Leistet Widerstand! - Jean Feyder - E-Book

Leistet Widerstand! E-Book

Jean Feyder

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Beschreibung

Widerstand leisten, für eine gerechtere Welt Jean Feyder war Diplomat und ehemaliger Vertreter Luxemburgs bei der WTO und beobachtet die internationale Politik seit Jahren aus nächster Nähe. Seine Bilanz ist erschütternd: Handelskriege, Umweltzerstörung und die systematische Bevormundung von Entwicklungsländern durch den reichen Norden - die Welt ist aus den Fugen geraten. Feyder unterstützt seit vielen Jahren alternative Ideen, Organisationen und Bürgerinitiativen für eine gerechtere und solidarischere Welt. In seinem neuen Buch weist er nach, wie Konzerne und strukturelle Missstände in Europa, den USA und im Nahen und Mittleren Osten eine wirkliche Veränderung blockieren. Er fordert die Regierungen dazu auf, endlich die Kehrtwende einzuleiten. Denn: Eine andere Welt ist möglich!

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EPUB

Seitenzahl: 327

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Ebook Edition

Jean Feyder

Leistet Widerstand!

Eine andere Welt ist möglich

Vorwort von Jean Ziegler

Mehr über unsere Autoren und Bücher:

www.westendverlag.de

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

ISBN 9-783-86489-693-4

© Westend Verlag GmbH, Frankfurt/Main 2018

Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin

Satz und Datenkonvertierung: Publikations Atelier, Dreieich

Inhalt

Die sanfte Gewalt der Vernunft Vorwort von Jean Ziegler
Einleitung
1 Neoliberalismus und Ausbeutung der Dritten Welt
Wie Europa Fluchtursachen übersieht und verschlimmert
Die Stellungnahme der Zivilgesellschaft in Europa und in Afrika
Die neokoloniale Politik wird fortgesetzt
Wer sind die Nutznießer der WPA?
Eine andere Politik im Interesse Europas und Afrikas
Handel ist Krieg
Kann Europa umdenken?
Das Beispiel der EU-Milchpulverexporte zu Lasten armer lokaler Bauern
Milchkrise in Europa
Ruin der Milchproduzenten im Süden
Die WTO-Ministerkonferenz: Nein zur Hungerbekämpfung!
Die Abschaffung der Agrarsubventionen: Fortschritt oder Nebelkerze?
Wem dient die WTO?
Krisenherd Mali: Zwischen Terrorbedrohung, Armutsbekämpfung und europäischer Doppelzüngigkeit
Armut und Kriminalität
Die Entwicklungshilfe Luxemburgs und Deutschlands
Verordnete Strukturreformen, die zum Niedergang führten
Die Agenda der nachhaltigen Entwicklungsziele: Armutsstrukturen bleiben unangetastet
Sinnvolle Vorschläge und Schwächen der Agenda
Unsichere Finanzierung
Bleiben die reichen Länder glaubwürdig?
Die neoliberale Weltordnung wird nicht in Frage gestellt
Fördert die EU die Entwicklung?
Das Trojanische Pferd der öffentlich-privaten Partnerschaften
Die Initiative »Compact with Africa«
Der »Marshallplan mit Afrika«
Obamas zweifelhafte »Neue Allianz für Nahrungssicherheit und Ernährung«
Strukturelle Schwächen
Die Rolle Luxemburgs
Armut und Ausbeutung in Äthiopien
Die politische Lage
Die Forschungsarbeit von Dessalegn Rahmato
Misere der äthiopischen Bauern
Weisheit und Engagement eines früheren Landwirtschaftsministers
Land Grabbing
Ernsthafte Risiken
Zaghafte Lösungsansätze: Die Arbeit des Welternährungsprogramms (WFP)
Was tut Europa?
Die Mikrofinanzinstitution Decsi
2 Aushöhlung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit
Das fragwürdige CETA-Abkommen
Das Schiedsgericht: Eine Gefahr für die Demokratie
Eine weitere Gefahr: die Regulatorische Kooperation
Privatisierung und Aushöhlung der öffentlichen Daseinsvorsorge
Türöffner für Gentechnik, Fracking und Teersande
Vorsorgeprinzip
Landwirtschaft
Wie geht es weiter?
Neuausrichtung der Handelspolitik
Mit Griechenland, für ein Ende der Austeritätspolitik
Das Diktat und seine Folgen
Luxleaks-Skandal und Prozess gegen die Whistleblower
Wie Luxemburg seine Steuerregelungen entwickelte
Luxemburg fördert Ungleichheiten
Auswirkungen der Luxleaks-Affäre
Der schwierige Kampf gegen Steuerbetrug
Der Prozess gegen die Whistleblower
Reaktionen im Europaparlament
Der dringende Schutz der Whistleblower
Druck vom Menschenrechtsrat und der Zivilgesellschaft
Glyphosat: Krebserregend oder nicht – was steht auf dem Spiel?
Die Frage der Unabhängigkeit der EU-Experten
Milliardenschwere Interessen der Konzerne
Gesundheitsgefährdung von Bauern und Kleinkindern
Eine tägliche Dosis Gift in Obst und Gemüse. Schäden für die Umwelt
Das Internationale Monsanto-Tribunal
Monsanto verletzt Menschenrechte
Das Recht auf eine gesunde Umwelt
Das Recht auf Nahrung
Das Recht auf Gesundheit
Die Freiheit wissenschaftlicher Forschung
Das Ökozid-Verbrechen anerkennen
Die Mitschuld bei Kriegsverbrechen
Den Vorrang der Menschenrechte bekräftigen und multinationale Unternehmen bei Menschenrechtsverletzungen belangen
3 Krieg, Unterdrückung und Terror
Kurzer Geschichtsrückblick: Der Verrat an den Arabern
Wie ist der Islamische Staat entstanden?
Strategiefehler des Westens
Das Chaos in Libyen und der israelisch-palästinensische Konflikt
Islam und Dschihadismus
Wie Dschihadismus in Europa entsteht
Vorstädte und Gefängnisse
Was Dschihadisten motiviert
Der Wahhabismus
Die Muslimbruderschaft
Die Gegensätze im Koran
Islamisierung oder Säkularisierung?
Palästina
Die Nakba, ein Verbrechen gegen die Menschheit
Ein genauer Säuberungsplan
Das Schicksal der Stadt Jaffa
Palästina, Opfer einer Apartheid-Politik
Der Wasserraub im Jordantal
Wie sich der Widerstand organisiert – Die Bewegung »Breaking the Silence«
Stoppt die Mauer
Die BDS-Kampagne
Palästina, wirtschaftliche Mülltonne für Israel
Die militärische Zusammenarbeit zwischen Europa und Israel
Durch EU-Recht verbotene Exporte
Jede militärische Zusammenarbeit Europas mit Israel einstellen
Israel eine Demokratie?
Wie die Palästinenser in Israel diskriminiert werden
Begegnung mit Bassel Ghattas
Israel, ein rassistischer und faschistischer Staat?
4 Eine andere Welt ist möglich
Ernährungssouveränität im Baskenland und im Piemont
Agroökologie: Sinn und Entfaltung eines vieldimensionalen Konzeptes
Der dringende Übergang zu einer agroökologischen Landwirtschaft
Ein wertvolles Instrument im Kampf gegen den Hunger
Agroökologie in Afrika
Vorreiter in Äthiopien
Das ARFA-Projekt in Burkina Faso
Zaï, Agroforstwirtschaft und Push-pull
Agroökologie auf den Philippinen
Hindernisse, Veröffentlichungen, Dokumentation
Kuba und das Erbe Fidel Castros
Die Normalisierung der Beziehungen mit den USA
Das Gesundheitssystem
Erziehungssystem, Spezialperiode, Libretta und nachhaltige Entwicklung
Die Herausforderung der Zukunft
Die Landwirtschaft in Kuba
Die urbane Landwirtschaft
Das Forschungszentrum Hatuey
Andere Initiativen zur Unterstützung der Agroökologie
Nicaragua gestern und heute
Daniel Ortega kehrt an die Macht zurück
Freihandelsabkommen und Armutsbekämpfung
Reise mit Fairtrade
Granada, Managua, Léon, Esteli, Jinotega …
Die Soppexcca-Kooperative, Partner von Fairtrade
Die Philippinen – Duterte: Hoffnungsträger für die Armen?
Dutertes Reformvorhaben
Die Marginalisierung und Unterdrückung der Kleinbauern
Eine unabhängige Außenpolitik
Einseitige Berichterstattung
Sozialer Fortschritt in Davao
Erfolge der Zivilbevölkerung
Rückschläge im Jahre 2017
Papst Franziskus: Eine andere Welt ist möglich
Laudato si’
Stéphane Hessel und die Botschaft der Hoffnung
Empört Euch!
Für die Anerkennung der Rechte der Palästinenser
Der einzuschlagende Weg – Edgar Morin: La Voie
Hugo Chávez: Einsatz für eine strukturelle Bekämpfung der Armut
Im Dienst der Armen
Eine außergewöhnliche soziale Bilanz
Die Integrationsförderung Lateinamerikas
Der Staatsstreich gegen Chávez
Das Erbe von Hugo Chávez
Krise unter Präsident Maduro
Schlussfolgerungen
Abkürzungsverzeichnis
Anmerkungen
1 Neoliberalismus und Ausbeutung der Dritten Welt
2 Aushöhlung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit
3 Krieg, Unterdrückung und Terror
4 Eine andere Welt ist möglich

Die sanfte Gewalt der Vernunft Vorwort von Jean Ziegler

Bertolt Brecht schreibt: »Ja, ich glaube an die sanfte Gewalt der Vernunft über die Menschen. Sie können ihr auf die Dauer nicht widerstehen. Kein Mensch kann lange zusehen, wie ich einen Stein fallen lasse und dazu sage: er fällt nicht. Dazu ist kein Mensch imstande. Die Verführung, die von einem Beweis ausgeht, ist zu groß. Ihr erliegen die meisten, auf die Dauer alle..«

Jean Feyder ist ein außergewöhnlich talentierter Diplomat, ein brillanter Autor und ein starrköpfiger Realist. Er glaubt an die sanfte Gewalt der Vernunft, um diese kannibalische Weltordnung zu stürzen.

Jean Feyder war lange Jahre Botschafter des Großherzogtums Luxemburg beim europäischen Sitz der Vereinten Nationen und den anderen internationalen Organisationen in Genf. Er hat dort mit großer Sachkenntnis und viel persönlichem Mut einen politischen Einfluss ausgeübt, der in keinem Verhältnis stand zur diplomatischen, wirtschaftlichen Bedeutung seines Heimatlandes (Luxemburg hat eine Einwohnerzahl vergleichbar mit jener des Kantons Genf). Wenn er redete war es mucksmäuschenstill in dem freskenbemalten Saal der Welthandelsorganisation oder im Saal der »Allianz der Zivilisationen«, wo der UNO-Menschenrechtsrat tagt. Der chinesische Botschafter, die amerikanische Botschafterin hörten genau hin.

Jean Feyder tritt bescheiden auf. Seine intellektuelle Brillanz wirkt nie arrogant. Er redet leise, aber er war und ist – wie mir Siad Doualeh, der somalische Poet und Botschafter Djiboutis, oftmals versicherte –, die »Stimme der Menschen ohne Stimme«, »unser Mann«, »wir vertrauen ihm«.

Der Mann aus dem Kleinstaat Luxemburg besetzte in der multilateralen Diplomatie regelmäßig entscheidend wichtige Posten, zum Beispiel den Vorsitz des Rates für Handel und Entwicklung in der UNCTAD.

Alle fünf Sekunden stirbt auf unserem Planeten ein Kind unter zehn Jahren an Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen. Der »World-Food-Report« der FAO, in dem die Zahl der Opfer zu finden ist, die von niemand bestritten wird, besagt, dass die Landwirtschaft heute 14 Milliarden Menschen – also fast das Doppelte der gegenwärtigen Weltbevölkerung – ernähren könnte. Das Problem ist nicht mehr fehlende Produktion, sondern fehlender Zugang zu Nahrung. Fazit: Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.

Wir leben unter der Weltdiktatur der Oligarchen des globalisierten Finanzkapitals. Vergangenes Jahr haben die 500 größten transkontinentalen Privatkonzerne über die Hälfte des weltweiten Bruttosozialproduktes kontrolliert. Diese Konzerne bestimmen zwar den wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt, entziehen sich aber jeglicher sozialer staatlicher, parlamentarischer, gewerkschaftlicher Kontrolle. Es gilt nur ein einziges Prinzip: Die Profitmaximierung in möglichst kurzer Zeit und das häufig unter Missachtung der Menschenwürde.

Sie besitzen eine politische, ideologische, wirtschaftliche Macht, wie sie kein Kaiser, kein Papst, kein König je gekannt hat. In seiner Funktion in der UNCTAD versuchte Jean Feyder unermüdlich, Abkommen gegen den Zerfall der Rohstoffpreise durchzusetzen – für viele Völker der südlichen Hemisphäre eine Frage des Überlebens. Er machte sich zum Anwalt von asymmetrischen Wirtschaftsabkommen zwischen den Industrieländern und Dritt-Welt-Staaten (die Bevorzugung ärmerer Länder im internationalen Waren- und Kapitalverkehr), weil er wusste, dass ein ungehemmter globalisierter Freihandel die Industrialisierung und wirtschaftliche Entwicklung im Süden unmöglich macht.

Jean Feyder ist ein informierter, kluger, unbeugsamer Feind der neoliberalen Wahnidee. Sein Buch zeugt von seiner analytischen Potenz und Überzeugungskraft. Ich selbst habe als UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung und später als Vizepräsident des beratenden Ausschusses des UN-Menschenrechtsrates schwierige Momente erlebt. Die Diffamierungskampagnen, welche einzelne Staaten gegen nicht genehme UNO-Mandatsträger führen, sind heftig und zuweilen unerträglich. In diesen schwierigen Momenten habe ich vom diplomatischen Talent und dem freundschaftlichen Rat von Jean Feyder profitiert. Dafür bleibe ich ihm zutiefst dankbar.

Ich habe mich oft gefragt, wie die außergewöhnliche Position von Jean Feyder im komplexen, konfliktgeladenen Universum der multilateralen Diplomatie zu erklären ist. Das Geheimnis, so scheint es mir, sind seine Allianzen. Jean Feyder ist eng befreundet mit Heiner Flassbeck, einer der ganz großen Wirtschaftswissenschaftler unserer Zeit. Flassbeck ist nicht nur einer der einflussreichsten, kreativsten Theoretiker, er war auch lange Jahre der prestigereiche Chefökonom der UNCTAD.

Gleichzeitig ist Jean Feyder ein enger Freund von Mamadou Cissoko. Mamadou Cissoko, den Feyder häufig in den Völkerbundpalast in Genf eingeladen hat, ist eine beeindruckende Erscheinung. Der über Siebzigjährige mit seiner unverkennbaren grauen Wollmütze auf dem mächtigen Schädel, seiner Intelligenz und Schlagfertigkeit, seinem schallenden Lachen ist ohne Frage der wichtigste Bauerngewerkschafter Afrikas. Von Haus aus Lehrer, hat er schon in jungen Jahren seinen Beruf an den Nagel gehängt und ist 1974 in sein Dorf Bamba Thialène, 400 Kilometer östlich von Dakar, zurückgekehrt und Bauer geworden. In den folgenden Jahrzehnten hat er mit ROPPA die mächtigste Bauerngewerkschaft Westafrikas aufgebaut. Unvergesslich bleiben die Sitzungen, in denen Mamadou mit zorniger Stimme im Völkerbundpalast den versammelten Botschafterinnen und Botschaftern den Kampf des ROPPA gegen den Landraub durch die Konzerne erläutert hat.

Jean Feyders Buch Leistet Widerstand! ist ein wichtiges und vor allem ein außerordentlich informatives Werk mit vielen präzisen Fallanalysen und faszinierenden Erlebnisberichten: Das Martyrium des palästinensischen Volkes findet ebenso Beachtung wie der anscheinend aussichtslose Kampf der Bauern in Nicaragua. Die kannibalische Weltordnung scheint für den Moment allmächtig. Aber die letzten Kapitel – ausgehend von der erneuten Lektüre der Werke von Stéphane Hessel und Eduardo Galeano – handeln von Hoffnung.

Hoffnung… Wir schulden Jean Feyder für seinen jahrzehntelangen Kampf und für dieses Buch Bewunderung und Dankbarkeit.

Denn zu Recht sagt Bertolt Brecht: »So viel ist gewonnen, wenn nur einer aufsteht und Nein sagt!«

Jean Ziegler ist Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrates und Autor des Buches Der schmale Grat der Hoffnung (C. Bertelsmann, 2017).

Einleitung

Ich habe 2012 in Genf meine Karriere im diplomatischen Dienst Luxemburgs abgeschlossen. In den sieben Jahren zuvor konnte ich Luxemburg bei allen dort ansässigen UNO-Organisationen vertreten, wie bei dem Menschenrechtsrat, der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Weltarbeitsorganisation (ILO), der UNO-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD) und auch bei der Welthandelsorganisation (WTO). Die dort behandelten Aufgaben und Probleme waren mit bereits bestens bekannt, denn ich hatte zuvor als Direktor für Entwicklungszusammenarbeit in Luxemburg wertvolle Informationen und Erfahrungen über zahlreiche Themen sammeln können, die vor allem die Entwicklungsländer betreffen. Das Interesse für die Nord-Süd-Beziehungen hat mich mein Leben lang begleitet und, damit verbunden, der Widerstand gegen Hunger, Armut, Ausbeutung und Unterdrückung der Bevölkerungen in den Entwicklungsländern.

Die UNCTAD wurde dreißig Jahre vor der WTO gegründet als eine Organisation, die den Welthandel besser regulieren sollte. Sie entwickelte ein System der bevorzugten Behandlung ärmerer Länder sowie eine Reihe von Abkommen, um den Verfall der Rohstoffpreise aufzuhalten und Ländern, die von deren Export abhängen, ein angemessenes Einkommen zu sichern. Im Verlaufe der wachsenden Liberalisierung des Welthandels unter dem Impuls der Industriestaaten, wurde die UNCTAD dann in den 1980er Jahren mehr und mehr ins Abseits gedrängt zugunsten des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT) und der 1994 gegründeten WTO. Sie lieferte dennoch immer wertvolle Berichte und war eine wichtige Plattform für kritische Diskussionen.

Mir wurde von 2009 bis 2010 bei der UNCTAD der Vorsitz des Rates für Handel und Entwicklung anvertraut. Dieser Rat hatte insbesondere die Aufgabe, den Fortschritt der Millenniums-Entwicklungsziele zu prüfen, die sich die UNO in Zusammenarbeit mit Vertretern der Weltbank, des IWF und des Ausschusses für Entwicklungshilfe der OECD zehn Jahre zuvor gesetzt hatte. Ich nutzte diese Gelegenheit, bedeutende Schwächen der Entwicklungsstrategie aufzuzeigen und diese auch in New York bei Sitzungen des UN-Wirtschafts- und Sozialrats (ECOSOC) klarzustellen – eine Strategie, die lediglich die Symptome der Armut behandelte, nicht aber deren Ursachen. Der Vorsitz dieses Rates erlaubte es mir, insbesondere auf die neoliberalen Handelsspielregeln aufmerksam zu machen, die arme Entwicklungsländer dazu gebracht haben, ihre Märkte zu früh zu öffnen und Kleinproduzenten und Kleinbauern einer existentiell ruinösen Konkurrenz der Industrieländer auszusetzen, die keine wirkliche Entwicklung zulässt.

Unser Rat befasste sich auch mit der humanitären Krise in Haiti, das Anfang 2010 von einem äußerst schweren Erdbeben erschüttert worden war. Ich wies immer wieder darauf hin, wie die Wirtschaft dieses Landes von den Liberalisierungsmaßnahmen zerstört wird. Ich erklärte etwa, dass Reis dort das wichtigste Nahrungsmittel sei und dass noch vor zwanzig Jahren die Kleinbauern in Haiti ihren gesamten Eigenbedarf selbst produzieren konnten. Diese Bauern mussten dann erleben, wie die strukturellen Anpassungsprogramme der Weltbank und des IWF es den USA erlaubten, ihren Reis zu Dumpingpreisen nach Haiti zu importieren, und heute 90 Prozent des Reismarktes für sich in Anspruch nehmen. So wurden die Kleinbauern mit ihren Familien aus dem Markt verdrängt und ihre Lebensgrundlagen zerstört. Für viele blieb nur die Abwanderung in die Slums von Port-au-Prince. Seit vielen Jahren fordert neben der Zivilgesellschaft insbesondere die UNCTAD eine Neuregulierung der Märkte der ärmsten Entwicklungsländer. Bis heute ohne Erfolg.

Bei der WTO hatte ich über vier Jahre den Vorsitz eines Unterausschusses für die am wenigsten entwickelten Länder inne. Während meiner Arbeit konnte ich mich davon überzeugen, dass diese Organisation weitgehend die Interessen der reichen Länder vertritt und unter dem Vorwand ihrer Integrierung in die Weltwirtschaft, die ärmeren Länder in eine falsche Richtung führt. Die WTO stellt die Anpassungsprogramme und die frühzeitige Liberalisierung der Volkswirtschaften von Entwicklungsländern in keiner Weise in Frage. Zusätzlich wurde es diesen Ländern verboten, ihren Bauern Subventionen zu zahlen, während die reichen Länder diese Praxis fortführen durften.

Die Entwicklungsländer wiederum wurden dazu gebracht, Produkte, vor allem Agrarrohstoffe, für den Export zu fördern. Gleichzeitig wurde die einheimische Nahrungsmittelproduktion mehr und mehr vernachlässigt und musste mit Importen ausgeglichen werden. Das führte zu Handelsdefiziten und erhöhten Schulden und schließlich zur Ausbreitung von Armut und Hunger.

Zurück in Luxemburg war es für mich eine logische Konsequenz, mich auf der Seite der Zivilgesellschaft für gerechtere Handelsspielregeln einzusetzen. Ich nahm meine Mitarbeit wieder bei der NGO »Action Solidarité Tiers Monde«, auf, die sich für andere, gerechtere Beziehungen mit den Bevölkerungen im Süden einsetzt. So wurde ich eingeladen, bei einer Plattform von Organisationen, unter ihnen unsere größten Gewerkschaften, mitzumachen, die TTIP und CETA ablehnt und für den Stopp der Verhandlungen eintritt. Bei diesen sollen Schiedsgerichte eingerichtet werden, die sich über das europäische Recht hinwegsetzen, die Demokratie in Europa aushöhlen und den multinationalen Konzernen einseitig Klagerechte zugestehen. Diese erlauben ihnen, gegenüber Staaten Entschädigungen bei diesen Gerichten einzufordern, wenn sie der Ansicht sind, Gesetzesänderungen hätten ihnen Profite entgehen lassen. Wichtige Errungenschaften, wie das Prinzip des Vorsorgerechtes werden in Frage gestellt. Privatisierung bedroht öffentliche Daseinsvorsorge. Unberücksichtigt bleiben die Interessen der Entwicklungsländer. Inzwischen wurde CETA unterzeichnet und den nationalen Parlamenten zur Ratifizierung zugeleitet. Der Widerstand der Zivilgesellschaft geht weiter.

Die aus Afrika kommenden Migranten werfen die Frage der Flucht­ursachen dieser Menschen auf, die ihr Leben aufs Spiel setzen, um nach Europa über Lampedusa zu gelangen, wobei Tausende im Mittelmeer ertrinken. Die neoliberalen Entwicklungsstrategien, die den Entwicklungsländern aufgezwungen wurden, zählen zu den tieferen Ursachen für das Elend und die Perspektivlosigkeit, die Menschen dazu bringen, ihr Land zu verlassen. Die Fluchtursachen dieser Menschen sind direkt von den reichen Ländern des Nordens geschaffen.

Trotzdem wird die Frage der Fluchtursachen immer wieder völlig übergangen. So auch beim Migrationsgipfel, der 2015 in der maltesischen Hauptstadt Valletta unter Teilnahme vieler europäischen und afrikanischen Staats- und Regierungschefs stattfand. Hier ging es in der Hauptsache um die Zurückführung von afrikanischen Migranten, wozu die Europäer die Zusammenarbeit der Afrikaner einforderten und ihnen im Gegenzug Finanzhilfen anboten.

Schon seit längerer Zeit hatte ich beobachtet, wie die EU, unter der Führung von Jean-Claude Juncker, afrikanische Staaten mit großem Druck dazu brachte, die Verträge über die sogenannten Wirtschaftlichen Partnerschaftsabkommen (WPA) zu unterschreiben. Unter der Androhung von Handelsbeschränkungen, wurden die Länder gezwungen, ihre Märkte noch weiter zu öffnen, Zölle weiter herabzusetzen und auf unersetzliche Zolleinnahmen für ihre Erziehungs- und Gesundheitshaushalte zu verzichten. Diese Abkommen behindern den Aufbau einer eigenständigen Landwirtschaft und Industrie. CONCORD, die Plattform europäischer NGOs in Brüssel, kam 2015 in einem Bericht über das mit Westafrika abgeschlossene WPA zu dem Schluss, dass dieses Abkommen nicht zur Entwicklung beiträgt, sondern lediglich die Interessen europäischer Konzerne begünstigt. Sowohl die europäische wie die afrikanische Zivilgesellschaft lehnen diese WPA ab. 2016 beteiligte ich mich an den Arbeiten unseres Cercle de coopération des ONG, unserer NGO-Plattform, die Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker einen Brief zukommen ließ, um gegen ein erneutes Ultimatum zu protestieren, über das die Kommission alle afrikanischen Staaten aufforderte, unter Androhung von Handelsbeschränkungen die WPA in Kürze zu unterzeichnen. Ich selbst nutzte jede Gelegenheit, die diesem Abkommen zugrunde liegende neokoloniale Politik öffentlich aufzuzeigen und anzuprangern.

Der Milchpulverexport der EU in afrikanische Märkte illustriert diese Ungerechtigkeiten. Die Krise auf dem EU-Milchmarkt bringt die EU dazu, immer mehr Milch in Milchpulver zu verwandeln, die nicht auf dem EU-Markt verbraucht werden kann. Sie wird deshalb immer mehr in die Märkte insbesondere von afrikanischen Entwicklungsstaaten exportiert und dort zu Dumpingpreisen verkauft – auf Kosten der lokalen Produzenten.

Es sind auch die strukturellen Anpassungsprogramme der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds, die die Grundlagen eines Landes wie Mali, das mit großer Armut zu kämpfen hat, geschwächt haben. Dies ist einer der tieferen Gründe, die dazu führten, dass infolge der Libyenkrise dem Terrorismus das Tor geöffnet wurde und das Land in eine dauerhafte Krise versetzt wurde.

Bei der WTO-Ministerkonferenz in Nairobi 2015 lehnten die Industriestaaten alle Vorschläge der Entwicklungsländer ab, die Ansätze für eine effektive Hungerbekämpfung geboten hätten. Sie waren etwa gegen eine endgültige Regelung, die es der indischen Regierung erlaubt hätte, Kleinbauern im Land zu subventionieren. Ebenso lehnten die USA auch eine von den Entwicklungsstaaten geforderte Wiederaufnahme der DOHA-Verhandlungsrunde ab. Diese Konferenz, die eigentlich eine Entwicklungsrunde werden sollte, steckt weiter in einer Sackgasse, da es die Industriestaaten vorziehen, ihre Handelsinteressen über bilaterale oder regionale Handelsabkommen durchzusetzen.

2015 wurde bei einem UN-Gipfel in New York eine neue Agenda nachhaltiger Entwicklungsziele vereinbart. Es gibt sicherlich wertvolle Ansätze in dieser Agenda, sie hat allerdings keinen verpflichtenden Charakter und auch nicht die Achtung der Menschenrechte als verbindliches Ziel gesetzt. Das größte Manko jedoch ist, dass weder die bestehende neoliberale Marktordnung in Frage gestellt wird, noch die Finanzindustrie und die Börsenspekulation auf Agrarrohstoffe problematisiert werden. Wie können unter diesen Vorzeichen die großen Ziele, wie die in der Agenda vorgesehene Beendung der Armut und des Hungers, bis 2030 erreicht werden? Es stellt sich die Frage, ob nicht auch diese Agenda blind ist in Bezug auf die strukturellen Ursachen dieser Probleme.

Wir leben in einer Welt, die mehr und mehr von den Interessen der Konzerne und den Finanzmärkten dominiert wird. Es kommt zu einer leisen Privatisierung der staatlichen Machtausübung. Ein Beispiel hierfür sind die sogenannten öffentlich-privaten Partnerschaften. Wie bei der von Obama ausgerufenen »Neuen Allianz für Nahrungssicherheit und Ernährung« werden unter dem Vorwand der Armutsbekämpfung multinationalen Unternehmen, wie Monsanto, die Tür für neue Märkte in Entwicklungsländern geöffnet und die Regierungen der Entwicklungsländer verpflichtet, dazu ihre Gesetzgebung abzuändern und flexibler zu gestalten. Kleinbauern sind die Leidtragenden dieser Partnerschaften.

Ein Aufenthalt im Vielvölkerstaat Äthiopien von 2013 bis 2014 erlaubte es mir, das Los der Kleinbauern in diesem Lande kennenzulernen, die die große Mehrheit der Bevölkerung ausmachen und von denen die meisten heute wie gestern unter recht armseligen Be­dingungen leben, wohnen und arbeiten. Ich hatte eindrucksvolle Gespräche mit einem früheren Landwirtschaftsminister, der eine bedeutende Landreform in Bewegung gebracht hatte, die dem Feudalismus ein Ende setzte. Es folgten Kollektivierungsmaßnahmen, die Mengistu den Bauern aufzwang und diese in die Opposition trieb. Dort konnte ich mich auch über das Phänomen des Land Grabbing informieren, das die Regierung dazu brachte, Hunderttausende Hektar Land an ausländische Multimillionäre zu verpachten, um ihnen eine Agrarproduktion für den Export zu erlauben – auf Kosten der einheimischen Bauern, die von dem verpachteten Land vertrieben werden, manchmal sogar mit Gewalt.

Die Austeritätsprogramme im Süden haben sich seit der Finanzkrise 2008 immer mehr auch in Europa ausgebreitet. Sie haben besonders mehrere EU-Mittelmeerstaaten getroffen. Zu ihrer Lösung hat die Troika Ländern wie Griechenland Programme verschrieben, die über drastische Lohn- und Rentenkürzungen sowie Steuererhöhungen zu dramatischen Einbußen der Kaufkraft geführt haben. So wurde Griechenlands Wirtschaft sehr großer Schaden und seiner Bevölkerung sehr viel Leid zugefügt. Die Schulden Griechenlands haben sich weiter wesentlich erhöht und machen inzwischen 180 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) dieses Landes aus. Was den Misserfolg dieser Politik unter Beweis stellt. Beschämend, wie Europa einfach hinnimmt, dass in Griechenland und zum großen Teil auch in Spanien und in Portugal die Arbeitslosigkeit über die Hälfte der Jugendlichen trifft und viele von ihnen gezwungen sind auszuwandern. Erschreckend, wie Griechenland an Souveränität verliert, wie die Bevölkerung in Armut absinkt und die Kindersterblichkeit zunimmt. Was sich 2015 für Griechenland unter dem Impuls Deutschlands abgespielt hat, ist eine Erniedrigung für das griechische Volk und ein Rückschlag für die Demokratie.

Europa steckt in einer tiefen, existentiellen Krise. Mehr und mehr Bürger haben jedes Vertrauen in die Demokratie und in Europa verloren und bleiben an Wahltagen zu Hause. Oder sie wählen europa­skeptische, nationalistische und rechtsextreme Kräfte, die überall auf dem Vormarsch sind. Groß war die Unruhe bei vielen in Frankreich und in Europa, als sich Marine Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen im Frühling 2017 für die zweite Wahlrunde qualifizieren konnte. Tatsache ist, die Globalisierung und die immer stärkere Rolle der Finanzwelt und der Konzerne verunsichern immer breitere Schichten der Gesellschaft, die Arbeitsbedingungen werden prekärer und die Aussichten auf bessere Lebensstandards verschlechtern sich.

Für diese Krise hat Deutschland eine besondere Verantwortung zu übernehmen. Die Hartz-IV-Reformen verstießen gegen die im Euro­raum vereinbarte Disziplin im Inflationsbereich und bewirkten ein Sozialdumping, das deutschen Unternehmen Wettbewerbsvorteile gegenüber den Konkurrenten der anderen Länder der Eurozone sicherte. Als Resultat sank zwischen 2008 und 2017 die Arbeitslosenquote in Deutschland von 7,4 Prozent auf 4,1 Prozent, während sie beispielsweise in Frankreich von 7,4 auf 10,1 Prozent stieg. Und mit einer auf den Export ausgerichteten Wirtschaft hat Deutschland mittlerweile einen Überschuss seiner Handelsbilanz von über acht Prozent des BIP erreicht. Eine andere Disziplinklausel beschränkt solche Überschüsse auf sechs Prozent. Bei steigenden Ungleichheiten zwischen den Nord- und Südstaaten der Eurozone werden immer stärkere Zweifel an den Überlebenschancen einer gemeinsamen Währung geäußert.

Zu den Missständen in unserer Gesellschaft gehören ebenfalls die Steuerparadiese. Die Luxleaks-Affäre hat gezeigt, wie die Konzerne es fertig bringen, mit der Beihilfe von Staaten wie Luxemburg, die Zahlung von Steuern zu umgehen oder zu minimieren. Die Schaffung eines steuerlich privilegierten Umfelds für multinationale Unternehmen kann zwar durchaus legal sein. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die breite Öffentlichkeit diese Praxis als gerecht ansieht. Luxleaks führte dazu, dass grundsätzliche Fragen zur Besteuerung multinationaler Unternehmen aufgeworfen wurden. Warum hat der einfache Bürger, der einfache Beschäftigte in einer Gesellschaft Steuern zu zahlen, sogar immer mehr Steuern, wie auch Klein- und Mittelbetriebe, aber nicht mächtige Konzerne und Finanzgesellschaften, die sowieso den größten Teil der Reichtümer dieser Erde für sich in Anspruch nehmen? Ist dies nicht ein skandalöser Betrug an der Allgemeinheit, letztlich auch an Europa?

Die internationale Hilfsorganisation Oxfam schätzt, dass die EU-Mitgliedstaaten durch die Steuervermeidung multinationaler Konzerne jedes Jahr etwa 50 bis 70 Milliarden Euro verlieren. Diese aggressive Praxis der Steuer-Rulings ist also vor allem auch eine Katastrophe für die Staaten in Europa und der Entwicklungsländer, denen Steuereinnahmen in Milliardenhöhe entgehen. Durch die sogenannte Steueroptimierung entstehen Haushaltslöcher, die durch Sozialabbau und Steuererhöhungen kompensiert werden müssen.

Steueroasen schwächen auch die Demokratie und die Menschenrechte. Sie sind außerdem eine Ursache für die stets steigenden Ungleichheiten auf unserem Planeten, die Oxfam in ihren Berichten beschreibt. Nur acht Milliardäre verfügen demnach über mehr Vermögen als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Ein Jahr zuvor waren es noch 62 Milliardäre.

2016 fand in Luxemburg der Prozess gegen die Whistleblower der Luxleaks-Affäre, Antoine Deltour und Raphaël Halet, statt, die die geheimen Steuerdokumente herausgegeben hatten. Sie wurden zu Gefängnis- und zu Geldstrafen verurteilt. Diese Urteile wurden vom Europaparlament und der Zivilgesellschaft scharf kritisiert. Whistleblower, die im Interesse der Allgemeinheit handeln, müssten per Gesetz vor einer späteren Verurteilung geschützt sein.

Meine Zusammenarbeit mit der UNCTAD gab mir auch die Gelegenheit, zu dem Trade and Environment Report 2013 beizutragen, der den Titel trägt Wake up before it is too late (zu Deutsch: Wacht auf, bevor es zu spät ist) und der aufgrund des Klimawandels eine sofortige Abkehr von einer umweltschädlichen, konventionell-industriellen Agrarproduktion fordert und einen Übergang zu einer agroökologischen Landwirtschaft, die ohne gesundheitsgefährdende Pestizide auskommt.

Von besonderem Interesse waren auch die Arbeiten des Menschenrechtsrates. Ich nahm des Öfteren Stellung zu den Berichten über die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Menschenrechte, wie dem Recht auf Gesundheit, auf Erziehung und auf Ernährung, die UN-Sonderberichterstatter vortrugen. Die Vorbereitung meines Buches Mordshunger vertieften meine Kenntnisse über die Hungerthematik und das Welternährungsproblem. Ich verfolgte stets mit besonderem Interesse die Vorträge und Berichte von Jean Ziegler, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, und nach 2008 die von Olivier de Schutter. Letzterer erlaubte mir, vor allem die Notwendigkeit und die Vorteile einer agroökologischen Landwirtschaft zu erkennen.

Agroökologie ist eine Landwirtschaft, die ohne Pestizide auskommt. Glyphosat, eines der am häufigsten gebrauchten Pestizide, ist wahrscheinlich krebserregend, stellt die Weltgesundheitsorganisation klar. Die Experten, die die EU-Kommission beraten, bestreiten das allerdings und befürworten eine weitere Anwendung dieser Stoffe. Ob diese Experten unabhängig sind, ist fraglich. Wie gefährlich Glyphosat für Mensch und Natur ist, bewies das internationale Monsanto-Tribunal, das im Oktober 2016 in Den Haag stattfand. Dort hatten 24 Glyphosat-Opfer die Gelegenheit, aus erster Hand über missgebildete Neugeborene, kranke und ruinierte Bauern, verschmutzte Gewässer und zerstörte Böden zu berichten. In ihrem Rechtsgutachten stellt das Tribunal fest, dass die Handlungen Monsantos Reglementierungen und fundamentale Menschenrechte verletzen, zum Beispiel das Recht auf eine gesunde Umwelt, das Recht auf Ernährung, das Recht auf Gesundheit, das Recht auf Information für wissenschaftliche Forschung. Weiterhin wurde die Anerkennung eines Ökozid-Verbrechens im Völkerrecht befürwortet. Das Tribunal wies mit Nachdruck auf den beträchtlichen und sich ausweitenden Graben zwischen Menschenrechten und der Verantwortung von transnationalen Konzernen hin. Wenn Konzerne gegen das Recht auf ein menschenwürdiges Leben verstießen, müsse es möglich sein, sie dafür zu belangen.

Bei meinen Aufenthalten in Entwicklungsländern bekam ich Einblicke in die Entfaltung dieser alternativen Landwirtschaft. Zum Beispiel in Burkina Faso, wo Mathieu Sawodogo in etwa 30 Dörfern agroökologische Methoden über das von der Nichtregierungsorganisation ASTM unterstützte ARFA-Projekt lehrt; in Äthiopien, wo ich das Forschungs- und Ausbildungszentrum »Integrated Biofarm« von Dr. Getachew Tikubet besuchen konnte; auf den Philippinen, wo unser Partner MASIPAG eine Bank für einheimische Reissorten unterhält und Kleinbauern mit der Praxis organischer Landwirtschaft vertraut macht.

Mein Interesse für diese Entwicklung brachte mich dazu, an einer Reise über Ernährungssouveränität und Agroökologie ins Baskenland und ins Piemont teilzunehmen, die von »Food First«, einer kalifornischen Organisation für Ernährung und Entwicklung, organisiert wurde. Hier konnten wir uns Beispiele der Praxis einer organischen und diversifizierten Landwirtschaft ansehen, verbunden mit der Ausnutzung der Wertschöpfungskette auf dem Bauernhof, zum Beispiel über die Produktion von Käse, Apfelsaft, Wurst und den Direktverkauf vom Produzenten an den Konsumenten, die Förderung eines sozialen Zusammenlebens auf lokaler und regionaler Ebene, den Aufbau von Kooperativen und die Entwicklung des Agrotourismus.

2014 führte mich eine Reise von Food First nach Kuba, die uns Einsicht in die urbane Landwirtschaft und die dort entwickelte Agroökologie vermittelte. Kubas Landwirtschaft war über Jahrzehnte von Importen aus der Sowjetunion abhängig, die nach dem Zerfall schlagartig gestoppt wurden. Das Land befand sich daraufhin in einer absoluten Notlage, schaffte es aber innerhalb weniger Jahre, seine Landwirtschaft völlig umzustrukturieren, Kleinbauern Entfaltungsmöglichleiten anzubieten und über die Anlegung einer urbanen Landwirtschaft um alle Städte herum eine agroökologische Landwirtschaftsproduktion zu entwickeln, die heute den Einwohnern aller Städte gesunde Nahrungsmittel bereitstellt.

Unter Präsident Obama wurden die diplomatischen Beziehungen mit Kuba normalisiert. Das gegen Kuba verhängte Wirtschaftsembargo geht aber weiter. Die über Jahrzehnte gegen Kuba unternommenen Terroraktivitäten der USA haben etwa 3 500 Kubaner das Leben gekostet und bedeutende Wirtschaftsschäden angerichtet. Trotzdem brachte es Kuba fertig, einen der besten Gesundheitsdienste für alle Kubaner gratis bereitzustellen. Es gibt 20 medizinische Hochschulen in Kuba, davon eine Lateinamerikaschule, wo 6 000 Studenten aus Entwicklungsländern ihre Ausbildung erhalten. 20 000 kubanische Ärzte sind in Entwicklungsländern tätig.

Der Tod von Fidel Castro wurde von vielen westlichen Medien zum Anlass genommen, ihn als einen brutalen Diktator oder gar als Tyrannen darzustellen. Tatsächlich aber hat er seinem Land zu einem außergewöhnlichen Ansehen in der Welt, insbesondere unter Entwicklungsstaaten verholfen. Die Revolution in Kuba hat den Rassismus besiegt, die Emanzipation der Frau gefördert, Analphabetismus beendet, Kindersterblichkeit drastisch reduziert und das Kulturniveau gehoben. Auf all diesen Gebieten hat Kuba ein höheres Niveau erreicht als alle Staaten in der Region. Kuba hat zwar auch mit unverkennbaren wirtschaftlichen und sozialen Schwächen zu tun. Dennoch bleibt Kuba eine Referenz für Millionen auf der Welt lebende Arme. Mit seiner entscheidenden Intervention in Angola, verhalf Fidel Castro diesem Land zum Sieg über die Truppen Südafrikas, für Nelson Mandela ein Wendepunkt in der Befreiung des Kontinents von der Apartheid.

Fidel Castro lehnte jeden Personenkult ab. Sein Rednertalent, sein Mut, seine Entschlossenheit, sein Einsatz für Solidarität mit den Unterdrückten und für soziale Gerechtigkeit, sein resoluter Kampf gegen Imperialismus und jede Form von Kolonialismus machten Fidel Castro zu einer außergewöhnlichen Führungspersönlichkeit.

Gerechte Preise für ihre Produkte sind für die Kleinbauern im Süden eine Voraussetzung für ein Mindesteinkommen. Dies gilt auch für die Produzenten, die dort Bananen, Orangen, Tee, Kaffee, Honig oder Zucker produzieren, die für den Export nach Europa bestimmt sind. Fairtrade-Organisationen, wie die Max-Havelaar-Stiftung, bieten ihren Partnern in den Entwicklungsländern solche Preise an. Dies ist mit der Beachtung sozialer und ökologischer Mindeststandards verbunden. Ich konnte mich bei einer Reise nach Nicaragua mit unserer Fairtrade-Organisation selbst davon überzeugen, wie gerechte Preise Kaffeeproduzenten, die in Kooperativen zusammenarbeiten, ein besseres Einkommen garantieren und die Durchführung sinnvoller, sozialer Projekte ermöglichen. Die Schönheit dieses Landes begeisterte alle Teilnehmer dieser Reise. Daniel Ortega, der in den 1980er Jahren die sandinistische Revolution anführte, ist in diesem sehr armen Land seit mehr als zehn Jahren wieder an der Macht und übt diese mit seinem Familienclan aus.

Im Sommer 2016 war ich auf den Philippinen, einem Land, das während vier Jahrhunderten eine äußerst brutale Kolonisierung durch Spanien und dann durch die USA erlebt hat. Rodrigo Duterte hatte gerade als neu gewählter Präsident die Macht übernommen. Seine erste Priorität galt der Bekämpfung der Kriminalität und des Drogenhandels. Sein brutales Vorgehen, bei dem Privatmilizen eine besondere Rolle spielen, kostet Tausenden Drogenabhängigen das Leben, eine Tatsache, die in der westlichen Presse und bei Menschenrechtsorganisationen verständlicherweise auf scharfe Kritik stößt. Duterte hat aber auch den Willen, bedeutende Reformen in seinem Land durchzuführen, ernsthaft Friedensverhandlungen mit der Linksfront zu führen wie auch mit den muslimischen Minderheiten in Mindanao. Er verfolgt eine unabhängigere Außenpolitik, besonders gegenüber den USA. Seine Politik findet insgesamt breite Zustimmung in der Bevölkerung. Eine neoliberale Wirtschaftspolitik hat bisher wohlhabende Eliten begünstigt, die in großer Armut lebende Mehrheit aber leer ausgehen lassen. Die Umsetzung einer Landreform hat Duterte Rafael Mariano, einem früheren Bauernführer einer unserer Partnerorganisationen anvertraut. Die Kleinbauern haben meist ihr Land gepachtet, sie warten seit langem auf die Durchsetzung der Landreform. Duterte gibt ihnen Hoffnung. Sie waren bis jetzt der Unterdrückung durch Polizei und Armee ausgesetzt und werden oft von ihrem kargen Besitz zugunsten von Großgrundbesitzern und Großkonzernen vertrieben. Als Teil einer recht aktiven Zivilgesellschaft kämpfen unsere Partner für diese Landreform, für Ernährungssouveränität und für die Verbesserung der Sicherheit und der Lebensverhältnisse dieser armen Landbevölkerung.

Der Bürgerkrieg in Syrien, die Terroranschläge in Europa und die Flüchtlings- und Migrantenwelle beunruhigen die europäische Gesellschaft. Strategische Irrtümer der westlichen Staaten im Irakkrieg und im Libyen-Konflikt führten zum Entstehen des sogenannten Islamischen Staates. Ihr Vorgehen bedeutet eine klare Verletzung des Völkerrechtes. Der Syrien-Konflikt wurde noch angeheizt durch massive Waffenlieferungen der westlichen Staaten an Länder wie Saudi-Arabien, Katar und die Türkei, die sie an sogenannte »moderate« Rebellen in Syrien weiterleiteten, bevor sie oft in den Händen von Al-Qaida-Gruppen landeten.

Diese illegalen Interventionen der westlichen Staaten haben auch das Vertrauensklima mit anderen Staaten, vor allem mit Russland, nachhaltig zerstört. Die Zusammenarbeit zwischen den Staaten in der UNO wurde beeinträchtigt. Dem Vertrauen in die Demokratie wurde bei vielen Staaten und Bürgern ein dauerhafter Schaden zugefügt. Die Chance, nach dem Zerfall der Sowjetunion eine stabilere Weltordnung zu schaffen, wurde vertan.

Die Terroranschläge stellen auch die Frage nach den Motivationen der Attentäter, der Verbindung zwischen Islam und Dschihadismus und der radikalen, fundamentalistischen Tendenzen, die insbesondere unter muslimischen Staaten zu mörderischen Attacken führen. Die große Mehrheit der Muslime, die in unseren Ländern lebt, ist friedfertig und bereichert unsere Gesellschaften. Aber es gibt auch radikale Minoritäten wie die Muslimbruderschaft und den Wahhabismus, die eine radikalere, fundamentalistische Auffassung des Islams vertreten und wenig Toleranz gegenüber Andersgläubigen oder auch Muslimen aufbringen, die nicht dieselbe Koranauffassung haben. Eine Reihe von Intellektuellen und Forschern befürworten eine Reform des Islams oder sogar eine Trennung zwischen Staat und Religion.

Meine Arbeit für die Entwicklungszusammenarbeit in Luxemburg brachte mich dazu, eine Zusammenarbeit zwischen Luxemburg und Palästina in den besetzten Gebieten vorzubereiten. Wir entwickelten Hilfsprogramme mit der palästinensischen Zivilgesellschaft, unter anderem auch im Agrarbereich. Nach 2012 schloss ich mich in Luxemburg dem Solidaritätskomitee mit Palästina an. Regelmäßige Reisen nach Palästina erlaubten mir, die Lage in den besetzten Gebieten genauer kennenzulernen und zu sehen, wie jeden Tag neue, völkerrechtswidrige Siedlungen gebaut werden, den Palästinensern der Zugang zu Wasserquellen verwehrt wird, Hauszerstörungen, die Unterdrückung und Belästigungen der Bevölkerung in den besetzten Gebieten weitergehen. Der Widerstand der Zivilbevölkerung wird fortgesetzt und weltweit unterstützt. Im Zentrum steht die BDS-Kampagne (Boycott, Divestment and Sanctions), die die Regierung Israels als strategische Bedrohung ansieht und rücksichtslos bekämpft. Im Sommer 2014 beteiligte ich mich an den von unserem Komitee organisierten Protest gegen den Gaza-Krieg. Vor allem die militärische Zusammenarbeit vieler europäischer Staaten mit Israel muss verurteilt werden. Der Bombeneinsatz im Gaza-Krieg wurde auch mit Drohnen geführt, die mit Hilfe der Europäer gebaut wurden. Anlässlich der 2016 vom Komitee organisierten Reise, erklärten uns palästinensische Menschenrechtsverteidiger in Israel, wie die Palästinenser in diesem Staat diskriminiert werden und wie sich Rassismus und Hass gegen sie ausbreiten.

Es sind jetzt 70 Jahre her, seitdem im Verlaufe der »Nakba« (arab. für »Katastrophe«) 750 000 Palästinenser vor und nach der Gründung des Staates Israel mit Gewalt aus ihren Heimatdörfern und Städten vertrieben wurden. Ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das Israel noch immer nicht anerkannt hat und dessen Opfer niemals eine Entschädigung erhielten. Sie warten immer noch auf die Umsetzung ihres Rechtes, in ihre Heimat zurückzukehren. Und leben seither in Flüchtlingscamps.

Papst Franziskus gehört zu den geistlichen Persönlichkeiten dieser Welt, die die bestehende Weltordnung in Frage stellen. Er prangert die egoistische und grenzenlose Gier nach Macht und Besitz an, die dazu führt, die bestehenden materiellen Ressourcen zu missbrauchen und die Umwelt zu zerstören. Er ruft die Politiker dazu auf, sich nicht mit Reden zu begnügen, sondern konkret und mit Taten Verantwortung zu übernehmen. Er solidarisiert sich in bewegenden Worten mit den Ausgeschlossenen dieser Gesellschaft, den Kleinbauern, den Armen, den Verfolgten. In seiner Enzyklika Laudato si’ gibt er klare Anweisungen zur Rettung des Planeten.

Für eine bessere, gerechtere Welt hat sich auch der 2013 verstorbene Stéphane Hessel eingesetzt, der mit seinem Buch Empört Euch! weltweit Aufsehen erregte. Für ihn befinden wir uns in einer Phase, in der die Wirtschafts- und Finanzoligarchien die Staaten dominieren. Er ermutigte seine Leser, Widerstand zu leisten und ihrer Wut Ausdruck zu verleihen, angesichts der Krisen und der Ungerechtigkeiten in der Welt. Auch er glaubt an die politische Kraft der Zivilgesellschaft. Mit dem Philosophen Edgar Morin setzte er sich dafür ein, eine Solidarität unter den Völkern aufzubauen, das Lokale und das Regionale gegen den Übergriff der Konzerne zu schützen. Beide setzten sich für die Entwicklung einer Sozial- und Solidarwirtschaft mit Sparbanken, lokalen Währungen, Mikrokrediten ein. Fairer Handel und biologische Landwirtschaft schalten den rücksichtslosen Zwischenhandel großer Handelskonzerne aus und drängen die industrielle Landwirtschaft zurück, die die Umwelt verschmutzt und die Böden zerstört. Neben seinem Einsatz für Gerechtigkeit, die Schwachen, die Armen, seiner systematischen Denunzierung von jeder Ungerechtigkeit, von jeder Menschenrechtsverletzung, beeindruckte Stéphane Hessel auch durch seinen Optimismus, seine Integrität und seine Empathie.

Ähnlich wie Fidel Castro wurde auch Hugo Chávez bereits zu Lebzeiten und nach seinem Tod in der westlichen Presse oft als demagogischer Diktator und Populist dargestellt und verteufelt. Doch nur wenige Präsidenten haben sich so oft freien, demokratischen Wahlen gestellt und sie gewonnen. Hugo Chávez hat eine drastische Umverteilung des nationalen Reichtums vorgenommen zugunsten der Armen und der öffentlichen Dienste für Gesundheit, Bildung, Ernährung und Wohnungsbau. Die Kindersterblichkeit sank drastisch und extreme Armut konnte mehr als halbiert werden. Das staatlich geförderte Öl wurde unter Chávez zum Vorzugspreis an Länder in der Karibik und in Zentralamerika geliefert. Er hat große Verdienste in der Integration der Länder Südamerikas, half, die Union der Nationen Südamerikas zu gründen wie auch die Bolivarische Allianz für Amerika. 2012 überstand er einen Staatsstreich und zwei Jahre später ein Referendum, das die Opposition organisierte, um ihn abzusetzen. Die Personalisierung der Macht, Korruption, das Fehlen einer wirtschaftlichen Diversifizierung und eine hohe Kriminalitätsrate zählten zu den Schwächen seines Systems.

Eine gute Kenntnis der Geschichte des Kolonialismus, der Sklaverei, des Imperialismus, der Ausbeutung und Unterdrückung einheimischer Bevölkerungen, des Hungers und der Armut ist eine wichtige Voraussetzung für den Aufbau einer alternativen, gerechteren Weltordnung. Vor hundert Jahren wiegelte T. E. Lawrence, bekannt als Lawrence von Arabien,die Araber gegen die Osmanen auf und versprach ihnen als Gegenleistung den Aufbau eines einheitlichen arabischen Staates. Kaum gegeben, wurde das Versprechen durch das geheime Sykes-Picot-Abkommen gebrochen, in dem sich Frankreich und Großbritannien über die Aufteilung der eroberten Gebiete verständigten. Die britische Regierung stützte mit der Balfour-Erklärung, die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina und förderte damit die Auswanderung europäischer Juden ins »Gelobte Land«. Der damals in Kauf genommene Konflikt zwischen Zionisten und Palästinensern bleibt bis heute ungelöst.

Die ehemaligen Kolonialstaaten verstanden es auch nach der Unabhängigkeit ihrer Kolonien, eigene Wirtschaftsinteressen und Machtansprüche durchzusetzen. Für Lateinamerika hat dies etwa der 2015 verstorbene Autor Eduardo Galeano mit seinem Buch Die offenen Adern Lateinamerikas hervorragend unter Beweis gestellt. Dort zeigt er, wie während fünf Jahrhunderten die Plünderung der materiellen und menschlichen Reichtümer der Nationen Zentral- und Südamerikas zugunsten Spaniens, dann Großbritanniens und zuletzt der USA vor sich ging.

Heute sind wir an einem Punkt angelangt, an dem immer weniger Bürger bereit sind, die sich häufenden Krisen und Ungerechtigkeiten gleichgültig hinzunehmen. Immer mehr Menschen sind sich der strukturellen Ungleichheiten der Weltwirtschaft bewusst und wollen etwas gegen die großflächige Ausbeutung der Schwachen, gegen die große Umverteilung von unten nach oben tun. Sie sind überzeugt, dass sich die Politik zu sehr mit kurzfristigen, wahlpolitischen Interessen beschäftigt und gleichzeitig in die Abhängigkeit mächtiger Wirtschafts- und Finanzinteressen geraten ist. Sie kommen zusammen, tauschen sich aus, organisieren sich in einer Vielzahl von NGOs, Bürgerinitiativen, Plattformen, Organisationen, Syndikaten, Dorf- und Stadtgemeinschaften. Ich selbst beteilige mich an einer Reihe solcher Initiativen, über die Bürger sich gegen ein von der Finanz- und Wirtschaftsoligarchie dominiertes System auflehnen. Es ist an der Zeit, Widerstand zu leisten und sich für eine solidarische, soziale und nachhaltige Gesellschaft, für den Abbau ungerechter Strukturen und für alternative Beziehungen mit den Entwicklungsländern, für das Recht auf Selbstbestimmung auch der Palästinenser und für die Rettung der Demokratie und Europas einzusetzen.

1Neoliberalismus und Ausbeutung der Dritten Welt

Wie Europa Fluchtursachen übersieht und verschlimmert