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Zwölf Wörter, und an jedem klebt Blut, denn nur dieser Schlüssel öffnet den Zugang zu den Millionen in der Blockchain. Die Familie des deutschen Botschafters in London wird massiv bedroht. Hauptkommissarin Chris Roberts vom Bundeskriminalamt soll verdeckt ermitteln. Ein paar Tage Urlaub in London, freut sie sich, dann wird die Tochter des Botschafters von ihrem Arbeitsplatz weg entführt. Nur sie kennt den Schlüssel zu den Millionen in der Blockchain von Jacks Start-up. Die Suche nach dem Geheimcode wird zur Hetzjagd. Eine Blutspur zieht sich durch halb Europa und niemand kennt das Motiv. Bis Chris im chinesischen Shenzhen Beweise findet und die Falle zuschnappt. Der 10. Fall mit BKA–Kommissarin Chris
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Seitenzahl: 577
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Hansjörg Anderegg
Die BLOCKADE
Der 10. Fall mit BKA-Kommissarin Chris
Thriller
Impressum
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.deabrufbar.
Print-ISBN: 978-3-96752-172-6
E-Book-ISBN: 978-3-96752-672-1
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Stockfoto-Nummer: 1047408736, 1698227716
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Buchsatz: Grit Richter, XOXO Verlag
Hergestellt in Bremen, Germany (EU)
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Gröpelinger Heerstr. 149
28237 Bremen
Alle Personen und Namen innerhalb dieses Buches sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
KAPITEL 1
OSTBERLIN, 1988
Der Rauch stach in die Nase, bevor er das Haus sah. Angst und Sorge verdrängten das Hochgefühl augenblicklich, mit dem er den VEB-Spezialfahrzeugbau verlassen hatte. Der frühe Feierabend, für den ihn Kollege Hoffmann deckte, mochte politisch nicht ganz korrekt sein, aber die Arbeit am Haus war wichtiger. Die letzte Steigung vor dem alten Holzbau bewältigte er hustend und keuchend schneller als je zuvor, dann versagten seine Muskeln. Das Fahrrad fiel scheppernd hin. Er sank in die Knie, als wollte er den Gott des Feuers um Gnade bitten.
Flammen schlugen aus dem Dach. Das Holz der Frontseite brannte wie Zunder. Ein Fenster barst. Dichter schwarzer Rauch quoll heraus. Er schlug sich an die Stirn, kniff sich in die Wange. Das musste ein Albtraum sein.
»Jochen«, sagte eine Nachbarin, verschwitzt, den leeren Wassereimer in der Hand. »Wir versuchen zu retten, was zu retten ist, bis die Feuerwehr eintrifft. Die Flammen breiten sich rasend schnell aus. Es tut mir leid …«
Der Albtraum würde nicht enden. Ächzend raffte er sich auf und ging auf das Höhenfeuer zu, das einst sein Haus gewesen war. Er hörte die Rufe der Helfer nicht, ignorierte die Gluthitze. Ein Fußtritt öffnete die halb verbrannte Haustür. Beißender Qualm empfing ihn. Das Treppenhaus stand in Flammen. Das alles spielte jetzt keine Rolle. Er musste doch irgendetwas tun können, irgendetwas! Das Gas in der Küche abdrehen zum Beispiel. Auf halbem Weg brach er zusammen. Es roch nicht nach Gas, es stank nach Benzin, schoss ihm durch den Kopf, bevor er das Bewusstsein verlor.
»Jochen, wach auf!«, rief die Nachbarin. »Was machst du für Sachen.«
Verwirrt sah er sie an. War doch alles nur ein schlimmer Traum gewesen? Er lag auf einer Trage im Krankenauto. Durch die offene Hecktür fiel der Blick auf die schwarze Ruine seines Hauses. Die Feuerwehr löschte die letzten Flammen. Obwohl ihm das Atmen schwerfiel, erhob er sich, schob die besorgte Nachbarin beiseite und eilte zum nahen Fernsprechhäuschen. Zitternd suchte er den Zettel in der Hosentasche, worauf seine Nele die Nummer des Hotels gekritzelt hatte, wo sie heute arbeitete. Es gelang ihm erst beim zweiten Versuch, die Verbindung herzustellen.
»Frau Fuchs ist nicht im Haus«, war die knappe Antwort auf seine Frage.
»Wie – ihre Schicht endet doch erst heute Abend. Wann hat sie denn das Hotel verlassen?«
Nur mühsam vermochte er zusammenhängend zu sprechen. Die Stimme drohte zu versagen. Wo könnte sie sein? Ausgerechnet jetzt, da er sie dringend sprechen musste, war sie nicht zu erreichen. Krächzend suchte er Hilfe.
»Wissen Sie, wo ich sie finden kann? Hat sie eine Nummer hinterlassen?«
Zwecklos, die Leitung war tot. Er würde sie nicht auf den Schock vorbereiten können. Mit feuchten Augen trottete er zum rauchenden Trümmerhaufen zurück. Kaum angekommen ging ein Raunen durch die Helfer und Gaffer. Hektik bei der Feuerwehr breitete sich rasch auf die Leute aus.
»Was ist los?«, fragte er heiser.
»Sie haben etwas gefunden.«
Er glaubte, sein Herz pochen zu hören, als er auf den Kommandanten zutrat.
»Das sollten Sie sich nicht ansehen«, warnte der, bevor er ein Wort sagte. »Kümmern Sie sich um den Mann, verdammt noch mal!«, schrie er den Sanitätern zu und ließ ihn stehen.
Er ließ sich nicht abschütteln. Schneller als der Kommandant stand er beim Trupp, der aus dem Haus trat. Zwei Männer schleppten etwas auf einer Trage, schwarz wie die verkohlten Balken. Sein Atem stockte. Er vermochte nicht zu schreien. Nur ein halb ersticktes Gurgeln war zu hören, als er vor der Trage zu Boden sank. Die Umgebung löste sich auf. Den Fetzen ihres Kleides aber, den die Flammen verschont hatten, erkannte er deutlich – und den Ehering, den er ihr erst vor zwei Wochen an den Finger gesteckt hatte. Er spürte die Hände nicht, die ihn wegzerrten, weg von seiner Nele und dem ungeborenen Kind, das ihnen niemals zulächeln würde. Er spürte den Stich der Beruhigungsspritze und schloss die Augen. Das grauenhafte Bild des verkohlten Leichnams erschien umso deutlicher vor seinem inneren Auge. Er wusste, es würde niemals verschwinden, wohin auch immer er flüchtete und wie viele elende Jahre er noch zu leben verdammt war. Von nun an gab es überhaupt nur noch ein Ziel, für das zu leben sich lohnte: Er musste herausfinden, was geschehen war.
***
Wie durch Watte in den Ohren vernahm er das aggressive Hupen. Das Gesicht des Mannes am Seitenfenster passte nicht zu seiner Geschichte, das Schachbrettmuster am Hut der Uniform noch weniger.
»Sir, Sie halten den Verkehr auf. Ist alles in Ordnung?«
London Metropolitan Police. Der Mann sprach Englisch. Er war zurück in der Gegenwart, das grauenhafte letzte Bild seiner Nele ebenfalls.
»Fahrzeugpapiere und Führerschein«, verlangte der Constable, da er nicht sofort antwortete.
Das Hupen hinter seinem Pick-up endete erst auf ein energisches Zeichen des Polizisten. Er ließ sich Zeit mit der Prüfung der Papiere.
»Sie wissen schon, dass Sie hier seit bald zehn Minuten den Verkehr blockieren?«
Er wusste es nicht, nickte dennoch und murmelte eine Entschuldigung.
»Haben Sie getrunken?«
»Ich trinke seit dreißig Jahren nicht mehr. Sonst wäre ich längst tot.«
Eigentlich nicht die schlechteste Lösung, dachte er dabei. Der Constable war zufrieden mit der Antwort und gab die Papiere zurück. Das Hupkonzert begann erneut.
»Passen Sie auf sich auf«, mahnte der genervte Ordnungshüter und fügte mit Blick aufs Lichtsignal hinzu: »Es ist wieder grün.«
BERLIN
Chris betrachtete ihren leeren Schreibtisch mit einem gewissen Schuldgefühl. Ihr Arbeitsplatz im BKA-Gebäude am Treptower Park wirkte verlassen. Nur die Namenstafel neben dem toten Bildschirm behauptete kühn, dass hier Hauptkommissarin Dr. Christiane Roberts-Hegel arbeitete. In Wahrheit vermied Chris das Büro wann immer möglich. Sie brauchte den Kontakt mit den Guten und den Spitzbuben draußen, egal, wo in der Welt sie sich verkrochen. Es gab nur einen, allerdings guten Grund, diesen Ort aufzusuchen: Haases Kaffee. Ihr Fallanalytiker Jens Haase übte seinen Beruf und den des Barista mit Leidenschaft und absoluter Perfektion aus. Für den Ristretto, den besonders starken Espresso aus immer wieder neuen, überraschenden Lagen, würde sie töten. Ohne Haases schnelle und gründliche Recherchen und Briefings andererseits wäre sie selbst tot, war sie überzeugt.
»Wenn Sie einverstanden sind, leite ich den fertigen Bericht direkt an Staatsanwältin Winter weiter«, sagte er unter der Tür.
»Perfekt, danke.«
Er würde auch ohne ihr Zutun einen sauberen und vollständigen Bericht abliefern. Was sollte sie ihm da noch ins Handwerk pfuschen? Mit Blick auf ihren Saxofon-Koffer meinte er:
»Scheint eine lange Nacht zu werden.«
»Jamsession in Potsdam, wie in alten Tagen«, antwortete sie lächelnd. »Jamie wird auch da sein.«
»Eine Jamiesession also.«
Sie lachte laut auf. Ihr Ehegatte, der Mediziner Dr. Jamie Roberts, war vollkommen unmusikalisch, aber er hatte versprochen, bis zum bitteren Ende der Session auszuharren. Haases Wortschöpfung musste sie sich merken. Diese Art Humor war sie nicht gewohnt von ihm, denn er war ein Außerirdischer. Haase hielt sich zu jeder Tages-und Nachtzeit in der Nähe seines Computers und der Kaffeemaschine auf, allzeit bereit für ihre Fragen und Probleme. Nachts verwandelte er sich wohl selbst in einen Computer oder eine seiner Kaffeetassen. Jedenfalls hatte ihn noch niemand im Büro schlafen sehen. Sie kannte auch niemanden, der ihn je essen gesehen hätte. Er lebte einzig von seinem Kaffee.
«Ein Tässchen vom kolumbianischen Arabica auf den Weg?«, fragte er.
Sie nickte dankbar. Der Duft der neuen Kreation entschädigte locker für die zehn Minuten zusätzliche Büroluft. Haase würde also ihren Bericht für die Staatsanwaltschaft schreiben und bedankte sich dafür mit einem Gedicht von Kaffee. Diese Art Tauschgeschäft war vollkommen normal in seiner Welt. Er musste ein Alien sein, keine Frage.
Ihr Handy klingelte: Jamie.
»Du hast endlich eine Ausrede gefunden«, sagte sie.
Vorauseilender Pessimismus half manchmal, unangenehme Nachrichten besser zu verkraften.
»Das traust du mir zu, meine Liebe?«
»Deine Kreativität hat mich schon oft verblüfft, zum Beispiel in der Küche.«
Haase räumte die leere Tasse weg und ließ sie allein.
»Das ist ganz was anderes«, entgegnete Jamie lachend. »In der Küche muss ich das Klischee widerlegen, Engländer könnten nicht kochen.«
»Was dir ganz ordentlich gelungen ist.« Sie ergriff den Instrumentenkoffer und verließ das Büro, um endlich andere Luft zu atmen. »Also, was wolltest du mir sagen, Liebster?«
Es musste dringend sein, wenn es nicht bis zum Abend warten konnte.
»Kannst du dir das nicht vorstellen?«
Genau die Art Gegenfrage, die sie fürchtete wie die Grippe im Januar. Um sie zu beantworten, musste sie sich erinnern, was ihn zurzeit am stärksten beschäftigte. Sie hätte ihm also zuhören sollen, statt über ihren Fällen zu brüten. Er ließ sie kurz zappeln, dann erbarmte er sich.
»Ich habe gerade die Zusage für den klinischen Test erhalten. Wir werden ihn in der Charité durchführen. Nächste Woche geht’s los.«
In der Stimme des coolen Engländers schwang ungewöhnlich starke Emotion mit. Sie konnte sich nur schwer vorstellen, wie wichtig diese Zusage für den Mediziner sein musste, gab sich aber Mühe, die Begeisterung zu teilen. Das Problem war nur, dass sie sich immer noch nicht erinnerte, wovon er sprach.
»Wir haben oft darüber diskutiert«, fuhr er ungerührt fort. »Du erinnerst dich: pränatale Gentherapie, CRISPR?«
Bruchstücke blitzten auf in ihrem Gedächtnis.
»CRISPR/Cas–9, klar!«, rief sie begeistert. Plötzlich war das richtige Stichwort wieder präsent. »LSD! Das ist es doch. Du willst beweisen, dass LSD mit einer Gentherapie am Embryo geheilt werden kann.«
»Ich hätte es etwas anders formuliert, aber du liegst völlig richtig. Die Lysosomal Storage Disorder, kurz LSD, kann durch korrigierte Gene eliminiert werden. Das wissen wir längst. Aber jetzt geht’s ums Ganze, verstehst du? Wir werden ein Kind noch im Mutterleib von diesem sonst unheilbaren Gendefekt befreien. Es wird ein normales, gesundes Leben führen können ohne Angst, zu erblinden oder frühe Demenz zu entwickeln …«
»Verstanden!«, unterbrach sie rasch. Die Zeit wurde knapp. Sie musste sich noch einspielen vor dem Konzert in der alten Alma Mater. »Ich sehe, du bist ganz aus dem Häuschen, und ich freue mich mit dir. Wir sprechen heute Abend weiter, ja?«
Als sie aus der Garage fuhr, drehte sie Charlie Parker so laut auf, dass sie das Telefon nicht klingeln hörte. Sie horchte kurz auf, als das Saxofon-Solo von einer Verkehrsmeldung unterbrochen wurde. Man riet allen Verkehrsteilnehmern, das Gelände rund um die Charité auf jeden Fall zu meiden. Dort war eine Demo im Gang. Die Polizei rechnete mit gewalttätigen Ausschreitungen.
»Die Charité ist ein Krankenhaus, ihr Idioten!«, rief sie und drehte die Musik noch lauter.
***
Jamie beobachtete, wie sich der Mob vor dem Haupteingang formierte. Am Fenster des improvisierten Büros im zweiten Stock saß er in der ersten Reihe. Noch konnte er die handgeschriebenen Transparente nicht lesen. Ein weiterer Versuch, exorbitante Gesundheitskosten durch Protest zu senken? Er verspürte ein wenig Mitleid mit den meist Jugendlichen, die sich da unten versammelten. Immer länger gesund leben war nun mal nicht mit Sparprogrammen zu schaffen. Die Demonstration würde nicht friedlich bleiben. Andere Beobachter hatten wohl die Schlagstöcke in einzelnen Händen auch bemerkt. Jedenfalls mischten sich bald die Sirenen der Einsatzwagen in die lauter werdenden Schlachtrufe der Menge.
Er schloss das Fenster und erschrak. Das erste Transparent, das er lesen konnte, wirkte wie eine schallende Ohrfeige. Hände weg vom ungeborenen Leben, stand da. Vom Text darunter konnte er nur Eingriff in Gottes Werk entziffern. Nach einer Schrecksekunde durchzuckte ihn die Erkenntnis wie ein Blitz. Der Mob hatte es auf ihn, die Kolleginnen und die ganzen Vorbereitungen für den bevorstehenden Eingriff abgesehen. Eine Horde vermummter Gestalten tauchte wie aus dem Nichts auf und drang ohne Widerstand in die Halle ein. Angesichts der Baseballschläger wollte er sich nicht vorstellen, was mit Leuten geschah, die sich ihnen in den Weg stellten.
»Bringt euch in Sicherheit, die kommen zu uns!«, rief er in den Flur.
»Die Security antwortet nicht«, klagte eine blasse Kollegin, wie gelähmt im Vorbereitungszimmer stehend, das als Testlabor diente.
Die Geräte und Substanzen für die Therapie gab es nur hier, alles Unikate. Die mussten sie unbedingt vor dem Mob schützen. Der erste Vermummte tauchte aus dem Treppenhaus auf und erblickte sie sofort. Er rief den andern etwas zu und stürmte auf ihn los. Das Plakat an der Wand wirkte dabei wie eine Einladung. In seiner Euphorie hatte Jamie es von einem begabten Assistenten malen lassen, um dem Personal und jedem, der es wissen wollte, zu erklären, was sie vorhatten. World’s first prenatal gene therapy, verkündete die fette Überschrift stolz und zuversichtlich.
Die Kollegin erwachte aus ihrer Starre.
»Die dürfen hier nicht rein!«, rief sie und schlug die Tür zu.
Es gab keinen Schlüssel, also zerrten sie das nächste Pult als Barrikade unter den Türgriff. Es reichte bei Weitem nicht, um die Tür zu blockieren. Die geballte Kraft von drei, vier Chaoten schob das Möbel beiseite wie eine Kartonschachtel. Die Kollegin schrie auf. Ein erster Schlag traf die empfindliche Hochgeschwindigkeits-Zentrifuge, nur Zentimeter von ihrer Hand entfernt. Er wollte sie aus der Gefahrenzone zerren. Zu spät: Ein Bulldozer überrannte ihn, den Schläger schwingend. Jamie verlor das Gleichgewicht, prallte auf eine harte Kante. Der Bulldozer landete auf ihm. Er spürte einen stechenden Schmerz im rechten Arm, dann schwanden seine Sinne.
Der Druck auf der Brust war immer noch da, als er die Augen aufschlug. Phantomschmerzen, diagnostizierte er, denn er lag auf einem Krankenbett, das ein Pfleger durch die Gänge lotste. Chaoten waren keine mehr zu sehen. Der Lärm hatte sich gelegt. Chaos herrschte nur in seinem Kopf.
»Was ist geschehen?«, fragte er in seinem überdeutlich artikulierten Deutsch, wobei jedes Wort schmerzte. »Wie geht es der Kollegin?«
»Ganz ruhig. Sie sollten nicht sprechen, Doktor. Ich bringe Sie zur Chirurgie. Ihr Arm ist gebrochen.«
Er tauchte wieder ab in einen Dämmerzustand. Die Vorbereitung der Operation lief wie ein Film ab, der ihn nicht betraf. Beim zweiten Erwachen blickte er ins Gesicht seiner Hauptkommissarin.
»Ich wäre wirklich bis zum Ende geblieben, Liebes«, versicherte er lächelnd.
Chris küsste ihn vorsichtig und murmelte weinerlich:
»Ich dumme Kuh bin einfach weitergefahren. Erst kurz vor Potsdam habe ich Haases Nachricht abgehört. Entschuldige.«
»Wenigstens musstest du mich nicht lange suchen.«
»Du solltest nicht so viel reden, sagt der Arzt. Deine Rippen sind gequetscht.«
Er hatte so etwas vermutet. Das war allerdings das kleinste Problem.
»Halb so wild. Wie geht’s der Kollegin, sonst jemand verletzt?«
Sie schüttelte den Kopf. »Der schwarze Block hatte es nur aufs Inventar abgesehen. Das ging allerdings gründlich in die Brüche. Tut mir leid für dein Projekt.«
»Und mir für die Patientin — und dein Konzert.«
»Nicht unser bester Tag«, murmelte sie bitter.
»Das Team wird natürlich ohne mich weitermachen. Wenn ich den Verband an meinem Arm richtig interpretiere, falle ich für zwei Monate aus.«
»Der Arzt hat von vier Monaten gesprochen.«
»Ach Quatsch, du kennst die Ärzte. Die übertreiben gerne.«
Das Lachen verging ihm schnell.
»So sieht also eine Auszeit aus«, sagte er nach einer Weile traurig.
»Nicht, wenn wir sie gemeinsam genießen.«
»Ist das dein Ernst?«
Sie nickte. »Vielleicht Zeit, deine alte Heimat zu besuchen.«
»England?«
»Gibt’s noch eine andere?«
Immer wieder für eine Überraschung gut, dachte er versonnen lächelnd.
FOWEY, CORNWALL
Etwas abgelegen aber dem Vorhaben durchaus angemessen, dachte Jack, als er aus dem Taxi stieg. Die viktorianische Villa lag in einem kleinen Park auf einer Terrasse über dem Hafenstädtchen am River Fowey. Die spektakuläre Landschaft stand der Architektur des Hauses in nichts nach, selbst im strömenden Regen. Ein idealer Rückzugsort für gestresste Londoner Banker, um an einem entspannten Wochenende eine der wichtigsten strategischen Entscheidungen ihrer Karriere zu treffen. Sie würden sich dennoch nicht entscheiden können. Er kannte die Typen. Deshalb war er selbst hergereist und wollte sich nicht auf seine Spezialisten verlassen, die zwar entschieden mehr von der Technik und den Risiken verstanden aber eben nicht Chef waren. Das hier war Chefsache.
Die junge Frau, die mit Riesenschirm auf ihn zu eilte, überstrahlte die Sintflut mit ihrem Lächeln und der krausen, roten Mähne, dass es ihn wärmte wie jedes Mal, wenn sie ihn ansah.
»Jack, was stehst du im Regen rum?«, rief sie lachend.
Sie zog ihn unter dem Schirm an sich, verschloss seinen Mund mit Lippen so rot wie ihr Haar und wollte ihn nicht wieder loslassen.
»Katja«, versuchte er zu artikulieren, worauf sie den Griff lockerte. »Dein großer Tag, was?«
Ohne Eile schlenderten sie zum Haus. An so einem Tag musste man jedes Wetter einfach ignorieren, als fände es nicht statt.
»Dein großer Tag«, gab sie schmunzelnd zurück.
Dafür würde er kämpfen, die Skeptiker notfalls in der Luft zerreißen. Sein Start-up war dabei, den ganz großen Deal zu landen. Das ging nicht ohne Kollateralschaden. Katja wusste es genauso wie er. Sie brauchten nicht darüber zu sprechen. Er folgte ihr zu ihrem Zimmer, einer ziemlich düsteren Wohnung mit schweren Gardinen an den Fenstern und dunklen Möbeln aus dem Fundus von Queen Victoria.
»Mister Scrooge nicht zu Hause?«, fragte er scherzhaft.
»Der erste Eindruck täuscht, mein Lieber. Das Bad ist top mit Regendusche.«
»Eigentlich habe ich den Regen allmählich satt«, murrte er.
»Kann ich verstehen. Beeil dich. Die Kollegen warten nicht gerne mit dem Sunday roast.«
Sie hatte wie oft ein wenig übertrieben. Die einzige Dame und die drei Herren unterhielten sich bereits angeregt über vollen Tellern, als er im Restaurant eintraf. Niemand wartete auf ihn. Er war derjenige, der dieses Projekt unbedingt wollte. Das war ihm klar. Er kannte die beiden Executive Vice Presidents der Gordon United Bank noch nicht persönlich, wohl aber Harry Walsh, den Verantwortlichen für den Geschäftsbereich Trade Finance, Handelsfinanzierung. Katja hatte das Geschäft mit Import- und Exportkrediten im Wesentlichen von ihm gelernt. Umso erstaunter nahm Jack dessen geradezu kühle Reserviertheit bei der Begrüßung zur Kenntnis. Darauf war er nicht vorbereitet. Er hatte Walsh auf seiner Seite gewähnt. Katjas vielsagender Blick entging ihm nicht. Er kam nur etwas gar spät seiner Meinung nach. Carter, der das Firmenkundengeschäft der Bank leitete, brach das Eis mit der Bemerkung:
»Endlich bekommt die Blockchain ein Gesicht.«
»Dann wissen Sie jetzt alles über die neue Technologie, und ich darf mich hemmungslos am Büfett bedienen«, gab er lachend zurück.
»Den Yorkshire Pudding kann ich vorbehaltlos empfehlen«, versicherte Ross grinsend, der Chefjurist der Gordon United Bank.
Walsh enthielt sich eines Kommentars. Katja begleitete ihn ans Büfett.
»Tut mir leid wegen Harry«, murmelte sie. Die Lippen bewegten sich kaum dabei.
»Du hättest mich warnen müssen.«
»Konnte ich nicht! Erst seit heute Mittag zeigt er mir die kalte Schulter. Keine Ahnung, was ihm über die Leber gekrochen ist.«
»Er wird doch nicht eifersüchtig sein?«
»Blödsinn. Er könnte mein Vater sein.«
»Umso schlimmer«, sagte er lächelnd.
Er lud sich etwas Kalbsbraten auf den Teller, Lauch mit der geliebten Cheddar-Käse-Soße dazu und natürlich eine satte Portion des hochgelobten Yorkshire Pudding.
»Der Appetit scheint dir noch nicht vergangen zu sein«, lachte sie.
Sie hatte Harry Walshs Haltung komplett falsch eingeschätzt. Umso mehr strengte sie sich nach dem Essen im Kaminzimmer an, Jack, sein Start-up und das wichtige Projekt im besten Licht erscheinen zu lassen. Mit dankbarem Lächeln Richtung Walsh sagte sie:
»Alles, was ich über das Geschäft mit Letters of Credit gelernt habe, hat Harry mir beigebracht. Er war ein guter Lehrer.« Mit Blick in die Runde fügte sie an: »Sonst säße ich jetzt nicht hier.«
Die vollen Bäuche waren durchaus empfänglich für Selbstironie, inklusive Walsh. Sie fuhr weiter:
»Von ihm habe ich gelernt: Das LC-Geschäft ist ein Trust Business. Es geht vor allem um Vertrauen, Vertrauen in unsere Bank aber auch Vertrauen in unsere Partnerfirmen. Das Projekt, über das wir heute beraten, existiert zwar noch nicht offiziell, aber geben wir ihm doch einen Namen, der ausdrückt, worum es wirklich geht.«
»Die Spannung steigt«, bemerkte Carter, genussvoll am Wasser nippend, als wäre es Cognac.
»TRUST21«, sagte Katja.
Damit überraschte sie auch ihn. Sie hatten nie darüber gesprochen. Er konnte sich jedoch keine bessere Bezeichnung vorstellen, begriff sofort, was sie damit ausdrücken wollte. Katja beendete das betretene Schweigen:
»Weshalb 21, fragen Sie sich. Ganz einfach. Ich will damit ausdrücken, dass dies ein Projekt ist, mit dem wir das Trust Business mit Technologie des 21. Jahrhunderts noch sicherer und attraktiver für unsere Bank und die Kunden machen.«
EVP Ross, das gesetzliche Gewissen der Bank, nickte als Erster zustimmend.
»Gefällt mir«, pflichtete Carter ihm bei.
Walsh blickte Katja mit einer Mischung aus Bewunderung und Skepsis an und murmelte:
»Tönt vielversprechend, aber vielleicht konzentrieren wir uns erst mal darauf, was uns die großartige Technologie des 21. Jahrhunderts wirklich bringt.«
»Genau um das zu erklären, bin ich da«, warf Jack schnell ein. »Wenn Sie gestatten, möchte ich etwas ausholen, um sicherzustellen, dass wir von denselben Voraussetzungen ausgehen, und um Missverständnisse zu vermeiden.«
Auf einem bereitstehenden Flipchart zeichnete er mit wenigen, gut eingeübten Strichen den typischen Ablauf eines LC–Geschäftes auf.
»Das dürfte Ihnen bekannt vorkommen«, bemerkte er schmunzelnd dazu. »Ich skizziere dieses Geschäft, um aufzuzeigen, was sich mit der Blockchain-Technologie ändern wird.«
Ross, der Jurist, starrte verwirrt auf die Zeichnung, während die andern zustimmend nickten. Das gehörte zur Taktik. Er wollte die Leute behutsam an die Problematik und seine Lösung heranführen, verzichtete daher auf ausführliche Beschriftung. Stattdessen verwendete er Abkürzungen, die er mindestens dem Juristen erklären musste. Das gab ihm reichlich Zeit, seine Gedanken zu ordnen und jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. Alles andere hätte das Projekt gefährdet, seiner Meinung nach.
»Die Abkürzungen sprechen für sich«, fuhr er also fort, »aber lassen Sie mich ein konkretes Beispiel machen.«
Er deutete aufs Kästchen, das er mit IMP bezeichnet hatte.
»Nehmen wir an, ein britischer Maschinenbauer benötigt Stahlprofile aus China im Umfang von zehn Millionen Pfund. Als Importeur, IMP, will er sicher sein, dass die Ware rechtzeitig und in vereinbarter Qualität geliefert wird.« Sein Finger bewegte sich aufs Kästchen mit der Bezeichnung EXP zu. »EXP, der Exporteur in China, andererseits muss sicherstellen, dass seine Ware auch bezahlt wird, wenn er liefert. Würden sich die beiden hundertprozentig vertrauen, gäbe es kein Problem. Das Geschäft käme ohne Weiteres zustande. Es wäre nicht nötig, eine dritte oder vierte Partei am Deal zu beteiligen. Sie wissen natürlich, dass dies bei Geschäften dieser Größenordnung nie der Fall ist.« Schmunzelnd fügte er an: »Zum Glück für Ihre Bank, sonst würden Sie nichts dabei verdienen.«
Er wartete, bis eine Serviceangestellte die Schalen mit Gebäck aufgefüllt und frischen Tee und Kaffee ausgeschenkt hatte. Harry Walsh machte keinen Hehl aus seiner Ungeduld. Jacks Lektion langweilte ihn.
»Ich komme gleich zum Punkt«, versicherte er daher. »Weil Vertrauen fehlt, braucht es die Bank BIMP des Importeurs, der er vertraut, und die Bank BEXP des chinesischen Exporteurs, der dieser vertraut – und den Letter of Credit.«
Damit waren alle vier Kästchen auch zur Zufriedenheit des Juristen erklärt.
»So betrachtet ist ein LC nichts anderes als ein Zahlungsversprechen der Bank des britischen Maschinenbauers an die Bank des Exporteurs und damit indirekt an den chinesischen Lieferanten der Stahlprofile. Wie Sie wissen, ist dieses Versprechen genau und ausführlich dokumentiert. Das ist gleichzeitig die Schwachstelle am herkömmlichen LC-Geschäft: der weitgehend manuelle, auf Kurierdiensten aufbauende Dokumenten-Verkehr.«
Mit dicken, schwarzen Pfeilen unterstrich er, wovon er sprach.
»Es beginnt mit dem Antrag des Importeurs an seine Bank mit dem Versprechen, die zehn Millionen unter ganz bestimmten Bedingungen zu zahlen. Kreditprüfung und Eröffnung des entsprechenden Letters of Credit durch die Bank des Importeurs folgen, dann die Weiterleitung der LC-Dokumente an die Bank des Exporteurs in China, die Prüfung dort, die Weiterleitung an den Exporteur, damit der die Lieferung veranlasst. Schließlich die Bestätigung der Verschiffung der Stahlprofile in einem chinesischen Hafen, die Bill of Lading. Beide Banken prüfen die Frachtpapiere, bis endlich die Import Bank die Zahlung nach China auslösen und das Konto des Maschinenbauers belasten kann.«
Er musste erst Atem holen, bevor er weiterfahren konnte.
»Nur schon diese grobe Skizze des Geschäfts zeigt doch deutlich, wie viele Schnittstellen diese Dokumente durchlaufen müssen und wie viele kritische Einzelheiten teils mehrfach manuell geprüft werden. Aus technischer Sicht sind hier viele verschiedene Systeme und Datenbanken involviert, die alle von Hand synchronisiert werden müssen. Ich muss Ihnen nicht erklären, wo überall Fehler und Verzögerungen auftreten können in diesem komplexen Prozess.«
»Das ist uns bekannt«, brummte Walsh, während Jack auf dem Flipchart ein halbes Dutzend verschiedenfarbige Datenbanken zur Illustration andeutete.
Die anfangs übersichtliche Skizze nahm dadurch chaotische Züge an. Es war keine Übertreibung. Im Gegenteil, Katjas Geschichten, die das Leben schrieb, hörten sich viel dramatischer an.
»Nun zur Lösung mit der Blockchain«, sprach er weiter und schlug ein neues, leeres Blatt auf. »Keine Angst, um zu verstehen, wie diese neue Technologie die Schwachstellen des heutigen Prozesses beseitigt, müssen Sie die technischen Details nicht verstehen.«
Die neue Skizze bestand im Wesentlichen aus einem dicken Strich, den er mit Blockchain anschrieb, und den vier bekannten Kästchen, jedes mit einem dünnen Strich mit der Blockchain verbunden.
»Das ist die Lösung, die ich Ihnen vorschlage. Alle am Geschäft Beteiligten sind über sichere Leitungen mit ein und derselben Blockchain verbunden. Diese wirkt als Datenbank, wo alle Informationen zum Deal laufend aktualisiert und sicher verschlüsselt abgelegt sind. Der Hauptunterschied zu einer klassischen, verteilten Datenbank besteht darin, dass jeder Eintrag in der Blockchain unumkehrbar, unveränderlich und nicht kopierbar gespeichert ist. Dafür sorgt die Mathematik, auf der diese Technologie beruht.«
Der heikelste Punkt seiner Präsentation war damit erreicht. Obwohl er weitgehend auf technische Details verzichtet hatte, drohte er die Zuhörer mit seiner Blockchain zu überfordern. Die Anwesenheit des Juristen, der gerne den naiven Unwissenden gab, erwies sich jetzt als Segen. Er stellte genau die richtige Frage:
»Das sieht für mich trotzdem aus wie eine zentrale Datenbank. Wer garantiert deren Integrität, und weshalb sollen alle Beteiligten darauf vertrauen?«
»Wie gesagt, handelt es sich bei der Blockchain um ein verteiltes System. Es gibt keinen zentralen Rechner oder Administrator mit allen Zugriffsrechten wie bei gewöhnlichen Datenbanken. Wer welchen Zugriff hat, entscheiden allein die Verantwortlichen des jeweiligen Geschäfts, indem jeder sich mit einem sehr aufwändig gestalteten und sicheren, privaten Schlüssel identifiziert.«
»Schlüssel können verloren gehen«, wandte Walsh ein.
Jack nickte lächelnd. »Das war in der Tat ein Problem in der Vergangenheit und ist es teils heute noch. Sie haben vielleicht darüber gelesen im Zusammenhang mit der Kryptowährung Bitcoin. Es gibt Untersuchungen, dass Bitcoins im Wert von rund einer Milliarde Dollar für immer verloren sind, weil die Besitzer ihren Schlüssel verloren oder vergessen haben.« Er wartete, bis sich das Raunen unter den Zuhörern gelegt hatte, bevor er schmunzelnd weiterfuhr: »Das ist der beste Beweis für die Sicherheit des Systems. Kein Hacker wird je diesen verlorenen Reichtum stehlen können. Dafür sorgt die Mathematik.«
Walsh gab noch nicht auf. Gereizt entgegnete er:
»Außer jemand stiehlt oder findet den Schlüssel.«
»Absolut richtig«, gab er zu, »aber genau das werden Sie selbst durch Ihre Projektorganisation zu verhindern wissen.«
»Nicht anders als bei einem anonymen Nummernkonto, Harry«, gab der Jurist zu bedenken.
Walsh schwieg verärgert. Carter, der mit dem Firmenkundengeschäft letztlich auch verantwortlich war für die Handelsfinanzierungen von Walsh und Katja, schien auch noch nicht ganz überzeugt zu sein.
»Wie müssen wir uns diese Blockchain vorstellen, wenn es keinen zentralen Server gibt, wie Sie sagen?«
»Ich erspare Ihnen technische Details, aber gut, dass Sie fragen. Die Blockchain, die unsere Firma hier vertritt, läuft zurzeit auf einem Netzwerk von nahezu tausend Computern, betrieben von über fünfhundert großen und kleinen Firmen aus zwanzig verschiedenen Branchen. Es ist wichtig, dass es so viele verschiedenartige Betreiber sind. Trotzdem werden die Kosten für ein LC-Geschäft nur einen Bruchteil der heutigen Kosten betragen. Je mehr unterschiedliche Interessen vertreten sind, desto geringer wird die ohnehin verschwindend kleine Gefahr von Manipulationen der Software. Ein striktes Konsens-Protokoll sorgt nämlich dafür, dass Einträge in die Blockchain oder Upgrades der Software nur möglich sind, wenn eine qualifizierte Mehrheit der Betreiber ihr O. K. dazu gibt.«
»Ist ja toll«, murmelte Walsh.
Niemand reagierte auf die abfällige Bemerkung. Die Zeit für das Killerargument war gekommen, fand Jack.
»Alle Vorteile der Blockchain sind natürlich der Konkurrenz nicht verborgen geblieben«, schloss er. »Führende Banken, Schwergewichte wie HSBC oder die Bank of Amerika, haben sich zum Beispiel im R3-Konsortium zusammengeschlossen und arbeiten mit Hochdruck an einschlägigen Projekten. Andererseits wird die Luft im traditionellen LC-Geschäft dünn, habe ich mir sagen lassen.«
Katja lächelte ihm zu, Carter runzelte die Stirn als Zeichen der Zustimmung.
»Mit der Blockchain-Technologie aber wird die Gordon United Bank wieder ganz vorne dabei sein.«
Der Wink mit dem Zaunpfahl wäre wohl nicht nötig gewesen. Der Wille, das Projekt TRUST21 in Angriff zu nehmen, war sowieso vorhanden. Einzig Walsh lieb skeptisch. Jack sprach Katja auf der Fahrt zum Flughafen Newquay darauf an.
»Ach was«, wehrte sie ab, »Harry ist einfach ein Banker von altem Schrot und Korn, konservativ bis auf die Knochen. Er ist überfordert mit der neuen Technologie.«
»Deshalb bist du ja jetzt die Projektleiterin, gratuliere.«
Sie lachte. »Ich denke, das war von Anfang an klar. Du hast dich aber auch nicht übel geschlagen, Schatz.«
»Auch das war von Anfang an klar. Schließlich habe ich Eton überlebt, dann schaffst du alles.«
Sie lachte ihn rundweg aus. »Du bist nur dank deines reichen Onkels Lord Latimer nicht von der Schule geflogen.«
»Na hör mal!«
Mehr brauchte er nicht zu sagen. Wo sie recht hatte, hatte sie recht.
ASCOT
Jack brauchte Lord Latimer nicht lange zu suchen. Er fand ihn im Clubzelt, das schon für das kommende Royal Ascot vorbereitet war. Noch nicht alles war perfekt aber die Bar bereits anständig bestückt, und ein paar junge Ladies gab es auch, denen der alte Schwerenöter den Hof machen durfte.
»Interessiert es dich gar nicht, wie dein Gaul läuft?«, fragte er seinen Onkel mit strafendem Blick auf den Martini rosso.
»Der verliert sowieso wieder gegen die Kampfmaschine aus Chambers’ Gestüt. Drink?«
Die Uhr zeigte gerade mal zehn. Latimer war kein Trinker, wohl aber ein Genießer, der keine Gelegenheit ausließ, seiner eigenen Seele zu schmeicheln. Jack winkte dankend ab und setzte sich aufs Sofa gegenüber.
»Du musst mir einen Gefallen tun«, sagte er ohne Umschweife.
Lord Latimer schüttelte die weiße Mähne. »Ich glaube, du verwechselst da was, Jack. Es ist genau umgekehrt. Du bist mir einen Gefallen schuldig.«
»So, welchen denn und warum?«
»Weil ich dich großgezogen habe, sonst wärst du im Waisenhaus gelandet wie Oliver Twist.«
Jack wehrte lachend ab. »Fang nur nicht wieder damit an, Onkel Latimer. Zum Glück für uns beide haben sich die Hausangestellten gut um mich gekümmert, sonst hättest du kaum überlebt.«
Es war der übliche Schlagabtausch zur Begrüßung. Jack fühlte sich dennoch etwas schäbig, seinen Onkel allzu selten aufzusuchen und nur dann, wenn er etwas von ihm verlangte. Schließlich hatte er ihn nach dem Unfalltod seiner Eltern aufgenommen wie ein Vater. Ein Butler näherte sich diskret mit dem Programm des nächsten Rennens.
»Platz und Sieg auf ‘Black Beauty’«, sagte der Lord, ohne hinzusehen.
Der Butler entfernte sich mit einer leichten Verbeugung. Über Geld mussten sie nicht sprechen, das wusste Jack. Bei Latimer waren alle Einsätze sowieso durch hundert teilbar.
»Also kein Drink«, sagte der Lord enttäuscht und leerte seinen Martini. »Es muss ein schmerzhafter Gefallen sein, den du von mir verlangst.«
»Keineswegs. Im Grunde handelt es sich um ein freudiges Ereignis.«
Lord Latimer horchte auf. »Ach, heiratet ihr endlich wie anständige Leute?«
»Da muss ich dich enttäuschen. Du weißt doch: die Steuern. Man ist einfach flexibler im Konkubinat.«
»Du warst schon immer ein Schlitzohr.«
»Ich muss eben auf mein Geld achten, nicht wie andere Leute.«
»Wenn du so weitermachst, lasse ich dich aus dem Zelt werfen.«
Jack brauchte jetzt doch einen Drink. Er winkte die Bardame herbei und bestellte ein Tonicwater.
»Yuck!«, platzte Latimer heraus. »Gin Tonic ohne Gin. Wer säuft denn so etwas? Hast du gar keine Manieren mehr?«
»Die Sache ist zu wichtig für alkoholische Getränke.«
Er wartete aufs Getränk, nahm einen kräftigen Schluck, dann ließ er die Katze aus dem Sack.
»Wir haben den Auftrag von Katjas Bank im Trockenen.«
Latimers Reaktion enttäuschte. Mit verständnislosem Blick wartete er auf mehr.
»Die Blockchain! Du erinnerst dich?«
Latimers Augen weiteten sich. Seufzend versuchte Jack, seinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen. Latimer hörte zwar geduldig zu, aber es war offensichtlich, dass er seine Erklärungen als bloßen Lärm empfand.
»Ich will es kurz machen, Onkel Latimer«, schloss er deshalb. »Ich möchte, dass du mich in deinen Beefsteak Club einlädst, wenn die Granden der Bank of England dort aufkreuzen.«
»Was willst du denn von meinen Exkollegen bei der Bank of England?«, fragte Latimer verblüfft.
»Das ist etwas kompliziert. Da muss ich ausholen …«
Latimer winkte energisch ab. »Spar dir deine Erklärungen. Sollen sich die Halsabschneider bei der Bank damit amüsieren.«
»Ist das ein Ja?«
Die abendliche Rushhour erreichte ihren Höhepunkt, als er sich nach einem kurzen Briefing in den Räumen seiner BC Global Trading Ltd. am Canada Square auf den Weg nach Hause machte. Die Angestellten der umliegenden Büros strömten wie jeden Werktag aus den Hochhäusern auf den Platz, der ebenso gut in Manhattan statt an der Londoner Canary Wharf liegen könnte. Eine fette Menschenschlange wälzte sich zur nahen Bahn- und Busstation, kleinere Gruppen standen mit Gläsern und Bechern vor den Pubs und Cafés und unterhielten sich lachend über Sport oder andere Nichtigkeiten, um den stressigen Arbeitstag irgendwie aus dem Kopf zu kriegen.
Jack wollte nur noch heim. Es gab gute Nachrichten für Katja und den kleinen Patrick. Sein altes Postschiff lag keine zehn Minuten Fußweg entfernt in einer kleinen, ruhigen Marina, ideal für seine langen Arbeitszeiten aber auch für den gemeinsamen Sohn, der hier fast schon in ländlicher Idylle aufwachsen konnte, fern vom Dreck der Großstadt.
Patrick spielte mit Daisy am Wasser. Die Golden-Retriever-Dame war eine gute Schwimmerin und liebte die Marina wie die ganze Familie. Beide sprangen ihm entgegen, Patrick sichtlich besorgt.
»Was ist passiert?«, fragte der Junge aufgeregt.
Jack nahm ihn lachend in die Arme. »Nichts, was soll passiert sein?«
»Sag du es mir, Dad. Du hast selbst einmal gesagt, wenn du früh nach Hause kommst, stimmt etwas nicht.«
»Ach, das war ein Scherz, mein Großer. Mach dir keine Sorgen. Im Gegenteil, ich habe gute Nachrichten für dich und Mama.«
»Sie musste zur Botschaft. Die Nanny ist noch da.«
Lisa saß auf Deck, vertieft in ihr Smartphone. Sie wusste nicht, weshalb Katja überraschend zu ihrem Vater geeilt war. Katja antwortete auch nicht auf dem Handy. Musste er sich Sorgen machen? Abwesend ging er zu den Spielkameraden zurück, nachdem er Lisa entlassen hatte.
Der Pizzakurier war kaum wieder abgefahren, als Katja zurückkehrte, blass, Sorgenfalten auf der Stirn. Da sie keine Anstalten machte, darüber zu sprechen, versuchte er sie mit den good news von Lord Latimer aufzuheitern.
»Ich werde die Bank of England ins Boot holen«, schwärmte er. »Ist das nicht fantastisch?«
Sie stand gedankenverloren in der winzigen Kombüse und sah durchs Bullauge einer Segeljacht beim Manövrieren zu.
»Du hörst mir gar nicht zu«, sagte er enttäuscht.
Sie widersprach nicht, blickte ihn nur eine Weile schweigend an. Ihre Augen glänzten.
»Weinst du? Um Himmels willen, was ist …«
»Vater hat Krebs, Leukämie.«
Mit allen möglichen beruflichen oder finanziellen Rückschlägen und schwierigen Bankkunden hatte er gerechnet aber doch nicht mit so einem hinterhältigen Schicksalsschlag. Nicht jetzt, da alles so gut lief. Sie begann zu schluchzen. Er nahm sie in die Arme, drückte sie an sich, um sie zu beruhigen.
»Wie schlimm ist es denn?«, wagte er nach einer Weile zu fragen.
»Ohne Therapie geben ihm die Ärzte ein halbes Jahr, vielleicht ein Jahr.«
»Es gibt eine Therapie? Das ist gut, sehr gut sogar.«
Sie schüttelte die roten Locken. »Es gibt vielleicht eine Therapie. Zuerst muss abgeklärt werden, ob seine Variante von Leukämie darauf anspricht.«
»Es besteht also Hoffnung, immer noch gut.«
Sein Optimismus steckte sie nicht an. Schweigend setzte sie Tee auf. Erst als sie am Tisch Platz nahm und Patrick sich mit Daisy in seine Kajüte im Heck zurückzog, sagte sie unvermittelt:
»Ich brauche das Geld.«
»Wovon sprichst du?«
»Die 200.000.«
Es war ein Schlag in die Magengrube. Sie wollte ihre Investition in seine Start-up-Firma zurückziehen. Das Ansinnen traf ihn so unvorbereitet, dass er ausrief:
»Bist du verrückt?« Er bereute es sofort. »Entschuldige.«
Zu spät. Wie angeschossen sank sie zusammen, etwas Unverständliches murmelnd.
»Entschuldige, Katja, es ist mir einfach so rausgerutscht.«
Sie sah auf. Ihr Blick verhieß nichts Gutes.
»Ich brauche das Geld für die Therapie«, betonte sie.
Er ergriff ihre Hände. Sie zog sie sofort weg.
»Liebes, du weißt, dass das nicht geht. Deine Investition ist ein wichtiger Bestandteil unseres Kapitals. Das Geld ist langfristig gebunden. Ich habe keine 200.000 Pfund flüssig.«
»Aber du kannst sie flüssigmachen.«
»Wie stellst du dir das vor? Das geht nicht, gerade jetzt, da wir jeden Penny in die Vorbereitung eures Projekts stecken.«
»TRUST21!«, platzte sie bitter heraus. »Das ist doch jetzt nicht mehr wichtig. Es geht um Leben und Tod für meinen Vater. Verstehst du das nicht?«
Er versuchte zu beschwichtigen und goss bloß Öl ins Feuer. Sie sprang auf, wütend, verzweifelt.
»Du sorgst dafür, dass die 200.000 morgen auf meinem Konto sind, basta!«
»Katja, sei doch vernünftig. Es geht nicht. Die Firma besitzt zurzeit nicht so viel flüssige Mittel. Ich kann dir die 200.000 jetzt nicht auszahlen. Tut mir leid.«
Sie wurde laut. »Du lässt also Vater lieber krepieren?«
»Ach, bin ich jetzt schuld an seiner Krankheit?«
Er hatte sich wieder provozieren lassen. Sie stand unter Schock und argumentierte völlig irrational. Er entschuldigte sich noch einmal und versuchte, das Gespräch in vernünftige Bahnen zu lenken.
»Könnt ihr nicht einen Kredit bei Chambers aufnehmen? Der Mann schwimmt im Geld und ist ein guter Freund des Botschafters.«
Sie schüttelte betrübt den Kopf. »Vater steht schon mit einer halben Million bei ihm in der Kreide.«
»Dann eben bei der Bank. Deine Bank gibt dir doch sicher Kredit …«
»Noch einen?«, brauste sie auf. »Ich brauche frische Luft.«
Sie rannte beinahe aus dem Boot.
»Warum streitet ihr?«, fragte Patrick.
Der Junge und Daisy sahen ihn mit vorwurfsvollen Blicken an.
»Dein Opa ist krank. Mama ist deshalb etwas gereizt. Sie beruhigt sich schon wieder.«
LONDON
Jack betrat das Backsteinhaus mit gemischten Gefühlen, dessen klassische Fassade sich hinter üppigem Grün vor dem Lärm und Staub der Straße schützte. Lord Latimers Briefing war kurz und unmissverständlich ausgefallen: keine Frauen, keine Gäste, no bullshit. Er war also nicht als Gast willkommen im Beefsteak Club, ein Paria unter Auserwählten, lediglich geduldet für eine kurze Ansprache vor dem Dinner. Beef natürlich aber ohne ihn, getreu dem Motto: beef and liberty.
Die Herren erwarteten ihn im Speisesaal. In ihren blauen Uniformen mit den goldenen Knöpfen beschäftigten sie sich wohl intensiver mit der Garstufe der erwarteten Steaks als mit den Segnungen der Blockchain, über die er sie aufklären wollte. Latimer stellte ihn kurz vor, dann winkte er den Butler herbei.
»Charles, ein Gin Tonic für den Herrn aber ohne Gin bitte.«
Jack war zwar den Umgang mit dem Dünkel der upper class aus seiner Zeit in Eton gewohnt, aber die Atmosphäre in diesem Raum voller griesgrämiger Porträts und hungriger alter Herren schlug ihm dennoch auf den Magen. So gesehen wäre ein Gin ohne Tonic die bessere Wahl gewesen.
Er fasste sich kurz bei seiner Einführung in die Technologie des 21. Jahrhunderts. No bullshit, dachte er bei jedem zweiten Satz. Die meisten Anwesenden interessierte nicht einmal das. Sie hörten aus reiner Höflichkeit gegenüber Lord Latimer zu. Erst als er den Report der Bank of England über Kryptowährungen erwähnte, horchten die zwei anwesenden Honoratioren der Bank auf. Der Gouverneur selbst war zwar nicht dabei, wohl aber zwei seiner engsten Mitarbeiter, der stellvertretende Gouverneur ‘Monetary Policy’ und der stellvertretende Gouverneur ‘Markets & Banking’.
»Was hat dieser Report mit Ihrer Blockchain zu tun, bitte?«, fragte der Verantwortliche für die Geldpolitik.
Endlich kommt Bewegung in den Laden, dachte Jack erleichtert.
»Eine sehr gute Frage, Sir«, sagte er dankbar. »Es sind zwei Aspekte, die ich in diesem Zusammenhang betonen möchte. Keine Sorge, ich werde nicht auf die Einzelheiten des exzellenten Reports eingehen. Nur so viel: Der Report handelt vom Wesen und möglichen Einsatz digitaler Währungen. Solche Währungen wie die bekannte Bitcoin sind nichts anderes als erste konkrete Anwendungen der Blockchain-Technologie. Das ist aber nur der eine Aspekt. Wichtiger, gerade für die Bank of England als obersten Währungshüter, scheint mir die einmalige Gelegenheit, die sich nun bietet, digitale Währungen als neues Instrument der Geldpolitik einzusetzen, und zwar ohne den befürchteten Kontrollverlust.«
Es war offensichtlich, dass er alle Anwesenden außer den beiden Spezialisten der Bank überforderte. Die steckten kurz die Köpfe zusammen, zeigten jedoch sonst keine Regung. Eine peinliche Pause entstand. Schließlich ergriff Latimer das Wort. Er dankte Jack für die »interessanten Ausführungen« und schloss mit der Bemerkung zu Butler Charles:
»Sie können auftragen.«
Frustriert folgte Jack dem Onkel, der ihn hinausbegleitete.
»Das war wohl ein Schuss in den Ofen«, bemerkte er beim Abschied.
Latimer schüttelte den Kopf. »Abwarten. Die Bank of England lässt sich eben nicht in die Karten schauen. Deine Antwort hat den Schlitzohren jedenfalls gehörig zu denken gegeben.«
»Ach ja? Davon habe ich nichts bemerkt.«
»Wundert mich nicht«, murmelte Latimer wie zu sich selbst.
Mit einem aufmunternden Klaps auf die Schulter verabschiedete er ihn.
»Kopf hoch, Junge, nicht aufgeben. Immer daran denken, was du in Eton gelernt hast.«
»Lieber nicht«, brummte er, nachdem die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, »hat schon damals nicht funktioniert.«
BERKSHIRE
Daniel Chambers trat aufgewühlt auf den Balkon über dem Portal seines Landsitzes in Berkshire. Der Blick auf die Stallungen beruhigte ihn gewöhnlich. Nicht an diesem Morgen, denn acht Millionen waren auch für die Chambers Holding kein Pappenstiel. Sein Ruf stand auf dem Spiel, das Wichtigste also, denn die Geschäfte gründeten auf nichts anderem. Niemand wusste es besser als er. Er wandte sich verärgert ab und ging ins Büro zurück. Dort starrte er wütend aufs rote Telefon, das schwieg, als wollte es ihn provozieren. Ein Daniel Chambers ließ sich nicht provozieren, sagte er sich beim Versuch, sich zu beruhigen. Es gab Schwierigkeiten in Shenzhen. Er spürte es in den Knochen. Wenn der verfluchte Su Lim nicht bald … Wütend biss er in einen Cracker. Er schmeckte wie Sägemehl. Er goss Tee nach, lauwarmes Spülwasser. Fluchend drückte er auf die Klingel für den Butler.
»Wollen Sie mich vergiften?«, herrschte er ihn an.
Der Butler entschuldigte sich, räumte ab und kehrte kurz danach mit frischem Tee und Gebäck zurück.
»Habe ich das bestellt?«, brauste Chambers auf.
Der Bütler lud wortlos alles wieder aufs Tablett.
»Lassen Sie stehen, und sorgen Sie dafür, dass ich in der nächsten Stunde unter keinen Umständen gestört werde, nicht einmal von der Queen.«
»Sehr wohl, Sir.«
Der Butler zog sich mit einer Verbeugung zurück. Er würde ihm die üble Laune nicht nachtragen. Sie war Standard in letzter Zeit.
Das rote Telefon summte und blinkte, endlich. Der Anrufer konnte nur Su Lim sein. Niemand sonst kannte die Hotline nach Shenzhen. Er zwang sich zur Ruhe und hob ab.
»Ich höre.«
»Die Papiere haben Verspätung, Daniel.«
»Was du nicht sagst! Was ist so schwierig daran, eine Bill of Lading zu organisieren? Ist ja nicht das erste Mal, oder?«
»Tut mir leid. Es gibt offenbar Schwierigkeiten mit dem Export. Die Qualität der Ware wird überprüft. Die Bank des Exporteurs bremst, sagt Ming.«
»Sagt Ming!«, äffte er ärgerlich nach. »Dann mach Chou Ming gefälligst Beine! Meine Bank wird ungeduldig. Ich muss dir nicht erklären, was das für uns beide bedeutet.«
»Alles klar, Chef. Ich bleibe dran.«
Was denn sonst, Idiot, dachte er, während er den Hörer auf die Gabel knallte. Der Letter of Credit über acht Millionen Pfund blieb also blockiert. Solang die Exportpapiere nicht bei der Importbank eintrafen, würde sie die Zahlung nicht auslösen. Das Geschäft drohte zu scheitern. Scheitern aber war keine Option für die Chambers Holding und schon gar nicht für einen Daniel Chambers. Keines seiner LC–Geschäfte durfte scheitern. Keines war je gescheitert. Su Lim und Chou Ming, die Verantwortliche bei der Shenzhen Industrial Bank, waren verlässliche Geschäftspartner. Er hatte jahrelang nie daran gezweifelt – bis jetzt.
Mürrisch verließ er das Büro. Auf dem Weg zu den Stallungen fing ihn der Professor ab. Dr. Jonas Herder, der Sohn des Botschafters, wirkte nervös, betrübt, krank irgendwie. Chambers fürchtete, der nächste Depressionsschub kündigte sich beim jungen Mann an. Botschafter Herder war nicht zu beneiden um diesen Nachwuchs, Doktor- und Professorentitel hin oder her. Andererseits fühlte er selbst sich gleich besser beim Anblick des Schmerzes in Jonas Herders fahlem Gesicht.
»Ich muss die Arbeit in der Bibliothek leider unterbrechen, Mr. Chambers«, sagte Jonas und fügte unnötigerweise an: »Ich fühle mich nicht sonderlich wohl. Eine Erkältung vielleicht.«
Mitgefühl war nicht sein Ding. Er antwortete nur:
»Sie kennen die Deadline.«
»Keine Sorge«, murmelte Jonas und humpelte zum wartenden Taxi.
Manchmal fragte sich Chambers, weshalb er den Altphilologen weiterbeschäftigte. Die Antwort lag natürlich auf der Hand. Er brauchte das wertvolle Beziehungsnetz seines Vaters in der deutschen Botschaft. Am Ende erwies sich der kleine Lohn, den er Jonas für den Unterhalt der Bibliothek zahlte, doch als gute Investition.
»Was meinst du, Hannibal?«
Der Rappe schnaubte zufrieden, als er ihm über die Nüstern strich.
»Auf dich ist wenigstens sicher Verlass«, sagte er, während der Stallbursche den Hengst für den Ausritt sattelte.
Schon aufgesessen, sah er den Butler aufgeregt herbeieilen, sein Mobiltelefon in der ausgestreckten Hand.
»Ich glaube, es ist wichtig, Sir«, rief ihm der schwer atmende Mann zu. »Der Anrufer hat Sie schon dreimal zu erreichen versucht und Meldungen hinterlassen.«
»Warum sagen Sie mir das erst jetzt?«
»Sie wollten nicht gestört werden, Sir.«
Widerstrebend nahm er das Telefon. Die Nummer des Anrufers war unterdrückt. Die letzte Meldung verriet hingegen, wie wichtig der Anruf war.
»Danke«, sagte er zum Butler, der sich keineswegs überrascht zeigte.
Er lenkte Hannibal im Schritttempo außer Hörweite, dann hielt er an, stieg ab und rief die Nummer an, unter der er den anonymen Anrufer jederzeit erreichte. Sie hielten sich nicht mit Floskeln auf. Wenn sein Informant anrief, ging es um gute Geschäfte, also kam der gleich zur Sache.
»WILTECO, die Wiltshire Technology Company in Salisbury, stellt Batterien für Elektrofahrzeuge her. Aus sicherer Quelle wissen wir, dass die Firma jetzt einen Auftrag der Armee an Land gezogen hat. Es geht um die Ausrüstung von 10.000 Elektro–Geländefahrzeugen.«
Der Informant legte eine Pause ein. Ungeduldig fragte Chambers:
»Was geht uns das an?«
»WILTECO braucht Rohstoffe aus China, Lithium-Kobalt-Oxide.«
Ein klassisches Import Geschäft, wie geschaffen für seine Firma, dachte Chambers. Es gab doch noch gute Nachrichten.
»Von welchem Volumen sprechen wir?«
»Rohstoffe für 10.000 EV–Batterien. Nach aktuellem Kurs beläuft sich das Volumen auf 48 Millionen Pfund.«
»Holy crap!«, rief er aus, dass der Hengst erschrak. »Habe ich richtig verstanden? 48 Millionen Pfund?«
»Yes, Sir.«
Eine warme Welle durchströmte ihn, als hätte die Sonne hinter den grauen Wolken die Intensität verdoppelt.
»Ich brauche sofort alle Dokumente«, sagte er.
»Selbstverständlich, Sir.«
»Wenn wir diesen Deal vermasseln, sind wir alle tot.«
Darauf erhielt er keine Antwort.
»Holy crap!«, murmelte er noch einmal und drückte den roten Knopf.
KAPITEL 2
BRIGHTON
Das Skelett des ausgebrannten West Piers rief unangenehme Erinnerungen wach. Seit dem Aufenthalt mit seiner Judith in Brighton stand die Ruine sinnbildlich für den frühen Zerfall seiner Ehe. Chambers hatte geglaubt, längst darüber hinweg zu sein, aber der Anblick schmerzte, als hätten sie sich erst gestern getrennt. Es war nicht Judith, die ihn verlassen hatte, nicht die gescheiterte Beziehung, die schmerzte. Sein eigenes Versagen konnte er nicht vergessen, das hatte er inzwischen begriffen. Ein einziges Mal im Leben hatte er ein wichtiges Projekt in den Sand gesetzt, genauer: in den lausigen Kies am Strand von Brighton, der sich nur für Senioren eignet, die mit Strohhut und Jackett auf ihren Liegestühlen vergammeln. Nichts hatte sich verändert in den zwanzig Jahren. Jedenfalls nichts Augenfälliges, dachte er bitter, während er den Aston Martin am Palace Pier vorbei zum Parkplatz bei der Marina lenkte. Bevor er ausstieg, zog er sich den schwarzen Anorak über und stülpte die Kapuze über Kopf und Baseballmütze. Sein Gesicht sollte von keiner der zahlreichen Überwachungskameras erfasst werden. Niemand brauchte zu wissen, wen Daniel Chambers hier aufsuchte.
Der Campingplatz lag eine knappe Meile vom Hafen entfernt in einem Wäldchen. Der Ort eignete sich gut für solche Treffen, musste er sich eingestehen, läge er nicht neben dem verhassten Brighton. Das Wohnmobil auf Platz 27 sah verlassen aus. Niemand zu Hause, stellte er bald fluchend fest. Er hatte keine Lust, in seiner lächerlichen Verkleidung hier herumzuhängen. Stattdessen gab er sich sportlich, joggte ein Stück weit auf einem Feldweg, bis er außer Sichtweite war, dann rief er an.
»Harvey Edwards. Ich bin zurzeit nicht erreichbar. Sie wissen ja, wie es geht. Piep.«
Chambers schäumte. Wäre Edwards sein Angestellter, er wäre den Job sofort los. Leider war er auf den Anwalt angewiesen. Edwards wusste zu viel und er brauchte seine Dienste gerade jetzt dringender denn je. Mürrisch schlenderte er zum Platz zurück. Ein Land Rover stand neben dem Wohnmobil. Harvey Edwards schloss eben die Tür auf. Der gequälte Gesichtsausdruck erinnerte ihn an Jonas Herder.
»Tut mir schrecklich leid, Mr. Chambers. Ich wurde aufgehalten.«
»Muss ja ziemlich wichtig gewesen sein«, brummte er.
»Meine Frau will die Scheidung.«
»Willkommen im Klub. Es gibt hoffentlich einen Ehevertrag.«
Edwards ließ ihn schweigend eintreten. Chambers konnte nur den Kopf schütteln.
»Kein Ehevertrag. Mensch, Sie sind Anwalt!«
»Wer rechnet denn mit so etwas«, seufzte Edwards. »Bier?«
Er stellte zwei Flaschen auf den schmalen Tisch und öffnete sie. Kalt, stellte Chambers befriedigt fest. Der Kühlschrank in Edwards Zweitwohnung funktionierte also, eine gute Voraussetzung für den Umzug, falls er aus der gemeinsamen Wohnung in London flog.
»Sie möchten über das stockende Geschäft sprechen«, vermutete Edwards.
»Die acht Millionen?« Chambers winkte ab. »Schon bald Schnee von gestern.«
»Gut zu hören. Es geht also vorwärts?«
»Das habe ich nicht gesagt.«
Edwards’ Gesichtsausdruck verdüsterte sich wieder, nachdem er sich kurz aufgehellt hatte.
»Der LC bleibt also suspendiert«, murmelte der Anwalt nachdenklich. »Das wird der Bank nicht gefallen.«
»Die sollen sich nicht so anstellen. Bisher hat ja niemand Geld verloren. Im Gegenteil, die Bank hat eine fette Provision eingestrichen wie jedes Mal.«
»Die halbe Provision«, korrigierte Edwards. »Den Rest erhält sie erst, wenn die Ware geliefert und bezahlt ist. So steht’s im Vertrag.«
»Und wenn schon.«
Chambers trank einen großen Schluck aus der Flasche, um den Ärger herunterzuspülen. Die Enttäuschung über das schleppende Geschäft in Shenzhen drängte sich wieder in den Vordergrund, weil der Korinthenkacker von Anwalt darauf herumreiten musste. Er war verdammt noch mal nicht deswegen nach Brighton auf diesen lächerlichen Campingplatz gefahren.
»Sie werden die Leute bei der Bank schon beruhigen und noch ein paar Tage hinhalten. Das schaffen Sie doch?«
Sein Blick bohrte sich in Edwards Gehirn, dass ihm nichts anderes übrig blieb, als überzeugt zuzustimmen.
»Also«, fuhr er fort, »es geht nicht um den Kredit über acht Millionen. Ich bin hier, um über ein anderes Geschäft zu sprechen, das Sie der Bank ankündigen werden.«
Er skizzierte den Deal der WILTECO, soweit er es für nötig hielt und schloss mit der Aufforderung:
»Sie werden also bei der Bank einen neuen Letter of Credit über 48 Millionen Pfund beantragen.«
Edwards’ Reaktion auf die unerhörte Summe fiel ähnlich aus wie seine. Der Anwalt schnappte nach Luft, dann setzte er die Bierflasche an und stellte sie erst ab, als sie fast leer war.
»48 Millionen«, keuchte er, um nach einer Weile den Kopf zu schütteln. »Das wird schwierig werden.«
»Niemand hat behauptet, Ihr Job sei einfach.«
»Die Bank wird zusätzliche Sicherheiten verlangen.«
Chambers nickte lächelnd. »Genau das werden Sie den Bankern ausreden. Unsere Firma macht jetzt seit Jahren gute Geschäfte mit diesem Institut. Die werden eine solche Kundenbeziehung nicht leichtfertig aufs Spiel setzen, indem sie auf Standardprozeduren für 0815-Kunden herumreiten. Nicht bei so einem dicken Fisch, Mr. Edwards.«
Der Anwalt sah ihn gequält an wie anfangs, wagte jedoch nicht, zu widersprechen. Chambers leerte die Flasche und ging zur Tür. Bevor er das Wohnmobil verließ, sagte er:
»Ich zähle auf Sie. Wenn dieser Deal gelaufen ist, werden Sie Partner sein in Ihrer Kanzlei. Sehen Sie bloß zu, dass Ihre Frau nichts davon erfährt, bevor die Scheidung durch ist. Die Kanzlei wird die Dokumente in den nächsten Tagen erhalten. Good luck.«
BERKSHIRE
Der Sonntagnachmittag war wie geschaffen für den kleinen Empfang. Es hatte aufgehört zu regnen. Die kleinen Pfützen am Rand der Kieswege würden die Gartenparty nicht stören. Die Sonne brach durch die Wolkendecke und verbreitete eine angenehme Wärme. Da und dort zeigten sich blaue Flecken am Himmel. Das Personal bereitete die Leckereien und Getränke für den Afternoon Tea vor, als wäre es genau dafür angestellt, mürrisch zwar aber flink. Daniel Chambers hätte rundum zufrieden sein müssen, doch seine Laune hatte sich seit dem Besuch in Brighton nicht gebessert.
»Ich erwarte freundliche Gesichter. Sag das deinen Leuten«, herrschte er Matlock an.
Sein Vertrauter und Bodyguard zeigte keine Begeisterung für die Fantasie-Uniform als Chef de Service. Er verstand das. Trotzdem musste das Gesicht zum Anlass passen.
»Dieser Scheiß Kragen bringt mich um«, knurrte Matlock.
»Kannst ihn ja nachher erschießen. Betonung auf nachher, verstanden?«
Der Bodyguard gab keine Antwort. Immerhin gab er seine Anweisung ungefiltert an die Kollegen weiter. Nach einem Kontrollblick ging Chambers ins Büro. Wenigstens ein Projekt, das ohne Probleme über die Bühne ging, dachte er dabei.
Su Lim hob sofort ab und entschuldigte sich, bevor er ein Wort sagen konnte.
»Das Schiff liegt seit zwei Tagen im Hafen, aber es tut sich nichts. Die Prüfung der Ware dauert. Und bevor du fragst, Chef: Chou Ming hat keinen Einfluss darauf. Die Entscheidung liegt allein bei der beauftragten Kontrollstelle.«
»Das interessiert mich einen feuchten …«, brauste er auf, zwang sich aber sogleich zur Ruhe. »Du wirst einen Weg finden, Lim«, sagte er und legte auf.
»Sir?«
Der Butler stand in der Türöffnung.
»Was gibt’s?«
»Ein Mr. Edwards möchte Sie sprechen. Er sagt, es sei dringend.«
Irgendetwas explodierte in Chambers’ Hirn.
»Sind Sie völlig übergeschnappt?«, fuhr er den Anwalt an zur Begrüßung. »Man soll uns nie zusammen sehen. Was ist daran so schwer zu verstehen?«
»Niemand ist mir gefolgt, und außer Ihrem Angestellten hat mich niemand gesehen. Es tut mir leid. Sie waren nicht zu erreichen, aber ich brauche eine Unterschrift.«
Sein Zorn war wie weggeblasen durch die unerwartete Wendung.
»Was für eine Unterschrift?«
»Die Bank wird den Kredit unter zwei Auflagen bewilligen.«
»Die wären?«, fragte er lauernd.
»Erstens muss klar sein, ob die acht Millionen bezahlt werden oder der LC storniert wird. Das habe ich ja schon angedeutet. Zweitens müssen fünf Millionen auf Ihrem Konto verfügbar sein, damit die 48 Millionen vom Board genehmigt werden.«
Chambers’ Blutdruck stieg gefährlich an.
»Habe ich nicht deutlich gesagt, Sie sollen das den Geiern ausreden?«
Edwards schüttelte den Kopf. »Keine Chance. Ich glaube aber, es gibt gar kein Problem …«
»Ach, sieh an, sind Sie jetzt unter die Gläubigen gegangen?«, unterbrach er wütend.
Edwards schien sich seiner Sache sicher. Jedenfalls antwortete er ruhig:
»Es gibt kein Problem, Mr. Chambers. Für den Fall eines temporären Engpasses schlage ich vor, Ihre Villa in Südfrankreich zu belehnen.«
Er wartete auf eine Reaktion. Chambers war so verblüfft über den Vorschlag, dass er schwieg.
»Der Belehnungswert übersteigt die fünf Millionen bei Weitem«, fuhr Edwards fort. »Das wäre sozusagen der Plan B. Dafür brauche ich Ihre Vollmacht.«
Er breitete das Dokument auf dem Schreibtisch aus und hielt ihm den Stift hin. Motorenlärm drang durchs offene Fenster. Die Staatskarosse des deutschen Botschafters fuhr vor. Chambers nahm den Stift und unterschrieb blindlings mit der Bemerkung:
»Tun Sie, was Sie nicht lassen können. Und jetzt sehen Sie zu, dass Sie Land gewinnen und niemandem begegnen. Ich muss mich um die Gäste kümmern.«
Jürgen Thurow, der Fahrer und Pitbull des Botschafters, stieg zuerst aus. Misstrauisch sah er sich um, als befände er sich in Feindesland, bevor er Klaus Herder die Tür öffnete. Der deutsche Botschafter verkörperte in seinem perfekten Maßanzug und mit dem weißen Schnurrbart, auf Idealmaß getrimmt wie für einen Schönheitswettbewerb, deutsche Korrektheit und Ernsthaftigkeit wie niemand sonst. Nach seinem Äußeren und Auftreten zu beurteilen, müsste Klaus Herder im Grunde der Professor der Familie sein, nicht sein Sohn Jonas, der Professor, dachte Chambers amüsiert. Katja, die Tochter, begleitete den Botschafter. Sie reiste mit ihrem eigenen roten Porsche an. Jonas, der Bücherwurm, hatte sich bereits in der Bibliothek vergraben. Er stieß zu den Gästen, als diese am Tisch unter den Sonnenschirmen Platz nahmen, blass und stumm wie ein Gespenst aus einem seiner Folianten.
Chambers setzte zum kurzen Grußwort an, als ein silberner Rolls-Royce Phantom in majestätischem Bogen vorfuhr und stoppte, dass der Kies spritzte. Lord Latimer saß selbst am Steuer, obwohl er wissen musste, dass er eine Gefahr für alle andern Verkehrsteilnehmer darstellte. Dynamisch wie ein junger Internetmillionär sprang er aus dem Wagen und eilte auf die Gesellschaft zu.
»Bin ich zu spät? Schon abgeräumt?«, scherzte er, laut über seinen Witz lachend.
Er begrüßte die Bekannten reihum mit kräftigem Händedruck. Mit einem bedauernden Blick auf Katja sagte er:
»Jack lässt sich leider entschuldigen. Er kann seine Computer gerade nicht allein lassen.«
Katja zuckte nur die Achseln. Chambers konnte sich eine spitze Bemerkung nicht verkneifen.
»Ich dachte, es wäre umgekehrt. Der Computer macht die Arbeit, der Mensch feiert Party.«
»Dachte ich eigentlich auch«, stimmte Latimer schmunzelnd zu. »Stattdessen mutiert der Mensch zum Sklaven der Maschine. Soll einer die heutige Welt verstehen.«
Der Botschafter ergriff das Wort.
»Die Welt befindet sich im Umbruch«, sagte er nachdenklich, »insbesondere auch die Welt der Banken, wie mich meine kluge Katja immer wieder belehrt. Was sagt denn die Bank of England dazu, mein lieber Latimer?«
Chambers verstand, dass der Botschafter mit dem Stichwort Bank of England nichts anderes bezweckte, als Latimer eine oder zwei seiner urkomischen Anekdoten aus der alten Zeit zu entlocken. Es kam ganz anders. Latimers Gesicht wurde ernst, als er seine Bank verteidigte.
»Die Gouverneure mögen alt und verknöchert wirken wie ich, aber ich kann Ihnen versichern, Exzellenz, dass sich die Herren auch mit allerneusten Technologien beschäftigen.«
Katja versuchte sofort, die sich andeutenden Wogen zu glätten.
»Das hat mir Jack bestätigt«, bekräftigte sie. »Alles andere wäre auch fahrlässige Pflichtverletzung, und das kann man dem Gouverneur der Bank of England nun wirklich nicht vorwerfen.«
Chambers ließ die Etageren auftragen, um die Stimmung weiter zu entspannen. Gleichzeitig überlegte er, Latimer künftig nicht mehr einzuladen. Der alte Mann verhielt sich zunehmend unberechenbarer. Der Botschafter konzentrierte sich auf seine Familie, insbesondere auf Katja, deren Nervosität Chambers keineswegs entging. Da war etwas im Busch, das ihn irgendwie betraf. Er besaß feine Antennen für so etwas, ein Grund, weshalb er Erfolg hatte. Nach dem ersten Cognac wirkte Latimer entspannter. Er klopfte Jonas auf die Schulter und sagte:
»Ich höre, Sie haben eine Bibel meines berühmten Vorfahren ausgegraben.«
»Lord Latimer Cromwell«, antwortete Jonas leicht gekränkt.
»Nein, ich meine natürlich Oliver Cromwell, junger Mann.«
»Schon klar aber auch falsch. Die Neuerwerbung, die ich Ihnen gleich in der Bibliothek zeigen werde, ist eine bisher verschollene Bibel von Heinrich VIII. Sie enthält Notizen in der Handschrift des Königs, die er unmittelbar nach der Trennung von Rom verfasst haben muss.«
»Ich bin beeindruckt. Hoffentlich lästert er ausgiebig gegen den Vatikan.«
»Heinrich VIII. war nicht begeistert vom damaligen Papst. So viel steht fest.«
»Warum sehen wir uns die Sache nicht im Original an?«, unterbrach der Botschafter mit einer aufmunternden Geste Richtung Jonas.
Der erhob sich und führte die Gesellschaft zum Ostflügel des Hauptgebäudes, wo sich die Bibliothek befand. Stahltüren wie im Tresorraum einer Bank, ein Schloss mit PIN-Code und Überwachungskameras sicherten den Zutritt. Die Bibliothek war nichts weniger als eine kleine Festung innerhalb des Hauses.
»Mit gutem Grund«, erklärte Chambers die Vorsichtsmaßnahmen. »Du, lieber Klaus, konntest dich ja bereits vom Wert der Sammlung antiker Bücher überzeugen«, sagte er zum Botschafter. »Lord Latimer und deine Tochter werden mir nach dem Besuch zustimmen, dass hier jede Sicherheitsmaßnahme mehr als gerechtfertigt ist.«
»Falls wir eingelassen werden«, scherzte Latimer.
