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Eine Idee, geboren in Olomouc, veränderte die Welt – und machte die barocke Garnisonsstadt zum unerwarteten Ausgangspunkt des »Tractatus logico-philosophicus«. Ein Stadtspaziergang durch Brünn erhebt das Flanieren zur Kunstform und erzeugt auf dem alten Kopfsteinpflaster den Widerhall Tausender Schritte prominenter Dichter, Denker und Komponisten. In Pilsen öffnen sich die Türen zu einer anderen Welt. In den von Adolf Loos geschaffenen, wie durch ein Wunder erhalten gebliebenen Interieurs aus Marmor und Mahagoni manifestiert sich der mondäne Lebensstil der 1930er Jahre. Und in Ostrava, einst ein rauchender Moloch aus Stahl und Kohle, zeigt sich der Wandel – heute eine Stadt im Aufbruch, grün, lebendig, architektonisch mutig und voller Energie. In neun atmosphärisch dichten Reportagen zeichnet Irene Hanappi das Porträt eines Landes, das vielen vertraut erscheint, weil es auf den ersten Blick an zu Hause erinnert. Ein Land, das zugleich nah und fern wirkt und oft unterschätzt wird, obwohl es in vielerlei Hinsicht wegweisend ist. Weil hier Geschichte geschrieben wurde. Und weil hier Zukunft entsteht.
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Seitenzahl: 128
Veröffentlichungsjahr: 2026
Irene Hanappi
Wo Europas Herz im Verborgenenschlägt
Picus Verlag Wien
Copyright © 2026 Picus Verlag Ges.m.b.H.
Friedrich-Schmidt-Platz 4/7, 1080 Wien
Alle Rechte vorbehalten
Grafische Gestaltung: Buntspecht, Wien
Umschlagabbildung: © rusm / iStockphoto
ISBN 978-3-7117-1126-7
eISBN 978-3-7117-5556-8
Informationen über das aktuelle Programm des Picus Verlags und Veranstaltungen unter www.picus.at
Von Spuren, die bleiben – im Stein und im Gedächtnis Vorwort
Wo Schatten wohnen Eine Reise nach Mikulov
Funkelnde Lichter im Dunkel der Zeit Die Weltbürger von Olomouc
Kunst, Klang und Kontemplation Brno für Flaneure
Ein Filmset aus Stein Erkundungen in Telč
Von Tür zu Tür Loos’sche Interieurs in Plzeň
Don Quichotte trinkt Bier Eine tschechische Irrfahrt mit Ladislav Zibura
Still, weit und grenzenlos Der Nationalpark Podyjí
Kultur statt Kohle Vítkovice wach geküsst
Topografie des Aufbegehrens Prags Orte der Revolution
Danksagung
Die Autorin
Wer sich lesend auf eine Reise begibt, will nicht von Bauwerken beeindruckt werden, sondern in eine andere Welt eintauchen, erleben, was Orte geprägt hat und welche Geschichten sich in einem Landstrich, einer Landschaft oder im Straßenpflaster einer Altstadt eingeschrieben haben.
»Heritage Trails« und »Heritage Tours« – also Spaziergänge, Radstrecken oder Führungen, die den Fokus auf Geschichte und Identität lenken – finden weltweit großen Zuspruch. Sie werden in allen Städten der Welt angeboten, in Washington genauso wie in Edinburgh, in Singapur genauso wie in Köln.
Auch diese Lesereise folgt den kulturellen Spuren in städtischen Räumen wie auch auf dem Land. Sie durchforstet das Gedächtnis einer Region, die, zwischen Deutschland, Polen, Österreich und der Slowakei gelegen, wie keine andere in Europa die Mitte des Kontinents verkörpert.
Man muss sich diese Lesereise als Museum vorstellen, in dem nicht Gemälde oder Exponate ausgestellt sind, sondern Begebenheiten – die zufällige Begegnung zweier Menschen, die Wiederentdeckung verloren geglaubter Schätze oder die Verortung von Ereignissen, die 1989 die Welt bewegten.
Dieses Buch ist ein Rettungsversuch. Als könnte man Geschehnisse, indem man sie beschreibt, unter Schutz stellen und dem Immateriellen, Vergänglichen, Flüchtigen ein Denkmal setzen. Denn es ist ja nicht der Rathausturm von Brno (Brünn), der die Stadt berühmt gemacht hat, sondern der Name Tugendhat, und davor war es der Name Gregor Mendel. Worum es somit in diesem Buch geht, sind Menschen – ihre Visionen, ihre Schicksale, ihr Vermächtnis.
Unter ihnen sind Künstlerinnen und Mathematikgenies, Industrietycoons und Weltenbummler, Idealistinnen und Alleinunterhalter, Märtyrer, Realpolitiker, Revolutionäre, Komponisten, Literaten und Menschen wie du und ich – Tschechinnen und Tschechen, die am Wirtshaustisch lieber mit einer witzigen Geschichte beeindrucken als mit ihren beruflichen Erfolgen. Sie sind, wie schon der brave Soldat Švejk, immun gegen Autorität und verstehen sich vorzüglich darauf, »die da oben« vom Sockel zu heben. Und genau das macht sie so sympathisch.
Ob Max mit dem Pferdewagen zum Bahnhof fuhr? Oder zu Fuß gegangen ist, den gleichen Weg wie ich und dieser Ausflügler, der mit mir eben aus dem Zug gestiegen ist? Gleich vom Stationsgebäude weg starten markierte Wanderwege. Pfeile auf Hinweistafeln zeigen Richtung historické centrum (historisches Zentrum), zámek (Schloss) und Svatý Kopeček, was so viel wie »heiliger Berg« bedeutet.
Als Max 1866 geboren wurde, war Nikolsburg – wie Mikulov damals hieß – seit mehr als siebenhundert Jahren Sitz der Familien Liechtenstein und Dietrichstein, die zu den ältesten Adelsgeschlechtern Europas zählten und in ihrer Residenz gekrönte Häupter würdig empfingen. Fast alle österreichischen und auch deutschen Kaiser reisten nach oder durch Nikolsburg, auch Napoleon schlug hier 1805 seine Zelte auf.
Das imposante Schloss thront auf einer Anhöhe und überragt alle anderen Bauwerke, die sich an den Burghügel schmiegen. Im Gehen rückt es Schritt für Schritt näher – aus einem fernen End- und Orientierungspunkt wird langsam Realität.
Zu Füßen des Schlossbergs verläuft die Schnellstraße E461, die bis 2004 an dieser Stelle den Eisernen Vorhang durchtrennte. Der ehemalige Grenzübergang ist von der Fußgängerbrücke, auf der ich gerade stehe, nicht zu sehen. Sie überspannt die Fahrbahn, wo an diesem Vormittag eine Lkw-Schlange langsam dahinkriecht, vorbei an einer Fabrik, einem Tesco-Supermarkt und gesichtslosen Lagerhallen. Relikte einer Zeit, als Mikulov im kommunistischen Nachbarland Österreichs lag; eine Stadt, die man unbeachtet links liegen ließ, um so schnell wie möglich ans Ziel zu kommen, meist war es Prag, manchmal auch Krakau.
Das Mikulov, das Max kannte, zählte tausendeinhunderteinundvierzig Häuser und achttausendzweiundneunzig Einwohner, darunter neunhundert Juden, die vom Kleinhandel lebten oder vom Handwerk. Anfang des 20. Jahrhunderts waren es nur mehr fünfhundert, da die meisten von ihnen sich – wegen besserer wirtschaftlicher Aussichten – in Wien oder Brno, damals Brünn, angesiedelt hatten.
Die Strecke bis ins Stadtzentrum verläuft schnurgerade und ist ein stetes Sich-auf-das-Schloss-Zubewegen. An Plakatwänden hängen noch Ankündigungen vom Martinigansl-Essen im letzten November. Der Weg geht abrupt in einen schmalen Trampelpfad über, quert ein Stück Wiese, das Schloss ist nun schon zum Greifen nahe.
Doch mein Ziel liegt ganz woanders, nicht die herrschaftlichen Räume der Liechtensteiner, sondern die mit Ordnern vollgepackten Zimmer des Stadtarchivs interessieren mich. Ich will herausfinden, ob von Max und seiner Familie noch etwas in Erfahrung zu bringen ist. Ob es Spuren gibt. Einen Eintrag in irgendeinem Register, eine Wohnadresse, einen Kaufvertrag, eine Heiratsurkunde, einen Grabstein …
Ich biege in die Brněnská (Brünner Straße) ein, die einst die wichtigste Einkaufsstraße war und es wohl noch immer ist. Ein hölzernes Eingangsportal mit der Aufschrift »Lidovka« ziert einen mit Waren vollgestopften Greißlerladen. Ich kann mir gut vorstellen, wie der Besitzer, die Besitzerin hier am Morgen den Rollladen hochgezogen hat und ihn am Abend wieder herunterlassen wird, begleitet von einem ratternden Geräusch, daneben befinden sich auch noch eine Buchhandlung, eine Trafik und ein Bistro-Café, das in schöner Handschrift auf einer Schiefertafel Suppen, Desserts, Kaffee und hausgemachte Limonaden anpreist.
Dann folgt der Kostelní Náměstí, der Kirchplatz, mit dem in Angedenken an den heiligen Wenzel errichteten Gotteshaus. »Erklimmen Sie die hundertfünfunddreißig Stufen zum Turm und genießen Sie den Panoramablick auf ganz Mikulov«, steht auf einer Tafel. Dafür fehlt mir die Zeit, ich beschleunige den Schritt und lasse die Polizeistation, das Notariat und das Hotel Vivaldi rasch hinter mir liegen.
Ursprünglich waren die Häuser auf diesem prominenten Platz aus Holz, 1584 zerstörte ein großes Feuer die Stadt und beim Wiederaufbau wurde aus dem ehemaligen Marktplatz ein Ort der Repräsentation im Vorfeld der Schlossanlage. Für die neuen Bauten verwendete man ausschließlich Ziegel, was nicht verhindern konnte, dass zweihundert Jahre später erneut ein Brand ausbrach.
Max hat diese Gebäude sicher gekannt, ist an ihnen vorbeigegangen, ist durch das eine oder andere Tor getreten. Hat etwas hingebracht, abgeholt, jemanden besucht. Etwas erledigt. Es war und ist bis heute das administrative Zentrum der Stadt.
Gab es das Kopfsteinpflaster schon? Durften Fuhrwerke hier fahren? Wahrscheinlich war es staubig, streunten Hunde herum und liefen spielende Kinder einem Reifen nach oder saßen am Gehsteigrand und ließen ihre gläsernen Murmeln durch den Sand rollen.
An der Adresse Kostelní Náměstí 32 stehe ich vor einem prachtvollen Haus in Zartrosa mit bauchigen schmiedeeisernen Gittern vor den Fenstern. Der Dekor zeigt einen Löwen, der eine Kette im Maul hält, und Jakobsmuscheln, die den Pilgern einst auf ihrer Reise nach Santiago de Compostela als Orientierung dienten.
Ich höre Baulärm, alles wird gerade auf Vordermann gebracht, die Saison beginnt Ende März. Der Platz geht in einen anderen über, der nur »Náměstí«, also »Stadtplatz« heißt. Er ist beeindruckend schön. Das Rathaus in dezentem Ockergelb, daneben ein Gebäude in Blassblau, dann wieder ein sandfarbenes Haus, dann eines im zartgelben Farbton und dahinter das Mausoleum der Liechtensteiner – sepiafarben, nicht restauriert, die beiden Türme gekrönt von jeweils einem Kreuz und einer goldenen Kugel.
Davor die Dreifaltigkeitssäule. Trotz der Schutzheiligen, die darauf verewigt sind, konnte der zweite verheerende Brand von der Stadt nicht abgewendet werden. Das Rathaus fiel 1784 den Flammen zum Opfer. Wie es ausgesehen hat, als Max hier seiner Wege ging, wissen wir nicht. Das aktuelle Gebäude stammt aus dem Jahr 1929, aus der Zeit der Ersten Tschechoslowakischen Republik. Das Nachbarhaus hingegen, Náměstí 2, hat Max mit Sicherheit des Öfteren betreten. Es war bis 1914 das Postamt. Hat er hier die Briefe hergebracht, die er nach Wien schrieb an seine Söhne, die längst schon den Sprung in die große weite Welt geschafft hatten?
Der Platz setzt sich als breite, leicht abfallende Straße fort. Dass sich in fast jedem Haus eine Vinothek, ein Café oder ein Restaurant befindet, scheint den Ruf Mikulovs zu festigen, ein Ort der Dolce Vita zu sein, ein Stück Italien auf dem Weg von Wien nach Brno. Man ist gewillt, dem zuzustimmen, wenn man die jungen Leute sieht, die hier am Vormittag vor ihren aufgeklappten Laptops in der Sonne sitzen.
Ein paar Schritte noch und mein Ziel ist erreicht: das Stadtarchiv Mikulov, ein nüchterner Neubau, an der Adresse Pavlovská 2. Hier werden Bestände von 1625 bis 1945 aufbewahrt und neben Mikulov auch Hustopeče (Auspitz) und Břeclav (Lundenburg) abgedeckt. Max und seine Familie lebten zwischen 1866 bis 1912 hier. Also müsste es über sie etwas zu finden geben. Per Mail hatte ich eine Anfrage geschickt.
»Wir haben verschiedene Unterlagen, Schülerlisten und anderes Material geprüft«, empfängt mich Lucie Kluchová, Mitarbeiterin der Stadtverwaltung, die sich bereit erklärt hat, für mich die Erklärungen der Archivarin zu übersetzen. »Leider haben wir nichts gefunden.« Kein Max Koppel. Wir haben auch nach Eugenie Geiringer, seiner Frau, gesucht. Nichts. »Warum?«, fragt Lucie rhetorisch. »Ist es möglich, dass sie die jüdische Schule besucht haben?« »Ja, durchaus«, antworte ich. »Über die jüdische Gemeinde haben wir kein Verzeichnis im Archiv«, bedauert Lucie.
»Und wie steht es mit der Bierbrauerei im ehemaligen Lundenburg, deren Pächter Max gewesen ist?« »Wir haben einen längeren Artikel darüber gefunden«, setzt Lucie zu einer Erklärung an und weckt erneut meine Erwartungen. »In diesem Artikel«, fährt sie fort, »tauchen unterschiedliche Namen von Besitzern und Pächtern vom 19. Jahrhundert bis 1930 auf, auch Mitglieder des Vereins der Bierbrauer werden genannt, aber kein Max Koppel. Nichts.«
Lucie liest an meinem Gesicht die Enttäuschung ab. »Es ist üblich«, sagt sie wie zum Trost, »dass Personen hier in der Bibliothek des Archivs sitzen und nach Informationen suchen, mehrere Stunden lang, Tage, Wochen, manchmal sogar Monate damit verbringen, so lange, bis sie etwas finden. Oder auch nicht … Sie brauchen einfach Geduld.«
Als wir uns verabschieden, rät sie mir noch, im Internet nach Informationen zu suchen. Bis 1920 seien die Matriken, wie man die Bücher, in denen der Pfarrer die Taufen, Trauungen und Sterbefälle eingetragen hat, digitalisiert.
»Aber«, wende ich ein, »das betrifft ja nur die Katholiken. Was ist mit dem jüdischen Teil der Bevölkerung? Gibt es da nicht auch eine Stelle, an die ich mich wenden könnte?« Lucie nennt den Verein der Freunde jüdischer Kultur. Auf der Internetseite, die ich aufrufe, gibt es ein Kontaktformular. Ich tippe eine Nachricht ein, verabschiede mich von Lucie, verlasse das Archiv und stehe ratlos auf der Straße. Fast automatisch schlage ich den Weg Richtung Gymnasium ein. Es wurde 1631 gegründet und existiert bis heute. Walter, der jüngste Sohn von Max und Eugenie, hat es auf Wunsch seiner Mutter besucht. Sie hat sicher hier vorgesprochen, ist im Innenhof gestanden, hat auf den Laubengang geblickt und sich die Zukunft ihres Jüngsten in den schönsten Farben ausgemalt.
Ich betrachte den lang gezogenen Bau mit den vergitterten Fenstern im Erdgeschoß. Joseph von Sonnenfels, Berater Maria Theresias, und Karl Renner, Staatskanzler der ersten österreichischen Republik, sind ebenfalls hier zur Schule gegangen. Dann das akustische Signal, das mich auf das Eintreffen einer E-Mail aufmerksam macht.
Barbora Hauserová vom Verein der Freunde jüdischer Kultur« meldet sich. Sie ist bereit, mich heute noch zu treffen, bevor ich am Abend den Zug zurück nach Wien nehme. Wir verabreden uns in der »48° 16° Café Bar«, dem neuen Lokal auf dem Stadtplatz. Ich wähle einen Tisch am Fenster, von wo aus ich den Platz gut überblicken kann. Im Brunnen, den eine grazile Frauengestalt ziert, plätschert das Wasser, die goldene Weltkugel auf der Spitze der Barocksäule blitzt im Sonnenlicht.
Barbora erkenne ich sofort. Sie ist jung, trägt die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und hat lebhafte braune Augen. Wir tauschen ein paar Worte zur Begrüßung aus, sie bestellt einen Cappuccino und ich trage mein Anliegen vor. »Sie sind nicht die Einzige«, antwortet sie lächelnd. »Es kommt oft vor, dass Leute nach Mikulov reisen, um nach Spuren ihrer Verwandten zu suchen.« Wie ich mit Max verwandt sei, will sie wissen.
Ich bin mit Max nicht verwandt, antworte ich, nicht im herkömmlichen Sinn. Lange bevor das Wort in Mode kam, waren wir mit Walter, Max’ jüngstem Sohn, eine Patchworkfamilie. Er war der Lebensgefährte meiner Mutter, nicht Vater, aber väterlich, nicht autoritär, aber eine Autorität. Immer die Ruhe selbst, immer wohlwollend. In meine Erziehung hat er sich nicht eingemischt, er war einfach da. Da sein Enkel und seine Enkelin in England leben, übernahm ich für sie die Aufgabe der Spurensuche. Bis jetzt leider ohne großen Erfolg.
Ich lege eine Pause ein, lasse den Blick über den Platz wandern. Es ist nicht journalistische Neugier, die mich zu diesen Nachforschungen veranlasst, setze ich das Gespräch mit Barbora fort, eher der Umstand, dass Walter hin und wieder Nikolsburg erwähnte und wir Kinder in unserer Fantasie versuchten, uns davon ein Bild zu erschaffen. Wie sah das Haus aus, das die Familie Koppel bewohnte? Wo befand es sich? Und wo lag der Eislaufplatz, zu dem die Buben stürmten, sobald die schulischen Dinge erledigt waren?
Von Walter, der von seiner Mutter zärtlich »Wawa« gerufen wurde, ist ein Audiofile erhalten. Er erzählt darin die ersten dreißig Jahre seines langen Lebens. »Wollen Sie reinhören?«, frage ich und Barbora nickt. Ich hole mein iPhone aus der Tasche und gehe zu Sprachmemos.
»Ich wurde in Nikolsburg am 14. September 1896 geboren«, ertönt eine Stimme, die auch verrät, dass es ein sehr alter Mann ist, der hier spricht. »Meine Jugend war wunderbar, sie war ungebunden.« Es folgt sekundenlanges Schweigen, dann der Satz: »Ich habe die Volksschule, die Hauptschule und vier Klassen Gymnasium besucht«, knappe Worte, die verraten, dass damit wenig Bewegendes verbunden war. »Anschließend bin ich dann nach Wien gekommen und habe in der Schuhfabrik meines Onkels eine Lehre begonnen. Ich bin dort bis zum Jahr 1915 geblieben, dann musste ich einrücken.«
Wie Wawa das Kugelfeuer überlebte, in russische Gefangenschaft geriet, während dort im Land die Revolution wütete, wie er nach seiner Rückkehr leitender Angestellter in der Fabrik seines Onkels wurde, wie er nach Shanghai geflüchtet ist und dort als Flickschuster seinen Lebensunterhalt verdiente, und wie er dann 1947 die Schuhfabrik auf der Wiener Mariahilfer Straße wieder eröffnete und schließlich als Kommerzialrat in den Ruhestand ging, erzähle ich Barbora. Die Worte sprudeln nur so aus mir heraus.
Während wir uns Walters Leben gut vergegenwärtigen können, erkläre ich ihr, führt keine Spur uns zurück zu Max. Kein Foto, kein Erinnerungsstück. Vielleicht deshalb der Versuch, die Straßen entlangzugehen, die er einst gegangen ist, das zu betrachten, was er gesehen hat, dem Glockengeläut zu lauschen, das für ihn wie für alle anderen in Nikolsburg den Tagesablauf bestimmte.
