Die Zecke - Hansjörg Anderegg - E-Book

Die Zecke E-Book

Hansjörg Anderegg

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Beschreibung

Diese Zecke ist intelligent und tödlich. Sie verfolgt dich. Siehst du sie, ist es zu spät. Sie nennen sie MOTHER, die Kampfdrohne, die im hohen Norden Schwedens auf eine deutsche Reisegruppe stürzt und den Bundestagsabgeordneten Niemeyer tötet. Ein Attentat auf den prominenten Gegner von Waffengeschäften mit Schweden, getarnt als Unfall? Hauptkommissarin Chris Roberts vom BKA ermittelt. Beweisstücke vom Absturzort lassen Chris nur erahnen, welch brandgefährliches Geheimnis die noch völlig unbekannte Neuentwicklung des Rüstungskonzerns LFT in sich birgt. Sie entdeckt den entscheidenden Hinweis nach einem spektakulären Überfall auf das Werk in Linköping. Steht ein Anschlag unmittelbar bevor? Die Jagd beginnt. Zu spät? Der 11. Fall mit BKA–Kommissarin Chris

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Seitenzahl: 558

Veröffentlichungsjahr: 2022

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DIE ZECKE
Impressum
KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
KAPITEL 5
KAPITEL 6
KAPITEL 7
KAPITEL 8
KAPITEL 9
KAPITEL 10
KAPITEL 11
KAPITEL 12
KAPITEL 13
KAPITEL 14
KAPITEL 15

Hansjörg Anderegg

DIE ZECKE

Der 11. Fall mit BKA-Kommissarin Chris

Thriller

Impressum

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.deabrufbar.

Print-ISBN: 978-3-96752-173-3

E-Book-ISBN: 978-3-96752-673-8

Copyright (2022) XOXO Verlag

Umschlaggestaltung: Grit Richter, XOXO Verlag

unter Verwendung der Bilder:

Stockfoto-Nummer: 790134829, 1078680419

von www.shutterstock.com

Buchsatz: Grit Richter, XOXO Verlag

Hergestellt in Bremen, Germany (EU)

XOXO Verlag

ein IMPRINT der EISERMANN MEDIA GMBH

Gröpelinger Heerstr. 149

28237 Bremen

Alle Personen und Namen innerhalb dieses Buches sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

KAPITEL 1

SCHWEDEN, IM HOHEN NORDEN

Er kannte das Geräusch. Es hatte sich immer schon falsch angehört. Damals in der verfluchten Steinwüste von Kandahar, wo dir die heißen Winde die nackten Ohren sandstrahlen, und später auf dem Stützpunkt Manching bei Ingolstadt, dort vor allem. Aber hier in Schwedens hohem Norden gab es dieses widerliche Geräusch einfach nicht. Er musste sich irren. Ein Rückfall, PTBS. Der Krieg würde niemals vorbei sein, da konnte er noch so grün politisieren im Bundestag. Er schüttelte den Kopf, um das lästige Geräusch aus den Ohren zu kriegen.

»Habe ich was Falsches gesagt, Herr Niemeyer?«, erkundigte sich der Expeditionsleiter verwirrt.

Horst Niemeyer winkte lächelnd ab. Der junge Schwede nahm den Faden wieder auf. Niemeyer hörte nur mit einem Ohr zu. Das Brummen wollte nicht enden, und die Köttbullar aus der Konservensuppe lagen schwer im Magen. Die kleine Gruppe Abenteurer aus Deutschland stand an einem heiligen Ort, wo Touristen normalerweise keinen Zutritt hatten. Trotz der Allemansrätten, des Rechts auf freien Zutritt selbst zu Privatgrundstücken, respektierte man die heiligen Stätten der Samen. Steinkreise wie dieser am Fuß des seltsam geformten Felsens, dessen scharf geschnittene Nase über dem Heiligtum wachte, sollten nicht gestört werden. Nur die Rentierherde des alten Ante durfte sich am Gras zwischen den Granitblöcken laben, wie der Leiter nach einem kurzen Gespräch mit dem Hirten feierlich versicherte. Es war ein äußerst einseitiges Gespräch. Der Same im blau-roten Wams mit dem Hut der vier Winde auf dem Kopf nickte bloß hin und wieder. Die Wörter kamen so spärlich aus seinem Mund, wie die Grashalme aus dem felsigen Boden ragten.

»Hört ihr das auch?«, rief jemand dazwischen.

Ein alarmierender Pfeifton mischte sich ins Brummen. Alle Blicke richteten sich auf die Felsnase, von wo das rasch lauter werdende Geräusch zu kommen schien. Panik ergriff die Rentiere. Sie stoben nach allen Seiten auseinander. Der Same streckte beide Hände aus, unverständliche Laute ausstoßend. Er zeigte in die Gegenrichtung. Jetzt hörten es alle. Es war nur das Echo, das vom Felsen abprallte. Die Gefahr kam von hinten. Sie näherte sich schnell wie ein Jet. Ein tief fliegender Jet. Horst Niemeyer blieb wie angewurzelt stehen, gelähmt vom Anblick der Drohne, die wie ein riesiger Pelikan mit prall gefülltem Schnabel auf sie zu raste. Es blieb keine Zeit zu fliehen, wohin auch? Der Schnabel öffnete sich und stieß eine schwarze Wolke aus. Das Pfeifen schwoll bis zur Schmerzgrenze an. Im nächsten Augenblick schoss ein Blitz aus der Drohne. Das Geräusch brach abrupt ab. Die schwarze Wolke legte sich wie ein Leichentuch über die Abenteurer, den Hirten und die Herde. Die Drohne glitt in unheimlicher Stille auf die Gruppe zu. Das brennende Triebwerk war das Letzte, was die Augen des Abgeordneten Horst Niemeyer aus Niedersachsen erblickten.

Es war noch nicht zu Ende. Die Drohne schrammte mitten durch die fassungslosen Zuschauer auf den Steinkreis zu, riss die Tiere mit, die nicht schnell genug reagierten. Ein Granitblock hielt sie endlich auf, kippte dabei um und begrub den Hirten Ante unter sich.

Der Fahrer des Geländewagens, der die Gruppe hergebracht hatte, rannte laut rufend herbei, gestikulierend, als könnte er damit das Hightech-Kriegsgerät verscheuchen und den Frieden wiederherstellen, der noch vor wenigen Minuten hier geherrscht hatte. Angesichts der Katastrophe verließ ihn die Kraft. Er blieb stehen, sank beim toten Abgeordneten Niemeyer in die Knie, und die Stimme versagte ihren Dienst. Sein Hilferuf an den Reiseleiter war nichts als ein heiseres Röcheln.

»Frank! Was – ist das? Bist du …«, stammelte er tonlos.

Der Freund lag mit geschlossenen Augen am Boden. Sein Kopf blutete. Zwei, drei Reisende richteten sich stöhnend auf. Ein Junge begann hysterisch zu schreien. Er schien unverletzt, aber seine Eltern lagen wie tot neben ihm. Der Fahrer beugte sich über Frank, berührte ihn vorsichtig. Endlich kehrte Leben in den Reiseleiter zurück. Er schlug die Augen auf. Einige Sekunden starrte er den Fahrer verwirrt an.

»Frank, Gott sei Dank!«

»Was ist …«

Frank richtete sich auf, sah sich um und stöhnte kraftlos:

»Sag, dass das nicht wahr ist.«

»Du blutest.«

Frank ignorierte die Bemerkung und erhob sich. Der Fahrer atmete auf. Er hatte keine Ahnung, wie er sich in einer solchen Lage verhalten sollte. Es war seine erste Fahrt ins Niemandsland. Sonst hatte Frank stets den älteren Bruder dabei. Wenn Frank auch wie Niemeyer … Nicht auszudenken. Die Eltern des Jungen erhoben sich mühsam. Der Vater knickte wieder ein, schaffte es jedoch, sich selbst aufzurichten. Das Geschrei des Jungen hörte auf. Während der Fahrer wie zur Salzsäure erstarrt stehenblieb, ging Frank auf die Familie zu.

»Wie kann so etwas passieren?«, fragte der Vater aufgebracht. »Und was ist das für ein Zeug, das überall herumliegt?«

Frank fehlten die Antworten und die Fragen machten ihn wütend.

»Horst ist tot! Wir müssen uns um die andern kümmern«, sagte er mit bebender Stimme. »Hilf mir, verdammt!«

Der Mann starrte ihn mit offenem Mund an.

»Ich brauche den Erste-Hilfe-Koffer«, sagte die Mutter ruhig. »Ich bin Krankenschwester.«

Der Fahrer reagierte sofort und rannte zum Wagen zurück. Frank fiel ein Stein vom Herzen. Der Blick in die Runde stimmte ihn etwas zuversichtlicher. Es gab weitere Verletzte in der Gruppe, aber außer dem Schock schienen sie mit dem Schrecken davongekommen zu sein. Für Horst und den Hirten Ante und vier seiner Rentiere allerdings kam jede Hilfe zu spät. Erschlagen von einer Drohne, die es hier gar nicht geben durfte und einem heiligen Granitblock, ausgerechnet, was für eine grausame Ironie!

»Kein Empfang«, ärgerte sich der Vater des Jungen. »Hat jemand Polizei und Rettung aufgeboten?«

Die Frage war an Frank gerichtet. Er schüttelte den Kopf.

»Kein Empfang«, gab er mürrisch zurück. »Wir müssen so schnell wie möglich zur Basis zurückkehren.«

Der Fahrer brachte den Koffer mit Desinfektionsmitteln und Verbandszeug. Er erinnerte sich offenbar wieder an seine Ausbildung und half der Krankenschwester, die Verwundeten zu versorgen.

»Was ist das für ein schwarzes Zeug, das überall herumliegt?«, fragte der Vater noch einmal.

Frank gab ihm keine Antwort, weil er keine hatte, und weil ihm der Deutsche tierisch auf den Geist ging. Er fragte sich selbst, was die Plastikteile bedeuten sollten, welche die Drohne kurz vor dem Crash ausgestoßen hatte, als wollte sie ihre Opfer nicht nur ausradieren, sondern vorher noch vollkotzen.

»Was geschieht mit den Toten?«, fragte jemand, grau im Gesicht wie die Felsnase.

»Horst nehmen wir mit. Den Hirten können wir nicht bergen. Ich werde Hilfe anfordern, sobald wir Empfang haben.«

Sein Fahrer und die Krankenschwester halfen, den toten Abgeordneten zum Fahrzeug zu tragen. Kein leichtes Unterfangen im felsigen Gelände ohne Wege. Nach einem letzten Blick auf den unglücklichen Ante und seine verlorenen Rentiere, die wie erstarrt ihre toten Freunde umstanden, kehrte Frank dem Grauen den Rücken und ging langsam aufs Auto zu. Motorenlärm und laute Rufe hielten ihn auf. Ein Dutzend oder mehr Samen, alle in der gleichen Tracht wie Ante, eilten vom nahen, ausgetrockneten Bach her auf das Heiligtum zu. Ein Traktor fuhr im Bachbett hinterher. Beim Anblick der Zerstörung und des Leichnams brach ein wütendes Geheul los. Eine Gruppe rannte auf Frank zu, schreiend, Dolch in der Hand. Der Schock lähmte ihn. Er rührte sich nicht vom Fleck, bis er hörte, wie sein Fahrer den Motor startete und schrie:

»Frank! Spring auf! Keine Zeit für Erklärungen.«

Die Autotür schlug zu, als die ersten Männer im blau-roten Wams beim Wagen ankamen. In ohnmächtiger Wut stachen sie auf Karosserie und Reifen ein, zum Glück, ohne ernsthaften Schaden anzurichten. Angstschreie und Flüche begleiteten den verzweifelten Versuch des Fahrers, den Wagen über die Piste voller kopfgroßer Felsbrocken und Schlaglöcher aus der Gefahrenzone zu manövrieren.

Die halbe Strecke zur Basis lag schon hinter ihnen, als endlich ein Balken auf Franks Handy erschien. Kaum zehn Minuten nach seinem Anruf hörte er das Knattern eines Hubschraubers. Er wusste ohne hinzusehen, dass es kein gewöhnlicher Rettungshubschrauber sein konnte. Eine schwere Maschine in grau-grüner Tarnfarbe näherte sich im Zwielicht der tief stehenden Sonne dem Ort des Unglücks: Armee, Air Force.

***

»SAF 21 an Alpha eins«, meldete der Kopilot. »Kein Objekt in Sicht. Seid ihr sicher, dass die Koordinaten stimmen?«

»Alpha eins, natürlich stimmt die Position. Weiter suchen! Over.«

»Weiter suchen«, wiederholte der Kopilot verächtlich. »Sucht ihr doch in dieser gottverlassenen Steinwüste, statt stundenlang am warmen Ofen Fika zu feiern.«

»Wo nichts ist, ist nichts«, stellte sein Pilot korrekt fest.

BERLIN

Hauptkommissarin Dr. Christiane Roberts, die alle nur Chris nannten, weil jedermann sie kannte, betrat ihr Büro im BKA-Bunker am Treptower Park. Es duftete nach starkem Kaffee wie an jedem Morgen, wenn gerade nicht der Teufel los war. Schade nur, dass man solche ruhigen Tage im Präsidium an einer Hand abzählen konnte – im ganzen Jahr. Das Glück war vollkommen, denn die eiskalte Staatsanwältin Winter lag zu Hause mit vierzig Grad Fieber im Bett, und ihr Stellvertreter Wagner wagte noch nicht, die nunmehr altgediente Hauptkommissarin Roberts zu hinterfragen.

»Schmeckt die neue Lage?«, fragte Haase besorgt unter der Tür.

Nichts konnte ihren Fallanalytiker erschüttern außer einer negativen Kritik an seinem Kaffee. Sie hatte erst daran gerochen. Das war schon ein Genuss, den es sonst nirgends gab. Er besaß eine magische Kaffeemaschine. Sie trank einen Schluck mit spitzem Mund und stöhnte wohlig. Haases Gesicht hellte sich auf.

»Ein spät geernteter Arabica aus Kolumbiens Hochland«, dozierte er. »Fantastisch würzig, nicht wahr?«

Emotionen waren ihm fremd außer bei seinem Kaffee, denn er musste ein Außerirdischer sein. Nicht nur war er der beste Fallanalytiker, mit dem sie je gearbeitet hatte. Er war auch der einzige in all den Jahren, was an ein Wunder grenzte bei ihrem unberechenbaren Temperament. Zudem brauchte er offenbar keinen Schlaf und keine feste Nahrung, denn er war rund um die Uhr in seinem Büro erreichbar, und es gab am ganzen Treptower Park niemanden, der ihn je essen gesehen hatte.

Sie leerte die kleine Espressotasse mit einem Schluck, seufzte und fragte nicht zum ersten Mal:

»Wie machen Sie das, Haase?«

Er nahm die leere Tasse, um sie sorgfältig zu reinigen.

»Noch einen?«

Sie kam nicht dazu, zu antworten. Staatsanwalt Wagner stand in der Tür, grün hinter den glühenden Ohren, mit unsicherem Blick und einer Zeitung in der Hand.

»Sie sollten das lesen«, sagte er, breitete einen Artikel mit fetter Schlagzeile vor ihr aus und fuhr mit bebender Stimme fort: »Der Herr Generalbundesanwalt Osterhagen möchte die Sache um neun Uhr mit uns besprechen.«

Die letzten Wörter gingen fast unter im verlegenen Hüsteln. Ihre Überraschung hielt sich in Grenzen. Der smarte und wahnsinnig gut aussehende Herr Osterhagen hatte schon etliche Male für eine solche Überraschung gesorgt. Überraschungen, hinter denen sich stets delikate Spezialaufträge verbargen. Für Wagner war das natürlich Neuland. Es kam nicht jeden Tag vor, dass ein kleiner Staatsanwalt seinem obersten Chef persönlich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand. Nie, um genau zu sein. Wagners Hand zitterte denn auch leise, als er auf die Schlagzeile deutete.

Horst Niemeyer, Bundestagsabgeordneter der Grünen, stirbt bei tragischem Unfall in Schweden, stand prominent auf der Titelseite der FAZ.

Chris versuchte, sich an den Zeitungsbericht zu erinnern, in dem sie diesem Namen kürzlich begegnet war.

»Anwärter auf einen Ministerposten in der neuen Jamaika-Koalition«, kam Haase zu Hilfe.

»Ach ja, ich erinnere mich«, log sie. »DER Niemeyer?«

»DER Niemeyer«, wiederholte Wagner mit Grabesstimme. »Das Regierungsviertel ist in hellem Aufruhr.«

»Deshalb der Generalbundesanwalt«, murmelte sie. »Gibt es denn Anzeichen für ein Verbrechen?«

Wagner zuckte die Achseln. »Lesen Sie.«

Bevor er das Büro verließ, fragte er halb abgewandt:

»Gibt es etwas, das ich wissen müsste vor dem Besuch des Herrn Osterhagen? Irgendwelche Vorlieben, Abneigungen?«

Der Mann tat ihr beinahe leid, verängstigt, wie er war. Sie schüttelte nur den Kopf, um nicht mit einer unbedachten Äußerung Öl ins Feuer zu gießen. Sie hatte kaum Zeit, den Leitartikel fertig zu lesen bis Osterhagen auftauchte, eine halbe Stunde vor dem angekündigten Termin. Wagners Anruf schreckte sie von der Lektüre auf. Sie eilte ins Büro von Staatsanwältin Winter, das für einmal nicht auf winterliche Außentemperatur herunter gekühlt war. Osterhagen deutete einen eleganten Handkuss an, was ihre Ohren sofort glühen ließ. Bei diesem Mann halfen nur starke Betablocker übers Gröbste hinweg.

»Dr. Roberts, ich freue mich, Sie wiederzusehen. Wie geht es Ihnen?«

Er sprach mit einer Stimme, an die sie sich am liebsten angeschmiegt hätte, und erkundigte sich zuerst nach ihrem Befinden, ein Gentleman alter Schule.

»Ich bin nicht sicher«, antwortete sie lächelnd.

Während Wagner sie entsetzt anstarrte, entgegnete der Generalbundesanwalt seinerseits mit hintergründigem Lächeln:

»Ich verstehe, was sie meinen, Hauptkommissarin. Meine Aufträge erweisen sich manchmal etwas schwieriger, als es auf Anhieb erscheint. Das tut mir leid, aber ich kann es nicht ändern.«

»Vor allem wundere ich mich diesmal, weshalb das BKA in einem Fall ermitteln soll, den die schwedischen Kollegen eindeutig als Unfall einstufen. Sollten wir das nicht den Schweden überlassen?«

Osterhagens Gesicht wurde ernst.

»Es gibt zwei Probleme«, sagte er. »Erstens ist der Abgeordnete Niemeyer nicht irgendwer, wie Sie wissen. Die Sache ist also politisch brisant. Zweitens habe ich erfahren, dass die schwedischen Kollegen, wie Sie sie nennen, so gut wie gar nicht ermitteln, was den Absturz des sogenannten Wetterballons betrifft.«

»Wie muss ich das verstehen?«, unterbrach sie überrascht.

»Die Absturzstelle liegt im Grenzgebiet zu einem ausgedehnten militärischen Sperrgebiet. Die Armee kontrolliert die ganze Gegend. Die schwedische Polizei kann dort nichts ausrichten. Sie begnügt sich damit, das Wenige weiterzugeben, was die Armee vorbetet.«

Chris seufzte tief auf und fixierte Osterhagen mit vorwurfsvollem Blick. »Ich wusste es!«

Wagner nickte verständnisvoll und wagte einen Einwand:

»Für mich hört sich das an wie ein Fall für den BND, Herr Generalbundesanwalt.«

Osterhagen nickte. »Völlig richtig, Herr Kollege. Der Nachrichtendienst ist auch bereits an der Arbeit. Es gibt erste Erkenntnisse.« Er zog eine dünne Akte aus der Mappe und fuhr weiter: »Diese Ermittlungen deuten jedenfalls darauf hin, dass es sich nicht um den zufälligen Absturz eines Wetterballons handeln dürfte.«

»Moment!«, warf Chris ein. »Wollen Sie damit andeuten, es handle sich um einen gezielten Anschlag?«

»Das habe ich nicht gesagt. Allerdings wissen wir, dass sich Herr Niemeyer mit seinen engagierten Äußerungen gegen eine militärische Zusammenarbeit mit Schweden ziemlich exponiert hat.«

»Und da verbringt er seinen Urlaub ausgerechnet in diesem Land.«

Osterhagen zuckte die Achseln. »Der BND hat getan, was er in diesem Fall tun konnte. Jetzt sind Sie dran. Ich will wissen, was hinter all den Gerüchten steckt und weshalb ein deutscher Bundestagsabgeordneter sterben musste.«

Eine klare Ansage. Sie verspürte keine große Lust, in den hohen Norden zu reisen, bloß um zu bestätigen, was der Nachrichtendienst ohnehin schon wusste. Andererseits konnte ein wenig Ablenkung nicht schaden, jetzt, da ihr Gatte Jamie doch noch seine drei Monate an der Harvard University lesen durfte. Besser, ihr Haus in Dahlem stünde eine Zeitlang leer, statt es weiter mit dem üblen Gestank ihres Erbrochenen zu verpesten.

KIRUNA

Überrascht trat Chris aus dem Airbus der Skandinavian Airlines ins Freie. Es war deutlich heller in Kiruna als in Stockholm, als wäre die Zeit rückwärts gelaufen seit dem Abflug in der Hauptstadt. Die Sommertage waren lang hier oben in Schwedens hohem Norden. Das willkommene Licht entschädigte sie ein wenig für die Reise wider Willen.

Das Taxi fuhr mitten durch die kleine Stadt an niedrigen Wohnblocks und herausgeputzten Holzhäusern auf grünen Wiesen vorbei zum Hotel. Ein moderner Palast aus Holz und Glas empfing sie.

»Hej«, grüßte die Dame am Empfang.

Sie beobachtete Chris beim Ausfüllen der Anmeldung, als kontrollierte sie die Rechtschreibung.

»Alles in Ordnung?«, fragte Chris irritiert.

Die Antwort war eine Gegenfrage.

»Noch eine deutsche Zeitung?«

Das Gesicht der Frau verriet deutlich, dass sie mit dem Schlimmsten rechnete. Chris lachte. Sie zwang sich, die Frau wie in Schweden üblich zu duzen.

»Du kannst beruhigt sein. Ich arbeite nicht für eine Zeitung, verbringe hier nur ein paar Tage Urlaub.«

Die Sonne schien wieder im Gesicht der Empfangsdame. Sie beugte sich vor und sagte mit verschwörerischer Miene:

»Im Hotel wimmelt es gerade von Reportern. Da passt man besser auf, was man sagt, aber lass dich nicht stören, Christiane.«

»Chris«, korrigierte sie lächelnd und fragte unschuldig: »Was ist denn passiert?«

Die Dame winkte ärgerlich ab. »Sieh dir die Nachrichten an, wenn du dich unbedingt ärgern willst.«

Chris war im Begriff, die Rezeption zu verlassen, um ihren Bungalow aufzusuchen, als die Dame sie mit der Aufforderung verblüffte:

»Genieße die letzten Tage des Sommers!«

»Wir haben gerade mal Ende Juli«, entgegnete sie verdutzt.

Die Dame lächelte das Lächeln des Experten.

»Der Sommer ist kurz hier oben. Im August beginnt schon die fünfte Jahreszeit, wenn die Beeren und Pilze reifen.«

»Die fünfte Jahreszeit«, wiederholte sie verständnislos.

»Bei uns gibt es acht Jahreszeiten«, sagte die kommunikative Dame. »Ich erkläre es dir …«

»Vielen Dank«, unterbrach sie rasch. »Ich bin ziemlich müde von der Reise.«

Die Pressekonferenz hatte begonnen, als sie den Fernseher einschaltete. Die zwei traurigen Figuren auf der improvisierten Bühne taten ihr fast leid. Eine junge Staatsanwältin und der Sergeant der Polizei von Kiruna sahen sich einer Meute von Reportern und Fernsehteams gegenüber, als wäre ein Krieg ausgebrochen. Die Staatsanwältin überließ das Sprechen nach kurzer Einleitung dem älteren Sergeanten Adam Pettersson.

»Adam, bitte«, sagte sie, offensichtlich erleichtert, den Mund schließen zu dürfen.

Adam Pettersson räusperte sich geräuschvoll, bevor er bedächtig langsam zu sprechen begann, jedes Wort vorsichtig abwägend, um ja keinen Fehler zu machen. Das führte schnell zu unverständlichen Sätzen, was einen Reporter derart nervte, dass er kurzerhand dazwischen rief:

»Oscar Johansson vom Aftonbladet. Warum fehlt ein Vertreter der Armee, die für diese Katastrophe verantwortlich ist?«

Eine Sekunde oder zwei herrschte Totenstille, dann hakten weitere Journalisten nach, bis die Staatsanwältin mit ihrem Wasserglas auf den Tisch haute und ausrief:

»Ruhe, oder ich lasse den Saal räumen!«

Das dämpfte die aufgeheizte Stimmung nur leicht. Die Unruhe im Saal war selbst in der Fernsehübertragung der Sveriges Television deutlich zu hören. Der Sergeant räusperte sich noch einmal ausgiebig, trank einen Schluck Wasser und antwortete in leidlich verständlichem Englisch:

»Die Verantwortlichen des Vidsel Test Range haben bereits kommuniziert, dass sie eine Untersuchung zum Absturz der meteorologischen Messsonde eingeleitet haben. Wir warten auf die offiziellen Ergebnisse …«

Der hartnäckige Oscar Johansson unterbrach sofort:

»Wieso wissen die, dass es sich um einen Wetterballon handelt, bevor die Untersuchung überhaupt begonnen hat?«

Sergeant Pettersson warf der Staatsanwältin einen hilflosen Blick zu. Sie versuchte erst, den lästigen Reporter ihrerseits mit Blicken zum Schweigen zu bringen. Bevor sie sich zu einer Antwort entschließen konnte, meldete sich eine Journalistin:

»Ist es richtig, dass die Armee die Verantwortung für das Unglück übernommen hat?«

»Davon gehen wir aus.«

»Was soll das heißen? Ist die Armee nun verantwortlich oder nicht?«, fragte Oscar Johansson.

Es hörte sich an wie verächtliches Gelächter. Dem Sergeanten platzte der Kragen, was Chris am bemerkenswertesten fand an der bisherigen Veranstaltung.

»Oscar! Wenn du dauernd dazwischen quatschst, wirst du nie erfahren, was wir wissen, klar?«

Der Gefühlsausbruch ließ sogar einen Oscar Johansson verstummen. Der Polizeikommandant von Kiruna konnte endlich sagen, was er zu sagen hatte. Sie erfuhr so gut wie nichts Neues, was auch daran lag, dass der gute Mann unvermittelt ins Schwedische abdriftete, eine Sprache, von der sie trotz Blitzstudiums nur jedes fünfte Wort verstand. Im Grunde kannte sie die offizielle Version des Unfalls, bei dem der Minister in spe Horst Niemeyer ums Leben gekommen war, bereits aus der Tagespresse. Das Fazit der Pressekonferenz ließ sich in vier Wörtern zusammenfassen: abwarten und Tee trinken, oder besser: Kaffee, wie in Schweden üblich. Die Nervensäge Oscar Johansson schien allerdings Informationen zu besitzen, die sie interessierten. Sie musste den Reporter sprechen, am besten noch, bevor sie Kontakt zum geplagten Sergeanten Adam Pettersson aufnehmen würde.

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis eine verschlafene Stimme beim Aftonbladet am Telefon antwortete. Lagom!, wiederholte sie im Stillen immer wieder wie ein Mantra, um nicht aus der Haut zu fahren. Ohne dieses schwer zu übersetzende schwedische Zauberwort würde sie mit ihrem Temperament nicht lange überleben in diesem Land, hatte Haase ihr durch die Blume verraten. Seine Interpretation des schwer fassbaren Begriffs verstand sie zumindest: bloß keine Überanstrengung! Glückliche Schweden, die brauchen nur dieses eine Wort, um sich in jeder Lage sofort zu beruhigen, keine Pillen.

»Wir vermitteln grundsätzlich keine Kontakte zu unseren Mitarbeitern«, sagte die müde Stimme. »Oscar Johansson wird zurückrufen, wenn ich erfahren darf, worum es geht.«

Lagom! Laut antwortete sie: »Dürfen Sie.« Sie diktierte ihren Namen und die Hoteladresse und fügte hinzu: »Ich besitze Informationen zum Unfall mit der deutschen Reisegruppe.«

Eine dreiste Lüge, aber besitzen und brauchen kann man schon mal verwechseln am Telefon, dachte sie. An diesem Abend würde wohl nichts mehr aus der Kontaktaufnahme. Müde und gemartert von der Reise ging sie ins Bad. Die warme Dusche weckte zwar keine Lebensgeister, wohl aber ihren Appetit. Sie streifte sich die offenherzige Bluse über, die sie schon in Berlins schwüler Sommerhitze getragen hatte, und schlüpfte in die eng anliegenden Jeans, die sie gut und gerne zehn Jahre jünger erscheinen ließen, falls sie die Blicke von älteren Herren richtig deutete. Das funktionierte auch hier oben im hohen Norden ganz gut, wie sie auf dem Weg zum Restaurant an der Rezeption feststellte. Arsch und Brüste hatten sich bereits positiv entwickelt während der letzten zwölf Wochen, der Bauch zeigte hingegen noch keine Anzeichen. Zusammen mit ihrem strohblonden Schopf also ideale Voraussetzungen, um aufzufallen. Sie verlangsamte ihren Schritt, um dem Kegelklub, der die kommunikative Dame am Empfang belagerte, Gelegenheit zu geben, die Fantasie spielen zu lassen. Das Manöver und der Pfiff aus der Männergruppe wirkten auch bei ihr Wunder. Plötzlich hellwach vernahm sie ein Stichwort aus dem Mund der Empfangsdame, das sie abrupt anhalten ließ.

»Kommt sofort, Oscar«, sprach die Dame ins Telefon.

Chris spitzte die Ohren. Sie trat näher. Der Kegelklub gehörte zur anständigen Sorte, bildete sofort eine Gasse, um sie vorzulassen. Die Empfangsdame war schon wieder am Telefon.

»Der Föhn in der 312 scheint nicht zu funktionieren«, sagte sie hinter vorgehaltener Hand. »Oscar braucht ihn jetzt sofort.«

»Ach ist er schon da?«, freute sich Chris, nachdem sie aufgelegt hatte. »Hat er mir denn keine Nachricht hinterlassen?«

»Die Jahreszeiten!«, erinnerte sich die Dame. »Chris, nicht wahr?«

Chris nickte. Jemand hinter ihrem Rücken wiederholte den Namen verhalten andächtig, um ihn ja nicht mehr zu vergessen.

»Oscar Johansson«, flunkerte Chris, »hat er keine Nachricht hinterlassen?«

Die Dame schaute nach. Der Journalist war also im selben Hotel abgestiegen. Nicht weiter verwunderlich: Es gab nicht viele Hotels in Kiruna, in die sich ein Starreporter verirren würde.

»Keine Nachricht da, tut mir leid, Chris.«

»Das sieht ihm ähnlich!«, schnaubte sie verächtlich.

»Wir sind ja auch noch da«, scherzte einer hinter ihr in perfektem Englisch.

Sie schenkte ihm ein Lächeln, von dem er träumen durfte, und verabschiedete sich mit der Bemerkung:

»312 hast du gesagt? Der kann was erleben.«

Der Magen knurrte nicht mehr. Bungalow 312 hatte Vorrang. Sie durfte sich die Möglichkeit, mit Oscar Johansson zu sprechen, nicht entgehen lassen. Kühle Nachtluft empfing sie. Die Sonne hatte sich hinter dichte Wolken zurückgezogen. Das ließ die Temperatur auch im Sommer schon mal auf unter zehn Grad sinken. Immerhin befand sie sich in Schwedens nördlichster Stadt.

Das tiefe Brummen war ihr vorher nicht aufgefallen. Eine seltsame Unruhe erfüllte die Nacht. LKAB, erinnerte sie sich an Haases Briefing. Die staatlich kontrollierte Minengesellschaft war am Werk, welche die Umgebung von Kiruna und jetzt auch die halbe Stadt seit Jahrzehnten unterhöhlte wie eine Kolonie gigantischer Maulwürfe. Das größte Eisenerzbergwerk der Welt, dem die Stadt die Existenz verdankte, hatte ein Problem. Die Häuser begannen abzusinken, bekamen Risse durch das andauernde Erdbeben tief unter ihren Kellern. Das Brummen konnte jedoch nicht von den Bohrern und Förderwagen stammen, die pausenlos durch die Stollen donnerten. Es mussten die Geräusche des großen Umzugs sein. LKAB und der schwedische Staat hatten beschlossen, die ganze Stadt kurzerhand um drei Kilometer nach Osten aus der Gefahrenzone zu verschieben. Das betraf immerhin 18.000 Einwohner und würde sich über mindestens zwanzig Jahre hinziehen. Von wegen, die Amerikaner hätten den Gigantismus erfunden, dachte sie, auf das Haus 312 zu schreitend.

»Hej, angenehm kühl heute Abend, nicht wahr?«, freute sich die blutjunge Angestellte, die den Föhn für Oscar vorbeibrachte.

Chris, die Arme vor der Brust verschränkt, lächelte leise zitternd.

»Oscar wird ziemlich sauer sein«, fantasierte sie. »Wenn du möchtest, gebe ich ihm den Föhn. Ich bin seine Launen gewohnt.«

Die junge Dame zögerte nur kurz, gab ihr den Apparat und verschwand im Zwielicht, das hier die ganze Nacht herrschte.

»Housekeeping«, rief sie und klopfte an Oscars Tür.

Die Stimme, die sie aus dem Fernsehen kannte, rief etwas auf Schwedisch, das sie nur dem Ton nach interpretieren konnte. Es hörte sich an wie: »Endlich, herein!«

Die Tür war nicht verriegelt, wie in Schweden zumindest auf dem Land noch üblich. Sie trat ein. Oscar Johansson erwartete sie mit grimmigem Blick im Morgenmantel, das Haar auf alle Seiten abstehend wie die Stacheln eines schreckhaften Igels. Er riss ihr den Föhn beinahe aus der Hand und überschüttete sie mit schwedischen Vorwürfen, wie ihr schien. Sie antwortete verbindlich lächelnd:

»Sie müssen mich schon auf Englisch beschimpfen, wenn ich Sie verstehen soll.«

Er starrte sie mit offenem Mund an, dann wich er einen Schritt zurück und fragte unsicher:

»Who are you?«

Sie zeigte ihm den Dienstausweis, worauf er sich ratlos setzte.

»Darf ich?«, fragte sie und zog sich den zweiten Stuhl heran.

»BKA«, brummte er. »Was will das deutsche Bundeskriminalamt von mir? Ich war schon ein Jahr nicht mehr in Ihrem Land.«

»Unser Arm ist lang«, antwortete sie mit schiefem Grinsen, was seine Laune nicht verbesserte.

»Wird das eine offizielle Vernehmung?«, fragte er unwirsch, um sogleich den Kopf zu schütteln. »Kann es gar nicht sein ohne Anwesenheit der schwedischen Polizei.«

»Sachte, sachte«, beruhigte sie. »Ich habe die Pressekonferenz verfolgt und möchte mich nur kurz darüber unterhalten.«

»Ach darum geht›s, um die deutsche Reisegruppe, hätte ich mir denken können.«

Sie nickte lächelnd. »Sehen Sie …« Um die Entspannung zu fördern, beugte sie sich etwas vor, damit er ungenierter in ihren tiefen Ausschnitt blicken konnte. »Ich hatte den Eindruck, Sie wüssten mehr über die Hintergründe des Vorfalls als die offiziellen Stellen.«

Sein Blick löste sich im Zeitlupentempo von ihren Brüsten, die sich zur Waffe entwickelt hatten. Er verzog den Mund zu einem verächtlichen Grinsen und sagte gedehnt:

»Der gute Adam Pettersson.« Nach kurzer Pause schüttelte er den Kopf. »Sie täuschen sich. Es ist genau umgekehrt. Die Polizei weiß mehr als sie sagt. Ich wollte Adam ein wenig provozieren, um ihn aus dem Busch zu locken. Hat leider nicht geklappt.«

Zweckpessimismus, dachte sie. Er wollte seine Informationen für sich behalten, und sie sagte es ihm. Die Wirkung der famosen Brüste verpuffte.

»Was wollen Sie eigentlich?«, brauste er auf. »Hören Sie …«

Mit Blick auf sein wirres Haar unterbrach sie:

»Falls Sie zuerst föhnen wollen, nur zu. Ich kann warten.«

»Aber ich nicht!«

Er erhob sich zum Zeichen, dass das Gespräch beendet war. Sie blieb ungerührt sitzen und sagte:

»Ich schlage Ihnen einen Deal vor.«

Er setzte sich wieder. »Da bin ich aber mal gespannt.«

»Ich treffe morgen Adam Pettersson und werde Auskunft verlangen. Anschließend werde ich mit dem verantwortlichen Reiseleiter sprechen.«

Er lachte auf. »Das können Sie sich sparen. Der hat die Sprache verloren, spricht kein Wort, weder mit uns noch mit der Polizei.«

Sie konnte sich ungefähr vorstellen, weshalb, enthielt sich aber eines Kommentars.

»Wir werden sehen«, sagte sie nur und fuhr fort: »Was ich vorschlage, ist ein informeller Informationsaustausch.«

Er traute seinen Ohren nicht. Schließlich ging er zur Minibar.

»Ich brauche einen Drink, Sie auch?«

Sie verneinte. Er schluckte die paar Tropfen aus einer Ampulle hinunter, die er wahrscheinlich mit Gold aufwiegen musste, bevor er weitersprach.

»Sie wollen ernsthaft Insiderwissen der Polizei preisgeben? Sie wissen schon, dass so etwas illegal ist.«

»Wir sind ja nicht in Deutschland«, grinste sie. »Was kann ich dafür, wenn Adam Pettersson sich morgen verplappert?«

Las sie etwas wie Bewunderung in seinen Blicken, die diesmal nichts mit ihrem Busen zu tun hatten? Er brauchte offenbar Zeit, um die unerhörte Nachricht zu verarbeiten.

»Was wollen Sie dafür?«, fragte er nach langem Nachdenken leise.

»Alles, was Sie über den Vorfall und die Hintergründe wissen.«

Er hatte nichts anderes erwartet.

»Viel ist es leider nicht«, gab er zu.

Als Journalist hatte er sich zuerst darum bemüht, mit den Augenzeugen zu sprechen. Ein einziger Teilnehmer der Reisegruppe war bereit gewesen für ein kurzes Interview am Telefon.

»Die Schilderung dieses Zeugen hört sich jedenfalls ganz anders an, als was uns das Militär und die Polizei glauben machen wollen.«

»Inwiefern?«

»Da ist kein Wetterballon abgestürzt. Es kann sich auch nicht um Satellitentrümmer gehandelt haben. Der Zeuge schwört bei allem, was ihm heilig ist, dass es eine dicke Drohne war, die genau auf sie zu geflogen ist. Das Ding soll zudem kurz vor dem Aufprall eine Menge schwarzes Plastikzeug ausgestoßen haben.«

In der Akte des BND hatte sie von einem Raketenstart zur fraglichen Zeit auf dem Testgelände bei Vidsel gelesen. Rakete oder Drohne, die meteorologische Theorie konnte sie definitiv vergessen.

»Das hört sich reichlich mysteriös an«, sagte sie. »Was für ein Plastikzeug war das?«

Oscar Johansson zuckte die Achseln. »Das müssen Sie Ihre schwedischen Kollegen fragen. Aus dem Zeugen war nicht mehr herauszuholen.« Bevor sie die nächste Frage stellen konnte, fiel ihm noch etwas ein. »Ach ja! Die Absturzstelle ist auch ein Fake.«

»Was soll das heißen?«

»Die offizielle Angabe der Gegend, in der das Ding abgestürzt ist, kann nicht stimmen nach Aussage des Zeugen. Er behauptet, das Unglück habe sich in unmittelbarer Nähe eines Sami-Heiligtums ereignet. Am Ort, den die Polizei bekanntgegeben hat, befindet sich weit und breit nichts dergleichen.«

»Woher wollen Sie das wissen?«

Er warf ihr einen mitleidigen Blick zu. »Recherche und ein Helikopterflug.«

Das Gespräch hatte immerhin einige neue Anhaltspunkte geliefert und ihre Vermutung bestätigt. Sie fasste die Erkenntnis in einer Frage zusammen:

»Sie sind also überzeugt von einem Vertuschungsversuch?«

Er brach in lautes Gelächter aus. »Versuch? Chris, das ist ein riesengroßer Vertuschungsskandal der Armee! Da steckt viel mehr dahinter als das Unglück einer Reisegruppe.«

***

Sergeant Adam Pettersson und sein Assistent, ein junger Kraftsportler mit muskulösen Armen und breiten Schultern, saßen bei Kaffee und Kuchen, als sie am späten Nachmittag des nächsten Tages im Präsidium eintraf. Pettersson begrüßte sie zurückhaltend, was nicht anders zu erwarten war. Der junge Mann zeigte mehr Enthusiasmus. Er offerierte ihr einen Platz in der gemütlichen Runde, Kaffee und Gebäck noch bevor sie seinen Namen kannte. Er hieß Walter Berg und besaß kein Laub auf der Schulterklappe wie der Sergeant, wohl aber eine Nudel, war also trotz seiner Jugend kein Anfänger.

»Die Staatsanwaltschaft hat euch informiert?«, fragte sie der Form halber.

Ein klares Ja kam aus Walters Mund, während sein Vorgesetzter auf einer Zimtschnecke kaute, als handle es sich um rohen Elch.

»O. K., ich will es kurz machen«, sagte sie. »Am besten lese ich einfach eure Akte über den Unfall, da steht sicher alles drin, was ich wissen muss, und ich störe euch nicht bei der Arbeit – und bei der Kaffeepause.«

Walter sprang auf. Noch keine zwei Schritte entfernt, stoppte ihn Adams Ausruf:

»Ich erledige das.«

Er spülte den Rest der Zimtschnecke mit dem wässrigen Kaffee hinunter, während sein Assistent sich wieder setzte.

»Kannst du Schwedisch lesen?«, fragte Adam, nachdem er sich den Mund abgewischt hatte.

»Ich denke, es war eine deutsche Reisegruppe«, wunderte sie sich. »Haben die alle Schwedisch gesprochen?«

Keine Antwort. Die Blicke seines Assistenten sagten umso mehr. Walter öffnete den Mund. Ein Wink seines Vorgesetzten ließ ihn wieder zuklappen. Adam Pettersson schlurfte zu seinem Schreibtisch, wühlte im Stapel neben dem Computer und kehrte schließlich mit einer sehr dünnen Akte zurück.

»Die bleibt aber im Haus«, bemerkte er mürrisch, bevor er sie ihr gab.

»Du kannst sie an Wilmas Platz ansehen«, warf Walter ein. »Sie braucht ihn eine Weile nicht mehr.« Stolz lächelnd fügte er an: »Mutterschaftsurlaub.«

Das Stichwort erinnerte sie schlagartig daran, heute noch nicht gekotzt zu haben.

»Gratuliere«, lächelte sie zurück.

Sie deutete die Vaterfreude richtig. Ein neuer Polizist war in der Familie Berg unterwegs.

Die fünf Seiten der Akte waren schnell studiert. Auf Seite drei wurde ihr klar, dass sie trotz des Formulars der Polizei von Kiruna keine Polizeiakte in der Hand hielt. Was sie las, war nichts anderes als die Abschrift der Pressemitteilung des Armeekommandos in Vidsel, in englischer Übersetzung. Sie sah sich nach Adam Pettersson um. Der Sergeant hatte sich in Luft aufgelöst. Der hilfsbereite Assistent Walter saß am Telefon. Auf Ihr Zeichen nickte er und deutete verlegen auf den Telefonhörer. Kurz danach sprang er auf. In zwei Sätzen stand er bei ihr.

»Ich muss leider sofort weg, Einsatz«, sagte er hastig.

Sie hatte inzwischen gefunden, wonach sie suchte und winkte ab.

»Schon O. K., Walter. Es kann warten.«

Sie saß allein im Büro, von den andern Arbeitsplätzen durch eine dünne Wand mit Fenstern getrennt. Unauffällig schaltete sie den Computer ein. Ein Versuch war es wert. Die gute Wilma schien über kein zuverlässiges Langzeitgedächtnis zu verfügen. Der Zettel mit dem Passwort klebte unten an der Tastatur. Sie konnte sich ohne Weiteres einloggen.

Die umständliche Struktur der schwedischen Menüs im Informationssystem bereitete anfangs Schwierigkeiten, doch nach einigen Minuten hatte sie gefunden, was sie suchte: die vollständige Akte des Unfalls im arktischen Hinterland. Die Transkriptionen aller Vernehmungsprotokolle lagen in deutscher Originalversion und schwedischer Übersetzung vor. Zumindest war das einmal der Fall gewesen, wie sie bald erstaunt feststellte. Die nichtssagenden Aussagen von drei Teilnehmern der Reisegruppe konnte sie lesen, die übrigen Protokolle enthielten nur je einen kryptischen Vermerk, Hinweise auf andere Akten. Sie notierte sich die Angaben, bevor sie im weitverzweigten System nach den offenbar unter Verschluss gehaltenen Dokumenten suchte.

Vertieft in die Arbeit, bemerkte sie Walters Rückkehr erst, als er die Tür zum Büro aufstieß. Im letzten Augenblick drückte sie auf den Ausschaltknopf.

»Wie geht es Wilma?«, fragte sie, um seine Neugier in die richtigen Bahnen zu lenken.

Er ruderte hilflos mit den Armen. »Es ist jeden Augenblick so weit, aber sie bleibt die Ruhe selbst. Ich bin am Ende mit den Nerven.«

Sie lachte. »Du solltest Urlaub nehmen, nicht sie.«

»Tja, wo du recht hast … Hast du gefunden, wonach du suchst?«

»Ja und nein.«

Die zweideutige Antwort schien ihn nicht zu überraschen.

»Dachte ich mir.« Er beugte sich vor, um leiser sprechen zu können. »Falls du die Vernehmungsprotokolle suchst: Die sind alle beim Militär, zusammen mit den Aufnahmen.«

»Der Bericht der Spurensicherung und der Obduktionsbefund fehlen auch.«

Es fehlte noch viel mehr, was zu einer ordentlichen Ermittlung gehörte. Mit andern Worten: Die Polizei von Kiruna hatte überhaupt nicht ermittelt. Wahrscheinlich waren die Untersuchungen durch das Eingreifen des Militärs von höchster Stelle im Keim erstickt worden. So sah es aus. Da Walter Berg die Antwort schuldig blieb und sie nur verlegen ansah, sagte sie bloß:

»Verstehe. Ich soll mich mit den Herren Generälen herumschlagen.«

»Das habe ich nicht gesagt.«

»Aber gemeint«, murmelte sie lächelnd. »Ist noch Kuchen da?«

Die Frage löste die angespannte Lage. Kurz danach saßen sie wieder in der Kaffeeecke.

»Besser eine Fika zu viel am Tag, als eine zu wenig«, scherzte Walter.

»Besonders bei diesem Wetter«, fügte sie an.

Inzwischen verdunkelten schwarze Wolken den Himmel wie drohende Vorboten der dunklen Jahreszeit, und es goss in Strömen. Falls dieses Wetter auch an der Absturzstelle herrschte, konnte sie jede eigene Spurensuche vergessen. Zuerst müsste sie die Stelle überhaupt finden, was der Polizei scheinbar bisher nicht gelungen war. Der Fall entwickelte sich zu einem mühsamen Zusammensetzspiel, als wäre die Drohne irgendwo in einer gottverlassenen Wüste abgestürzt.

»Ist der Reiseleiter noch nicht vernommen worden?«

Walter, in Gedanken an Wilma und den kleinen Polizisten versunken, schreckte auf.

»Nicht wirklich«, gab er zu. »Adam hat kaum mit ihm sprechen können, da ist Ellen Berg aufgetaucht und hat die Vernehmung abgebrochen. Seither ist kein Wort mehr über die Lippen des Reiseleiters gekommen.«

Sie notierte sich den Namen. »Wer ist Ellen Berg? Verwandt?«

Er schüttelte sich angewidert. »Nein, wo denkst du hin! Ellen ist Adjutantin des Oberbefehlshabers der Truppe in Vidsel, eine ganz Senkrechte. Sie sagte, die Reisegruppe hätte sich mit einer Sondergenehmigung des Generalmajors im militärischen Sperrgebiet aufgehalten. Damit sei die Armee allein für die Untersuchung zuständig.«

»Und damit war der Fall für euch erledigt«.

Er zuckte die Achseln. »Was willst du machen?«

Zwei weitere Beamte gesellten sich zu ihnen. Es war vorbei mit der informellen Befragung. Sie wusste jetzt sowieso alles, was den Kollegen auf dem Posten bekannt war, nämlich so gut wie nichts. Was wollte die Armee um jeden Preis unter dem Deckel halten? Ein Unfall mit einer Drohne, ein missglückter Test. O. K., tragisch in diesem Fall, aber doch kein Grund für eine solche fast verzweifelte Vertuschungsaktion. Da musste mehr dahinter stecken, wie der Starreporter Oscar vermutete.

Sergeant Adam Pettersson stürmte herein. Ohne einen Blick auf das Kaffeekränzchen zu werfen, zog er sich sofort in sein Büro zurück und hängte sich ans Telefon. Schließlich knallte er den Hörer auf die Gabel und winkte seinen Assistenten herein. Zeit, aufzubrechen, dachte sie und erhob sich. Im selben Augenblick rannte eine Polizistin auf Walter zu.

»Viggu ist jetzt da«, keuchte sie wie nach einem Halbmarathon.

»Viggu – ach ja, Adam wollte ihn schon lange sprechen«, erinnerte sich Walter. »Er soll hereinkommen.«

Die Polizistin schüttelte entschieden den Kopf.

»Er will nicht in dieses verhexte Haus kommen, sagt er. Er wartet draußen. Fünf Minuten – vier, dann ist er wieder weg.«

Sergeant Adam Pettersson stürmte aus dem Büro und zur Tür hinaus in den strömenden Regen. Bei dieser Gelegenheit lernte sie die wichtigsten schwedischen Schimpfwörter wie skit und helvete kennen. Adams Monolog hörte sich an wie shit und hell.

»Viktor wer?«, fragte sie verwundert.

»Viggu Mikaelsson«, antwortete Walter grinsend, »ein Same aus der Gegend, wo es passiert sein soll, Schamane und so etwas wie der Sprecher der Community.«

Sie wurde hellhörig. »Was will er hier?«

»Nichts, vermute ich mal. Adam will etwas von ihm. Wenn wir schon nichts vom Militär erfahren und von der Reisegruppe, erhofft er sich wenigstens eine vernünftige Aussage von Viggu.«

Der Unterton des Zweifels war nicht zu überhören. Etwas kam ihr seltsam vor an seiner Antwort. Es dauerte einige Sekunden, bis der Groschen fiel.

»Waren noch andere Samen vor Ort als der tote Hirte?«, fragte sie verblüfft. »Davon stand nichts in der Akte.«

Was sie nicht verwundern sollte. Im Grunde stand so gut wie gar nichts Brauchbares in diesem lächerlichen Papier. Walter schüttelte den Kopf.

»Eine Gruppe aufgebrachter Samen soll unmittelbar nach dem Absturz am Heiligtum aufgetaucht sein. Sie seien mit Dolchen auf die Reisegruppe losgegangen.«

Auch davon hatte sie nichts gelesen.

»Wer sagt das?«

»Das war das Einzige, was wir vom Reiseleiter erfahren konnten. Der Fahrer hat dann gerade noch rechtzeitig Gas gegeben.«

»Wenn wir schon dabei sind: Warum habt ihr den Fahrer noch nicht vernommen?«

»Weil er verschwunden ist.«

»Wie, verschwunden.«

»Abgetaucht, hat sich in Luft aufgelöst. Wir suchen ihn.«

Ein Blick durchs Fenster alarmierte sie. Viggu war im Begriff, sich zurückzuziehen. Er kehrte Adam den Rücken und ging gemessenen Schrittes zu seinem Jeep, als teilte sich der Regen über dem Schamanen wie das Rote Meer über Moses. Sie verabschiedete sich hastig und eilte hinaus.

Nass bis auf die Haut sprang sie ins Auto und nahm die Verfolgung auf. Sie sah den Jeep nicht mehr, sah überhaupt kaum etwas. Die Scheibenwischer waren überfordert. Im Schritttempo schlich sie nach Süden, wohin er verschwunden war. An der Kreuzung bei der Busstation blieb ihr nichts anderes übrig, als auszusteigen und den einzigen Menschen zu fragen, der weit und breit zu sehen war. Der Jeep war dem Mann aufgefallen, so schnell wie der durch die Sintflut bretterte, seine Worte. Er deutete die Straße hinunter, weiter Richtung Süden. Beim Kreisverkehr auf der Höhe der Bahnstation konnte sie nur raten. Vom Jeep war nichts zu sehen. Sie hielt an, um die Landkarte zu studieren. Es war düster, fast Nacht. Sie brauchte die Taschenlampe aus dem Handschuhfach, um etwas zu sehen. Wohin mochte der Same fahren? Warum hatte sie auf dem Posten nicht nach dessen Adresse gefragt? Besaß Viggu überhaupt einen festen Wohnsitz? Waren nicht alle Samen Nomaden? Fragen über Fragen. Sie hätte sich Ohrfeigen mögen. Ratlos ließ sie den Blick über die Karte schweifen, bis ihr ein Ort auffiel, dessen Namen sie aus dem unsäglichen Protokoll kannte: Nikkaluokta. In der Nähe befand sich die vermeintliche Absturzstelle. War das Viggus Ziel? Sie befand sich jedenfalls auf dem Weg dorthin.

Die wenigen Häuser von Nikkaluokta lagen hinter ihr, als der Regen mit einem Schlag aufhörte. Die Fahrt wurde deshalb nicht angenehmer. Die Straße, oder was die Leute hier als Straße bezeichneten, war aufgeweicht, rutschig und voller Schlaglöcher und Felsbrocken, die es von den Hügeln geschwemmt hatte. Der Ritt auf der Schlammlawine endete nach knapp zwei Kilometern vor einer Geröllhalde. Ende der Fahnenstange. Es ging nur noch zu Fuß weiter. Wenigstens begann es wieder zu tagen nach dem Regen – um elf Uhr nachts. Das GPS-Signal auf dem Handy verriet, dass sie sich keine zweihundert Meter vom Ziel entfernt befand. Kaum stand sie auf der Kuppe der Geröllhalde, da tauchten die Scheinwerfer eines Autos am Horizont auf. Aufgeregt kletterte sie wieder zu ihrem Wagen hinunter. Hatte sie Viggu doch nicht verloren, ihn irgendwie überholt?

Es war nicht Viggus Jeep, der sich schwankend im Schritttempo näherte. Der Volvo Geländewagen rutschte die letzten Meter knapp vor ihre Füße.

»Die Bremse nicht gefunden?«, fragte sie den Reporter Oscar Johansson, der blöd grinsend auf sie zu trat.

»Ich bin praktisch mit angezogener Handbremse gefahren«, sagte er, »aber Sie hatten es ja verdammt eilig. Was wollen Sie in dieser gottverlassenen Gegend am Ende der Welt?«

»Dasselbe wie Sie, nehme ich an.«

»Die Drohne suchen?«

Das Grinsen in seinem Gesicht reizte sie bis aufs Blut. Sie ärgerte sich vor allem über sich selbst, die widerborstige Natur hier im hohen Norden, die sich gegen Mensch und Technik verschworen hatte, so leichtfertig unterschätzt zu haben.

»Hier kommen sie nicht mehr weg«, stellte Oscar nüchtern fest nach einer Runde um ihren im Schlamm steckenden Wagen.

»Vielen Dank, darauf wäre ich selbst nie gekommen«, gab sie bissig zurück. »Was suchen Sie hier?«

»Sie, wie gesagt. Als ich Sie losfahren sah bei diesem Sauwetter, dachte ich, das kann nicht gut gehen.«

Die Zornesröte stieg ihr ins Gesicht, was er zum Glück im Zwielicht nicht sehen konnte.

»Sie denken zu viel«, entgegnete sie zähneknirschend.

»Ich weiß«, grinste er zurück, »aber im Ernst, ich sagte Ihnen doch schon: Das ist die falsche Absturzstelle.«

»Was dagegen, wenn ich mich selbst davon überzeuge?«

Er betrachtete sie eine Weile forschend, fragte dann misstrauisch:

»Kann es sein, dass Sie beim guten Adam Pettersson etwas erfahren haben, was ich wissen müsste?«

Sie lachte kurz auf. »Das fragen Sie eine Polizistin?«

»Wir haben einen Deal, schon vergessen?«

»Informationsaustausch war der Deal, wenn ich mich recht erinnere. Leider habe ich nur Gerüchte von Ihnen gehört. Und jetzt muss ich arbeiten. Es wird dunkel.«

»Es wird im Sommer nie dunkler.«

»Ich weiß.«

Sie stand schon wieder oben auf der Geröllhalde. Das Unwetter hatte einen idealen Beobachtungsposten geschaffen, von dem aus sie die vermeintliche Absturzstelle und deren Umgebung überblicken konnte, ohne durch Tümpel zu waten und über Felsen zu klettern. Das Gelände stimmte in etwa mit den spärlichen Informationen überein, die sie kannte.

»Da liegen ja die Überreste des Heiligtums«, sagte sie.

Felsbrocken, die man durchaus für Menhire halten konnte, bildeten einen ungefähren Kreis. Ihre Bemerkung lockte Oscar auf den Hügel. Sein Kiefer klappte herunter, als er sah, was sie meinte.

»Ich fasse es nicht!«, rief er aus. »Die haben tatsächlich Beweise manipuliert.«

»Wie bitte?«

»Vor zwei Tagen sind wir mit dem Hubschrauber genau hier drüber geflogen. Da war noch kein Steinkreis da.«

Er schwor bei der Seele seiner Mutter, sich nicht zu irren, bot Luftaufnahmen als Beweis an. Sie glaubte ihm. Seine Überraschung war nicht gespielt, und weshalb sollte er lügen? Sie versuchte angestrengt, Transportspuren zu entdecken oder andere Hinweise auf die Manipulation des offiziellen Unglücksorts. Vergeblich, das Unwetter hatte alle Spuren vernichtet. Das falsche Heiligtum war immerhin ein deutliches Zeichen, dass die Armee und vielleicht gar die Spitze der Polizei keine Mühe scheuten, den wahren Absturzort zu verheimlichen.

»Meine Vermutung stimmt also«, murmelte Oscar nachdenklich.

»Sieht leider ganz danach aus.«

Sie ging zum Wagen zurück. Alle vier Räder standen jetzt bis zur Achse unter Wasser. Sie versuchte es trotzdem. Wie erwartet, drehten die Räder durch mit dem Effekt, sich noch tiefer in den Schlamm zu graben. Oscar begann wortlos, ein Abschleppseil zu montieren. Er kannte sich aus mit solchen Situationen, musste sie neidlos anerkennen. Nach fünf Minuten stand ihr Wagen auf sicherem Boden. Statt zu danken, fragte sie:

»Sagt Ihnen der Name Viggu Mikaelsson etwas?«

Er schüttelte überrascht den Kopf. »Was ist mit ihm?«

»Nichts.« Lächelnd fügte sie an: »Nur eine Information.«

»Verstehe.«

Er notierte sich den Namen auf seinem Smartphone und fuhr ohne ein weiteres Wort ab.

KAPITEL 2

KIRUNA

Chris fiel todmüde aufs Bett. Das Display des Handys zeigte drei Uhr früh an. Der Arbeitstag war noch nicht zu Ende. Mühsam raffte sie sich auf, um Haase anzurufen. Da er sowieso nie schlief, beklagte er sich nicht über den Anruf mitten in der Nacht.

»Ich habe versucht, Druck aufzusetzen beim BND«, entschuldigte er sich ungefragt.

Sie glaubte, seinen Kaffee durchs Telefon zu riechen.

»Was heißt versucht?«, fragte sie müde.

Ihre Stimme alarmierte ihn.

»Geht es Ihnen gut? Vielleicht sollten Sie sich etwas schonen …«

Seine Sorge entlockte ihr ein Lächeln. Er war der Einzige im Präsidium, der von ihrer Schwangerschaft wusste.

»Ich bin nur müde. Also, was meinten sie mit ich habe versucht?«

»Die werden schon noch antworten. Vielleicht haben sie den Fall schon zu den Akten gelegt.«

Schlamperei konnte sie nicht leiden. Haase wusste es, deshalb sein Beschwichtigungsversuch. Er bewirkte das Gegenteil. Entschieden zu harsch fuhr sie dazwischen:

»Wenn die Satellitenauswertungen nicht bis heute Morgen auf Ihrem Tisch liegen, reiße ich denen den Arsch auf!«

Haase würde das wörtlich so wiedergeben, war sie überzeugt. Gut so. Ihr Name war den Damen und Herren in Pullach bekannt, ihr guter Draht zu Generalbundesanwalt Osterhagen gefürchtet.

»Ich lege mich jetzt kurz hin«, entschuldigte sie sich ihrerseits und legte auf.

Sie schloss die Augen. Nur für wenige Augenblicke, dann trieb sie die Ungeduld aus dem Bett – und die verfluchte Helligkeit. Wie konnten Menschen so leben, ohne richtige Nacht im Sommer und ohne Tag im Winter? Sie versuchte nicht einmal zu verstehen, rief stattdessen ihre bessere Hälfte an. Halb zehn Uhr abends in Harvard, da sollte er erreichbar sein.

»Was ist passiert?«, fragte Jamie mit ängstlicher Stimme.

»Nichts, warum fragst du?«

»Du rufst mitten in der Nacht an.«

»Störe ich dich auf einer Party?«, fragte sie misstrauisch.

Im Hintergrund hörte sie Gemurmel und das Klirren von Gläsern von jenseits des Atlantiks. Er lachte.

»Das ist die App, falls du die Geräusche ansprichst. Du weißt doch: Ich kann mich so besser auf meine Arbeit konzentrieren, wenn du nicht da bist, Schatz.«

»Du kannst mir viel erzählen. Ich sehe ja deine magersüchtigen Groupies nicht.«

»Die tragen alle dicke Hornbrillen und sehen in mir nur den alten Medizinprofessor.«

»Ich vermisse dich.«

»Geht mir genauso, Liebes, aber du solltest jetzt wirklich ein paar Stunden schlafen. In deinem Zustand …«

»Mein Zustand ist ja das Problem«, unterbrach sie. »Du weißt, wie das bei mir abläuft. Am Anfang einer Ermittlung platze ich vor Ungeduld, bis endlich Schwung in die Sache kommt.«

»Ich weiß«, seufzte er, »bloß beruhigt mich das in keiner Weise. Das sage ich dir als Arzt.«

»Danke Herr Doktor. Das Gespräch hat mir sehr geholfen. Ich lege mich jetzt hin. Das solltest du übrigens auch bald tun, damit du morgen wieder fit bist für deine Groupies.«

Kurz nach sieben am Morgen rief Haase zurück.

»Der BND hat die Akte doch noch gefunden«, sagte er in einem Ton, als schmunzelte er dabei, was extrem selten vorkam.

»Wurde auch Zeit. Steht etwas Brauchbares drin?«

Ihre Skepsis erwies sich für einmal als unberechtigt. Die Satellitenaufnahmen und die Analyse dazu, welche sie über die verschlüsselte Cloud erhielt, stellten die ersten verlässlichen Hinweise auf die wahre Absturzstelle dar. Die Drohne war zwölf Minuten nach dem Start auf dem Vidsel-Testgelände in der Gegend des Sarek-Nationalparks abgestürzt. Sie entdeckte drei Felsformationen auf den hochauflösenden Aufnahmen, die wie Steinkreise aussahen. Nur eine davon befand sich in der Nähe eines Bachbetts, wie sie in den spärlichen Zeugenaussagen gelesen hatte. Sie entdeckte das Gewässer erst auf der Vergleichsaufnahme, die kaum eine Stunde alt war. Vor dem Regen war der Bach offenbar ausgetrocknet gewesen, jetzt ein reißender Fluss.

Wenig später saß sie im Auto. Diesmal fuhr sie weiter nach Süden Richtung Jokkmokk. An geeigneten Stellen hielt sie zweimal an und wartete jeweils einige Minuten, um sich zu versichern, dass kein neugieriger Reporter folgte.

JOKKMOKK

Die Pastorin machte ihre Sache gut, fand Viggu Mikaelsson. Die Kirche im Wäldchen neben dem Bahnhof von Jokkmokk war bis auf den letzten Platz besetzt. Der helle, freundliche Innenraum konnte nicht über die angestaute Wut auf den Gesichtern der Gemeinde hinwegtäuschen. Viggu kannte seine Samen, und er ahnte nichts Gutes, trotz der versöhnlichen Worte aus dem Mund der alten Pastorin. Er saß in der ersten Reihe neben Leja Sikku. Die Überreste ihres Ante lagen in der Urne am Fuß des Taufsteins, inmitten eines Blumenmeers. Mehr als vierzig Jahre lang waren die beiden Hand in Hand durchs Leben gegangen, Leja stets mit ihrem geheimnisvoll zufriedenen Lächeln im Gesicht. Selbst härteste Winter und trockene Sommer, in denen sie die Hälfte ihrer Rentiere schlachten mussten, konnten diesem Lächeln nichts anhaben. Jetzt war es verschwunden wie ihr Ante. Leja Sikku weinte nur noch. Viggu nahm ihre Hand. Sie hatte sonst niemanden mehr.

Die Pastorin sprach den Segen. Der Trauergottesdienst war vorbei. Die Verarbeitung des schrecklichen Unfalls oder was es auch immer gewesen war hatte eben erst begonnen. In der Sami-Community war nichts von Versöhnung und Vergebung zu spüren. So wollte er seine Leute nicht ziehen lassen. So würde es böse enden. Er erhob sich, drehte sich um, breitete die Arme aus zum Zeichen, sitzen zu bleiben, und stimmte den Joik an, den improvisierten Gesang aus tiefer Kehle, den Fremde abschätzig als Indianer-Singsang bezeichneten. Er wählte einen langsamen, beruhigenden, fast einschläfernden Rhythmus und eine Melodie, die nicht Klage bedeutete, sondern vom Verstorbenen erzählte, vom erfüllten Hirtenleben im Einklang mit der Natur. Sein Gesang sollte die Gemeinde mit dem Schicksal versöhnen und vor allem die Hitzköpfe beruhigen. Einzelne Männer stimmten in den Gesang ein, dann immer mehr, auch die Frauen. Die Samen, alle im traditionellen blau-roten Kolt, erhoben sich und sangen mit. Leja Sikku warf ihm einen dankbaren Blick zu. Sie hatte aufgehört zu weinen, begann zu summen. Vielleicht würde der gemeinsame Joik auch die verhärteten Herzen der Hitzköpfe erweichen. Er glaubte jedenfalls an die Kraft des Gesangs, wenn auch die Zeiten längst der Vergangenheit angehörten, als joiken sich zur kollektiven Ekstase steigern konnte.

Die Beisetzung der Urne verlief ruhig. Schon dachte er, die Gemeinde hätte das Schlimmste überstanden, da hörte er den Schlachtruf:

»Auf zur Teufelsgrotte!«

Es kam aus dem Mund des jungen Bide, der sich seit einiger Zeit als Anführer der jungen Wilden gebärdete. Sie nannten sich die Progressiven und träumten von einem Sapmi, einem Lappland, ohne Militär und schwedische Bürokratie aber natürlich mit dem reichen Geldsegen des Sozialstaates. Junge Heißsporne, die sich die Hörner abstoßen mussten, hatte er zuerst gedacht. Eine krasse Fehleinschätzung, wie sich auch jetzt wieder herausstellte. Der Schlachtruf widerhallte aus vielerlei Kehlen. Alte wie Junge folgten in ihren Pick-ups und Geländewagen Bides rotem Land Rover in einem langen Trek nach Westen auf die schneebedeckten Berge zu. Leja Sikku stand verloren neben ihm.

»Was haben die vor?«, fragte sie mit belegter Stimme.

»Nichts Gutes, fürchte ich. Sie sind zornig.«

Die Feststellung war überflüssig. Sein Versuch, die Stimmung zu beruhigen, war allzu offensichtlich gescheitert. Vielleicht hatte der Joik genau das Gegenteil bewirkt, die Leute an ihre Wurzeln erinnert, an die alten Legenden, in denen alle möglichen Geister beschworen wurden, um das Böse zu bekämpfen. Es würde nicht bei Geistern bleiben, ahnte er, denn das Böse hatte einen Namen – und eine Adresse. Er beantwortete Lejas fragenden Blick nicht, sagte nur:

»Ich bringe dich nach Hause, dann kümmere ich mich darum.«

***

Bide versammelte seine Leute bei der Storjunkare am Felsen mit der Teufelsfratze, mindestens dreißig Männer, schätzte Viggu. Die Grotte unter dem Felsen galt seit vielen Generationen als verflucht. Hier versammelte man sich nur, um der angestauten Wut freien Lauf zu lassen. Entschlossen stellte er sich dem jungen Fanatiker in den Weg, als er zu einer seiner gefährlichen Reden ansetzen wollte, die regelmäßig das Klima in der Gemeinde vergifteten.

»Was soll das hier werden?«, fragte er, die Stirn in Falten.

Bide ließ sich nicht einschüchtern. Er zeigte keinerlei Respekt vor dem um viele Jahre älteren Schamanen, schob ihn gar beiseite und begann in einem Ton zu den Männern zu sprechen, als wäre er der Besonnene.

»Männer! Ante musste sterben. Ante, der nie jemanden auch nur beschimpft hatte. Ante, der Friedfertigste, Bescheidenste, Freundlichste unter uns allen. Warum musste dieser Mensch sterben? Keine zwei Stunden von uns entfernt hat er seine Herde friedlich grasen lassen. Dort hat ihn dieses Teufelszeug der Armee erschlagen, ausgelöscht, gefällt wie eine kranke Birke, an einem heiligen Ort! Leute! Es ist genug!«

»Genug, genug!«, widerhallte es in der Menge.

Viggu breitete wieder die Arme aus, wollte beschwichtigen, doch es war zu spät. Seine Stimme ging unter im wütenden Geschrei.

»Du verschwindest jetzt besser, bevor es zu spät ist«, flüsterte Bide ihm ins Ohr. Laut fuhr er fort: »Wir sind hier versammelt, um zu beraten, was zu tun ist, um diesem Albtraum ein Ende zu bereiten. Seid ihr dabei?«

Eine rhetorische Frage, wie die Zustimmung aus allen Kehlen bestätigte. Bide deutete mit dramatischer Geste auf die Teufelsfratze und rief:

»Horagalles wird uns helfen, unser Land und unseren Stolz wieder zurückzugewinnen!«

Mit Schrecken stellte Viggu fest, wie ansteckend die Anrufung des längst vergessen geglaubten Donnergottes bei den aufgebrachten Männern wirkte. Wie aus einem Mund skandierten sie:

»Horagalles! Horagalles! …«

»Hört auf mit dem Blödsinn!«, rief Viggu dazwischen. Seine Stimme dröhnte jetzt wie Donnerhall aus der Teufelsgrotte. »Wollt ihr in den Krieg ziehen? Seid ihr vollkommen verrückt geworden? Glaubt ihr, Ante hätte das gewollt oder Lejas Schmerz würde verschwinden durch sinnlose Gewalt? Hört nicht auf den Hass aus Bides Mund. Er hat getrunken und weiß nicht, was er sagt.«

Bide stank aus dem Mund wie oft bei seinen großen Reden. Betretenes Schweigen herrschte für kurze Zeit, nachdem er geendet hatte, dann begannen sich die Reihen zu lichten. Bide schäumte vor Wut und ging mit Fäusten auf ihn los. Zwei Männer in Viggus Alter stellten sich schützend vor ihren Schamanen und verhinderten so das Schlimmste.

»Gehen wir nach Hause«, sagte Viggu.

Seine Stimme klang traurig. Weit hatten sie es gebracht, seine Samen, ließen sich von niederen Instinkten leiten, statt erst zu denken und dann zu handeln. Sie glichen immer mehr den ganz gewöhnlichen Schweden, die in Scharen populistischen Hasspredigern hinterher liefen. Selbst der unbedeutende Bide vermochte jetzt ein Dutzend oder mehr Männer zurückzuhalten, junge wie alte, die offenbar nicht von ihren Gewaltfantasien ablassen wollten. Viggu merkte sich die Gesichter. Er musste sie im Auge behalten.

STOCKHOLM

Saga Andersson zuckte erschrocken zusammen und rannte auf die Schranke zu, hinter der sie sich sicher fühlte. Wahrscheinlich war nur jemandem der Schirm aus der Hand gefallen. Sie wagte trotzdem nicht, sich umzusehen, bis sie hinter der Schranke stand.

»Hej Saga«, grüßte der Uniformierte vom Sicherheitsdienst wie jeden Morgen.

Ihr schüchternes Hej schien ihn zu überraschen. Normalerweise huschte sie stumm mit flüchtigem Kopfnicken in den Aufzug. Richtig sicher fühlte sie sich erst in ihrem Zweierbüro, das sie mit Gustav teilte. Die Fahrt zur Softwarefabrik der ‘Linköping Flygande Objekt Teknik’, LFT, nahe am Universitätszentrum Alba Nova im Norden Stockholms, war jeden Tag ein Spießrutenlauf. Sie konnte noch so früh aus dem Haus, immer war schon eine Menge Leute unterwegs, denen sie ausweichen musste. Selbst vor manchen Gerüchen fürchtete sie sich. »Geht mir auch so«, hatte ihr Bruder Nils einmal gescherzt. Er fürchtete sich vor gar nichts.

Das Büro war noch leer. Es roch nach Putzmittel. Sie liebte den Geruch. Reinlichkeit war ihr wichtig, deshalb sah ihr Arbeitsplatz auch an diesem Morgen aus wie am ersten Tag. Froh, dass Gustav noch nicht da war, stellte sie den Kaffee neben die Tastatur, legte die Zeitung ordentlich zurecht und setzte sich. Gustav gehörte zu den Guten. Mehr als den Vorgesetzten sah sie ihn ihm so etwas wie einen Vater, den sie nie wirklich gehabt hatte. Sie konnte sich keinen besseren Kollegen vorstellen in ihrer Nähe, aber die halbe Stunde für die Zeitung brauchte sie für sich allein. Er wusste das, kam deshalb etwas später, war sie überzeugt.

Sie schlug das Aftonbladet vom Vorabend auf. Seite fünf interessierte sie mehr als die Tagespolitik. Sie hatte die Überschrift auf dem Anschlag am Kiosk gelesen. Wo sind die Trümmer?, fragte der Reporter, und von der mysteriösen schwarzen Wolke war die Rede. Jedermann in Schweden wusste, wovon der Reporter berichtete. Das unbekannte Flugobjekt, das bei Kiruna auf eine Reisegruppe abgestürzt war, stand immer noch im Mittelpunkt des Interesses, nicht zuletzt deshalb, weil die Behörden ein Geheimnis daraus machten wie um das UFO im amerikanischen Roswell. Für sie und sicher alle, die in der Rüstungsindustrie arbeiteten, war von Anfang an klar gewesen, worum es sich bei diesem Objekt handeln musste: eine Transportdrohne neuster Bauart, an deren Entwicklung sie nicht ganz unbeteiligt gewesen war. Die Armee nannte dieses Projekt passend MOTHER, denn diese Drohnen waren dazu da, alle möglichen ‘Kinder’ zu transportieren und autonom abzusetzen. Hilfsgüter zum Beispiel, Sanitätsmaterial für in Not geratene Truppenverbände in unzugänglichem Gebiet oder hinter der Front. Oder aber … Sie traute ihren Augen nicht, als sie die neuste Aussage eines Augenzeugen las, den der Reporter offenbar vor der Polizei zum Reden gebracht hatte. Gustav hatte ihr bei allem was ihm heilig war versichert, dass genau das nicht passieren würde mit ihrer Navigationssoftware. Der Kaffee erkaltete, während sie las und überlegte.

Die Uhr auf dem Handy zeigte 8:50 Uhr an. Es blieben noch zehn Minuten, bis Gustav eintreffen würde. Sie musste der Sache auf den Grund gehen. Sein Aktenschrank war wie üblich nicht abgeschlossen. Zwischen ihnen herrschte absolutes Vertrauen, hatte sie bisher geglaubt. Im Schrank gab es einen Safe, dessen Code sie kannte – für Notfälle, und das war einer. Die vertraulichen Akten des Projekts MOTHER lagerten im Safe. Das Projekt war beendet, jedenfalls aus Sicht der IT. Wie üblich behielt Gustav die Unterlagen noch ein Jahr bei sich, bevor er sie zur Archivierung freigeben würde. Rückfragen konnten so einfach und unbürokratisch beantwortet werden. Er war ein guter Organisator. Das Programmieren überließ er ihr. Er verstand nichts davon. Sie kannte den Inhalt des Ordners. Hastig blätterte sie die Akten dennoch durch. Vielleicht hatte sie etwas Wichtiges übersehen. Erst sah es nicht danach aus, bis sie die Mappe mit der Aufschrift Annex M17.A entdeckte. M17 war das interne Kürzel für MOTHER. Ihr Puls beschleunigte sich, als sie die Akte aufschlug, die sie noch nie gesehen hatte. Feasibility Study NAV18.3 stach ihr sofort ins Auge. Sie hatte das letzte Jahr an der Navigationssoftware NAV18.3 gearbeitet und war immer noch daran, sie zu verbessern.

Schritte näherten sich. Er blieb keine Zeit mehr, die nächste Seite zu lesen. Sie warf die Akte in den Safe zurück. Gustav betrat das Büro, als sie dabei war, den Schrank zu schließen.

»Hej Saga«, grüßte er und hob dabei die Augenbrauen wie üblich, als wäre er überrascht, sie zu sehen.

Sie gab den Gruß leicht errötend zurück und huschte an ihren Arbeitsplatz.

»Habe etwas in den Spezifikationen gesucht«, erklärte sie ungefragt.

»Und?«, wollte er wissen.

Er leerte den Kaffeebecher in seiner Hand, knüllte ihn zusammen und warf ihn in den Papierkorb.

»Was?«, fragte sie unsicher.

»Gefunden, was du gesucht hast?«

»Klar«, sagte sie, schob die Zeitung beiseite und schaltete den Computer ein.