um zu sehen noch Ohren, um zu hören.16

Woran erkennen wir, dass die Wesen real existieren? Weil sie wissend sind, und zwar all-wissend. Sie können uns etwa Kräuter zur Heilung nennen, die wir in der aktuellen Realität noch nie gehört haben. Sie kennen unsere Seelenleben, die wir in der Realität noch nie gesehen haben. Und alles, was wir in den benannten Welten parallel verändern, strömt in unsere aktuelle Realität ein:

Arbeit in den Welten IST Heilarbeit.

Das aber wusste ich damals noch nicht. Die Hypnotherapie begonnen, spürte ich lediglich diese wahnsinnige Kraft der Veränderung. Ich veränderte mich. Tatsächlich. Ich legte meine Sucht ab; und zwar meinen ganzen Suchtcharakter. Ich legte meine Depression ab; und zwar meine gesamte depressive Konstellation. Ich wurde leichter, heller, klarer, bewusster und freier. Als ich im Jahre 2004 mit meinem karibischen Partner nach Deutschland (zurück) ging, wusste ich: Die Tiefenpsychologie ist als theoretisches Instrument der Seelenkunde unheimlich spannend, als Therapiemethode eignet sich die Psychoanalyse nicht, weshalb ich therapeutisch interdisziplinär arbeite und eine interdisziplinäre Ausbildung zur Seelenbegleiterln anbiete. Die Tiefenpsychologie ist als reine verbale Arbeit zu unvollständig. Sie eröffnet Erkenntnisse, wenn der Therapeut gut, also empfangend ist, solche Wahrheiten, die über das kognitive Instrument der Erkenntnis hinaus gehen können. Die Psychoanalyse als Therapieform bringt jedoch in den seltensten Fällen Heilung. (Ich kenne keine einzige Heilungsgeschichte, obwohl ich mich 20 Jahre lang dank meiner Studien der Psychoanalyse in den Kreisen der Psychoanalytiker aufhielt.) Erkenntnisse, kognitiv gewonnen, sind in ihrem Horizont des Wirkens begrenzt. Sie helfen verstehen; sie können die Richtung des Wachstums der Blume verändern; die Wurzeln der Blume aber bearbeiten, tief unten in der Mutter Erde, das können sie nicht. Sie werden in den folgenden Kapiteln erfahren, was die große Chance der Tiefenpsychologie und was die Grenzen der Psychoanalyse als Verfahren sind.

Um sich wurzeltief zu verändern, bedarf es einer Gärtnerarbeit, die „unter“ der Erde graben kann; einer Arbeit, die unter das zunächst Sichtbare, das Wort schauen kann, und dort, in den Tiefen der Seele, am Beginn der Seelen-Gezeiten, neue Ordnung entstehen lassen kann - immer im Einverständnis mit den Ahnen, den Welten, mit allen Wesen und Kräften, mit den Hütern der vier Elemente, mit den Erzengeln und natürlich mit Gott, mit der Universellen kosmischen Kraft. Leite ich das Ritual der nonverbalen telepathischen Arbeit mit Ansprache und Trommeln ein, „höre" ich sofort, ob dasjenige, was der reisende Mensch will, mit dem übereinstimmt, was er in der Lage zu tun ist. Ich formuliere etwa:

„Der Mensch ist bereit zu sehen!“ und empfange in Lichtgeschwindigkeit ein „Nein". Daraufhin kommt der Mensch nicht in seinen Welten an und landet stattdessen meistens in einem kosmischen Farbenspiel der Chakren, das ebenfalls Heilung inspiriert, weil die sieben Chakren der Person energetisch belichtet werden.

Prinzipiell können wir in der schamanischen Heilarbeit verstorbene Familienmitglieder treffen und Frieden schließen17, wir können einst geschlossene Bunde lösen, längst vergangene Verträge annullieren und Anteile unserer Seele zurückholen.

Und wir können sogar etwa ganz Unbegreifliches, Wunderbares, etwas außerhalb der Kontrolle des Menschen Liegendes beobachten: In nonverbalen telepathischen Reisen begleiten wir und sehen zu, wie Heilung geschieht.

13 Green, Andre: Die tote Mutter - Psychoanalytische Studien zu Lebensnarzissmus und Todesnarzissmus. Psychosozial-Verlag, Gießen 2011

14 Welten, Clara: Auf der Suche nach Leben. Eine politische Autobiografie; agenda Verlag, Münster 2009

15 Siehe dazu das Nachwort in meinem Buch „Auf der Suche nach Leben"

16 Wenn Sie sich mit der Telepathie beschäftigen möchten, lesen Sie im 9. Kapitel weiter.

17 Lesen Sie dazu ab dem 26. Kapitel.

5. Die Gärtnerin bin Ich! Wie wir unseren Garten umgraben, auf dass er blühen kann

In den ersten Kapiteln des Buches haben Sie viel über mich erfahren; von meiner Arbeit und meiner persönlichen Entwicklung. Jetzt darf es aktiver um Sie gehen, wenn Sie es möchten, um Ihren Garten des Lebens, um Ihr Ich, wie Sie sich besser kennenlernen, um sich selbst, um Ihrem Selbst, die Hand zu reichen. Ihre inkarnierte physische Präsenz, das Ich, reicht die Hand Ihrer seelischen Präsenz, in der wir alle wohnen, die uns alle grundsätzlich strukturiert. In den nächsten Kapiteln werden Sie mehr darüber erfahren, wer hier auf der Erde eigentlich wer ist - das Ich in der Seele - und wie Sie sich das imaginär vorstellen können.

Lassen Sie sich zu Beginn von Ihrer Phantasie leiten, was es heißt, der Gärtner/ die Gärtnerin in Ihrem Garten des Lebens zu sein. Zunächst einmal: Was ist der Garten des Lebens überhaupt? Wie kann er aussehen? Und was tun Sie darinnen in der Gartengestaltung?

Sie sitzen in einem Schaukelstuhl inmitten auf einer grünen blühenden Wiese. Sie bewegen sich in Ihrem Stuhl ein wenig vor und zurück, sanft schaukelnd. Eine leichte Brise weht um Ihr Haar, streichelt die Haut auf Ihren nackten Beinen, angenehm warm. Es ist die Zeit des Frühlingserwachens und so erwachen auch Sie. Sie schauen in die nahe Ferne: Viele Beete gibt es auf Ihrem Grundstück Wiese. Welche, die Sie schon vor langer Zeit angelegt haben und solche, um die Sie sich erst seit dem letzten Jahr kümmern. Die Blumenbeete zeigen erste Farben und das Gemüse und Obst, die Knospen und Früchte sind bereits sichtbar. Noch etwas weiter schweift Ihr Blick über Ihr Grundstück. Im Hintergrund schließt es mit einer dunkelgrünen Hecke ab, so dicht bewachsen, dass Sie nicht nach draußen schauen können.

Lange Zeit wollten Sie auch gar nicht nach draußen schauen. Sie hatten die Hecke einst gepflanzt, damit keiner auf Ihr Grundstück Einsicht haben und Sie sehen würde und auf dass Sie ungestört in Ihrem Schaukelstuhl ganz in Ruhe sitzen. Nun würden Sie liebend gerne etwas mehr von der Umgebung wahrnehmen, mehr Menschen und Tiere; es ist aber nicht möglich, weil die Hecke zu hoch und zu dicht bewachsen ist. Dornen an den Zweigen schrecken andere Menschen ab, in Ihren Garten zu kommen. Und während Sie auf die Dichte der Hecke schauen, denken Sie: „Komisch! Die Feuerdornenhecke, die so schön grünt, habe ich mir extra ausgesucht, weil sie dicht und schnell wächst. Nun schottet sie mich von der Außenwelt ab!“ So bleiben Sie allein. Es gab eine Zeit, da war das gut so. Nun aber wünschen Sie sich Gesellschaft, Menschen zum Plaudern, tiefsinnige Gespräche, Grillabende mit Freunden und Bekannten.

Sie haben sich verändert, Sie sind dabei, sich zu verändern.

Im Erwachen der Jahreszeit, in der alles aus der Mutter Erde sprießen will, nach den kalten schneebedeckten Monaten des Winters, möchten auch Sie erwachen: aus Ihrer Einsamkeit. Aus Ihrem Schutzraum. Aus Ihrer Komfortzone. Sie möchten das bunte, manchmal auch geräuschvollere Leben spüren und hören. Und Sie denken: „Jetzt wird mein Garten schon von alten Bäumen und neuen Beeten verschönert, um die ich mich so gut gekümmert, die ich umsorgt habe. Nun aber braucht es einen anderen Blickwinkel - weniger Sicherheit und mehr Zufall, weniger Kontrolle und mehr Lebendigkeit.“ Sie erheben sich aus Ihrem Schaukelstuhl und fassen einen Beschluss: „Diese Frühlingszeit pflanze ich nicht neu. Ich lasse auch das Unkraut wachsen. Ich schaue einfach mal, was die Natur mit meinem Garten so macht! Es soll sprießen. Es soll blühen. Es soll wachsen! Und die Feuerdornenhecke, die mir jahrelang so gut gedient hat, werde ich beschneiden, ganz tief kürzen, auf dass jeder zu mir herein und ich zu allen hinausschauen kann."

Dieser Gedanke verschafft Ihnen Freude, ein regelrechtes Frohlocken des Herzens. Sie spüren den Funken der Befreiung in Ihnen, eine Art Klärung, die schon lange an der Zeit war, die Sie aber erst jetzt, in diesem Frühling, in der Ruhe auf dem Schaukelstuhl erkennen können: dass Sie etwas erleben wollen, ein buntes Leben. Dass Sie über den Rand Ihrer Hecke hinausschauen wollen. Und dass Sie niemanden mit Dornen abschrecken möchten.

Sie fühlen sich, als sei Ihr Leben bereichert, dank dieses Gedanken. Sie fühlen sich verjüngt als hätten Sie etwas beendet, eine Phase Ihres Lebens, die nun zu Ende gehen darf, um Platz für Neues zu schaffen: für eine neue Phase des Lebens.

Wochen später, der Sommer hat mit seinen heißen Temperaturen Einzug ins Land und in Ihren Garten gehalten, sitzen Sie mal wieder in Ihrem Schaukelstuhl und überblicken Ihr kleines Reich. Es ist nun gar nicht mehr hermetisch abgeschlossen, sondern scheint in die Gärten anderer Leute überzugehen. Zwar begrenzt die Feuerdornenhecke noch Ihr Grundstück, aber knöcheltief stört sie weder Sie noch andere. Sie können den Sonntagsspaziergängern ein Hallo zurufen und ihnen zuwinken. Viele Nachbarn bewundern Ihren wild gewachsenen und dennoch reich bepflanzten Garten und freuen sich darüber, die Gärten in der Sichtfülle miteinander zu teilen. Jeder hat seinen eigenen und doch sind alle miteinander verbunden. Das Grün des einen unterstützt die Farben des anderen. Das Ordentliche des einen setzt sich vom Wilden des anderen ab. Und somit treffen sich auch die Menschen der Gartenanlage, tauschen sich aus und sind sich im Laufe der Zeit vertraute Gesprächspartner. Nun sind auch Sie Teil Ihrer Umgebung, ein lebendigerer Bestandteil Ihrer Umgebung, indem Geben und Nehmen ein natürlicher Prozess zu sein scheinen. Sie lehnen sich in Ihrem Schaukelstuhl zurück, wiegen sich sanft vor ein, und während Sie Ihrer Nachbarin leicht zuwinken, kommt ein Gedanke in Ihnen vorbei und spricht: „Die Gärtnerin in meinem Garten bin Ich!"

***

Ebenso oder anders kann der Garten Ihres Lebens aussehen. So oder anders kann sich Ihre Gärtnertätigkeit gestalten, Ihr Reinigungsprozess im Leben. Denn jede neue Phase löst unwiderruflich eine zu Ende gehende ab. Dieser Prozess beinhaltet weder Bewertung noch Beurteilung. Er ist ein natürlicher Prozess der Vervollkommnung, der mit der Geburt des Menschen beginnt: Wandel. Jede neue Phase ist eine Veränderung, die Sie Ihrem Selbst näherbringt. Entscheidend für den Wandel in Ihrem Garten des Lebens und für Ihre Gärtnerarbeit ist, dass Sie erstens die Zeit der Metamorphose wahrnehmen, dass Sie zweitens Ihren Gefühlen vertrauen und sich drittens daraufhin fragen, was Sie verändern können, um es dann viertens auch zu tun. Dieser Prozess einer tiefgreifenden Veränderung, der zunächst innerlich und dann äußerlich geschieht, verläuft bei jedem Menschen seelisch vergleichbar. Wenn Wandel geschehen will und Sie aufruft, näher hinzuschauen, gebe ich Ihnen hier eine Abfolge der seelischen Bewegung als Unterstützung:

1. Sie überblicken Ihr Leben und nehmen wahr, dass Sie unzufrieden sind. Sei es wegen der Arbeit, der Partnerschaft, der Kinder oder Ihres Lebens an sich, der fehlenden Lebendigkeit und Reichhaltigkeit, sind Sie unbefriedigt. Zunächst ist es immer nur ein Gewahrwerden, wie eine leichte Brise des Windes, ein Erspüren. Sie wissen nicht. Sie fühlen vielmehr, dass etwas nicht stimmt. Sie überblicken Ihren Garten des Lebens und es fällt Ihnen auf, dass etwas stört.

2. Sie schauen genauer hin. Aus dem Wahrnehmen wird ein Begreifen. Dieser Prozess erfordert bereits Mut, denn Sie ahnen, dass sich eine Veränderung in Ihrem Leben anbahnt. Viele Menschen schrecken bereits in dieser zweiten Phase des Begreifens zurück. Vielleicht tun auch Sie es? Das bewusstere Wahrnehmen dessen, was stört, bringt nämlich zwangsläufig den Wunsch und die Tat der Veränderung. Das kann Angst machen. Manche Menschen verbleiben Jahrzehnte und gar ein Leben lang lediglich in der Wahrnehmung eines unbefriedigten Seins. Es fällt ihnen schwer, genauer hinzuschauen, weil sie dann etwas Grundlegendes verändern müssten. Veränderung bedeutet immer das Einlassen auf etwas Neues, beinhaltet also eine Risikobereitschaft und ist die Folge von vielen kleinen Schritten im Leben, von vielen bereits geschehenen Wahrnehmungen, die immer wieder im Unterbewusstsein verschwinden. Sie tauchen ab und zu in das Bewusstsein auf, um dann, wenn nicht weiterverfolgt, wieder im Reich des Unterbewusstseins zu verschwinden, auf dass der Mensch funktionieren kann; auf dass Sie im Alltag funktionieren können.

Der eine Schritt, der folgen wird, ist immer der große Schritt, der die Veränderung bringt. Das ist wunderbar. Es kann sich aber auch anfühlen wie ein Schrecken, der Panik auslöst. Insbesondere der Generation, die vor, während oder kurz nach dem 2. Weltkrieg