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Die Entdeckung des Selbst: Ein ungeschriebenes Kapitel der Frauenbewegung. In den 1890er Jahren entsteht in München eine Frauenbewegung, die das Fenster zur Moderne aufstößt. Neue Rollen von Frau und Mann werden ausgetestet, neue Formen der Sexualität gelebt. Im Zentrum stehen Künstlerinnen, die sich von Naturalismus und Jugendstil inspirieren lassen und wirkungsvoll an die Öffentlichkeit treten. Sie vernetzen sich deutschlandweit – auch mit progressiven Männern – und kämpfen für Selbstbestimmung und Unabhängigkeit. »Es lebe die Freiheit … wir schaffen uns selber unser Recht.« Ingvild Richardsen stellt die Protagonistinnen dieses euphorischen Aufbruchs vor und erzählt ein zentrales Kapitel deutscher Emanzipationsgeschichte.
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Seitenzahl: 395
Veröffentlichungsjahr: 2019
Ingvild Richardsen
Wie Frauen die Welt veränderten
Ankunft in München: Gabriele Reuter erlebt 1890 eine Stadt im Aufbruch. Sie trifft auf Frauen mit schönen Jünglingsköpfen, sie lernt die Autorin Emma Merk und die Frauenrechtlerin Anita Augspurg kennen, die mit ihrer Freundin Sophia Goudstikker ein Fotostudio besitzt.
Hier entsteht eine Frauenbewegung, die das Fenster zur Moderne aufstößt. Weg mit dem Mief des Wilhelminismus! Neue Rollen von Frau und Mann werden ausgetestet, neue Lebensmodelle und neue Formen der Sexualität gelebt.
Im Zentrum stehen Künstlerinnen und Bestsellerautorinnen, die ihre progressiven Ideen europaweit verbreiten. Auf dem ersten Frauenkongress werden 1899 Forderungen für die Zukunft formuliert – sie bleiben gültig bis heute.
Zum ersten Mal erzählt Ingvild Richardsen in ihrem Buch diese aufregende Geschichte eines vergessenen Kapitels deutscher Emanzipationsbewegung.
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Erschienen bei FISCHER E-Books
© 2019 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung: KOSMOS Visuelle Kommunikation
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Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-491107-6
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[Motto]
1. »Und plötzlich wußte ich, wozu ich auf der Welt war«
2. Rückblende: Wie alles anfing
Anita Augspurg und Sophia Goudstikker – Träume von einem Leben als Künstlerin
Ab nach München
Zwei Fotografinnen im Männerberuf
1889: Das Fotoatelier Elvira wird zur Keimzelle der Frauenbewegung
Naturalismus und Moderne: Die Rolle der Literatur
3. 1890: »Eine freie Bühne für das moderne Leben schlagen wir auf«
Emma Merk: Carpe diem!
4. 1891: Revolution mit der Literatur
Anita Augspurg: Literatur und Agitation
Elsa Bernstein: Wir Drei
5. 1892: Auf dem Weg zu sich selbst
Der Kampf für die Bildung von Mädchen und Frauen
Schicksalsschlag für Carry Brachvogel
August Endell – zwischen Wissenschaft und Kunst
6. 1893: Die herkömmliche und die moderne Frau
Evas Töchter
Elsa Bernstein: Dämmerung
Berlin: Max Halbes Jugend und Friedrichshagener Kreis
Eröffnung des ersten Mädchengymnasiums in Karlsruhe
Anita Augspurgs Aufbruch nach Zürich
Ernst von Wolzogen entdeckt das Tier im Menschen
7. 1894: Kampf für das Recht der Frau
S. Fischer als Verlag der Frauenbewegung: Irma Troll-Borostyáni und Elsa Bernstein
Die Gründung des BDF in Berlin – Anita Augspurgs Verhältnis zur Sozialdemokratie
Carry Brachvogel: Endlich am Münchner Siegestor – der Beginn einer kometenhaften Karriere
Die Gründung der Gesellschaft für geistige Interessen der Frau
Anita Augspurg beim Jurastudium in Zürich
Sophia Goudstikker, das Fotoatelier Elvira und die Frauenfotografie
Der Bildhauer und Visionär Hermann Obrist kommt nach München
8. 1895: Das Recht auf Freiheit, Persönlichkeit und Selbstbestimmung
Die moderne Schriftstellerin
München 1895
Anita Augspurg: Der Kampf für das Recht der Ehefrau
Der Kampf für die Erwerbstätigkeit der Frauen
Zur Revolution mit der Feder
Carry Brachvogel: Alltagsmenschen
Aus guter Familie: Gabriele Reuters Erfolg und ihre Rückkehr nach München
Das Recht auf Persönlichkeit und Freiheit: Gabriele Reuter und Adine Gemberg
9. 1896: Die Münchner Frauenbewegung und der Jugendstil
Der Naturalismus findet einen neuen Ausdruck
Anita Augspurg gibt den Vorsitz der Gesellschaft auf
Agitation gegen den Entwurf des Bürgerlichen Gesetzbuches
Hermann Obrist und August Endell lernen sich im Münchner Frauenverein kennen
Emmy von Egidy: Künstlerische Ausbildung bei Hermann Obrist
Zwei neue Zeitschriften: Simplicissimus und Die Jugend
10. 1897: Die erste promovierte Juristin Deutschlands
Die Mitglieder der Münchner Emanzipationsbewegung: Frauen und Männer
Ein Auftrag für das Atelier Elvira: Anita Augspurg, Sophia Goudstikker und August Endell
Die erste promovierte Juristin Deutschlands
Carry Brachvogel erntet
Blick auf Marie Haushofer und Emma Merk
11. 1898: Das Fotoatelier Elvira im Zeichen des Jugendstils
Eine Rechtsschutzstelle für Frauen
Die Fassade des Ateliers Elvira: ein Symbol für die Münchner Frauenbewegung
Reaktionen zum Jugendstilornament auf der Elvira-Fassade
Der Neugestaltung als Programm und Signal
Sophia Goudstikker: Die erste königlich-bayerische Hoffotografin
Das Doppeltalent: Emmy von Egidy als Schriftstellerin und Jugendstilkünstlerin
Blick auf Gabriele Reuter und ihren Roman Frau Bürgelins Söhne
12. 1899: Der Bayerische Frauentag
Zur Vervielfältigung der Frauenbilder am Ende des Jahrhunderts
Der erste bayerische Frauentag 1899 in München
Der Festabend des Ersten bayerischen Frauentages
Einordnung von Marie Haushofers Festspiel
Ablehnende Reaktionen: Ludwig Thoma und Franziska zu Reventlow
Der Bruch von 1933 – Was die Nationalsozialisten vernichten
Literaturverzeichnis
Bildnachweis
Danksagung
»Modern sein heißt für die Frau ein eigenes Gesetz in der Brust tragen, dessen Erfüllung ihr vielleicht nicht banales Glück, gewiß aber das Glück der Erdenkinder gewährt: die Persönlichkeit.«
Carry Brachvogel
– Gabriele Reuter –
Anfang 1891 betritt die knapp zweiunddreißigjährige Gabriele Reuter das beliebte Ausflugslokal Isarlust in München, das auf der Praterinsel inmitten der Isar liegt. Hier wird sie endlich die vielen Leute aus der Kunstwelt sehen, von denen so viel die Rede war, hier trifft sich heute die Münchner Moderne. Lange Tafeln, schäumende Bierseidel, einige bekannte Gesichter, mittendrin das Löwenhaupt von Michael Georg Conrad, der Hauptperson des Anlasses. Allerhand merkwürdige Gestalten, am Nebentisch »interessierten mich ein paar Frauengestalten in männlich geschnittener Kleidung mit schönen ausdrucksvollen Jünglingsköpfen: die Frauenrechtlerin Anita Augsburg und Sophia Goudstikker, die temperamentvolle Besitzerin des Ateliers Elvira für künstlerisches Lichtbild«.
Gabriele Reuter setzt sich an einen großen Tisch mit einer »bunt zusammengewürfelten Gesellschaft junger Leute«, neben ihr ein Apothekertöchterlein aus Boblingen, das unruhig umherschaut. »Ach, mir ischt so angst, ob’s meinen Eltern recht ist, daß ich hierhergegangen bin! Das ischt alles arg sonderbar!« Ja, warum sie denn überhaupt hierhergekommen sei? »Ja – wissens – ich möchte doch als ’en Doktor heiraten – weil meine Schwester einen Apotheker hat.« Und warum sucht sie den ausgerechnet hier? »Hier gäb’s so viel Doktoren!«
Inzwischen steht Michael Georg Conrad auf dem Podium – goldene Lockenmähne, wehender Bart – und brüllt das Programm für eine neue Gesellschaft in den Saal, eine Oppositionsbewegung, neue Zeiten werden ausgerufen. Das Publikum tobt und dröhnt. »Ein kleiner, kohlschwarzer Jude mir gegenüber geriet in einen Paroxismus der Begeisterung, indem er wild mit seinem Bierseidel auf den Tisch haute und dazu schrie: ›Das Germanische an der Sache begeistert mich so! Das Germanische soll leben!‹ Das Apothekerstöchterlein faßte hilfesuchend nach meiner Hand. ›Ich möcht’ heim! Meinen Eltern wär’s nit recht, wenn sie mich hier sehen täten!‹«
Es folgt eine Rede nach der anderen, die Stimmung spitzt sich zu, wird hitzig, kampflustiger. Applaus, Pfiffe, Gelächter und Pfuirufe wechseln sich ab. »Nun kam Gumppenberg und deklamierte vom Podium herunter eine Reihe von parodistischen Versen, höhnisch bittere Angriffe auf alle anerkannten Münchener Größen in Wissenschaft, Kunst und Literatur. Da brach der Sturm los. Ein Lärm ohnegleichen tobte durch den Saal. Die beiden schönen weiblichen Jünglingsköpfe hinter mir zischten wie die Klapperschlangen. Bierseidel wurden durch die Lüfte geschwungen, Stuhlbeine dienten als Waffen im Kampf der Geister. Und die Apothekerstochter aus Boblingen krampfte sich an meinen Arm und jammerte weinend: ›Wenn das meine Eltern wüssten! Ach, wenn mich nur kein Herr aus Boblingen hier sieht!‹ In diesem wilden Aufruhr erklärte Conrad die Gründung der Gesellschaft für modernes Leben als vollendet.«[1]
Staunend und voller Belustigung wohnt Gabriele Reuter der Gründungssitzung der Gesellschaft für modernes Leben bei, die vereinsrechtlich schon im Dezember des Vorjahres eingetragen wurde.[2] Diese Gesellschaft trat unverhohlen für einen neuen Menschen und eine neue Sittlichkeit ein, in der Satzung hält sie als ihren Zweck fest: »Pflege und Verbreitung modernen schöpferischen Geistes auf allen Gebieten: Soziales Leben, Kunst, Literatur und Wissenschaft.«[3] Ihr Gründer, der Schriftsteller Michael Georg Conrad (1846–1927), begeistert sich für Émile Zola und den Naturalismus – er wird auch »der Zola Münchens« genannt. Conrad ist es, der aus einer »Stadt der alten Herren«, die München bis dahin war, »einen Standort von ›Stürmern und Drängern‹ machte«, wie es der Schriftsteller René Prévot rückblickend beschreibt.[4]
Die beiden Frauen mit den schönen Jünglingsköpfen, die sich in temperamentvoller Anteilnahme am Geschehen beteiligen, sind Anita Augspurg, 32 Jahre alt, und Sophia Goudstikker, 25 Jahre alt. Erst vor vier Jahren sind sie nach München gezogen und haben hier das Fotoatelier Elvira eröffnet, das sich längst einen Namen gemacht hat. Vor über einem Jahr haben beide Frauen angefangen, sich in der organisierten Frauenbewegung zu engagieren. Zu dem Kreis der Schriftsteller um Michael Georg Conrad stehen sie bereits in engem Kontakt, denn der sieht die Frau nicht nur »als einen Kulturfaktor ersten Ranges an«, sondern seine Gesellschaft will auch über ideologische Verfehlungen und gesellschaftliche Missstände aufklären, auch die »Frauenfrage« betreffend.[5]
Und Gabriele Reuter lässt sich mitreißen, sie fiebert mit und lässt sich anstecken von der Aufbruchsstimmung. Sie will schreiben, aber was? Über das Elend des Proletariats? Da kennt sie sich nicht aus. Flammende Reden halten? Das kann sie nicht. »Und plötzlich wußte ich, wozu ich auf der Welt war –: zu künden, was Mädchen und Frauen schweigend litten.« Ihr Thema soll das Mädchen in der bürgerlichen Familie sein, die stereotype Erziehung zur Unterwürfigkeit – »die stumme Tragik des Alltags wollte ich künden – sie, an der Tausende von blühenden Geschöpfen zugrunde gingen, ohne noch von einem Poeten verherrlicht worden zu sein.«[6] In nur fünf Jahren wird sie ein Buch veröffentlichen, das zu einem der größten Bestseller der Zeit werden, das von heute auf morgen zum Kultbuch der Frauenbewegung avancieren wird: Aus guter Familie.
Ein halbes Jahr zuvor, im Herbst 1890, traf Gabriele Reuter, aus Weimar kommend, in München ein. Sie wollte sich aus der familiären Situation befreien, der ständigen Beobachtung von Tanten und Onkel entfliehen. Sie hatte die Enge satt gehabt und entschloss sich zum Boheme- und Wanderleben. Leider ließ sich auch die Mutter von dem Aufbruch anstecken und begleitete die Tochter, zumal zu wenig Geld vorhanden war, um getrennt zu leben. »Mir kam’s auch auf die innere Befreiung an. Die konnte ich mir neben der stillen Mutter schon erringen«, dazu hatte sich Gabriele entschlossen. Doch wohin soll’s gehen? »München ist immer das Ziel der ›Befreiten‹. Es war auch das unsere.«[7]
Gabriele Reuter, München 1896
Sie fanden Quartier, ernährten sich kläglich und amüsierten sich jeden Tag über die schräge Gesellschaft. Museen, Oktoberfest – das ganze Programm. Bei ihrem ersten Aufenthalt macht Gabriele Reuter gleich einige Bekanntschaften. Darunter als eine der ersten die Münchner Schriftstellerin Emma Merk. Sie lädt Gabriele zunächst zu ihrem »Jour« ein, in dem es so richtig »münchnerisch« zugeht. Hier lernt Gabriele Reuter rasch weitere Freunde und Bekannte Emma Merks kennen, darunter den Dichter und Volkswirtschaftler Max Haushofer, seine Tochter Marie und die Romanschriftstellerin Carry Brachvogel.
Emma Merk, die aus einer alten Münchner Künstler- und Bürgerfamilie stammt, ist damals 36 Jahre alt. Sie, die in Münchens Künstlerkreisen und in den Künstlerkolonien auf der Fraueninsel und in Brannenburg groß geworden ist, kennt Gott und die Welt. Seit sie zwanzig ist, veröffentlicht sie Novellen und Romane, in denen sie die Beziehungen zwischen Mann und Frau schildert und ihren Lesern immer wieder auch das alte München vor Augen führt. Sie ist unverheiratet, kinderlos, hat einige Beziehungen hinter sich, aber seit vier Jahren ein mehr oder weniger festes Verhältnis mit dem vierzehn Jahre älteren Max Haushofer, dem Vater dreier Kinder, Witwer, dem bekannten Dichter und in ganz Deutschland berühmten Professor für Volkswirtschaft. Auch er stammt aus einer bekannten Künstlerfamilie. Sein Vater ist der Landschaftsmaler Maximilian Haushofer, der auf der Fraueninsel im Chiemsee um 1840 eine Künstlerkolonie gegründet hat, die gerade in voller Blüte steht und die man damals in ganz Europa kennt, wie die überlieferten Künstlerchroniken noch heute zeigen. Immer wieder halten sich Emma Merk, Max Haushofer und seine achtzehnjährige Tochter auf der Insel auf, um sich zu erholen, aber auch um zu schreiben. Die junge Marie Haushofer hat ein eigenes Atelier in der Wohnung ihres Vaters, arbeitet als Malerin, porträtiert, kopiert aber auch Gemälde aus der Alten Pinakothek, um damit Geld zu verdienen. Doch sie dichtet und schauspielert auch etwas und begleitet ihren Vater oftmals auf seinen Vortragsreisen im ganzen deutschen Reich. Carry Brachvogel, ehemals Karoline Hellmann, stammt aus einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie des Münchner Großbürgertums, ist damals 26 Jahre und seit drei Jahren mit Wolfgang Brachvogel verheiratet, einem katholischen Münchner Schriftsteller, der Redakteur der Münchner Neuesten Nachrichten ist. Mit ihm hat sie zwei kleine Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Auch sie schreibt, veröffentlicht immer mal wieder Erzählungen und Feuilletons in Zeitungen und Zeitschriften. Bereits mit neunzehn Jahren hat sie einen Entwurf für einen Roman verfasst, in dem sie die Gleichheit von Mann und Frau in der Ehe eingefordert hat. Außerdem liebt Carry Brachvogel das Theater über alles.
Emma Merk nimmt Gabriele Reuter unter ihre Fittiche, zieht sie weiter in die Künstlerkreise hinein, ins angesagte Café Isarlust, wo sich die Schriftstellerszene trifft. Hier lernt Gabriele Reuter literarische Größen wie Amélie Godin oder Willhelmine von Hillern kennen, die Verfasserin der Geyer-Wally, und hier hört sie zum ersten Mal von den französischen Naturalisten. Sie liest den ganzen Zola, liest Maupassant und Flauberts Madame Bovary »und sonst noch vieles, das ich vor meiner Mutter sorgsam verbarg«.[8]
Ins Café Isarlust führt sie auch ihre Neugier, als Michael Georg Conrad seinen berühmten Auftritt hat – das wollte sie sich doch nicht entgehen lassen. Und tatsächlich, es ist, als hätte sie einen historischen Moment miterlebt, als wäre mit der Gründung der Gesellschaft für modernes Leben eine Schallmauer durchbrochen und die Tür zur Moderne aufgestoßen worden.
Als Gabriele Reuter 1890 in München eintrifft, kommt sie in eine Stadt, die gerade den Aufbruch in die Moderne begonnen hat. »München leuchtete.« Mit diesem Eingangssatz hat Thomas Mann in seiner Novelle Gladius Dei das München dieser Jahre beschrieben, die besondere Atmosphäre und Energie, die damals über München lag. In den 1890er Jahren ist München die Stadt der Superlative, die Stadt der Stars, die Stadt kometenhafter Karrieren. Berühmte Zeitschriften wie der Simplicissimus oder die Jugend werden hier gegründet, hier wird der deutsche Jugendstil geboren. In keiner anderen Stadt gibt es so viele Skandale wie in München, hier toben die Kämpfe um die Moderne am intensivsten. Gleichsam stellvertretend für Deutschland findet hier die Befreiung von den engen Sitten und Gebräuchen des Wilhelminischen Kaiserreiches statt. Von hier aus wird provoziert, erfolgen die meisten Angriffe. Nicht nur durch literarische, künstlerische und architektonische Werke, sondern auch durch die neuen Lebensentwürfe, die in diesem Jahrzehnt in München gelebt und zur Schau gestellt werden. Völlig neue Rollen als Mann und Frau werden ausgetestet, neue Formen des Zusammenlebens ausprobiert, neue Formen der Sexualität und Erotik gelebt. In diesem Jahrzehnt werden hier in nahezu jeder Hinsicht die Fenster zur Moderne aufgestoßen. Tatsächlich findet in München der Aufbruch zum neuen Menschen statt. Und dies auch in Hinsicht auf die Frau und die Frauenbewegung.
Am Ende des 19. Jahrhunderts ist München nicht nur zur zweiten Metropole des Reichs aufgestiegen, sondern auch zu einer der bedeutendsten Kunstmetropolen Europas geworden. Und bisher so gut wie unbekannt: 1899 steht die Stadt auch als das Flaggschiff der modernen Frauenbewegung da, als ein Leuchtturm der deutschen Emanzipation, als eine Stadt moderner, emanzipierter Frauen, die viel Ähnlichkeit mit heutigen modernen Frauen aufweisen. In den 1890er Jahren entwickelt sich hier eine Frauenbewegung, die es im ganzen deutschen Reich sonst nirgendwo gibt: einzigartig, ungewöhnlich und heute völlig vergessen.
Die moderne Frauenbewegung, die zuerst von Leipzig ausging und seit 1865 agiert, erlebt in Deutschland in den 1890er Jahren generell einen großen Aufschwung. Dies betrifft sowohl die bürgerlichen Frauenvereine als auch die Frauenorganisationen innerhalb der Sozialdemokratie. In diesen Jahren kommt es aber auch zur endgültigen Spaltung der beiden Richtungen und zur weiteren Ausdifferenzierung der bürgerlichen Bewegung in einen gemäßigten und radikalen Flügel. In München kommt vor allem die bürgerliche Frauenbewegung zu großer Entfaltung, und zwar, dies ist eine Besonderheit und deutliches Alleinstellungsmerkmal, in enger Verbindung mit der Kunst- und Literaturszene sowie im Verbund mit einigen progressiven Männern.
Es ist ein ungeschriebenes Kapitel der deutschen Frauenbewegung, das erstmals in diesem Buch zusammenhängend erzählt wird. »Starke Temperamente, künstlerische Naturen, warme leidenschaftliche Herzen, feurige Seelen – eine lebendige bewegte Aufbruchsstimmung voll Kraft, Humor, Geist und Geschmack. Eine temperamentvolle Emanzipation voll Herzensanteil, ein tapferes und zugleich frohes Erschaffen neuer Lebensformen.« So charakterisiert Gertrud Bäumer, eine der führenden Gestalten der bürgerlichen Frauenbewegung in Deutschland, 1933 rückblickend den Münchner Kreis in den 1890er Jahren.[9]
– Anita Augspurg und Sophia Goudstikker –
Blicken wir ein paar Jahre zurück, ins Jahr 1886, als zwei junge Frauen aus Dresden in die bayerische Residenzstadt ziehen: Anita Augspurg und Sophia Goudstikker. Sie beziehen gemeinsam eine Wohnung und lassen sich den Winter über in einem der besten fotografischen Ateliers der Stadt ausbilden. Was hat es damit auf sich?
Anita Augspurg wird am 22. September 1857 in Verden an der Aller (Niedersachsen) als jüngstes von fünf Kindern des Hannoveraner Obergerichtanwaltes Wilhelm Augspurg und seiner Ehefrau Auguste Langenbeck geboren.[1] Sie stammt aus dem wohlhabenden und liberalen Bildungsbürgertum, seit Generationen sind die Vorfahren ihrer Eltern Juristen, Theologen und Mediziner. Anita Augspurg gilt als ein phantasiebegabtes, verträumtes und ausgesprochen intelligentes Kind. Sie beschäftigt sich lieber allein als mit Spiel- und Altersgenossen und entwickelt früh eine große Liebe zur Natur und zu den phantastischen Welten in Büchern. Bereits mit vier Jahren kann sie schreiben und lesen, was sie ihrer älteren Schwester Auguste zu verdanken hat. Tatsächlich erlernen alle Kinder der Familie Augspurg Berufe, auch die beiden älteren Schwestern, was damals keineswegs selbstverständlich ist. Schwester Auguste ist Lehrerin, führt später sogar ein Lehrinstitut in Kassel, Schwester Amalie ist Malerin. Von früher Kindheit an ist Anitas Lesepensum exzessiv. Sie liest viele Märchen, versenkt sich gern in Ritter- und Heldengeschichten und identifiziert sich vor allem mit den männlichen Helden in ihren Abenteuerbüchern. Im Zuge dessen entwickelt sie gegenüber ihrer Umwelt nicht nur einen starken Gerechtigkeitssinn, sondern auch eine sehr aufmerksame und kritische Haltung.
1864 wird Anita Augspurg in die 1839 gegründete Pensions- und Unterrichtsanstalt für Töchter in Verden eingeschult und entdeckt gegen Ende der Schulzeit das Theater, was in ihr den Wunsch weckt, Schauspielerin zu werden. Mit sechzehn schließt sie die Schule ab, und das fünfjährige Martyrium beginnt: Das »Höhere-Tochter-Spielen«, »ein Drohnen-Dasein ohne sinnvolle Betätigung«.[2] Es ist das übliche Drama der Bürger- und Adelstöchter jener Zeit. Der Tag vergeht mit etwas Beteiligung an der Hausarbeit, mit ein bisschen Sticken, Stricken, etwas Musizieren und schöngeistiger Lektüre. »Höhere-Tochter«-Sein heißt damals auch, verbannt zu sein »in die Enge des Hauses, um allen Familienmitgliedern zu dienen, allen Ausbeutungsobjekt für nichtige Dinge zu sein«. Zweck ist die Vorbereitung auf einen passenden Ehemann, in der Hoffnung, eine möglichst gute Partie zu machen und gut versorgt zu sein. »Höhere-Tochter«-Sein bedeutet auch, in die »Gesellschaft« eingeführt zu werden, Bälle zu besuchen und nach geeigneten Männern Ausschau halten.
Eine Heirat zieht Anita Augspurg zu keinem Augenblick in Erwägung, den Beruf der Hausfrau lehnt sie ab. Sie flüchtet sich in eine Doppelexistenz – »das äußerliche Leben vollzog sich völlig getrennt vom innerlichen«[3] – und unternimmt im Geheimen schriftstellerische Versuche. Als sie einundzwanzig und damit volljährig wird, geht sie nach Berlin – endlich in die große Stadt! – und lässt sich zur Lehrerin ausbilden. Sie wohnt bei zwei Musiklehrerinnen in Pension, die ihre Theaterleidenschaft unterstützen und mit Freikarten Konzert- und Theaterbesuche ermöglichen. Nach der Staatsprüfung für das Lehramt an höheren Mädchenschulen strebt Anita Augspurg das Turnlehrerinnenexamen an – alles, aber bloß nicht zurück nach Hause! Nebenbei nimmt sie längst Schauspielunterricht bei der bekannten Sängerin und Hofschauspielerin Johanna Frieb-Blumenauer. Anita Augspurg bringt gute Voraussetzungen mit: eine große Kenntnis der dramatischen Literatur, ein ausdrucksstarkes Gesicht und eine herausragend schöne, dunkle Stimme.
Anita Augspurg, Foto von R. Dürkoop, Hamburg
Als sie 1880 das Turnlehrerinnenexamen besteht, ist sie zweiundzwanzig Jahre alt und kann über ein großmütterliches Legat verfügen, das sie finanziell unabhängig macht. 1881 beendet sie im Geheimen ihre Ausbildung zur Schauspielerin und sucht nach Engagements. Sie wird an der Meininger Hofbühne engagiert und geht mit der Truppe auf Tournee. Es folgen Engagements an den Theatern in Riga und Amsterdam, am Altenburger Hoftheater und in Dresden. 1885 kehrt sie dem Theater den Rücken. Angeblich zwingt sie der Tod der Mutter 1884, sich nach einer neuen wirtschaftlichen Grundlage umzuschauen – vermutlich hat die Mutter ihrer Tochter bis dahin finanziell unterstützt –, doch das ist nicht der einzige Grund. Schon länger trägt sich Anita Augspurg mit dem Gedanken, selbst am Wandel der Dinge in Staat und Gesellschaft mitzuwirken, anstatt immer nur bereits abgelebte Ereignisse der Geschichte auf der Bühne darzustellen. Ihre drei Wünsche – künstlerischer Ausdruck, Selbständigkeit und gehobener Lebensstandard – scheinen unvereinbar zu sein. Als Anita Augspurg die Bühne verlässt, ist sie achtundzwanzig Jahre alt, mittlerweile war für sie offensichtlich geworden, »mit welchen Schranken und Sperrgittern die Lebenschancen für das weibliche Geschlecht umhegt waren«.[4] Anita Augspurg fing an, sich mit der Frauenfrage zu beschäftigen.
Vorübergehend wohnt sie bei ihrer Schwester Amalie in Dresden, wo ihr Sophia Goudstikker entgegentritt. »Diese war ein gescheites, künstlerisch begabtes und geschäftstüchtiges Mädchen.«[5] Sophia Goudstikker war Schülerin an der Malschule von Anitas Schwester und hat mit ihren einundzwanzig Jahren ein völlig anderes Leben hinter sich.
Tatsächlich wissen wir nicht viel über die Kindheit und Jugend von Sophia Goudstikker, denn anders als bei Anita Augspurg sind von ihr keine autobiographischen Zeugnisse überliefert. Einiges lässt sich trotzdem rekonstruieren.[6] Geboren wird Sophia Goudstikker am 15. Januar 1865 in Rotterdam.[7] Sie entstammt einer jüdischen Kaufmanns- und Handwerkerfamilie aus Holland, der Name »Goudstikker« geht auf ihren Großvater zurück, der 1812 diesen Namen angenommen hat, weil er mutmaßlich dem Beruf der Goldstickerei nachgegangen ist. Sein Sohn, Salomon Elias Goudstikker, Sophias Vater, wurde 1826 geboren, war als Kaufmann tätig sowie als Kunst- und Antiquitätenhändler. 1849 heiratete er die neunzehnjährige Kaufmannstochter Grietje Klisser. Das Paar bekommt insgesamt zehn Kinder, Sophia Goudstikker ist die Nummer sieben. Nach ihrer Geburt zieht die Familie nach Deutschland, zuerst nach Hamburg, später nach Dresden, wo Salomon Elias Goudstikker am 4. September 1879 in die israelitische Religionsgemeinde aufgenommen wird. In einer Annonce, die am 17. September 1879 im Dresdner Anzeiger abgedruckt ist, macht er Werbung für seine Verkaufsausstellung holländischer Gemälde.[8]
1886 verlässt Sophias Vater Dresden, sein Weg führt über Hamburg nach Paris und Amsterdam, wo er ein Jahr später stirbt. Weder seine Frau noch seine Töchter sind ihm gefolgt, wahrscheinlich war sein Weggang aus Dresden auch das Finale eines nicht mehr glücklichen Ehe- und Familienlebens. Die damals einundzwanzigjährige Sophia Goudstikker entschließt sich zu einer Ausbildung als Malerin. Da den Frauen der Zutritt zu den staatlichen Kunstakademien nicht erlaubt war, tritt sie in die von Amalie Augspurg geleitete private Malschule in Dresden ein. Diese Malschulen galten in erster Linie dem Zeitvertreib »höherer Töchter« und waren weit verbreitet. Für Sophia Goudstikker, die sich vermutlich seit frühester Kindheit in Kreisen der Kunst und des Kunsthandels bewegt hat und deren »Schönheitssinn« später gelobt wird, war die Ausbildung allerdings ein wirkliches Anliegen. Als sie 1924 stirbt, wird es über sie heißen: »Vor allen Dingen war Sophia Goudstikker eine Künstlernatur durch und durch, ganz gleichgültig, ob sie als ausübende Künstlerin tätig geworden ist oder nicht. Wenn es je einen Menschen gab, dem Schönheit Lebensodem war, dann ist sie es.«[9]
Sophia Goudstikker
Im Umfeld der Malschule von Amalie Augspurg macht Sophia Goudstikker viele neue Bekanntschaften, darunter auch die der Schwester ihrer Kunstlehrerin: Anita Augspurg. Sie stellen schnell fest, dass sie gemeinsame Interessen und auch ähnliche Vorstellungen vom Leben haben. Wie Anita ist auch Sophia damals auf der Suche nach künstlerischer und finanzieller Eigenständigkeit. Eine Ehe kommt auch für sie nicht in Frage.
Die beiden jungen Frauen, die bald große Zuneigung zueinander empfinden, fassen gemeinsam einen Plan. Sie wollen zusammen leben und auch ihren Lebensunterhalt gemeinsam verdienen, hier entsteht die Idee, gemeinsam ein Fotostudio zu gründen. Die Fotografie war in den 1880er Jahren ein relativ neuer, ein junger Beruf, der viele Menschen anzog, die nach neuen Herausforderungen suchten. Gegenüber Frauen gab es im fotografischen Gewerbe daher auch keine traditionellen Schranken und zumindest offiziell keine Restriktionen, zumal es noch keine festgelegten Ausbildungsvorschriften gab. Die handwerklichen Voraussetzungen waren relativ schnell erlernbar. Der Beruf hatte auch den Vorteil, dass er beträchtlichen Freiraum für eine ungebundene private Lebensgestaltung bot, für die Erprobung von weiblichen Lebensformen außerhalb der Ehe, ohne patriarchalisch bestimmte Rollenfixierung.[10] Schnell beschließen die beiden Frauen, gemeinsam nach München zu gehen, um dort die Technik der Fotografie zu erlernen.
»Von allen Großstädten erschien München als die geistig freieste, wenigstens vorurteilsfreieste Stadt; sie war schön gelegen, künstlerisch von höchster Bedeutung, und es bestanden manche Beziehungen zu ausgezeichneten Persönlichkeiten dort, zu Theater- und Malerkreisen.«[1] Tatsächlich genoss München damals den Ruf, eine der ersten Kunstmetropolen Europas zu sein, was mit der jahrzehntelangen Kulturpolitik der bayerischen Residenzstadt zu tun hat, die vor allem unter der Regentschaft des kunst- und baufreudigen Königs Ludwig I. (1786–1868) einsetzte. Der galt als glühender Verehrer des antiken Griechenland und holte bekannte Künstler, Maler und Architekten in die Stadt, um aus der dörflichen Residenz eine repräsentative Metropole zu gestalten. Er war es, der die seinen Namen tragende Ludwigstraße mit Universität und Ludwigskirche errichten ließ, die Feldherrnhalle, das Siegestor, die Staatsbibliothek, den Königsplatz mit Glyptothek, Propyläen und Antikensammlung, die Alte Pinakothek, die Ruhmeshalle und die Bavaria-Statue auf der Theresienwiese,[2] so dass München schließlich als »Isar-Athen« bezeichnet wurde. Dieser Name, wird Carry Brachvogel später festhalten, »lud schwere Verpflichtung auf, aber München hat diese Verpflichtung voll erfüllt. Seit Ludwigs Tagen bis heute schritt es in Farbe eingehüllt, wie über eine von tausend Regenbögen überglänzte Via triumphalis der Kunst dahin. Kunst war dieser Stadt eingeboren«.[3] Ludwigs Sohn, Max II. (1811–1864), holte später auch die Philosophen, Gelehrten und Dichter nach München und leitete damit eine akademische und intellektuelle Tradition ein. Die vielen Künstler und Schriftsteller, die damals nach München kamen, zogen alle in ein klar definierbares Viertel, einen spezifischen Raum, so dass durch diese kreative Dichte ein außergewöhnliches und produktives Soziotop entstand, das bis heute einzigartig ist. Nahezu alle begaben sich in die Maxvorstadt oder ins unmittelbar angrenzende Schwabing, das frühere Dorf, das erst 1890 eingemeindet wurde. Im 19. Jahrhundert von Max II. als repräsentatives Viertel planmäßig angelegt, hatte sich die Maxvorstadt seit der zweiten Jahrhunderthälfte zum politischen, künstlerischen und kulturellen Zentrum Münchens entwickelt. Das Viertel bildete ein rechtwinkliges Raster zur Seite der schnurgeraden Ludwigstraße zwischen dem Odeonsplatz am Ausgang der Altstadt und dem Siegestor, hier befanden sich der Universitätsbereich, die großen Museen und Sammlungen, die Kunstakademie, die Musikhochschule und die Prachtbauten am Königsplatz. In der Maxvorstadt und in Schwabing lebten um 1900 die bekanntesten Künstler, Schriftsteller und Frauenrechtlerinnen, hier bewegten sie sich in den unterschiedlichsten literarischen, künstlerischen und lebensreformerischen Kreisen, wohnten oft nur wenige Straßenzüge voneinander entfernt.[4]
»Ab nach München!« hieß es allerorts, man war davon überzeugt, dass der Aufbruch zum »neuen Menschen«, der Aufbruch in die »Moderne« nur hier erfolgen konnte. Hier gab es »kein Oben und Unten wie im klassen- und standesbewußten Norden, sondern mehr ein lässiges, gefälliges Nebeneinander, augenzudrückendes Gehen- und Gewährenlassen, nur mit gelegentlichen Intervallen durch Berserkerausbrüche des in allem Phlegma angeborenen bajuwarischen Jähzorns. Mannigfaltigkeit, Farbigkeit, Sinnenfreude und nicht zuletzt Komik, wo das Auge verweilte«,[5] schreibt der ebenfalls zugezogene Max Halbe. Er war überzeugt, »daß es eben nur München gebe, wenn man zur Kunst wolle, dies eine München und keine andere Stadt neben ihm«.[6] Diesem Ruf folgten viele, und durch den stetigen Zuzug entstand ein kreatives und fruchtbares Gemisch von Alteingessenen und Fremden.
Für Anita Augspurg und Sophia Goudstikker jedenfalls sollte München zur neuen Heimat werden. Hier lassen sich »die Eierschalen des konventionellen Lebens« abstreifen, hier lassen sich, anders als im Norden, Individualität und Ideen der Freiheit entwickeln.[7] Als sie nach München kommen, hat seit dem 10. Juni 1886 Prinz Luitpold die Regentschaft in Bayern inne, sein Neffe König Ludwig II. ertrinkt drei Tage später im Starnberger See. Außerdem: Gabriel von Seidl, der bekannte Architekt, beginnt gerade, den Franziskaner-Keller zu bauen, Richard Strauss ist Opernkapellmeister geworden, und im Gärtnerplatztheater wird die Erstaufführung des Zigeunerbaron von Johann Strauß gegeben. Die Münchner Bank wird gegründet, und in den Münchner Neuesten Nachrichten erscheint erstmals eine eigene Sportrubrik. Ein weiteres Debüt: Erstmals wird eine eigene Oktoberfestzeitung gedruckt. Und: In diesem Jahr werden auf dem Oktoberfest, das es bereits seit 1810 gibt, 5800 Hektoliter Bier ausgeschenkt.[8]
Als Anita Augspurg und Sophia Goudstikker im November ankommen, mieten sie sich bei Bekannten[9] ein und gehen von dort aus auf Wohnungssuche, was sich nicht einfach gestaltet, die Wohnungen waren oft schlicht, wie Max Halbe berichtet: »die meisten von ihnen [befanden] sich in einem Zustand altväterlicher Ursprünglichkeit, ohne Badezimmer, ohne Nebenräume und sonstiger Bequemlichkeiten«.[10] Während des Winters lassen sich die beiden Frauen in einem der besten fotografischen Ateliers in Technik und Betrieb ausbilden. Bereits ein halbes Jahr später beglücken sie München mit einem neuen Fotoatelier, die Geldmittel hierfür hat Anita Augspurg aufgebracht.[11] Am 13. Juli 1887 steht in den Münchner Neuesten Nachrichten die folgende Anzeige:
Neu eröffnet Atelier Elvira.
Photographische Anstalt
von Anita Augspurg und Sophia Goudstikker.
München, v.d. Tannstrasse 15 parterre.
Aufnahmen täglich von 8–6 Uhr.
Specialität: Kinderaufnahmen.
Das Atelier befindet sich im Erdgeschoss des Gebäudes, in dem die beiden Frauen mittlerweile auch wohnen. Der Standort ist klug gewählt, er hat für das Atelier zahlreiche Vorzüge. Im Gegensatz zur Innenstadt und dem Bahnhofsviertel, wo damals die meisten übrigen Fotoateliers ihren Sitz haben, liegt das Atelier Elvira in einem gehobenen Wohnviertel, nämlich zwischen Bayerischer Staatsbibliothek, Englischem Garten und Residenz, in der sogenannten Schönfeldvorstadt, die damals Bestandteil der bereits erwähnten Maxvorstadt ist.[12] Nach Osten hin liegt das Atelier Elvira nur wenige Meter vom Englischen Garten entfernt, schräg gegenüber dem Prinz-Carl-Palais. Seit 1875 hat hier auch die k.u.k. österreichisch-ungarische Gesandtschaft ihren Sitz, was dem Viertel einen aristokratischen Akzent verleiht. Nach Süden hin liegt das Atelier in nächster Nähe zu Residenz und Innenstadt, so dass es für potentielle Kunden von dort auf kurzem Weg erreichbar ist. In der näheren Umgebung gibt es urige Wirtschaften und Tante-Emma-Läden für den Alltagsbedarf. In diesem Viertel wohnt damals eine bunte Mischung von Menschen, die aus den verschiedensten gesellschaftlichen Schichten stammen: Aristokraten und vermögende Bürger, Staatsbeamte, aber auch Handwerksmeister und Kaufleute, Künstler und Schriftsteller.
Elvira ist damals ein Modename. Auch eine bayerische Prinzessin, die Tochter des Prinzen Adalbert, hieß so, Ateliers mit Namen Elvira gibt es damals auch schon in Köln, Nürnberg, Regensburg und Wien. Weibliche Ateliersbesitzerinnen wählten damals häufig klangvolle Frauennamen für ihre Geschäfte, und anscheinend wurde auch der Name Elvira als ein solcher empfunden.[1]
In München erregt damals das frischeröffnete Atelier Elvira, insbesondere die »Neuigkeit der weiblichen Leitung und Ausübung der Photographie«, großes Aufsehen. Der Frauenanteil unter den Atelierfotografen ist in diesen Jahren noch minimal. In München gibt es nur noch ein zweites Atelier, das von einer Frau geleitet wird. Dies allerdings ist eine Witwe, die den Betrieb ihres Mannes übernommen hat.
Tatsächlich gab es damals viele Vorurteile, die eine Unternehmensgründung von Frauen begleiteten. Frauen galten als weniger qualifiziert, Unternehmertum entsprach nicht der weiblichen Natur. Berufstätige Frauen galten entweder als sitzengebliebene »höhere Töchter«, die, aus welchen Gründen auch immer, keinen Mann an Land ziehen konnten. Man interpretierte ihre Tätigkeit aber auch als Zeichen finanzieller Schwäche ihrer Familie.
Mit solchen Vorurteilen und solcher Geringschätzung waren mit Sicherheit auch Anita Augspurg und Sophia Goudstikker konfontriert. Von Anfang an kontern sie allerdings mit einer klugen Strategie und benutzten ihre Weiblichkeit in mehrerlei Hinsicht als Werbemittel und Aushängeschild: Ihre Spezialität sind Kinderaufnahmen, für die sie als Frauen besonders prädestiniert scheinen. Mit einem Schlag konnte man damit nicht nur viele Frauen und Mütter als Kundschaft gewinnen, sondern diese auch langfristig an sich binden, zumal sie als Frauen auch über eine Kompetenz in Sachen adäquater Kleidung und Mode verfügen. Sicher spekulieren Anita Augspurg und Sophia Goudstikker auch darauf, dass ein »Frauenatelier« mit seinem besonderen Flair auch auf die Männerwelt einen gewissen Reiz ausüben würde.
Doch um was für Frauen es sich bei den beiden Fotografinnen handelt, musste sich rasch herumgesprochen haben. Weder hielten sich Anita Augspurg und Sophia Goudstikker mit ihrer Ablehnung überlieferter bürgerlicher Frauenrollen zurück, noch verschleierten sie, dass sie in gleichgeschlechtlicher Partnerschaft lebten. Im Gegenteil, sie trugen ihre Gesinnungen in aller Öffentlichkeit zur Schau: Anita Augspurg und Sophia Goudstikker tragen ihr Haar jetzt nämlich kurz. »Tituskopf« nennt sich das damals. Nach und nach kaufen sie einen Hund, Pferde und Fahrräder. Sie machen die Fahrradprüfung und reiten im Herrensitz auf ihren Pferden durch den Englischen Garten. Außerdem tragen sie merkwürdige Reformkleidung, Radlerhosen und lange fließende Gewänder aus Samt oder auch seltsam männlich geschnittene Kleidung. Optisch und von ihrem Verhalten her verkörpern sie einen völlig neuen Typ Frau. Das Selbstbewusstsein, mit dem die beiden Neu-Münchnerinnen von Anfang an nicht nur als unverheiratete Geschäftsfrauen auftreten, sondern auch die Art, wie sie sich sofort hinwegsetzen über alle geltenden Vorstellungen von dem, wie eine bürgerliche Frau auszusehen und sich zu verhalten hat, ist damals auch im liberalen und bierseligen München ein Novum. Ihr Auftreten »gab Spießbürgern und Neidern hinlänglichen Stoff zu allem möglichen Klatsch, der aber die beiden Frauen nicht nur völlig kalt ließ, sondern sie höchlichst amüsierte, was den Neid nicht eben minderte«, heißt es im Rückblick.[2]
Während es anfänglich eher einen gewissen Skandalcharakter hat, sich oder seine Kinder von diesen beiden unkonventionellen Frauen fotografieren zu lassen, wendet sich das Blatt schnell ins Gegenteil: Bald gilt ein Besuch im Elvira als äußert schick und angesagt. Eine der ersten Frauen, die sich hier fotografieren lässt, ist die in der Nachbarschaft wohnende Schriftstellerin Emma Merk. Genau wie Anita Augspurg und Sophia Goudstikker lebt sie völlig anders als die typisch bürgerliche Frau ihrer Zeit. Zwar trägt sie weder kurze Haare noch Männerkleidung, aber auch sie hat einen Beruf und arbeitet schon seit ihrem zwanzigsten Lebensjahr als Schriftstellerin. Kinder hat sie keine, dafür schon einige mehr oder weniger ernste Liebschaften hinter sich. Diese für damalige bürgerliche Verhältnisse ebenso ungewöhnliche Frau steht schnell in engem Kontakt zu den beiden Fotografinnen. Auch von der gleichfalls um die Ecke wohnenden jungen Marie Haushofer ist ein frühes Foto aus dem Atelier Elvira überliefert: Es präsentiert sie auf einer Art Chaiselongue liegend. Den Kopf in die Hand gestützt, schaut sie aufmerksam dem Betrachter entgegen. Eine eher ungewöhnliche Pose für die frühe Porträtfotografie, wie wir noch sehen werden.
Zu den frühen Kunden zählten neben den Frauen und Müttern bald auch prominente Persönlichkeiten. Durch die guten Kontakte von Anita Augspurg zur deutschen Theaterszene tummelten sich Schauspieler und Opernsänger vor den Kameras und verliehen dem neuen Fotostudio eine Aura von Glamour. Bereits aus dem Gründungsjahr ist ein Rollenporträt des bekannten Theaterschauspielers Richard Stury überliefert, das ihn als Tasso in Goethes gleichnamigen Stück zeigt. Weitere Berühmtheiten der Zeit, die zur Kundschaft zählten, sind etwa Milka Ternina, Clara Heese und Lili Dreßler. Damit ließ sich Umsatz machen, denn die Porträts von den Stars der Zeit kamen damals in Form von »Visit- und Cabinetkarten« in den Bilderhandel. Aber auch das breite bürgerliche Publikum – Ärzte, Kaufleute, Wissenschaftler, Geistliche – gehen bald im Elvira ein und aus, und als sich später auch noch die bayerische Königsfamilie dort ablichten ließ, war das Renommee des Ateliers endgültig gesichert.[3]
Mit ihren Porträtfotografien bedient das Atelier Elvira in der Gründungsphase vor allem das bürgerliche Bedürfnis nach Repräsentanz. Das Foto galt als öffentlicher Auftritt, es sollte eine Persönlichkeit adäquat inszenieren. Wie die überlieferten Porträtfotografien dieser Zeit fast alle zeigen: Die Männer wollten bedeutend und vornehm aussehen, die Frauen, wen wundert es: vor allem schön. Auf vielen dieser Bilder erscheinen die Porträtierten eher schematisch, meist starr und steif, oft im Sonntagsstaat. Repräsentativität und Vornehmheit waren in den 1880er Jahren noch wichtiger als der differenzierte Ausdruck der individuellen Persönlichkeit.
Für die passende Selbstdarstellung stellte das Atelier das entsprechende Ambiente und die perfekten Accessoires zur Verfügung: Es gab zahlreiche Einrichtungsgegenstände der gründerzeitlichen Wohnkultur, Tische und Stühle aus verschiedenen Stilepochen, Teppiche und Nippes. Auch Architekturfragmente aus Pappmaché waren vorhanden. Von Anita Augspurg ist ebenfalls ein solches Rollenbild überliefert: Es zeigt sie in der Gestalt eines betenden Mönches. In welchem Kontext es entstanden ist, ist unklar.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Atelier Elvira über Erwarten schnell prosperierte. Das anfängliche Aufsehen in geschäftliches Ansehen umzuwandeln, setzte bei den beiden Neulingen im Fotografenmetier natürlich Entschlossenheit, Stehvermögen und optimistischen Unternehmerdrang voraus. Diese Eigenschaften besaßen sie beide in hohem Maße.[4]
Im Zuge der Aufklärung und der Französischen Revolution war die Forderung nach Gleichberechtigung der Frau erstmals auf den Tisch der öffentlichen Diskussion gekommen. Während sich in England, in den USA, in Skandinavien und Frankreich die Frauenbewegung bald etablierte, »wurde in Deutschland der Kampf um Frauenbefreiung« spät aufgenommen, wie Anita Augspurg feststellt. »Dieses zum ursprünglichen Ich Zurückfinden ist der wahre dem Worte Frauenbewegung innewohnende Sinn. Dieses Erwachen der Frauen war international, und mit Stolz konnten Frauen bekennen: ›Im Reiche unseres Strebens geht die Sonne nicht unter.‹«[1]
Diese Forderungen waren in Deutschland nicht von Erfolg gekrönt, sondern fielen – insbesondere auch als Folge des Sieges über Napoleon – dem erwachenden deutschen Nationalgefühl zum Opfer. Der deutsche Nationalismus war von einem starken Männlichkeitskult geprägt, was paradoxe Folgen für das weibliche Geschlecht hatte: Während Patriotismus von Männern und Frauen gleichermaßen erwartet wurde, stand längst fest, dass Frauen im öffentlichen Leben der Nation und im Rahmen der Politik nicht gleichberechtigt waren. Auch das herrschende Ideal der Romantik vertrug sich in keiner Weise mit den emanzipatorischen Bestrebungen der Frauen: Emotionalität, Verklärung der Mütterlichkeit und das Wunschbild eines ordentlichen sicheren Heimes mit einer harmonischen Familie unter einem wohlhabenden patriarchalischen Vater und Ehemann waren die geltenden Geschlechterbilder, Werte und Ziele.
Ein zweiter Anlauf zur rechtlichen Gleichstellung der Frau erfolgte dann im Verlauf der Revolution von 1848. Mit ihrem Scheitern unterblieb ein weiteres Mal die Umsetzung weiblicher Forderungen nach Gleichberechtigung. Gerade die Schicht der bürgerlichen Frauen blieb weiterhin vom öffentlich-politischen Leben ausgegrenzt, dieses Terrain war allein dem Mann vorbehalten. Nach 1850 bekamen die emanzipatorischen Bestrebungen der Frauen dann Aufwind, sie wurden angeheizt durch die Industrialisierung und die damit einhergehenden sozialen Umwälzungen. Produktion von Lebensmitteln und Kleidung, die früher ein Teil der häuslichen Arbeit gewesen war, wurde nun industriell erledigt, gleichzeitig stiegen die Lebenshaltungskosten. Junge Frauen zog es infolgedessen in die Fabriken und Geschäfte, für die bürgerlichen Frauen waren Berufe wie Lehrerin, Erzieherin oder Krankenpflegerin vorgesehen. Die Frauen begannen, sich für Recht und Bildung zu engagieren.[2]
Eine organisierte Form der deutschen Frauenbewegung setzt schließlich mit dem Jahr 1865 ein, als die sozialkritische Schriftstellerin Louise Otto-Peters (1819–1895) in Leipzig – zusammen mit anderen bürgerlichen Frauen, darunter Lina Morgenstern, Henriette Goldschmidt und Auguste Schmidt – den Allgemeinen Deutschen Frauenverein (ADF) gründet. Von Anfang an, so fällt auf, sind es vor allem Lehrerinnen, Schriftstellerinnen und Künstlerinnen, die eine zentrale Rolle innerhalb der Frauenbewegung spielen, auffällig unter ihnen ist auch der hohe Anteil von Frauen jüdischer Herkunft. Die Trägerinnen des Vereins greifen die traditionellen Geschlechter- und Rollenbilder an und treten für das Recht auf Bildung und Erwerbstätigkeit für Mädchen und Frauen aller Schichten ein, für ihre gleichberechtigte Teilhabe an der Berufswelt und am öffentlichen Leben.
Einige Etappen: Seit 1865 werden in vielen Städten Deutschlands Ortsgruppen des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins gegründet. Sie versuchen, die Frauen des Mittelstands für Erwerb und Beruf besser vorzubereiten, fordern eine Umgestaltung der Mädchen- und Fortbildungsschulen und arbeiten auf sozialen Gebieten in der Armen- und Fürsorgepflege. Nach einem Vortrag von Louise Otto-Peters werden von Lina Morgenstern die ersten Fortbildungskurse und eine Krankenkasse für Arbeiterinnen gegründet. 1880 erfolgt dann die Gründung des Deutschen Kulturbundes, der sich für die Abschaffung der reglementierten Prostitution der Frauen einsetzt. 1886 allerdings – unter dem Sozialistengesetz – wird er wie alle Arbeitervereine aufgelöst. Erwähnt sei an dieser Stelle, dass neben der bürgerlichen Frauenbewegung im 19. Jahrhundert auch eine Bewegung der Arbeiterinnen entsteht, die sich aber zu den sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeitervereinigungen hin orientiert. »Frauen begannen sich spürbar zu regen. Kampf setzte ein und zwar nicht nur der Kampf mit der Umwelt im Männerstaate, sondern der deutschen Frauenwelt selbst, wo sich nun Ende der 1880er Jahre zwei Richtungen gegenüberstanden: die konservative und die radikale. … Die konservative wollte, immer unter Betonung der Andersartigkeit des weiblichen Geschlechts, den Frauen Bildungs- und Berufsmöglichkeiten schaffen, um ihnen stufenweise über soziale Tätigkeit in der Gemeinde das Hineinwachsen in eine helfende und unterstützende Betätigung im bestehenden Männerstaate zu ermöglichen. … Anders die radikale Richtung! Sie bestritt einfach unter Hinweis auf die unbefriedigenden Zustände in Staat und Gesellschaft den Männern das Alleinbestimmungsrecht.«[3]
Ende 1889 werden Anita Augspurg und Sophia Goudstikker Mitglieder im Weimarer Frauenverein Reform.[4] Wie genau der Kontakt zu diesem Verein zustande kam, ist nicht überliefert. Tatsächlich ist aber im November 1889 in der Münchner Stadtzeitung ein Artikel über den im Vorjahr von Hedwig Kettler gegründeten Verein, der für das Frauenstudium eintrat, erschienen. »München weist leider kein Vorstandsmitglied des Vereines auf«, hatte die Redaktion in dem Artikel bedauert.[5] Möglicherweise haben unsere beiden Fotografinnen aufgrund dieses Artikels den Kontakt zu den Frauenrechtlerinnen in Weimar aufgenommen. Viel wahrscheinlicher allerdings ist, dass der Kontakt durch das Fotoatelier Elvira zustande kam, denn überlieferte Aufnahmen zeigen zum Beispiel, dass sich auch Hedwig Dohm dort fotografieren ließ. Die spätere Mutter von Hedwig Pringsheim und Großmutter von Katia Mann war Mitglied im Weimarer Verein, ja sogar im engsten Kreis der Mitbegründerinnen. Als erste deutsche Frau hatte Dohm bereits 1873 in ihrem Buch Der Jesuitismus im Hausstande und 1876 in Der Frauen Natur und Recht das Frauenwahlrecht gefordert und die sogenannte »Natur der Frau« als soziales Konstrukt entlarvt – fast ein ganzes Jahrhundert vor Simone de Beauvoir. Heute zählt die Frauenrechtlerin und Autorin zahlreicher Essays, Romane und Novellen mit Anita Augspurg zu den bedeutendsten Vordenkerinnen des radikalen Flügels der bürgerlichen Emanzipationsbewegung.[6]
Die ehemalige Malerin und Gründerin des Weimarer Vereins, Hedwig Kettler, wurde 1851 in Hamburg geboren und setzte sich seit 1886 kompromisslos für das Frauenstudium in Deutschland ein. 1887 gab sie ihren Beruf als Malerin auf, um noch im selben Jahr die Zeitschrift Frauenberuf zu gründen. Nachdem das Blatt ein Jahr lang als Austauschforum und Auffangbecken für Mitstreiterinnen gedient hatte, entschloss man sich 1888, den Frauenverein Reform zu gründen, machte das Programm der Zeitschrift zum Programm des Vereins. Der Verein fordert nicht nur eine verbesserte Mädchenbildung, er verlangt die vollständige Öffnung aller Bildungseinrichtungen und Berufe für das weibliche Geschlecht, fordert die Gründung von Mädchengymnasien und den Zugang der Frauen zur Universität. Der Frauenverein Reform wird zu einem der radikalsten Vereine der deutschen bürgerlichen Frauenbewegung.[7]
Mit dem Beitritt von Anita Augspurg und Sophia Goudstikker zum Weimarer Verein weht seit Ende 1889 also auch offiziell der Geist der »Frauenbewegung« und der »Frauenbefreiung« durch das Fotoatelier Elvira. Es entstehen deutschlandweit Kontakte zu gleichgesinnten, kämpferischen Frauen, außerdem lernen Anita Augspurg und Sophia Goudstikker durch die Vereinsarbeit die Wirkung von gezielter Öffentlichkeitsarbeit und kontinuierlicher Pressearbeit kennen. Das Atelier Elvira wird nun zur Keimzelle der modernen Frauenbewegung in München werden, zum Treffpunkt, Ideengenerator und zur Ideenschmiede modern gesinnter Frauen und Männer.
Noch im Dezember 1889 erscheint in der Zeitschrift Frauenberuf ein Artikel von Anita Augspurg über Die Photographie als Lebensberuf. Bald wird der Verein durch öffentliche Auftritte von Anita Augspurg mehr und mehr in München von sich reden machen. Er wird im Reichstag petitionieren und sich in allen Landtagen der deutschen Bundesstaaten für die Gründung von Mädchengymnasien einsetzen, für die Zulassung der Frauen zum Studium und für die Öffnung aller wissenschaftlichen Berufe für Frauen.
Von der organisierten Frauenbewegung in Deutschland war der Süden des Landes bis 1889 völlig unberührt geblieben, vermutlich weil in Bayern Frauen der Beitritt zu politischen Vereinen nach den bayerischen und preußischen Vereinsgesetzen seit 1850 verboten war, einen entsprechenden Bundesbeschluss gab es seit 1854. In Bayern hieß »politisch« damals: die öffentlichen Angelegenheiten betreffend, was bei der Frage der Öffnung staatlicher Bildungseinrichtungen für Frauen und der Änderung staatlicher Gesetze, die hierfür angenommen werden, der Fall ist. Damit werden auch Anita Augspurg und Sophia Goudstikker zu kämpfen haben. Mit ihrem Beitritt zum Frauenverein Reform schlagen sie für München und Bayern ein neues Kapitel auf.[8]
Am 20. Oktober 1889 wird am Lessing-Theater in Berlin Gerhart Hauptmanns Drama Vor Sonnenaufgang uraufgeführt – damit beginnt in Deutschland der Siegeszug des Naturalismus.
Hauptmanns Drama führte schonungslos einen ganzen Tag aus dem Leben der Bauernfamilie Krause vor. Es stand nicht nur in der Tradition Ibsens, ihm lag auch die naturalistische Determinationslehre zugrunde: Der Mensch ist nicht selbstbestimmt. Er ist entscheidend geprägt und begrenzt durch Vererbung, Milieu und Erziehung und deshalb in keinerlei Weise frei in seinen Entscheidungen und Möglichkeiten. Das durch das Stück vermittelte Weltbild sollte das kommende Jahrzehnt, die 1890er Jahre, nicht nur literarisch entscheidend prägen, es sollte auch großen Einfluss auf die männliche und weibliche Lebensgestaltung ausüben.[1] Mit Milieu und Erziehung werden Kategorien in die Literatur eingeführt, die eine ganz andere Betrachtungsweise von sozialen Fragen ermöglichen, es ist »eine auf der Tiefe der Persönlichkeit begründete Weltbetrachtung«, wie der S. Fischer Verlag, in dem die Werke Hauptmanns erschienen, in seinem Katalog festhält. Mit Gerhart Hauptmann hat der Naturalismus, der in Skandinavien (Henrik Ibsen, August Strindberg), Russland (Fjodor Dostojewski, Lew Tolstoi) und Frankreich (Émile Zola) seine Vorbilder hat, eine spezifisch deutsche Ausprägung erhalten, die auch für die Frauenfrage neue Möglichkeiten eröffnet. Henrik Ibsen zog mit seinen Dramen gegen die Moral und »Lebenslüge« seiner Zeit zu Felde und vertrat im »Kampf der Geschlechter« den Standpunkt der Frau. Man entwickelte Darstellungsmöglichkeiten der »Wirklichkeit«, wie sie in ihrer Drastik und Genauigkeit bisher nicht vorhanden waren, und setzte sich mit der sozialen Lage unterschiedlicher Gesellschaftsschichten auseinander. Ein besonders erhellendes Beispiel ist Émile Zolas Roman Thérèse Raquin (1867), in dem er ungeschönt das Pariser Kleinbürgertum darstellt und die Protagonistin sich zur Ehebrecherin und Mörderin entwickelt.
Es ist interessant, dass nahezu gleichzeitig mit dem Naturalismus in den 1860er Jahren auch die Frauenbewegung einsetzt. Tatsächlich laufen beide Bewegungen zeitlich von Anfang an parallel. Die Werke von Zola, Ibsen, Strindberg, Tolstoi bereiteten nicht nur der frühen Emanzipationsbewegung mit den Boden, sie schärften auch das Bewusstsein und erzeugten ab den 1880er Jahren eine wachsende Bereitschaft, sich mit der sozialen Lage der Frauen zu befassen.
Nicht nur »Naturalismus« wird zu einem Schlüsselbegriff des ausgehenden 19. Jahrhunderts, sondern auch »modern«. An der Schwelle zu den 1890er Jahren veröffentlicht Maria Janitschek ein Gedicht mit dem programmatischen Titel Ein modernes Weib. Maria Janitschek wurde 1859 in Wien geboren und wuchs unter ärmlichsten Bedingungen in Ungarn auf. 1878 ist sie mit ihrer Mutter nach Graz übergesiedelt. Unter dem Pseudonym Marius Stein begann sie hier für Zeitungen wie Moderne Dichtung und Wiener Rundschau journalistisch zu arbeiten. Durch ihre Heirat 1882 mit dem Archäologen und Kunsthistoriker Hubert Janitschek verbesserte sie ihre gesellschaftliche Stellung und hatte nun Zugang zu einem wissenschaftlich-intellektuellen Umfeld. Ihr erstes Buch Legenden und Geschichten erschien 1885 im W. Spemann Verlag. In den folgenden Jahren wird Maria Janitschek zahlreiche emanzipatorische Werke veröffentlichen. Und auch sie wird in den nächsten Jahren nach München ziehen.[2]
1889 publiziert Maria Janitschek ihren ersten Gedichtband,[3] der auch Ein modernes Weib enthält und bald heftig kritisiert werden wird. Wie Hauptmanns Vor Sonnenaufgang
