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Gefühlvolle Geschichten und Gedichte von Bernd Behrendt aus seinen Leseabenden in Stadt und Land lassen eine sehr tiefe Verbundenheit von Herz und Seele zwischen ihm als Autor und dem Publikum entstehen. Seelenverbindungen, die dabei zwischen Autor und Zuhörern entstehen, bilden sehr feste Freundschaften durch die sehr herzergreifende Anthologie. Seine Kurzgeschichten versuchen Realität und Phantasie aus Vergangenheit und Zukunft in die Seele des Menschen einzubinden. Das Buch hat die wesentlichsten Geschichten seiner Lesungen als Erinnerungen zu erhalten versucht.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhaltsverzeichnis
Für immer und dich!
Die klitzekleine Zelle
Die Pralinen-Julie
Odessa-Joe
Luftpost
Die skeptische Seele
Man nennt mich N…
Der Ruf der Lerche
Abschied von Tante Jenne
Die Beichte
Toni, Frieda und der liebe Gott
Das Haus nach Osten
Das Mädchen am Rande
Robert und Selma
Sven und Nina
Neila, das Mädchen aus dem Paradies
Impressum
Berlin, im Sommer 1963, - ich freue mich auf diesen Tag. Jetzt ist das Wochenende da, und den Arbeitsstress habe ich ganz locker ausgeschaltet. Aber nicht den Schulstress. Scheiss Abi. Ja klar, es ist wichtig, aber muss das so abartig schwer sein? Ich hab’s ja vor zwei Jahren geschafft, aber eben Mona noch nicht. Gestern Abend habe ich gut 3 Stunden mit ihr unentwegt das Fach Mathe gebüffelt. Sie kapiert’s einfach nicht, während ich nicht kapiere, warum sie es nicht kapiert! Natürlich, sie versucht‘s dabei mit Humor und meint, die dritte Potenz bei Mathe versteht sie nicht annährend so gut wie meine erste. Was immer sie auch mit dieser Floskel ausdrücken will, spaßig war‘s für mich sicher nicht. Aber auch mein stets bei ihr wiederholtes Drücken und Schmusen löschte gestern das Desaster in unseren beiden Herzen nicht.
Herrjeh, wie kriegen wir’s nur hin? Wie ist das alles zu schaffen? Das muss irgendwie gehen! Beharrlichkeit führt doch sonst stets zum Ziel?
Über ein Jahr sind wir jetzt ein Paar. Ich habe mich schwer und tief in sie verliebt, ja! Es war Frühjahr. Schmetterlinge Im Bauch? Ja natürlich, Riesenfalter, große Schwalbenschwänze! Ich weiß nicht wie’s kam, es war plötzlich da. Wir kannten uns schon seit geraumer Zeit, schließlich wohnte sie im Bezirk Schöneberg in der Frankenstraße nur vier Häuser weiter. Sie besuchte einst die Mittelschule, heute nennt man das Realschule. Ich schaffte den Sprung von der Primarstufe nach sechs Jahren Regelgrundschule in Westberlin zur Sekundarstufe II, also auf das Gymnasium. Bis in die 60er Jahre war jede höhere Schulbildung eher eine elitäre Angelegenheit. Die meisten aller Kinder besuchten die Volks- beziehungsweise Hauptschulen und begannen dann eine Lehre. Kaum 12 Prozent der Schüler von Westberlin gingen seinerzeit auf das Gymnasium, bei den Mädels waren es sogar nicht einmal 8 Prozent. Da unsere Schule als sogenannte Sekundarschule mit einer gymnasialen Oberstufe ausgerüstet war, schaffte sie den seltenen Sprung als beste Schülerin aus der Sekundarstufe I nach oben und war plötzlich Gymnasiast. Ich stand dicht vor dem Abi, sie war zwei Klassen unter mir. So fingen wir uns erstmals zu beobachten an, vorher hatten wir eigentlich aneinander immer nur kühl vorbeigesehen, insbesondere ich, wenn sie meinen Weg in der Frankenstraße kreuzte und sich unsere Augen trafen. Als sie jedoch plötzlich auch auf dem Schulhof, in der Mensa oder in den Gängen bei den Pausen sichtbar wurde, drang es bei mir von innen hoch. Ich bemerkte einen Trieb, den ich bislang so nicht kannte. Sie war eine, die immer lächelte. Ihr Schütteln mit ihrem langen, dunkelblonden Haar, das sie oft mit einer Kopfbewegung vom Gesicht über die Schultern zum Rücken beförderte, faszinierte mich. Es schimmerte ein wenig rötlich aus der feinen glatten Fläche, jedoch war das wohl eine optische Täuschung, die durch die Lichtverhältnisse in den Gebäudegängen entstand. Ich achtete seither auf jede ihrer Bewegungen, lauschte besonders intensiv ihrer Stimme, wenn sie in meiner Nähe diskutierte, beobachtete ihren Gang und tastete mit den Augen ihren ganzen Körper ab. Dabei glaubte ich sie zu spüren, kam mir aber irgendwie selbst lächerlich vor. In den ersten Tagen nach ihrem Schulwechsel bemühte ich mich sogar sie weder früh zu treffen, noch gar bei Schulschluss. Ich verließ die Klasse zeitlich derart, dass ein gemeinsamer Heimweg unmöglich wurde. Es schienen zwei Seelen in mir zu werkeln, die eine, die mich zu ihr zog, die andere, die mich veranlasste, sie zu meiden. In diesem Fall war mir das echt unbegreiflich, ich fand mich eklig.
Eines Abends, als ich mit den Eltern und meinem fünf Jahre jüngeren Bruder noch am Esstisch saß, sprach mich unvermittelt Mama an und teilte mir mit, sie hätte heute eine Unterhaltung mit Frau Rubinus gehabt. Der Familienname ließ mich sofort aufhorchen, es war jener von Mona. Mama schaute mich an und fragte ohne Umschweife, ob ich denn die Tochter Mona von Frau Rubinus kenne? Mir schlug das Herz so stark, dass ich glaubte, der Blutdruck sprengte die Halsschlagader. Da ich eine Antwort schuldig blieb, lächelte Mama und schien mich necken zu wollen. Ich werde diesen Abend niemals vergessen, denn heute betrachte ich ihn als Anfang vom Seelenleid:
»He, natürlich kennst du das Mädel«, geht es Mama spontan von den Lippen, »diese hübsche Kleine besucht doch jetzt wie du das Gymnasium und früher in der Grundschule ward ihr doch auch zusammen, zumal sie nur ein paar Blöcke von uns entfernt wohnt?«
»Ja, sicher. Und?«
Meine Antwort klingt ziemlich mürrisch, völlig teilnahmslos, aber ist sie nicht. Soll nur so klingen, reines Versteckspiel, um hier am Tisch all mein innerliches Aufwühlen zu verheimlichen.
Papa hat inzwischen sein Kauen eingestellt und mischt sofort mit.
Allerdings auf einem völlig falschen Kanal, denn er versteht das Necken von Mama rein sexistisch.
»Ach, du hast die Miez‘ angemacht? Hast sie gleich uff’s Kreuz gelegt, wat?«
»Erzähl‘ doch keinen Scheiß«, maule ich zurück. Dafür ernte ich eine harte Kopfnuss.
»Quatsch‘ nicht so unverschämt daher mit mir, du Bengel, sonst geht’s heute am Freitag mal nicht ins Explorer!«
Hilflos blicke ich Mama an, worauf die den Kopf schüttelt und ihre Hände in beschwichtigender Form kreisen lässt und Einhalt erbittet.
»Nein, nein! Ehrlich gesagt, Frau Rubinus hat mir nur vermittelt, dass Tochter Mona ihr traurig mitgeteilt hat, dass sie von unserem Berni nicht in geringster Weise beachtet wird.«
Die Aussage trifft mich härter, als die Kopfnuss von Papa zuvor. Ich starre meine Mutter an, als sie fortfährt: »Der Mona käme es so vor, als würde sich Berni nicht für Mädchen interessieren!«
»Wat denn«, poltert Papa mich wieder an, »bist du etwa schwul, du schmale Tunte?«
Ich hatte damals das Gespräch beendet, um es nicht noch völlig eskalieren zu lassen. Mein Bruder kassierte aber von Papa ebenfalls eine Kopfnuss, weil er ihn fragte, ob ich die Mona wie Christus genagelt hätte, als ich sie auf das Kreuz legte? Einerlei, ich versprach Mama mein Verhalten bei Mona zu ändern. Und das geschah noch am selben Abend im großen Beatschuppen Explorer. Ich fand sie in der Menge schnell bei einer Whisky-Cola am Tresen. Dort unterhielt sie sich mit einem Freund, den ich gut kannte.
»He Hotte«, spreche ich ihn an, während ich mich zwischen ihn und Mona dränge, »sei so lieb und lass‘ uns mal allein, okay?«
Mona schaut mich überrascht an, wobei mein anfängliches Selbstbewusstsein wie weggeblasen erscheint. Verdammt, wie gut sie aussieht, stelle ich sofort fest. Ihre Augen strahlen mich voller Unschuld an, die dunkelbraune, fast schwarze Farbe krallt sich förmlich an mir fest. In Orange blendet mich ihr enganliegendes Sweetshirt, die Form ihrer Brüste sind unter diesem Stoff in jeder Kontur genau nachzuzeichnen. Wortlos nippt sie an ihrem Glas und schiebt die linke Handfläche in die Seitentasche ihrer Levis. Sie erwartet wohl eine Stellungnahme von mir, keine Frage. In mir kocht es! Nein, keine Wut, kein Hass, keine Böswilligkeit sind die Ursachen. Ein Schatten von Glückseligkeit umgibt mich, so merke ich nicht, dass sich ganz langsam meine Lippen öffnen, eine unsichtbare Kraft meine linke Hand an ihre Hüfte führt, wobei zugleich die Rechte ihren Nacken umfasst, um ihren zarten Körper an mich heranzuziehen. Es vollzieht sich in Sekundenschnelle, als sich unsere Lippen aufeinanderpressen. Einem Sturm gleich, bricht die doppelseitige Leidenschaft aus, vereinigt unsere Münder. Als ich zügellos meine Zunge über ihren Hals gleiten lasse, um dort alles Nacktes an ihr zu küssen und in Wildheit zu erschließen, weicht sie erschrocken zurück und hebt mit einem hilflos bittenden Blick die Hände abwehrend gegen mich hoch. In diesem Moment bin ich wieder zurück, die Realität hat mich wieder, wobei viele Augenpaare mich in der direkten Umgebung anschauen. Sie hat sich inzwischen aus meiner Umarmung befreit.
Noch immer ohne Worte schauen wir uns tief in die Augen, denn seither ich Hotte wegschickte, war kein einziges Wort zwischen uns gefallen. Ich beiße mir nervös auf die Unterlippe, sie fängt sofort zu bluten an. Mona erkennt das schnell und hat sofort ein Taschentuch parat, betupft mich. Sie ist es diesmal, die ihre Hand um meinen Nacken legt und mich beizieht. Die laute Discomusik übertönt ihre Worte, trotzdem verstehe ich sie und lese die Frage direkt von ihren Lippen ab.
»Warum Berni? Was sollte das eben?«
Sie ist wieder ganz nahe bei mir, ich ziehe ihre Wange an die meinige, so dass meine flüsternden Lippen ihr Ohrläppchen berühren und diese etwas rot einfärben. Sie spürt natürlich meinen heißen Atem, der meine leisen Worte begleitet.
»Es tut mir leid, in dieser Art hier so angefangen zu haben. Ich denke, du hast mich schon richtig verstanden. Ich musste es tun, denn ich liebe dich!«
Ich merke, wie sich ihre Hand noch fester in meinen Nacken krallt. Als nun die Musik auf Slow mit ‚Buona notte‘ von Rocco Granata wechselt, ziehe ich sie auf das Tanzparkett. Sie sieht es nicht, aber ohne das Warum erklären zu können, löst sich eine Träne aus meinem Augenwinkel und rollt langsam mein Gesicht hinab und verteilt sich auf dem Kragen ihres Shirts. Zum ersten Mal in meinem Leben spüre ich meinen Körper nicht, ich schwebe irgendwie. Es folgt eine sehr lange Nacht…
Seit dieser Zeit waren wir unzertrennlich, es gab nichts, was wir getrennt unternahmen. Aber dieses Nachhilfedesaster für ihr Abi wurde die erste mächtige Belastung für uns und die Nerven rütteln an unserer starken Zuneigung.
Mein Leben richtete sich nur nach ihr, ich lebte für sie; nicht für die Schule, nicht für meinen Erfolg und nicht für die Endnote ihres Abiturs. Meine Seele hatte sich sehr tief ihrem Wesen gestellt und sich in ihr niedergelassen. Und ich wollte es so. Mein Freund Rainer sagte mir, ich hätte mich viel zu sehr von ihr abhängig gemacht. Himmel, dachte ich, was weiß der denn schon von der Liebe? Auf der anderen Seite fragte ich mich: Was weiß ich eigentlich von der Liebe? Und was weiß Mona darüber? Wie fühlt sie? Ich kann eigentlich nicht ohne sie leben, aber kann sie das auch ohne mich? Ich glaubte fest an die Liebe und nur die wenigsten meiner engsten Freunde teilten diese Empfindung mit mir. Dann war sie da, die Angst. Stets hatte ich Angst sie zu verlieren. Dann kam es wie befürchtet:
Vor ein paar Wochen hatten wie uns erstmalig gestritten. Ich meine, sehr heftig. Also mehr als nur ein kleiner Wortstreit, der ja immer hin und wieder anfällt. Das ging aber so weit, dass schon hässliche Worte fielen, die alles andere als schön klangen. Die Ursache ging hauptsächlich von mir aus, denn der Grund war ein Vorfall bei der Party eines unserer gemeinsamen Freunde. Da sind viele Gäste gewesen, deshalb habe ich dort keine Szene gemacht. Aber hätte ich wirklich Grund dazu gehabt? Mona hatte beim Tanzen eng mit einem alten Freund aus der Nachbarschaft getanzt. Der hatte sie natürlich sofort entsprechend liebkosend umschlungen, allein ein Mädel wie Mona in den Armen zu halten, war für viele ein Gottesgeschenk. Die Hände von Peter, meinem Freund, waren überall bei ihr dort, wo ich die nicht sehen wollte. Kurz vor dem Explodieren klatschte ich sie ab und entzog sie von der Eifersucht geplagt den geilen, grabschenden Fängen ihres Tanzpartners. Mir schien, mein Einmischen war ihr gar nicht so recht? Es war damals ein böser Tag, der schlimm endete.
»Hast du etwas gegen den Peter?«
»Natürlich«, entgegne ich, »der treibt’s doch ein bissel zu doll mit dir, meinst du das nicht?«
Sie schmollt ein wenig und unterbricht das Tanzen mit mir, was mir gar nicht gefällt. Zudem kommt jetzt einer nach dem anderen, um sie zum Tanzen aufzufordern. Denn wer lässt schon so ein Supergirl auf dem Stuhl am Tisch sitzen? Mona gibt niemanden einen Korb, sie wartet lediglich auf mein Nicken. Ich kann das zwar einmal, zweimal ablehnen, aber keinesfalls auf Dauer. Ich bin nicht der Herrscher über Mona. Meinen Unmut gebe ich aber preis, wenn sie ein anderer über das Parkett führt. Sie tanzt leidenschaftlich und elegant, besitzt Kraft und unbändige Lust sich zu amüsieren. Aber sie bemerkt meine Stimmung, plötzlich teilt sie mir mit, sie möchte nach Hause. Dieses Ansinnen will ich verhindern, zwecklos, sie besteht darauf. Als wir im Auto sitzen, jagt ein Wort das andere und so mancher Satz kurvt haarscharf am Rande des erträglich Erlaubten vorbei. Eine furchtbare Stille folgt im Auto, schließlich bin ich daran mich zu entschuldigen, aber sie reagiert nicht mehr, starrt unbeweglich geradeaus. Ich merke, - sie weint. Wahrscheinlich schon länger, nur eben erst jetzt vernehme ich leidendes Schluchzen. Als ich ihre feuchten Augen sehe, kommt es über mich, ich spüre den Stich in meiner Seele, als mir die innere Stimme mitteilt: Du hast ein Kleinod verloren!
Am Montag nach dieser Party wollte ich sie vor dem Eingang am Gymnasium abfangen, aber sie kam nicht. So stand ich früh vor ihrer Haustür. Ihre Mutter öffnete auf mein Klingeln, wies mich aber ohne Begründung ab. Später sollte ich erfahren, dass Mona die ganze Nacht geweint hatte. Es ging ihr nicht anders als mir mit dem Herzensleid. Ich setzte mein fünftes Semester an der Uni aus, es war unmöglich konzentriert zu studieren. In dieser ganzen Zeit kämpfte ich um sie, aber zwecklos. Sie kehrte nicht mehr zu mir zurück, bestand ihr Abi drei Monate später. Von einem Freund erfuhr ich, sie hatte Berlin verlassen und ein Studium in Ulm begonnen. Es war der Zeitpunkt der Endgültigkeit. Ich hatte aufgegeben, Herz und Seele dieses so wunderbaren, jungen Mädels zurückzugewinnen. Jahre später verließ auch ich im Jahre 1968 Berlin, um in Niedersachsen meine berufliche Laufbahn fortzusetzen. Es dauerte Jahre, bis ich sie vergaß.
Aber meine Seele hatte sie nicht aufgegeben!
Als ich zehn Jahre später von dem Sänger Rio Reiser den Text ‚Für immer und Dich‘ anhörte, kehrte das Bild von ihr direkt zu mir zurück. Das Gesicht von Mona stand vor mir und ich konnte sie wegen Rio’s Text direkt an meiner Wange fühlen:
>Für immer und dich, wo immer du bist, ich lache für dich und weine' für dich, ich regne und ich schein' für dich, versetze die ganze Welt für dich, und streiche den Himmel blau für dich.
>Nur für dich und immer für dich! Für immer und dich, wo immer du bist, egal wie du mich nennst, egal wo du jetzt pennst, ich hab' so oft für dich gelogen, und verbog für dich den Regenbogen.
>Nur für dich und immer für dich!
Obwohl wir uns nie wiedergesehen haben, gab es eine Seelenverknüpfung, die niemals endete. In dem Jahr 1979 hörte ich erstmals die Gruppe Karat mit dem Sound ‚Über 7 Brücken musst du gehen‘. Vielleicht hörte sie seinerzeit diese Melodie auch. Ihre Seele meldete sich erneut tief in meinem Herzen und schien mir mitzuteilen, dass ich damals nur über 6 Brücken gegangen bin...
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»Zum kurzen Nachdenken« Noch tief verwoben mit der Seelentiefe der Heimat an der Pforte zur Alltäglichkeit stehend erfriert die Seele beim Blick auf die Tür, die sich schon bald öffnet.
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Niemand kannte es, aber es war da. Aber das ist alles schon so lange her, so dass sich niemand mehr so recht daran erinnert? Gibt es überhaupt eine Spezies, die mit Leben erfüllt ist? Auf jeden Fall verfügt dieses Wesen, ich nenne es hier mit Namen einfach Domini, über die wunderschöne Gabe Geschichten zu erzählen. Das liegt daran, dass jede der Geschichten, die Domini zu erzählen beginnt, vorher überhaupt nicht existiert. Ja, alle diese Geschichten entstehen erst während des Erzählens. Domini fängt somit irgendwo mit einem Thema an und formt daraus eine Story. Und selbst Domini kennt vorher nicht das Ende und ist oftmals selbst überrascht, wie die Geschichten enden. Es gibt auch Zeiten, da spricht Domini viele Worte in seiner Geschichte und hört sich nicht einmal selbst zu. Liegt das daran, weil in der Umgebung kein Leben existierte, also nur ein Nichts war? Aber just zu dieser Zeit gab und gibt es niemanden, welcher hätte zuhören können. Und Lust, sich selbst etwas vorzutragen, besitzt Domini nicht, also sammeln sich sehr viele Gedanken, erschufen einen großen Raum. Eine Art Universum in der Form eines stetig wachsenden Makrokosmos‘. Genau wie ein leerer Karton, der sich mit Geschichten befüllt wird!
Aus diesem Universum vieler Gedanken wurde mit der Zeit ein großes leuchtendes Weltall, so entstehen nach und nach mehr und mehr Sterne, weil Domini für jeden Stern eine eigene Geschichte erfindet. Und da jeder Stern mit seiner Geschichte existent ist, verbleibt auch jeder dieser Sterne als ein hell leuchtendes Licht im Universum. Domini lauscht den Gedanken, aus denen sich mehr und mehr Geschichten formen und ist nun fest davon überzeugt, alle diese Sterne hören prinzipiell jede dieser Erzählungen. Und zu einem Zeitpunkt, als Domini wieder eine Story zu Ende erzählt hatte und sich die Sterne zur Ruhe begaben, entdeckt Domini ein sehr kleines Samenkorn und sieht es erstaunt an. Gehört es etwa zu der gerade letzten Geschichte? Domini fragt sofort nach.
»Ja, wer bist denn du?«
»Ich bin ein Samenkorn«, erwidert das kleine Körnchen und lächelt tapfer hinauf zu dem riesigen Schatten von Schöpfer Domini und sagt voller Stolz: »Ich bin rein zufällig aus deiner letzten Geschichte herausgefallen. Wenn ich einmal groß bin, möchte ich auch ein leuchtender, kleiner Stern mit einer eigenen Geschichte sein. Alle diese vielen Sterne erzählen von dir, sie berichten von deiner großartigen Liebe und von deiner allumfassenden Weisheit. Deshalb will ich so sein wie du und das Spiegelbild von deiner Seele im allumfassenden, großen Universum werden.«
Domini ist kurzweilig ziemlich sprachlos, sieht das kleine Samenkorn mit großen Augen an, fängt erst an zu schmunzeln, um gleich darauf aus ganzem Herzen laut aufzulachen. Domini lacht, weil sich diese Bitte als Gedanke noch niemand so als Wunsch vorgestellt hat.
»So, so«, folgert Domini, »das wird also über mich erzählt. Aber du bist doch noch viel zu klein, um selbst ein großer Stern zu sein.“
Domini nimmt das kleine Samenkorn ganz behutsam auf, begutachtet es aus der Nähe und bewundert den großen Mut des Körnchens so sehr, dass sich alle Gedanken der Sternenwelt des Universums in dieses kleine Samenkorn einfügen. Dann sagt Domini zu dem kleinen Samenkorn mit einer ruhigen Stimme: »Ich teile mit dir all meine Liebe und Kraft und lege in dich mein ganzes Wissen über dieses große Universum mit all seinen Geschichten. So reiche meine Geschichten überall weiter, ich vertraue dir hiermit jede einzelne Seele aus meinen Geschichten an.«
Das kleine Samenkorn freut sich daraufhin so sehr, dass es sich augenblicklich in ein kleines Mini-Universum verwandelt. Es ist die allererste Geburt einer kleinen Zelle. So lauscht die kleine Zelle der letzten, schöpferischen Geschichte von Domini und macht sich auf eine lange Reise durch das inzwischen sehr groß gewordene und sich stetig ausdehnende Universum. Die kleine Zelle sieht sich die vielen schönen Sterne an, erfreut sich an ihrer Entstehung und fragt hier und da nach den Namen, dabei vernimmt sie weitere Geschichten, vermehrt sich und hinterlässt bei so manchem Stern ihre Kinder. Sie lässt sich weitertreiben, immer genießt sie dieses neue Gefühl der Unabhängigkeit. Als sie weiter und weiter dahinschwebt, fühlt sie sich plötzlich von einem besonders starken Licht wie magisch angezogen. Gerade dieser besondere Stern leuchtet warm und freundlich in einem rotgelben Schein, dass es um die Zelle sehr warm wird und sie sehr neugierig macht. Sie begrüßt den Stern und fragt sofort, wer er denn sei!?
»Ich bin die Geschichte einer kleinen Sonne«, antwortete der Stern und strahlt ganz warm. Von der Ausstrahlung der Sonne fasziniert, merkt die Zelle erst gar nicht, dass sie sich auf einen anderen Stern zubewegt. Dieser Stern hatte schnell die kleine Zelle entdeckt und gestattet ihr sofort, sich auf ihm niederzulassen. Auch diesmal fragt die kleine Zelle nach dem Namen dieses kleinen Sterns, der eine faszinierende und wunderschöne blaue Farbe besitzt. Er wird liebevoll hell von einer früheren Geschichte über die größere Sonne in der Nähe angestrahlt und besitzt sogar Nachbarsterne, die alle ihre eigene Geschichte von Domini haben. Die Zelle bekommt sehr schnell eine Antwort vom kleinen, blauen Stern, als sie den befragt.
»Du meinst mich? Ich bin die Geschichte der Erde! Ich umkreise die alte Geschichte der Sonne.“
Die kleine Zelle fühlt sich in diesem Augenblick geborgen und war herzensfroh. Müde murmelte sie noch eine Frage vor sich hin und schlief ein. »Kann es sein, dass das die Liebe ist?«
Die Geschichte der Erde nimmt sich ihres neuen Schützlings an und lässt sie schlafen. So geht die Zelle in die Erdgeschichte ein, sie fängt zu träumen an, dann spricht sie sogar im Schlaf. Sie träumt vom Aufbau der Erdgeschichte, erzählt von Wasser und Wolken, von Wind und Wärme, von Tieren und Pflanzen, von Licht und Dunkelheit. Sie schläft lange, der Stern namens Erde stört ihren Schlaf nicht. Als die Zelle nach sehr langer Zeit endlich erwacht, hatte sie sich bereits in ihrer Liebe milliardenfachmal geteilt und sehr viel Leben in vielfältiger Form erschaffen. Das geschieht genau zum Zeitpunkt, wo Domini all den anderen Sternen die Geschichte des neuen Sterns Erde zu Ende erzählt. Erstaunt beobachtet deshalb Domini die Geschichte dieses blauen Sterns noch lange Zeit, so ward er zufrieden mit dem Tun der kleinen Zelle. Doch dann verliert Domini den blauen Stern aus den Augen, erzählte nun neue Geschichten über Sterne in seinem schon unendlichen Universum.
Inzwischen wird aus dem kleinen Samenkorn ein Spiegel der Geschichte in diesem Universum, das durch die Seele von Domini unsterblich ist. Doch Domini hat seine Geschichte über den blauen Stern wohl nicht ganz zu Ende erzählt. Sehr schade. Das erweist sich als klitzekleiner Fehler, denn dadurch entwickelt die Zelle auch Lebewesen, die viel Intelligenz aufweisen. Intelligenz? Oh ja! Aber mit viel Dummheit und Arroganz. Ob irgendwann Domini noch erfährt, dass diese intelligenten Wesen dem kleinen Stern nach Millionen von Jahren sehr, sehr wehtun werden? Natürlich, Domini wird eine neue Geschichte erzählen, die den Fehler korrigiert. Das wäre nicht nur das Ende des kleinen blauen Sterns, sondern auch das der klitzekleinen Zelle!
(Vielen Dank, liebe Omi im Himmel. Bis heute habe ich diese schöne Geschichte nicht vergessen, die du mir oft als Schulkind vor dem Einschlafen erzählt hast…)
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»Zum kurzen Nachdenken«
So spricht das Leben: Die Welt ist mein, mich preisen die Blumen und Vögelein, ich bin der Tag und der Sonnenschein.
So spricht das Leben: Die Welt ist mein!
