Lesben und Schwule in der Union - Niklas Kleinwächter - E-Book

Lesben und Schwule in der Union E-Book

Niklas Kleinwächter

0,0
18,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Lesben und Schwule in der Union – wie passt das zusammen? Die Union hat sich in den letzten Jahren vor allem unter ihrer Vorsitzenden Angela Merkel stark gewandelt. Gegen die rechtliche Gleichstellung von Lesben und Schwulen mit heterosexuellen Bürgern scheinen sich die Christdemokraten aber noch immer zu wehren. Vor allem im Streit um Ehe und Adoptionsrecht wird diese Spaltung deutlich. Doch es tut sich etwas – die Union bewegt sich auch in dieser Frage. Dass es homosexuelle Unionspolitiker auch in hohen Positionen gibt, ist seit Heinrich von Brentano denkbar und seit Ole von Beust offen ausgesprochen. Dass sich Unionspolitiker für die Rechte von Lesben und Schwulen einsetzen, ist jedoch neu. Niklas Kleinwächter stellt den Verband der Lesben und Schwulen in der Union (LSU) als politische Lobbygruppe innerhalb der Unionsparteien vor. Dabei verortet er die LSU sowohl im bürgerlichen Lager als auch in der Community. Anhand aktueller Entwicklungen werden Arbeitsweise, Erfolge, aber auch Schwierigkeiten der LSU analysiert.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 276

Veröffentlichungsjahr: 2016

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



ibidem-Verlag, Stuttgart

Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Göttinger Junge Forschung
1 Einleitung
1.1 Homosexuelle in der Union
1.2 Forschungsstand und -interesse
1.3 Gliederung
2 Methodisches Vorgehen
2.1 Expertenauswahl
2.2 Leitfadeninterviews
3 Homosexuellenpolitik in der Bundesrepublik
3.1 Paragraph 175 im Nachkriegsdeutschland
3.2 Entkriminalisierung ab 1969
3.3 AIDS-Krise und Lebenspartnerschaftsgesetz
3.4 Situation zu Beginn des 21. Jahrhunderts
4 CDU und CSU: konservierte Vielfalt
4.1 Bürgerliche Sammlung nach dem Weltkrieg
4.2 Partei von Maß und Mitte: „liberal, konservativ, christlich-sozial“
4.3 Integration durch Vereinigungen
5 Der Verband der Lesben und Schwulen in der Union
5.1 Erste Schritte als „Schwule Christdemokraten“
5.2 Aufbau und Struktur
5.3 Mitgliedersoziologie
5.4 Programmatik und Ziele
5.4.1 Programmatische Entwicklung über drei Leitanträge
5.4.2 Umfassendes Grundsatzprogramm
5.4.3 Konservative LSBTI-Politik?
5.5 Wirken in der Community: „Wir sind Wertevermittler“
5.5.1 Zwischen Party und Partei: Die LSU auf dem CSD
5.5.2 Zusammenarbeit über Parteigrenzen hinweg
5.5.3 Internationale Vernetzung
5.6 Wirken in der Union: „Wir sind Experten“
5.6.1 Einflusskanäle in der Union
5.6.2 Präsenz in den Parteigremien
5.6.3 Moderne Großstadt-CDU
5.6.4 Hinterzimmer statt Stammtisch
5.6.5 Parteitage und politisches Marketing
5.6.6 Allianzen und Zusammenarbeit
5.6.7 Toleranzpreis
6 Homosexuellenpolitik in der Merkel-CDU
6.1 Personelle Ressourcen: Gegner, Unterstützer und die graue Masse
6.1.1 Traditionalisten: entschieden dagegen
6.1.2 Angela Merkel: strategische Gegnerin
6.1.3 Modernisierer: weitgehende Unterstützung
6.2 Programmatische Einflussnahme
6.2.1 Getrieben vom Verfassungsgericht
6.2.2 Achtungserfolg auf dem Bundesparteitag 2012
6.3 Referendum in Irland
6.3.1 Medialer Marathon: Die LSU im Fokus
6.3.2 „Es ist Zeit“ – ein offener Brief an die Kanzlerin
6.3.3 Die Stunde der Opposition
6.3.4 Mitgliederbefragung der Hauptstadt-CDU
7 Modernisierung der CDU und Wandel im traditionalistischen Lager
7.1 Modernisierung der Union
7.2 Institutionen im Wandel: die Kirchen und die Homosexuellen-Frage
7.2.1 Zögerliche Wertschätzung in der
katholischen Kirche
7.2.2 Spannungen in der Evangelischen Kirche
7.3 Bildungsplan, Besorgte Eltern und die AfD
8 Fazit und Ausblick
8.1 Wie ist die LSU entstanden?
8.2 Wer sind die Lesben und Schwulen in der Union?
8.3 Was will die LSU?
8.4 Wie arbeitet die LSU?
8.5 Was hat die LSU bisher erreicht?
8.6 Acht Thesen über die Zukunft der LSU
These 1: Die Union muss moderne und traditionalistische Kräfte zugleich stärken.
These 2: Die LSU braucht Krisen.
These 3: Die Ehe für alle kommt – 2017.
These 4: Wertewandel an der Basis gestalten.
These 5: Wachstum durch Normalisierung – die LSU kann größer werden.
These 6: Die LSU wird um ihren Bestand kämpfen müssen.
These 7: Die Zuwanderung verändert die Debatte um Homosexualität.
These 8: Die CDU muss sich entscheiden – für die Mitte.
Abkürzungsverzeichnis
Literatur- und Quellenverzeichnis
Interviews
Danksagung

Vorwort

Robert Lorenz / Matthias Micus

In seinem Porträt der Regierungsjahre Angela Merkels diagnostiziert derSpiegel-Autor Dirk Kurbjuweit einen fundamentalen Wandel der Themen, für die sich bundesdeutsche Bürger mobilisieren ließen.[1]Vor zwei Jahren, 2014, erschienen und insofern notwendig vorläufig Bilanz ziehend, konstatiert er einen Abschied von den klassischen Empörungsmotiven Frieden, Umwelt, Gerechtigkeit, Bürgerrechte und eine Hinwendung zu neuen Gegenständen der Partizipation. Dazu gehören Fragen der Geschlechterpolitik und damit über eine Modernisierung des Frauen- und Familienbildes hinaus auch eine Öffnung des alt-bürgerlichen Familienmodells sowie Reformen zugunsten gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, die Einrichtung von Gender-Lehrstühlen an Universitäten und eine gewachsene Sensibilität gegenüber sexuell diskriminierenden Sprach- und Denkmustern.

Und schon lange vor der deutschen Wiedervereinigung, zu einer Zeit, als Angela Merkel noch am Zentralinstitut für physikalische Chemie in Berlin-Adlershof promovierte und von Politik kaum etwas wissen wollte, veranstaltete die damals noch katholisch tief durchdrungene CDU im März 1979 ihren Bundesparteitag in Kiel. Als sich am Europaabend des Parteitages die Tanzeinlage als barbusiges Ballett entpuppte, verließen die Konservativen tumultartig den Saal; und während die Deutsche Bischofskonferenz den christdemokratischen Sittenverfall beklagte, witterten die Jungsozialisten Sexismus. Der für die Parteitagsorganisation zuständige Parteigeneralsekretär Heiner Geißler aber nahm die Aufregungzum Anlass, der CDU ein neues Verständnis von Frauen, Ehen, Sexualität einzuimpfen.[2]

Der damals beginnende Wandel des Familien- und Geschlechterbildes markiert einen Strang der Vorgeschichte, die zur Gründung des Verbandes der Lesben und Schwulen in der Union(LSU) führt. Diesem Zusammenschluss widmet sich Niklas Kleinwächter in vorliegender Arbeit. Wie, so fragt er sich, passt das zusammen: ein mit karnevalesken Outfits, extrovertierter Bekenntnisfreude und randständigem Nonkonformismus assoziiertes sexuelles Bekenntnis und eine traditionsverhaftete, bodenständige, dem mehrheitsgesellschaftlichen Juste Milieu und seiner Selbstzuschreibung von „Mitte und Maß“ verpflichtete konservative Volkspartei?

Diese Fragestellung ist sicher relevant; die dazugehörige Antwort liegt ebenso gewiss keinesfalls auf der Hand. Das zeigen so widersprüchliche Phänomene wie zunehmend selbstverständlicher und zahlreicher hervortretende homosexuelle Amts- und Mandatsträger auch in den Unionsreihen – man denke etwa an den ehemaligen Hamburger Oberbürgermeister Ole v.Beust, den Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesfinanzministerium Jens Spahn oder die einstige stellvertretende hessische Ministerpräsidentin Karin Wolff –, einerseits. Protestmärsche und Unterschriftensammlungen gegen jene Bestimmungen in dem von der rot-grünen Landesregierung in Baden-Württemberg neugefassten Bildungsplan, die der sexuellen Aufklärung gelten, durch Teile des christdemokratischen Wählerspektrums mitorganisiert, andererseits.

Kleinwächters Arbeit stellt insofern Grundlagenforschung dar, als bei dem gewählten Thema eine breite Forschungslücke klafft. Neben der üblichen Sichtung von themenbezogener Literatur hat der Autor auch eine ganze Reihe von Experteninterviews geführt. Seine Gesprächspartner sind zum einen durchweg selbst in dem untersuchten christdemokratischen Schwulen-und-Lesben-Verband engagiert, decken zum anderen aber innerhalb dieses Organisationsgeflechts eine denkbar große Spannweite ab. In seiner Herangehensweise schließlich orientiert sich Kleinwächter ganz klassisch an den etablierten Untersuchungsdimensionen der (partei-)politischen Organisationsforschung, wenn er zum einen den organisatorischen Aufbau der LSU, zum anderen ihr programmatisches Profil und darüber hinaus ihre Einflussnahme- und Durchsetzungsstrategien darstellt – dies mit Blick sowohl auf die Gremienarbeit als auch auf informelle Kanäle, parteiinterne Initiativen ebenso berücksichtigend wie solche, welche die überparteiliche Vernetzung in der schwul-lesbischen „Community“ betreffen.

Zuvor beschreibt Kleinwächter – nach einleitenden Erläuterungen zur Fragestellung, zu dem Forschungsstand und der Methodik – die rechtlichen, sozialen und kulturellen Umfeldbedingungen für schwul-lesbische Interessenpolitik in Deutschland, indem er die Geschichte der Homosexuellenpolitik in der Bundesrepublik nachzeichnet. In aller Kürze skizziert er außerdem mit dem ideologischen Selbstverständnis und dem Vereinigungswesen von CDU und CSU den parteiorganisatorischen Handlungsrahmen für die Anträge, Initiativen und weiteren Instrumente der Einflussnahme und inhaltlichen Einmischung der LSU. Abgerundet wird die Arbeit mit einem nicht bloß resümierenden Fazit, das mit einem Ausblick und dem Wiederaufgriff der letztlich entscheidenden Frage schließt: „Passt Homosexuellenpolitik zu CDU und CSU?“

Göttinger Junge Forschung

„Göttinger Junge Forschung“, unter diesem Titel firmiert eine Publikationsreihe desInstitutes für Demokratieforschung, das am 1. März 2010 an derGeorg-August-Universität Göttingengegründet worden ist.DieGöttinger Junge Forschung verfolgt drei Anliegen: Erstens ist sie ein Versuch, jungen Nachwuchswissenschaftlern ein Forum zu geben, auf dem diese sich meinungsfreudig und ausdrucksstark der wissenschaftlichen wie auch außeruniversitären Öffentlichkeit präsentieren können. Damit soll erreicht werden, dass sie sich in einem vergleichsweise frühen Stadium ihrer Laufbahn der Kritik der Forschungsgemeinde stellen und dabei im Mut zu pointierten Formulierungen und Thesen bestärkt werden.

Zweitens liegt ein weiterer Schwerpunkt auf der Sprache. Die Klagen über die mangelndeFähigkeitder Sozialwissenschaften, sich verständlich und originell auszudrücken, sind Legion. So sei der alleinige Fokus auf Forschungsstandards „problematisch“ im Hinblick auf eine „potentiell einhergehende Geringschätzung der Lehr- und der Öffentlichkeitsfunktion der Politikwissenschaft“, durch die „Forschungserkenntnisse der Politikwissenschaft zu einem Arkanwissen werden, das von den Experten in den Nachbarfächern und den Adressaten der Politikberatung, aber kaum mehr vom Publikum der Staatsbürgergesellschaft wahrgenommen wird, geschweige denn verstanden werden kann“.[3]Viel zu häufig schotte sich die Wissenschaft durch „die Kunst des unverständlichen Schreibens“[4]vom Laienpublikum ab.

Mitnichten soll an dieser Stelle behauptet werden, dass die Texte der Reihe den Anspruch auf verständliche und zugleich genussreiche Sprache mit Leichtigkeit erfüllen. Vielmehr soll es an dieser Stelle um das Bewusstsein für Sprachegehen, den Willen, die Forschungsergebnisse auch mit einer angemessenen literarischen Ausdrucksweise zu würdigen und ihre Reichweite – und damit Nützlichkeit – soweit zu erhöhen, wie dies ohne Abstriche für den wissenschaftlichen Gehalt möglich erscheint. Anstatt darunter zu leiden, kann sich die Erkenntniskraft sogar erhöhen, wenn sich die Autoren über die Niederschrift eingehende Gedanken machen, dabei womöglich den einen oder anderen Aspekt noch einmal gründlich reflektieren, die Argumentation glätten, auf abschreckende Wortungetüme, unnötig komplizierte Satzkonstruktionen und langweilige Passagen aufmerksam werden[5]– insgesamt auf einen Wissenschaftsjargon verzichten, wo dies zur Klarheit nicht erforderlich ist. Denn es besteht durchaus die Möglichkeit, einen wissenschaftlichen Text weder zu simplifizieren noch zu verkomplizieren, selbst unter der Berücksichtigung, dass die schwere Verständlichkeit von Wissenschaft aufgrund unvermeidlicher Fachbegriffe vermutlich unausbleiblich ist.[6]

Dies sollte jedoch nicht die Bereitschaft mindern, den Erkenntnistransfer via Sprache zumindest zu versuchen. In der allgemeinverständlichen Expertise sah der österreichische Universalgelehrte Otto Neurath sogar eine unentbehrliche Voraussetzung für die Demokratie, für die Kontrolle von Experten und Politik. Neurath nannte das die „Kooperation zwischen dem Mann von der Straße und dem wissenschaftlichen Experten“[7], aus der sich die Fähigkeit des demokratisch mündigen Bürgers ergebe, sich ein eigenes, wohlinformiertes Urteil über die Geschehnisse der Politik zu bilden. Dass in diesem Bereich ein Defizit der Politikwissenschaft besteht, lässt sich, wie gezeigt, immer häufiger und dringlicher vernehmen. Ein Konsens der Kritiker besteht in dem Plädoyer für eine verstärkte Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse in eine interessierte Öffentlichkeit. Hierzu müsse man „Laien dafür interessieren und faszinieren können, was die Wissenschaftler umtreibt und welche Ergebnisse diese Umtriebigkeit hervorbringt“, weshalb „komplexe wissenschaftliche Verfahren und Sachverhalte für Fachfremde und Laien anschaulich und verständlich“ dargestellt werden sollten.[8]

Der Sprache einen ähnlichen Stellenwert für die Qualität einer Studie einzuräumen wie den Forschungsresultaten, mag sich auf den ersten Blick übertrieben anhören. Und wie die amerikanische Historikerin Barbara Tuchman zu berichten weiß, ist dies zumeist „mühselig, langsam, oft schmerzlich und manchmal eine Qual“, denn es „bedeutet ändern, überarbeiten, erweitern, kürzen, umschreiben“.[9]Doch eröffnet dieser Schritt die Chance, über die engen Grenzen des Campus hinaus Aufmerksamkeit für die Arbeit zu erregen und zudem auch die Qualität und Überzeugungskraft der Argumentation zu verbessern. Kurzum: Abwechslungsreiche und farbige Formulierungen, sorgsam gestreute Metaphern und Anekdoten oder raffiniert herbeigeführte Spannungsbögen müssen nicht gleich die Ernsthaftigkeit und den Erkenntniswert einer wissenschaftlichen Studie schmälern, sondern können sich für die Leserschaft wie auch für die Wissenschaft als Gewinn erweisen.

In den Bänden der GöttingerJungen Forschung versuchen die Autoren deshalb sowohl nachzuweisen, dass sie die Standards und Techniken wissenschaftlichen Arbeitens beherrschen, als auch eine anregende Lektüre zu bieten. Wie gesagt, mag dies nicht auf Anhieb gelingen. Doch Schreiben, davon sind wir überzeugt, lernt man nur durch die Praxis des Schreibens, somit durch frühzeitiges Publizieren. Insofern strebt die Reihe keineswegs perfektionistisch, sondern perspektivisch die Förderung von Schreib- und Vermittlungstalenten noch während der wissenschaftlichen Ausbildungsphase an.

Freilich soll bei alldem keinesfalls der inhaltliche Gehalt der Studien vernachlässigt werden. Es soll hier nicht ausschließlich um die zuletzt von immer mehr Verlagen praktizierte Maxime gehen, demnach Examensarbeiten nahezu unterschiedslos zu schade sind, um in der sprichwörtlichen Schublade des Gutachters zu verstauben. Die Studien der Reihe sollen vielmehr, drittens, bislang unterbelichtete Themen aufgreifen oder bei hinlänglich bekannten Untersuchungsobjekten neue Akzente setzen, sodass sie nicht nur für die Publikationsliste des Autors, sondern auch für die Forschung eine Bereicherung darstellen. Das thematische Spektrum ist dabei weit gesteckt: von Verschiebungen in der Gesellschaftstektonik über Anatomien von Parteien oder Bewegungen bis hin zu politischen Biografien.

Eine Gemeinsamkeit findet sich dann allerdings doch: Die Studien sollen Momenten nachspüren, in denen politisches Führungsvermögen urplötzlich ungeahnte Gestaltungsmacht entfalten kann, in denen politische Akteure Gelegenheiten wittern, die sie vermittels Instinkt und Weitsicht, Chuzpe, Entschlusskraft und Verhandlungsgeschick zu nutzen verstehen, kurz: in denen der Machtwille und die politische Tatkraft einzelner Akteure den Geschichtsfluss umzuleiten und neue Realitäten zu schaffen vermögen. Anhand von Fallbeispielen sollen Möglichkeiten und Grenzen, biografische Hintergründe und Erfolgsindikatoren politischer Führung untersucht werden. Kulturelle Phänomene, wie bspw. die Formierung, Gestalt und Wirkung gesellschaftlicher Generationen, werden daher ebenso Thema sein, wie klassische Organisationsstudien aus dem Bereich der Parteien- und Verbändeforschung.

Was die Methodik anbelangt, so ist die Reihe offen für vielerlei Ansätze. Um das für komplexe Probleme charakteristische Zusammenspiel multipler Faktoren (Person, Institution und Umfeld) zu analysieren und die internen Prozesse eines Systems zu verstehen, darüber hinaus der Unberechenbarkeit menschlichen, zumal politischen Handelns und der Macht des Zufalls gerecht zu werden,[10]erlaubt sie ihren Autoren forschungspragmatische Offenheit. Jedenfalls: Am Ende soll die Göttinger Junge Forschung mit Gewinn und – im Idealfall – auch mit Freude gelesen werden.

1Einleitung

1.1Homosexuelle in der Union

Lesben und Schwule in der Union – ja, die gibt es. Dass auch Christdemokraten homosexuell sein können, verwundert seit Ole von Beust niemanden mehr. Im August 2003 brach eine neue Zeitrechnung an. Zwei Jahre nachdemsich der SozialdemokratKlaus Wowereit als erster deutscher Politiker öffentlich zu seiner Homosexualität bekannthatte, folgte nun ein Konservativer. Doch freiwillig war dieses Outing nicht. Ronald Schill von der rechtspopulistischen PRO versuchte damals, seinen Koalitionspartner Ole von Beust, den Ersten Bürgermeister Hamburgs, mit dessen Homosexualität zu erpressen. Er drohte, Gerüchte über ein vermeintliches Verhältnis zwischen Beust unddessenJustizsenator Roland Kusch (ebenfalls CDU) publik zu machen.VonBeust wählte die Flucht nach vorn: In einer eilig einberufenen Pressekonferenz entließ er den Innensenator Schill – und wurdedaraufhin von ihmgeoutet. Trotzdem konnte von Beust im Amt bleiben und wurde sogar wiedergewählt.Das war ein Novum: Offengelegte und offen gelebte Homosexualitätmussteauch für einen konservativen Politiker nicht mehr das Ende der (politischen) Karriere bedeuten.[11]

Doch Ole von Beust war nicht das, was man einen Schwulenpolitiker nennen würde – er war einfach nur ein schwuler Politiker. Seine sexuelle Orientierung wollte er nie öffentlich thematisieren–dasseiseine Privatangelegenheit.[12]Eine ähnlicheGeisteshaltunghatteschon Konrad Adenauergezeigt,der Gerüchte um die Homosexualität seines Außenministers Heinrich von Brentano mit den Worten abgeschmetterthatte: „Also wissen se, solange er misch nit anfasst, isset mir ejal.“[13]

ZehnJahre nach von Beusts Outing fragtedieWochenzeitungDieZeitim Juni 2013:„Wie schwul ist die CDU?“.[14]Ausschlaggebend dafürwareine kleine Gruppe von13Bundestagsabgeordnetengewesen,welchedie Union in eine höchst öffentliche Debatte über die steuerliche Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften mit der Ehegezwungen hatte. Dieser Zusammenschlussbesteht nicht aus schwulen Politikern – sondern aus Schwulenpolitikern, die gar nicht mal alle homosexuell sind.Innerhalb der konservativen Unionsetzen sie sichfür Gleichstellung ein und bewegen die Partei. Was passiert da?

Diese „WildenDreizehn“sind gewissermaßen nur die Spitze des Eisbergs.[15]Seit Ende der 1990er Jahre gibt es den Verband der Lesben und Schwulen in der Union (LSU)[16].Allerdings ist die kleine Gruppe inner-wie außerhalb der Partei weitgehend unbekannt. Bei einfachen Parteimitgliedern, den„Otto-Normal-Wählern“,aber auch bei Politikwissenschaftlern wirft die LSU Fragen auf. Denn anders als Ole von Beust sind die Mitglieder der LSUkeinesfalls überwiegendschwule Politiker. Sie sind tatsächlich Schwulenpolitiker, „Homo-Aktivisten“, Politiker aus CDU und CSU, die sich für die Rechte von homo-, bi-, trans- und intersexuellen Menschen einsetzen.Das ist neu und das ist anders.

Die Union verändert sich in der und durch dieHomosexuellen-Frage. Eine Partei, die am liebsten gar nicht über Sex sprechenwill, wird immerstärkerdazu gezwungen.Spätestensseitdemdas eigentlich so konservative Irland in einem Referendum die Ehe auch für Homosexuelle geöffnet hat, müssen sichauchdie Mitglieder, Delegierten und Funktionsträger der Unionsparteien mit dieser Thematik beschäftigen. Die Impulse kommen dabeioftmalsvon außen;aber auch von innen–eben von derLSU. Wie die LSU entstanden ist, wie sie arbeitet, was sie fordert und welche Erfolge sie dabeiverzeichnet, soll diese Arbeit näher beleuchten.

1.2Forschungsstandund -interesse

Dieses Buch über den Verband der Lesben und Schwulen in der Union ist ein Beitrag zum Feld der Parteienforschung. Die LSUselbstist dabei keine Partei im eigentlichen Sinne,sondernvielmehr eine Partei in der Partei. Diesem besonderen Status zwischen Eigenständigkeit und Eingebundenheit soll Rechnung getragen werden.

Dievorliegende Arbeitstellt Grundlagenforschung zum Verband der Lesben und Schwulen in der Union dar.Bislangist nochkein Werkspeziell zu diesem Thema erschienen. Auch in der Literatur über die Unionsparteien ist die LSU bisher kaum bis gar nicht aufgetaucht. Zwei Gründe mögen dafür entscheidend sein: die kurze Geschichte der LSU sowie ihre geringe Mitgliederzahl. Nicht zu unterschätzen ist jedoch die Bedeutung,welchedie Stellung der LSU für das Gesamtbild der Union haben kann. Im Frühjahr 2015 geriet die LSU in den medialen Fokus,alsdas irische Referendum über die Öffnung der Ehe für homosexuelle Paarediese Debatteauch in Deutschland wieder neu entfachte und vor allem die Unionsparteienunter Positionierungsdruck setzte. Wissenschaftlich istdie LSUhingegenbisher kaum erforscht. Einzig in der populärwissenschaftlichen Literatur wird dieGruppierungam Rande erwähnt: Volker Resingstreiftdie LSU in seinem Buch „Die Kanzlermaschine“ und formuliertdarinetwas oberflächlich, die Partys der LSU seien wichtiger als Treffen der Ost-und Mitteldeutschen Vereinigung(OMV).[17]Weitere Erklärungen bleibenjedochaus. Eine kurze Erwähnung findet die LSU auch in Gerd Langguths Merkel-Biografie. Langguth deutet Merkels Rede vor der LSU als ein Zeichen ihrer gesellschaftspolitischen Liberalität.[18]

Ziel dieses Buches ist, erste Fakten über die Entstehung, den Aufbau und die Arbeitsweise der LSU zusammenzutragen. Ferner soll dieses Buch die Entwicklung der LSU nachzeichnen undderenPosition innerhalb der Unionsparteien verortensowieversuchen,den damit verbundenenWandel in einen größeren gesellschaftlichen Kontext einzuordnen.Betrachtet wird dabei, wie sich die LSU zwischen dem konservativen Milieu der Unionsparteien und der bunten Schwulencommunity bewegt und beide Seiten ein Stück weit zu verändernsucht.

Folglich vereint diese Arbeit verschiedene Ansätze der Parteienforschung:Sie unternimmteine Analyse der Verbandsstruktur (deskriptive Parteienforschung) und eine BetrachtungvonKontextbedingungen der Entstehungsowieder weiteren Entwicklung (historisch-soziologischer Erklärungsansatz). Im Sinne der Göttinger Schule der Parteienforschung liegt das Beobachtungsfeld des Weiteren im Dreieck aus Prozessen, Personen und günstigen Gelegenheiten.[19]Untersucht wird,welche Personen in den Unionsparteien für die LSU bedeutsam sind. Anhand zweier historischer Begebenheiten wird deutlich, wie sehr es in der Politik darauf ankommt, Gelegenheitsstrukturen nutzen zu können.

1.3Gliederung

Nach einer Erläuterung zum methodischen Vorgehen (Kapitel 2) bietet Kapitel 3 „Homosexuellenpolitik in der Bundesrepublik“ einen Überblick über den gesellschaftlichen und rechtlichen Wandel, den Deutschland seit dem Ende desZweiten Weltkriegs im Bereich der Homosexuellenpolitik durchlaufen hat. Dabei werden die juristischen Meilensteine vom „Homosexuellenparagraphen“ 175 StGB bis zum Lebenspartnerschaftsgesetz und den letzten Urteilen des Bundesverfassungsgerichts nachgezeichnet. Außerdem wird die Entwicklung der sog.Community,desVereins- und Gruppenwesenslesbischer, schwuler,bi-, trans- und intersexueller(LSBTI) Menschen,angerissen. Am Ende des Kapitels steht eine globale Einordnung der Lage der Homosexuellen zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Der Rückblick in diesem Kapitel soll verdeutlichen, welche Diskrepanz zwischen den Unionsparteien und der LSBTI-Welt liegt.

ImfolgendenKapitelwerden dieUnionsparteien als konservative Volksparteiencharakterisiert(Kapitel 4). Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Trias aus „liberalen, konservativenund christlich-sozialen“Strömungensowie dem ausgeprägten Vereinigungswesen. Denn zu selbigem gehörtauchder Verband der Lesben und Schwulen in der Union – wenngleichnur als sog. „Sonstige Gruppe“.

Den Kern der Arbeit bildet die Darstellung der Lesben und Schwulen in der Union (Kapitel 5).Nachdem dievorangegangenenKapiteldieLSU in einen größeren organisatorischen und kulturellen Kontexteingeordnethaben,wirdnundie Gruppe genauer unter die sprichwörtliche Lupe genommen. Zunächst wird die Gründung der LSU Ende der 1990erJahre als Gruppe der „Schwulen Christdemokraten“ skizziert(5.1).Anschließendfolgen Darstellungender Parteistruktur und der Mitgliederverteilung; mit der Betrachtung der Neugründung einzelner LSU-Landesverbände wird die strukturelle Entwicklung der Vereinigung dargestellt(5.2).Anschließendwirddie Mitgliedersoziologie präsentiert und derFrauenanteildiskutiert (5.3). Im Kapitel „Programmatik und Ziele“ (5.4) werden drei Leitanträge und dasaktuelleGrundsatzprogramm der LSU zusammengefasst. Dabei erfolgt der Versuch,dieprogrammatischen Schriften nach ihrem christdemokratischen oder bürgerlichen Gehaltzu beurteilen. Ausgewählte Programmpunkte werden anschließend mit den Forderungen andererLSBTI-Parteiorganisationenverglichen undin Kontrast gesetzt.Hierbeisoll der Frage nachgegangen werden, ob es so etwas wie eine originär konservative LSBTI-Politik gibt.

ImfolgendenAbschnitt wird die Arbeitsweise der LSU dargestellt. Dabei wird nach der vom CDU-Statut herausgegebenen Doppelfunktion der Vereinigungen unterschieden: Wirken in derCommunity(Kapitel 5.5) und Wirken in der Union (Kapitel 5.6). Beim Wirken in derCommunitywerdendie Zusammenarbeit mit anderen Vereinen, das Engagement auf demChristopher Street Day(CSD)sowie dieKooperationmit LSBTI-Gruppen anderer Parteien beschrieben. Schließlich werden die ersten Bestrebungen zur Zusammenarbeit mit LSBTI-Gruppen anderer Mitte-Rechts-Parteien vorgestellt.

Bei der Analyse der Arbeitsweise in der Partei werden zuerst die Einflusspotenziale,sprich: dieformellenund informellen Einflusskanäle der Unionsvereinigungen herausgearbeitet. Im Weiteren wird beschrieben, wie die LSU dieseKanälenutzt:überMitarbeit in Parteivorständen, Hintergrundgespräche, Wirken auf den Parteitagen, politisches Marketing und Zusammenarbeit mit anderen Parteiorganisationen.

Daran anschließend wird in Kapitel 6(„Lesben und Schwule verändern die Union: Homosexuellenpolitik in der Merkel-CDU“)gezeigt, wie die LSU seit ihrer Gründung die Programmatik der Unionsparteien, hier speziell der CDU, verändert hat. Dazu werden die Lager der Gegner und Unterstützer der Lesben und Schwulen in der Union vorgestelltund mithilfe ihrer Protagonisten illustriert. Außerdem wird die Veränderung im Familienbild der CDU anhand des Grundsatzprogramms der CDU Deutschlands von 2007 genauer betrachtet. Die Entwicklungen auf dem CDU-Bundesparteitag in Hannover2012waren ein erstes Gelegenheitsfenster, das die LSU ein Stück weit vorangebracht hat. Was dort passierte, sollhierdargestellt werden. Anschließend wird die Debatte, die das irische Ehereferendum 2015 in Deutschland und vor allem in der Union ausgelöst hat, nachgezeichnet. Hierbei handelt es sich um einenweiterenjenerhistorischen Momente, die eine Wende in der Politik bedeutet haben könnten.Analysiertwird, inwieweit es der LSU gelungen ist, diesen Moment zu nutzen, und woran sie womöglichgescheitertist.

Zuletzt wird dieDiskussionum den politischen Konservatismus in der Union thematisiert (Kapitel 7). Indieser Debatte wird die ablehnendeHaltung in derHomosexuellenpolitik der Union als „letztekonservativeBastion“[20]bezeichnet.In diesem Zusammenhang soll untersuchtwerden, was konservative Politik für die Christdemokratie bedeutet, wie sich die Politik der Union in den letzten Jahren gewandelt hat und welche Bedeutung diese Modernisierung nun für die Ziele der LSU hat. Dabei dürfen schließlich zwei Entwicklungen im konservativen Milieu nicht außer Acht gelassen werden: Zumeinen verändert sich die Haltung der Kirchen zur Homosexualität. Die Union und die Kirchenwiederumhaben eine besondere Verbindung. Es ist bezeichnend, dass in beiden Institutionen ähnliche Diskussionen über Modernisierung geführt werden.Hierstellt sich die Frage, wie diese Debatten einander berühren.

Und zumanderen gibt es Bewegungenrechts der Union. Mit der Alternative für Deutschland(AfD)ist womöglich ein Konkurrent am rechten Rand entstanden, der vor allem auchdie von der liberalisierten Union verschreckten Milieus anzieht. Das große Themaderneuen Partei ist –neben Finanzen und Zuwanderung–die Familie. Wieverhältsich dieAfD zur Homosexuellen-Frage. Auch das organisatorische Umfeld wie die „Demo für alle“ oder die „Initiative Familienschutz“ und die „Besorgten Eltern“ sind Teil dieser Betrachtung.

Abschließend werden die gesammelten Erkenntnisse über die Lesben und Schwulen in der Union zusammengefasst (Kapitel 8).Beantwortet und rekapituliertwird, wie die LSU entstanden ist, wer die Lesben und Schwulen in der Union sind, wie die LSU arbeitet und was sie bisher erreicht hat. Diese Arbeit endet mit einer Einschätzung, wie sich der Verband der Lesben und Schwulen in der Union in Zukunft entwickeln wird, wieerdie Unionsparteien beeinflussenkann/wirdund was das für das Profil der konservativen Volksparteien bedeuten wird.

All das kannfreilichnur eine Momentaufnahme einer Entwicklung sein, die noch im Fluss ist.Währenddieses Buch entstanden ist,hatsich der Untersuchungsgegenstand enormverändert. Die LSUabsolvierteimJahr2015eineAchterbahnfahrt: Vom Tal der Unbekannten nähertesie sichdurch die Fürsprache des Generalsekretärs der CDU und der Einladung ins Adenauer-Hauseinem Hoch. Der Erfolgskurs schien im irischen Ehereferendum zu gipfeln – doch danach kam dannerneutdie Talfahrt: Blockadehaltung der Union, niederschmetterndes Ergebnis in Berlin, mediale Nichtbeachtung. Aber die Fahrt geht weiter, bloßerneuteher unterhalb desRadarsder öffentlichen Wahrnehmung. Diese Arbeit soll, ohne das Ende der Fahrt vorhersagen zu können, ein wenig Licht auf die Streckesowie den Wagen werfen.

2Methodisches Vorgehen

Um dieses wenig erforschte Gebiet erstmaligmöglichstumfassend zu erschließen, führte ich vor allem Experteninterviews mit (ehemaligen) Mitgliedern der LSU durch. Primäres Zieldieser Gesprächewar, Wissen über die Entstehung, die Entwicklung, die Ziele und die Arbeitsweise der Lesben und Schwulen in der Union zu sammeln. Darüber hinaus wurde Deutungswissen der Mitglieder zur Position und zu Zukunftsperspektivender LSUim Verhältnis zu den Unionsparteien erhoben.

DieBefragten sind in diesem Fall selber Teil des Untersuchungsgegenstands und geben ihr spezielles Betriebswissen weiter. Sie zeichnen sich als Experten dadurch aus, dass sie über ihre Position im Verband der Lesben und Schwulen in der Union und ggf. in der CDU/CSU über einen „privilegierten Zugang zu Informationen“ verfügen, sie gehören allesamt zur „Funktionselite“ der untersuchten Gruppe.[21]In der Literatur zu Experteninterviews[22]wird beschrieben,dassdie Schwierigkeit bei der Auswahl der Interviewpartner darinbestehe,jemandenzu finden, der tatsächlich über das gewünschte Betriebswissen verfügt.[23]Tatsächlich erwies es sich als schwierig, Wissen über die Gründungsjahre der LSU zu erschließen, während aktuelle Geschehnisse sehr gut abzufragen waren. Im Verlauf der Arbeit wird aus den geführten Interviewsimmer wiederdirekt oder indirekt zitiert. Um beieinigen persönlichen Aussagen die Anonymität zu gewährleisten,wird auf eine durchgängige Angabe der Quelle verzichtet. Die Interviews werden im Quellenverzeichnis gelistet und liegen dem Autor vor.

2.1Expertenauswahl

Die Auswahl der Experten erfolgte aufgrund des umfassenden Ansatzes, den gesamten Verband zu erforschen und darzustellen,aus einemsehr breiten Spektrum:Ichversuchte,bei kleiner Zahlder Interviewseine möglichst große Vielfaltan Gesprächspartnernabzubilden. Die Interviews für das vorliegende Buch führte ich in zwei Wellen durch.Beiden ersten neun achtete ich darauf, aus jedem der vier Regionalverbände einen Vertreter zu sprechen. Ich befragte Männer wie Frauen, Hetero- wie Homo- und Transsexuelle. Die Befragten waren unterschiedlich lange in der LSU aktiv undbekleidetenverschiedenePositionenin der Parteihierarchie: Bund, Region, Land. Die Interviewten kamen aus Flächenländern, Stadtstaaten, Großstädten und ländlichen Gebieten. Außerdem waren unter den Interviewten langjährige Unions-Mitglieder, Unions-Neumitglieder und LSU-Mitglieder, die (noch) nicht der Union beigetreten oder bereits wieder ausgetretenwaren. An dieser Stelle sei noch angemerkt, dass ich bewusst„Unions-Mitglieder“schreibe und damit i.d.R. CDU- wie CSU-Mitglieder meine. Die meisten der Interviewten stammten allerdingsaus dem Wirkungsbereich der CDU. In der zweiten Interviewwelle, die ich ein Jahr später zur Erweiterung der Arbeit durchführte, befragte ich noch einmal den Bundesvorsitzenden zu den Veränderungen, die sich indiesen zwölf Monatenzugetragen hatten, sowie je ein Mitglied aus Sachsen und dem Saarland, um die Entwicklung in den beiden neugegründeten bzw. sich in der Neugründung befindenden Landesverbänden besser erfassen zu können.Es ist kritisch anzumerken, dass der Modus derAuswahl der Gesprächspartner vor allem Unterstützer des aktuell eingeschlagenen Kurses der LSU hervorgebracht haben könnte. Dass auch die LSU keine homogene Gruppe ist, sondern unter ihrem Dach verschiedene Haltungen bündelt, wurde an zwei Stellen augenscheinlich:sowohl an den thematisierten Austritten vor allem ehemaliger Vorstandsmitglieder, denen der Kursder LSUnicht fordernd genuggewesen sei, als auch bei der Betrachtung der teilweise konservativeren Leitanträge im Vergleich zum moderateren Grundsatzprogramm.

Beim Feldzugang bin ich auf zwei Schwierigkeiten gestoßen: Dadie LSUbundesweit agiert und ich Vertreter aller Regionen sprechen wollte, waren persönlicheFace-to-Face-Gespräche nur in wenigen Fällen möglich. Die meisten Interviews wurden deshalb telefonisch durchgeführt. Biografisch-narrativen Interviews würde dieser Umstand eine wichtigeAnalyseebene rauben. Bei Experteninterviews ist der fehlende persönliche Kontakt jedoch wenigergravierend.Zudemgestaltete sich die Terminfindung mitunter etwas schwierig. Die Mitarbeit in der LSU ist ehrenamtlich, alle Interviewten waren durch Beruf, Studium oder weiteres Engagement eingespannt. Außerdem fiel der Erhebungszeitraum in die Urlaubszeit und überschnitt sich mit der CSD-Saison, bei der einige LSU-Mitglieder als Organisatoren oder an Ständen der LSU eingebunden waren. Die Interviewten waren aber allesamt sehr entgegenkommend und zeigten große Bereitschaftzur Mitarbeit.Bei der Auswertungwar allerdingszu berücksichtigen, dass seitens der Politiker ein großes Präsentationsbedürfnis besteht und mit zunehmender Erfahrung in der politischen Kommunikation ein Hang zu festgelegten Sprachregelungen bestehen kann.

2.2Leitfadeninterviews

Bei Experteninterviews hat sich der offene Leitfaden als geeignetesErhebungsinstrumentherausgestellt. Er trägtauf der einen Seitedem Expertenstatus der Befragten Rechnung, da er eine genaue Vorbereitung des Interviewers verlangt unddieInterviewtennicht übermäßig lange beansprucht oder allzu persönliche Informationen abfragt. Auf der anderen Seite ist auch der Interviewer nicht gezwungen, sichüber Gebührmit für seine Arbeit unwichtigen Themen aufzuhalten. Allerdings sollte eine gewisse Offenheit des Interviews weiterhin gewahrtwerden, um den explorativen Charakter desGesprächsnicht zu unterminieren. Den Interviewten muss Raum gegeben werden, im Rahmen der vorgegebenen Themenfelder möglichst frei und ausführlich zu berichten. Nur so kann der Sozialforscher auch an solche Wissensbestände gelangen, die er nicht schon selber vorher ausfindiggemacht und angedacht hat.[24]

Der Leitfaden dient deshalbvor allemals grobe Orientierung, als Themenliste, die der Interviewer möglichst im Kopf abhakt und derenReihenfolgeerim Wesentlichen vom Interviewten vorgeben lässt. Eine gängige Methodeder Gesprächsführungist,zunächsteine ausführliche Eingangserzählung zu stimulieren, dann zuerst textimmanent, anschließend textexmanent nachzufragen und am Ende zur Generierung von Deutungswissen aufzufordern.[25]

In meiner Eingangsfrage bat ich die Interviewten, ihren politischen Werdegang bis zur aktuellen Position in der LSU nachzuzeichnen. Diedarauffolgenden Erzählungen boten zahlreiche Anknüpfungspunkte für weitere Nachfragen. Die abgefragten Themenblöcke waren: die LSU im Verhältnis zuCDU/CSU; die LSU im Verhältnis zurCommunity; die Mitgliederstruktur der LSU;inhaltliche StandpunkteimVergleich zu LSBTI-Gruppen anderer Parteien. Abschließend konfrontierte ich die Interviewten mit einer Auswahl an Zitaten von CDU- und CSU-Vertretern,dieihre Haltungen zu Homosexualität und Gleichstellung thematisierten. Die Reaktionen auf die Zitate boten gelegentlich Anknüpfungspunkte für weitere Nachfragen. Die Interviews dauerten i.d.R. zwischen einer und anderthalb Stunden. Im Verlauf der Erhebung wurde der Leitfaden immer wiedermodifiziert. Fragen,Aspekteund Zitate, die sich als unpraktisch erwiesen hatten, wurden gestrichen, neue Themen aufgenommen. Teilweise wurden die Fragen auch denPostender Interviewten angepasst. Das Grundgerüst wurde aber beibehalten, um eine Vergleichbarkeit der Ergebnisse zu gewährleisten.

Bei der Auswertung orientierte ich mich grob an der von Meuser/Nagel vorgeschlagenen Auswertungsstrategie für Experteninterviews.[26]Sieempfehlen, die Interviewszunächstzwar komplett und weitgehend umfassend zu paraphrasieren, Transkriptionen aber nur von entscheidenden Passagen anzufertigen. In einem weiteren Schritt sollen die paraphrasierten Interviews mit Überschriften versehen werden, die sich aus dem Text ergeben.Die Auflösung der Sequenzialitätist dabeierlaubt und notwendig. Anschließend werden die thematisch übereinstimmenden Passagen der verschiedenen Interviews zusammengeführt und miteinander verglichen. Aufgrund des zeitlichen Rahmens dieser Arbeit gingen die Auswertungsschritte teilweise ineinander über. Einige Darstellungen und Erzählungen der Befragten wurden auch nur zu rein illustrativen Zwecken verwendet. Ziel war es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten sowie an nicht dokumentierte Fakten zu gelangen. Diese Arbeit greiftüber die Interviews hinaus auch auf andere Quellen wie Zei