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Wer vom Teufel Geld leiht, muss mit allem rechnen. Ganz besonders bei zehn Millionen. Nur ein einziges grünes Maisfeld weit und breit, und es steht in Flammen, wie das Wohnhaus mit der eingeschlossenen Farmersfamilie. Die Musterfarm des Biotech-Start-ups FoxCrop ist zerstört, und unvermittelt schweben zwei Freunde in Lebensgefahr. Einer der Freunde ist der Ehemann von Hauptkommissarin Chris Roberts vom BKA. Sie weiß: Jede Entscheidung ist jetzt falsch, aber sie muss handeln und findet sich bald zwischen allen Fronten einer gnadenlosen Schlacht – mitten in Berlin. Der 12. Fall mit BKA–Kommissarin Chris
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Seitenzahl: 667
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Hansjörg Anderegg
SCHLACHTFELD
Der 12. Fall mit BKA-Kommissarin Chris
Thriller
Impressum
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.deabrufbar.
Print-ISBN: 978-3-96752-178-8
E-Book-ISBN: 978-3-96752-678-3
Copyright (2022) XOXO Verlag
Umschlaggestaltung: Grit Richter, XOXO Verlag
unter Verwendung der Bilder:
Stockfoto-Nummer: 419834089, 793795639
von www.shutterstock.com
Buchsatz: Grit Richter, XOXO Verlag
Hergestellt in Bremen, Germany (EU)
XOXO Verlag
ein IMPRINT der EISERMANN MEDIA GMBH
Gröpelinger Heerstr. 149
28237 Bremen
Alle Personen und Namen innerhalb dieses Buches sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
KAPITEL 1
OUAHIGOUYA, BURKINA FASO
Jamie rümpfte die Nase.
»Es stinkt wie verbrannt«, sagte er mit einem Seitenblick auf seinen Freund Franz, den Piloten der einmotorigen, gelben Kruk.
Franz nickte nur stumm.
»Alles O. K.?«, fragte Jamie.
Sein Puls hatte sich merklich beschleunigt in den letzten paar Minuten. Heftige Turbulenzen schüttelten das kleine Flugzeug und seinen Geist seit Franz den Landeanflug auf die Farm eingeleitet hatte. Und jetzt der Rauch, den er aus der Ferne für Nebel gehalten hatte. Nebel während der Jahrhundertdürre am Rande der Sahelzone! So etwas fällt nur einem Engländer ein, ging ihm durch den Kopf, wo sich gerade allerlei unangenehme Gedanken stauten. Warum hatte er sich von Franz zu diesem Abenteuer überreden lassen? Jamie Roberts, prominenter Mediziner, später Vater des kleinen Lukas und offensichtlich unverbesserlicher Kindskopf. Warum hatte Chris ihn nicht zurückgehalten, zur Vernunft gebracht mit ihren sonst unwiderlegbar logischen Argumenten? »Du wirst die Auszeit nach dem Geburtsstress brauchen«, hatte sie allen Ernstes behauptet. Als hätte er das dreieinhalb Kilo schwere Baby selbst zur Welt gebracht.
»Die Farm«, sagte Franz mit belegter Stimme.
»Ich sehe nur Feuer und Rauch«, murmelte Jamie.
Von ferne hatte er das flackernde Rot mit einem afrikanischen Sonnenaufgang verwechselt. Franz begann leise zu fluchen. Jamie rieb sich die Augen, die allmählich zu brennen begannen. Der Rauch drang in die Kabine und reizte die Atemwege. Es gab keinen Zweifel mehr. Ihr Ziel, die Farm der Familie Zongo, brannte lichterloh. Drei Geländewagen und ein Pick-up entfernten sich wie vom Teufel gehetzt auf der staubigen Piste nach Süden, Richtung Ouahigouya. Das wütende Feuer, angefacht vom Harmattan, dem heißen, trockenen Wind aus der Sahara, griff rasend schnell aufs Maisfeld über, den einzigen grünen Fleck weit und breit.
»Da ist doch alles schon verbrannt«, versuchte er seine Angst zu überspielen.
Franz reagierte nicht auf den höchst deplatzierten Scherz. Er kämpfte mit den Rudern um die Stabilität der Kruk.
»Die Landebahn ist im Eimer«, sagte er gepresst.
»Welche Landebahn?«, fragte Jamie hustend.
»Sie liegt am Maisfeld.«
»Ich sehe nur Rauch und Glut.«
»Eben.«
»Und jetzt?«
Jamie hoffte insgeheim, sein Freund würde umkehren angesichts der aussichtslosen Lage.
»Festhalten!«
Franz riss das Steuer herum. Das Flugzeug schoss in einer halsbrecherischen Kurve über die lodernde Farm auf die Piste zu, wo sich die Autos aus dem Staub gemacht hatten.
»Das wird eine harte Landung«, murmelte Franz wie zu sich selbst.
Die Kruk setzte auf, um im nächsten Augenblick hochgeschleudert zu werden wie auf einem Trampolin. Das Fahrgestell ächzte und knackte, als löste es sich vom Rumpf. Die Maschine drohte, sich quer zu stellen. Der nächste Schlag traf Jamies Steißbein mit voller Wucht. Er schrie auf vor Schmerz. Franz klammerte sich mit eisernem Griff ans Steuer, die Sinne nur auf die Landung konzentriert, obwohl er den Schmerz genauso spüren musste. Er schaffte es, das Flugzeug auf der Buckelpiste voller spitzer Felsbrocken zu halten.
»Noch zwei, drei Hüpfer, dann haben wir es geschafft«, verkündete er mit verbissener Miene.
Jamie schwieg. Ihm war die Lust an witzigen Kommentaren gründlich vergangen. Beißender Rauch hüllte sie ein. Trotzdem dankte er dem Schicksal, wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren. Franz rannte mit dem lächerlich kleinen Feuerlöscher aufs Haus zu. Kopfschüttelnd sah Jamie sich um. Das Maisfeld brannte jetzt wie eine gigantische Fackel und tauchte die verstreuten Gebäude des Hofs in gespenstisch blutrotes Licht, das dem blassen Graublau des jungen Tages keine Chance ließ.
»Wir müssen das Wohnhaus löschen!«, rief Franz.
Verzweifelt warf er den unnützen Schaumlöscher weg. Jamie deutete auf den Wassertank auf seinem Dreibein neben dem Haus. Der wartete nur darauf, den Inhalt auf das Gebälk zu schütten, das wie das Gerippe eines lange verendeten Gnus aus dem Qualm ragte. Franz rannte zum Flugzeug, kehrte mit einer Axt zurück und begann sofort, auf das Holzfass einzuschlagen.
»Dauert viel zu lange«, rief Jamie.
Die Flammen wüteten im Innern des Hauses. Um sie zu stoppen, musste jetzt sofort Wasser her, eine Menge Wasser.
»Wir kippen den Tank.«
Mit der Axt als Hebel gelang es ihnen, das Holzfass zu stürzen. Es war nur halbvoll, doch das Wasser reichte, die Flammen soweit einzudämmen, dass sie es wagen konnten, das Haus zu betreten. Die Tür war verschlossen. Diesmal erfüllte die Axt ihren Zweck. Holz splitterte. Franz trat die Tür mit einem wütenden Tritt ganz ein und erstarrte. Der Blick über seine Schulter versetzte Jamie einen Stich ins Herz. Als Mediziner hatte er schon manche Leiche gesehen aber noch kein kleines Mädchen mit verzweifelt gekrümmten, schwarzen Stummeln an den Händen und verkohltem Gesicht. Die sorgfältig geflochtenen Zöpfe waren noch intakt wie eine Anklage: Seht her, wie schön ich einst war! Das bunte Nachthemd, halb verbrannt, erzählte eine Geschichte, die auch ihn in Schockstarre versetzte. Franz sank neben den Überresten des Mädchens in die Knie.
»Efi, um Himmels willen …«, seufzte er und begann hemmungslos zu schluchzen.
»Die Tochter der Zongos?«
Franz nickte in Zeitlupe und flüsterte tonlos: »Mein Gott, sind sie alle …«
Seine Stimme versagte. Jamie tastete sich vorsichtig an glühenden Überresten von Stühlen, Tischen und Schränken vorbei. Ein Zimmer, das wohl das Kinderzimmer gewesen war, schien die Flammenhölle nahezu unversehrt überstanden zu haben. Ein Knabe lag halbnackt in seinem Bett, still und friedlich, als schliefe er mit einem schönen Traum.
»Kojo Zongo, sieben«, flüsterte Franz hinter ihm. »Hat er überlebt?«
Hoffnungsvoll eilte er ans Bett, um ihn zu wecken. Jamies geübte Augen erkannten die Gefahr sofort. Er schob Franz kurzerhand weg, nahm den Jungen in die Arme und rannte mit ihm hinaus.
»Er braucht sofort frische Luft«, rief er über die Schulter.
Er hatte die Stelle noch nicht erreicht, wo er einigermaßen frei atmen konnte, da wusste er, dass nicht Kojo Zongo in seinen Armen lag, sondern die sterblichen Überreste des kleinen Jungen. Er blieb zitternd stehen, legte den Körper vorsichtig auf den Boden und begann, ihn zu untersuchen. Kojo hatte wahrscheinlich nichts von der Katastrophe mitbekommen. Betäubt vom Kohlenmonoxid, war er sanft entschlafen. Der Gedanke tröstete ihn nicht. Er sah seinen kleinen Lukas vor sich. Die Augen füllten sich mit Tränen. In Gedanken versunken faltete er dem Knaben die Hände und wünschte, es gäbe doch ein Paradies, wo Kojo sein Glück finden könnte.
Ein langgezogener Klagelaut wie von einem verletzten Tier schreckte ihn auf. Er fand Franz am Ende des ausgebrannten Ganges am Boden kauernd. Vom Schlafzimmer der Zongos war nicht mehr viel übrig geblieben. Der verkohlte Leichnam der Mutter lag verkrümmt in der Nähe des Lochs, das einmal eine Tür gewesen war, als hätte sie mit letzter Kraft versucht, die Kinder zu retten. Den Vater hatte das Feuer im Schlaf überrascht. Rauchvergiftung, Exitus, im besten Fall, dachte Jamie erschüttert.
»Wie geht es Kojo?«, fragte Franz nach langem Schweigen und erhob sich.
Jamie schüttelte den Kopf. »Tut mir leid. Kohlenmonoxidvergiftung wahrscheinlich.« Franz sah ihn wütend an. »Er hat wohl nicht gelitten«, fügte Jamie schnell hinzu.
Franz schob ihn beiseite. Er hatte es plötzlich eilig, die Brandruine zu verlassen, die einst die Musterfarm seines Biotech-Unternehmens FoxCrop werden sollte, wie er auf dem Flug von Ouagadougou hierher stolz angekündigt hatte.
»Die ganze Familie dahingerafft«, war das Letzte, was er von seinem Freund hörte.
Suchte er Schuldige da draußen? Er stand offensichtlich unter Schock. Jamie riss sich mit ohnmächtigem Stöhnen vom Grauen los, das sein Herz umklammerte wie der Adler die Beute. Hatte Franz den Notruf abgesetzt? Wer waren die Leute in den flüchtenden Autos? Er konnte wieder klar denken. Fragen über Fragen stürmten auf ihn ein. Warum hatte es gebrannt? Warum war die Tür abgeschlossen aber kein Schlüssel zu sehen? Efi, die Fünfjährige, hatte offensichtlich noch versucht, die Haustür zu öffnen, bevor sie elend verbrannte. Die Vorstellung jagte kalten Schweiß auf die Stirn. Er wischte ihn mit einer unwirschen Handbewegung ab, als würde die grauenhafte Vorstellung damit verschwinden. Wo steckte Franz? Er durfte ihn nicht sich selbst überlassen, nicht in diesem Zustand.
»Franz?«, rief er, das Taschentuch vor Mund und Nase.
Er erhielt keine Antwort, schritt ums Haus, rief ein zweites Mal lauter. Plötzlich stand Franz vor ihm. Rauchschwaden umwehten ihn, als schwelte der Brand in seinem Körper. Er hielt einen Tuchfetzen hoch, das Gesicht verzerrt vor Wut. Oder war es Verzweiflung, mit der er ihn anstarrte? Er breitete das Tuch vor ihm aus. Das Feuer hatte es nicht verschont, aber der französische Schriftzug war deutlich zu lesen.
»Der Teufel muss brennen!«, übersetzte Jamie sinngemäß. »Was hat das zu bedeuten?«
»Das«, sagte Franz mit zitternder Stimme, »das bedeutet Brandstiftung, mein Lieber, Mord.«
Die verschlossene Haustür und der fehlende Schlüssel passten zu dieser Theorie, dennoch wollte Jamie nicht glauben, solcher Irrsinn hätte sich sozusagen vor seinen Augen abgespielt.
»Wer um alles in der Welt würde denn diese Farmer derart abgrundtief hassen?«
Franz ließ das Transparent sinken und setzte sich hin, als verließe ihn in diesem Augenblick alle Kraft.
»Es ist eine lange Geschichte«, murmelte er fast unhörbar.
Da er keine Anstalten machte, die Geschichte zu erzählen, sagte Jamie:
»Wir müssen einen Notruf absetzen, Polizei, Rettung, die Feuerwehr.«
Die Bemerkung trug ihm einen müden Blick ein.
»Du hast die Leichenwagen vergessen. Ich habe schon angerufen.«
Sie saßen eine Weile schweigend nebeneinander, sahen zu, wie die letzten Stauden des Maisfeldes verbrannten. Allmählich schimmerte das Blau des Himmels durch. Die Sonne über dem Horizont verfärbte sich zusehends vom feurigen Rot des frühen Morgens zum erbarmungslosen Weiß eines weiteren mörderischen Tages nahe am Äquator.
»Man hat die Zongos von Anfang an wie Aussätzige behandelt«, platzte Franz unvermittelt heraus. Nach kurzer Pause fügte er mit rauer Kehle an: »Und ich bin schuld.«
»Wie, warum?«
»Viele der weit verstreuten Nachbarn sind einfache Bauern, in der Tradition verhaftet – und sehr abergläubisch.«
»Was hat Glauben mit Brandstiftung zu tun?«
Franz lachte bitter auf. »Es gibt hier ein geflügeltes Wort: In diesem Land leben etwa 60 % Moslems, 25 % Christen und 100 % Animisten, die an allerlei Naturgeister glauben. Du hast sicher auf dem Flug bemerkt, wie hier gerade alles verdorrt. Kein einziges grünes Feld weit und breit außer dem Maisfeld der Zongos.«
Jamie nickte. Es war nicht zu übersehen gewesen.
»Das Feld mit deinem Supermais«, sagte er.
Franz seufzte. »Es ist mir bisher leider nicht gelungen, diese einfachen Menschen davon zu überzeugen, dass unser Feld nur deshalb grün ist und gedeiht, weil der Supermais wesentlich besser mit dem wenigen vorhandenen Wasser haushaltet als andere Nutzpflanzen. Sie halten den Mais für Teufelszeug.«
Jamie begann zu verstehen.
»Dann war das eine Art Teufelsaustreibung?«, fragte er mit Gänsehaut.
Franz antwortete nicht. Er sah angestrengt in die Ferne, wo sich eine Staubwolke näherte.
»Endlich«, rief Jamie erfreut. »Hilfe naht.«
Franz schüttelte nach einer Weile den Kopf und sagte düster: »Das ist nicht die Rettungskolonne, falsche Richtung.«
Jamie sah genau hin und verstand mit einem Schlag, was sein Freund meinte. Die schwarze Flagge mit der weißen Schrift kam ihm nur allzu bekannt vor, wenn auch der Schriftzug noch nicht zu lesen war.
»Nicht schon wieder Couscous«, murmelte er entsetzt.
Franz sprang auf.
»Wir müssen verschwinden!«, rief er und rannte zum Flugzeug.
Es blieb keine Zeit für Fragen. Die vier Fahrzeuge waren jetzt deutlich zu erkennen, das Maschinengewehr auf dem vordersten Pick-up ebenso.
»ISGS«, keuchte Franz, während er sich in den Pilotensitz fallen ließ. »Die kommen aus Mali.«
Er drückte auf den Startknopf, noch bevor die Tür auf Jamies Seite ins Schloss fiel. Die arabische Schrift auf der schwarzen Flagge bestätigte seine Vermutung. Jedes Kind mit Internetanschluss kannte mittlerweile die Symbole der schlimmsten Terrororganisation auf diesem Planeten.
»Der Islamische Staat«, sagte er tonlos.
Die Kruk setzte sich ächzend in Bewegung. Franz fluchte. Auf Jamies ängstliche Frage deutete er auf eine Anzeige.
»Ich hätte den verdammten Tank füllen sollen«, bemerkte er abwesend. »Der Kanister liegt hinten.«
Die Buckelpiste nahm seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Sie waren vielleicht fünfzig Meter im Schritttempo gerollt, als der Untergrund sich von einer Sekunde auf die andere in eine Sandgrube verwandelte. Die Räder drohten im Boden zu versinken.
»Scheiße, Scheiße, Scheiße!«
Franz hieb verzweifelt aufs Steuer, dann schob er den Gashebel mit einem weiteren Fluch nach vorn. Der Vortrieb sorgte dafür, dass sich die Räder tiefer in den Sand bohrten. Die Maschine drohte zu kippen. Franz nahm Gas weg.
»Zwecklos«, murmelte er überraschend ruhig. »So kommen wir nicht weg.«
Kaum gesagt sprang er aus dem Flugzeug. Jamie blieb wie erstarrt sitzen.
»Komm! Weg hier!«, schrie Franz ihm zu.
Er folgte der Aufforderung mechanisch, obwohl sie kaum eine Chance gegen die Geländewagen hatten.
»Das ist die Mörderbande von Abubakar Sahraoui«, keuchte Franz, während sie auf eine Senke zu rannten.
Es war der einzige Ort weit und breit, der wenigstens einigermaßen Sichtschutz bot. Jamie konnte nicht mehr. Außer Atem warf er sich auf den Boden.
»Wir müssen weiter«, drängte Franz und versuchte, ihn aufzurichten.
»Wohin?«
»Nur weg, verdammt, sonst sind wir tot. Kopf ab, verstehst du?«
Es war sinnlos. Sie konnten ebenso gut hier auf ihre Hinrichtung warten oder auf die Rettungskolonne, falls die doch noch irgendwann auftauchen sollte. Franz starrte ihn mit offenem Mund an, die Augen vor Schreck geweitet, als hätte ihn schlagartig derselbe Gedanke getroffen. Sie lagen nebeneinander, konnten nicht sehen, was vor sich ging. Umso deutlicher hörten sie, wie sich die Fahrzeuge näherten. Bald stoppten sie. Rufe wurden laut, Befehle, schwere Schritte. Dann kehrte für lange Minuten Stille ein. Nur die Diesel brummten weiter.
»Sie untersuchen das Flugzeug«, vermutete Franz flüsternd.
»Oder das Haus und die Leichen.«
Franz schüttelte den Kopf. »Leichen interessieren die nicht.«
»Wer ist dieser Abu …«
»Abubakar Sahraoui führt die berüchtigtste Terrorbande in Mali an. Man munkelt, er fresse die Kinder der Ungläubigen bei lebendigem Leib. Das ist natürlich Unsinn, aber Tatsache ist, dass er und seine Gefolgschaft für Hunderte Tote verantwortlich sind. Erst vor einem Monat stürzte ein französischer Armeehelikopter hier im Grenzgebiet zwischen Mali und Burkina Faso ab, abgeschossen. Es gab dreizehn Todesopfer.«
Jamie konnte nicht glauben, was er hörte.
»Warum zum Teufel rottet man diese Pest nicht aus? In Mali sind doch französische und deutsche Truppen genau zu diesem Zweck stationiert.«
Franz zuckte nur mit den Achseln. Ein scharfer Befehl riss ihn aus den Gedanken. Eine Gruppe bewegte sich im Laufschritt von ihnen weg zum Haus.
»Was meintest du vorhin mit Couscous?«, fragte Franz unvermittelt.
Er hatte also doch zugehört. Jamie verzog das Gesicht zu einer leidenden Miene und antwortete:
»Ich hatte vor einigen Jahren das Vergnügen, eine Zeitlang Gast bei AQIM zu sein.«
»Al-Qaida hat dich entführt?«, platzte Franz etwas gar laut heraus.
Jamie zog unwillkürlich den Kopf ein. Glücklicherweise liefen die Diesel der Fahrzeuge immer noch, sodass der Ausruf im Lärm unterging.
»In Algerien«, bestätigte er.
Mit einem Schlag kehrte die Erinnerung zurück, als wäre er erst gestern aus den Bergen im Maghreb befreit worden.
»Couscous, aha«, murmelte Franz nachdenklich.
»Couscous in jeder Form und jedem Aggregatzustand.«
»Auch gasförmig?«
»Sicher, nachher.«
Beide mussten wider Willen grinsen. Die Blödelei half, die Angst wenigstens für Sekunden zu verdrängen.
»Falls es Dich beruhigt«, nahm Franz den Faden wieder auf, »Couscous wird sehr bald dein geringstes Problem sein.«
Das Grinsen auf seinem Gesicht verschwand. Es war nur eine Frage von Minuten. Sie wussten es beide, und doch erschrak Franz genauso wie er, als die Verbrecher, die sich Kämpfer im Namen Allahs nannten, in ihren grau gefleckten Tarnanzügen vor ihnen standen. Die Mündungen dreier Kalaschnikows zielten auf ihre Köpfe. Einer rief ihnen etwas zu. Der Tonfall brauchte keine Übersetzung. Sie blieben bäuchlings liegen und verschränkten automatisch die Arme im Nacken als Zeichen, keinen Widerstand zu leisten.
»Ich spreche nur Englisch«, zischte er Franz zu.
Sein Freund verstand die Absicht. Zwei spindeldürre Schwarze hängten die Waffen um und kamen auf sie zu. Die Tatsache, dass sie kein Messer in der Hand hielten, beruhigte ihn nicht. Mit geübtem Griff fesselten sie die Hände auf den Rücken, dann rief der Dritte, die Kalaschnikow immer noch im Anschlag:
»Debout! Suivez-moi!«
Jamie blieb liegen, als hätte er nicht verstanden.
»Debout, fils de pute!« – »Auf, Hurensohn!«, schrie ihn der Dürre an und zerrte ihn mit einer Kraft hoch, die ihn erschreckte.
»Mein Freund spricht nur Englisch«, versuchte Franz zu erklären.
Mit vorhersehbarem Erfolg, obwohl sein Französisch nahezu akzentfrei klang.
»Schweig!«
Die Drei trieben sie zu einem vierten Mann, hager auch er, etwas älter vielleicht, obwohl schwer einzuschätzen. Er stand breitbeinig da wie der Feldwebel beim Empfang der neuen Rekruten. Der Dürre, der ihn führte, versetzte ihm einen Stoß in den Rücken.
»À genoux!«
Franz kniete schon im Staub. Auch er sank in die Knie. Sollten sie dem Feldwebel die Füße küssen? Bisher hatte er den Auftritt der Terroristen trotz der latenten Angst eher als Schmierentheater empfunden. Der Feldwebel holte ihn allerdings brutal in die Realität zurück. Der Mann zeigte mit seinem unendlich langen Dolch auf ihn und fragte:
»Pilote?«
Was sollte er antworten? Er hatte keine Wahl, konnte nun mal nicht fliegen. Stumm schüttelte er den Kopf. Der Dürre versetzte ihm eine Ohrfeige.
»Réponds!«
Er gab vor, nicht verstanden zu haben. Franz sprang ein.
»Co-pilote. Moi je suis le pilote«, warf er hastig ein, was auch ihm eine kräftige Ohrfeige eintrug.
Sein Bewacher setzte zu einer Schimpftirade an, von der Jamie mit den beschränkten Französischkenntnissen kein Wort verstand. Der Feldwebel hob die Hand. Die Soldaten versteiften sich augenblicklich. Der Mund des Dürren klappte zu. Der Dolch zeigte auf Franz.
»Zum Flugzeug!«, befahl der Chef.
Für Jamie hatte er nur eine wegwerfende Handbewegung übrig. Sofort packte ihn der Dürre und entfernte sich mit ihm in Richtung der andern Gefährten, die beim abgebrannten Haus warteten. Franz, auf halbem Weg zum Flugzeug, begann lauthals zu protestieren. Er weigerte sich, einen weiteren Schritt zu tun, worauf ihn sein Wachhund anschrie und ihm einen Fußtritt versetzte. Jamies Knie wurden weich angesichts der Szene. Warum spielte Franz plötzlich den Helden? Das konnte nicht gut gehen. Jamie hatte begriffen, dass mit diesen Typen nicht vernünftig zu sprechen war. Schweren Herzens trottete er weiter.
Dann begriff er mit einem Schlag, wer hier das wahre Opfer werden würde. Ein kräftiger Schwarzer löste sich von der Gruppe und kam gemessenen Schrittes auf ihn zu, ein furchterregendes Schwert in der Hand. Franz schrie auf. Ungeachtet der Schläge und Tritte blieb er stehen und rief dem Feldwebel etwas zu. In höchster Not schrie er den Chef an, der unbeweglich an seinem Platz stand und die Szene beobachtete. Der Dürre zwang Jamie wieder in die Knie. Der Mann mit dem Schwert brachte sich neben ihm in Stellung. Jamie verharrte in Schockstarre, bis das Bild seines Sohnes Lukas vor dem inneren Auge auftauchte. Der Überlebenswille verdrängte die Todesangst schlagartig und verlieh ihm Bärenkräfte. Er riss sich vom Griff des Dürren los und rannte davon, bloß weg vom Henker. Keiner der Männer schien ihm zu folgen, doch er spürte die Läufe der Kalaschnikows im Rücken. Immer noch besser, als geköpft zu werden.
Ein Befehl des Chefs stoppte ihn unwillkürlich. Er drehte sich um und sah Franz mit seiner Begleitung auf sich zukommen. Verwirrt blickte er zum Anführer, der sich ebenfalls näherte. Die Gewehre der Truppe waren zwar noch immer auf ihn gerichtet, aber seine ganze Aufmerksamkeit galt jetzt dem Chef, dessen Dolch im Köcher steckte. Unmittelbar vor ihm blieb er stehen. Er winkte Franz heran und fragte ihn misstrauisch:
»Du behauptest, dein Freund sei Arzt?«
Jamie hatte das Französisch verstanden, sah aber beide nur mit großen Augen an.
»Médecin«, nickte Franz, »er ist ein berühmter Arzt in seinem Land.«
Die nächste Frage galt ihm.
»Stimmt das?«
Erst auf Franzens Zeichen nickte er und stammelte ein unbeholfenes »Oui«.
Der Scharfrichter spielte ungeduldig mit dem Schwert. Sein Chef zögerte, überraschte dann mit der Frage:
»Bist du reich?«
Geistesgegenwärtig genug mimte er Unverständnis und sah hilflos zu Franz hinüber. Der wollte Zeit gewinnen. Er wiederholte die Bemerkung, sein Freund spreche nur Englisch. Diesmal trug ihm die Einmischung lediglich einen strengen Blick des Chefs ein.
»Frag ihn!«, befahl er.
Franz beantwortete die Frage nach einer Schrecksekunde gleich selbst.
»Mein Freund besitzt Geld«, sagte er vage.
Jamie wagte, ein wenig aufzuatmen. Was hätte Franz auch anderes antworten sollen? In ihrer Lage konnten sie sowieso nur verlieren, besser Geld als das Leben. Der Chef musterte ihn von Kopf bis Fuß, als wollte er abschätzen, wie viel Geld da vor ihm kniete. Bevor er antwortete, kam Unruhe auf in seiner Truppe. Ganz schwach drang Sirenengeheul an Jamies Ohr. Die Rettungskolonne! Eine schwere Last schien von ihm abzufallen. Im selben Augenblick bellte der Anführer eine Reihe Befehle wie eine Gewehrsalve. Während Jamie zu übersetzen versuchte, erkannte er die Absicht. Der Pick-up mit dem MG rückte in Richtung Ouahigouya gegen die Rettungskolonne vor. Ihm folgten zwei weitere Autos mit Truppen und schweren Waffen, Minenwerfer? Kurz danach erschütterte der dumpfe Knall einer Granate die Atmosphäre, gefolgt vom giftigen Knattern des Maschinengewehrs. Der Kriegslärm schien den Chef nicht weiter zu beeindrucken. Gleichmütig erteilte er seine weiteren Befehle. Die Truppe würde sich über die Grenze zurückziehen, verstand Jamie. Franz sollte mit ihm und dem Chef ins Camp fliegen. Das Flugzeug wäre eine hochwillkommene Bereicherung des Arsenals.
»Das geht nicht«, wagte Franz zu widersprechen. »Die Räder stecken fest. Ich kann nicht starten.«
Dem Argument war schlecht zu widersprechen, der Chef indessen nicht auf den Kopf gefallen. Jahre im Heiligen Krieg förderten das Improvisationstalent.
Der vierte Pick-up hatte keine Mühe, die leichte Kruk aus der Sandgrube zu ziehen und an eine Stelle auf der Piste zu positionieren, wo Franz starten konnte. Er flog eine weite Schleife über die sich fluchtartig zurückziehende Rettungskolonne hinweg und nahm wie befohlen Kurs auf die Grenze.
BERLIN
Anna wärmte die Hände an der Tasse mit frisch aufgebrühtem Kaffee. Sie tat es jeden Morgen, während sie ans Fenster trat, um den Tag zu begrüßen. Der Blick auf den kleinen Park, an den der Wohnblock im friedlichen Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg grenzte, stimmte sie traurig. Es war erst Juli, Hochsommer, das Grün aber fast schon verschwunden. Gelbes und braunes Laub bedeckte den Boden wie sonst Ende Oktober, und das Gras verdorrte zusehends. Verbrannte, wäre der passende Ausdruck, denn es hatte seit Wochen ja Monaten keinen Tropfen geregnet. Anna runzelte die Stirn beim Blick in den stahlblauen Himmel. Die Sonne dürfte auch an diesem Tag die Stadt wieder zum Kochen bringen, dass vernünftige Leute oder solche, die es sich leisten konnten, sich in ihrem Zuhause verkriechen würden. War dies der hysterisch verkündete, mörderische Klimawandel? Sie wusste es nicht. Auf jeden Fall steuerte auch Deutschland in diesem Jahr auf eine handfeste Dürrekatastrophe zu.
Mit einem Mal umspielte ein Lächeln ihren Mund. Franz lag genau richtig mit seinem verbissen verfolgten Traum, Pflanzen zu züchten, die mit einem Bruchteil des Wassers gediehen, welches andere Kulturpflanzen benötigten. Sein Mais würde diese Trockenperiode ohne Weiteres überstehen, war sie mittlerweile auch überzeugt. Der Gedanke erfüllte sie mit Stolz, obwohl sie nicht viel zu seiner Arbeit beigetragen hatte. »Du hältst mir den Rücken frei mit dem ganzen administrativen Kram«, pflegte er darauf zu antworten, »und du kümmerst dich als vorbildliche Mutter um Lara.«
Vorbildliche Mutter! Das Lächeln nahm einen bitteren Zug an. Es blieb verdächtig still in der Wohnung. 7:20 Uhr. Lara musste um halb acht aus dem Haus. Sie rief ihrer Tochter. Keine Reaktion. Was hatte sie auch anderes erwartet? Entweder schlief der Teenager noch, oder Lara hatte schon wieder die Kopfhörer auf und lag wachträumend auf dem Bett. Dance Monkey, Musik, der sie nicht viel abgewinnen konnte, dabei war sie doch noch keine vierzig. Aber mit 17 …
»Lara, bald halb acht«, rief sie lauter.
Von fern hörte sie ein Martinshorn durchs offene Fenster. Die Stadt erwachte, bloß Lara nicht. Sie irrte sich. Ihre Tochter stand über den Schreibtisch gebeugt in ihrem Zimmer, Kopfhörer auf, und malte etwas. Vertieft in die Arbeit, sah und hörte sie nichts anderes. DER GRÜNE TOD. GENTECHNIK TÖTET!, stand auf dem Plakat, das sie malte. Der grausige Totenkopf war noch nicht ganz fertig. Lara erschrak, als sie sie bemerkte.
»Kannst du nicht anklopfen?«
»Ich habe gerufen und geklopft, Fräulein, aber du befindest dich ja in einer ganz andern Welt.«
Sie zeigte auf die Uhr. Lara hatte es plötzlich eilig. Sie rollte das unfertige Transparent zusammen und warf es in die Kiste, wo sie ihr Protest-Werkzeug aufbewahrte. Anna störte Laras Ablehnung von nahezu allem, wofür sie und Franz standen, nicht weiter. Solange diese Kiste keine Waffen oder Pyros enthielt, lief das unter Meinungsäußerungsfreiheit und Pubertät. Beides gehörte unverrückbar zum modernen Gesellschaftsbild der Familie Fuchs. Trotzdem sollte ihre Tochter rechtzeitig in der Schule sein, fand sie und mahnte zu größerer Eile.
»Du darfst ruhig ungeschminkt zur Schule«, rief sie ins Bad.
»Du hast keine Ahnung«, war der übliche Kommentar.
Anna hob kopfschüttelnd den Briefumschlag auf, den Lara in der Eile vom Tisch gewischt hatte. Schon wollte sie ihn achtlos hinlegen, da fiel ihr die Anschrift auf. Herr und Frau Fuchs-Huber stand da und ihre Adresse. Kein Zweifel, der Brief war an sie gerichtet. Was suchte er in Laras Zimmer? Sie riss den Umschlag mit schalem Gefühl im Magen auf. Schon der Briefkopf ließ ihren Puls merklich ansteigen. Ein offizielles Schreiben des Gymnasiums, unterzeichnet von Laras Klassenlehrer.
»Was – was ist das?«, fragte sie die Tochter unter der Tür.
»Du kannst doch lesen.«
»Nicht frech werden, meine Dame. Die Schulleitung will ein Gespräch wegen deiner Leistungen. Das ist dringend, so kurz vor den Prüfungen. Warum um alles in der Welt versteckst du diesen Brief in deinem Zimmer?«
Lara senkte den Kopf, wohl um die Röte im Gesicht zu verbergen, und sagte trotzig:
»Hab ihn vergessen.«
Sinnlos, weiter zu argumentieren. Annas Entschluss stand fest.
»Ich fahre dich zur Schule, dann erledigen wir das.«
Lara protestierte, flunkerte etwas von Vorbesprechung, doch sie blieb hart. Der Klassenlehrer ließ sie nicht lange warten. Ihm schien das Gespräch mindestens ebenso dringlich zu sein wie Anna. Lara saß mit steinerner Miene neben ihr. Während der Fahrt war sie versucht gewesen, Franz anzurufen. Sie verzichtete schließlich darauf, um ihn nicht unnötig zu beunruhigen. Sollte er die kurze Inspektionsreise nach Afrika mit seinem alten Freund ruhig genießen nach dem Stress der vergangenen Wochen.
»Frau Fuchs, schön, dass sie es so schnell einrichten konnten«, begann der Klassenlehrer mit sorgenvollem Gesicht.
Sie nickte nur stumm, die Nerven blank. Der besorgte Herr schob ihr einen Zettel hin, den sie noch nie gesehen hatte. Der Computerausdruck enthielt eine kurze Mitteilung und ihre Unterschrift.
»Ein Dispens?«, entfuhr es ihr unwillkürlich.
Sie spürte, wie sie errötete, als hätte sie die Unterschrift gefälscht. Der Schock verursachte eine Art Kurzschluss im Gehirn. Laras ängstlicher Blick trug das Seine zu ihrer raschen Antwort bei.
»Ach – ja – das. Ich erinnere mich«, stammelte sie. »Was ist damit?«
Der Lehrer hatte offensichtlich etwas anderes erwartet, zögerte und zog den Zettel zurück.
»Sie möchten Lara am Freitag vom Unterricht dispensieren lassen«, murmelte er etwas verunsichert, den Blick auf den Zettel gerichtet. Dann sah er sie an. »Ich halte das für keine gute Idee.«
Anna erholte sich langsam. Ihre Erregung über die dreiste Lüge der Tochter klang ab. Angeblich sollte Lara am Freitag an einer wichtigen Demonstration der Klimaschützer teilnehmen, statt eine Mathe-Prüfung zu schreiben, der Klassiker in diesen Zeiten.
»Kann sie denn die Prüfung nicht nachholen?«, fragte sie mit der Miene des Unschuldslamms.
Der Lehrer wand sich, bevor er ein undeutliches »doch« ausstieß. An Lara gewandt, sagte er:
»Du wirst die Prüfung sowieso schreiben müssen, Lara. Sie wird über das weitere Vorgehen entscheiden. Das weißt du.«
»Was soll das heißen?«, fuhr Anna auf.
Sie hatte allmählich das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Ihre Tochter hingegen verlor in diesem Augenblick die Sprache. Der Lehrer wandte sich an die Mutter, während er eine Akte öffnete.
»Laras Leistungen in Mathematik und den naturwissenschaftlichen Fächern haben leider in den letzten paar Wochen stark nachgelassen.«
Sein Zeigefinger fuhr einem Papier entlang, als wollte er die Noten darin zum Sprechen bringen. Anna sah ihre Tochter mit großen Augen an.
»Warum weiß ich nichts davon?«
»Das ist leider noch nicht alles«, warf der Lehrer ein.
Es hörte sich beinahe wie eine Entschuldigung an.
»Nicht?«, hauchte sie schwach.
»Lara ist jetzt schon dreimal nicht zum Unterricht erschienen, zum Matheunterricht, Frau Fuchs.«
Sie wandte sich aufgebracht an Lara, doch der besorgte Pädagoge hob die Hand und beschwichtigte:
»Wir vom Lehrkörper begrüßen grundsätzlich den Einsatz unserer Schülerinnen für den Schutz des Klimas, und darum geht es hier doch, nicht wahr?«
Die Frage galt Lara, die zu sehr mit sich selbst beschäftigt war, um noch sprechen zu können.
»Du gefährdest dein Abi wegen der Klimademos?«, fragte Anna entsetzt. Zum Lehrer gewandt, entschuldigte sie sich: »Ich hatte in den letzten Wochen sehr wenig Zeit für Lara, war leider zu beschäftigt mit unserer Firma.«
»Das Biotech-Unternehmen FoxCrop, nicht wahr?«
Sie nickte.
»Das verstehe ich«, fuhr der Lehrer fort. »Die Konkurrenz schläft nicht. Das ist sicher hart. Trotzdem, Frau Fuchs, haben wir hier ein ernstes Problem, das wir gemeinsam lösen müssen.«
Dabei sah er Lara durchdringend an, die mit versteinerter Miene durch ihn hindurchblickte. Bevor Anna antworten konnte, summte ihr Handy: Franz. Der musste jetzt leider warten. Sie drückte ihn weg, versuchte, sich wieder auf das aktuelle Problem zu konzentrieren. Sekunden später klingelte es wieder. Sie entschuldigte sich.
»Ich muss das rasch annehmen. Nur eine Minute.«
Draußen im Korridor drückte sie auf Empfang. Am Ende des kurzen Gesprächs hatte sie beinahe die Sprache verloren. Sie fand kaum die Kraft, die Tür zum Besprechungsraum zu öffnen.
»Tut mir leid«, stöhnte sie und rannte zum Auto.
***
So muss sich eine Olympiasiegerin fühlen, bevor sie mit der Nummer eins aufs Podest steigt. Chris platzte fast vor Stolz und hörte die versammelten Glückshormone von Dopamin bis Oxytocin durch die Adern rauschen, während sie die Babyschale mit ihrem Lukas aus dem Wagen hob. Sie befand sich allein in der Tiefgarage des Bundeskriminalamtes an der Puschkinallee 52, wohin man ihr Büro verlegt hatte während des Mutterschutzes. Hauptkommissarin Dr. Christiane Roberts stand auf der nagelneuen Tafel am Eingang. Der ganze Ableger der Abteilung SO für schwere und organisierte Kriminalität hatte sich hier nur zwei Blocks von den alten Büros entfernt eingenistet. Sie fragte sich immer noch, weshalb, hatte jedoch aufgegeben, nach einer Antwort zu suchen. Die Kollegen von der Planung Infrastruktur mussten schließlich auch irgendwie beschäftigt werden.
»Wen haben wir denn da?«, säuselte eine Engelsstimme hinter ihr.
Die Stimme passte so wenig zur stets verbittert wirkenden Staatsanwältin Winter wie der unschuldig nuckelnde Lukas zu organisierter Kriminalität. Winter hatte nur noch Augen für den Kleinen. Späte Muttergefühle, die sie nie gehabt hatte? Trotz ihrer genetisch bedingten Abneigung gegen Juristen wärmte es Chris das Herz. Winter konnte sich kaum sattsehen an Lukas. Als sie sich aufrichtete, um Chris zu begrüßen, seufzte sie:
»Ach, wie ich Sie beneide, Dr. Roberts.«
Chris schenkte ihr ein Lächeln. Sie war voll davon, hatte noch viele zu verschenken. Wieder beugte sich die Staatsanwältin über den Kleinen.
»Du bist also der Lukas«, flüsterte sie, um ihn nicht zu erschrecken. »Ein ganz Lieber bist du.«
»Stimmt«, bestätigte Chris. »Tagsüber ist er stets zufrieden und schläft viel. Nachts allerdings …«
»Von wem er das wohl hat?«, fragte eine bekannte Männerstimme.
»Haase!«, rief sie aus und umarmte ihn ganz gegen ihre Gewohnheit.
Das überschüssige Dopamin musste irgendwie verarbeitet werden. Winter, die Eisprinzessin, eignete sich nicht dazu, der 24-Stunden-7-Tage-die-Woche Analytiker Haase umso besser.
»Gott sei Dank«, sagte sie und fügte lachend an: »Man hat Sie also nicht vergessen beim Umzug.«
Der Scherz war durchaus ernst gemeint. Ohne den genialen Analytiker könnte sie ebenso gut zu Hause bleiben. Sie wäre schlicht verloren ohne den Mann. Und ohne seinen Kaffee, der alles in den Schatten stellte, was man unter dieser Bezeichnung im Großraum Berlin vorgesetzt bekam.
»Die Maschine auch noch da?«, fragte sie.
Er nickte. Fast hätte auch er sich ein Lächeln gegönnt.
»Mit den Bohnen«, sagte er. »Ristretto?«
»Klar doch, ich bin ja nicht mehr schwanger und habe mehr als eine schlaflose Nacht hinter mir.«
Winter hatte genug gesehen vom Wunder in der Babyschale. Lukas war zufrieden eingeschlafen, ohne sich von der ungewohnten Umgebung verwirren zu lassen.
»Ihr Mutterschutz ist bald vorbei«, begann die Staatsanwältin. »Schon überlegt, wie es weitergeht?«
Die unangenehme Diskussion war eröffnet. Sie versuchte es mit Galgenhumor, legte die Stirn in Falten und antwortete:
»Da ich mir in meiner Gehaltsklasse keine Nanny leisten kann, werde ich mich wohl mit Innendienst und Heimarbeit über Wasser halten müssen, bis Lukas sein Abi in der Tasche hat.«
Winter fand das zwar nicht komisch, reagierte aber doch erleichtert.
»Ich bin froh, dass Sie den Innendienst ansprechen«, sagte sie. »Es ist einiges liegen geblieben.«
Chris würde dennoch dafür sorgen, die Zeit im Büro so kurz wie möglich zu halten. Die Stunden am Schreibtisch zählten nicht wirklich als Arbeit für sie. Sie brauchte frische Luft, und sei es nur die Neuköllner Dreckluft um die Mittagszeit. Selbst bei der Arbeit im Büro würde der zehn Monate alte Lukas ihre ganze Aufmerksamkeit benötigen. Ein Kind bedeutete vom ersten Tag an nicht nur Glück, sondern auch jede Menge Probleme. Dagegen erschienen ihr die Komplikationen während der Schwangerschaft geradezu lächerlich. Winter sah, wie die Sorgen das Strahlen in ihren Augen überschatteten.
»Keine leichte Aufgabe, nicht wahr?«, murmelte sie in einem unerwarteten Anflug von Mitgefühl. »Aber zum Glück gibt es ja noch den Mann an Ihrer Seite.«
»Sicher«, stimmte sie nachdenklich zu.
Jamie befand sich zur Zeit bloß etwa viertausend Kilometer von ihr und Lukas entfernt – und sie hatte ihn noch zu diesem Trip ermuntert. Sie würde das Kind schon schaukeln, hatte sie sich vorgegaukelt, dumme Kuh. Der erste Ristretto aus Haases Kaffeemaschine nach einem halben Jahr mundete nicht. Bitter, brutal. Sie erschrak. Hatte sie so gründlich verlernt, das kleine Glück des ganz normalen Lebens zu genießen? Sie war offensichtlich noch nicht bereit für den Wiedereinstieg.
»Alles O. K.?«, fragte Haase, der ihr Mienenspiel nicht deuten konnte.
»Ja, ja, wunderbar«, wehrte sie mit schiefem Grinsen ab.
»Na dann bis nächsten Montag«, verabschiedete sich Winter nach einem letzten Blick ins Körbchen mit dem Wunderkind.
Das Handy klingelte. Zeit für Jamies Anruf, dachte sie und drückte ohne hinzusehen auf Empfang.
»Chris, bist du das?«, fragte eine Frauenstimme, die sie erst nicht erkannte.
Anna zeigte das Display, die Frau von Jamies Freund Franz Fuchs. Sie hatte sie erst zwei-, dreimal kurz getroffen, nur Belanglosigkeiten ausgetauscht. Im Grunde wusste sie gar nichts über diese Frau, außer dass sie etwas jünger war als sie und überirdisch glänzendes, braunes Haar trug. Sie klang unsicher, fast weinerlich.
»Anna, was gibt’s?«
Sie weinte tatsächlich. Chris wurde nicht klug aus den Wortfetzen. Sie versuchte, Anna zu beruhigen. Vergeblich, die Frau war einem Nervenzusammenbruch nahe.
»Ist etwas passiert mit Franz?«, fragte sie vorsichtig.
Es war die falsche Frage. Anna heulte auf, als hätte sie ihr einen Schlag in die Magengrube versetzt. Nun ernsthaft beunruhigt schlug sie vor, sie zu treffen.
»Bist du zu Hause?«
Annas Ja war kaum zu verstehen.
»Bin gleich bei dir«, versicherte Chris. »Versuche, ruhig zu bleiben.«
Das Haus in gehobener Wohnlage am kleinen Park verriet nichts von der Tragödie, die sich in der Wohnung im zweiten Stock abspielte. Die Fahrt hierher war ihr wie ein Spießrutenlauf erschienen. An jeder Straßenecke tauchten neue Schreckensvisionen vor ihrem inneren Auge auf. An Annas Tür zögerte sie. In der Wohnung herrschte Krieg. Glas ging in die Brüche. Eine laute Auseinandersetzung war im Gang. Zwei Frauen, Mutter und Tochter? Sie hatte sich noch nicht entschlossen, den Klingelknopf zu drücken, da sprang die Tür auf, und der Teenager flüchtete mit rotem Kopf ins Treppenhaus, ohne sie eines Blickes zu würdigen.
»Ich hasse dich!«, rief Lara, dann war sie verschwunden.
Anna empfing sie mit leichenblassem, eingefallenem Gesicht, um Jahre gealtert, wie ihr schien. Lukas begann zu weinen, als spürte er ihre Verzweiflung.
»Das sind noch die kleineren Probleme«, versuchte Chris zu scherzen, während sie den Kleinen aufnahm und tröstete.
Anna wirkte vollkommen abwesend, als wäre ihr Geist ausgeflogen und hätte nur die körperliche Hülle zurückgelassen. Chris setzte sich mit Lukas aufs Sofa.
»Was ist los, Anna?«
Langsam kehrte Leben in die Frau zurück. Sie nahm das Handy vom Tisch, zitterte dabei wie nach einem Elektroschock. Mit vor Entsetzen geweiteten Augen stammelte sie:
»Sie – sind – entführt worden. Die wollen …«
Ihre Stimme versagte.
»Entführt«, wiederholte Chris verständnislos. »Wer ist entführt worden?«
»Franz und Jamie!«, schrie Anna ihr förmlich ins Gesicht. Atemlos presste sie heraus: »Die verlangen zehn Millionen Dollar Lösegeld – in einer Woche!«
Chris sah sie erst nur mit großen Augen an, ohne zu begreifen, dass Annas Schmerz sie selbst ganz persönlich betraf. Ihre Gedanken drehten sich im Kreis. Sie war blockiert. Behutsam legte sie Lukas, der sich glücklicherweise wieder beruhigt hatte, in die Babyschale zurück und versuchte, sich auf Annas Klage zu konzentrieren.
»Von Anfang an, Anna«, bat sie mit belegter Stimme.
Die Frau war am Ende. Weinend mit zitternder Hand versuchte sie vergeblich, etwas auf dem Handy anzutippen. Sie gab rasch auf und reichte ihr das Gerät.
»Das Video.«
Chris zwang sich, Ruhe auszustrahlen, atmete tief durch und drückte auf Play. Franz erschien im Bild. Im düsteren Hintergrund glaubte sie, Jamie zu erkennen.
»Anna, Liebes …«, sagte Franz hastig.
Weiter kam er nicht. Der Ton war schlecht, zu viel Echo wie in einer Garage. Trotzdem verstand sie deutlich, was der bärtige Araber sagte, dessen Gesicht nun das Bild ausfüllte. Er sprach Französisch, wohl, weil er wusste, dass Anna – und sie – ihn verstehen würden.
»Franz Fuchs und Jamie Roberts sind in unserer Gewalt«, sagte er ruhig. »Zahlen Sie zehn Millionen Dollar auf das Konto in der Mail, wenn Sie die beiden lebend wiedersehen wollen. Sie haben Zeit bis zum 24. Juli, Mitternacht.«
Chris stockte der Atem. Das Schlimmste an dieser Schreckensnachricht war, wie sachlich nüchtern sie vorgetragen wurde, als handelte es sich um ein stinknormales Geschäft. Das Bild wechselte. Jetzt waren die beiden Geiseln klar zu erkennen. Sie saßen am Boden, an Händen und Füßen gefesselt. An ihrer Seite standen zwei Schwarze mit teilweise vermummten Gesichtern, Kalaschnikow auf dem Rücken, Jagdmesser an den Kehlen der Geiseln. Ende der Vorstellung. Sie starrte auf den leeren Bildschirm, versuchte, die Gedanken zu ordnen.
»Sag etwas!«, flehte Anna sie an.
»Was ist da passiert?«
Sie bereute die Frage, bevor sie verhallt war. Anna warf ihr einen giftigen Blick zu.
»Was machen wir jetzt?«
Chris konnte noch immer kaum fassen, was sie gesehen hatte. Es handelte sich jedenfalls nicht um einen üblen Scherz, so viel stand fest. Die Entführer meinten es ernst. Sie mussten davon ausgehen. Reiß dich zusammen, Chris. Es ist nicht dein erster Fall! Diesmal allerdings traf es sie persönlich in ihrer Existenz. Auch das geschah nicht zum ersten Mal. Jamie war schon einmal Opfer einer Entführung in Afrika geworden. Damals steckten Terroristen der AQIM dahinter, eines Ablegers der al-Qaida im Maghreb. Wer waren die Verbrecher auf dem Video?
»Zehn Millionen!«
Anna raufte sich die Haare. Chris sah nur eine Möglichkeit, mit der neuen Lage umzugehen. Sie musste Ruhe bewahren, analytisch vorgehen, ihre Erfahrung mit ähnlichen Situationen anwenden, als beträfe der Fall sie nicht unmittelbar selbst.
»Siehst du eine Möglichkeit, das Geld zu beschaffen?«, fragte sie betont nüchtern.
»Zehn Millionen Dollar? Bist du verrückt?«, fuhr Anna auf.
Sie entschuldigte sich sogleich.
»Das Wichtigste ist jetzt, Ruhe zu bewahren«, dozierte Chris.
Sie hätte ebenso gut zur Wand sprechen können. Anna sah die Angst auch in ihren Augen. Es war nicht zu vermeiden.
»Wir haben das Geld natürlich auch nicht«, bemerkte sie. »Trotzdem müssen wir versuchen, die zehn Millionen oder wenigstens einen guten Teil davon zu beschaffen.« Anna wollte aufbegehren, doch sie winkte ab. »Gleichzeitig gilt es, Zeit zu gewinnen. Falls sich die Entführer wieder bei dir melden, musst du ihnen beibringen, dass die Beschaffung länger dauert, verstehst du?«
Sie war nicht sicher, ob Anna überhaupt zugehört hatte.
»Du organisierst das Geld. Mit eurer Firma habt ihr da mehr Möglichkeiten als ich«, doppelte sie nach. »Ich sorge inzwischen für den Rest. Wir müssen dein Telefon und den Mailverkehr überwachen, herausfinden, wo die Entführer sich aufhalten. Das ist mein Job. Hast du verstanden?«
Anna gab ein Zeichen, das sie als ja interpretierte. Der Fall lastete allein auf ihren Schultern, war sich Chris bewusst. Allein um das Geld konnte sie sich beim besten Willen nicht auch noch kümmern. Sie würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, machte sich aber keine Illusionen. Staatliche Stellen bezahlten kein Lösegeld an Terroristen, hatten sie noch nie getan.
»Siehst du denn gar keine Möglichkeit, das Lösegeld aufzutreiben? Firmenkredit, was weiß ich?«
Anna dachte wohl an nichts anderes mehr, fixierte ihr Handy, als berge es die Lösung des Problems. Nach einer Weile blickte sie auf und murmelte:
»Vielleicht kann Vince uns helfen.«
»Wer ist Vince?«
»Vincent Sommer, unser Anwalt. Wahrscheinlich kann nur er helfen, wenn überhaupt jemand.«
Ihre Stimme klang hohl, als hätte sie schon aufgegeben. Im Auto begann Chris ihrerseits zu zittern. Die Fassade von Nüchternheit und Stärke fiel von ihr ab. Verzweifelt hieb sie aufs Lenkrad ein. Der Albtraum stürzte sie in ein abgrundtiefes Loch. Es dauerte Minuten, bis sie sich einigermaßen beruhigte. Ein Dutzend dringende Aufgaben erforderten jetzt ihre volle Aufmerksamkeit. Ihr größtes Problem: Wo war die 110 für solche Fälle? Die gab es nicht. Als Hauptkommissarin des BKA wusste sie: Niemand würde ihr dieses Problem lösen. Sie konnte sich nur auf sich selbst verlassen, dabei brauchte sie die Kraft doch für den kleinen Lukas im Körbchen, der sich friedlich schlummernd ganz auf seine Mama verließ.
»Was zuerst?«, fragte sie ihn leise.
Das Ziel rückte erst in den Vordergrund, nachdem sie schon den halben Weg zur Puschkinallee zurückgelegt hatte. Sie bog an der Boddinstraße im letzten Moment in die linke Spur ein und fuhr zurück Richtung Südstern. Das Auswärtige Amt musste ihr erstes Ziel sein. Die waren zuständig für solche Probleme, ob sie wollten oder nicht. Ihr BKA-Dienstausweis half, eine zuständige Person zu finden. Der Beamte hörte sich die Schilderung an, seine Sekretärin machte fleißig Notizen.
»Haben Sie denn versucht, mit den Entführten Kontakt aufzunehmen?«, fragte der Beamte.
Nummer 1 auf seiner Checkliste, nahm sie an. Die Galle begann hochzusteigen. Sie musste sich zwingen, ruhig zu antworten.
»Selbstverständlich haben Frau Fuchs und ich das mehrfach versucht. Es gibt keinen Kontakt, außer die Entführer wollen ihn.«
Der Beamte nickte der Sekretärin zu als Aufforderung, auch das geflissentlich zu notieren. Dann fuhr er mit Punkt 2 auf der Checkliste weiter. Sie ertrug das Theater nicht länger.
»Hören Sie«, fuhr sie dazwischen. »Ich habe Ihnen alle relevanten Fakten dargelegt. Das Leben unserer Männer ist in Gefahr. Was gedenken Sie jetzt zu unternehmen?«
Mit dieser Frage hatte der gute Mann offensichtlich nicht gerechnet. Wahrscheinlich tauchte sie erst weit unten in der Checkliste auf. Er schluckte leer und suchte nach einer Antwort.
»Die Zeit drängt«, schob sie nach.
Sie brauchte die aufkeimende Panik in der Stimme nicht zu simulieren. Die ergriff sie ohnehin allmählich. Endlich fiel ihm eine geniale Antwort ein, auf die sie selbst im Leben nie gekommen wäre.
»Wir haben ein Betreuungsteam für solche Fälle«, sagte er. »Falls Sie psychologische Hilfe …«
Ihr Blick stoppte ihn sofort.
»Ich brauche Hilfe, keine psychologische Hilfe«, fuhr sie ihn an.
Der Ärger und die Anspannung übertrugen sich auf Lukas, der bisher stumm aber mit großen Augen zugehört hatte.
»Rufen Sie Frau Brinkmann«, flüsterte der Chef seiner Sekretärin nervös zu.
Chris schüttelte den Kopf, während sie Lukas aufnahm und beruhigend über den Rücken strich.
»Er ist gleich wieder zufrieden«, versicherte sie. »Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja, die Botschaft. Sie müssen die Botschaft in Ouagadougou alarmieren.«
»Selbstverständlich«, beeilte er sich zuzustimmen.
»Wird die dortige Botschaft die Führung in diesem Fall übernehmen?«
Er zögerte. Sie kannte die Antwort, bevor er den Mund öffnete.
»Schwierig«, sagte er, »da die Entführer nur mit …« Er stockte, zog die Notizen der Sekretärin zurate und fuhr fort: »Da sie bisher nur mit Frau Fuchs Kontakt hatten.«
»Das heißt, wir müssen uns selbst helfen«, murmelte sie, als wollte sie Lukas damit besänftigen.
Es wirkte zumindest bei ihm. Dieses Gespräch führte zu nichts. Alle im modernen, lichtdurchfluteten Büro wussten es.
»Ich werde dafür sorgen, dass ein kompetenter Krisenstab gebildet wird«, drohte sie und wandte sich zum Ausgang. »Mit oder ohne Auswärtiges Amt«, fügte sie an, bevor sie die Tür hinter sich zuschlug.
Ihr Puls beruhigte sich erst wieder, als sie im Auto saß, unterwegs zum BKA.
Haase und Winter starrten sie entsetzt an, nachdem sie die Schreckensnachricht überbracht hatte.
»Wir müssen sofort das Auswärtige Amt informieren, die Botschaft in Burkina Faso«, platzte Winter nach einer Schrecksekunde heraus.
»Da war ich schon, auf dem Amt«, gab sie mit bitterem Lächeln zurück. »Die haben alles notiert und legen jetzt eine Akte an. Ich bin mir nicht mal sicher, ob sie die Botschaft informieren.«
»Die sind wohl ebenso schockiert wie wir«, bemerkte Haase.
Winter nickte. »Trotzdem müssen wir eng mit ihnen zusammenarbeiten. Wir besitzen keine ständigen Kontakte in Burkina Faso, wie Sie wissen.«
Chris stellte die Mutter aller Fragen, deren Antwort über Jamies Leben oder Tod entscheiden würde.
»Wer stellt das Lösegeld zur Verfügung?«
Eine peinliche Pause entstand. Haase warf ihr einen mitfühlenden und gleichzeitig bedauernden Blick zu, während Winter überall hinschaute, nur nicht in ihre Augen.
»Niemand«, schloss sie, nicht überrascht.
Im Augenblick sah es ganz danach aus, dass sie das Lösegeld vergessen konnte. Es gab keine Möglichkeit, die zehn Millionen in so kurzer Zeit zu beschaffen. Sie glaubte nicht an Annas Anwalt Vince. Was also tun? Zeit gewinnen, Hinhaltetaktik blieb als einzige Option. Der Ermittlerinstinkt erwachte allmählich, je länger sie das scheinbar unlösbare Problem wälzte.
»Wir müssen versuchen, die Entführer und unsere Männer zu lokalisieren«, sagte sie zu Haase.
Winter, noch immer in einer Art Schockzustand, verzichtete auf Einwände. Ein neues Gefühl, stellte Chris beiläufig fest. Die Staatsanwältin verließ die traurige Konferenz mit der Versicherung, dem Auswärtigen Amt auf ihren Kanälen Beine zu machen. Chris übergab ihrem Analysten die Kopien des Videos und des Mailverkehrs zwischen den Entführern und Anna. Ihm traute sie jederzeit ein Wunder zu.
Lukas hatte Hunger. Sie schloss sich ins neue Büro ein, um ihm die Brust zu geben. Das beruhigte beide. Danach war sie plötzlich in Eile.
Horst Wendel vom BND hatte zwar das Pulver nicht erfunden, aber er war ihr noch etwas schuldig. Es dauerte seine Zeit, bis sie ihm in seinem Büro gegenübersaß, wo sich noch immer die Akten am Boden und auf dem Schreibtisch türmten. Sie dankte dem Schicksal, dass Lukas noch nicht mobil war. Er hätte seine helle Freude am Spielparadies in diesem Büro. Nachdem Wendel sich überzeugt hatte, dass der Kleine keine unmittelbare Gefahr darstellte, widmete er sich dem Video auf ihrem Handy. Kaum rückte der Araber ins Bild, stoppte er die Wiedergabe und sagte:
»Den kennen wir.«
Fast wäre sie aufgesprungen.
»Al-Qaida?«, fragte sie hastig.
Er schüttelte den Kopf und begann, seinen Computer zu bearbeiten. Schließlich drehte er den Bildschirm so, dass sie einen Blick darauf werfen konnte.
»Abubakar Sahraoui«, las sie, »Anführer des ISGS?«
»Islamic State in the Greater Sahara. Die Terrorgruppe wächst wieder und verlagert ihre Aktivitäten seit Kurzem in die Grenzregion Mali-Burkina Faso-Niger.« Nach kurzer Pause fügte er düster an: »Man nennt Sahraoui auch den Schlächter von Bamako.«
Sie hörte mit offenem Mund zu.
»Ich will Sie nicht unnötig beunruhigen, Hauptkommissarin.«
»Ganz herzlichen Dank für die Rücksichtnahme«, sagte sie gepresst, »hat ja bestens geklappt. Was wissen Sie noch über diesen Mann?«
Er drückte sich um eine klare Antwort, sah aber bald ein, dass sie nicht locker lassen würde. Wieder beschäftigte er sich mit dem Computer, bis er die Seite gefunden hatte.
»Lesen Sie selbst.«
Sie zog den Bildschirm näher heran und las. Die grauenhafte Geschichte hatte sich in der Gegend von Bamako ereignet. Säße sie nicht in einem Büro des Bundesnachrichtendienstes, hätte sie geschworen, der Bericht wäre Fake News, so unglaublich monströs war das Verbrechen, das man dem Terrorkommando vorwarf, das ihren Mann entführt hatte.
»Dieser Teufel hat von den Jesuiten gelernt.«
Ihre Stimme zitterte, als sie es sagte.
»Wie meinen?«
»Sagt Ihnen der Begriff Autodafé etwas?«, fragte sie, nicht zuletzt, um sich mit dem historischen Exkurs abzulenken.
Er zuckte nur mit den Schultern. Humanistische Bildung war keine Voraussetzung für die Arbeit beim BND.
»Es ist ein Begriff aus der spanischen Inquisition im 17. und 18. Jahrhundert. Da hat man Urteile über Ungläubige feierlich öffentlich verkündet, bevor sie erwürgt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden sind.« Ihre Stimme klang gedämpft, als sie weitersprach. »Genau das hat Sahraoui auch getan, allerdings mit Kindern.«
»Um die Eltern aus ihren Verstecken zu locken. Hat ja auch geklappt.«
Schweigend und in Gedanken versunken strich sie Lukas übers Köpfchen.
»Wie glaubhaft ist dieser Bericht?«, fragte sie mit einem letzten Funken Hoffnung.
»Es hat sich genau so zugetragen. Das steht fest. Es gibt ein Video.«
Er griff zur Computertastatur. Sie wehrte sofort ab.
»Das muss ich mir nicht auch noch antun.«
Lukas wurde unruhig. Während sie sich über ihn beugte, fiel ihr ein, was sie von Anfang an stutzig gemacht hatte.
»Bamako«, murmelte sie. »Liegt das nicht in Mali?«
»Bamako ist Malis Hauptstadt«, bestätigte er.
»Kann es sein, dass diese Terrorzelle sich immer noch in Mali aufhält? Könnten sich die Entführten gar nicht mehr in Burkina Faso befinden, sondern in Mali?«
»Gut möglich.«
Es hörte sich an, als wäre ihm jetzt ebenfalls ein Licht aufgegangen. Nervös wandte er sich wieder dem Computer zu. Die Landkarte auf dem Display erhärtete ihren Verdacht. Ouahigouya, wo die Farm lag, die Jamie mit Franz besuchen wollte, befand sich nahe an der Grenze zu Mali.
»Moment!«, rief Wendel überrascht aus. »Zu diesem Ort gibt›s einen neuen Bericht im System.«
Der Bericht stellte sich als weitere Schreckensnachricht heraus.
»Die haben die Farm abgefackelt«, vermutete er, obwohl nichts über die Brandursache im Bericht stand.
»Vier Todesopfer, darunter zwei Kinder«, murmelte sie erschüttert.
»Die ganze Familie ausgelöscht.«
»Würde zu Sahraoui passen.«
»Wir müssen die beiden finden«, sagte sie tonlos.
Er nickte nachdenklich, wieder mit dem Computer beschäftigt. Nach endlosen Minuten sagte er:
»Ich kann versuchen, mit der Residentur da unten Kontakt aufzunehmen. In Mali haben wir bessere Chancen als in Burkina Faso.«
Sie wagte nicht, Hoffnung zu schöpfen. Der BND beschäftigte auch in Mali keinen James Bond.
»Tun Sie das bitte«, sagte sie müde und packte zusammen.
Sie war schon an der Tür, als er ihr den letzten, unnötigen Tiefschlag versetzte.
»Ich kann aber nichts versprechen.«
KAPITEL 2
BERLIN
»Mohammed, du verfluchte Ratte!«, schimpfte Jasar, an seiner Goldkette nestelnd wie stets, wenn er sich ärgerte.
Er besah sich den Schaden am VW-Golf und überlegte, ob er die Fuhre so durchführen könnte. Scheiß drauf, sagte er sich. Den Gefallen tat er dem Erzrivalen nicht. Was bildete der sich ein? Er, Jasar, war der Sohn des Chefs, der hier das Sagen hatte, niemand sonst.
»Ich poliere ihm die Fresse«, versprach der kleine Bruder, gerade mal zwölf.
Das war die richtige Einstellung. Jasar schüttelte grinsend den Kopf.
»Das überlässt du besser mir, Kleiner.«
Sein zweites Prepaidhandy summte, als er einstieg.
»Riester hier«, sagte die unbekannte Männerstimme, »Alt-Lietzow 82A. Ich brauche Sie für eine kurze Fahrt, zehn Kilometer. Was kostet das?«
Jasar grinste sich selbst im Rückspiegel zu. Ohne Zögern nannte er den Preis:
»7.50. Zwanzig Minuten. Ich rufe zurück, wenn ich da bin.«
Er richtete den Rückspiegel wieder auf die Straße und sah Mohammed auf sich zukommen. Der Scheißkerl hatte Nerven. Im Nu stand er draußen und schrie ihn an:
»Das bezahlst du mir, Hurensohn!«
Mohammed erschrak zwar, erholte sich aber sofort. Der bildete sich weiß was auf seine dicken Arme ein. Alles Fett, hatte er schon immer vermutet. Der Drecksack ging mit erhobenen Fäusten auf ihn los.
»Sieht gut aus«, bemerkte er dabei mit Blick auf seine Rücklichter.
Jasar war in Eile. Steglitz wartete. Er zog das Messer hervor. Mohammed blieb stehen, starrte ihn wütend an. Im selben Augenblick öffnete sich die Tür der Shisha-Bar. Der Mann mit dem schwarzen Bart und den Augen eines Falken warf ihm einen warnenden Blick zu und fragte ruhig:
»Was geht, Jasar?«
Er ließ das Messer verlegen verschwinden.
»Alles gut«, brummte er, stieg ins Taxi und fuhr los.
Niemand legte sich mit dem Chef an, nicht einmal der älteste Sohn und Kronprinz von Abu Ramadan. Zehn Kilometer, dafür reichte die Reserve noch. Beim nächsten Anruf würde er erst neuen Stoff beschaffen müssen im Depot. Die Geschäfte liefen blendend, vor allem, seit er seine Visitenkarten in den nobleren Clubs in Charlottenburg, Steglitz und Prenzlauer Berg auflegte. Diese Kunden wussten genau, was sie wollten, und hielten sich strikt an die Regeln. Kein unnötiges Geschwafel. Menge und Preis, keine Diskussion. Die Neuköllner Idioten versuchten manchmal, den Preis zu drücken. Dann wurde eben nichts aus dem Geschäft. Seine Ware war erste Sahne, kein Balkan-Dreck, den man herunterhandeln konnte. Die stinkreichen Fuzzis in den Nobelvillen mit Indoor-Swimmingpool hatten das begriffen und hielten sich daran. Der Typ in Alt-Lietzow gehörte bestimmt auch zu dieser Kategorie. Vorsicht war trotzdem geboten bei seinem Job.
Zwei Minuten bevor er beim Kunden eintraf, der sich Riester nannte und bestimmt nicht so hieß, rief er ihn an. Während er auf ihn wartete, holte er die Ware aus dem Versteck unter dem Sitz. Mit geübten Handgriffen nahm er anschließend den Chip aus dem Handy und warf ihn achtlos aus dem Fenster. Der war zu heiß geworden.
»Riester«, sagte die Stimme vom Telefon.
Der Herr im feinen Anzug blickte nervös um sich, bevor er einstieg. Jasar fuhr ab, ohne Fragen zu stellen. Der Kunde kannte die Prozedur offensichtlich auch. Während sie langsam um den Block fuhren, zog er einen Umschlag aus dem Jackett.
»750, richtig?«
Jasar nickte, steckte das Geld ein, nachdem er einen Blick in den Umschlag geworfen hatte, und gab ihm die zehn Gramm Koks.
»Viel Spaß damit«, wünschte er dem Mann beim Aussteigen. Er streckte ihm eine neue Businesskarte hin. »Rufen Sie mich das nächste Mal unter dieser Nummer an.«
Der Mann nickte und war im Handumdrehen verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Kein Grund, nervös zu sein, grinste Jasar vor sich hin. Er hatte wieder einen neuen Kunden an der Angel. Der würde bestimmt spätestens in einer Woche wieder anrufen. Die Fahrt hatte sich auf jeden Fall gelohnt. Das müsste die Ratte Mohammed ihm erst mal nachmachen.
Er war schon fast wieder in seiner Straße angekommen, da bemerkte er den Streifenwagen im Rückspiegel. Die Bullen waren aus einer Seitengasse aufgetaucht und hefteten sich jetzt an seinen Arsch wie die verdammten Balkan-Raser in ihren Miet-Porsches. Der Streifenwagen gab das Zeichen, anzuhalten. Fluchend schob er die Kiste weiter unter den Sitz mit dem Fuß und trat auf die Bremse. Eine Politesse stieg aus. Das auch noch, dachte er und rief die Nummer für solche Fälle an, Kurzwahl 1. Scheibe runter, signalisierte sie.
»Was nicht in Ordnung?«
»Führerschein und Fahrzeugpapiere bitte.«
Während er ins Handschuhfach griff, sah er ihren Kollegen aussteigen. Eindrucksvoller, dachte er, aber fraglos zu dick, der Alte. Jasar hielt die Papiere aus dem Fenster, ohne die Politesse anzusehen. Sie prüfte sie eingehend. Ihr Kollege betrachtete den Hintern des VW-Golf, als wäre es der erste. Wo blieben seine Leute? Kaum gedacht umstanden mehr als ein Dutzend Cousins das Taxi. Sie bildeten einen engen Ring um die Bullen, wie er sie gelehrt hatte. Die beiden sollten etwas ins Schwitzen geraten, was offensichtlich gelang, falls er das rote Gesicht des Mannes richtig deutete.
»Was geht ab, Alter?«, fragte der Cousin, den er jetzt brauchte.
»Das ist eine normale Fahrzeugkontrolle«, sagte die Politesse. »Treten Sie bitte zurück.«
»Hat die Schlampe was gesagt?«, fragte einer mit breitem Grinsen.
Die beiden Beamten sahen sich nur kurz an, spielten aber taube Nuss. Sie hatten Angst, gut so. Trotzdem wagte der Alte, ihn zum Aussteigen aufzufordern. Im Ring um die Beamten kam nun deutliche Unruhe auf. Jasar winkte seinen zahlreichen Cousins beschwichtigend zu und stieg aus.
»Brauche ich einen Anwalt?«, fragte er von oben herab.
Der Alte deutete auf sein kaputtes Rücklicht.
»So dürfen Sie nicht herumfahren.«
Er spielte den Überraschten. »Ach das! Der ganze Aufstand wegen dieser kaputten Birne?«
Die Politesse war schon dabei, den Bußgeldbescheid auszufüllen.
»Was wird das?«
Das Grinsen war einer drohenden Miene gewichen. Die Politesse hielt den Mund und schrieb weiter. Der Alte schwafelte etwas von einer Ordnungsbuße. Jasar reichte das Theater.
»Hör zu, Alter«, fuhr er den Polizisten an. »Ich war gerade auf dem Weg in die Garage. Bin sofort umgekehrt, als ich es bemerkt habe, verstehst du?«
Er winkte den Jungen mit der großen Klappe herbei.
»Mein Cousin kann das bestätigen. Stimmt›s Ahmed?«
Ahmed, der nur für die Bullen Ahmed hieß, nickte und zeigte die Zähne.
»Klar, Mann.«
Bevor der Alte antworten konnte, ging etwas mit deutlichem Klirren in die Brüche.
»He Alter«, sagte einer. »Dein Rücklicht ist ja auch im Arsch.«
»Wer war das?«, rief der Polizist wütend in die Runde.
»Wir melden bloß den Schaden«, war die Antwort, begleitet von lautem Gelächter.
Der Cousin mit der großen Klappe warf einen Blick aufs Heck des Streifenwagens, schüttelte mahnend den Kopf und setzte noch einen drauf:
»So darfst du aber echt nicht herumfahren.«
Die Politesse steckte den Block ein, ohne den Zettel fertig auszufüllen. Sie gab dem Kollegen ein Zeichen und stieg in den Streifenwagen. Vielleicht war die Schlampe ums zweite Rücklicht besorgt, dachte Jasar grinsend. Vielleicht war sie auch einfach schlauer als der Alte. Die Streife setzte zurück und fuhr davon. Jasar nickte den Cousins anerkennend zu. Sie beherrschten ihren Job.
»Ich brauche eine scheiß Ersatzkarre«, sagte er.
Die große Klappe stieg mit ihm ins Taxi.
»Kannst den Fiesta haben. Der wird heute nicht mehr gebraucht.«
Kaum saß er im Ersatztaxi, meldete sich das Prepaidhandy auf der neuen Nummer: anonymer Anrufer wie die meisten. Er hörte kurz zu und fletschte seinerseits die Zähne. Der Tag wurde immer besser.
»Dreißig Minuten«, versprach er und legte auf.
Meine Fresse!, dachte er, während er sich langsam dem Grundstück in Wilmersdorf näherte. Der Scheißkerl besaß eine top moderne Villa, die praktisch nur aus Glas bestand. Daneben stand ein Reitstall, in dem seit Langem keine Reitpferde mehr hausten. Die riesige Halle war Dr. Königs Partykeller, und der wurde häufig benutzt, wie er wusste, aber nicht von Gäulen. Wie konnte sich ein Oberstaatsanwalt so ein Anwesen leisten, fragte er sich nicht zum ersten Mal.
Es ging wieder hoch her an diesem Abend in einer der teuersten Wohngegenden Berlins. Ihm sollte es recht sein. Man verkaufte schließlich nicht jeden Tag so nebenbei und ohne Aufwand noch Koks für fast zweitausend Euro. Acht Fahrzeuge der Oberklasse zählte er auf dem Parkplatz vor dem Haus. Licht brannte überall, wie er feststellte, als er um die Hecke bog, dem Sichtschutz gegen die ohnehin kaum befahrene Quartierstraße. Musik drang aus einer offenen Terrassentür, Tanzmusik, auf die solche Leute abfuhren wie auf seine Linien.
Bevor er zum Haus ging, betrachtete er die geparkten Autos genauer. Eines fiel ihm sofort auf. Wie ein bunter Hund stach es aus dem langweiligen Grau und Schwarz der Nobelkarossen heraus. Er kannte den Mercedes-G-Klasse-Offroader in Hyazynthrot-Metallic seit geraumer Zeit. Ein anderer guter Kunde, Partylöwe auch er. Dieser Panzer sei das ideale Vehikel für Berlin und anderes unwegsames Gelände, hatte der Spinner einmal gesagt. Neugierig näherte er sich im Schatten eines Buchsbaumes der hell erleuchteten Fensterfront.
Die Party hatte erst begonnen. Vielleicht zwanzig Gäste standen noch etwas steif und gelangweilt mit den Cocktailgläsern in der Hand herum. Die G-Klasse unterhielt sich mit dem Gastgeber, der wie ein König in der Mitte des Salons stand, dessen Ausmaß für vier Familien in Neukölln locker ausgereicht hätte. Der König hält Hof, dachte er grinsend. Zwei Blondinen der Extraklasse flankierten die Männer. Was für eine Verschwendung, schoss ihm durch den Kopf. Die Bitches würden ein Vermögen einbringen im zweiten Hauptgeschäft seines Alten. Was nicht ist, kann ja noch werden. Die dünnen und sehr freizügigen Fetzen, mit denen sie ihre perfekt operierten Kurven nur widerwillig bedeckten, stellten schon mal einen guten Anfang dar.
