Letzte Therapie - Hansjörg Anderegg - E-Book

Letzte Therapie E-Book

Hansjörg Anderegg

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Beschreibung

Die Entwicklung der neuartigen Krebstherapie wird über Nacht zum Kampf auf Leben und Tod. Der mRNA-Impfstoff gegen Tumore scheint der grosse Durchbruch bei der Krebsbekämpfung zu werden. Fünf Spitzenforscher entwickeln die neue Therapie. Ein Milliardengeschäft steht auf dem Spiel. Entscheidende Forschungsergebnisse verschwinden unvermittelt über Nacht. Ein hoffnungsvolles Start-Up-Unternehmen geht in Flammen auf, und die Forscher vermissen eine Kollegin. BKA-Kommissarin Chris Roberts glaubt, ein Muster zu entdecken, doch dann verschwindet ein zweiter Kollege spurlos. Ein Medizinthriller, der Chris an den Rand der Verzweiflung treibt.

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Seitenzahl: 678

Veröffentlichungsjahr: 2024

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CONTENTS

Copyright

Vom selben Autor

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Copyright

Impressum

Texte: © Copyright 2024 Hansjörg Anderegg

Umschlag: © Copyright by dreamstime.com/hjanderegg

Verlag: Hansjörg Anderegg

[email protected]

Druck: epubli, ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Printed in Germany

All rights reserved

Alle Personen und Namen in diesem Roman sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Vom selben Autor

Von Hansjörg Anderegg sind bisher erschienen:

Lethal Quantum, Thriller, englisch (455841)

Der verschränkte Tod, Thriller, deutsch (459993)

Nebenwirkungen, Thriller (460067)

1010 Zehn Milliarden, Thriller, deutsch (468322)

Die Probe, Thriller, deutsch (402110)

Das Komplott der Senatoren, Thriller, deutsch (978-3-96752-190-0)

Natürliche Selektion, Thriller, deutsch (624517)

Im Westen geht die Sonne unter, Thriller, deutsch (978-3-96752-191-7)

WohlTöter, Thriller, deutsch (978-3-96752-193-1)

Unentrinnbar, Thriller, deutsch (978-3-96752-194-8)

Shutdown – Wir schalten euch ab, Thriller, deutsch (978-3-96752-192-4)

Das letzte Steak, Thriller, deutsch (978-3-96752-195-5)

Vollzug, Thriller, deutsch (978-3-96752-196-2)

Der zweite Killer, Thriller, deutsch (978-3-96752-197-9)

Strohöl, Thriller, deutsch (978-3-96752-198-6)

Vernichten!, Thriller, deutsch (978-3-96752-199-3)

Station 9, Thriller, deutsch (978-3-96752-200-6)

Staatsfeinde, Thriller, deutsch (978-3-96752-201-3)

Blockade, Thriller, deutsch (978-3-74850-835-9)

Die Zecke, Thriller, deutsch (978-3-75024-000-1)

Schlachtfeld, Thriller, deutsch (978-3-75310-666-3)

KAPITEL 1

Köln

DIESE GESCHICHTE BEGINNT mit einem Happy End. Nehmen Sie mich beim Wort. Happy waren beide, die Ärztin und ihr Patient, denn einen Hirntumor stoppt man nicht alle Tage. Trotzdem war sie am Ende als Therapeutin und Geschäftsführerin. So lautete das Urteil des Berufungsgerichts.

Simon Stein, Julia Bergmanns Patient, lächelte selten in seinem Leben. Die ständige Sorge um den Erhalt seines Millionenvermögens hatte bleibende Falten auf seiner Stirn hinterlassen. Doch jetzt lächelte er ihr über den Schreibtisch in der Praxis zu, erleichtert und glücklich.

“Sie binden mir auch sicher keinen Bären auf, Doktor?”, fragte er dennoch vorsichtig.

Sie verdrängte den Brief mit dem Gerichtsurteil und lächelte zurück.

“Herr Stein, ich mache doch keine Scherze über Ihre Gesundheit.”

Sie drehte sich um, nahm die letzte Packung des neuen Medikaments aus dem Schrank und gab sie ihm. AZYTOMAB stand von Hand in Blockschrift darauf geschrieben. Simon Stein las es verwundert.

“Was ist das?”

“Ihr Medikament. Jeden Abend vor dem Schlafengehen eine Tablette, wie immer.”

“Aber …”

Sie lachte. “Ich verstehe Ihre Verwunderung, aber keine Sorge, es ist genau dasselbe Präparat, das bisher so gut gewirkt hat.”

“Nummer 123?”

“Richtig, ich musste dem Medikament für den Zulassungsantrag einen klingenden Namen geben. Deshalb heißt es jetzt Azytomab.”

“Schwieriges Wort”, murmelte Stein versonnen. “Und, haben Sie die Zulassung bekommen?”

Julias Handy klingelte Sturm. Ella, verriet das Display. Sie entschuldigte sich und drückte auf Empfang.

“Ella, Liebling”, säuselte sie leise und wandte sich ab, damit der Patient nicht in ihrem Gesicht lesen konnte.

Die Antwort der Lebenspartnerin ließ sie aufspringen, als stünde der Sessel in Flammen.

“Was, wo?”, schrie sie ins Telefon.

Im nächsten Augenblick warf sie sich die Jacke über die Schultern und rannte hinaus.

“Entschuldigen Sie, ich muss dringend weg”, rief sie dem Patienten Stein zu, bevor die Tür hinter ihr ins Schloss fiel.

Sie suchte Ella vergeblich in der Notaufnahme der Uniklinik. Das Schlimmste befürchtend wandte sie sich an die Information.

“Meine Tochter Hanna Bergmann ist vor Kurzem eingeliefert worden”, sagte sie atemlos.

Die Mitarbeiterin schien es nicht eilig zu haben.

“Hannah mit h?”, fragte sie, die Hände auf der Tastatur des Computers.

“Also ob das wichtig – vergessen Sie es, ohne h am Ende.”

Die Angestellte nickte mit dem Geht-doch-Blick.

“Ihre Tochter ist bereits im OP, Chirugie.”

Die Antwort versetzte Julia einen Stich ins Herz. Immerhin kümmerten sich jetzt Ärzte um die Achtjährige. Es bestand also Hoffnung. Ella ging vor dem Operationssaal auf und ab, ebenso aufgeregt wie sie. Sie fielen sich in die Arme.

“Was ist denn passiert? Wie geht es ihr?”, rief Julia verzweifelt aus.

Ella sah sie mit verweinten Augen an.

“Es tut mir leid”, flüsterte sie. “Ich wollte sie von der Schule abholen. Sie stand oben an der Treppe wie immer, und da ist es geschehen.”

Ella seufzte tief auf.

“Was? Was ist passiert? Sag schon!”

Julia strich ihr beruhigend über den Rücken. Gab Ella sich die Schuld an dem, was passiert war?

“Hanna hat plötzlich unkontrolliert zu zucken begonnen.” Wieder seufzte Ella auf. “Es tut mir leid. Ich stand zu weit weg, konnte sie nicht aufhalten.”

Ihre Stimme versagte. Sie war am Ende mit den Nerven.

“Setz dich hin”, sagte Julia. “Ich hole etwas Wasser.”

Ruhiger erklärte Ella, was geschehen war.

“Die arme Hanna ist die Treppe hinunter gestürzt und so unglücklich gefallen, dass sie das rechte Schienbein und das linke Schlüsselbein gebrochen hat. Ich konnte nichts tun. Du musst mir glauben.”

“Du trägst keine Schuld, Ella. Schuld ist der verfluchte Hirntumor. Das war ein schwerer epileptischer Anfall.”

Julia war sich ihrer Diagnose sicher. Sie versuchte, das Unglück sachlich mit den Augen der Ärztin zu sehen, doch es gelang ihr nicht. Beim Gedanken an die kleine Tochter standen auch ihr die Tränen zuvorderst, und sie hatte das Gefühl, sämtliche Knochen täten weh.

“Ein epileptischer Anfall”, murmelte Ella. “Ich dachte, mit dem Medikament wäre der Tumor unter Kontrolle.”

Es klang wie ein Vorwurf. Julia verzieh ihr. Sie befanden sich in einer Ausnahmesituation wie ihre Tochter.

“Unser Medikament hat das Wachstum des Tumors nahezu gestoppt”, erklärte sie, “wie übrigens auch beim Patienten Stein, der gerade in der Sprechstunde war. Wie du weißt, heißt das noch lange nicht, dass der Tumor in Hannas Gehirn besiegt ist. Die Therapie muss weitergeführt werden. Eines Tages werden wir es schaffen …”

Sie brach unvermittelt ab. Der negative Bescheid der Zulassungsstelle und die abgewiesene Berufung dagegen sorgten dafür, dass dieser große Traum, dem sie ihr ganzes bisheriges Berufsleben gewidmet hatte, nicht in Erfüllung gehen würde.

“Was ist los?”, fragte Ella nervös. “Warum sprichst du nicht weiter?”

“Nichts, mach dir keine Sorgen.”

“Du bist gut”, lachte die Partnerin bitter.

Die Tür zum OP öffnete sich. Der Chirurg, den sie vom Studium her kannte, trat auf sie zu.

“Deine Tochter ist jetzt im Aufwachraum”, sagte er und lächelte beiden beruhigend zu. “Die OP ist gut verlaufen. Hanna muss halt einige Zeit den Gips am Bein tragen. Das Schlüsselbein mussten wir verschrauben, damit es sauber zusammenwächst. Die Schraube kann voraussichtlich in zwei Wochen wieder entfernt werden.”

Sie wirkten so betroffen und verstört auf ihn, dass er sich mit der Empfehlung verabschiedete:

“Kopf hoch, das wird schon wieder.”

Die ersten Worte aus Hannas Mund im Krankenzimmer waren typisch für das zähe Mädchen.

“Hört das denn nie auf?”

Kein Wort über den Gips am Bein oder Schmerzen in der Schulter, bloß die Wut über die Symptome des Tumors, als handelte es sich nur um lästiges Kopfweh.

“Hast du Schmerzen, mein Schatz?”, fragte Julia und küsste sie sanft auf die Stirn.

“Ich möchte nach Hause.”

“Bald, Hanna”, antwortete Ella gezwungen lächelnd und streichelte die Hand des Kindes.

“Warum muss das immer mir passieren?”

Eine gute Frage, auf die es leider nur unbefriedigende Antworten gibt, dachte Julia. Sie wechselte das Thema, um die Kleine abzulenken.

“Möchtest du etwas Süßes, Schatz?”

Hanna sah sie mit großen Augen an. “Du sagst doch immer, das macht die Zähne kaputt.”

Ella nickte eifrig, ebenfalls gespannt auf ihre Antwort, die sie sogleich vortrug, als glaubte sie selbst daran.

“Du hast völlig recht, Liebes, aber du bist jetzt im Krankenhaus, da geht nichts kaputt.”

Ella wandte sich ab. Mit Mühe unterdrückte sie das drohende Gelächter.

“Ein Milky Way”, sagte Hanna ohne Zögern.

Julia verzog das Gesicht zu einem säuerlichen Grinsen. Wie viele dieser Süßigkeiten hatte Hanna wohl schon heimlich gegen den Apfel eingetauscht, den sie ihr jeden Morgen einpackte?

“Kommt sofort”, antwortete sie, nahm die Geldbörse aus der Tasche und verließ das Zimmer, ohne Ella anzusehen.

Die vorwurfsvollen Blicke der Partnerin konnte sie sich auch so lebhaft vorstellen. Als sie zurückkehrte, saß Ella am Fenster mit dem Gerichtsbeschluss in der Hand, der in ihrer Tasche gesteckt hatte.

“Auf ein Wort”, flüsterte sie ihr ins Ohr, während Hanna sich mit dem Schokoriegel beschäftigte.

Draußen auf dem Flur versuchte Julia, den Angriff abzuwehren, indem sie vorwurfsvoll fragte:

“Warum wühlst du in meiner Tasche?”

“Ha!”, platzte Ella etwas gar laut heraus, dass zwei Passanten das Gespräch unterbrachen und sich verdutzt umdrehten. “Der Brief ist an die Firma gerichtet, an uns beide. Wann wolltest du ihn mir zeigen?”

“Hat sich noch nicht ergeben. Hanna, der Unfall – ach, vergiss es! Das ist alles so traurig.”

“Traurig”, schnaubte Ella wütend. “Das Ende ist das! Oder siehst du es anders?”

Eine peinliche Pause entstand, bis Julia trotzig sagte:

“Unser Präparat wirkt zehnmal besser als das von Mefisk. Die Zulassungsbehörde weiß es, steht alles in unserer Dokumentation.”

“Eben, aber was nützt uns das?”

Auch eine gute Frage, leider, dachte sie. Nachdenklich murmelte sie:

“Das haben wir bestimmt der Kraus zu verdanken. Zu behaupten, unser Medikament sei eine Kopie von Mefisks Blockbuster Cerexon, einfach lächerlich!”

“Inge Kraus? Die behauptet das? Ich bringe sie um!”

Ella schäumte vor Wut, und Julia traute ihr durchaus zu, die Drohung wahr zu machen. Ellas italienisches Temperament stammte von der Mutter. Julia liebte die manchmal überschäumende Leidenschaft über alles, aber sie hatte auch eine dunkle Seite, konnte leicht in Gewaltausbrüche umschlagen. Das teure Teeservice, das sie geerbt hatte, gab es jedenfalls nicht mehr. Inge Kraus, die Leiterin der Zulassungsstelle, hatte schließlich auch Ellas Lebenswerk mit einem Federstrich zerstört. Da war es verständlich, auf dumme Gedanken zu kommen.

“Das lässt du schön bleiben”, mahnte sie. “Wir erfinden einen neuen Namen, ändern die Zusammensetzung leicht, ohne den Wirkstoff anzutasten, und reichen einen neuen Antrag ein. Was meinst du?”

Ein Telefonanruf unterbrach ihre Antwort. Ella hörte kurz zu mit angespanntem Gesichtsausdruck.

“Bist du sicher?”, fragte sie fast flüsternd.

Dann steckte sie das Handy ein und sah Julia mit Augen an, die aus dem blassen Gesicht springen wollten.

“Von wegen Präparat ändern”, stieß sie zwischen schmalen Lippen hervor. “Da gibt es gar nichts mehr zu ändern. Die haben unser Labor versiegelt und alles beschlagnahmt. Gerichtsbeschluss auf Antrag von Mefisks Anwalt, sagt der Laborant.”

Heidelberg

Jamie zögerte, dem wöchentlichen Chat beizutreten. Sollte er Chris einschalten? Als Hauptkommissarin beim BKA in Wiesbaden konnte sie sich wahrlich nicht über mangelnde Arbeit beklagen. Immer öfter kam sie spät nachts so müde nach Hause, dass sie sogar aufs Glas Wein im Erker der alten Villa im Heidelberger Viertel Neuenheim verzichtete. Er war lange genug mit ihr verheiratet, um die Warnsignale zu erkennen, hatte aber noch nichts unternommen. Feigling!, schalt er sich im Stillen und schüttelte den Kopf. Er durfte sie jetzt nicht auch noch mit den Vorgängen im Institut belasten. Wenigstens darum musste er sich selbst kümmern.

Nachdenklich klickte er auf die Schaltfläche im Chat-Browser, die mit Metastasen beschriftet war. Die prominenteste Metastase war schon wieder am Dozieren. Professor Ian Chapman liebte seine Rolle als Dienstältester der Runde. Ganz selbstverständlich war er der Wortführer. Niemand hatte etwas dagegen, wieso auch? Einem Nobelpreisträger widerspricht man nicht, man hört ihm zu. Der Professor sah wie alle andern, dass er sich eingeschaltet hatte, hielt inne in seinem Vortrag und grüßte ihn herzlich.

“Sieh an”, lachte er, “der Rookie vom Max-Planck-Institut gibt uns die Ehre. Willkommen, Dr. Roberts.”

Chapman war der Einzige, den alle siezten. Sonst war man per du in der formlosen Runde medizinischer Forscher. Jamie sah, dass die Kollegin Keiko Yoshida, Bioinformatikerin und Lästermaul vom MIT in Cambridge, Massachusetts, wieder nicht dabei war. Ohne große Hoffnung scherzte er:

“Wie ich sehe, bin ich nicht der Letzte. Keiko fehlt noch.”

“Wieder”, warf der Professor besorgt ein.

“Ich habe versucht, sie zu kontaktieren”, sagte Heiko, der Berliner in der Runde, ebenfalls mit Sorgenfalten auf der Stirn.

Dr. Heiko von Büren arbeitete wie Chapman an der Verbesserung der Stabilität von mRNA, dem Molekül, mit dem sie eines Tages den Krebs besiegen würden, wie alle in der Gruppe hofften. Heiko war Chapmans Schüler gewesen, hatte viele Jahre eng mit ihm zusammengearbeitet. Jamie lächelte trotz der ernsten Lage beim Gedanken an die Beziehung der beiden. Sie erinnerte ihn an eine harmonische Vater-Sohn-Kiste, so wie er sich sein Verhältnis zum Sohn Lukas vorstellte, wenn dieser in zehn Jahren erwachsen sein würde.

“Was gibt es da zu grinsen?”, fragte Heiko irritiert.

“Nichts, sorry, was ist jetzt mit unserem Nerd vom MIT?”

“Keine Ahnung”, antwortete der Berliner, “das ist es ja. Selbst ihr Kollege in Cambridge kann sie nicht erreichen. Hoffentlich geht es ihr gut.”

“Wird schon nichts passiert sein”, warf der stets optimistische Wu Cheng ein.

Sein unverwechselbares Englisch, in dem sich die Worte überholten, war selbst für Jamie manchmal schwer verständlich.

“Keiko ist ein Furz in der Lampe”, fuhr Wu Cheng hastig fort. “Ihr kennt sie ja. Wenn sie ein paar Wochen verschwinden will, verschwindet sie eben, ohne sich zu verabschieden.”

“Laterne”, korrigierte Jamie.

“Was?”

“Es heißt Furz in der Laterne, Cheng.”

“Macht’s einen Unterschied?”

“Ja.”

“Kollegen!”, mischte sich Chapman ein. “Zur Sache bitte.”

Heiko von Büren folgte der Aufforderung. Er klang bedrückt, als er von seiner Forschung berichtete.

“Ich bin ziemlich enttäuscht”, sagte er, “hatte ehrlich gesagt mehr erwartet von den neuen LNPs.”

“Hat sich die Stabilität der Nanopartikel nicht verbessert?”, fragte Cheng.

“Ein wenig, nicht der Rede wert.”

Der Professor überraschte mit einer Neuigkeit.

“Wir experimentieren bei Saxopharm auch mit Lipid-Nanopartikeln für den Transport der mRNA, wie ihr wisst. Dabei ist mir aufgefallen, dass wir bisher zu wenig auf die Zusammensetzung der Lipide geachtet haben. In unserem Fall gab es schlicht zu viele wasserlösliche Bestandteile in den Kohlenwasserstoffketten. Die lösten sich daher im Körper wie Seife auf.”

“Das habe ich auch festgestellt”, warf der Berliner ein, “aber bisher keine vernünftige Alternative gefunden.”

“Der sichere Transport der mRNA zum Tumor ist aber eine Grundvoraussetzung für die Impfung der Krebszellen”, gab Cheng zu bedenken.

Die Bemerkung sorgte für Heiterkeit. Er hatte ausgesprochen, was alle schon vom ersten Chat an jedes Mal von ihm zu hören bekamen. Professor Chapman entgegnete denn auch:

“Mein lieber Dr. Wu, ich verstehe Ihre Frustration. Es geht mir ähnlich, deshalb habe ich mir lange überlegt, wie wir dieses hartnäckige Problem lösen könnten.”

Was folgte, war eine wissenschaftliche Abhandlung über den Lösungsansatz, frei aus dem Stegreif vorgetragen, typisch Chapman. Sein Vorschlag für das weitere Vorgehen machte alle für einen Moment sprachlos. Schließlich bemerkte Jamie seufzend:

“Ich finde den Ansatz genial, den müsste man sofort weiterverfolgen.”

Das Echo der Kollegen bestätigte ihn. Es war Cheng, der für einmal ohne einen Anflug von Ironie aussprach, was Jamie schon oft gedacht hatte.

“Was wären wir doch für ein Dream-Team, würden wir nicht für konkurrierende Firmen arbeiten.”

“Stimmt, Cheng”, sagte der Berliner, “aber das Problem ist, dass jemand die Arbeit finanzieren muss und später auch vom Erfolg profitieren will.”

“Schon klar”, murmelte Cheng.

Er forschte für Mefisk, den Konzern, der nicht für seinen zimperlichen Umgang mit der Konkurrenz bekannt war. Jamie hatte sich schon gewundert, dass er sich überhaupt an diesem Chat beteiligen konnte, ohne den Rauswurf befürchten zu müssen. Andererseits würde sich kaum eine Firma freiwillig von einem Spitzenmediziner wie Cheng trennen wollen. Professor Chapman wechselte das Thema.

“Was hat unser Nachwuchs aus Heidelberg zu berichten?”, fragte er schmunzelnd. “Sie wollten doch den Andockmechanismus in vivo untersuchen, Dr. Roberts.”

“Richtig”, antwortete er. “Die Sache hat sich leider etwas verzögert, aber jetzt sind die Mausmodelle bereit. Wir dürfen alle gespannt sein auf die ersten Ergebnisse.”

“Und wie!”, fuhr der Berliner dazwischen. “Du experimentierst mit humanisierten Mäusen, richtig?”

“So ist es, Versuche an Modellen ohne die spezifischen menschlichen Gene wären zu wenig aussagekräftig.”

Kaum gesagt, durchfuhr es ihn wie ein Blitz. Er entschuldigte sich hastig und verließ den Chat. Lukas hatte er ganz vergessen. Sein zehnjähriger Sohn mutierte allmählich zum angriffslustigen Tierschützer. Tierversuche, wie er sie im Institut durchführen musste, waren ein rotes Tuch für ihn. Er schaute auf die Uhr: 17 Uhr vorbei. Eigentlich müsste der Junge schon da sein. Er wollte ihm zeigen, dass es seinen Mäusen gut ging, dass sie keine geheimen Folterkeller im Institut betrieben. Das Telefon klingelte. Der Empfang meldete Lukas’ Ankunft, und sein Problem war, dass er noch nichts vorbereitet hatte für diesen wichtigen Versuch, das Familienglück zu retten.

Ungewöhnlich viele Leute hatten sich in der Eingangshalle beim Empfang versammelt. Sein Freund Sebastian Heller, der Institutsleiter, stand nahe an der Tür und unterhielt sich angeregt mit zwei Mitarbeitern des Sicherheitsdienstes. Auf den ersten Blick sah Jamie seinen Sohn nicht.

“Was ist hier los?”, fragte er Sebastian verblüfft.

“Schau aus dem Fenster, dann weißt du es.”

Die Tür öffnete sich einen Spalt. Wortfetzen eines Sprechchors waren zu hören. Unvermittelt wurde die Tür aufgestoßen, und bevor er begriff, was vor sich ging, flog ihnen eine Flasche entgegen. Sie war mit einem Stofffetzen verschlossen, und der brannte.

“Molotowcocktail!”, schrie er entsetzt.

Ein Sprung rettete ihn aus der unmittelbaren Gefahrenzone. Sebastian reagierte zu langsam. Die Flammen des explodierenden Benzingemisches trafen ihn und setzten seine Kleidung augenblicklich in Brand. Glassplitter schwirrten wie Geschosse durch die Halle. Die Leute stoben auseinander, manche blutend, schreiend. Er glaubte, Lukas’ Stimme zu hören, und rief nach ihm, während er das Feuer an Sebastians Kleidung zu ersticken versuchte. Der Freund lag stöhnend am Boden, immer noch gefährlich nah an den qualmenden und nach Benzin stinkenden Überresten der Flasche. Gemeinsam mit einem Mann von der Security gelang es ihm, die Flammen zu löschen. Sebastian war nahe daran, das Bewusstsein zu verlieren. Teile des Beinkleides bestanden nur noch aus Asche. Er musste schwere Verbrennungen erlitten haben.

“Wir brauchen Wasser und Verbandsmaterial”, rief er. “Im Sanitätszimmer gibt es Alu-Decken, und jemand soll verdammt noch mal die Rettung rufen!”

Während sie sich um den Verletzten kümmerten, wurde es draußen lauter. Die Demonstranten waren kurz davor, ins Haus einzudringen. Erst jetzt sprang einer der Sicherheitsmitarbeiter zur Tür und verriegelte sie. Beißender Rauch breitete sich in der Halle und wohl im ganzen Haus aus, aber das Feuer war unter Kontrolle. Steine prallten an die Scheiben. Ein weiterer Molotowcocktail zerplatzte vor der Tür, ohne jemanden zu verletzen. Jamie fragte sich, was dieser brutale Angriff auf sein medizinisches Forschungsinstitut bedeutete. Was hatten sie verbrochen, das die Meute derart aufhetzte?

“Die Tür wird wohl nicht mehr lange standhalten”, murmelte ein Helfer.

“Und Sebastian muss dringend ins Krankenhaus”, fügte Jamie düster an.

Als hätten sie ihn gehört, näherten sich endlich Rettung, Polizei und Feuerwehr. Die Sirenen der Martinshörner vertrieben die gewalttätigen Demonstranten auf der Stelle. Bald füllte sich der Platz vor dem Eingang mit den Fahrzeugen der Einsatzkräfte, wie er bei einem Blick durchs Fenster feststellte. Lukas! Wo steckte der Junge? War er verletzt?

Minuten später verließen die Sanitäter das Haus mit Sebastian auf der Trage.

“Ich habe ihm ein Schmerzmittel gespritzt. Er hat schwere Verbrennungen am Bein”, sagte die Notärztin. “Die Heilung wird Zeit brauchen.”

Dann ging auch sie, und herein stürmte Hauptkommissarin Chris Roberts, seine Frau.

“Bist du O. K.?”, fragte sie gehetzt. “Wo ist Lukas?”

Ihre Augen waren überall gleichzeitig. Im nächsten Augenblick sah er sie nicht mehr.

“Wie bist du so schnell …”, fragte er den Lufthauch, den sie hinterließ.

Es fiel ihm schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Wo war Lukas? Wie sollte es jetzt weitergehen im Institut? Als Sebastians Stellvertreter müsste er es wissen, doch da war nichts außer einem großen Fragezeichen. Verloren schaute er sich um, ohne eine Spur von seinem Sohn zu entdecken. Kaum setzte er sich in Bewegung, kam Chris auf ihn zu. Lukas trottete hinterher.

“Er hat sich in der Toilette verschanzt, wie er es gelernt hat”, erklärte sie müde lächelnd.

Er drückte den Jungen an die Brust, überraschend schnell und kurz, dass der Junge keine Zeit fand, sich dagegen zu sträuben.

“Gott sei Dank”, seufzte er, “dir ist nichts passiert.” Scherzend fügte er an: “Unsere Sitzung müssen wir wohl verschieben.”

Lukas schwieg. Er war ungewöhnlich blass im Gesicht. Der Anschlag musste ihn gehörig erschüttert haben. Draußen herrschte ein Durcheinander. Die Polizei war dabei, die Umgebung weiträumig abzusperren und Beweise sicherzustellen, welche die Angreifer hinterlassen hatten. Eine Beamtin ergriff ein am Boden liegendes Banner, um es einzutüten. Hände weg von Tieren! stand darauf gesprayt. Lukas sah es und öffnete zum ersten Mal den Mund.

“Ihr müsst die Tierversuche stoppen, Papa!”, sagte er eindringlich.

Jamie verzog das Gesicht und antwortete erschöpft:

“Lass uns das später zu Hause besprechen.”

Wiesbaden

Chris verließ das Büro an der Appelallee sofort wieder, kaum hatte sie es betreten. Sie konnte sich sowieso nicht auf die Arbeit konzentrieren. Auf der Fahrt von Heidelberg nach Wiesbaden hatte sie sich eingeredet, die tägliche Routine im Bundeskriminalamt würde sie ablenken, irgendwie beruhigen nach der schlaflosen Nacht. Das Gegenteil war der Fall. Je weiter sie sich von zu Hause entfernte, desto unruhiger wurde sie. Die aufwühlenden Ereignisse im Institut für medizinische Forschung, wo Jamie arbeitete, beschäftigten sie so sehr, dass sie kaum einen andern Gedanken fassen konnte. Als Hauptkommissarin beim BKA blickte sie zwar fast täglich in Abgründe menschlicher Gemeinheit und Gewalt, aber jetzt hatte es ihre Familie und Jamies langjährigen Freund direkt betroffen. Die Extremisten waren in ihr Leben eingedrungen wie ein völlig unerwartet diagnostiziertes, tödliches Krebsgeschwür, gegen das es trotz Jamies intensiver Forschungsarbeit noch immer keine Medizin gab. Es kam ihr wirklich so vor, als gäbe es auch gegen die zunehmende Radikalisierung, sei es von Tierschützern, Klimaaktivisten oder Verschwörungstheoretikern, kein Heilmittel. Sie kam sich hilflos vor an diesem Morgen, und das konnte sie auf den Tod nicht leiden.

Jamie antwortete sofort auf ihren Anruf.

“Wie geht es dir?”, fragten beide gleichzeitig.

Seine Stimme wärmte ihre Seele und sorgte augenblicklich für eine gewisse Beruhigung. Sie wollte mehr hören und wartete.

“Mach dir um mich keine Sorgen, Liebes”, sagte er. “Wir bekommen die Lage schnell wieder unter Kontrolle.”

“Sicher?”

“Bestimmt.”

“Wie geht es Sebastian?”

Wie befürchtet gab es aus dieser Ecke keine guten Nachrichten.

“Die Verbrennungen sind wirklich schlimm, aber die Kollegen meinen, dass sich die Haut ohne Transplantation wieder erholen kann, immerhin. Ich war gerade im Krankenhaus. Er ist im Moment nicht ansprechbar wegen der Sedierung.”

“Armer Kerl, und seine Frau? Hast du mit Emma sprechen können?”

“Ja, kurz”, antwortete er zögerlich. “Ich glaube, sie sagt nicht wirklich, wie es ihr geht, aber sie und Mia sind jetzt wenigstens nicht allein. Emmas Mutter ist bei ihnen.”

“Gut – das ist gut, und die kleine Mia hat ja noch Lukas.”

Die Bemerkung ließ sie schmunzeln. Jamie lachte kurz auf.

“Da sagst du was.”

Mit einem Mal erinnerte sie sich an die Zeit unmittelbar vor dem Anschlag.

“Schatz”, sagte sie, “du warst so verschlossen und nachdenklich am Vorabend der Demo. Ich wollte dich darauf ansprechen, war aber zu müde. Tut mir leid. Was war denn los? Gab es Anzeichen, dass so etwas passieren würde?”

Eine lange Pause entstand, bis er widerstrebend antwortete.

“Ach, das hat vielleicht gar nichts miteinander zu tun.”

“Schatz, sprich mit mir!”, rief sie beinah. “Alles könnte wichtig sein, um die Täter zu fassen. Wir haben gleich eine Telefonkonferenz mit Stuttgart …”

“Ist ja gut”, unterbrach er. “Ich wollte dich nicht damit belasten. Wie gesagt, vielleicht ist es eine rein interne Angelegenheit des Instituts. In letzter Zeit sind immer wieder wichtige Datenblätter zu meiner Arbeit verschwunden. Deshalb konnte ich die Versuche mit den Mäusen noch nicht starten.”

“Verschwunden?”

“Über Nacht verschwunden.”

“Schließt du die denn nicht weg?”, fragte sie verwundert.

“Das kann ich nicht. Es sind Auswertungen von Messreihen, die nachts laufen. Ich müsste die ganze Nacht daneben stehen.”

“Verstehe.”

Joshi, ihr Partner, stieß die Bürotür auf und winkte sie ungeduldig herbei. Es war Zeit für die Telefonkonferenz. Sie verabschiedete sich hastig und folgte ihm ins Büro. Kriminalkommissar Joshi Tanaka empfing sie mit vorwurfsvollem Blick. Die japanischen Gesichtszüge stammten von seinem Vater, das manchmal forsche Verhalten von der Berliner Mutter. Chris hatte einige Jahre Zeit gehabt, sich an den seltsamen Berliner zu gewöhnen, war jedoch noch weit davon entfernt, ihn wirklich zu verstehen. Wie zum Geier war es möglich, dass ein vernünftiger Mensch faden Grüntee einer guten Tasse Espresso vorzog? Sie kapierte es einfach nicht.

“Schon gut”, sagte sie trotzig. “Hartmann kann warten.”

“Er hat schon mal angerufen”, entgegnete Joshi mit der steinernen Miene des Gerechten.

“Dann rufen wir jetzt eben zurück, und wehe, er antwortet nicht sofort.”

Es war ein Scherz, den Joshi wiederum nicht verstand. Hastig drückte er auf die Rückruftaste der Telefonanlage und schaltete auf Lautsprecher.

“Haben Sie keinen Wecker in Wiesbaden?”, fragte Hartmann als Erstes.

Sie lachte. Das Verhältnis zum Hauptkommissar des LKA Stuttgart war gut, fast freundschaftlich, schätzte sie. Sie hatten mehrfach zusammengearbeitet und wussten, dass sie sich aufeinander verlassen konnten. Kleine Neckereien gehörten deshalb zum guten Ton.

“Scherz beiseite”, sagte sie. “Gibt es neue Erkenntnisse zur Täterschaft im Fall des Max-Planck-Instituts?”

“Wenn ich nicht wüsste, dass Sie persönlich betroffen sind, würde ich jetzt auflegen”, antwortete Hartmann. Nach einer kurzen Pause kam er zur Sache. “Wir haben bisher nur Vermutungen. Harte Beweise gibt es nicht. Trotzdem wette ich meinen kleinen Finger, dass es ein Anschlag der Ratte war.”

“Ratte?”, unterbrach Joshi überrascht. “Nie gehört.”

Hartmann lachte. “Das kommt davon, wenn man sich bloß mit Mord und Totschlag beschäftigt. Die Ratte ist ein Phantom, ein extrem radikaler Tierschützer. Anschläge in Berlin und Hamburg gehen auf sein Konto.”

“Hamburg ist der Sitz von Saxopharm”, warf sie ein.

“Genau die meine ich”, sagte Hartmann. “Die arbeiten auch mit Tierversuchen.”

“Pharma, klar”, bemerkte Joshi. “Ein Phantom, sagten Sie? Woher wissen Sie denn, dass die Ratte bei diesen Anschlägen dabei war?”

“Wir haben seine DNA.”

“Keine Fake-DNA?”, fragte sie halb scherzend.

Gefälschte DNA hatte sie im letzten gemeinsamen Fall lange in die Irre geführt.

“Wir sind vorsichtig geworden”, gab Hartmann in ernstem Ton zurück.

Er fasste zusammen, was das LKA über die Ratte und deren Organisation wusste. Plötzlich unterbrach er den Bericht und fragte erstaunt:

“Warum erzähle ich Ihnen das? Nehmen Sie jetzt eigene Ermittlungen auf?”

“Vielleicht”, antwortete sie nachdenklich. “Wenn diese Leute mit Molotowcocktails um sich werfen und in verschiedenen Bundesländern aktiv sind, ist es sehr wohl ein Fall fürs BKA.”

“Und Sie sind sicher, dass es nicht um persönliche Interessen geht?”

Die Frage war durchaus berechtigt. Sie befand sich auf dünnem Eis. Das bestätigte auch Joshis zweifelnder Blick.

“Ich danke Ihnen für die Info”, sagte sie und drückte auf den roten Knopf.

Joshi wandte sich kopfschüttelnd wieder seiner eigentlichen Arbeit zu. Sie dachte nach. Die Ratte beschäftigte sie mehr, als sie zugeben wollte. Jamie könnte jetzt halb tot im Krankenhaus liegen – und Lukas! Solche Extremisten musste man aus dem Verkehr ziehen. Das war ihre Aufgabe in der Abteilung für organisierte Kriminalität. War es ihre Aufgabe? Sie konnte sich lebhaft vorstellen, was Staatsanwalt Axel Krüger dazu sagen würde, und beschloss, ihn vorläufig rauszuhalten. Joshi schreckte auf, als sie ihn im Befehlston ansprach, als wäre er noch der unerfahrene Praktikant.

“Finden Sie alles über diese Ratte heraus, und bleiben Sie unter dem Radar.”

“Wie soll das gehen, wenn ich nicht offiziell ermitteln kann?”

“Fragen Sie Ihren Fiat”, antwortete sie grinsend und fügte leise an: “Vielleicht steckt der mit der Ratte unter einer Decke.”

Joshis kleines Elektroauto war ihr nicht geheuer. Er hatte dort eine künstliche Intelligenz installiert, die es in sich hatte. Illegale koreanische Software, vermutete sie. Die war jedenfalls so schlau, dass sie schon minutenlang mit ihr telefoniert hatte in der Überzeugung, Joshi an der Strippe zu haben. Sie fröstelte jedes Mal bei dem Gedanken.

Joshi war nicht unglücklich über den neuen Auftrag. Der ungelöste Fall, an dem er arbeitete, konnte auch noch ein wenig länger warten. Er begann dort, wo sie schon oft erfolgreich zu suchen begonnen hatten. Kurz nach Mittag stand er in gebührendem Abstand an Uwe Wolfs Arbeitsplatz im chaotischen Büro der IT. Uwe war ein seltsamer Vogel, was zwischenmenschliche Kontakte betraf, und ein Genie am Computer. Konnte Uwe Daten nicht beschaffen, dann existierten sie nicht. So einfach war das. Es gab nur ein Problem dabei. Er musste in der richtigen Stimmung sein, sonst konnte es vorkommen, dass das Genie einen glatt ignorierte, unabhängig von Rang und Namen.

Joshi glaubte, einen guten Moment erwischt zu haben, denn auf Uwes Lippen zeichnete sich ein seltenes Lächeln ab, als er kurz an seinen Bildschirmen vorbei zu Lena hinüberblickte, seiner langjährigen Freundin. Joshi hatte Glück. Eine halbe Stunde später saß er wieder an seinem Schreibtisch, zwei Schritte von Chris’ Arbeitsplatz entfernt, und sichtete die Aufzeichnung der einzigen Überwachungskamera im Außenbereich des Max-Planck-Instituts. Es war nicht schwierig, die Ratte unter all den vermummten Gestalten zu erkennen. Er war der Anführer, der die Kommandos gab. Es war offensichtlich, dass es sich um einen Mann handelte. Seinen Bewegungen nach zu urteilen musste er eher jung sein, vielleicht in seinem Alter, und sehr kräftig. Der Vermummte schwenkte eine große Fahne einhändig mit einer eindrucksvollen Pranke, wie Joshi in der Vergrößerung deutlich erkannte. Er entdeckte noch etwas. Der Unbekannte war blond mit kantigem Schädel, ein nordischer Typ vielleicht. Er lehnte sich mit einem zufriedenen Seufzer zurück und murmelte:

“Das ist doch schon was.”

“Etwas gefunden?”, fragte Chris nervös.

Er schüttelte den Kopf. “Nur ein Anfang, muss ich alles noch verifizieren.”

Sie verlor das Interesse sofort wieder. Das war der Zweck der Antwort gewesen. Er konnte ungestört weiterarbeiten. Bald darauf verließ er mit einem USB-Stick das Büro, auf dem die wichtigsten Sequenzen aus dem Video gespeichert waren.

“Joshi, ich grüße dich. Was kann ich für dich tun?”, sagte die KI in seinem Fiat in der Tiefgarage, nachdem er eingestiegen war.

“Lass die Förmlichkeiten”, antwortete er mürrisch.

Das Verhalten der künstlichen Intelligenz ging ihm manchmal auf den Keks. Er fragte sich nicht zum ersten Mal, ob sich die Software über ihn lustig machte. Was hatten sich die Programmierer im Fernen Osten dabei gedacht?

“Wollte bloß nett sein”, sagte die KI beleidigt.

“Ich auch, ist mir halt nicht gelungen. Also, du sollst dir die Videosequenzen ansehen, die ich gleich einspeise. Ich will wissen, was die vermummte Person mit der großen Fahne im Vordergrund für ein Typ ist. Hilf mir, sie zu identifizieren.”

“Jawohl Chef.”

Joshi verdrehte die Augen, doch er steckte den Stick ein und wartete. Die KI ließ sich Zeit. Es lag möglicherweise daran, dass die Verbindung aus der Garage ins Internet nicht die beste war. Die Zeit schien stillzustehen, bis das Programm sich endlich zurückmeldete.

“Ich habe das Material analysiert”, sagte die KI. “Die Person mit der Fahne ist männlich, etwa 35 Jahre alt, blond und mit einer Wahrscheinlichkeit von 63 % ein skandinavischer Typ. Ich schließe das aus dem Vergleich der Kopfpartie mit 28.195 ähnlichen Aufnahmen.”

Joshi unterbrach die Software. “Schon gut, ich will nur die Resultate hören.”

“Wenn dich nicht interessiert, wie ich arbeite …”

“Resultate!”

“Ist ja gut. Der Unbekannte betreibt mit hoher Wahrscheinlichkeit Kampfsport. Seine Bewegungen bei der Flucht am Schluss deuten auf Taekwondo.”

“Was?”

Die Behauptung verblüffte Joshi.

“Taekwondo ist eine koreanische Kampfsportart …”

“Ich weiß, was Taekwondo ist, war bloß überrascht.”

“Na dann, das ist alles”, sagte die KI. “Das Motorrad am Ende wirst du ja wohl auch gesehen haben.”

Joshi schaltete das vorlaute Programm ab. Es hatte seine Vermutung bestätigt und wichtige Hinweise geliefert. Damit konnte er arbeiten.

Köln

Julia Bergmann verstand Ellas Ärger zwar, war aber doch der Ansicht, dass auch ihre Partnerin allmählich ein Einsehen haben und sich mit der Tatsache abfinden sollte.

“Wir haben nun einmal keine Zulassung erhalten”, sagte sie. “Jetzt müssen wir überlegen, wie es weitergehen soll. Meinst du nicht auch?”

Aus Ellas Augen schossen Giftpfeile.

“Du willst einfach klein beigeben? Ich glaub’s nicht!”

“Was willst du tun? Wir haben das Verfahren ausgereizt, Einspruch erhoben, Berufung eingelegt, uns mit allen Mitteln gewehrt. Jetzt sind die Rechtsmittel ausgeschöpft. Es ist eine Tatsache, Ella.”

“Ich bringe sie um.”

“Das sagtest du schon. Die Zulassung würden wir trotzdem nicht kriegen.”

Ella war nicht zum ersten Mal den Tränen nah.

“Denkst du auch mal an Hanna?”, fragte sie vorwurfsvoll. “Wir dürfen das Medikament nicht aufgeben.”

Julia antwortete nicht. Ella würde die verletzende Bemerkung bald bereuen. Ein Glas Wasser sorgte für eine gewisse Beruhigung. Ella trank es in einem Zug leer, danach fragte sie bedrückt:

“Wie lange reicht der Vorrat an Azytomab noch?”

Julia zögerte mit der Antwort, gab dann kleinlaut zu:

“Der Vorrat ist aufgebraucht. Ich habe die letzte Packung dem Patienten Stein gegeben. Ich konnte ja nicht wissen …”

Ella war aufgesprungen und begann, aufgeregt durchs Wohnzimmer zu tigern.

“Und jetzt?”, rief sie händeringend aus.

“Du weißt, was wir jetzt tun müssen, Ella. Hanna wird zu Cerexon von Mefisk zurückkehren, bis wir eine bessere Lösung finden.”

“Ausgerechnet!”

Ella schnaubte. Beide fühlten sich hilflos, denn sie wussten, dass sie keine Wahl hatten. Julias Handy piepste. Zehn Minuten bis zum Termin in der Praxis. Sie entschuldigte sich und verließ die Wohnung.

Ihr Patient Simon Stein ließ sich nicht blicken. Zwanzig Minuten wartete sie schon. Ausgerechnet heute, dachte sie verstimmt. Stein hatte ihren Brief sicher gelesen, in dem sie die Lage schilderte. Das vorzeitige Ende der Therapie mit dem vielversprechenden Medikament musste den alten Herrn wie ein harter Schlag in die Magengrube getroffen haben. Diese Besprechung war daher außerordentlich wichtig. Nachdem eine halbe Stunde verstrichen war, rief sie an. Statt des Patienten meldete sich das Sekretariat einer Anwaltskanzlei.

“Ich möchte bitte mit Herrn Simon Stein sprechen”, sagte sie verwundert.

“In welcher Angelegenheit?”

“Ich bin seine Ärztin. Kann ich bitte mit ihm sprechen?”

“Das geht leider nicht. Herr Stein ist verreist. Wenn Sie uns Ihr Anliegen schriftlich einreichen, werden wir es umgehend an unseren Mandanten weiterleiten.”

“Das gibt’s doch nicht!”, platzte sie heraus. “Wir hatten einen Termin vor einer halben Stunde.”

“Es tut mir leid, aber wie gesagt …”

“Hat Herr Stein denn keine Nachricht für mich hinterlassen?”

“Die hätten wir Ihnen bestimmt zugestellt.”

Die Stimme der Sekretärin klang ungehalten. Die Situation befremdete die Frau wohl ebenso wie sie. Nach einer halbherzigen Entschuldigung legte sie auf. Sie konnte sich Steins Verhalten nicht erklären. Keine Sekunde glaubte sie an das Märchen von der überraschenden Reise. Kurz entschlossen verließ sie die Praxis und setzte sich ins Auto.

Die Arztplakette am VW verschaffte ihr ohne Weiteres einen Parkplatz am Fischmarkt. Simon Stein bewohnte seit jeher sein schmales Haus neben dem St. Martin im teuersten Kölner Veedel. Der Kombi einer Reinigungsfirma fiel ihr sofort auf. Die Haustür stand offen. Eine Angestellte in weißem Overall war im Flur mit Staubsaugen beschäftigt.

“Ist Herr Stein im Haus?”, fragte sie.

“Wer?”

“Der Besitzer, der hier wohnt.”

Die Mitarbeiterin der Reinigungsfirma zuckte nur mit den Achseln und setzte ihre Arbeit fort. Weitere weiße Gestalten arbeiteten im Wohnbereich im Erdgeschoss. Niemand kümmerte sich um die Fremde. Sie war unsichtbar, ebenso wie Simon Stein. Mit flauem Gefühl im Magen stieg sie die Treppe hinauf. Oben auf der ersten Etage befanden sich die Schlafzimmer, die zwei Bäder und Steins Büro. Auch hier rief sie vergebens nach dem Besitzer dieses Schmuckstücks. Die Reinigungsequipe hatte die Zimmer schon geputzt auf diesem Stockwerk und eine peinlich saubere Ordnung hinterlassen, die jeden Feldwebel in Entzücken versetzen würde. Außer im Büro, wie sie nach kurzem Zögern feststellte. Dieses Zimmer war offenbar tabu für alle außer Stein selbst. Dennoch fand sie es unverschlossen vor. Sie betrat den Raum und wusste, dass sie gerade eine rote Linie überschritt. Der antike Sekretär, den Stein als Schreibtisch benutzte, war leer bis auf einen offenen Brief. Wie eine Einladung lag er auf der Schreibunterlage. Lotus Garden, private clinic and medical resort lautete die Kopfzeile. Das Erscheinungsbild deutete auf eine luxuriöse Einrichtung hin.

“Eine teure Privatklinik”, murmelte sie mit Stirnrunzeln.

Der Text war kurz und bestand aus wenigen Sätzen in tadellosem Englisch. Die Klinik hieß darin den Dear Mister Stein herzlich willkommen. Die Direktion freute sich, ihm so schnell einen Platz im Resort anbieten zu können, um sofort mit der vielversprechenden Therapie zu beginnen. Adresse oder Telefonnummer suchte sie vergebens, lediglich ein Londoner Postfach war aufgedruckt. Es handelte sich wohl um eine sehr exklusive Klinik.

Sie durfte die Krankenakte Simon Stein getrost schließen. Im Grunde konnte sie ihrem Patienten keinen Vorwurf machen. Ihr Brief hatte wahrscheinlich die Panikreaktion ausgelöst. Simon Steins Hirntumor war schon weit fortgeschritten gewesen, bevor ihr Medikament wenigstens die Metastasenbildung stoppen konnte. Der Mann hatte Torschlusspanik. Das konnte sie nachvollziehen.

Enttäuscht und traurig wandte sie sich ab. Ihr Blick streifte den Papierkorb, und sie stutzte. Die letzte Packung Azytomab lag darin, ungeöffnet. Sie griff danach underwischte mit der Packung einen zerknüllten Zettel. Statt ihn zurückzuwerfen, glättete sie ihn auf dem Schreibtisch, denn ein handgeschriebener Name erregte sofort ihre Aufmerksamkeit: Schulte, Frankfurt. Der Zettel stellte sich als Ausriss aus Steins Agenda heraus. Es war die Seite mit dem Datum der Vorwoche, dem Tag, als Stein ihren Brief erhalten haben musste. An jenem Abend hatte er ein Treffen mit Schulte eingetragen. Sie kannte diesen Schulte nur allzu gut. Botho Schulte von der Kanzlei Schulte, Grassmann und Mehringer war der gefürchtete Staranwalt von Mefisk.

Die Behauptung, Azytomab wäre eine Kopie von Mefisks Cerexon war bestimmt nicht die Idee von Inge Kraus gewesen. Julia konnte sich gut vorstellen, dass die Zulassungsstelle Besuch von der Kanzlei Schulte, Grassmann und Mehringer erhalten hatte. Mefisks Anwälte hatten schließlich in ihrem Fall das Gericht überzeugt. Dieser Botho Schulte machte ihr Angst.

In Gedanken versunken betrat sie kurz nach 15 Uhr Hannas Krankenzimmer. Kopfhörer steckten in den Ohren der Tochter. Hanna empfing sie mit dem Gesichtsausdruck, als hätte sie ihr gerade etwas Wichtiges verboten.

“Alles gut?”, fragte sie dennoch hoffnungsvoll.

Hanna entfernte die Ohrstöpsel.

“Nichts ist gut, Mama”, antwortete sie gereizt. “Ich muss hier herumliegen und langweile mich zu Tode – und das Essen ist scheußlich. Heute gab es Milchreis! Wer isst denn sowas?”

Julia unterdrückte den Lachreiz. Die Achtjährige kam ihr manchmal ganz schön erwachsen vor.

“Es muss schlimm sein, armes Kind”, sagte sie mitfühlend und küsste sie auf die Stirn. “Aber es dauert nicht mehr lange, bis das Schlüsselbein ganz verheilt ist, nur noch drei oder vier Tage, dann kommst du nach Hause. Ich kann es nicht erwarten.”

“Und der blöde Gips?”

“Der ist auch bald weg. Dann kommt die Frau Doktor mit der großen Schere.”

Sie schnappte mit den Armen nach dem Mädchen wie mit einer Riesenschere. Die Kleine kreischte vor Vergnügen und rief begeistert:

“Wie beim bösen Wolf?”

“Genau so.”

Wieder zu Hause ließ sie der Gedanke an Schulte und Mefisk nicht los. Sie entschloss sich, den Studienfreund in Stuttgart anzurufen, von dem sie sich vor Jahren unter qualvollen Umständen getrennt hatte. Ben Becker war der Einzige in ihrem Bekanntenkreis, der vielleicht Rat wüsste, wie sie doch noch eine Einigung mit dem Konkurrenten aus Frankfurt erzielen könnte. Bevor Ben sein Start-up TumXmed gegründet hatte, war er zwei Jahre lang Leiter der medizinischen Forschung bei Mefisk gewesen. Er kannte den Laden in- und auswendig.

Stuttgart

Das kleine Start-up TumXmed auf dem Campus in Vaihingen bei Stuttgart hatte sich zu einem respektablen Unternehmen entwickelt, wie sie verblüfft feststellte. Ben Becker und seine Partnerin Charlie Brooks, ihre Nachfolgerin, konzentrierten sich erfolgreich auf die Entwicklung personalisierter Immunsuppressoren. Solche Medikamente hatten enorm an Bedeutung gewonnen, seit klar geworden war, dass Tumore nur mithilfe des körpereigenen Immunsystems wirksam bekämpft werden können. Julia lächelte beim Anblick des blau strahlenden Logos mit dem imposanten, gelben X in der Mitte. Sie gönnte dem Exfreund den Erfolg, empfand auch keinen Groll gegenüber Charlie. Die beiden waren ein glückliches Paar, allem Anschein nach, sie und Ella auch.

Moderne, minimalistische Architektur aus Stahl, Beton und viel Glas auf grüner Wiese, so präsentierte sich der Campus. Es herrschte trotzdem eine inspirierende Atmosphäre. Sie hätte sich gut vorstellen können, hier zu arbeiten. Die Schiebetür glitt auf. Ein unbekannter Mann in sportlicher, wenn auch etwas heruntergekommener Kleidung trat heraus. Ben Becker folgte. Er beachtete sie nicht, fuhr stattdessen den Unbekannten mit gerötetem Gesicht wütend an:

“Verschwinden Sie! Lassen Sie sich hier nie mehr blicken. Das nächste Mal hetze ich Ihnen die Polizei auf den Hals!”

Der Unbekannte grinste nur und sagte ruhig:

“Überlegen Sie es sich gut, Dr. Becker.”

Dann stieg er in einen schwarzen BMW und gab Gas.

“Was war denn das?”, fragte sie lachend, als sie auf den Exfreund zuging.

Ben starrte dem Fahrzeug nach, wandte sich nur langsam ihr zu und versuchte zu lächeln.

“Ach, das war nichts”, behauptete er.

“So sah es aber nicht aus.”

Er reichte ihr fast schüchtern die Hand.

“Herzlich willkommen bei TumXmed.”

Nervös blickte er um sich, als fürchtete er sich vor einem Verfolger.

“Alles in Ordnung?”, fragte sie besorgt. Er gab keine Antwort. Sie versuchte, die Spannung zu lösen, lächelte und sagte: “Ist lange her, Ben. Entschuldige, dass ich mich nie mehr …”

Er unterbrach sie abrupt. “Ich muss mich entschuldigen, aber lassen wir das.”

“Wie du meinst. Wollen wir nicht hineingehen?”

Er fasste sie überraschend am Arm und zog sie sanft weg vom Haus.

“Wir besprechen das besser im Café.” Verlegen fügte er an: “Bei uns ist es im Moment nicht günstig.”

Sie unterdrückte die offensichtliche Frage und folgte ihm schweigend. Das Café in der Nähe hieß Denkpause. Der Name war nicht Programm. Mehrere Gruppen meist junger Leute, Studenten, nahm sie an, unterhielten sich lebhaft und lautstark. Die Atmosphäre im Lokal löste indessen Bens Zunge. Er begann von sich aus zu sprechen.

“Ich war platt, als du gestern Abend angerufen hast”, gab er zu. “Damit hätte ich zuletzt gerechnet.”

Sie lachte. “War das ein Kompliment?”

“Eine Feststellung. Ich frage mich, warum gerade jetzt?”

“Wie meinst du das?”, warf sie verblüfft ein. “Was ist denn passiert?”

Er winkte ärgerlich ab. “Ach, eigentlich nur der übliche Ärger mit der Konkurrenz.”

Offensichtlich bemühte er sich, den Vorfall von vorhin herunterzuspielen, doch sein Gesicht erzählte eine andere Geschichte.

“Mefisk, nicht wahr?”, sagte sie, als er schwieg.

Sie hatte ihr Problem mit dem Pharmariesen aus Frankfurt am Telefon kurz geschildert und wusste, dass Mefisk auch im Revier von TumXmed wilderte. Es gab keinen Bereich der lukrativen Krebsvorsorge und -bekämpfung, in den Mefisk nicht massiv investierte. Ben zögerte mit der Antwort, nickte dann aber zustimmend.

“Die setzen Unsummen ein, um ihren Immunsuppressor zu vermarkten und die Konkurrenz lächerlich zu machen. Uns ist über Nacht der größte Kunde abgesprungen.”

“Das tut mir leid”, sagte sie. “Du warst aber doch Forschungsleiter in dem Laden, hast Verbindungen in die Geschäftsleitung. Konntest du nicht gegensteuern?”

Er schüttelte müde den Kopf. “Nicht, seit die Larsson im Sattel sitzt. Die nordische Walküre ist skrupellos, arbeitet mit allen Mitteln, um die Konkurrenz auszuschalten.”

“War der unerwünschte Besuch vorhin so ein Mittel?”, fragte sie, hellhörig geworden.

Darauf erhielt sie keine Antwort. Stattdessen warnte er eindringlich:

“Sei vorsichtig. Lege dich nicht mit Mefisk und deren Anwälten an. Du kannst nur verlieren.”

“Ich hatte gehofft, du könntest mir helfen, wenigstens eine Einigung zu erzielen.”

Wieder schüttelte er entschieden den Kopf. “Wie gesagt, mit der neuen Chefin ist nichts zu machen. Die hat alle Leute entfernt, zu denen ich Kontakt hatte. Es tut mir leid. Ich hätte dir das am Telefon sagen müssen.”

“Aber du wolltest mich sehen”, warf sie lächelnd ein.

Er nickte verlegen. “Es tut gut, ob du es glaubst oder nicht. Gut siehst du aus.”

Sie war trotzdem enttäuscht, wenn auch nicht wirklich überrascht. Vielleicht hatte sich der Besuch in Stuttgart dennoch gelohnt, dachte sie. Ben Becker und seine Firma wurden bedroht. Sie hatte es mit eigenen Augen gesehen – und sich das Kennzeichen des BMWs gemerkt. Bens Smartphone kündigte eine neue Nachricht an. Er entschuldigte sich und las sie, schüttelte dann den Kopf und sagte erstaunt:

“Das glaube ich jetzt nicht.” Er schob das Handy über den Tisch. “Lies selbst.”

Kampf der Giganten lautete die fette Überschrift, darunter etwas kleiner: Mefisk verklagt Saxopharm. Sie las weiter, ohne zu erfahren, worum es sich genau handelte. Die kurze Meldung im Blog enthielt einzig die Vermutung, dass es sich wohl auch in diesem Fall um eine Art Patentverletzung handelte.

“Was sagst du?”, fragte Ben aufgeregt. “Die ziehen die gleiche Nummer ohne Zögern auch mit einem Konzern wie Saxopharm ab.”

“Widerlich, wie Mefisk sich das Monopol sichern will”, murmelte sie.

“Was habe ich gesagt? Wir Kleinen haben da keine Chance. Die zertreten uns wie lästige Kakerlaken.”

“Wir, uns?”, fragte sie. “Mefisk bedroht euch also auch direkt?”

Er schwieg betreten, als hätte er schon zu viel gesagt. Ihre Kaffeetasse war längst leer. Mit einem Blick darauf sagte sie scherzend:

“Du hast jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder brechen wir auf, und du zeigst mir deine Betriebsgeheimnisse bei TumXmed, oder du spendierst mir einen zweiten Kaffee.”

Er erhob sich seufzend. “In dem Fall muss es wohl der Kaffee sein.”

Sie sah ihm mit gemischten Gefühlen nach. Er hatte den Tresen noch nicht erreicht, als ihr Handy klingelte. Ellas Stimme klang aufgeregt, atemlos. Sie war außer sich. Was sie berichtete, jagte auch ihren Puls in die Höhe.

“Was sagst du?”, unterbrach sie Ella. “Eingebrochen? Das Labor ist doch noch versiegelt.”

Ella lachte bitter auf. “Im Gegensatz zu uns halten sich die Einbrecher offenbar nicht an die Regeln.”

“Was haben die denn angerichtet? War die Polizei schon da? Hast du gesehen …”

“Langsam, Liebes”, unterbrach Ella. “Die Polizei war da, und soweit ich gesehen habe, fehlt nichts, aber die Gauner haben alles gründlich durchsucht.”

“Seltsam”, sagte sie nachdenklich. Der Schock ließ kaum einen klaren Gedanken zu. “Was haben die wohl gesucht?”

“Kannst du dir das nicht denken?”

In diesem Moment fiel der Groschen. Nicht nur das Labor, auch die Praxis und vor allem ihr Zuhause hatten sich gerade in eine Gefahrenzone verwandelt.

Hamburg

Katja Richter hasste diesen Blogger. Der Kerl wusste Bescheid, und das bedeutete nichts anderes, als dass sie und die Rechtsabteilung und der ganze, ausgeklügelte Sicherheitsapparat vom Saxopharm ihren Job nicht richtig machten. Sie blickte auf die Bahnhofsuhr im Büro, ein Geschenk zur Beförderung. Die Zeiger standen auf fünf vor zehn. Ihr wurde übel beim Gedanken, was sich in fünf Minuten nur zwei Türen weiter abspielen würde, aber da musste sie durch. Das Foto ihres Verlobten mit dem kleinen Hund auf dem viel zu großen Schreibtisch tröstete sie nur kurz. Er konnte ihr jetzt auch nicht helfen. Niemand konnte das, nur sie selbst. Sie wartete, bis der große Zeiger bei einer Minute vor der vollen Stunde stand, dann verließ sie das Büro, immer noch ohne eine Strategie, wie sie diesen Kampf gewinnen könnte.

Überrascht zögerte sie, ins Büro des Chefs einzutreten. Professor Ian Chapman stand beim CEO und schüttelte ihm die Hand. Er verabschiedete sich gerade und schien guter Dinge zu sein.

“Professor Chapman”, sagte sie, “gut, dass ich sie hier treffe. Ich habe sie gestern den ganzen Tag nicht erreicht.”

Der Vorwurf im Tonfall war nicht zu überhören. Chapmans gute Laune erhielt einen kleinen Dämpfer. Trotzdem antwortete er freundlich:

“Das tut mir leid. Ich war gestern außer Haus.”

Er wollte gehen, doch der CEO Nat Lewis, ein Brite wie Chapman, hielt ihn zurück.

“Warte Ian”, sagte er, “ich denke, du solltest dir anhören, was Frau Richter zu dem Fall zu sagen hat.”

Professor Chapman war es nicht gewohnt, irgendwelche Befehle zu befolgen, auch nicht diejenigen des Chefs. Als Nobelpreisträger hatte er alles erreicht, was ein Wissenschaftler erreichen konnte. Dennoch blieb er stehen und brummte unverhohlen widerwillig:

“Fall! Was für ein Fall? Mefisk will dich und deine Firma schädigen. Das ist alles, ein Kinderspiel für die Anwältin, richtig?”

Die Frage war an Katja als Leiterin der Rechtsabteilung gerichtet. Sie ignorierte sie. Die Antwort würde niemandem gefallen. Der CEO Nat Lewis klang weniger zuversichtlich, als er einwarf:

“Saxopharm ist auch deine Firma, Ian, vergiss das nicht, und es wird uns eine knappe Milliarde kosten, falls Pulxomab nicht auf den Markt kommt.”

Chapman schnaubte bloß verächtlich. Sie setzten sich in die Lounge, die anstelle eines Besprechungstisches das halbe Büro verstellte.

“Wie lief die Sitzung mit unserem Freund Schulte?”, fragte Lewis angespannt.

Sie hatte inzwischen beschlossen, auf juristische Euphemismen zu verzichten, und sprach die Wahrheit ohne Umschweife aus.

“Es sieht schlecht aus. Mefisk denkt nicht daran, sich außergerichtlich zu einigen. Der Prozess bleibt uns nicht erspart.”

Chapman schüttelte den Kopf und sah sie ungläubig an.

“Das ist nicht Ihr Ernst. Die haben nichts in der Hand!”

“Sehe ich aus, als würde ich scherzen?”, antwortete sie gereizt.

“Das ist nicht gut, gar nicht gut”, murmelte Lewis. “Was für Beweise gibt es denn gegen Ian?”

Dabei sah er den alten Freund Chapman forschend an. Der reagierte entrüstet.

“Keinen, sagte ich doch. Ich betreibe keine Industriespionage. Mefisk hat sich offenbar auf mich eingeschossen, warum auch immer.”

Er schien sich plötzlich an etwas zu erinnern und starrte schweigend ins Leere.

“Was ist los, woran denken Sie?”, fragte Katja. “Sagen Sie uns, was Sie wissen. Alles ist wichtig, um die Klage abzuwehren.”

Chapman schüttelte abwesend den Kopf und murmelte etwas Unverständliches. Es war offensichtlich, dass er Wichtiges verschwieg, und das trieb sie zur Weißglut. Entnervt fragte sie:

“Wo waren Sie am Nachmittag des 14. Juni?”

“Am Mittwoch?” Er überlegte kurz. “Mittwoch Nachmittag war ich in Frankfurt.”

“Da haben wir es!”, entfuhr es ihr. “Was haben Sie dort gemacht?”

Wieder zögerte er. Ihm wurde wohl bewusst, worauf die Frage abzielte.

“Ich habe einen Freund besucht”, sagte er abweisend.

Der CEO Nat Lewis verfolgte das Frage- und Antwortspiel mit zunehmendem Unbehagen.

“Wie heißt dieser Freund und wo haben Sie ihn getroffen?”

“Das tut nichts zur Sache.”

“Doch, denn genau diese Fragen wird Ihnen auch Mefisks Anwalt Schulte stellen, wenn Sie unter Eid stehen.”

Chapman warf einen hilflosen Blick auf Lewis und klagte:

“Das ist doch alles absurd.”

“Beantworte einfach die Frage, Ian. Wir sind hier nicht im Gerichtssaal – noch nicht.”

“Also”, nahm sie den Faden wieder auf, “wie heißt dieser Freund?”

“Dr. Wu Cheng, ein angesehener Mediziner wie ich.”

“Verraten Sie uns auch, wo dieser Herr Wu arbeitet?”

Chapman blickte sie wütend an. In die Enge getrieben, antwortete er zähneknirschend:

“Wu Cheng leitet die onkologische Forschung bei Mefisk.”

“Ian!”, rief der CEO entsetzt.

“Ich weiß, wie das aussieht, und ihr liegt völlig falsch. Cheng ist ein exzellenter Mediziner. Wir tauschen uns regelmäßig aus, unterstützen uns im Kampf gegen den Krebs. Darum geht es doch letztlich.”

Der CEO seufzte. “Sicher, Ian, aber das ist trotzdem jetzt …”

“Extrem ungünstig”, fiel sie ihm ins Wort. “Ausgerechnet mit Mefisk tauschen Sie sich aus.”

Was hatte er sich dabei gedacht? Chapman war Wissenschaftler durch und durch. Von wirtschaftlichen Zwängen verstand er nichts, wollte er nichts verstehen. Ärgerlich behauptete er denn auch:

“Wir haben ein medizinisches Problem und Lösungsansätze besprochen. Da sind keine Firmengeheimnisse ausgetauscht worden. Die Sache lässt sich schnell aus der Welt schaffen, fragt Wu Cheng.”

“Genau das ist der Haken”, warf sie ein. “Sie beide sind beobachtet worden, und Herr Wu weigert sich, auszusagen.”

“Kann er nicht dazu gezwungen werden?”, fragte der CEO.

Sie nickte. “Vor Gericht, ja, aber erstens wäre es wichtig, vorher mit ihm zu sprechen, und zweitens wissen wir alle, welchen Wert eine erzwungene Aussage wahrscheinlich hätte.”

“Wir stecken also in der Scheiße?”, fuhr Lewis auf. “Ist es das, was Sie sagen wollen?”

Sie zuckte mit den Achseln. “Nennen Sie es, wie Sie wollen, aber es sieht nicht gut aus, wie gesagt.”

Es gab nur eine Möglichkeit, nicht schnurstracks ins offene Messer zu laufen. Sie musste sich eingehend mit Chapman unterhalten. Der Professor hatte keine Wahl. Mürrisch verließ er mit ihr das Büro des Chefs.

Es war nicht das erste Mal, dass sie sich vor dem Landgericht Hamburg begegneten. Katja grüßte Botho Schulte distanziert und reagierte nicht auf dessen Small Talk. Sie wusste, dass jedes seiner Worte einzig dazu da war, das Gegenüber zu verunsichern. Den Spießrutenlauf durch die vollzählig anwesende Presse vor dem Gericht hatten sie und Chapman hinter sich. Die Verhandlung fand zwar unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, aber was sich hinter der schönen Fassade gleich abspielen würde, schätzte sie als weit schlimmer ein als die hartnäckigen Fragen der eifrigen Reporter. Sie hoffte inständig, Zweifel und Unsicherheit blieben gut verborgen hinter ihrem Pokerface, aber nicht einmal da war sie sicher. Würde Mefisk den ganzen, teuren Apparat mit der Klage in Bewegung setzen, wenn nichts dahinter steckte? Kaum, das war klar, und der Gedanke bereitete ihr die größten Sorgen. Sie hasste Überraschungen, am allermeisten vor Gericht.

Der Saal strahlte die Atmosphäre einer schlecht besuchten Kirche aus. Richter, Gerichtsschreiberin, die zwei Anwälte und der Zeuge Professor Ian Chapman waren die einzigen Anwesenden außer dem Gerichtsdiener. Der vorsitzende Richter hielt sich nicht lange mit Formalitäten auf. Schon nach fünf Minuten saß Chapman im Zeugenstand. Mefisks Klageschrift lautete ausdrücklich nicht wie eine Anklage des Professors, sondern die Konkurrenz klagte die Firma Saxopharm der Wirtschaftsspionage an.

“Ihr Zeuge”, sagte der Richter zu Schulte, nachdem sie die Zurückweisung der Klage beantragt und begründet hatte.

“Herr Professor Chapman”, begann Mefisks Anwalt, “stimmt es, dass Sie am 14. Juni dieses Jahres von 16:30 Uhr bis kurz vor 20 Uhr im Restaurant Medici in Frankfurt waren?”

Chapman lächelte entspannt. Sie hatten Schultes Befragung geübt. Es war klar, dass er mit einer solchen Frage beginnen würde.

“An die Uhrzeit erinnere ich mich nicht genau”, antwortete der Professor, “aber Datum und Ort stimmen. Der Zeitrahmen kommt hin.”

Schulte hielt sich ans fiktive Drehbuch, das sie mit Chapman besprochen hatte, bis er unvermittelt fragte:

“Wer hat die Rechnung im Restaurant bezahlt?”

“Einspruch!”, rief sie dazwischen. “Euer Ehren, die Frage ist irrelevant. Sie dient nur dazu, den Zeugen zu verunsichern.”

Der Richter warf Schulte einen strengen Blick zu und antwortete:

“Stattgegeben, die Frage wird gestrichen.” Sichtlich ungeduldig fügte er an: “Gibt es noch weitere Fragen an den Zeugen?”

Schulte nickte mit selbstgefälligem Lächeln auf den Lippen. “Eine Frage habe ich noch, euer Ehren. Dazu möchte ich dieses Dossier als Beweismittel K7 vorlegen.”

Die Miene des Richters verdüsterte sich.

“Die Beweisaufnahme ist abgeschlossen”, stellte der Richter fest, “das dürfte Ihnen bekannt sein, oder irre ich mich?”

Schulte deutete eine Verbeugung an und antwortete scheinbar schuldbewusst:

“Das ist uns natürlich bekannt, euer Ehren, und ich entschuldige mich dafür. Dieses Dossier ist leider erst gestern Nachmittag aufgetaucht. Es ist aber entscheidend, denn es stammt aus der Wohnung von Professor Chapman und beweist unzweifelhaft, dass Saxopharm sich unrechtmäßig geheime Daten von Mefisks Forschungsabteilung verschafft hat.”

Die Überraschung war da! Sie hatte es geahnt. Sofort erhob sie Einspruch.

“Euer Ehren, dieser sogenannte Beweis wurde uns vorenthalten. Das verstößt gegen die Regeln. Wie kommt der Kläger überhaupt an Daten aus Professor Chapmans Haus?”

Schulte war bestens auf diesen Moment vorbereitet. Bevor der Richter antworten konnte, warf er ein:

“Professor Chapmans Haushälterin hat uns das Dossier aus freien Stücken ausgehändigt.”

“Jetzt reicht’s aber!”, fuhr der Richter dazwischen.

Weiter kam er nicht, denn der Zeuge Chapman griff sich ans Herz, schnappte nach Luft und brach zusammen.

Kreislaufkollaps lautete die Diagnose. Der Professor brauchte jetzt vor allem Ruhe, schärfte ihr der Arzt in der Klinik ein. Der Zusammenbruch vor Gericht wirkte wie ein Schuldeingeständnis und spielte der Gegenseite in die Hände. Schulte musste trotz der zur Schau gestellten Bestürzung innerlich gejubelt haben.

“Sie dürfen ihn jetzt nicht wecken”, warnte der Arzt. “Er braucht den Schlaf. Sein Herz ist geschwächt.”

“Ich möchte ihn trotzdem sehen.”

Chapman hatte Besuch.

“Wer sind Sie?”, fragte die ältere Dame mit weißem Haar feindselig, als sie ins Zimmer trat.

Katja stellte sich als Chapmans Anwältin vor und betonte, alles zu unternehmen, um ihm zu helfen.

“Warum liegt er dann da?”, giftete die Frau zurück.

Sie war aufgebracht, verständlich nach allem, was der Professor gerade durchmachen musste.

“Sie sind Frau Musil, die Wirtschafterin von Professor Chapman, nicht wahr?” Die Dame nickte. “Es tut mir leid, was geschehen ist. Die Klage war wohl doch zu viel für den Herrn Professor.”

Frau Musil schwieg lange, bevor sie murmelte:

“Ich kenne niemanden, der ehrlicher und korrekter ist als der Professor. Es ist eine Schande, was man ihm antut.”

Chapman bekam von alldem nichts mit. Er schlief tief und fest, wie Katja nach einem Seitenblick feststellte. Sie musste mehr wissen über das Dossier, das Schulte vor Gericht überraschend aus dem Hut gezaubert hatte.

“Das Drama im Gerichtssaal hat begonnen, als die Gegenseite einen grünen Ordner als Beweis vorlegte und behauptete, Sie hätten ihn dem Anwalt gegeben”, begann sie mit gedämpfter Stimme. “Erinnern Sie sich daran?”

Die Haushälterin war blass geworden. Mit großen Augen starrte sie sie an und widersprach entschieden:

“Nein, das stimmt nicht! Ein Kurier hat den Ordner abgeholt. Der Professor hatte ihn zu Hause vergessen. So etwas passiert alle zwei Tage.”

Katja unterdrückte ein Lächeln. Die Haushälterin spielte ihr gerade einen Steilpass für die Verteidigung zu. Das Dossier war Mefisk nicht einfach ausgehändigt worden, wie Schulte behauptet hatte. Die Gegenseite hatte es unter Vorspiegelung falscher Tatsachen erschlichen. Damit durfte es nicht als Beweis zugelassen werden, egal, was darin stand. Sie atmete hörbar auf.

“Frau Musil, Sie haben mir sehr geholfen”, sagte sie und verabschiedete sich mit den besten Wünschen für den Herrn Professor.

KAPITEL 2

Frankfurt

DAS TAXI BEFAND sich unvermittelt in der gigantischen Kulisse eines Science-Fiction-Films. Das war der erste Eindruck, den Mefisks neuer Campus am Rande Frankfurts auf Katja machte. Sie begann zu verstehen, weshalb der Komplex den Spitznamen Octopus erhalten hatte. Die Stararchitekten hatten fünf kreisrunde Labor- und Produktionsgebäude wie Saugnäpfe an Tentakeln um einen riesigen Kopf angeordnet, dessen Glaskuppel sich fast fünfzig Meter über die Anlage erhob. Sie war Gigantismus von Saxopharm gewohnt, aber Mefisks Octopus mit seinen elegant geschwungenen Fangarmen übertraf alles, was sie kannte. Es fiel ihr schwer, sachlich nüchtern zu bleiben, als sie die Empfangshalle zusammen mit einer Horde Pressevertreter betrat. Die Kommentare, die sie dabei aufschnappte, ließen darauf schließen, dass es den meisten Journalisten ähnlich erging.

Die erste Bilanzpressekonferenz im Octopus interessierte sie aus zwei Gründen. Sie hoffte, die Presseleute würden das Management des Pharmariesen mit kritischen Fragen aus dem Konzept bringen. So erhielte sie Einblick in Firmengeheimnisse, ohne sich zu exponieren. Zweitens war dieser Anlass die beste Gelegenheit, mit der Chefin Annika Larsson sprechen zu können, die sonst für sie unerreichbar war.

Selbst der Presseraum beeindruckte, ebenso wie die CEO mit der jugendlich frech geschnittenen, blonden Mähne mit grauen Strähnen. Die Schwedin begrüßte die Presse mit gefrorenem Lächeln auf den Lippen. Stets bereit, zuzubeißen, dachte Katja unwillkürlich. Sie erledigte die Aufgabe mit cooler Routine, sprach ein akzentfreies Deutsch und wechselte salopp zwischendurch auf Englisch, in die offizielle Sprache des multinationalen Konzerns. Die Ansprache der Chefin und die Präsentation des Chief Financial Officers verschwammen bald zu einer eintönigen Tonkulisse in Katjas Wahrnehmung. Dieser Teil der Veranstaltung interessierte sie nicht. Sie spitzte die Ohren erst wieder, als eine interessante Frage aus dem Publikum auftauchte.

“Mefisk befindet sich derzeit in einem Rechtsstreit mit der Konkurrentin Saxopharm”, begann der Journalist des Hamburger Abendblatts. “Dabei geht es um das Krebsmittel Pulxomab, das Saxopharm auf den Markt bringen will. Dazu meine Frage: Inwieweit wird es sich auf die zukünftige Profitabilität Ihres Unternehmens auswirken, sollten Sie unterliegen?”

Die Frage löste ein Raunen im Saal aus. Die Erregung elektrisierte sie. Annika Larsson antwortete auf ihre Art.

“Sagen Sie es mir”, begann sie lächelnd, doch das Lächeln verschwand rasch wieder. “Im Ernst, der Schaden wäre immens, wenn unsere Therapie nicht oder verspätet auf den Markt käme wegen dieses Rechtsstreits. Ich kann Ihnen aber versichern: Das wird nicht passieren. Mehr möchte ich zum laufenden Verfahren nicht sagen.”

Der Reporter gab sich damit nicht zufrieden. Seine Anschlussfrage ging in einem Knall und Geschrei unter. Stinkender, gelber Rauch erfüllte den Raum. Eine Gruppe schwarz vermummter Gestalten enterte das Podium, entfaltete Transparente und skandierte Parolen gegen die Massenmörder von Mefisk. Über fünftausend Versuchstiere hätten sie letztes Jahr wieder nur für den schnöden Profit geopfert. Larsson und ihre Kollegen vom Management blieben erstaunlich gelassen, während das Publikum hustend und schimpfend den Saal verließ. Hatte die Chefin so etwas erwartet? Übelkeit zwang Katja, das Weite zu suchen. Sie folgte den Flüchtenden ins Foyer, wo man wenigstens frei atmen konnte. Gleichzeitig sah sie, wie ein Dutzend Angestellte des Sicherheitsdienstes in den Saal stürmte. Sie rettete sich mit den Journalisten nach draußen auf den Vorplatz.

Eine Dame der PR-Abteilung erschien nach kurzer Zeit. Sie hätte Annika Larssons Klon sein können, bewegte sich und sprach genauso souverän wie die Chefin, als sie die aufgebrachte Menge beruhigte.

“Meine Damen und Herren”, sagte sie gelassen, “bitte entschuldigen Sie die Unterbrechung. Unsere Security hat die Lage unter Kontrolle. Wir werden in Kürze fortfahren mit der Pressekonferenz. Bitte folgen Sie mir.”