Schick' mir ein Lächeln! - Bernd Behrendt - E-Book

Schick' mir ein Lächeln! E-Book

Bernd Behrendt

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Beschreibung

Ein Jahr nach dem Fall der furchtbaren Mauer am Abend des 9. November 1989, die das deutsche Volk gewaltsam 28 Jahre, 2 Monate und 28 Tage trennte, hielt Bernd Behrendt als Autor und geborener Berliner seine erste Buchlesung unweit vom Potsdamer Platz. Als er seine Kurzgeschichte »Toni« beendete, standen ihm Tränen in den Augen, denn sie hatte mit jenen Abend zu tun, an dem er mit 300.000 Menschen aus Ost und West der gewaltigen Rockoper von Pink Floyd an besagtem Potsdamer Platz beiwohnte, wo unter anderen auch Bryan Adams, Cyndi Lauper, Thomas Dolby, The Scorpions, The Hooters, James Galway und Sinéad O’Connor teilnahmen. Er beschloss an jenem Abend bald nebenberuflich als Autor zu agieren, um Lesungen zu besuchen, aber auch selbst vorzunehmen. Gut 3 Jahrzehnte hat er es geschafft, viele Kurzgeschichten in Anthologien zu veröffentlichen, um seine Zuhörer gefühlsbetont an den Stories überall in Deutschland teilhaben zu lassen. Dabei schätzte er die seelische Verbindung zu seinem Publikum und liebte leidenschaftliche Diskussionen. Alle seine hörenswerten Lesungen sind in diesem Büchlein, welches er als seinen Schlusspunkt als Autor bezeichnete, veröffentlicht. Viele seiner kurzen Erzählungen werden dem Leser ans Herz gehen und bittersüße Melancholie auslösen, umgeben von Empfindungen der Rührung, Ergriffenheit und Erschütterung. Seinen letzten Lesevortrag hielt er am 9. November 2022 in Koblenz, genau 33 Jahre nach dem Fall der Mauer in seiner Heimatstadt Berlin. Zurück bleibt eine wunderschöne Erinnerung an gute und schlechte Zeiten.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Bernd Behrendt

Schick' mir ein Lächeln!

33 Jahre Buchlesungen Bernd Behrendt

Mein letztes Buch als Autor möchte ich meinem EnkelDAVID widmen, der im Veröffentlichungsjahr2023 geboren wurde!

Inhaltsverzeichnis

Autorenvita

PROLOG

Toni (Ein letzter, leidenschaftlicher Kuss)

Concorde (Der Hauch Gottes)

Bandito (...wollte ihn gerne mitnehmen)

Jonas (Luftpost)

BigMac (Sie nannten ihn BigMac!)

Julie (Die Pralinen-Julie)

Vimata (Die vergessene Spezies)

Wega (Der Tod wog 525 Kilo)

Elena (Das Meer, Aphrodite und ich)

Daike (Lerchenruf)

Claus (Greisverkehr auf La Gomera)

Berni (Buche doch mal gebündeltes Wissen)

Ria (Eine ganz normale, weibliche Single...)

Leonie (Das Mädel am Rande)

Danksagung und Widmung

H i n w e i s e B u c h t i t e l

Impressum

Autorenvita

Bernd Behrendt, geboren 1943 in Berlin, lebt seit mehr als 50 Jahren in Limburg an der Lahn und veröffentlichte 1961 durch die UNESCO sein erstes Buch, ein Dokumentationsdrama im Schatten der DDR-Mauer. Er absolvierte 1965 sein Studium zum Dipl.-Ing. an der TU-Berlin, dann nahm ihm weitgehend sein be-rufliches Engagement die notwen-dige Zeit zum Schreiben belletristischer Werke. So verfasste er nur Sachbücher über Sport, Psychologie und Kybernetik und fand erst Anfang 1990 zum Beginn seines Ruhestandes zur Belletristik. Er beschäftigte sich mit Anthologien und war bei vielen Lesungen in Literaturhäusern und Buchhandlungen häufig mit seinen mystischen Geschichten zugegen. Auch mit humorvoller Satire beschäftigte er sich in seinen Stories von dem Chaoten »Burnberry«, jedoch blieb sein Lieblingsthema stets der wissenschaftlich fundamentierte Thriller. Relativ unbekannte Wissenschaftsgebiete, wie psychotrop aufgezogene Machenschaften der Werbebranche (»Game over, Ben!«) oder das genetische Klonen von Lebewesen, gehörten zu seinen Spezialthemen und gipfelten 2021 in »The Chosen Ones«, einer Drehbuchausgabe von CNN (USA) der deutschsprachigen Romane »Gott lacht nicht« und »Gottgleich«. Der Anthologie ist er aber weitgehend treu geblieben, das zeigen seine Beteiligungen an Büchern wie »Zeit zu leben, Zeit zu lesen« (2018), »Federsprung« (2019), »Nur immer dich« (2020), »Mit Freunden im Wald der Geschichten« (2021) und »Wirbel auf dem Strom des Lebens« (2022). Er arbeitet heute im Berliner Workshop der Autorenvereinigung Autorenquelle als Media-Experte (Cover- und VideoEntwürfe) sowie rein literarisch beim Verein Autorentreff in Bad Camberg (Hessen) und veröffentlicht seine Kurzgeschichten noch auf Online-Plattformen und in regionalen Zeitschriften. Hier erschienen einige Geschichten aus seinen Lesungen der letzten drei Jahrzehnte. 13 Stories für wählte er für dieses Buch aus, welches anlässlich der 1. Bad Camberger Buchmesse 2023 erschienen ist.

Sein Lieblingszitat stand am Anfang seines ersten Romans “Gott lacht nicht” (The Chosen Ones) und stammt aus der Feder von Christian Morgenstern: »...weil, so schloss er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf!«

Ein Spruch, den er einst in Kindheitstagen aufgenommen, aber an den er sich zeitlebens nie gehalten hat. Darauf aufbauend ist und bleibt sein Vorbild stets der leider schon verstorbene Wissenschaftsautor Oliver Sacks. Berlin und Limburg, im Juli 2023, red. Janine Atzert

PROLOG

Am 1. Dezember 1990, wenige Monate nach dem Konzert “The Wall” von Pink Floyd am 21. Juli auf dem Potsdamer Platz, circa ein Jahr nach dem Fall der Berliner Mauer, hielt ich in Berlin meine erste Lesung vor fast 70 Zuhörern. Als geborener Westberliner, der damals 1961 während des Abi-turs auch den furchtbaren Aufbau dieser un-menschlichen Mauer miterleben musste, standen mir die Tränen in den Augen, als ich die Lesung meiner Story »Ein letzter leidenschaftlicher Kuss« beendet hatte. Denn inmitten einer Zuschauermenge von rund 300.000 Menschen, die einer Rockoper, in der unter anderen Bryan Adams, Cyndi Lauper, Thomas Dolby, The Scorpions, The Hooters und Sinéad O’Connor mitwirkten, endete auch meine Geschichte um das Mädchen “Toni”. Ich hatte zwar schon 1962 ein Sachbuch über Menschenschicksale wegen der DDR-Mauer geschrieben, aber mit dem Schreiben (Belletristik) fing ich erst nach dem Mauerfall an. Nebenberuflich und als Rentner dann freiberuflich, reiste ich gerne und hatte viele Leseabende mit interessanten Diskussionen. Meinen letzten Lesevortrag hielt ich am 9. November 2022 in Koblenz, genau 33 Jahre nach dem Mauerfall. In der Zeit von 1990-2022 sind alle meine Kurzgeschichten entstanden; einige davon aus meinen Lesungen zu verewigen, ist Sinn dieses Buches. Vorrangig widme ich dieses Buch meinem im Erscheinungsjahr 2023 geborenen Enkel DAVID

Toni (Ein letzter, leidenschaftlicher Kuss)

Sein Leben richtete sich zur damaligen Zeit nur nach ihr, denn er lebte für sie. Selbst die Abschlussnote seines bevorstehenden Abiturs war ihm einerlei. Seine Seele hatte sich tief in ihr Wesen niedergelassen, was er auch so wollte. Einer seiner Freunde sagte ihm, er hätte sich viel zu sehr von ihr abhängig gemacht. Himmel, dachte er, was weiß der denn schon von der Liebe? Auf der anderen Seite fragte er sich selbst: Hans, - was weißt denn du eigentlich über die Liebe? Und was weiß die Toni darüber? Wie fühlt sie? Hans konnte nicht mehr ohne sie leben, aber kann sie das auch ohne ihn? Ich liebe sie, weil ich sie brauche, oder brauche ich sie, weil ich sie liebe? Er grübelte und glaubte fest an die echte Liebe, doch nur die wenigsten seiner engsten Freunde teilten mit ihm diese Empfindung. Aber neben seiner Liebe, existierte die Angst. Sie war allmächtig, denn immer überkam Hans die große Angst sie zu verlieren.

1961 im Mai. Im Beatschuppen “Earlybird” lernte er “Toni” kennen. Ihre Freunde, mit denen sie aus Ostberlin zum Tanzen nach Westberlin “rüberkommt”, riefen sie immer Toni, obwohl ihr eigentlicher Name Antonia lautete. Als er zufällig mitten in eine Diskussion ihrer Gruppe geriet und in ihre dunklen Augen schaute, verliebte er sich sofort in sie. Er forderte sie direkt zum Tanz auf. Beim ersten langsamen Fox drückte er sie eng an sich, es drang sofort heiß bei ihm von innen nach außen auf die Haut. Er bemerkte einen Trieb, den er bislang so stark niemals erfahren hat. So stellte er schnell fest, Toni ist eine, die immer lacht. Das Schütteln mit ihrem langen, dunkelblonden Haar, welches sie oft mit einer Kopfbewegung vom Gesicht über die Schultern zum Rücken beförderte, faszinierte ihn. Ihr Haar schimmerte immer in einem rötlichen Glanz, es schien jedoch als optische Täuschung aufgrund der Lichtverhältnisse in diesem Tanzschuppen zu entstehen. Hans beachtete im Ablauf des Abends jeder ihrer Bewegungen und lauschte intensiv ihrer Stimme, wenn sie in seiner Nähe diskutierte. Er beobachtete ihren Gang und tastete mit den Augen immer und immer wieder ihren ganzen Körper ab. Er glaubte dabei sie nahe an sich zu spüren, sein Verlangen, sie zu berühren, stieg oft ins Unermessliche. Was war bloß in ihn gefahren? Einzig eine gewaltige, echte Liebe?

Kurz nach 23 Uhr stiegt böses Erwachen in ihm auf, die Gruppe machte sich auf den Heimweg und Toni verabschiedete sich. Sie umarmte ihn innig, ihre beiden Küsse links und rechts auf die Wangen bei ihm, reichten Hans natürlich nicht. Es kam ihm sofort in den Sinn, ihren Körper an sich zu ziehen, um sie leidenschaftlich zu küssen. Aber er zögerte dann, vor den Augen der ganzen Truppe kam es ihm doch irgendwie lächerlich vor.

Deshalb beugte er sich nur zu ihr hin und flüsterte die Frage in ihr Ohr, wann sie wieder hier wäre. Ihre Antwort klang keck und wurde von einem leisen Lächeln verschluckt: »Bald!«

Wehmütig blieb er zurück und schaute ihr nach. Auch für ihn war der Abend jetzt zu Ende, was seine näheren Freunde gar nicht verstehen konnten. Auf ihm aber lag nun ein undefinierbarer Druck, den er in dieser Art als Achtzehnjähriger noch niemals spürte. Es war seine Seele: Sie hatte starken Liebeskummer!

Am nächsten Abend, als Hans mit den Eltern und seinem fünf Jahre jüngeren Bruder am Essisch saß, war er ungewöhnlich schweigsam und in Gedanken versunken. Unvermittelt wurde er vom Vater gefragt, ob er sich nicht wohl fühle? Als er daraufhin auch keine Antwort abgab, traf ihn unvermittelt hart die nächste Frage, diesmal von seiner Mutter: »Du hast dich in ein Mädel verguckt, - nicht wahr?«

Ihm schlug erregt das Herz so stark, dass er glaubte, der Blutdruck sprenge ihm jetzt die Halsschlagader. Doch eine Antwort blieb er weiterhin schuldig, worauf Mama nun grimmig nachlegte: »Kümmere dich um dein Abitur, in dieser Zeit wird dir nichts geschenkt. Schlimm, wenn du jetzt deine Aufgaben wegen eines Weibes völlig vernachlässigst und einem Strohfeuer nachhechelst.«

Hans schaute sie verdutzt mit trotziger Miene an, während Mutter heftig weiterschimpfte: »Also, - lass deine Finger von dem Weib weg! Hast du mich verstanden?«

Hans schüttelte mürrisch den Kopf und war noch immer nicht zu einer Antwort bereit. Das nun störte seinen Vater, der sehr gerne mehr über ein etwaiges Verhältnis seines Sohnes zu einem Mädel gewusst hätte. Hans sollte diesen Abend niemals vergessen, für ihn wurde es der Anfang eines noch nicht nachvollziehenden, langen Seelenleids.

»Hast du nun eene Ische oder nicht?«, wurde Papa urplötzlich direkt. Seine Geste wirkte ungemütlich, worauf Hans nun endlich seinen Mund aufmachte, da er Schlimmeres befürchtete.

»Vielleicht, - na und?«, murrte er.

Seine Antwort klang oberflächlich, so völlig teilnahmslos und war wie ein Versteckspiel, um hier am Tisch sein innerliches Aufgewühltsein zu verheimlichen. Das genügte Papa nicht, der hatte inzwischen sein Kauen eingestellt und mischte intensiv mit. Allerdings auf einem falschen Kanal, er verstand seinen Sohn falsch.

»Ach, du hast ‘ne Miez‘ angemacht? Hast sie och gleich uff’s Kreuz gelegt und genagelt, wat?«

»Erzähl‘ doch keinen Scheiß«, schimpfte Hans lautstark und erntete prompt dafür vom Vater eine harte Kopfnuss.

»Laber‘ mir nicht so’n unverschämten Mist daher, du Bengel, sonst jehst du heute am Freitag uff keenen Fall mehr aus der Bude. Is‘ dit klar?«

»Was soll denn das?«, maulte Hans völlig verärgert in leiser Tonart und beendete damit das Gespräch, um es nicht noch völlig eskalieren zu lassen. Inzwischen hatte sein Bruder vom Vater auch eine Kopfnuss kassiert, weil er am Tisch die Frage stellte, ob denn der Hans diese Miez‘ auch wie einen Christus genagelt hat, nachdem er sie auf’s Kreuz gelegt hätte. Für diese Frage gab’s väterlicherseits kein Verständnis, die eigentlich kindliche Frage klang nach Ironie und resultierte für‘s Brüderchen als Zubrot, nämlich Hausarrest.

Der nächste Samstag verging trostlos. Auch der darauffolgende Tag – wieder im Earlybird – artete zum Desaster: Toni ist wieder nicht da!

In den folgenden Wochen lebte Hans mit verinnerlichten Bildern dieses Mädels, alle seine Gedanken verweilten stets in Erinnerungen, die ihm vom letzten Treffen vor vielen Wochen mit dieser Toni verblieben waren. Ansonsten verspürte er Leere um sich, wenn er jeden Samstag mit seinen Freunden im Beatschuppen stand und allen Kontakten mit anderen Mädels aus dem Weg ging, um nur trübselig an seinem Gesöff zu nippen.

Doch er gab nicht auf. Jeden Samstag stand er weiterhin an der Theke, ein Glas Cola-Whisky vor sich. Jenes Gesöff, was Toni seinerzeit hier am selben Platz trank. Endlich wurde er belohnt: Als er wieder seinen Stammplatz an der Theke im „Earlybird“ ansteuerte, war sie schon da und saß an der langen Sitztheke. Überrascht hielt er inne:

Erster Schreck: Sie unterhielt sich vertraulich mit einem anderen, gutaussehenden Jungen.

Zweiter Schreck: Der Typ umarmte sie plötzlich.

Dritter Schreck: Der Junge versuchte nunmehr sie zu küssen, - Hans musste jetzt sofort eingreifen! Er schob sich zwischen die Hocker von den beiden, drängte den Typen zurück, sah ihr in die schönen Augen und sprach absichtlich laut: »Ich bin so glücklich Toni, dass du unser Treffen hier nicht vergessen hast!«

Sie stutzte kurz, erkannte ihn relativ spät.

Unverblümt umarmte er sie, während seine Lippen ihren Hals küssten. Toni ließ ihn gewähren, sie war viel zu überrascht von seinem Auftauchen, dem Umarmen und seiner Zuneigung.

Als der andere Junge sich enttäuscht abwendete, fiel Hans ein Stein vom Herzen, seine Seele öffnete sich für das Tor zum 7. Himmel.

Es wurde ein unvergesslicher Abend, der zu schnell verging. Für Hans viel zu schnell. Er hatte den Blick zu seiner Umgebung verloren, sah nur Toni, beim Tanzen verschmolz sein Körper förmlich mit dem ihrigen. Und sie schien auch ähnliche starke Gefühle in sich gespürt zu haben, lehnte zweimal am Abend eine Aufforderung zum Tanzen durch einen anderen Partner ab, was er strahlend zur Kenntnis nahm. Jetzt hatten es auch alle in ihrer und seiner Umgebung begriffen, diese kecke Toni aus Ostberlin hatte sich einen Westberliner Jungen geangelt und Hals über Kopf in diesen verliebt. Natürlich galt das umgekehrt ebenfalls, jedoch blieb am Ende bei Hans sein großer Wunsch unerfüllt. Als er Toni beim Verlassen des Beatschuppens in der Gruppe nochmal an sich zog, um einen finalen Kuss in die Tiefe hinter ihren Lippen anzusetzen, verweigerte sie das. Sie drehte ihren Kopf so geschickt zur Seite, um ihm ein paar Worte ins Ohr zu flüstern. Aber diese Worte waren eines Kusses ebenbürtig: »Ich liebe dich, Hans!« Ihre Gesichter waren nur wenige Zentimeter weit entfernt, als sie flüsterte: »Ich komme am nächsten Samstag alleine her, die Truppe hat nächste Woche vor, ein anderes Tanzlokal aufzusuchen. Um 21 Uhr bin ich hier, - ja?«

Mit ihrem Taschentuch wischte sie zuerst in seinen Augen die Feuchtigkeit weg, dann entfernte sie eine urplötzlich über ihre Wange kullernde Träne. Schnell verschwand sie im Kreis ihrer Truppe, die wieder allesamt mit ihr hergekommen waren. Ganz unbeweglich blieb Hans stehen und blickte der Personengruppe nach, bis er sie hinter einer Straßenecke aus den Augen verlor. Er ist voller Glückseligkeit und erst auf dem Nachhauseweg ärgerte er sich, nicht auch ihr die drei berühmten Worte gesagt zu haben. Die Woche verging rasch. Am Samstag war er zu früh im „Earlybird“, vermied jedes Gespräch mit Freunden und lehnte jeden Kontakt mit ihm bekannten Mädels ab.

Dann plötzlich, nur wenige Minuten nach 21 Uhr, stand sie vor ihm an der Theke. Toni schaute ihn freundlich und wie immer lächelnd an, sein anfängliches Selbstbewusstsein erschien ihm wie weggeblasen. Verdammt, wie gut sie aussieht, stellte er in Gedanken fest. Ihre Augen strahlten Unschuld aus, die dunkelbraune, fast ins Schwarze übergehende Farbe ihrer Iris krallte sich förmlich in den Augen von Hans fest. Das Orange von ihrem enganliegenden Sweetshirt stand ganz im Gegensatz zur Farbe ihrer Augen, blendete ihn etwas, und die Form ihrer Brüste sind unter diesem dünnen Stoff in jeder Kontur genau nachzuzeichnen möglich gewesen.

Wortlos nippte sie am Glas von Hans, der verstand das sofort und schnell war ein weiteres Getränk bestellt, während sie noch immer vor ihm am Tresen lehnte und die linke Handfläche in der Seitentasche ihrer Levis steckte. Sie erwartete ein paar Worte von ihm, - keine Frage.

In ihm kochte es! Tiefe Zuneigung umfiel ihn. Und als er sich ihr näherte, merkte er es nicht, wie sich ganz langsam seine Lippen öffneten und eine unsichtbare Kraft seine linke Hand an ihre Hüfte führte, wobei zugleich seine Rechte ihren Nacken umfasste, um ihren zarten Körper an sich zu binden. Das vollzog sich in Sekundenschnelle, sie ließ es diesmal geschehen, so pressten sich schnell ihre Lippen aufeinander. Einem Sturm gleich brach die doppelseitige Leidenschaft aus, schien beide zu einer einzigen Person vereinen zu wollen. Als er zügellos seine Zunge über ihren Hals gleiten ließ, um dort alles Nacktes an ihr zu küssen und in Wildheit zu erschließen, wich sie erschrocken zurück und hob mit einem hilflos bittenden Blick die Hände abwehrend gegen das Gesicht von Hans hoch. In diesem Moment war er wieder zurück, die Realität hatte ihn wieder, wobei viele Augenpaare in der direkten Umgebung auf sie gerichtet waren. Sie hatte sich inzwischen aus seiner Umklammerung befreit und blickte ihn noch immer schweigend an. Seit ihrer Ankunft vor gerade einmal drei Minuten hatten sie kein einziges Wort gewechselt. Hans biss sich nervös auf die Unterlippe, welche sofort blutete. Toni erkannte das sehr schnell, hatte sofort ein Tuch parat und betupfte ihn vorsichtig. Sie ist es diesmal, die ihre Hand um seinen Nacken legte und ihn beizog. Der laute Beatsound übertönte ihre Worte, trotzdem verstand er jedes Wort, las ihre Frage direkt von den Lippen ab.

»Sag‘ mir Hans! Was sollte das eben?«

Sie stand wieder ganz nahe vor ihm, er zog ihre Wange an die seinige, so dass seine Lippen ihr Ohrläppchen berührten und es blutrot einfärbten. Sie spürte natürlich den heißen Atem, der seine leisen Worte begleitete: »Es tut mir leid, so angefangen zu haben. Ich konnte nicht anders und denke, du hast mich richtig verstanden. Ich musste es tun, weil ich dich liebe. Ja, ich liebe dich!«

Er bemerkte, wie sich ihre Hand daraufhin viel fester in seinen Nacken krallte. Als die Musik auf Slow mit ‚Oh, oh, Rosi‘ von Rocco Granata wechselte und Hans sie auf das Tanzparkett zog, um den Text abgewandelt mit ‚Oh, oh, Toni‘ nachzusingen, lösten sich Tränen aus ihren Augenwinkeln und rollten langsam über das Gesicht hinab und trafen auch Hans, da beide ihre Wangen eng aneinanderdrückten.

Zum ersten Mal im Leben spürte Hans seinen Körper nicht mehr, fühlte sich so irgendwie schwebend. Richtig, das muss der 7. Himmel sein!

Es folgte wieder eine lange Nacht…

Seit dieser Zeit waren sie unzertrennlich, es stand zwischen ihnen nur das Hindernis ihrer entfernten Wohnungen in Ost- und Westberlin.

Toni besuchte ein Gymnasium in Westberlin, da sie in der DDR aus politischen Gründen keine Zulassung bekam. Wie Hans auch, bereitete sie sich auf das Abitur vor, denn im Juli standen sämtliche schriftlichen, im September alle mündlichen Prüfungen bevor. Sie beschlossen sämtliche Abi-Vorbereitungen gemeinsam durchzuarbeiten, doch dazu kam es nicht mehr. Das schlimme Ende ihrer Liebe begann im Monat August. Daran hatten weder die Eltern von Hans, die gegen diese Verbindung waren, noch er oder gar Toni Schuld.

Ja, Schuld war ein Schicksal, das weltweit die meisten Menschen schockieren sollte. Das Politbüro der DDR-Führung errichtete eine Mauer. Erst um Westberlin, dann um die ganze DDR. Von einer auf die andere Nacht wurden die Menschen aus Ost ein- und ihre Liebsten im Westen ausgesperrt. Am Samstag, dem 12. August 1961, besuchten Hans und Toni kurz vor Mitternacht einen noch geöffneten Würstchen-Kiosk in Westberlin und planten ihr Treffen für kommenden Mittwoch, da Tonis Eltern am Sonntag einen Ausflug nach Brandenburg für mehrere Tage zu Verwandten vereinbart hatten. Aber noch in derselben Nacht begann die DDR mit den ersten Abriegelungsmaßnahmen an der Grenze von Ost- nach Westberlin. Toni wohnte in Oberschöneweide und Hans in Britz, eigentlich nicht so weit voneinander weg. Mittwoch früh versuchte Hans trotz des Verbots seiner Eltern Toni in Ostberlin zu treffen, aber bei ihr war niemand zu Hause, offensichtlich aufgrund der Grenzvorfälle noch nicht vom Besuch bei Verwandten in Brandenburg zurückgekehrt. In der Zwischenzeit hatte auch die SED-Führung der DDR erkannt, dass der Westen die Abriegelung hinnahm, der ausgerollte Stacheldraht die Bürger jedoch nicht vom Überspringen abhielt. Bautrupps begannen in der Nacht vom 17. zum 18. August am Potsdamer Platz, diesen Stacheldraht durch eine Mauer aus Hohlblocksteinen zu ersetzen. Am 23. August wurde die Zahl der Sektorenübergänge reduziert und Westberliner benötigten von diesem Tag an für den Besuch in Ostberlin einen Passier-schein, den es jedoch ab dem 25. August gar nicht mehr gab. Die Trennung von Hans und Toni war damit durch politische Willkür vollzogen worden!

Die noch bittere Wahrheit als das Aufstellen der Mauer erfuhr Hans erst von seinem kleineren Bruder, weil seine Eltern ihm gegenüber diesen Vorfall verheimlichten: Toni wollte ihn an jenem Mittwoch zur selben Zeit, wo er in Ostberlin an ihrer Haustür klingelte, auch erreichen und stand vor seiner Wohnungstür in Britz. Sie wollte auf Hans in dessem Zimmer warten, doch seine Mutter wies Toni mit dem bösartigen Hinweis ab, sie solle sich zurück nach Ostberlin scheren.

Es gäbe für sie mit Hans keine Zukunft. Er wäre West, sie ist Ost! Für Hans brach eine Welt zusammen und alle Versuche, Toni doch noch in Ostberlin erreichen zu können, scheiterten an den unmenschlichen, politischen Beschlüssen.

28 Jahre, zwei Monate und 26 Tage später, es war der 9. November 1989. An jenem Donners-tag Abend gegen 21 Uhr ist Hans noch mit der Renovierung in seiner Wohnung beschäftigt und wohnt in Berlin-Schöneberg, als er überraschend erfährt, dass die DDR scheinbar die Grenzen nach Westen öffnet. Nein, das konnte er so schnell nicht glauben, aber es war so: Die Mauer ist gefallen!

Rund neun Monate später, am 21. Juli 1990, gehört Hans mit seiner Frau Marion und ihren 16-jährigen Sohn Sven zu den mehr als 300.000 Besuchern der Rockoper ‘The Wall’ von Pink Floyd. Zwischen Menschen aus Ost und West ist kein Unterschied zu erkennen, man lauscht den gewaltigen Klängen der Open-Air-Veranstaltung am Brandenburger Tor gemeinsam Seite an Seite und weiß natürlich schon jetzt vorher, dass diese Riesenmauer, nur für diese Veranstaltung gebaut, zum Schluß dieser Rockoper einstürzen wird.

---ENDE DER LESEPROBE---