Leiden - Lieben - Leben - Andreas P. Kaiser - E-Book

Leiden - Lieben - Leben E-Book

Andreas P. Kaiser

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Beschreibung

Dieser Survival-Roman erzählt aus dem Leben des jungen Deutschägypters Paul Mahmud und seiner hübschen, texanischen Freundin Mia Bergmueller. Survival und Preppering ziehen sich als Konzept durch deren Leben. ÜberLEBEN 4.0 reflektiert Bushcrafttechniken sowie Überlebensthematiken des modernen Alltags auf der Leinwand der Protagonisten. Dabei wird das simple Überleben um die Dimension des glücklichen und erfüllten Daseins erweitert. Das Buch bietet zahlreiche und vielseitige Preppering-Anleitungen und animiert Krisenvorsorge zu betreiben. Realität und Fiktion werden vom Autor verknüpft und geschickt in die spannenden Erlebnisse der Zentralfiguren eingewebt. Auf diese Weise vereint Kaiser Information mit Unterhaltung zu einer mitreißenden Romanhandlung.

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Seitenzahl: 581

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Leiden - Lieben - Leben

TitelseiteZusammenfassungTeil 1: ÜberLEBEN - reine KopfsachePrologFalling DownFalling UpUmzugAngekommenSupermarkt 'Natur'NeubeginnAufrüstung und SelbstschutzDen Hirnakku aufladenWeihnachtenTeil 2: WinterfeuerProlog - 1Auf einmal mobilSurvival im AutoDriveaboutOff RoadSilvester im HochgebirgeWinterfeuerIglubauSchneesturmEiseskälteWinterbluesAnhangDer AutorImpressum

ÜberLEBEN 4.0

Band 2: Leiden - Lieben - Leben

Survival-Roman

Andreas P. Kaiser

4. Auflage 2019

3. Auflage 2019

2. Auflage 2017

1. Auflage 2016

Copyright © MAK Trek, Garmisch-Partenkirchen

Andreas P. Kaiser

Alle Rechte vorbehalten. Inhalte, Fotos, Grafiken und Layout unterliegen dem Urheberrecht. Sie dürfen ohne meine Zustimmung weder für Handelszwecke oder zur Weitergabe kopiert, noch verändert und anderweitig verwendet werden. Ich distanziere mich generell von den Inhalten der in diesem Buch verlinkten Internet-Seiten. Die Handlung ist fiktiver Natur. Namensgleichheiten und/oder Namensähnlichkeiten mit lebenden oder bereits verstorbenen Menschen sind rein zufällig. Im Buch geschilderte Survival-Tipps sind nur für den Notfall gedacht. Das Nachvollziehen dieser Überlebenstaktiken und das Nachbauen von im Buch beschriebenen Gegenständen erfolgt auf eigenes Risiko und in eigener juristischer Verantwortung. Der Autor/Herausgeber übernimmt keinerlei Haftung für Sach-, Vermögens- oder Personenschäden sowie Strafverfolgungen jeglicher Art. Alle Angaben dieses Buches, die naturgemäß Änderungen unterliegen können, wurden von mir nach bestem Wissen recherchiert und mit größtmöglicher Sorgfalt überprüft. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann jedoch - soweit gesetzlich zulässig - keine Haftung oder Garantie übernommen werden. Ich bitte um Verständnis dafür und freue mich über jede Anregung und Berichtigung zuÜberLEBEN 4.0.

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Homepage des Autors:

http://www.kaiser-geotrekking.de

Homepage des Publishers:

https://www.bod.de/

Titelbild: Sonnenuntergang über dem Außerfern. (Foto Kaiser).

Zusammenfassung

Dieser Survival-Roman erzählt aus dem Leben des jungen Deutschägypters Paul Mahmud und seiner hübschen, texanischen Freundin Mia Bergmueller. Survival und Preppering ziehen sich als Konzept durch deren Leben.

ÜberLEBEN 4.0 reflektiert Bushcrafttechniken sowie Überlebensthematiken des modernen Alltags auf der Leinwand der Protagonisten. Dabei wird das simple Überleben um die Dimension des glücklichen und erfüllten Daseins erweitert.

Das Buch bietet zahlreiche und vielseitige Preppering-Anleitungen und animiert Krisenvorsorge zu betreiben. Realität und Fiktion werden vom Autor verknüpft und geschickt in die spannenden Erlebnisse der Zentralfiguren eingewebt. Auf diese Weise vereint Kaiser Information mit Unterhaltung zu einer mitreißenden Romanhandlung.

Teil 1: ÜberLEBEN - reine Kopfsache

Definition

reine Kopfsache

Redewendung; "etwas ins Reine bringen"

etwas in Ordnung bringen; eine Sache klären/bereinigen; einen Streit beilegen; etwas wiedergutmachen.

[Quelle:www.fremdwort.de]

Prolog

"Ich habe die Schnauze gestrichen voll", schimpfte Mia außer sich vor Wut und Zorn. Blonde Haarsträhnen hingen ihr wirr ins Gesicht, das dadurch eine besonders reizvolle Note von Attraktivität erhielt. Der Blick ihrer gletscherblauen Augen war versteinert und fixierte die geballten Fäuste, die sie auf der Tischplatte vor sich abgesetzt hatte. Unruhig zuckten diese und Mias Fingerknöchel traten vor Anspannung hell hervor. Die fahlen Farben des nass-grauen Herbstnachmittags, die durch die Fensterfront des Wintergartens in dessen gemütlich eingerichtetes Inneres drangen, untermalten passgenau die Gemütslage des Mädchens. Doch das schlechte Wetter an diesem Oktobersonntag war nicht die Ursache für den großen Frust der hübschen, jungen Texanerin, die sich diesen im Kreise ihrer Lieben nun endlich von der Seele sprach.

Mia wohnte inzwischen schon seit fast einem Jahr mit ihrem Freund Paul Mahmud bei dessen Eltern im Münchener Stadtteil Holzapfelkreuth. Paul legte seine Hand unter dem rustikalen Tisch beruhigend auf Mias Oberschenkel, die neben ihm auf der Eckbank saß. Sie fühlte die Wärme seiner Hand und genoss die Berührung ihres Partners. Der junge Mann spürte, wie sein Lieblingsmensch innerlich zitterte und bebte. Noch nie hatte er Mia derart aufgewühlt und in Rage erlebt, genauso wenig wie dessen Eltern, die Deutsche Renate und ihr aus Ägypten stammender Ehemann Ayman, die ebenfalls am Tisch saßen. "Ich hasse diese Tussies!", wetterte Mia. "Keinen Funken Verstand im Hirn aber mit Papas fettem Geldbeutel prahlen und angeben. Ich würde denen am liebsten ihre geschminkten Fressen polieren und ihnen ihre Louis Vuitton-Handtaschen um die Ohren hauen." Mia wischte sich mit dem Ärmel ihres Kapuzensweatshirts eine Träne aus dem Gesicht, die ihr vor Wut über die Wange rann. "Ich will überhaupt nicht mehr in die Schule gehen!"

Paul, den Mia bereits in der vorausgegangenen Nacht in ihr Dilemma eingeweiht hatte, blickte ratsuchend seine Eltern an, die mitfühlend Mias Schmerz in ihren eigenen Herzen spürten. Dabei hatte das letzte Schuljahr des Mädchens in Renate und Aymans Wahrnehmung vollkommen unproblematisch und nahezu bilderbuchgleich begonnen.

Falling Down

"Ayman! Komm' schnell! Die Kinder sind wieder da!", rief Renate aufgeregt nach ihrem Mann im Haus. Von ihrem Wohlfühlsessel im Wintergarten aus konnte sie die Gartentüre und den gepflasterten Weg zur Haustüre überblicken und sah aus diesem Grund die Heimkehrer als Erste. Sechs Wochen hatte sie ihren Sohn und dessen Freundin vermisst. So lange war ihre kleine Familie vorher noch nie getrennt gewesen. Es war der Nachmittag des letzten Freitags in den bayerischen Sommerferien und endlich - in den Augen der Mutter - waren Mia und Paul von ihrem Walkabout von München über die Alpen nach Tramin in Südtirol zurückgekehrt. Für Mia und Paul hätte er noch ewig dauern können.

Renate war überglücklich, sprang aus ihrem Sessel hoch und hätte dabei beinahe ihren Tee umgeworfen. "Willkommen Zuhause!", rief sie und stürmte aus dem Wintergarten, den zwei Rückkehrern entgegen. Sie umarmte beide gleichzeitig und ließ sie erst los, als Ayman eilig aus dem Haus gelaufen kam und die Kinder, wie er sie immer nannte, obwohl diese 'Kinder' beide schon volljährig waren, seinerseits herzen wollte. "Willkommen Zuhause! Willkommen, meine Kinder!", bejubelte der Vater das freudige Ereignis. "Geht es euch gut? Seid ihr gesund? Lasst euch erst einmal anschauen! Ihr habt bestimmt Hunger?", überschlug sich Renate derweil mit Fragen. "Es geht uns ausgezeichnet, Mama", versicherte Paul "und Mia hat unglaubliche Neuigkeiten von unserem Walkabout mitgebracht. Ihr werdet staunen."

Das Wiedersehen mündete in einer großen Familienfeier. Der Hausherr zeigte sich am Grill in Höchstform und fuhr Steaks und gegrilltes Gemüse auf. Das Festmahl wurde von Renate mit weiteren Köstlichkeiten aus ihrer Küche ergänzt. "Ich habe deinen Kartoffelsalat vermisst, Mama", schwärmte Mia mit halbvollem Mund. "Und ich habe dich vermisst, mein Kind", war Renates Antwort. Obwohl Mia nicht Renates leibliches Kind war, hatte es sich eingespielt, dass sie sie 'Tochter' und Mia sie 'Mama' nannte, seit dem Tod Mias eigener Mutter vor einem Jahr. Genauso verhielt es sich zwischen Ayman, Mias Ersatz-'Papa', und dessen 'Tochter'. Die Mutter genoss es alle ihre Lieben wieder um sich versammelt zu haben. Bis weit in die Nacht saßen die Vier in ihrem Wintergarten, wo Mia und Paul ausführlich und detailgetreu von ihrem Marsch über die Alpen und der anschließenden Zeit bei Tante Silke, Renates Schwester, und deren Familie in Tramin berichteten. Nur bei der Passage vom Tisenjoch wichen sie von dem wirklich Erlebten in den dramatischten Punkten ab. Mia und Paul hatten dies so besprochen und ausgemacht, um die Eltern nicht im Nachhinein unnötig zu beunruhigen. Das Ereignis nahe der Ötzifundstelle sollte ihr ganz eigenes Geheimnis bleiben.

Doch die Familie feierte nicht nur die ambitionierte, sportliche Leistung der beiden Fernwanderer. Die Mahmuds freuten sich insbesondere über Mias quasi zufällige Entdeckung, dass ihr Bekannter Oliver in Garmisch-Partenkirchen einst eine Beziehung zu ihrer Mutter gehabt hatte und dieser Mias leiblicher Vater sei. Eine Erkenntnis, die die Biografie des Mädchens schlagartig und richtungsweisend umgewälzt hatte.

"Solche Geschichten kann nur das Leben selbst schreiben", kommentierte Ayman die bahnbrechende Neuigkeit und freute sich in höchstem Maße für Mia. "Oliver wird Mia sehr gut tun", meinte er später am Abend unter vier Augen zu seiner Frau. "Nach dem Tod ihrer Mutter im letzten Jahr und den Auseinandersetzungen mit Floyd, den sie in den vergangenen 18 Jahre für ihren Vater hielt, braucht sie mehr denn je einen familiären Fixpunkt in ihrem Leben. Wir können für sie nur Ersatzeltern, also Eltern zweiter Klasse sein, denn Wasser ist dünner als Blut. Und unser Sohn kann ihr, trotz all seiner Liebe, ihre Eltern auch nicht ersetzen." "Nach alldem, was Mia und Paul über Oliver erzählt haben, ist dieser überglücklich, seine verschollene Tochter wiedergefunden zu haben. Und auch wenn Mia eine erwachsene Frau ist, dieser Fixpunkt, wie du in genannt hast, wird ihr auch meiner Meinung nach sehr gut tun", bestätigte Renate die Aussage ihres Gatten. Zufrieden über die neue Entwicklung und über die Rückkehr der Kinder kuschelten sich Renate und Ayman in ihrem Ehebett aneinander.

Während Mias erster Schulwoche in der zwölften Klasse eines Münchener Gymnasiums kehrte der Hochsommer mit Temperaturen von über 30°C zurück. "Das neue Schuljahr wird mit Hitzefrei beginnen", witzelte Ayman und reichte dem Mädchen am ersten Schultag seinen Morgenkaffee. "In RTL sprachen sie von einem 'Über-Drüber-Spätsommer'", wusste Mia zu berichten, doch dem sensiblen Ayman war an der Art und Weise wie sie sprach aufgefallen, dass sie scheinbar irgendetwas bedrückte. Vorsichtig fragte er, ob sich Mia auf die Schule freue. Doch diese seufzte nur und drückte Ayman einen Kuss auf die Backe. "Ich hab' dich lieb, Papa Ayman", flüsterte sie und machte sich, nachdem sie sich mit einem liebevollen Kuss auch von ihrem Paul verabschiedet hatte, auf den Weg zur Schule. Ayman blickte ihr besorgt nach und schaute dann seinen Sohn fragend an. Paul hatte es als Erster gemerkt, dass mit seinem Mädchen etwas nicht stimmte. "Mia war schon gestern Abend sehr einsilbig und irgendwie deprimiert. So kenne ich sie gar nicht", offenbarte er seinem Vater. "Aufregung wegen des heutigen Schulbeginns?", wollte dieser wissen und Paul zuckte nachdenklich mit den Schultern. Als Ayman später am Vormittag im familieneigenen Reisebüro Renate von seinen Beobachtungen erzählte meinte diese, dass Mia wohl das anstehende Skype-Gespräch mit Floyd in seiner Dienststelle in Ankara schwer im Magen liege, das diese am Nachmittag hinter sich bringen wolle. "Die Kleine hat mich gebeten, dass ich mit dabei bin und ihr zur Seite stehe", berichtete Renate. "Deshalb werde ich auch heute Mittag schon Schluss machen und heimfahren. Du schaffst es am Nachmittag hier alleine?" "Bei dem 'Massenandrang' - kein Problem", antwortete Ayman voller Ironie.

Während Mia die Schulbank drückte nutzte Paul das Sommerwetter und reinigte im Garten mit dem Wasserschlauch das Zelt, das ihm und seiner Freundin auf dem Walkabout oft als Biwak gedient hatte. Nachdem er die Zeltbahnen zum Trocknen auf die Wäschespinne gehängt hatte genehmigte er sich eine kleine Pause, setzte sich in den Garten und trank in der warmen Spätsommersonne eine eiskalte Limonade. Eine für diese Jahreszeit ungewöhnliche Hitze brachte die Luft zum Flirren und Paul zum Schwitzen. Mit Stolz dachte er an den erfolgreich verlaufenen Walkabout und daran, dass sich Mia und er survivaltechnisch wacker geschlagen hatten. "Wir haben keinen wichtigen Ausrüstungsgegenstand vergessen", freute er sich. "Und gleich geht es weiter mit dem Survival", murmelte er zu sich und dachte über eine Möglichkeit nach, wie er die Ausrüstung des Walkabouts möglichst systematisch ordnen und aufbewahren könne. Ihm kamen einfache Plastikboxen in den Sinn, wie man sie in verschiedenen Farben für wenig Geld im Baumarkt bekommt und beschloss die Themenbereiche wie 'Hygiene', 'Küche', 'Übernachtung' und 'Kleinkram' seiner Excel-Ausrüstungscheckliste farblich auf die zu kaufenden bunten Boxen abzustimmen. 'Morgen Vormittag, wenn Mia wieder in der Schule ist, werde ich solche Boxen im Baummarkt kaufen und unsere Ausrüstung entsprechend sortieren. Dann hat man im Bedarfsfall alles schnell bei der Hand', dachte er sich. Mit einem Blick auf seine Armbanduhr, die zeigte, dass es bis zu Mias Rückkehr noch einige Zeit dauern würde, machte er sich daran die restliche Ausrüstung, wie z. B. die Rucksäcke, penibel zu reinigen und im Garten zum Trocknen aufzuhängen oder auszulegen. Bald sah es dort aus wie auf einer Trekking-Messe oder einer Sonderverkaufsaktion eines Expeditionsausstatters.

Am Abend desselben Tages, als sich Ayman im Ehebett nach dem Verlauf des Skype-Videotelefonats zwischen Mia und Floyd erkundigte, schilderte seine Frau, dass es überraschend entspannt abgelaufen sei. "Mia ist innerlich tief aufgewühlt gewesen, äußerlich aber unglaublich gefasst. Sie hat nicht lange um den heißen Brei herum geredet, sondern betont sachlich von Oliver und dessen fruchtbarer Beziehung zu ihrer Mutter Samanta erzählt, aus der sie später hervorgegangen war, nachdem Sam, wie Oliver jene genannt hatte, auf Druck ihrer Eltern in der Zwischenzeit Floyd geheiratet hatte." "Wie hat Floyd das aufgenommen? Schließlich hat er damit letztes Jahr nicht nur seine Frau, sondern jetzt auch seine Tochter verloren? Und ein Kuckuckskind ist ihm obendrein angehängt worden", wollte Ayman wissen. "Er ist ebenfalls sehr gefasst gewesen. Ein Diplomat eben. Soweit ich sein und Mias schnelles Amerikanisch habe verstehen können, habe ich zwischen den Zeilen heraus gehört, dass er schon lange in diese Richtung gehende Vermutungen gehegt hatte. Die ungeklärte Vaterschaft ist wohl auch einer der Auslöser für die Differenzen zwischen ihm, Samanta und Mia gewesen." "Eine saublöde Situation für alle Beteiligten", kommentierte Ayman. Ich wünschte, dass Mia sowas erspart geblieben wäre. Reicht denn nicht schon der Suizid ihrer Mutter? Jetzt auch noch das! Ich bewundere die Kleine, wie gefasst sie alles durchsteht.

Wie sind die beiden denn verblieben?", fragte Ayman nach dem Ausgang des Gesprächs. "Floyd hat sich Zeit zum Nachdenken ausgebeten. Er hat Mia versichert, dass er sie geliebt habe, wie seine leibliche Tochter, und dies auch in alle Zukunft tun werde. Er müsse nun zuerst einmal jedoch den Scherbenhaufen in seinem Kopf ordnen." "Und wie geht's Mia?" "Ich weiß nicht", zögerte Renate auffallend lange mit der Antwort. "Ich habe mich während des Telefonats neben sie setzen sollen und sie hat die ganze Zeit über fest meine Hand gedrückt und sie keinen Augenblick losgelassen. Dann habe ich gedacht, nachdem sie den Austausch mit Floyd hinter sich gehabt hat, dass sie unglaublich erleichtert sein würde. Aber das ist nur im Ansatz der Fall gewesen und sie hat sich, wie schon am Mittag, als sie von der Schule zurück gekommen ist, im Bad eingeschlossen. Nicht einmal Paul ist an sie ran gekommen. Ich fürchte, da ist noch etwas anderes im Busch. Wenn ich nur wüsste was und dem Kind helfen könnte." Besorgt wünschten sich Renate und Ayman eine gute Nacht. Es dauerte jedoch noch lange, bevor sie ihre quälend kreisenden Gedanken endlich einschlafen ließen.

Als Mia am zweiten Schultag nach Hause kam war Paul kurz vorher damit fertig geworden die Ausrüstung des Walkabouts und diverse andere Survival-Utensilien, die sich im Laufe der Jahre in seinem Besitz angesammelt hatten, auf die neugekauften Plastikboxen zu sortieren. Stolz zeigte er Mia sein Werk und präsentierte ihr auf seinem Smartphone seine neuformatierte Excel-Ausrüstungsliste. "Schau mal, 'Messer' findet sich im Themenbereich 'Kleinkram'. Und jeder Kleinkram ist grün geschrieben. Und hier", er deutete auf eine der Plastikboxen, "hier ist die grüne Box mit all' dem Kleinkram, unter anderem mit unseren verschiedenen Messern." "Cool!", lobt Mia ihren Freund, umarmte ihn und küsste in lang und innig. Dann meinte sie, dass sie den Walkabout schrecklich vermisse und sich in die Einsamkeit der Berge zurück sehne. "Am liebsten würde ich auf der Stelle mit dir wieder losziehen", seufzte das Mädchen, setzte sich an seinen Schreibtisch und begann mit den Hausaufgaben. "Ich habe viel zu lernen", entschuldigte sie sich. "Bei mir ist das zwölfte Schuljahr gerade erst ein Jahr her. Ich weiß noch genau, wie mich besonders die ersten Wochen geschlaucht haben. Kannst du dich noch erinnern, wie k. o. ich vor unserer Tour auf die Breitenkopfhütte gewesen bin?" Mia nickte und fügte hinzu: "Und ich habe dich damals aus dem Bett geklingelt, weil ich mit dem Rucksackpacken nicht klar kam." Sie stahl sich noch einen Kuss und vertiefte sich dann in ihr Biologie-Buch. Die Sprachen, in der Zwischenzeit selbst Deutsch, waren für die polyglotte Mia kein Problem und sie musste kaum Lernzeit dafür aufwenden. Anders sah es mit den Naturwissenschaften aus, die ihr Einiges abverlangten. Jedoch hatte sie bei Bedarf in Paul einen ausgezeichneten Nachhilfelehrer für diese Fächer.

Mia und Paul waren alleine zuhause. Ayman und Renate hatten in ihrem Reisebüro in der Innenstadt zu tun. Während sich Mia in ihre Schularbeiten vertiefte zog sich Paul mit seinem Laptop und dem GPS in den Garten zurück und genoss die Sonnenstrahlen und die Hitze des Tages. Während er die Tracklogs des Walkabouts per USB-Kabel auf seinen Rechner lud, sinnierte er über seine Freundin, die ihm auch heute sehr bedrückt vorkam. Nachdem er einige Zeit mit den GPS-Daten hantiert hatte, beschloss er Mia eine Freude zu machen. Er klappte das Laptop zu, kochte in der Küche eine Kanne von Mias Lieblingstee, stellte diese mit einer schönen Tasse samt Untertasse und einer kleinen Schale mit Süßgebäck auf ein Tablett und brachte dieses nach oben zur lernenden Mia. "It's Teatime!", verkündete er und meinte, "ein leerer Bauch studiert nicht gern!" Mia war gerührt: "Du bist so lieb zu mir", dankte sie ihrem Freund und fragte nach, ob es denn nicht ein voller Bauch sei, der nicht gerne studiere. Paul lächelte und herzte seinen Schatz. "Geht's dir gut?", fragte der junge Mann vorsichtig nach. Statt einer Antwort erhielt er jedoch nur einen Kuss und eine Liebeserklärung. "Dann will ich dich 'mal nicht weiter stören", verabschiedete sich Paul und machte sich im Garten wieder an die Aufbereitung des GPS-Tracklogs.

Mia hatte beim Abendessen nur lustlos an einer Scheibe Brot herumgekaut. Auf Renates besorgte Frage hin gab sie vor, sie hätte Bauchschmerzen und fühle sich nicht wohl. Als sie sich anschließend wieder zum Lernen zurück ziehen wollte protestierte Paul und erinnerte Mia an die Survivaltaktik, die die beiden während ihres Walkabouts angewendet hatten: "Denke daran, mein Liebling, dass Pausen und Erholung genauso entscheidend für den Erfolg unserer Weitwanderung waren, wie die Anspannung und Quälerei. Gönn' deinem Gehirn eine Auszeit. Für heute hast du genug gelernt. Lass' uns den warmen Abend genießen und einen kleinen Spaziergang in den Westpark machen. 'Jeden-Tag-ein-bisschen-Urlaub', ist mein Survivaltipp." Mia nickte zögerlich, streichelte Pauls Hand und murmelte: "Du hast wohl Recht."

Mia stand vom Essenstisch auf und begann diesen abzuräumen und das gebrauchte Geschirr in die Spülmaschine zu ordnen. Dann, wenige Minuten später, schlenderten das Pärchen in Richtung Westpark. "Seid vorsichtig, Kinder!", hatte Renate ihnen mit auf den Weg gegeben, die seit dem Überfall dort auf die beiden immer in Sorge war, wenn Mia und Paul zum Park aufbrachen. Mia hielt Pauls Hüfte eng umschlungen. Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter. "Ist alles ok?", wandte sich dieser an sein Mädchen, das statt einer Antwort zu geben die Augen schloss und bat: "Halt' mich ganz fest, Liebling!"

Auch an den folgenden Tagen bestand Paul darauf, dass Mia, die zwischen ihrer Rückkehr von der Schule am frühen Nachmittag bis zum Abendessen in ihrem Zimmer wie eine Besessene lernte, sich das tägliche 'bisschen Urlaub' gönnte. An einem Abend besuchte er mit ihr das Tae-Kwon-Do-Training, an einem anderen radelte er mit Mia an die Isar, dorthin, wo sie im vergangenen Herbst viele schöne, gemeinsame Stunden verbracht hatten. Paul breitete die Pique-Nique-Decke aus, setzte sich breitbeinig darauf und dirigierte Mia zwischen seine ausgestreckten Beine, die sich mit ihrem Rücken an Pauls Brust lehnte und seine Arme um ihren Bauch schlang. Das Mädchen strich zart über die Decke und hauchte: "Unsere geliebte Decke! Sie hat uns so brav während des Walkabouts begleitet. Ich möchte zurück in die Einsamkeit der Berge, Paul." Mit leerem Blick starrte Mia über das dahinfließende Wasser der Isar während Paul den Duft ihrer Haare einsog. Der junge Mann war verzweifelt. Wie sollte er seinem Schatz helfen? Einfach zurück in die Berge zu gehen war unmöglich. Mias Schule und seine bald beginnenden, beruflichen Verpflichtungen standen dem im Weg. Und irgendwie spürte er auch, dass die Sehnsucht nach dem Walkabout nicht die eigentliche Ursache für Mias Depression war.

Schon war die erste Schulwoche vorbei und mit dem Wochenende kam das Herbstwetter. Es regnete durchgängig. Mia zog sich immer länger an ihren Schreibtisch zurück und lernte nahezu Tag und Nacht, als gäbe es nichts anderes mehr in ihrer Welt. "Glaubst du Mia hängt deshalb so in den Seilen, weil sie sich selbst zu viel Stress wegen der Schule und dem Abi macht?", fragte Renate am Sonntagabend nach dem Abendessen ihren Sohn. Mia hatte erneut kaum etwas gegessen und sich erbeten in ihr Zimmer zum Lernen gehen zu dürfen. "Mia ist eine ausgezeichnete Schülerin. Ich wünschte, ich hätte in der Schule so leicht gelernt", antwortete Paul. "Die Fremdsprachen sind ein Klacks für sie und die Naturwissenschaften packt sie schon, auch wenn sie immer behauptet, sie hätte keine Ahnung davon. Ich weiß auch nicht was sie bedrückt." Während Mia in ihrem Zimmer lernte verfolgten die Mahmuds mit Spannung den Ausgang der Berlin-Wahl.

Der folgende Montag war meteorologisch gesehen ein grauer Tag, für Mia und Paul erstrahlte er jedoch in Rosarot. Am 19. September 2015, vor einem Jahr, hatten sie sich beim Bogenbaukurs kennengelernt. Da Mia am Montag erst zur dritten Stunde Unterricht hatte, blieb am Morgen vor der Schule etwas Zeit für Pauls Festtagsüberraschung. Zuerst brachte er Mia ihren Lieblingskaffee, einen doppelten Espresso, ans Bett, dann reichte er ihr ein großes aber flaches, in Geschenkpapier verpacktes Paket und ein ganz kleines, das wie ein Bonbon in Silberfolie eingepackt war. "Mach' zuerst das Große auf!", bestimmte Paul und Mia begann aufgeregt und vorsichtig zugleich das Geschenk zu öffnen. Es handelte sich um einen Panorama-Fotodruck. Es zeigte einen aus großer Höhe aufgenommenen Ausschnitt der Alpen, in deren Norden man München erkennen konnte und im Süden Bozen und das Etschtal. Die vergletscherten Gipfel des Alpenhauptkammes markierten mit einer weißen Zone die höchsten Erhebungen des Bollwerks zwischen den beiden Städten. Eine dünne, neonfarbene Linie wand sich zwischen München und Bozen. "Ist das die Route unseres Walkabouts?", staunte Mia und betrachtete begeistert das Bild. "Ja. Ich habe unseren GPS-Tracklog etwas nachbearbeitet und in Google Earth hochgeladen. Dann habe ich es mir als Schrägpanorama anzeigen lassen, dieses in die Zwischenablage kopiert und anschließend mit dem Adobe Photoshop retuschiert und mit ein paar Effekten versehen. Gefällt's dir?" "Ich bin hin und weg", flüsterte das Mädchen. "Das hänge ich heute Nachmittag über meinen Schreibtisch. Dann kann ich immer von unserem Walkabout träumen. Ich danke dir, mein Paul. Und was ist das für ein Bonbon?", fragte sie neugierig. "Keines zum Essen", lachte Paul. Mia öffnete das kleine Goody und hielt mit verwundertem Blick einen USB-Stick in den Händen. "Darauf findest du die GPS-Daten unseres Walkabouts. Du kannst sie auf dein Smartphone oder dein Laptop laden und in Google Earth fast auf den Meter genau sehen, wo wir langgelaufen sind. Deine Fotos habe ich mit dem Tracklog verknüpft, sodass du siehst, welches Foto du an welchem Ort aufgenommen hast. Das ist wie eine Mischung aus Bildertagebuch und Logbuch." Mia war begeistert und bekam feuchte Augen vor Freude und Dankbarkeit.

"Komm' her mein Liebling, ich habe auch etwas für dich und es hat ebenfalls mit unserem Walkabout zu tun. Schließe die Augen!", verkündete sie. Paul kam Mias Aufforderung nach und hörte, wie sie in der Schublade ihres Nachttisches kramte. Dann spürte er, wie ihm etwas über den Kopf gezogen und um den Hals gehängt wurde, dem Geruch nach ein Lederband. "Jetzt darfst du die Augen aufmachen!", signalisierte Mia und Paul fühlte nach dem Gegenstand, der ihm um den Hals hing, den er aber ohne Spiegel nur schwer sehen konnte. "Hier, nimm' meinen kleinen Schminkspiegel", bot Mia an und Paul begann das Amulett zu betrachten. "Ist das ein Bergkristall?", fragte er überrascht und bestaunte den glasklaren Kristall von der Größe eines kleinen Fingers. Mia nickte. "Mehr als das. Dies ist nicht irgendein Bergkristall. Den habe ich oben am Tisenjoch direkt unter mir gefunden, als ich mich auf den Boden zusammengekauert und auf die Rettung durch dich gewartet habe. Er ist für mich ein Zeichen des Schicksals gewesen, dass du mich finden würdest. Ich habe ihn zum Juwelier gebracht, fassen und mit einer Öse versehen lassen. So kannst du ihn um den Hals tragen. Er soll dir Glück bringen, so wie er mir Glück gebracht und mir dich beschert hat."

Gerührt nahm Paul sein Mädchen in den Arm und beide versicherten sich ihrer Liebe, indem sie miteinander schliefen. "Ich würde heute so gerne bei dir zuhause bleiben", seufzte sie und fügte mit einem Blick auf die Uhr, "nützt aber nichts, auf in die Schule!", hinzu. "Du gehst nicht mehr gerne in die Schule, was?", fragte Paul vorsichtig nach, erhielt als Antwort jedoch nur einen Kuss. "Ach Mia, könnte ich dir deine Sorgen nur abnehmen", flüsterte Paul und streichelte sein Mädchen, das sich dankbar an ihn lehnte und Halt suchte, bevor es sich unter die Dusche begab.

Auch an diesem persönlichen Festtag zeigt Mia Disziplin und verbrachte den ganzen Nachmittag an ihrem Schreibtisch. Da es seit Tagen heftig regnete entschied Paul, dass das tägliche 'bisschen Urlaub' heute im Haus stattfinden sollte. "Lass' uns heute Abend etwas survivaln", schlug er vor und fügte hinzu, dass er einen neuen Survivaltipp habe. Nach dem Abendessen setzten sich die beiden mit ihren Smartphones in der Hand im Schneidersitz gegenüber auf ihr Doppelbett und Paul begann zu erklären: "Kennst du das Szenario, dass dein Handy an einem Ort klingelt, an dem es nicht klingeln sollte?", fragte er seine Freundin. "Natürlich", antwortete diese, "im Unterricht zum Beispiel." "Schon richtig", reagierte Paul, "ich habe mich falsch ausgedrückt, denn so habe ich das nicht gemeint. Sorry. Ich denke beispielsweise daran, dass wir wie zu Beginn unseres Walkabouts unseren Morgenkaffee auf der Bank vor der Breitenkopfhütte trinken und so wie geschehen ein Rudel Gämsen in geringer Entfernung beobachten. Jetzt stelle dir vor du bekommst einen Anruf und es erklingt, wie bei deinem Handy, 'Die immer lacht'. Was meinst du was die Gämsen tun?" Dabei schoss ihm der ungute Gedanke durch den Kopf, dass Mia genau seit Schulbeginn diesen Klingelton benutzte. "Na die hauen ab", wusste Mia unschwer zu antworten, "es sei denn, ich habe mein Handy auf 'lautlos' gestellt." "Genau. Aber in diesem Fall würdest du den Anruf nicht mitbekommen. Auch Vibration ist keine Lösung. Wenn dein Smartphone im Rucksack vibriert merkst du das nicht. Wenn es in deiner Hand vibriert ist das immer noch so laut, dass die Gämsen die Flucht ergreifen. Mein Survivaltrick zielt darauf ab, den Klingelton so zu wählen, dass das Geräusch deutlich gehört werden kann, von Tieren - und auch von anderen Menschen - jedoch als Teil der Umgebung wahrgenommen und so interpretiert wird, nicht als Handysignal." Mia kombinierte: "Wenn ich dich richtig verstehe, dann wäre, um bei dem Beispiel Gämsen zu bleiben, das Krächzen eines Raben wohl ein sinnvoller Klingelton, um unsere Handys zu - nennen wir es - 'tarnen'. Damit verraten wir weder unsere Anwesenheit noch unseren Standort." "Genau so meine ich das. Unser heutiges Survivaltraining besteht darin, uns eine Sammlung von Klingeltönen downzuloaden, die wir dann als Repertoire für den Bedarfsfall dabei haben. Ich würde vorschlagen, einer kümmert sich um Natur-, der andere um Zivilisationsgeräusche." Mia war begeistert und kurzzeitig schien ihre Depression zwar nicht verflogen, zumindest jedoch gelindert. "Ich würde gerne Naturgeräusche suchen", erbat sich das Mädchen und Paul willigte gerne ein. Wer in der nächsten Stunde an der Türe der beiden gelauscht hätte wäre über ein Potpourri verschiedenster Geräusche, Klänge und Töne überrascht gewesen, oft unterbrochen vom Gelächter Mias und Pauls.

"Sollten wir in diesem Sinne nicht auch unsere Signaltöne für eingehende eMails oder Messages überarbeiten?", schlug Mia vor und brachte gleich ein Beispiel: "Meine eMails kommen in Zukunft mit dem Miau eines kleinen Kätzchens an. Das ist so leise, sodass es außer mir kaum jemand hört, besonders dann, wenn es nicht mucksmäuschenstill ist." "Klasse Idee", kommentierte Paul und löste einen neuen Lachflash aus, als er Mia ein heruntergeladenes Furzgeräusch vorspielte, das Mia mit einem digitalen Rülpser konterte.

Auch in den folgenden Tagen verbesserte sich Mias Seelenstimmung nicht. Jedoch war sie stets liebevoll zu Paul, freundlich, aufmerksam und hilfsbereit zu Renate und Ayman. Dessen ungeachtet zog sie sich immer mehr in sich selbst zurück. Paul versuchte alles, um sein Mädchen aufzumuntern. Dass mit Mia etwas nicht stimmte merkte Paul auch im Bett. Sie liebten sich nahezu täglich, doch wenn sie miteinander schliefen war das anders als vor dem alles verändernden Tag von Mias Schulbeginn. Mia schien beim Sex nicht bei sich und Paul zu sein, sondern ihre Erregung zu nutzen, um in eine ferne Dimension abzudriften und dort alles Irdische und Reale hinter sich zu lassen. Paul kam das Mädchen in diesem Zustand wie im Drogenrausch vor, das wie besessen von einem bösen Geist, mittels Sex aus der Wirklichkeit fliehen wollte. Einmal geriet sie derart in Ekstase, dass Paul seine verschwitzte und bebende Partnerin mit all seiner Kraft fest an sich drückte, um sie zu beruhigen. Erst langsam kehrte diese wieder in die Ist-Welt zurück und zog nun ihrerseits Paul fest an sich und wie ein Kind, das nachts Angst vor dem Monster im Kleiderschrank hat, suchte sie bei ihm nach Trost und weinte sich gleichzeitig leise in einen unruhigen Schlaf. Paul war verzweifelt und wusste, dass es nicht mehr lange so weitergehen konnte, denn auch die immer häufiger vorkommende Essenverweigerung Mias zeigte in der Zwischenzeit deutliche Spuren und das Mädchen war magerer als nach der Vollendung ihres Walkabouts bei Tante Silke in Tramin. Die dort aufgefüllten Reserven hatte Mia längst wieder geleert.

Eines Tages kam Mia mit verweinten Augen und wirklichen, körperlichen Schmerzen nach dem Nachmittagsunterricht heim. Sport hatte auf dem Stundenplan gestanden. Mit schmerzverzerrtem Gesicht ließ sie sich auf einem Stuhl in der Küche nieder und stöhnte auf, als Paul ihr den Schulrucksack vom Rücken nahm. "Ich bin mit einer Mitschülerin beim Basketballspielen zusammengeprallt", erzählte Mia ihrer besorgten Familie, die ihren lädierten, linken Oberarm untersuchte. Vom Ellbogen bis zur Schulter war dieser mehr blau als hautfarben. "Du solltest das von einem Arzt ansehen lassen", riet Renate mit besorgtem Blick und bereitete einen Eisbeutel vor. "Das ist nur eine Muskelprellung", versuchte Mia ihre Ersatzmutter zu beruhigen, die den Eisbeutel in ein Handtuch wickelte und Mia vorsichtig auf den Oberarm presste. Mia biss die Zähne zusammen. Widerspruchslos ließ sich das Mädchen von Renate auf das Wohnzimmersofa dirigieren. "Leg' dich auf deine rechte Seite hin und kühle deinen Arm. Heute wird nichts mehr gelernt." "Aber meine Hausaufgaben", protestierte Mia, wurde aber von Renate ausgebremst, die ihren Zeigefinger auf ihre Lippen legte und "Pssst, keine Widerrede!" anordnete. Mia gab klein bei und war dankbar, dass Mama ihr ein Kissen unter den Kopf schob und sie anschließend in eine Decke einhüllte. "Danke!", flüsterte das Mädchen und schloss die Augen. Paul saß mitleidsvoll im Sessel daneben und streichelte ihr über den Kopf.

Abends, im Schlafzimmer, bat Mia Paul, ihren verletzten Arm mit der Salbe einzucremen, mit der er ihren geschundenen Rücken am zweiten Tag des Walkabouts behandelt hatte. Obwohl Paul dabei so vorsichtig wie möglich vorging zuckte das tapfere Mädchen vor Schmerzen zusammen und konnte einzelne Tränen nicht zurück halten. "Du solltest morgen wirklich zum Arzt gehen", meinte Paul sehr besorgt. "Das ist nicht nur eine Muskelprellung. Hoffentlich hat der Knochen nichts abbekommen. Sag' 'mal, bist du sicher, dass das beim Basketballspielen passiert ist? Sieht mir eher so aus als hätte dich ein Zug gerammt. Mit Tae-Kwon-Do und Bogenschießen wird es in den nächsten zwei Wochen nichts werden." Mia schwieg und biss die Zähne aufeinander.

Ende September 2016, in der Woche vor dem verlängerten Wochenende mit dem Feiertag der deutschen Einheit, kehrte der Sommer nach zwei grauen Wochen wieder zurück, mit Temperaturen über 25°C tagsüber. "Wir fahren morgen im Zug nach Garmisch-Partenkirchen, besuchen deinen Vater Oliver, machen gemeinsam eine Bergtour, übernachten zwei Nächte in unserer Wohnung und kommen am Montagabend zurück nach Holzapfelkreuth", schlug Paul seiner Freundin am Freitagabend vor. "Traditionsgemäß gibt es einen Burger auf die Hand für die Rückfahrt, das verspreche ich dir." Paul versuchte gute Laune zu säen. Mia lächelte ohne zu antworten. Mittags war sie verstört aus der Schule gekommen, hatte sich geweigert etwas zu essen und sich danach in ihre Schulbücher vergraben. Nur auf Pauls unnachgiebigen Druck war sie zum Abendessen erschienen. Renate hatte eine Suppe mit selbstgemachten Brätknödeln gekocht, eines von Mias Lieblingsgerichten. Doch Mia rührte die Fleischeinlage der Suppe nicht an. Stattdessen stocherte sie mit ihrem Löffel lustlos in der klaren Brühe herum. "Kind, du musst etwas essen!", seufzte Renate besorgt und fragte nach, ob mit der Suppe und den Brätknödeln etwas nicht in Ordnung sei. "Deine Suppe ist traumhaft, Mama", antwortete Mia. "Mir ist nur fürchterlich schlecht." Sie hatte den Satz kaum vollendet als sie eilig aufsprang und zur Toilette rannte. Das heftige Würgen des Mädchens hallte wie Donner durch den Frieden des kleinen Hauses. Ayman legte seinen Suppenlöffel beiseite, wischte sich mit den Händen über das Gesicht und blickte fragend seine Frau und seinen Sohn an. Renates Antwort war ein wortloses Schulterzucken. Paul berichtete, dass er am nächsten Tag mit Mia nach Garmisch-Partenkirchen zum Bergsteigen fahren und dort übernachten wolle. "Ich hoffe, das bringt sie auf andere Gedanken und der Luftwechsel wird ihrer Gesundheit gut tun. Außerdem macht Frischluft Appetit und Hunger."

Der Ausflug nach Garmisch-Partenkirchen brachte Mia nicht auf andere Gedanken, da er überhaupt nicht stattfand. Die ganze Nacht über pendelte Mia zwischen Bett und Toilette. Paul hatte Tee für sie gekocht, den das Mädchen auch dankbar trank. Jedoch blieb er nicht lange in seinem Körper. An einen Bergausflug nach Garmisch-Partenkirchen war spätestens jetzt nicht mehr zu denken. Den Samstagvormittag verbrachte Mia im Bett. Wenn sie nicht schlief, dann steckte sie ihren Kopf in ein Schulbuch oder recherchierte auf ihrem Laptop im Internet für ein in der kommenden Woche anstehendes Referat. Essen wollte sie nicht. Am Samstagnachmittag schien es Mia etwas besser zu gehen. Paul war nicht zum Bogenschießtraining mit seinen Eltern mitgekommen, er wollte sich um seine Freundin kümmern. "Ich würde so gerne mit dir auf unserer Walkabout-Pique-Nique-Decke im Garten ein bisschen in der Sonne liegen", flüsterte Mia. Mit Sorge beobachtete Paul, wie seine Freundin geschwächt aus dem Bett aufstand und sich mühevoll ins Bad schleppte, wo sie ihre Haare in Ordnung brachte und sich mit beiden Händen kaltes Wasser ins Gesicht schöpfte. Währenddessen holte Paul die besagte Decke und führte das Mädchen anschließend an der Hand in den Garten. Mia brauchte diese Führung, denn ihr Gang war schwankend und unsicher. Im Garten wählte Paul einen sonnigen Platz, an dem er die Decke ausbreitete. Mia streckte sich sogleich auf dieser aus und obwohl es sommerlich warm war, fröstelte das Mädchen. Hilfsbereit rannte Paul ins Haus und brachte Mia eine Decke, in die er sie einmummelte. Das Mädchen lächelte geistesabwesend und war wenige Augenblicke später tief und fest eingeschlafen. Der junge Mann legte sich neben seine Freundin und starrte auf die Schönwetterwolken über ihm am Himmel. "Was ist nur los mit Mia?" Diese Frage hämmerte in seinem Kopf und jagte durch sein Gehirn.

Mia durchschlief den ganzen Nachmittag. Als Renate und Ayman vom Bogenschießen zurück kamen fanden sie ihren Sohn im Schneidersitz auf seinem Laptop arbeitend neben seiner schlafenden Freundin auf der Pique-Nique-Decke sitzen. Mit dem gestreckten Zeigefinger auf seinen Lippen signalisierte er 'Bitte Ruhe!', dabei deutete er auf das Mädchen. "Heute Abend muss sie etwas essen, sonst bringe ich sie ins Krankenhaus", raunte Renate ihrem Mann zu, der bestätigend nickte.

Der Sonnenuntergang und die damit einkehrende Kälte weckten Mia. "Bring' mich bitte ins Bett", flüsterte sie zu Paul, der ihrem Wunsch mehr tragend als führend nachkam. Mia war am Ende. Aber sie kämpfte, denn das Mädchen zwang sich vor dem Einschlafen ein Leberwurstbrot zu essen, das ihr Paul aufs Zimmer brachte. Danach fiel es wie schon am Nachmittag in einen tiefen Schlaf, obwohl das Zeiteisen noch nicht einmal 21 Uhr zeigte. Auch am nächsten Tag bewies Mia Stärke und versuchte mehrmals zumindest kleine Happen zu essen. Das fiel ihr sichtbar schwer. Wenn sie nicht schlief, dann lernte sie für die Schule. Auch diesen Sonntag hätte sie gerne auf der Pique-Nique-Decke im Garten in der Sonne geruht, doch das Wetter machte dem einen Strich durch die Rechnung. Eine Kaltfront brachte heftigen Regen. So lag Mia am späten Nachmittag anstatt auf der geliebten Decke im Garten, im Bett auf dem Rücken und starrte zur Decke. Dann meinte sie zu Paul: "Du hältst mich jetzt wohl für verrückt, aber am liebsten würde ich heute Nacht in unserem Zelt übernachten." Der junge Mann lächelte und streichelte Mias Gesicht. "Alles wird gut, mein Liebling. Jetzt wirst du erst einmal wieder gesund, dann können wir über Zeltübernachtungen reden." Paul hatte den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, als Mia bereits erneut im Reich der Träume war.

Paul beobachtete mit großen Sorgen seine schlafende Freundin. Warum um alles in der Welt wollte sie im Zelt schlafen? Eine Zeitlang fand er keinen Reim darauf. Dann kam ihm in den Sinn, dass für Mia das Zelt wohl als Symbol für Geborgenheit und als Souvenir an die glückliche Zeit während des Walkabouts stehen musste. Auf einmal erschien ihm die Antwort sonnenklar. Mias Überlebensstrategie bestand darin, sich mittels positiver Impulse durch die schwierige Zeit zu bringen. Survival für den Kopf. Das hatte schon gestern damit begonnen, dass sie unbedingt auf der Pique-Nique-Decke im Garten schlafen wollte, die ebenfalls eine Erinnerung an den Walkabout bzw. andere schöne, gemeinsame Stunden darstellte.

Auch der Tag der Deutschen Einheit war vom Wetter her alles andere als spätsommerlich. Paul hatte seinem Mädchen den geliebten doppelten Espresso ans Bett gebracht. Als er vom Duschen ins Schlafzimmer zurück kam fand er Mia im Schneidersitz auf dem Bett sitzen und in ihr Smartphone starren. "Ist etwas passiert? Du schaust so komisch", fragte er besorgt nach. "Ach, ich habe mir nur die Zugspitze-App im Playstore downgeloadet und träume jetzt über den Webcam-Panoramen von Garmisch-Partenkirchen. Am liebsten würde ich heute noch die Koffer packen und mit dir zu Oliver ziehen. Ich habe München so satt." Paul setzte sich neben seine Partnerin aufs Bett, strich ihr die Haare aus dem Nacken und küsste sie, sodass ihr die kleinen Härchen am Rücken zu Berge standen. "Ich glaube, du hast weniger München, als vielmehr die Schule satt", vermutete Paul und bekam ein zaghaftes Nicken als Antwort. "Nur noch neun Monate, Liebling, dann hast du es geschafft. Dann ist die Schule für immer vorbei." "Es ist nicht die Schule an sich", flüsterte Mia kaum hörbar. "Was ist es dann?", wollte Paul wissen. Doch das Mädchen blieb ihm eine Antwort schuldig und sprang auf um zu duschen. Paul griff nach Mias Smartphone, das diese im Bett hatte liegen lassen. Das Display war noch an und zeigte den frisch angeschneiten Gipfel der Zugspitze mit seinem markanten Kreuz. Was mochte Mia beim Betrachten der Liveaufnahme durch den Kopf gegangen sein? So schnell wie möglich, das nahm sich Paul felsenfest vor, würde er mit seiner Liebsten nach Garmisch-Partenkirchen umziehen. Dort, da war er sich absolut sicher, würde seine Mia wieder die alte sein.

"Ich würde gerne einen längeren Spaziergang machen, Paul", überraschte Mia ihre Familie nach dem Mittagessen, bei dem sie zwar nur sehr mäßig Nahrung zu sich genommen hatte, was aber deutlich mehr als in den Tagen davor gewesen war. Das Regenwetter des Vormittags hatte sich zu Gunsten eines kühlen, windigen, aber durchaus sonnigen Nachmittags gewandelt. "Zieh' dich warm und wetterfest an, Liebling, wir werden erst in der Dunkelheit zurück kommen", mahnte Mia. Paul und seine Eltern waren verblüfft über den neuerblühten Tatendrang des Mädchens. "Wenn ihr so lange außer Haus seid, dann packe ich euch eine Brotzeit ein", meldete Renate und machte Anstalten aufzustehen. "Das brauchst du nicht, Mama", hielt Mia sie zurück. "Wir werden mit der Bahn zurück fahren und da gibt es traditionsgemäß einen Burger. Zwar nicht aus dem Burger King in Garmisch-Partenkirchen, doch zumindest vom Mc Donald's in ..." Gerade noch rechtzeitig bremste das Mädchen ihren Wortschwall, denn es sollte für Paul eine Überraschung werden, wohin die Wanderung führe.

Keine 15 Minuten später waren Mia und Paul abmarschbereit. Dem jungen Mann war nicht entgangen, dass seine Freundin 1 : 1 die gleichen Bergschuhe und Trekkingklamotten wie auf dem Walkabout trug, nämlich ihre schwarze Softshelljacke, darunter ein türkisfarbenes Langarmshirt und eine sandfarbene Trekkinghose. Mit einem ebenso türkisfarbenen Buff hatte Mia ihr Haar nach hinten aus dem Gesicht gebunden. Der einzige Unterschied zum Walkabout bestand darin, dass der große Trekkingrucksack einem kleinen Tagesrucksack gewichen war, der Mias EDC-Ausrüstung enthielt, wie Paul wusste. Doch es musste noch etwas anderes in ihm stecken, denn er erschien ihm sehr prall gefüllt. Die wenigen EDC-Utensilien konnten das unmöglich sein. "Du siehst fantastisch aus, Liebling. Mit dir möchte man gleich auf einen lebenslangen Walkabout aufbrechen", würdigte Paul liebevoll sein Mädchen. Mia lächelte und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen. "Du siehst auch toll aus. Ich nehme dich sofort mit auf den lebenslangen Walkabout", gab Mia das Kompliment zurück. Auch Paul trug seine schwarze Softshelljacke und Trekkingbekleidung. Seine Füße steckten in halbhohen Wanderschuhen. "Fesch schaut ihr in euren Jacken aus", freute sich Renate und küsste Mia und ihren Sohn zum Abschied auf die Wange. "Passt auf euch auf, Kinder!", gab sie den beiden mit auf den Weg.

Mia griff nach Pauls Hand und schritt mit ihm durch den Vorgarten auf die Straße hinaus. Wortlos führte sie ihren Freund durch die kleinen Straßen des Wohnviertels Holzapfelkreuth zum Waldfriedhof und durch diesen hindurch weiter zum Fürstenrieder Schloss. Bislang hatte sie kein Wort gesagt und Paul hatte ihr Schweigen auch nicht unterbrochen. Er wusste, dass Mia reden würde, wenn sie dafür bereit wäre.

Im Forstenrieder Park, einem eintönigen Waldstück, durchzogen von kerzengeraden Forstwirtschaftswegen im Schachbrettmuster, brach Mia ihr Schweigen. "Ich danke dir, dass du mich begleitest." Mia winkte Pauls Antwort, dass dies doch eine Selbstverständlichkeit sei, energisch ab. "Das ist keine Selbstverständlichkeit", protestierte sie. "Nicht, wenn man so zickig drauf ist, wie ich im Moment. Ich mache dir und deinen Eltern das Leben gerade nicht leicht. Ich weiß, dass ihr euch große Sorgen um mich macht." "Das stimmt allerdings", willigte Paul ein und meinte, geteiltes Leid sei doch halbes Leid. "Ich würde gerne ein Päckchen deiner Probleme tragen, Liebling. Hauptsache es geht dir dann wieder besser." "Manche Probleme kann man nicht teilen", entgegnete Mia. "In diesem Fall ist es so. Ich muss da selber durch. In der Schule hat sich vieles verändert, seit du nicht mehr da bist. Alles nicht zum Besseren. Zum Glück kann ich dem Stoff gut folgen und meine Noten in den ersten Schulaufgaben waren alle sehr gut. Sogar in den Naturwissenschaften. Aber ..." "Was aber?", unterbrach Paul.

Mia antwortete nicht, stattdessen wechselte sie das Thema mit einer scheinbar aus dem Zusammenhang gerissenen Frage: "Es ist gerade einmal neun Wochen her, dass wir zu unserem Walkabout aufgebrochen sind. Wie hast du dich damals gefühlt?" "Nun", überlegte Paul, "ich war in einem Stimmungscocktail, gemischt aus riesengroßer Vorfreude auf die Unternehmung auf der einen Seite und etwas Sorge, ob alles gut gehen würde auf der anderen. Vor allem aber habe ich hier im Forstenrieder Forst genossen, dass die Anspannung und das Lampenfieber der letzten Tage von mir abperlten." Mia schwieg eine Weile, dann weihte sie Paul in ihre aktuelle Gefühlswelt ein: "Siehst du, mir geht es momentan ganz ähnlich. Ich durchlebe einen fürchterlichen Stimmungscocktail, wie du das gerade eben genannt hast."

Erneut machte sie eine Sprechpause und suchte nach den richtigen Worten. "Auf der einen Seite bin ich der glücklichste Mensch auf der Welt. Ich liebe dich und deine Eltern. Ich fühle mich bei dir und deiner Familie geborgen wie nie zuvor in meinem Leben. Ich zehre von den Erlebnissen des Walkabouts und der schönen Zeit bei deiner Tante in Tramin. Als wir am Ende der Sommerferien heim nach München gekommen sind habe ich mich als die Königin der Welt gesehen. Nein, nicht als die Königin, als die Kaiserin. Mein neuer Vater, die Option einer Wohnung in Garmisch-Partenkirchen, die Gewissheit den schwierigen Walkabout gemeistert zu haben, all das hat mein Gefühlsleben beflügelt." "Und was ist dann passiert? Wie sieht die Schattenseite deines Stimmungscocktails aus?", bohrte Paul vorsichtig weiter. "Das hat nur mit der Schule zu tun. Dort hat mich die bittere Realität eingeholt." "Das verstehe ich nicht", warf Paul ein. "Du bist doch eine ausgezeichnete Schülerin und soviel ich weiß eigentlich immer gerne in die Schule gegangen. Was hat sich denn derart verändert, dass du so völlig verwandelt bist? Hast du Probleme mit den Lehrern?" Mia schüttelte den Kopf. "Weder die Lehrer noch der Unterricht sind an meiner Misere schuld. Auch nicht der Schulstoff. Es sind einige Mitschülerinnen, die mir das Leben zur Hölle machen." Mia blieb stehen und Tränen rannen ihr übers Gesicht. Paul nahm seine leidende Freundin beschützend in Arm. "Wie muss ich mir das vorstellen?", wollte er wissen. "Ich möchte nicht darüber sprechen", schluchzte das Mädchen und verbarg ihr Gesicht an Pauls Schulter. "Bitte sei einfach nur da für mich." "Selbstverständlich bin ich für dich da, Liebste", besänftige Paul seinen Schatz.

Schweigend, Arm in Arm, setzten die beiden ihre Wanderung fort. Dann erreichten sie den Waldrand und traten hinaus in die Feldfluren um Buchendorf. "Weißt du noch, dort hast du mir das erste 'Schmankerl' unseres Walkabouts gezeigt. Die Keltenschanze. Lass' uns da bitte rasten", wünschte sich Mia und ergänzte, "im Sommer haben wir hier auch unsere erste Pause gemacht." Angekommen an dem historischen Erdwall zog Mia die Pique-Nique-Decke aus ihrem EDC. Jetzt wurde Paul auch klar, warum es so prall gefüllt war. "Nimm' Platz, Liebling!", forderte Mia ihren Freund auf, kniete sich neben ihn auf die Decke und fischte nach Etwas in ihrem EDC. "Ich habe ein Geschenk für dich, als kleines Dankeschön, dass du meine schlechte Laune erträgst. Du spendest mir so viel Wärme, ich hoffe hiermit kann ich dir im übertragenen Sinne etwas davon zurückgeben." Mia reichte Paul ein in mit roten Herzen bedrucktem Papier verpacktes Geschenk. "Ich liebe dich, mein Paul, bitte verzeih' mir meine üblen Launen." Der junge Mann war ergriffen und nahm seine Liebe in den Arm. "Wir schaffen das schon. Gemeinsam. Es kommen auch wieder bessere Zeiten." Mia nickte zögerlich und forderte Paul auf, sein Geschenk auszupacken.

Das Päckchen war leicht und weich. Paul öffnete es neugierig und hielt schließlich eine flauschige Outdoorjacke in den Händen. "Die wird dich im Winter schön warm halten. Sie ist extrem dünn und damit sehr atmungsaktiv, sodass du darunter nicht schwitzt. Außerdem ist sie federleicht und trotzdem wärmt sie wie ein dicker Pulli. Sie ist aus Hightech-Fasern gewebt. Um einen Nylonfaden, der Stabilität und Elastizität in sich vereint, ist feinste Merinowolle gesponnen. Es gibt momentan nichts Besseres auf dem Markt als diesen Hybrid aus Kunst- und Naturfasern. Ich hoffe die Jacke passt dir." Pauls Mimik zeigte, wie sehr er sich über das Geschenk freute. Er streifte sein Softshelloberteil ab und zog die neue Jacke an. "Die passt als wäre sie für mich geschneidert worden", strahlte er und streichelte über das weiche Material. "Und die Jacke hat dasselbe Realtree-Muster wie das Shirt von deinem Dad, das du mir letztes Jahr geschenkt hast", frohlockte er und drehte sich vor Mia im Kreis. "Gefalle ich dir, Liebling?" "Du siehst phantastisch aus, Paul" und Mia war sichtlich erfreut, wie gut ihr Geschenk bei Paul ankam. "Ich danke dir tausend Mal, mein Herz. Du bist die Beste!", gab der Beschenkte zurück und küsste sein Mädchen. "Jetzt lass' uns aber aufbrechen, bis Starnberg ist es noch ein gutes Stück Weg und es sollte heute Abend nicht zu spät werden. Ich lade dich dort zum Mc Donald's ein. Dann fahren wir mit der S-Bahn heim. Morgen beginnt deine Arbeit im Kreisjugendring, da musst du ausgeschlafen sein", bestimmte Mia.

Auf dem Weiterweg ließ Mia Pauls Hand nicht einen Augenblick mehr los. Sie sprach kein Wort. Ab und zu schaute sie verliebt zu ihrem Freund auf, dann wiederum ließ sie ihren Blick weit schweifen und scannte die Gegend. Paul war sich sicher, dass ihre Gedanken mit Erinnerungen an den Walkabout beschäftigt waren. Er spürte, wie Mia die Zweisamkeit in der Natur genoss, insbesondere als sie durch das enge, wildromantische Würmtal Richtung Süden nach Starnberg wanderten. "Ich freue mich riesig über die Jacke", brach Paul das Schweigen. "Wenn mir kalt ist wird sie mich nicht nur wärmen. Sie wird mich auch beschützen." Mia blickte erstaunt auf. "Die Jacke zu tragen ist wie wenn ich von dir umarmt würde", malte der junge Mann ein Bild mit Worten. "Das freut mich, mein Herz; dann hat mein Geschenk seinen Zweck erfüllt", meinte Mia. "Ich würde dich auch gerne beschützen, mein Mädchen. Leider habe ich aber das Gefühl, dass du das abblockst." Mias Gesichtszüge wurden ernst und sie blickte zur Seite. "Es ist schon mehr als genug, dass du für mich da bist, Paul. Mit dem Rest muss ich selber klar kommen." Paul merkte deutlich, dass Mia nicht weiter über das Thema reden mochte und er brachte sie auch nicht weiter in Bedrängnis. Mit den Worten, "du weißt, dass ich immer für dich da bin", beendete er für heute die Sache, was ihm Mia hoch anrechnete. Sie hatte an diesem Nachmittag sowieso schon mehr von ihrem Problem preisgegeben, als sie eigentlich vorgehabt hatte.

Im Mc Donald's in Starnberg freute sich Paul, dass seine Freundin einen ganzen Big Mac aß. Die frische Luft und die Zweisamkeit hatten ihr gut getan und ihren Appetit angeregt. Diese Kleinigkeit, die für den besorgten jungen Mann höchste Bedeutung trug, war auch das Erste, was er seinen Eltern begeistert erzählte, als Mia und er nach Einbruch der Dunkelheit wieder zuhause in Holzapfelkreuth ankamen: "Stellt euch vor, Mia hat einen ganzen Big Mac gegessen!", jubelte er. Die Reaktion der Eltern zeigte, wie glücklich auch diese über den kleinen Lichtblick waren, dass es Mia ein wenig besser zu gehen schien. Doch dieser Zustand hielt nicht lange an.

Sichtlich gequält raffte sich Mia am nächsten und den folgenden Tagen zum Schulbesuch auf. Sie zögerte am Morgen das Verlassen des Hauses in Holzapfelkreuth so lange wie nur irgendwie möglich heraus, sodass sie zur U-Bahn rennen musste, um ihren Zug noch zu erreichen und um rechtzeitig in die Schule zu kommen. Wenn sie am Nachmittag nach Hause kam, dann schloss sie hektisch die Haustüre auf, trat eilig ein und verriegelte die Türe schnell wieder hinter sich mit allen verfügbaren Schlössern und Riegeln, so als würde sie von einem Gewaltverbrecher verfolgt. Wäre jemand der Mahmuds zu Hause gewesen, hätte man sie mehrmals mit dem Rücken von Innen an der Haustüre lehnen sehen können, so als wolle sie mit ihrem Körpergewicht verhindern, dass jemand hinter ihr die Türe aufstemme. Meist rutschte sie dann nach einiger Zeit in die Hocke hinab und weinte, am Fuß der Tür kauernd, leise in sich hinein. Wenn Renate und Ayman abends aus dem Reisebüro kamen und Paul vom Büro des Kreisjugendrings zurückkehrte, in dem er seit dem 4. Oktober arbeitete, fanden sie eine tief depressive Mia vor, die sehr verängstigt wirkte. Aber Mia funktionierte - wie eine Maschine. Ein glückliches Leben war das nicht, das konnten ihr die Mahmuds deutlich ansehen. Doch mit einem eisernen Willen hielt sie tagtäglich ihren ordnungsgemäßen Betrieb aufrecht, besuchte weiter die Schule und kam all den Pflichten nach, die man - von welcher Seite auch immer - von ihr erwartete. Dies kostete ihr enorme Kraft, was deutlich sichtbare, körperliche Spuren hinterließ.

Sechs Wochen waren nun seit Mias erstem Schultag vergangen. Von Tag zu Tag wurde das Mädchen einsilbiger und schien sich weiter in ein Schneckenhaus tief in seinem Inneren zurück zu ziehen. Paul versuchte alles, um seine Mia aufzuheitern. Er hatte vor ein paar Wochen sogar einen Besuch der Wiesn, dem weltbekannten Münchener Oktoberfest vorgeschlagen, obwohl dies überhaupt nicht seine Welt war. "Du bist lieb", hauchte Mia im gemeinsamen Bett in Pauls Armen liegend und streichelte sein Gesicht, "aber du weißt doch, dass ich Menschenmassen nicht ausstehen kann. Und zurzeit schon zweimal nicht. Außerdem ist es vom Survivalaspekt her völlig falsch, sich bei der momentanen Terrorbedrohung in große Menschenansammlungen zu begeben." "Du brauchst aber Abwechslung, mein Stern", insistierte Paul verzweifelt.

Mia versuchte, was erschwerend hinzu kam, sich täglich mehr vor dem 'Jeden-Tag-ein-bisschen-Urlaub' zu drücken. Zunächst war die Ausrede ihr lädierter Oberarm. Dann gaukelte sie Verdauungsprobleme vor oder hatte wirklich welche; Das nächste Mal Kopfschmerzen oder eine schwierige Schulaufgabe am Folgetag, für die sie unbedingt auch noch abends lernen müsse. Auch an die Isar, wo sie im letzten Herbst wunderschöne Nachmittage verbracht hatten, oder in den Westparkt auf einen Spaziergang, wollte sich Mia nicht mehr einlassen. Wenn sie von der Schule heim kam ging sie nahezu direkt an ihren Schreibtisch und steckte ihren Kopf in ihre Bücher, Hefte und ins Internet zum Recherchieren.

Paul, der seit Anfang Oktober und damit inzwischen seit drei Wochen beim Kreisjugendring arbeitete, fühlte allabendlich nach Rückkehr aus der Geschäftsstelle, dass es Mia von Tag zu Tag schlechter ging. Selbige Beobachtung machten seine Eltern. Besonders in der letzten Woche hatte sich Mias körperlicher Zustand gewaltig verschlechtert, vom seelischen ganz zu schweigen. Das nasskalte und graue Spätherbstwetter hatte wohl einen nicht unbedeutenden Anteil daran, Mias negative Gemütslage zu verstärken. Das Mädchen lachte inzwischen überhaupt nicht mehr, sprach kaum noch ein Wort und verweigerte zum größten Teil das Essen. Seine schulischen Leistungen dagegen waren exzellent. Nachts, eng umschlungen im Bett, klammerte sich Mia wie ein ängstliches Kind an ihren Freund. Es hatte für Paul den Anschein, als ob seine Partnerin im Traum Kämpfe gegen Monster und Drachen auszutragen hätte oder von einem Tropenfieber geschüttelt würde, so fahrig und fiebrig war ihr Schlaf, in dem sie oft wirres Zeug redete, aus dem sich Paul keinen Reim machen konnte, oder aus dem seine Partnerin, in kaltem Schweiß gebadet, erwachte. Mehrmals wechselte Paul des Nachts Mias Bettwäsche. Er kochte ihr Tee und stellte Wasser auf ihren Nachttisch. Und er fragte zum x-ten Mal seit Mias Schulbeginn, was denn eigentlich mit ihr los sei. Ihre Antwort bestand jedoch jedes Mal nur aus den Worten 'ich liebe dich' und 'es tut mir Leid', sowie einem Kuss. Dieser war ehrlich gemeint und keine Show, das spürte Paul. Doch das war nur ein geringer Trost. Mia war physisch und psychisch am Ende. Ihre Wangen waren tief eingefallen, ihre Haut blass und ihr Haar matt. Mias Körper war weitaus abgemagerter als bei der Ankunft bei Tante Silke nach der Vollendung des Walkabouts über die Alpen in den Sommerferien. Sämtliche Körperspannung war aus ihr gewichen und ihr Gang wirkte unsicher und leicht schwankend, so als hätte sie zu tief ins Glas geschaut. Mia war ein Wrack. Körperlich und seelisch. Es war höchste Zeit, dass etwas passierte.

Dieses Etwas ließ nicht lange auf sich warten. Nach den für Paul und seine Eltern unerträglichen sechs Wochen, in denen die Mahmuds Mias Abwärtsspirale hilflos mit ansehen mussten, brach das Mädchen endlich - wenn auch nicht ganz freiwillig - sein Schweigen. Kein anderer als Ayman war der Auslöser dafür. Er, als Familienvorstand, hielt es für seine Pflicht, die Reißleine zu ziehen. Nach dem Abendessen, es war am Abend vor dem Krisengespräch am herbstlichen Oktobersonntagnachmittag im Wintergarten, ergriff Pauls Vater sehr ernst und mit erhobener Stimme das Wort. Mia hatte gerade kleinlaut gebeten nach Oben zum Lernen gehen zu dürfen, nachdem sie wieder einmal nichts gegessen hatte. Nicht einmal das vor ihr auf dem Teller liegende Leberwurstbrot. Im Sommer wäre keines dieser Streichwurstbrote vor ihr sicher gewesen. Mia liebte Leberwurst. Sie war verrückt danach. Jetzt hatte ihr Paul liebevoll ein Schnittchen gestrichen und einen Herzensgruß mit der Messerspitze in die weiche Streichwurst eingraviert. Er dekorierte das Wurstbrot mit zwei Cherrytomatenhälften und zupfte ein paar Frischkräuter von Renates Küchenkräutern auf dem Fensterbrett in der Küche darauf. Doch das kleine, kulinarische Kunstwerk blieb von dem Mädchen unbeachtet auf dem Teller liegen.

"Du wirst heute hier sitzen bleiben, junge Lady, und dir anhören, was ich zu sagen habe", befahl Ayman in einem Ton, in dem er bislang noch nie zu ihr gesprochen hatte und der keine Widerrede erlaubte. Dabei stieß er seinen Teller mit dem Besteck darauf von sich weg in Richtung Tischmitte, wo er scheppernd gegen den Brotkorb prallte. Nur Renate, die Ayman am besten kannte, bemerkte das leichte Zittern in der Stimme ihres Gatten, welches dessen höchste Aufgeregtheit und Anspannung verriet. Mia fuhr erschrocken zusammen und blickte ängstlich zu dem neben ihr sitzenden Paul. "Dein Paul wird dir aus dieser Situation nicht heraus helfen können, Tochter", attackierte der Hausherr prompt und unnachgiebig. Mia zog, völlig aus der Fassung gebracht, ihre Beine auf den Stuhl hoch, umarmte ihre Knie und versteckte verzweifelt ihr Gesicht hinter diesen. "Ich hätte gerne, dass du mich anschaust, wenn ich mit dir rede und eine entsprechende Haltung annimmst", insistierte Ayman herrisch. Mia zuckte erneut zusammen und kam der Aufforderung von 'Papa' umgehend nach. "Papa!", mischte sich Paul ein, entsetzt über die scharfen Worte seines Vaters, kam aber nicht weit, denn Ayman verbot ihm mit seiner väterlichen Autorität, bestehend aus einer einzigen Armbewegung, barsch das Wort. Paul wollte dagegen rebellieren, doch seine Mutter Renate legte ihm ihre Hand auf seinen Unterarm und in ihrem beschwörenden Blick konnte Paul lesen, dass er jetzt besser klein beigebe, denn Ayman wisse schon, was er tue. Zum Besten von Mia.

"Tochter", begann Ayman seine Ansage, "hier sitzen drei Menschen, die dich über alles lieben." Er hielt inne und wischte sich irritiert mit der linken Hand über das Gesicht, so als hätte er eine Spinnwebe darin kleben. "Vor sechs Wochen hat die Schule begonnen und seit dieser Zeit müssen wir Drei dabei zusehen, wie du von Tag zu Tag mehr zu Grunde gehst. Allen voran Paul, aber auch Renate und ich haben dir immer wieder Brücken gebaut und dir die Hand gereicht, um dir zu helfen. Du hast uns aber jedes Mal die kalte Schulter gezeigt und deinen Mund nicht aufgemacht oder uns mit billigen Ausreden abgespeist. Paul reißt sich - auf Deutsch gesagt - den Arsch auf, um dich auf andere Gedanken zu bringen. Und wie reagierst du? Kannst du dir nur im Ansatz ausmalen, welche Sorgen er, sowie meine Frau und ich uns Tag und Nacht um dich machen? Schau doch 'mal in den Spiegel, wie krank und fertig du aussiehst! Du bist nur noch ein Schatten deiner selbst. Ist dir klar, dass wir rund um die Uhr einzig und allein nur noch mit den Gedanken beschäftigt sind: 'Was fehlt Mia?', 'Was ist mit Mia?' und 'Wie können wir Mia helfen?' Und nebenbei haben wir, ob du es glaubst oder nicht, meine Liebe, auch unsere eigenen Probleme. Größere, als du dir vielleicht vorstellen kannst. Mädchen, ich sag's dir ehrlich ins Gesicht; auf die letzten sechs Wochen hätte ich gerne verzichten können. Und ich glaube, ich spreche da auch für meine Frau und für Paul."

Mia starrte Ayman gelähmt und wie benommen in die Augen. Sie weinte lautlos und dicke Tränen rannen ihr über die Wangen, tropften auf ihr hellgraues T-Shirt, auf dem sie deutlich sichtbare, dunkle Wasserflecken hinterließen. Draußen prasselte eisigkalter Herbstregen an das Küchenfenster. "Deine Tränen helfen dir dieses Mal nicht aus der Misere, Fräulein." Ayman erhob sich von seinem Stuhl und schritt, emotional heftig aufgewühlt, wie ein Tiger im Käfig, in der Küche auf und ab. Dann blieb er knapp vor dem sitzenden Mädchen stehen und senkte seinen Kopf auf die Höhe des Ihrigen. Mit wenigen Zentimetern Abstand von Gesicht zu Gesicht klagte er wütend an: "Mia, so geht man mit Menschen nicht um, die man angeblich liebt." Bei dem Wort 'angeblich' schien Mia wie vom Blitz getroffen. Ihr Körper bebte heftig und ihre Lippen begannen zu zittern. Sie stammelte und suchte nach Worten, doch Ayman ließ ihr für eine Rechtfertigung keine Zeit: "Ich mache es kurz" und er baute sich Furcht einflößend vor Mia auf. "Als Vorstand dieses Haushalts verlange ich, dass unter meinem Dach Frieden herrscht. Das war bei den Mahmuds schon immer so und wird auch, solange ich atme, so bleiben. Friede bedeutet auch, dass man offen und ehrlich zueinander ist, Freude und Leid miteinander teilt. Ich erlaube nicht, dass jemand seine eigene Suppe kocht. Entweder sind wir eine Familie, oder nicht. Dann aber mit allen Konsequenzen, meine Liebe."

Er wendete sich von dem Mädchen ab und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, sodass die Gläser klirrten und das auf den Tellern liegende Besteck schepperte. Mia fuhr wie vom Donner gerührt in sich zusammen und auch Renate und Paul schreckten auf. "Papa! Beruhige dich doch!", versuchte Paul seinen Vater zu beschwichtigen und auch Renate wollte etwas sagen, doch Ayman hatte sich in Rage geredet und nahm die Worte seines Sohnes bzw. die Reaktion seiner Frau gar nicht wahr. Auf Mia eingeschossen fuhr er verbittert fort: "Fräulein, du bist volljährig und damit alt genug über dein Handeln selbst zu bestimmen und die entsprechenden Folgen zu tragen. Ich setze dir ein Ultimatum bis morgen Abend. Du hast 24 Stunden Zeit dich zu entscheiden, ob du den Mund aufmachen willst und endlich auspackst, oder nicht. Wenn nicht, dann kannst du am Montag deine Koffer packen und hast unter meinem Dach nichts mehr verloren!"

Mia riss die Augen, von schierem Entsetzen erfüllt, weit auf. Endlose Sekunden herrschte absolute Stille in der Küche und nichts geschah. Nur das Ticken des Sekundenzeigers der Küchenuhr war zu hören. Keiner wagte eine Bewegung. Mias Blick versuchte niemanden der Anwesenden zu treffen, sondern fokussierte den Herbstregen, der windgepeitscht auf das Küchenfenster prasselte. Das Geräusch schwoll in ihrem Kopf zum Trommelfeuer. Gleichzeitig rauschte das Blut in ihren Schläfen. Mia liebte Käse. Doch jetzt wirkte der Geruch, den die auf dem Tisch stehende, halbleere Käseplatte ausströmte, wie eine chemische Gift-Keule auf die Texanerin. Das Mädchen versuchte zu schluckten, brachte stattdessen jedoch nur ein Würgen zustande und hatte offensichtlich große Mühe nach Luft zu schnappen. Mia war kotzübel. Zudem schien der Boden in ihrer Wahrnehmung unter ihr wegzubrechen. Wie von der Tarantel gestochen schnellte die junge Frau von ihrem Stuhl hoch, rannte die Treppe nach oben und suchte Zuflucht in ihrem Bett. Paul folgte ihr auf den Fuß.

"Na das hast du ja toll hingekriegt", schalt Renate ihren Mann, der wie in Trance vor sich hinstarrte und murmelte, "das Letzte wollte ich nicht sagen. Das wollte ich wirklich nicht sagen." "Dann schau' wie du den Scherbenhaufen wieder in Ordnung bringst", schimpfte Renate und machte sich daran die Küche zu putzen, in der es Garnichts zu putzen gab. Ayman seinerseits ließ sich erschöpft und geknickt auf seinem Stuhl nieder und verbarg sein Gesicht in den Händen, die Ellbogen auf dem Tisch aufgestützt.

Paul fand Mia bäuchlings auf dem Bett liegen, ihr Gesicht hatte sie in Kissen vergraben. Das Mädchen weinte sich die Seele aus dem Leib. Paul legte sich daneben und umarmte sanft und schweigend die Unglückliche. Es dauerte eine lange Zeit, bis sich Mia ein wenig beruhigt hatte und wieder sprechen konnte. Dann rappelte sie sich hoch und setzte sich auf. Paul tat es ihr gleich.

"Ayman hasst mich!", flennte sie und japste nach Luft. "Papa hasst dich nicht. Ganz im Gegenteil. Er liebt dich als wärst du seine eigene Tochter. Er ist nur außer sich vor Sorge. Und ich kann es ihm gut nachfühlen. Mia, sprich endlich zu uns. Liebes, bitte!" Mia griff nach Pauls Händen und begann zunächst langsam und zögerlich, danach gefestigter und mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch zu erzählen. Aymans ruppige Ansage hatte einen Dammbruch herbeigeführt und jetzt sprudelten die Worte aus dem Mädchen heraus. Endlich offenbarte Mia die Probleme, die sie jetzt nicht mehr länger mit sich alleine herum tragen konnte und wollte. Paul fiel ein Stein vom Herzen, auch wenn er noch nicht wusste, wie er mit Mias Notlage umzugehen hätte.

Am nächsten Morgen erschien Mia nicht in der Küche und wollte auch nicht, dass Paul ihr einen Kaffee hoch bringe. Derweil suchte sie in ihrem Bett Zuflucht vor der Realität. "Mia und ich möchten nach dem Mittagessen mit euch reden", verkündete Paul stellvertretend und bat seinen Vater mit Mia nicht zu hart ins Gericht zu gehen. "Mia hat in den letzten sechs Wochen die absolute Hölle durchgemacht. Aber das soll sie euch selber erzählen." Auch dem Mittagessen blieb das Mädchen fern. Keiner hatte heute richtig Appetit, nicht einmal Ayman, was etwas heißen wollte. Nachdem Renate mit Pauls Hilfe den Essenstisch abgeräumt hatte ging sie mit Ayman, der sehr bedrückt wirkte, in den Wintergarten. "Ich hole Mia", verkündete Paul und machte sich auf den Weg in den ersten Stock. "Bringen wir es hinter uns", motivierte er seine Freundin und drückte sie, als könne er ihr so Kraft für den schwierigen Gang einflößen. "Ich bin ganz nah bei dir." Mia seufzte in der Tradition des Walkabouts: "Pack ma's!"

"Jetzt wird mir einiges klar", beurteilte Renate Mias Aussage mit nachdenklichem Blick hinaus in das Grau des Herbsttags. "Es ist also nicht dein Gespräch mit Floyd die Ursache deiner Niedergeschlagenheit am ersten Schultag und die sechs Wochen danach gewesen." Mia nickte. "Seit wann geht denn das Mobbing schon so, Kind?", fragte Renate besorgt. Mia schluchzte: "Seit Paul im Sommer sein Abi in der Tasche gehabt hat und wir nicht mehr gemeinsam in die Schule gegangen sind. Vor ihm haben sie Respekt gehabt. Sie haben zwar immer hinter unseren Rücken getuschelt, aber niemand hat es gewagt mich zu beleidigen. Auch nicht im Unterricht, wenn Paul in seiner und ich in meiner Klasse gewesen sind."

"Warum habe ich davon nichts mitbekommen", schalt sich Paul und wirkte verzweifelt. "Als dein Beschützer habe ich komplett versagt." "Du hast nicht versagt", widersprach seine Freundin und meinte es sei ihre Schuld, da sie bewusst nichts von den Vorfällen daheim erzählt habe. "Ich habe gedacht, das hört schon wieder auf. Wahrscheinlich bin ich selber schuld, weil ich irgendetwas falsch mache, weil ich anders als die anderen bin, schließlich bin ich Ausländerin. Und außerdem ist das Ende des Schuljahres bereits abzusehen gewesen. Ich habe mich mit der Vorfreude auf unseren Walkabout über Wasser gehalten und habe versucht, die Tussies damit aus meinem Kopf zu verdrängen. Das ist mir auch einigermaßen gelungen. Aber mit dem Beginn des neuen Schuljahres ist alles noch schlimmer geworden. Ich kann nicht mehr." Mia verbarg ihr Gesicht in ihren Händen.

"Das habe ich gestern beim Bogenschießen bemerkt", schaltete sich Ayman mit sanfter Stimme erstmals in das Gespräch ein. "Ich habe meine Tochter nicht wiedererkannt. Vor lauter Niedergeschlagenheit hast du kaum einmal die Scheibe getroffen. Was glaubst du, warum dich die Tussies, wie du sie genannt hast, mobben?", wollte Ayman wissen. Mia überlegte einen Moment und blickte dann mit verweinten Augen auf. "Aus Neid, aus nichts anderem als blankem Neid", antwortete sie schließlich. "Das beginnt bei Paul. Ich habe gesehen, wie ihn die anderen Mädchen angehimmelt haben, doch mein Paul hat immer nur Augen für mich gehabt. Dann kommt verstärkend dazu, dass die Jungs an der Schule nur noch mir nachgestarrt haben, nicht mehr den Hexen. Ich kann doch nichts dafür, dass ich einigermaßen gut aussehe." "Einigermaßen gut ist wohl mächtig untertrieben", protestierte Paul und zauberte das erste schwache Lächeln seit einer geraumen Weile auf Mias Gesicht. Mia fuhr fort Aymans Frage zu beantworten: "Außerdem habe ich ausgezeichnete Noten - im Gegensatz zu den Tussies - und das, obwohl Deutsch nicht meine Muttersprache ist." "Du bist fleißig und lernst wie besessen", ergänzte Renate, "mit Recht hast du gute Noten."