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Hand auf’s Herz: Was hören Sie, wenn Sie jemanden nach seiner Befindlichkeit im Job fragen? Ganz wenige schwärmen dann von interessanten Aufgaben, einem verständnisvollen Chef, ihrer permanenten Weiterentwicklung und ihrem kontemplativ-erfreulichen Umfeld. Aber das sind nur ganz wenige. Die meisten „jammern“ und leiden. Der Leidensfaktor am Arbeitsplatz ist offensichtlich immens hoch – und die Leidensgründe sind vielfältig. Um Leiden zu schaffen und aufrecht zu erhalten, müssen wir etwas zuführen, etwas beitragen: Es braucht Energie, Aktivität, eine spezifische Wahrnehmung, Erklärung und Bewertung, um zu leiden. Wir müssen also etwas dazu tun. Leiden passiert nicht einfach von selbst – und vor allem: Die Autoren sind der Überzeugung, dass nicht die anderen unser Leiden schaffen, sondern wir ganz allein – sicherlich, in Wechselwirkung mit anderen. Aber es braucht uns, unser Verhalten, damit wir leiden. Auf eine humorvolle Art und Weise geben die Autoren eine Anleitung, wie Sie effizient und zielsicher „unter sich selbst leiden“, „unter anderen leiden“, „beim Leiten zu leiden“ und „im Team zu leiden“ – Sie brauchen nur den Leidensmeilensteinen folgen.
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Seitenzahl: 255
Veröffentlichungsjahr: 2013
LeidenswegBeruf
Denn Sie müssen nicht, was Sie tun
1. Auflage
Cover
Titelseite
Impressum
1. Ist es eine Kunst, zu leiden?
1.1. Die Guckloch-Lebenshaltung
1.2. Die Teil der Welt-Lebenshaltung
1.2.1. Relationalität
1.2.2. Entstehende Handlungsvielfalt
1.2.3. Absolute Subjektivität
1.2.4. Freie Wahl des Standpunkts
1.3. Fazit
2. Die Kunst, unter sich selbst zu leiden
3. Die Kunst, unter anderen zu leiden
4. Die Kunst, beim Leiten zu leiden
5. Die Kunst, mit und in Teams zu leiden
6. Und zum Schluss: Die kompakte Umsetzung mit dem Leidens-Leitfaden
6.1. Starten Sie langsam.
6.2. Nehmen Sie sich Zeit.
6.3. Lassen Sie sich nicht beirren.
6.4. Ziehen Sie das Ding durch.
6.5. Akzeptieren Sie Ehrenrunden.
6.6. Nehmen Sie hin, dass Sie sich mit Ihrem Leidensdasein nicht beliebt machen.
Copyright © 2007 by Sonja Radatz (Kapitel 1, 4, 5 und 6) by Oliver Bartels (Kapitel 2 und 3) Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte der Wiedergabe, auch in Auszügen, in jeder Art (Fotokopie, Übersetzungen, Mikroverfilmung, elektronische Speicherung, Verarbeitung und dergleichen) liegen beim Herausgeber. Zuwiderhandlungen können strafrechtlich verfolgt werden und berechtigen den Herausgeber zu Schadensersatzansprüchen.Herausgeber und Bestelladresse: Literatur-VSM e.U. PF 008, 1050 Wien, Österreich E-Mail:[email protected], Homepage:www.literatur-vsm.at 1. Auflage 2013 ISBN 978-3-902155-16-0 Umschlaggestaltung:Bruno Bastardy Gestaltung des Innenteils: MarS Gestaltung E-Book:Bruno Bastardy - www.brbass.de Karikaturen: Pivo Lektorat: Thorsten Brunkhorst
Hand auf’s Herz: Was hören Sie, wenn Sie jemanden nach seiner Befindlichkeit im Job fragen? Ganz wenige schwärmen dann von interessanten Aufgaben, einem verständnisvollen Chef, ihrer permanenten Weiterentwicklung und ihrem kontemplativ-erfreulichen Umfeld. Aber das sind nur ganz wenige. Die meisten, die wir fragen, jammern, bis wir uns mit irgendeiner fadenscheinigen Ausrede verabschieden. Der Leidensfaktor am Arbeitsplatz ist offensichtlich immens hoch – und die Leidensgründe sind vielfältig:
Da gibt es zunächst unser Aufgabenfeld: Spätestens beim zweiten Job müssten wir’s eigentlich wissen, dass wir immer einen Rosengarten versprochen bekommen (Worte, auch in Stellenbeschreibungen, sind ja bekanntlich geduldig) und dann ein verdorrtes, schier endlos sich erstreckendes Gemüsefeld zu betreuen haben. Unter sengender Hitze, mit unzureichenden Materialien, ohne ausreichende Einarbeitung…Da gibt es Chefs und Chefinnen: Wohin man auch blickt – sie sind scheinbar immer unzulänglich. Sprechen dann, wenn sie besser schweigen sollten; kassieren die Lorbeeren für die Arbeit, die ihre Mitarbeiter im Schweiße ihres Angesichts verrichten; versuchen ständig, allen Projekten ihren Stempel aufzudrücken; haben keine Ahnung und gehen dennoch ständig in alle fachlich relevanten Meetings (was machen die dort eigentlich?); gehen mit den Gedanken ihrer Mitarbeiter hausieren; sagen Termine zu, die nicht einmal bei optimalen Bedingungen haltbar sind; vergessen darauf, berechtigte Gehaltserhöhungen ihrer Mitarbeiter zu verhandeln…Da gibt es KollegInnen im Team und an den Schnittstellen – das sind die mit dem Tunnelblick, die in vorzeitiger Demenz irgendwann einmal vergessen zu haben scheinen, dass es erstens Rahmenbedingungen gibt, die einzuhalten sind; dass es zweitens Kollegen gibt, mit denen Sie vielleicht Hand in Hand arbeiten sollten; und dass es drittens Informationen gibt, deren Teilen mit anderen die Wahrscheinlichkeit einer kundengerechten Leistung drastisch erhöht.Da gibt es Kunden, ohne die – seien wir ehrlich – das Leben um einiges leichter wäre. Die Aussage „der Einzige, der stört, ist der Kunde“ hat schon etwas. Im Prinzip haben wir ja schon Arbeit für zwei Leben ausgefasst und dann kommen Kunden mit unrealistischen Forderungen: Terminanfragen, die bei uns im besten Fall ein heiseres Lachen auslösen; Sonderwünsche, die entweder nicht machbar sind oder nicht bezahlt werden wollen; Preisverhandlungen, bei denen wir schon in den ersten Sätzen abbrechen sollten, um halbwegs seriös zu bleiben; unzählige Anfragen am Telefon und vor Ort; Reklamationen ohne Ende; und als Draufgabe noch Beschwerden beim Chef…Da gibt es Mitarbeiter: ein Kapitel für sich. Mit- oder Nachdenken ist ihnen allem Anschein nach fremd; sie beschweren sich, wenn sie nicht einbezogen werden – und werden sie zur Verantwortung gezogen, dann delegieren sie eiskalt an die Vorgesetzten zurück; jeder Fehler wird einem anderen zu- oder untergeschoben; die persönliche „Analysefähigkeit“ in Bezug auf eigene Schwächen ist gleich Null; Termine werden ignoriert oder im letzten Augenblick verschoben; jedes Angebot der Weiterentwicklung wird als Angriff auf die persönlichen Fähigkeiten gesehen; Wissen wird prinzipiell nicht weitergegeben; und ob das Unternehmen erfolgreich ist oder „den Bach runtergeht“, scheint den Mitarbeitern piepegal zu sein: Ist ja nicht ihres.Und der Katalog ließe sich unendlich lange fortsetzen... kurz: Wir leiden; und wir haben allen Grund zu leiden. Nun könnten wir – und das ist vermutlich die Form, die wir am häufigsten in der „Analyse“ anwenden – alle Gründe für unser Leiden bis ins Detail beschreiben, diese Gründe miteinander in Beziehung setzen und eine komplexe Darstellung anfertigen, die alle Beeinflussungsmomente des Leidens in einer Zeichnung zeigt. Dann wüssten wir „objektiv“, was „am meisten“ und was „am wenigsten“ dazu beiträgt, dass wir leiden. Und wir könnten dann gezielt an jenem Punkt ansetzen, der am meisten dazu beiträgt… Das tun wir in diesem Buch bewusst nicht. Stattdessen stellen wir eine Frage, die sich an uns selbst richtet: Wie gelingt es uns, im Berufsleben zu leiden? Vielleicht sogar permanent zu leiden, ausgelöst durch jeweils wechselnde Vorkommnisse? Das ist eine ungewöhnliche Frage. Warum stellen wir sie uns trotzdem? Weil wir davon ausgehen, dass wir nicht „einfach so“ leiden. Denken Sie nur an ein Feuer: Es entfacht sich nicht „einfach so“ und es brennt nicht „einfach so“ weiter. Um ein Feuer aufrecht zu erhalten, brauchen wir Sauerstoff. Und auch um Leiden zu schaffen und aufrecht zu erhalten, müssen wir etwas zuführen, etwas beitragen: Es braucht Energie, Aktivität, eine spezifische Wahrnehmung, Erklärung und Bewertung, um zu leiden. Wir müssen also etwas dazu tun. Leiden passiert nicht einfach von selbst – und vor allem: Wir sind der Überzeugung, dass nicht die anderen unser Leiden schaffen, sondern wir ganz allein – sicherlich, in Wechselwirkung mit anderen. Aber es braucht uns, unser Verhalten, damit wir leiden. Auch das mag vielen Lesern ungewöhnlich erscheinen: Wie? Wir schaffen uns unser Leiden selbst? Unmöglich! Gerade am Arbeitsplatz bekommen wir doch das Leiden viel mehr serviert – denken wir – in Form von unmöglich zu erfüllenden Forderungen, schrecklichen Chefs, schwierigen Rahmenbedingungen, fürchterlichen Kommunikationsstrukturen, geistig uns vielleicht nicht ebenbürtigen Kollegen an der Schnittstelle und alles andere als unternehmerisch denkenden Mitarbeitern… Lassen Sie uns diese Idee ein wenig näher erklären.
Heinz von Foerster (von Foerster, 1993) stellte sehr treffend fest, dass die meisten Menschen in einer so genannten „Guckloch-Welt“ leben. Was heißt das? Stellen wir uns vor, wir stehen vor einer Wand, darin eine Tür. In der Türe befindet sich ein Guckloch. Durch dieses Guckloch können wir – „von außen“, also „objektiv“ alles sehen, was uns betrifft. Was sehen wir? Wir sehen „mobbende Kollegen“, „schwierige Marktsituationen“, „schlecht einschätzbare Kunden“, „ungerechte Chefs“, „fehlende Aufstiegsmöglichkeiten“… oder auch „Glück im Unglück“ bei einigen Projekten, „Zufälle“, die wir für Aufstiegschancen genutzt haben, „ausgezeichnete Ausgangssituationen“ für bestimmte Strategien, „erfreulich passive Mitbewerber“ etc. Wir sehen uns, unsere Kollegen, den Markt, die Kunden, als „Nebenschauplatz“ auch unseren Familien- und Freundeskreis wie in einem Film hinter der Tür vorüberziehen. Und vielleicht kommentieren wir das Wahrgenommene mit einem „So ist das Leben“. Und: Dadurch, dass wir in unserem Leben quasi „Außenstehende“ sind, können wir die Dinge von unserem Standpunkt vor dem Guckloch auch objektiv wahrnehmen: Wir sehen, wie sie „wirklich“ sind – wir stehen ja draußen und sehen völlig unbeteiligt durch das Guckloch herein. Vielleicht kennen Sie ja jemanden, auf den dies besonders eindrücklich zutrifft. Natürlich nicht auf Sie, aber – und das wird Ihnen in diesem Buch immer wieder begegnen – wir haben dieses Buch ja nicht für Sie geschrieben, sondern nur, damit Sie anderen Menschen (Kollegen, Chefs, Mitarbeitern, Familienmitgliedern, Vereinsfreunden und so weiter) gute Tipps geben können. Womit Sie natürlich auch ein bisschen vor dem Guckloch stehen und „von außen“ erkennen, woran es den anderen mangelt und was diese „wirklich“ brauchen. Aber Sie stehen eben nur ein bisschen vor dem Guckloch. Lassen Sie sich daher bloß nicht von dem beirren, was Sie lesen! Achten Sie vielmehr darauf, wie häufig Menschen um Sie herum das Wort „sein“ benutzen – in allen Variationen:
es ist (schön, schlecht, unterdurchschnittlich…)es soll (so) seiner oder sie ist (unfähig, freundlich, gelehrig…)man ist (gezwungen, außerstande, gefordert…)die Situation, der Markt, das Team, das Unternehmen, die Konkurrenz ist…etc. Wann immer wir etwas mit dem Wort „sein“ bezeichnen, befinden wir uns vor unserer Tür und sehen durch das Guckloch auf unsere Situation oder die Situation anderer. Im Prinzip ist die Guckloch-Welt, die wir uns schaffen, sehr bequem. Zumindest im ersten Augenblick: Alles passiert außerhalb von uns und kann von uns nicht beeinflusst werden. Wir können nichts dafür. Wir können nichts tun. Wir können uns das Leben nicht so einrichten, wie wir es haben wollen, sondern müssen es so nehmen, „wie es ist“. Wir können unser Leben nicht verändern; uns sind die Hände gebunden. Vielleicht haben Sie ja das eine oder andere in Ihrer Umgebung schon so oder ähnlich gehört – und haben wahrscheinlich insgeheim diese Person bemitleidet. Was daran für die Betreffenden so bequem sein soll? Nun, wir können die Verantwortung für das, was mit uns passiert, ohne schlechtes Gewissen nach außen verlagern: Der Arbeitsplatz, die Aufgaben, die Kollegen, die Teams an den Schnittstellen, die Projekte, die Chefs, das Top-Management, „die Shareholder“, die Kunden, der Markt, die Mitbewerber, die Marktlage, die Gesellschaft, die Kaufkraft, das schlechte Wirtschaftswachstum… sie alle sind Schuld daran, dass unser Berufsleben und unsere Karriereentwicklung nicht optimal laufen. Die sinnvolle Schlussfolgerung: Wir lehnen uns zurück, fassungslos über das, was passiert („also, wenn ich da oben wäre, würde ich erst mal den ganzen Laden neu ordnen“) und warten ab. Irgendwann wird sich der Markt… werden sich die Kunden… wird sich die Situation schon ändern… oder der Chef wird durch jemand anderen ersetzt. Und dann würde unsere Chance kommen. Und was tun wir bis dahin? Wir lehnen uns zurück – erst mal abwarten und Tee trinken – zappen uns durch die Programme, die uns im Unternehmen geboten werden und versuchen, es uns bis dahin – bis zum entscheidenden Tag X – wenigstens halbwegs bequem zu machen. Wohlgemerkt: Nicht, dass Sie glauben, das würde in Ihrem Unternehmen oder – Gott bewahre! – in Ihrem Team passieren. Im besten Fall passiert das in Unternehmen und Teams in Frankreich, Italien oder Großbritannien – oder in den USA (nun, dort vielleicht gerade nicht). Und Non-Profit- oder staatliche Unternehmen sind von solch einem Verhalten ohnehin flächendeckend ausgeschlossen. Oder doch nicht? Für den Fall der Fälle seien hier zweierlei Erfahrungen genannt, die sich uns in aller Bescheidenheit an dieser Stelle aufdrängen:
Erstens: wer darauf wartet, dass sich alles andere bzw. alle anderen verändern, begibt sich in eine unkalkulierbare Abhängigkeit. Wir geben dann quasi unser Leben in die Hände anderer.Und zweitens: Es kommt viel zu selten vor, dass das geduldige Warten gerecht belohnt wird. Oder kurz gefasst: Wer garantiert uns schon, dass wir noch erleben, worauf wir warten?Und blitzschnell dreht sich das bisher so bequem erscheinende Ausharren vor dem Guckloch in eine sehr unbequeme Situation um: Wir beginnen zu erkennen, dass wir vor unserem Guckloch in der Mauer nicht nur nichts tun müssen, sondern dass wir auch nichts tun können. Und wir beginnen erstmals zu leiden. Aber nicht nur das: Das Leiden wird größer, je länger wir beharrlich vor dem Guckloch stehen bleiben. Schwupps, wir haben Leiden geschaffen und können es am Leben erhalten! Unter uns gesagt: Das wissen ja nur wir: Sie, die dieses Buch lesen – und wir, die dieses Buch geschrieben haben. Das ist eine überschaubare Zahl von, sagen wir, 20.000 Menschen im deutschsprachigen Raum. Uns ist bewusst, dass wir leiden, weil wir eben vor unserem Guckloch nichts tun können, nicht eingreifen können. Alle anderen leiden, ohne zu wissen, wie sie das geschafft haben.
Oder wir entscheiden uns, die Tür zu öffnen und unsere Welt zu betreten. Dann sind wir plötzlich Teil der Welt, Teil unserer Welt. Und mit diesem Betreten der Welt verhält es sich wie mit der Büchse der Pandora (A.-B. Renger, 2002) aus der griechischen Mythologie: Haben wir sie erst einmal neugierig geöffnet, so strömt ihr Inhalt ohne Unterlass heraus und wir können die Büchse zwar schließen, haben aber ein anderes Wissen als vorher; wir können also nicht mehr unschuldig wieder unsere Welt verlassen, die Türe schließen und uns leidend vor das Guckloch stellen – sondern tun dies dann in dem Wissen, dass es auch einen anderen Weg gibt; dass wir auch andere Handlungsmöglichkeiten haben, als auf bessere Zeiten zu warten. An dieser Stelle sollten wir kurz innehalten: Wir möchten Sie darauf aufmerksam machen, dass Sie selbst gerade im Begriff sind, die Büchse der Pandora zu öffnen. Sobald Sie weiter lesen, werden Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Dinge richten, die Sie bisher links liegen gelassen oder gemieden haben – oder wie Heinz von Foerster immer so schön sagte: „Sie wussten nicht einmal, dass Sie nicht wussten“ (von Foerster, 1993). Wollen Sie das wirklich? Auch im Wissen, dass Sie danach nie wieder „unschuldig leiden“ können? Nun gut, wenn Sie das wollen – wenn Sie das wirklich wollen –, dann lesen Sie eben weiter. Dafür übernehmen Sie nun die Verantwortung.
Was ist anders, wenn wir, wie Heinz von Foerster diese grundlegend gegensätzliche Lebenshaltung nannte, „Teil der Welt“ sind? Im Prinzip nicht viel, aber das Wenige ist grundlegend und verändert unser Leben in jeder Hinsicht: Plötzlich sind wir Teil unserer Welt und nichts passiert mehr ohne uns. Wir werden gesehen und sehen gleichzeitig. Oder anders gesagt: Kein Sehen findet mehr ohne das Gesehenwerden statt. Das klingt fast schon philosophisch, trifft es aber aus unserer Sicht ganz gut: Denn unser Leben wird plötzlich beziehungsbezogen, also „relational“; wir lassen eine Beziehung entstehen zwischen all dem, was wir sehen, wie wir gesehen werden, was wir daraufhin tun, was die anderen daraufhin tun, was wir wieder tun… und schon können wir uns nicht mehr der Verantwortung für unser Leben, für das, was wir tun und für das, was uns getan wird, entziehen. Wir befinden uns in einem unendlich andauernden „Beitrags-Hin-und-Her“, in dem wir jede Situation immer auch auf Denk- und darauf folgende Handlungsbeiträge von uns zurückführen können. Das kennen Sie bestimmt aus Ihrem beruflichen Alltag: Würden Sie Ihren Mitarbeitern mehr Verantwortung übertragen und Ihre Mitarbeiter ihrerseits mit der Verantwortung verantwortungsvoller umgehen, dann würden Ergebnisse herauskommen, die dazu führen, dass Sie noch mehr Verantwortung übertragen könnten. Oder: Wenn Sie wüssten, dass Ihre Verhandlungspartner auch nur Menschen wie Sie und ich sind, dann würden Sie diese auch wie ganz normale Menschen behandeln und diese sich vermutlich ihrerseits wieder Ihnen gegenüber wie ganz normale Menschen verhalten, was zu einem ganz anderen Verhandlungsergebnis führen könnte.
Die Relationalität, das „Beitrags-Hin-und-Her“, gibt uns eine bislang ungeahnte Macht: Denn wir können anders handeln und damit andere Ergebnisse erzielen (wenn wir denn bereit sind, diese Ergebnisse auch als „anders“ wahrzunehmen). Und wenn wir erst die Tür geöffnet und unsere Welt betreten haben, können wir diese Macht nicht nur wahrnehmen, nein, wir müssen sie sogar wahrnehmen: Denn wir haben die Büchse der Pandora geöffnet und wissen nun, dass wir stets zwischen unterschiedlichen Alternativen wählen können und auch müssen – und für die Folgen unserer Wahl müssen wir die Verantwortung übernehmen. Und damit sind wir, wie Martin Buber schon sagte, „verdammt, frei zu sein“.
Sobald wir in unsere Welt treten, befinden wir uns in der absoluten Subjektivität. Jede Wahrnehmung hat etwas mit uns und mit unserer Perspektive zu tun. Verändern wir (buchstäblich gesprochen) unseren Standpunkt – stellen wir uns also in unserer Welt woanders hin als bisher – so werden wir etwas anderes wahrnehmen und damit auch andere Handlungsmöglichkeiten haben. Nicht bessere vielleicht; aber andere. Aus dieser Beschreibung ergibt sich wie von selbst, dass andere niemals den gleichen Standpunkt wie wir haben können; schließlich müssten sie dann ja auf dem exakt gleichen Platz stehen wie wir und das erleben wir in der Lebenspraxis meist als sehr schwierig. Was hier so leicht dahingesagt ist, hat natürlich schwerwiegende Folgen für unser (Berufs-) Leben: Wenn jeder anders wahrnimmt und dadurch andere Handlungsmöglichkeiten sieht als wir, dann verhält sich jeder der 8 Milliarden Menschen auf dieser Erde zum gegebenen Zeitpunkt auch unterschiedlich. Und keiner wird je genau das verstehen, was wir zum gegebenen Zeitpunkt sagen. Selbst wenn wir meinen, wir verstünden exakt, was der andere sagt, verstehen wir doch immer nur das, was wir subjektiv – von unserem Standpunkt aus – verstehen.
Welchen Standpunkt wir in unserer Welt einnehmen, bestimmen wir: Wir können uns dorthin stellen, wo es uns subjektiv am zweckmäßigsten erscheint. Oder wir legen die masochistische Schallplatte auf und suchen uns einen unbequemen Standpunkt; aber wir können uns dann bei niemandem als bei uns selbst beschweren, dass wir diesen Standpunkt gewählt haben. Vielleicht ärgern wir uns zu einem späteren Zeitpunkt (meist dann, wenn wir einen anderen Standort gewählt haben), dass wir viel zu lange am alten Standpunkt ausgeharrt haben und bezeichnen alles, was wir dort getan haben, als „Fehler“. Aber wir übersehen dabei häufig, dass uns diese „Fehler“ erst ab dem Zeitpunkt als „Fehler“ erscheinen, an dem wir dank des neuen Standpunkts neue Sicht- und Handlungsmöglichkeiten entdeckt haben. Die freie Wahl des Standpunkts kann Vorteile wie auch Nachteile bringen. Aber immer ist es unsere freie Wahl und wir müssen dafür die Verantwortung übernehmen – schließlich war es unsere Wahl.
Sobald wir die Tür geöffnet und unsere Welt betreten haben, nehmen wir unser Leben mit voller Verantwortung in die Hand, indem wir ununterbrochen antworten und die Antworten, die wir geben, immer unmittelbar auf unser Handeln zurückzuführen sind. Wir tun etwas – aber wissen in dem Augenblick, dass wir auch anders handeln könnten, indem wir unseren Standpunkt wechseln. Um noch einen Schritt weiter zu gehen: Wir können – ja, müssen – uns sogar entscheiden, ob wir vor der Türe stehen bleiben oder unsere Welt betreten wollen. Wir können nicht gleichzeitig draußen stehen und eintreten. Viele Menschen, die die Welt schon einmal betreten haben, fragen, ob sie denn nicht zwischen der Guckloch-Welt und dem Teil der Welt hin- und herwechseln können. Natürlich ist dies möglich; das Dumme aber ist: Sobald wir einmal die Büchse der Pandora geöffnet und die Welt betreten haben, können wir uns nicht mehr unbedarft und unschuldig vor unser Guckloch stellen und qualifiziert „echt“ leiden. Wir können sicherlich weiter leiden, aber wir wissen, dass wir dieses Leiden jede Nanosekunde aufs Neue aufgeben können. Und dann sind uns nicht mehr die Hände gebunden, wir sind nicht mehr Opfer der schrecklichen Situation, wir können nicht mehr nichts dafür… Und allein dieses Wissen nimmt unserem Leiden das Jungfräuliche. Denn wer leidet und weiß, er könnte jederzeit diesem Leiden ein Ende bereiten, kann sein Leiden nicht mehr ganz so ernst nehmen und wird auch von seiner Umgebung nicht mehr so richtig ernst genommen. Daher haben wir uns entschieden, die Büchse der Pandora in diesem Buch nicht zu öffnen. Wir beschreiben vielmehr jene Hit-Leidensmeilensteine in unterschiedlichen beruflichen Situationen, die wir in unserer Praxis bislang am häufigsten wahrgenommen haben – jene also, die „todsicher“ wirken. Damit ermöglichen wir unseren Lesern, in der Guckloch-Welt zu bleiben, ihr bestehendes Leiden effektiv zu vergrößern, ohne jemals mit der Pandora´schen Büchse des Teil der Welt-Lebens in Berührung gekommen zu sein. Das macht die Sache einfacher; und gleichzeitig wird die Effektivität des Handelns zur Potenz erhöht. Viele Situationen, die wir hier beschreiben, mögen Ihnen bekannt vorkommen. Zu Ihrer Beruhigung sei erwähnt, dass wir Ihnen mit großer Wahrscheinlichkeit nie zuvor begegnet sind. Vielleicht gehen wir nicht einmal in Ihrem Unternehmen ein und aus. Und es könnte sein, dass wir auch nicht Ihren Chef gecoacht haben. Der Punkt ist: Die Guckloch-Denkhaltung wird unserer Erfahrung nach von 99% der Menschen unserer Umgebung eingenommen; und damit naturgemäß auch von den Shareholdern, Aufsichtsräten, Vorstandsmitgliedern, Chefs, Geschäftsführern, Führungskräften, Projektleitern, Mitarbeitern, Teamkollegen, Auszubildenden und so weiter und so fort. Da mag einem durchaus das eine oder andere bekannt vorkommen. Und von Ihrem „objektiven“ Standpunkt aus als Außenstehender vor dem Guckloch können Sie – was nach Eintritt in die Tür nicht mehr so leicht möglich ist – diese ähnlich erscheinenden Erzählungen hervorragend unter einer zusammenfassen und daraus Ihre Schlüsse ziehen. Unsere Meinung ist: Wer sich für das Leiden entschieden hat, soll qualifiziert, durchgängig und auf höchstem Niveau leiden dürfen. Wobei Ihnen als schlauem Leser wahrscheinlich aufgefallen ist, dass die bewusste Verschärfung des Leidens vor dem Guckloch und der geschlossenen Tür gar nicht möglich ist. Denn wenn uns die Hände gebunden sind und wir nichts, aber auch gar nichts dazu tun können, um unsere Situation zu verändern, können wir diese sicher nicht verbessern – sie aber auch nicht verschlechtern. Wenn Sie also bemerken, dass manche Anregungen zum verstärkten Leiden in Ihrem Berufsalltag durchaus funktionieren, haben Sie eigentlich bereits Ihr Guckloch verlassen und schon durch die Tür Ihre Welt betreten – wenn auch vielleicht nicht auf ganz so elegante Weise wie wenn Sie etwas bewusst anderes tun, um ein für sich positives, besseres, liebenswerteres Ergebnis zu erzielen. Aber vielleicht tun wir Ihnen Unrecht und für Sie ist eine Vergrößerung Ihres Leidens vielleicht gerade etwas „Besseres“. Wir haben in den vergangenen Jahren viele Menschen im Berufsalltag kennengelernt, die geradezu stolz darauf waren, erfolgreich Effektivierungsmaßnahmen für ihr Leiden gesetzt zu haben. Das kann altruistische Gründe haben („Den anderen soll es besser gehen als mir“) oder egoistische („Ich will der Ärmste/ das größte Opfer/ nicht bezwingbar sein“), um damit das Mitgefühl der anderen sichern zu wollen. Mit unseren Hit-Leidensmeilensteinen führt der Weg mit Sicherheit steil nach oben. Dieser Weg ist mitunter steinig, einsam und hart; aber damit ist er nur mehr von dem, was Sie auch jetzt schon erleben. Wer nach langer Tour oben ankommt, wird durch den Blick auf das Gipfelkreuz belohnt. Er hat zwar keine Garantie darauf, dass das Leiden dann zu Ende ist – aber er hat alles dazu getan, um sich das Berufsleben zur Hölle zu machen. Der Ordnung halber möchten wir allerdings an dieser Stelle anführen, dass Sie natürlich auch einen anderen Weg wählen können. Einen, der Ihr Leiden minimiert. Ja, es soll sogar schon Menschen gegeben haben, die ihrem Berufsleben so viel abgewinnen konnten, dass sie es als „erfüllt“, „interessant“ und „bereichernd“ beschrieben haben. Was immer diese Menschen getan haben: Sie haben wissentlich oder unwissentlich etwas dazu getan, um zu diesem Ergebnis zu kommen – aus einer Teil der Welt-Haltung heraus beschrieben (aus der Guckloch-Perspektive haben sie natürlich nur Glück gehabt). Es könnte aber auch sein, dass ihr Tun lediglich darin bestanden hat, einiges nicht zu tun – also zu vermeiden. Was natürlich nicht bedeutet, dass Sie ein erfülltes, interessantes und bereicherndes Berufsleben haben, wenn Sie alle Hit-Leidensmeilensteine vermeiden. Aber einen Versuch wäre es doch wert, oder? Und hier noch ein ernstes Wort: Wir haben uns beim Schreiben dabei ertappt, dass wir nicht immer konsequent nur bei der Beschreibung von Leidenskonzepten geblieben sind. Sie werden immer wieder in den Hitleidensmeilensteinen – mal versteckt, mal auch wieder ganz offen – Hinweise entdecken, wie Sie dem Leiden entrinnen oder ein Ende bereiten können. Diese Hinweise können Sie getrost überblättern, wenn Sie damit nichts anfangen können (oder wollen). Oder Sie können sich anlässlich dieser Stellen über die geistige Begrenztheit Ihrer Mitbürger wundern, die es einfach nicht geschafft haben, aus jeder Situation etwas Leidenswertes zu machen. Das sei an Ihnen!
Willkommen auf dem ersten Leidensweg in diesem Buch. Unter wem könnten wir besser leiden als unter uns selbst? Daher frisch ans Werk; insgesamt 20 Meilensteine haben wir für Ihren persönlichen Leidensweg zusammengestellt (siehe Kasten).
Die Hit-Leidensmeilensteine beim Selbstleiden: Platz 20–1Platz 20: Ich hinterfrage mich nicht! Platz 19: Ich habe keine Zeit, mich zu hinterfragen! Platz 18: Meine Annahmen sind die Realität! Platz 17: Meine wichtigste Annahme: Ich bin, wie ich bin! Platz 16: Ich bin von Idioten umgeben! Platz 15: Ich habe ein Hobby! Platz 14: Vergangenen Chancen trauere ich nach! Platz 13: Krankheit ist Schicksal! Platz 12: Ich warte: auf den Urlaub, auf die Rente und Godot! Platz 11: Eigene Gestaltungsspielräume leugne ich beharrlich! Platz 10: Ich halte am Status Quo fest – um jeden Preis! Platz 9: Ich gehe bis zum „bitteren Ende“! Platz 8: Ich treffe keine Entscheidung! Platz 7: Ich hoffe auf Belohnung von außen! Platz 6: Ich erwarte alles von anderen! Platz 5: Ich erwarte nichts! Platz 4: Ich lasse mich „bemit-leiden“! Platz 3: Ich vergleiche mich mit vermeintlich „Besseren“! Platz 2: Ich bin Opfer! Platz 1: Ich bereue, statt zu lernen!
Keine Angst, Sie müssen die zwanzig Leidensmeilensteine nicht auswendig lernen. Es genügt völlig, wenn Sie sich eine leidende Grundhaltung zu eigen machen. Vielleicht beginnen Sie mit einem Leidensmeilenstein, der Ihnen auf Anhieb zusagt, der Ihnen also am ehesten entspricht und versuchen Sie, darin zu wahrer Meisterschaft zu gelangen. Vielleicht haben Sie aber auch bereits jetzt eine konkrete Vorstellung, wie Sie Ihr Leiden vergrößern können oder aber Sie haben festgestellt, dass Sie das meiste, was wir hier zusammengestellt haben, bereits seit Jahren erfolgreich praktizieren? Wenn Sie das Gefühl haben, ein Urheberrecht auf diesen persönlichen Leidensweg oder einzelne Teile daraus zu haben, setzten Sie sich bitte diesbezüglich mit uns Autoren in Verbindung. Oder kennen Sie vielleicht jemanden, den Sie als den wahren Erfinder dieser „via dolorosa“ bezeichnen würden? Informieren Sie ihn bitte über die Verletzung des Urheberrechts. Leid, wem Leid gebührt. Sollten Sie an einzelnen Leidensmeilensteinen keinen Gefallen finden und keine Lust mehr verspüren, zu leiden, haben wir in diesem Kapitel Modelle und Fragen an das Ende der Leidensmeilensteine gefügt, die sich in unserer Beratungspraxis als erfolgreich erwiesen haben. Vielleicht möchten Sie diese ausprobieren. In den weiteren Kapiteln haben wir auf Wegweiser auf das Leid verzichtet, um Sie nicht allzu sehr zu irritieren.
Eine wunderbare Voraussetzung, unter sich selbst zu leiden, ist es, sich selbst nicht zu hinterfragen und nicht zu reflektieren. Wir können einfach in unserer täglichen Tretmühle bleiben, immer mehr vom selben tun, ohne unsere Handlungen zu hinterfragen. Das hat einen klaren Vorteil: wenn wir nicht hinterfragen, was wir gerade tun, können wir diesbezüglich natürlich auch keine bösen Überraschungen erleben. Es kann natürlich sein, dass wir viel rennen, aber niemals an unseren Zielen ankommen, wenn wir nicht reflektieren; es kann auch sein, dass wir immer wieder in die gleichen Fallen tappen und die gleichen Fehler machen. Das ist halt der Preis für die Sicherheit, dass wir uns selbst Einsichten ersparen, die uns eine Reflektion unseres Handelns ermöglichen könnten. Wir können jedoch auch aus unserer gedanklichen Tretmühle, aus dem Denkalltag heraustreten und uns fragen, „Mag ich noch das, wo ich bin bzw. wie ich mich verhalte?“. Das ist noch recht „harmlos“, wir müssen ja aus unserer Beobachtung keinerlei Rückschlüsse ziehen. Wir können uns aber auch entscheiden, unser Verhalten weiter wie bisher zu führen – aber dann bewusst und unter Einbeziehung des Preises, den wir dafür zahlen – oder ein neues Verhalten wählen. Und dieses Verhalten wenden wir dann an; bis zu jenem Zeitpunkt, an dem es uns wieder als sinnvoll erscheint, unser Tun aufgrund von erlebten Veränderungen in Frage zu stellen.
Das Reflexionsrad (S. Radatz nach H. Maturana)
Nun gut, Sie halten dieses Buch in der Hand und haben damit ja schon einen ersten Schritt in Richtung aus der Tretmühle hin zur Reflexion unternommen. Vielleicht gefällt Ihnen daher Meilenstein 19 als Entschuldigung, um dennoch den Blick nicht nach Draußen zu wagen?
Die Annahme, keine Zeit zu haben, um sich zu hinterfragen oder über sich zu reflektieren, hilft Ihnen bequem darüber hinweg, wenn Sie grundsätzlich vom Nutzen der Selbstreflexion überzeugt sind, aber im Einzelfall doch lieber in Ihrer Tretmühle verweilen wollen. Frei nach dem Motto: „Es ist ein Loch im Boot – das weiß ich – ich habe aber gerade keine Zeit, es zu stopfen, ich muss weiterrudern!“ Sicher kennen Sie wunderbar viele Zeiten, in denen Sie einfach keine Zeit finden, zu reflektieren. Wenn es Ihnen jedoch gelingt, gerade in Zeiten, in denen Sie „keine Zeit haben“, in denen Sie den Wald vor Bäumen nicht sehen, einen Schritt zurückzutreten, dann können Sie auf Ihr Boot mit dem Loch schauen. Bildhaft gesprochen können Sie dann zum Beispiel entscheiden, dass Sie das Loch zurzeit nicht stopfen müssen und weiterrudern können, ohne größeren Schaden zu nehmen. Oder im Gegenteil, Sie können das Loch stopfen, wenn Sie zu der Erkenntnis gelangen, dass Sie ein Weiterrudern ohne Reparatur niemals an Ihr Ziel bringen wird. So weit, so selbstverständlich, werden Sie jetzt vielleicht sagen. Sie könnten sich aber auch – Achtung, Reflexion für Fortgeschrittene – fragen: Ist mein Ziel noch mein Ziel? Und wenn ja: Braucht es das Ruderboot oder gibt es aus heutiger Sicht eine passende Alternative, an mein Ziel zu gelangen?
Diese Überzeugung ist stets hilfreich, um Leiden nicht zu unterbrechen und im Leiden zu verharren. Überdies befinden Sie sich in bester Gesellschaft: Wie viele Menschen in Ihrer Umgebung behaupten, ihre eigenen Annahmen seien Produkt ihrer eigenen Wahrnehmung und ihres eigenen Denkens und beanspruchen nicht für sich, dass ihre Annahmen die Realität sind? Wenn ich davon ausgehe, dass alles (objektiv) so ist, wie ich es erlebe, habe ich wenige Chancen, etwas anderes zu erleben. Dieser Leidenmeilenstein ist in jeder Lebenslage geeignet, am Leiden festzuhalten, selbst wenn es uns stört (wie wunderbar es sich mit dieser Annahme unter anderen leiden lässt, lesen Sie in Kapitel 3). Beispielhafte Blüten, die auf dem Boden dieser Annahmen vorzüglich gedeihen, sind Aussagen wie „Die Situation ist eben so“, „Das erfordert der Markt“ oder „Daran kann ich nun auch nichts ändern“ oder „Ich würde ja gern, wenn…“ Sie sind in unserer traditionellen Arbeitswelt sehr verbreitet und deuten auf eine ausgeprägte Guckloch-Haltung hin (vgl. Kapitel 1). Es befreit Sie von der Gefahr, sich anders zu verhalten, denn es ist ja schließlich so, wie es ist. Und Sie können weiter leiden. Wenn wir aber unter dieser Annahme nicht mehr leiden möchten, könnten wir uns fragen: Welchen Sinn macht es für mich, die Situation so zu betrachten, wie ich sie betrachte? Was nutzt mir diese Betrachtungsweise? Was ist der Preis, den ich für diese Sicht der Dinge bezahle? Was wäre, wenn ich anders auf die Situation schaute? Was wäre der Preis dafür? Entscheiden Sie!
Wir müssen anders denken, wenn wir anders handeln wollen. Für die Veränderung unserer Denkprozesse haben wir aus unserer Sicht zumindest drei Möglichkeiten (Simon, 2005): Wir können jenes Erleben, das unseren Denk- und Handlungsprozessen zugrunde liegt, anders beschreiben
