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Physikstudent Thommy, talentiert und ein bisschen faul wie arrogant, genießt in Göttingen sein Leben, das er Studium nennt. Mit seinen Freunden, dem unkaputtbaren Frauenheld Philipp und dem herzigen Sprücheklopfer Edward, lebt er in einer Studentenverbindung treu nach dem Motto: "Klausuren kann man wiederholen – Partys nicht." Bis Thommy ausgerechnet in einer Mathevorlesung einer unlösbaren Aufgabe namens Fiona begegnet. Die neue Kommilitonin überrascht ihn und bringt ihn völlig aus dem Konzept. Die Begegnung mit ihr stößt in ihm die großen Themen des Lebens an. Und dann gibt es da noch einen rätselhaften Vater und seine geheimen Briefe …
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Seitenzahl: 176
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Prolog
1. Die O-Phase
2. Beobachtung und Interpretation
3. Derby-Time
4. Das Studentendorf
5. Die Nutella
6. Erinnerungen
7. Eisberg voraus
8. Weihnachtsmarkt
9. Drei Stationen zum Glück
10. Taco- oder Eiersalat?
11. Daniel‘s Joik
12. Das Haus am See
13. Vorbereitungen
14. Trauung
15. Aquariumfleisch
16. Mehr als Worte
17. Folsäure
Kristian Kleiber
Letters
Eine Geschichte aus Göttingen
Kurzroman
Impressum
Texte: © 2024 Copyright by Kristian Kleiber
Umschlag:© 2024 Copyright by Kristian Kleiber
Verantwortlich
für den Inhalt:Kristian Kleiber
Elsa-Brändström-Str. 28
55124 Mainz
Druck:epubli – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin
Was man tief in seinem Herzen besitzt, kann man nicht durch den Tod verlieren. (Johann Wolfgang von Goethe)
Herbst 2027
Ich sitze auf dem Fahrrad, wie allzu üblich in der Studentenstadt Göttingen, und fahre durch die Innenstadt in Richtung Zentral-Campus. Das ist häufig geschehen in den vergangenen drei Jahren. Doch der Z-Campus ist heute nicht mein Ziel. Es ist kalt und die Dämmerung bricht bald herein. Boah, dreht sich mir der Magen um. Schlimmer als bei jedem Kater, den ich je in meinem Leben gehabt habe. Der kalte Fahrtwind treibt mir die Tränen in die Augen. Nun durchfahre ich den Vier-Döner-Blick, das ist eine bestimmte Stelle zwischen Z-Campus und der Weender Straße. Ich weiß, es gibt offiziell keinen Vier-Döner-Blick in Göttingen. Es gibt den Vier-Kirchen-Blick. Aber wenn jemand an dieser Straße vorbeistreift, dann weiß der- oder diejenige, wovon ich rede. Auf jeden Fall sind schon einige Studenten unterwegs. Viele sind mehr als nur angetrunken. Wie üblich in der O-Phase. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, ich wäre früher nicht einer von denen gewesen. Der Geruch von Dönerfleisch, Fastfood und Alkohol steigt mir in die Nase. Das verbessert meinen Allgemeinzustand nicht. Eher im Gegenteil. Nun wird mir auch noch schwindelig. Ich stehe mit dem Fahrrad an einer roten Ampel auf der großen Kreuzung vor dem Z-Campus. Ich werde ungeduldig. Die Ampel wird grün und ich fahre los. Plötzlich höre ich Reifen laut quietschen, ich erstarre, blicke zur Seite und sehe ein schwarzes Auto ganz dicht neben mir. Das war knapp.
Der Autofahrer brüllt: „Bist du bescheuert? Du kannst doch nicht einfach bei Rot über die Ampel fahren!“
Ich bin wie eingefroren. Mir, dem alles gelingt, gelingt es nicht, eine rote von einer grünen Ampel zu unterscheiden? Unmöglich. Ich blicke geradeaus auf die Ampel. Sie ist rot.
Der Autofahrer umkurvt mich und ruft im Vorbeifahren: „Arschloch!“
Ich stehe noch fünf Sekunden wie angewurzelt da. Dann bewegen sich meine Muskeln wieder. Ohne dass ich das Gefühl habe, meinen Körper groß beeinflussen zu können, fahre ich weiter. Vorbei am Assimax, einer Après-Ski-Diskothek, die noch geschlossen ist (und eigentlich Alpenmax heißt). Ich bin fast da. Ich fahre die Steinmauer entlang, steige vom Fahrrad ab und sichere es mit meinem Fahrradschloss. Die Sonne scheint rötlich. Die Bäume erstrahlen in warmen herbstlichen Farben. Es sieht so freundlich und fröhlich aus. Ein leichter Wind weht das Laub vor meinen Füßen her. Ich verharre einen Moment und merke, dass die Stimmung des Wetters überhaupt nicht zu meiner emotionalen Lage passt.
Ich gehe weiter und bleibe bei meinem endgültigen Ziel stehen. Meine Knie sind butterweich. Ich halte den handschriftlichen Brief fest in meiner Hand und sage mit Tränen in den Augen zu dem Grabstein:
„Ich habe verstanden. Ich werde dich nicht enttäuschen.“
Doch wie ist es dazu gekommen? Ich erinnere mich zurück an den Punkt, wo diese Geschichte ihren Anfang genommen hat.
Es gibt ebensowenig hundertprozentige Wahrheit wie hundertprozentigen Alkohol. (Sigmund Freud)
Drei Jahre zuvor (Oktober 2024)
Ein lautes Gebrüll ging durch mein Zimmer und holte mich aus dem Schlaf: „Evakuiert das Gebäude! Rette sich, wer kann!“
Ich ging seufzend und mit Schlaf in den Augen an mein Handy: „Hallo Mama.“
Meine Mutter antwortete: „Oh, mein Kind, habe ich dich geweckt?“
Ich überprüfte die Uhrzeit. Es war 9.30 Uhr am frühen Dienstagmorgen. Es war quasi mitten in der Nacht. Zumindest für mich.
Ich antwortete kurz und knackig: „Japp!“
Meine Mutter säuselte in ihrem ironisch entschuldigenden Ton, als hätte sie vergessen, dass O-Phase ist: „Das tut mir ja so leid! Ich wusste nicht, dass der gnädige Kaiser noch schläft.“
Ich verdrehte die Augen. Das O bei O-Phase steht für Orientierung. In dieser Woche sollten die Erstsemester an die Hand genommen und in den Studienalltag integriert werden. Es war eine Zeit, in der neue Freundschaften geschlossen wurden, intellektueller und kultureller Austausch stattfand. Zukünftige Richter, Mediziner, Staranwälte, Vorstandsvorsitzende und Nobelpreisträger hatten hier die Möglichkeit, unter Gleichgesinnten ihren Horizont zu erweitern. Na ja, nennen wir das Kind beim Namen. Es war eigentlich von Montag bis Freitag eine Saufveranstaltung. Meistens montags Stadtrallye, dienstags Kneipentour, mittwochs bunter Abend in der Stadthalle, donnerstags Bierkastenlauf mit anschließendem Lagerfeuer zum Aufwärmen am Kiessee und freitags Party im Eins B.
Der Vortrag meiner Mutter ging weiter: „Ich meine, wir zahlen für dich ja schon das siebte Semester. Na ja, zumindest ist es auf dem Papier das siebte Semester. Wie sind deine Prüfungsergebnisse? Hast du schon alle?“
Mein Kopf schmerzte. Ich entgegnete ihr: „Ja, ich bin bei keiner durchgefallen. Habe aber zwei geschoben.“
Meine Mutter fragte: „Oh, welche hast du geschoben?“
Ich: „Mathematik für Studenten der Physik 3 und Experimentalphysik 4.“
Mutter: „Du machst das schon. Kommst du übernächstes Wochenende nach Hause?“
Das machte meine Mutter gern. Erst Schärfe reinbringen, aber dann die Tonart in übertrieben freundlich ändern, wenn sie etwas wollte.
Ich: „Das schaffe ich zeitlich nicht.“
Meine Mutter, wieder leicht aggressiv: „Dann sagst du deinem Onkel, dass du an seinem Geburtstag nicht nach Wiesbaden kommst.“
Ich antwortete: „Ja, natürlich.“
Sie sagte wieder freundlich: „Okay, schlaf weiter! Kuss!“
Ich: „Bis dann …“
Ich versuchte wieder einzuschlafen.
„Mist, jetzt muss ich auf Toilette“, dachte ich.
Ich stand auf und versuchte gleichzeitig, in meine Jeans zu schlüpfen und mich Richtung Tür zu bewegen. Ich stolperte, konnte mich aber gerade noch so auf einem Bein halten. Das andere hing in der Luft. Meine Arme waren wild ausgestreckt. Ich verharrte einen Moment in dieser Position, dann wurde es mir zu albern. Die Aktion hatte sowieso keiner bemerkt. Hatte bestimmt elegant ausgesehen. Ich öffnete meine Zimmertür und schaute in den großen Flur unseres Verbindungshauses. Philipps Tür war schon offen.
Ich dachte mir: „Na klar ist der wach, der Hyperaktive.“
Er war ein Phänomen für sich. Ich sagte immer zu ihm, man könnte ihn über der Wüste abwerfen, er würde dort trotzdem Freunde finden. Ihn konnte man nur mögen. Ich meine, ich war gut in Smalltalk, aber er war auf einem anderen Niveau. Ich hörte eine Frauenstimme aus der Küche. Selbstverständlich war er nicht allein nach Hause gegangen. Das klingt jetzt, als hätte er ein glückliches Händchen für Frauen. Stimmt aber nicht ganz. Im Jahr zuvor hatte er sich eine verrückte Stalkerin zugelegt, eine französische Austauschstudentin namens Ann-Sophie. Sie war aber schon zurück in der Heimat. Ich versuchte mich an der Küche vorbeizuschleichen.
„Na, wer kommt denn da aus seiner Anemone gekrochen?“, fragte Philipp aus der Küche.
Ein Zitat aus Findet Nemo. Das war unser Tick: uns gegenseitig Filmzitate an den Kopf zu werfen.
Ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen, ignorierte gekonnt die Küche und sagte im Vorbeigehen: „Haihappen huhaha!“
Ich erleichterte mich am Pissoir. Schaute nach rechts: Da lag einer neben der Toilettenschüssel, mit einem Hund. Es war Edward. War wohl nach dem Kotzen direkt wieder eingeschlafen. Dafür schaute mich sein Hund Hazi fragend an. Das nenne ich mal Treue.
Edward, der Sprücheklopfer, hätte gesagt: „Wo die Liebe hinfällt, auch wenn‘s ein Scheißhaufen ist.“
Ich dachte mir etwas anderes: „Dass die Forststudenten auch immer übertreiben müssen.“
Forststudenten waren sowieso ein komisches Völkchen. Mindestens die Hälfte war nebenbei Jäger. Seltsame, befremdliche Rituale und Sprüche hatten die. Aber Edward war ein Guter. Er hatte mir beigebracht, was ein Förster macht und dass es primär um die Ressource Holz geht. Na klar, ein gesunder Wald ist ein ertragreicher Wald. Damit die Wildtiere aber nicht die jungen Triebe abfressen, muss ihre Zahl kontrolliert werden. Und weil die Tiere keine natürlichen Fressfeinde mehr haben, zumindest wenn sich der Wolf nicht wieder überall etabliert, beauftragen Förster Jäger zum Abschuss von Wild. Man kann wohl in allem etwas Positives sehen, wenn man möchte. Aber Bier trinken konnten sie alle. Auch die angehenden Försterinnen.
Edward hätte gesagt: „Die machen sich nicht viel aus wenig Alkohol!“
Ich beendete meine Sache am Pissoir, wusch mir die Hände und schaute versehentlich in den Spiegel: „Schön ist was anderes.“
Ich sah meine zerzausten kurzen schwarzen Haare. Meine geschwollenen Tränensäcke unter meinen braunen Augen. Und eine Falte vom Kopfkissen auf der Wange. Ich wusch mir das Gesicht und fuhr mir mit den Fingern durch die Haare.
„Zumindest ein bisschen besser“, dachte ich mir.
Ich versuchte mich wieder an der Küche vorbeizuschleichen.
„Thommy!“, rief Philipp.
„Mist!“, dachte ich mir und sagte: „Japp!“
Philipp: „Möchtest du mit uns frühstücken?“
Ich schaute in die Küche und sah eine große, schlanke Blondine, die mich anlächelte, als hätte sie die schönste Nacht ihres Lebens gehabt. Eine Ersti, also eine im ersten Semester. Woher ich das wusste? Weil ich sie in der Nacht davor gesehen hatte. Ich hatte Mitleid mit ihr. Sie dachte bestimmt, sie hätte ihren Traumprinzen gefunden. Phillipp war aber eher einer von der ungezwungenen Sorte. Ich roch Pfannkuchen. Philipps Pfannkuchen waren echt gut. Aber eigentlich hatte ich keine Lust auf Smalltalk. Ich wog meine Interessen ab und betrat die Küche.
Philipp fragte mich: „Hast du heute Morgen schon den Papst besucht?“
Ich, leicht überrascht: „Nein, wieso?“
Die Blonde schaute ebenfalls verwirrt.
Philipp: „Na ja, irgendeiner hat die Öffnung wohl nicht getroffen.“
Sie fragte: „Wer oder was ist der Papst?“
Philipp erklärte: „Der Papst ist, zumindest in den Studentenverbindungen, ein großer, alter Stuhl mit einer Öffnung am Sitz.“
Ich: „Es ist Brauch dort reinzukotzen, bevor man um die Häuser zieht.“
Sie schaute angewidert und legte die Gabel beiseite.
Ich fuhr fort: „Es werden wohl die Erstis gewesen sein. Also machen die auch sauber!“
Philipp grinste. Der Pfannkuchen war, wie zu erwarten, vorzüglich. Ich wollte aber trotz Müdigkeit nicht ins Bett, bevor Philipp seinen Gast nicht an die Tür gebracht hatte.
Ich: „Weißt du, wie es dem Ersti geht?“
Philipp: „Welchem Ersti?“
Ich: „Der sich beim Gänseliesel auf die Fresse gelegt hat.“
Die Blonde: „Was ist denn das ,Gänseliesel‘?“
Ich: „Quasi die größte Schlampe in ganz Göttingen. So viele, wie bei der schon dran waren.“
Philipp und ich lachten.
Philipp: „Na ja, die Statue, an der wir gestern waren. Der Brunnen. Die Statue im Brunnen heißt Gänseliesel.“
Ich: „Es ist in Göttingen Brauch, dem Gänseliesel einen Strauß Blumen und einen Kuss zu geben, wenn man seinen Doktor gemacht hat.“
Philipp: „Also hat das Gänseliesel ihm quasi ein Bein gestellt, da er noch keinen Doktor hat.“
Ich: „Dafür war er zumindest beim Doktor der Medizin.“
Wir lachten weiter.
Die Blonde: „Och, der arme Junge.“
Philipp: „Ich habe gehört, er hat sich beide Arme gebrochen.“
Philipp und ich lachten Tränen. Die Blonde lachte mit. Wahrscheinlich aus Höflichkeit.
Als wir uns beruhigt hatten, fragte mich Philipp: „Bist du übernächstes Wochenende da? Wir haben Heimspiel und Derby gegen Dramfeld.“
Ich: „Ja, ich habe eben in Wiesbaden bei meinem Onkel abgesagt. Wir fahren pünktlich um Viertel vor zwei los nach Obernjesa.“
Philipp: „Geilo! Das wird ein Sieg. Ich freu mich so.“
Ich: „Ich mich auch!“
Die Blonde: „Wo liegt Obernjesa? Und darf ich zuschauen kommen?“
Philipp: „Ungefähr zehn Kilometer südlich von Göttingen, ich bin da aufgewachsen. Verbieten können wir dir das nicht. Aber warum sollte man sich freiwillig die 3. Kreisklasse anschauen?“
Die Blonde: „Ich studiere Sport und bin ziemlich gut in allen möglichen Sportarten. Außerdem bin ich echt Expertin in Sachen Fußball. Ihr könntet was lernen. Oder ich bin ehrlich und sage, mir geht’s da nicht unbedingt um den Fußball.“
Philipp und ich schauten uns ein bisschen hilflos an.
Wir schwatzten noch ungefähr eine Viertelstunde über alles Mögliche, bevor uns der Gesprächsstoff ausging.
Philipp stand auf, nahm die Hand der Blonden und sagte: „Darf ich dich zur Tür begleiten?“
Sie erwiderte mit Unverständnis: „Ich muss nirgendwo hin.“
Philipp sah mich leicht genervt an. Ich grinste.
Philipp: „Ich habe heute schon was vor.“
Sie: „Und was?“
Er: „Für die Uni lernen.“
Ich dachte mir in diesem Moment: „Er für die Uni lernen. Dass ich nicht lache. Da trifft er eher Elvis persönlich.“
Sie: „Das stört mich nicht. Ich kann dir ja dabei zuschauen.“
Er guckte mich angewidert an. Ich grinste noch breiter. Mich ließ das Gefühl nicht los, dass er entweder wollte, dass ich ihm half oder dass ich verschwand. Ich blieb seelenruhig auf dem Stuhl sitzen und schaute mir das Spektakel an.
Philipp sagte: „Das geht nicht, ich muss einen Vortrag üben und wenn du hier bist, kann ich mich nicht konzentrieren. Ich ruf dich an, sobald ich fertig bin. Dann können wir was Schönes machen.“
Ich hob ungläubig die Augenbrauen. Das konnte sie nicht allen Ernstes glauben. Das Semester hatte noch nicht mal richtig angefangen. Wie um alles in der Welt sollte man in einem BWL-Studiengang einen Vortrag halten? Sie glaubte es. Verrückt.
Sie gingen zur Tür. Er küsste sie auf die Wange und verabschiedete sie liebevoll. Er hielt die Tür in der Hand.
Plötzlich sagte sie: „Du hast meine Nummer gar nicht.“
Er knallte die Tür vor ihrer Nase zu und sagte: „Mist, das war so knapp!“
Ich lachte ihn aus und sagte: „Viel zu lernen du noch hast.“
Philipp entgegnete gereizt: „Möge die Macht mit dir sein! Oder halt auch nicht!“
Er verließ den Flur und ging in Richtung seines Zimmers. Ich ging in meins. Ich wickelte mich zufrieden in meine Decke und schlief nochmal ein.
Der Liebe zu begegnen, ohne sie zu suchen, ist der einzige Weg, sie zu finden. (unbekannt)
Auf die O-Phase folgte die erste Vorlesungswoche. In der Vorlesung „Mathematik für Studenten der Physik 3“ saßen wir in einem Raum mit rund 150 Studenten. Ohne Fenster. Man hatte einmal geglaubt, dass das die Studenten ablenken würde. Heute wusste man es besser: Tageslicht und frische Luft brachten einen wachen Geist hervor. Tja, trotzdem keine Fenster. Der Dozent kam nicht aus der Physik, sondern aus einem mathematischen Institut. Ich saß, wie häufig, in einer der letzten Reihen. Ich kannte außerdem den Stoff schon aus dem letzten Semester. Der Dozent stellte sich vor und machte seine Präsentation an.
Er redete von der Verbindung der Mathematik zur Physik und gab sich angeberisch: „Physik kann ohne Mathematik nicht existieren. Mathematik ohne Physik schon.“
Eine Hand erhob sich in der zweiten Reihe. Relativ mittig. Von einer Frau mit goldbraunen Haaren. Ich sah leider nur ihren Hinterkopf.
Dozent: „So frühe Verständnisprobleme hatten wir hier noch nie.“
Der ganze Raum lachte.
Dozent: „Ja bitte, junge Frau.“
Frau: „Was ist Ihre Definition von Mathematik und Physik?“
Der Raum wurde still.
Der Dozent stellte verwundert die Gegenfrage: „Was ist Ihre?“
Die Frau hielt kurz inne und sagte dann: „Mathematik ist für mich eine Sprache der Logik. Menschengemacht. Die Mathematik kann nur so schlau sein wie die Menschen. Gibt es keine Menschen, dann gibt es keine Mathematik. Physik ist für mich die Welt, wie sie funktioniert. Auch ohne uns Menschen, also auch ohne Mathematik. Ob wir morgen nun alle sterben oder nicht, die Erde dreht sich trotzdem um die Sonne. Aber wenn es keine Erde gibt, dann gibt es keine Menschen und keine Mathematik. Also müssten wir nach meiner Definition Ihren Satz umschreiben in: Mathematik kann ohne Physik nicht existieren. Physik ohne Mathematik schon.“
Alle schauten gespannt auf den Dozenten. Die Tür zum Vorlesungssaal ging quietschend auf und wieder zu. Alle ignorierten das Geräusch.
Der Dozent machte eine einladende Handbewegung in Richtung seines Publikums: „Möchte ein anderer etwas zu unserem Dilemma beitragen oder weiterhelfen?“
Er wartete kurz und fuhr fort: „Sie haben da vermutlich nicht ganz unrecht. Was ich damit zum Ausdruck bringen wollte, war zu zeigen, dass ohne angewandte Mathematik in der Physik nichts berechnet werden kann. Somit könnten keine genauen Vorhersagen getroffen werden. Sind Sie damit einverstanden, Frau ... ?“
„Schott.“ Die Frau überlegte und sagte: „Ja, ich bin einverstanden.“
Der Dozent führte seine Vorlesung fort. Ich war mir nicht sicher, ob ich diese Frau für besonders mutig oder besonders dumm halten sollte.
Die Vorlesung war zu Ende. Mittagspause. Ich stand vor der Zentral-Mensa, um auf Philipp und Edward zu warten. Wir wollten zusammen essen. Zuerst kam Edward mit Hazi.
„Na, wie isses?“, fragte er.
Ich antwortete: „Mäßig bis saumäßig. Wo hast du Philipp gelassen?“
Edward: „Du weißt doch, er kommt immer zu spät. Er würde zu seiner eigenen Beerdigung zu spät kommen.“
Er zündete sich eine Zigarette an. Währenddessen begrüßte ich Hazi. Wie immer war dieser Hund nicht ruhigzustellen. Ein Jack-Russell-Terrier. Kaum zu glauben, aber diese kleinen Terrier waren wirklich Jagdhunde.
Ich sah Philipp endlich kommen und rief genervt über den Platz: „Du bist zu spät!“
Philipp ging auf mich zu und antwortete selbstsicher: „Ich komme niemals zu spät, Thomas Martin, ebenso wenig zu früh. Ich treffe genau dann ein, wenn ich es beabsichtige!“
Wir musterten uns.
Anschließend sagte ich anerkennend: „1:0 für dich.“
Wir aßen unser Rumpsteak mit Kartoffelspalten und tranken anschließend unsere traditionelle Nachspeise. Wie üblich bei uns in der Verbindung: Bier. Edward stellte eine zweite Runde hin. Ich antwortete: „Ich kann nicht, ich hab‘ in einer halben Stunde Laborarbeit.“
Die beiden lachten mich aus. Es war ihnen egal. Laut Kodex der Verbindung musste ich trinken, wenn sie darauf bestanden. Also tat ich es. Die anderen beiden tranken noch zwei weitere Runden. Wir waren lustig drauf, philosophierten über das zukünftige Derby und gingen anschließend die Treppen der Z-Mensa hinunter.
Auf einmal stand die große Blonde vor uns und sagte: „Philipp! Kann es sein, dass du mich ignorierst?“
Edward schaute mich fragend an: „Wer is‘n dat?“
Ich verdrehte die Augen, packte Edward und zog ihn weiter mit mir die Treppen hinunter. Als wir kurz vor der Ausgangstür waren, rief Philipp: „Wartet auf mich!“
Er rannte auf uns zu. Anscheinend hatte er sich von der Blonden lösen können. Oder auch nicht. Sie lief ihm hektisch hinterher, verfehlte aber die letzte Stufe und fiel hin.
Ich rief ihr zu: „Egal aus welchem Universum du stammst, aber das hat bestimmt wehgetan!“
Wir lachten.
Plötzlich kam von der Seite eine Stimme, die ich erst vor Kurzem gehört hatte: „Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass. Hass führt zu unsäglichem Leid.“
Da stand eine Frau mit goldbraunen Haaren und sah mich mit ihren grünen Augen scharf an. Ich erstarrte. War das etwa die Frau aus der Vorlesung, die sich mit dem Mathe-Dozenten angelegt hatte?
Nachdem sie mich mit ihrem Blick durchbohrt hatte, drehte sie sich um und lief zu der weinenden Blonden, die immer noch am Boden lag, half ihr auf und ging mit ihr in Richtung Toiletten.
In diesen Moment packte mich Edward am Arm und zerrte mich aus der Mensa heraus.
In meinem Laborpraktikum der Experimentalphysik 4 mussten Zweiergruppen gebildet werden. Da wir aber eine ungerade Zahl an Studenten waren, meldete ich mich freiwillig, allein zu arbeiten. Ich arbeitete gern allein im Studium. Für mich waren Physikstudenten allesamt anstrengend und noch dazu furchtbar langweilig. Alle außer mir natürlich. Der Dozent, Herr Koch, willigte ein. Ich mochte ihn. Er sah aus wie ein 30-jähriger Wikinger mit einem kleinen Rotstich in seinem blonden Haar.
Herr Koch eröffnete den Kurs nun offiziell: „Willkommen zum Laborpraktikum der Experimentalphysik 4. Ich teile jetzt die Tests aus.“
Schlagartig wurde ich wieder nüchtern. In diesem Moment dachte ich: „Mist, hätte ich die erste Vorlesungsstunde Anfang der Woche mal nicht verschlafen. Dort wurde wohl der Test mit Inhalt angekündigt. Und das nur, weil ich mal wieder zu viel getrunken hatte ... aber ich schieb jetzt nicht gleich Panik, vielleicht ist der Test nicht so schwer.“
Ich schaute mir den Test an und hatte keine Ahnung von dem Experiment. Ich versuchte mir selbst Mut zuzusprechen: „Nein, wenn ich mich nur genug konzentriere, dann schaffe ich das …“
Mit halbem Ohr hörte ich, wie die Tür aufging und irgendein Gespräch stattfand.
„Herr Martin?“, sprach mich Herr Koch an.
Ich blickte zu ihm auf und sagte: „Ja?“
Er trat einen Schritt zurück, zeigte rechts hinter sich und sagte: „Ich habe eine gute Nachricht für Sie. Das ist Frau Schott, sie ist neu in Göttingen und war davor in Hannover eingeschrieben. Sie beide werden zusammenarbeiten.“
Da war sie wieder. Ich dachte, mich tritt ein Pferd. Vermutlich dachte sie das Gleiche. Auf ihrer weißen Bluse waren kleine verschmierte Blutflecken zu erkennen, man sah, dass sie versucht hatte, sie auszuwaschen. Wir beiden schauten uns an. Jeder wartete darauf, dass der andere etwas sagte. Doch das passierte nicht.
„Setzen Sie sich, Frau Schott!“, forderte Herr Koch sie auf.
Sie setze sich neben mich. Ich starrte sie einfach nur an. Sie schaute auf den Test, den ich in der Hand hielt. Nach etwa 30 Sekunden nahm sie ihre Tasche, packte ihr Mäppchen auf den Tisch, tauschte den Test aus meiner Hand gegen irgendetwas Kleines und fing an ihn auszufüllen. Ich starrte sie immer noch an.
Nach ungefähr einer Minute schaute sie auf meine Hand und sagte: „Jetzt nimm schon endlich!“
Ich schaute auf meine Hand. Darin waren zwei Kaugummis. Ich steckte beide langsam in den Mund und fing an zu kauen.
