Pures Gold - Hansjörg Anderegg - E-Book

Pures Gold E-Book

Hansjörg Anderegg

0,0
2,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Das Koks, das gerade Hamburg überschwemmt, gibt es gar nicht. Schießerei im Hafen von Valencia. Das Kokain aus dem südamerikanischen Frachter ist weg. Leichen bleiben zurück. Nicht nur Drogenfahnder jagen die Diebe durch Spanien, Frankreich und Italien bis nach Deutschland. Eine Blutspur zieht sich durch Europa. Mächtige Kartelle kämpfen gnadenlos um den europäischen Markt. In Hamburg eskaliert der Drogenkrieg, mittendrin Hauptkommissarin Chris Roberts vom BKA. Politik und Justiz reagieren nicht, bis es zu spät ist. Dann überschwemmt neues, hochreines Koks den Markt. Diese Droge birgt ein düsteres Geheimnis. Wenn Chris recht hat, wird es alles verändern. Der 16. Fall mit BKA-Kommissarin Chris

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 660

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



CONTENTS

Copyright

Vom selben Autor

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Copyright

Impressum

Texte: © Copyright 2024 Hansjörg Anderegg

Umschlag: © Copyright by hjanderegg, created with bing.com

Verlag: Hansjörg Anderegg

[email protected]

Druck: epubli.com undneopubli GmbH, Berlin

Printed in Germany

All rights reserved

Alle Personen und Namen in diesem Roman sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Vom selben Autor

Von Hansjörg Anderegg sind bisher erschienen:

Lethal Quantum, Thriller, englisch (455841)

Der verschränkte Tod, Thriller, deutsch (459993)

Nebenwirkungen, Thriller (460067)

1010 Zehn Milliarden, Thriller, deutsch (468322)

Die Probe, Thriller, deutsch (402110)

Das Komplott der Senatoren, Thriller, deutsch (978-3-96752-190-0)

Natürliche Selektion, Thriller, deutsch (624517)

Im Westen geht die Sonne unter, Thriller, deutsch (978-3-96752-191-7)

WohlTöter, Thriller, deutsch (978-3-96752-193-1)

Unentrinnbar, Thriller, deutsch (978-3-96752-194-8)

Shutdown – Wir schalten euch ab, Thriller, deutsch (978-3-96752-192-4)

Das letzte Steak, Thriller, deutsch (978-3-96752-195-5)

Vollzug, Thriller, deutsch (978-3-96752-196-2)

Der zweite Killer, Thriller, deutsch (978-3-96752-197-9)

Strohöl, Thriller, deutsch (978-3-96752-198-6)

Vernichten!, Thriller, deutsch (978-3-96752-199-3)

Station 9, Thriller, deutsch (978-3-96752-200-6)

Staatsfeinde, Thriller, deutsch (978-3-96752-201-3)

Blockade, Thriller, deutsch (978-3-74850-835-9)

Die Zecke, Thriller, deutsch (978-3-75024-000-1)

Schlachtfeld, Thriller, deutsch (978-3-75310-666-3)

Chefsache, Thriller, deutsch (978-3-96752-075-0)

Die Schatten, Thriller, deutsch (978-3-96752-210-5)

Letzte Therapie, Thriller, deutsch (978-3-75848-011-9)

KAPITEL 1

Valencia

“LASS DIR ZEIT, Pedro”, fuhr Rosa ihren Partner empört an. “Die Gangster werden schon auf uns warten.”

Pedro wartete auf Grün, als stünde es in den Zehn Geboten. Sie versuchte es noch einmal gewaltfrei.

“Pedro, stell dir vor, ich wäre deine Manuela und läge in den Wehen.”

Er verstand das Gleichnis nicht, und die Ampel stand immer noch auf Rot.

“Tritt endlich aufs Gas, maldita sea!”

Keine fünf Sekunden später fielen die ersten Schüsse.

“Containerterminal”, stellte Pedro unbeeindruckt fest und beschleunigte endlich.

Der genau in diesem Moment kreuzende Lastwagen hatte gute Bremsen. Auch die Hupe funktionierte hervorragend. Fast wäre Pedro das Lenkrad entglitten.

“Scheiß drauf!”, brummte sie, knallte das Blaulicht aufs Dach und schaltete die Sirene ein.

Anders ging es ja nicht.

“MP”, murmelte Pedro, das Lenkrad wieder fest im Griff.

Ein nächster Feuerstoß bestätigte ihn augenblicklich. Sie schnappte sich das Funkmikro, um Verstärkung anzufordern.

“Schüsse im Hafen!”, rief sie, “Maschinenpistolen, sind unterwegs zum Containerterminal 1. Schickt alles, was ihr habt, am besten auch ein paar RTWs.”

“Verstanden. Wartet auf Verstärkung.”

Sie warf einen verächtlichen Blick auf den Lautsprecher und ließ die Sprechtaste los.

“Warum zum Teufel wurden wir schon wieder zu spät informiert?”, fragte sie Pedro, der nur mit den Achseln zuckte. “Ich sage dir, weshalb. Unserem Informanten habe ich noch nie getraut.”

Darauf musste der gute Pedro antworten.

“Mehr Geld”, sagte er.

Ihr Partner war heute ungewöhnlich gesprächig, aber sie verstand, was er meinte. Die südamerikanischen Drogenkartelle schwammen im Geld. Die Knete, die sie ihren Opfern abnahmen, legten sie nicht nur in goldene Badewannen an. Sie konnten jede und jeden kaufen und taten es auch. Zuverlässige Informanten waren unter solchen Umständen eine Illusion. Sie fragte sich manchmal selbst, warum sie seit zwanzig Jahren bei der Drogenfahndung mit hohem Risiko gegen diese reichen Gauner kämpfte, statt von ihrem Zaster zu profitieren.

“Uups!”

Schon wieder eine unerwartete Äußerung von Pedro. Sie sah es jetzt auch, als er in die Schlucht zwischen Containern einbog, die sich so hoch türmten, dass die schwarze Gewitterwolke aussah, als gehörte sie dazu.

“Was macht der da vorne?”, rief sie ärgerlich.

Ein Tieflader mit einem Container, länger als die Gasse breit war, versperrte quer den Weg. Pedro musste anhalten. Sie stand schon draußen und befahl, den Weg freizumachen. Der Lkw-Fahrer stieg aus, betrachtete sein Fahrzeug händeringend, als stünde es ihm selbst im Weg. In diesem Moment hörte sie einen dumpfen Knall wie aus einer Schrotflinte, noch einen. Eine MP-Salve antwortete, dann herrschte Ruhe. Sie rannte zurück zum Auto.

“Die Schüsse kommen vom Terminal 3 gegenüber”, sagte sie hastig.

“Aber die Esmeralda …”

“Scheiß auf die Esmeralda! Terminal 3, los!”

Sie meldete die neue Lage über Funk und fragte gleich noch höflich nach, wo die verdammte Verstärkung bleibe. Ein Blitz, so lang wie die Playa de las Arenas, zuckte übers Wasser, gefolgt von einem giftigen Knall. Als hätte der ihn geweckt, trat Pedro das Pedal durch, nachdem er den Wagen gewendet hatte. Sie flitzten über die Moll de Ponent um das Hafenbecken herum zum Container Terminal 3. Das war immerhin die Absicht. Zwei Lkws, riesige 40-Tönner, standen vor ihnen im Kreisverkehr, blockiert vom dichten Strom flüchtender Fahrzeuge aus dem Terminal. Das Sommergewitter brach jetzt richtig los. Donnerschläge hallten im Stakkato über die Stadt, und heftiger Platzregen ergoss sich wie ein gigantischer Wasserfall über das Chaos am Hafen. Ohrenbetäubender Lärm der Elemente, verstärkt durch ein Hupkonzert wie nach dem unerwarteten 2:0 des Valencia CF gegen Real Madrid, übertönte jedes andere Geräusch. Unmöglich festzustellen, ob weiterhin geschossen wurde. Sie sprang schimpfend aus dem Auto. Nach wenigen Schritten glaubte sie zu schwimmen. Durchnässt bis aufs Leibchen schwenkte sie den Dienstausweis vor der Kolonne der Sturköpfe, welche die Lkws blockierten. Ihre Verwünschungen verhallten ungehört, da zog sie die Waffe. Sofort stoppte die Kolonne der Flüchtenden. Die Lkws fuhren zum Dank hupend an ihr vorbei. Pedro konnte in die Straße zum Terminal einbiegen.

“Geht doch”, brummte sie und klatschte auf den Beifahrersitz.

Auch im Terminal 3 stapelten sich die Container haushoch, aber die Straße zur Südspitze, wo sie die Schützen vermuteten, war frei. Je weiter sie vordrangen, desto stiller wurde es. Ohne Gewitter hätte wohl gespenstische Ruhe geherrscht im Hafen, wo jeden Tag Tausende Container verladen wurden. Arbeiter waren keine zu sehen. Was Beine oder Räder unter dem Hintern hatte, war geflüchtet. Mit gutem Grund, wie sie bald feststellen sollten. Pedro hielt hinter einem verlassenen Lkw an. Sie stiegen aus, Pistole schussbereit in der Hand. Vorsichtig spähte sie aus der Deckung.

“Esmeralda”, flüsterte sie Pedro zu.

Sogar die Anlegestelle des Schiffs aus Guayaquil, Ecuador, hatten die Deppen in der Zentrale falsch gemeldet. Sie sah noch etwas.

“Da liegt jemand am Boden”, murmelte sie bedrückt.

Es gab keine Deckung am Kai am Rio Turia, wo die Esmeralda angelegt hatte. Sie trat hinter dem Lkw hervor. Das Herz hämmerte an die Schutzweste. Adrenalin, jedes Mal, seit zwanzig Jahren! Sie würde sich nie daran gewöhnen. Der Regen hörte so plötzlich auf, wie er eingesetzt hatte. Die Gewitterwolken zogen weiter nach Osten. Die Sonne brach durch, und im nächsten Augenblick wähnte sie sich wieder im Backofen. Heißluft mit 70% Dampf, nicht auszuhalten in diesen Klamotten. Nichts regte sich am Kai, keine Bewegung an Deck der Esmeralda. Sie rannte zur Gangway des Schiffs, jederzeit mit einem Kugelhagel rechnend. Die Gangster aus Südamerika kannten keine Hemmungen, auf Polizisten zu schießen. Sie wusste, dass oft Ex-Guerilleros der FARC aus Kolumbien solche Transporte begleiteten zum Schutz der kostbaren Bananen. Sie hatten Glück. Pedro beugte sich zum Hafenpolizisten hinunter, der reglos neben der Gangway lag. Sie sah es, bevor er es aussprach.

“Tot, Schüsse in Brust und Kopf.”

Eine Hinrichtung. Die Sirenen der anrückenden Kollegen beruhigten nur wenig. Pedro zögerte.

“Wir sollten auf die Verstärkung warten.”

Sie schüttelte den Kopf und entgegnete:

“Ich denke, die sind ausgeflogen.”

Sie lag nicht weit daneben mit der Vermutung. Die Wand auf der Brücke war durchlöchert wie ein Sieb, als hätte ein Betrunkener vergeblich versucht, die Tür mit einer Maschinenpistole zu öffnen. Zwei Maate befanden sich an Bord, eingeschlossen auf dem Brückendeck, zitternd vor Angst. Papiere lagen verstreut am Boden. Die Matrosen standen unter Schock. Trotz der spanischen Sprache verstand Rosa kaum ein Wort von ihrem verworrenen Bericht.

“Wer hat geschossen?”, unterbrach sie schließlich, nur um einen neuen Redeschwall auszulösen.

Überfall war das Wort, das die Matrosen häufig benutzten.

“Wer hat euch überfallen?”, fragte sie.

Draußen blitzten die Blaulichter der anrückenden Verstärkung auf. Sie gab Pedro die Anweisung, die Kollegen zu briefen.

“Die sollen das Terminal hermetisch abriegeln”, schärfte sie ihm ein und wandte sich wieder an den Matrosen. “Also, jetzt noch mal von vorne, Herr …”

“Gomez”, antwortete der Mann plötzlich ganz deutlich.

“Herr Gomez, wer hat euch überfallen? Was ist genau passiert?”

Gomez holte tief Luft. “Wir hatten schon gelöscht, da hat es plötzlich geknallt. In der nächsten Sekunde standen vier vermummte Typen mit Maschinenpistolen auf Deck. Die haben Pablo einfach wortlos niedergemäht. Er hatte gar keine Zeit, seine Waffe zu entsichern. Sein Kumpel Ernesto lag schon tot auf der Gangway.”

Gomez begann heftig zu atmen beim Gedanken an den Horror, der sich vor seinen Augen abgespielt hatte. Sein Kollege sprang für ihn ein. Erstaunlich ruhig erklärte er:

“Die hatten eine alte Rechnung offen, da bin ich mir sicher.”

“Haben Sie eine Ahnung, wer die waren? Haben sie etwas gesagt?”

Der Matrose schüttelte den Kopf. “Nur die Papiere haben sie interessiert.”

Rosa betrachtete die Unordnung am Boden. “Diese Papiere?”

Wieder schüttelte er den Kopf. “Die haben sie mitgenommen. Sie wollten wissen, wo unsere Container stecken.”

Rosa lächelte bitter. “Stellen Sie sich vor, das möchte ich auch gerne wissen. Haben Sie die Nummern?”

Der Matrose überraschte sie. Er trat an einen Schreibtisch, auf dem ein Computer stand.

“Klar haben wir die.”

Wenig später hielt sie die Liste mit der genauen Bezeichnung der Ladung in der Hand.

“Was geschieht jetzt mit uns?”, fragte Gomez wieder ruhiger.

“Sie kommen zu uns aufs Kommissariat fürs Protokoll. Meine Kollegen werden gleich hier aufkreuzen, und die Spurensicherung wird das Schiff auseinandernehmen.”

“Ist das nötig? Die sind doch schon über alle Berge.”

“Wir werden sie finden, keine Sorge.”

Ein Team des Einsatzkommandos, gefolgt von den Außerirdischen der Spusi, kam ihr entgegen, als sie die Esmeralda verließ.

“Kümmert euch um die zwei Matrosen, die stehen unter Schock”, sagte sie im Vorbeigehen.

Pedro wartete unten beim RTW. Sanitäter karrten den Leichnam des noch sehr jungen Hafenpolizisten heran. Ihr Kollege bekreuzigte sich. Sie verzichtete darauf, hatte den Glauben längst verloren. Diese Welt war zu schlecht für einen Gott. Die Suche nach den übrigen Mitgliedern der Crew und den verschwundenen Leichen von Pablo und Ernesto überließ sie gerne den Kollegen. Sie hatte schon genug für heute, aber die Rechnung ohne Pedro gemacht. Er drängte darauf, die Container auf der Liste der Esmeralda zu suchen.

“Vielleicht finden wir da noch einen Hinweis.”

Als könnte diese Bemerkung ihren Ehrgeiz anstacheln. Seufzend studierte sie die Liste, die sie mit zwei Fingern hielt wie einen Bußgeldbescheid. Beide zeigten nach kurzer Zeit auf drei Container am Ende der Liste.

“Beginnen wir damit”, sagte sie.

Zusammen mit einer Kollegin der Hafenpolizei, die aus dem Nichts aufgetaucht war, durchkämmten sie die Schlucht, an der die drei Container liegen mussten. Falls die Esmeralda wirklich Drogen schmuggelte, befanden sie sich in diesen drei Kühlcontainern voller Bananen. Es wäre das übliche Versteck, in dem kein noch so guter Spürhund Drogen erschnüffeln könnte. Die Polizistin eilte ihnen voraus. Sie kannte die Lagerplätze besser als Rosa den Inhalt ihres Kühlschranks.

“Aufgebrochen”, rief sie von Weitem.

Die drei weißen Kühlcontainer lagen aufeinander gestapelt neben rostroten Behältern, bei denen niemand mehr zwischen Farbe und Rost unterscheiden konnte. Der unterste Container mit der Nummer 1021 hatte die Aufmerksamkeit der Polizistin erregt.

“So viel zur ununterbrochenen Kühlkette”, murmelte sie.

Rosa hielt sie zurück, bevor sie die Tür aufwuchtete.

“Handschuhe!”, schnauzte sie sie an und streifte Silikonhandschuhe über, ohne die eine Drogenfahnderin keine Drogenfahnderin wäre.

“Madre de Dios!”, rief Pedro entsetzt nach dem ersten Blick ins Innere.

“Von wegen Bananen”, war ihre verhaltene Reaktion.

Jede Menge Bananenschachteln stapelten sich zwar immer noch im Container, aber das vordere Drittel war ausgeräumt. Dort lagen die sterblichen Überreste von Pablo und Ernesto, wie sie sofort vermutete. Wie beim bedauernswerten jungen Polizisten sah es auch bei diesen Leichen ganz nach einer Hinrichtung aus. Zwei Schüsse in die Brust, einer zwischen die Augen. Professionell ausgeführt, kein Schuss zu viel, keiner zu wenig. Sie kannte die beiden nicht, aber ihr Typ war bestens bekannt.

“FARC, jede Wette”, stellte sie fest.

Die Ex-Guerilleros waren offensichtlich vollkommen überrascht worden vom Angriff der Unbekannten. Keine der Waffen, die neben ihnen im Container lagen, war kürzlich abgefeuert worden. Die Läufe der AK-47 rochen nach Schmierfett, nicht nach Schießpulver. Pedro stieg vorsichtig über die toten Körper hinweg ins Innere und betrachtete die nunmehr verdorbene Ladung. Er öffnete zwei, drei Schachteln und bestätigte bald:

“Bananen, bloß Bananen.”

“Was wir wohl in den fehlenden Schachteln finden würden?”, fragte sie. “Was schätzt du, wie viele fehlen?”

“Schwer zu sagen. Hundert?”

“Wohl eher zweihundert, falls der Container voll war.”

Sie machte eine Überschlagsrechnung. Langjährige Erfahrung lehrte sie, dass jede solche Schachtel fünf Kilo Koks enthalten könnte, dekoriert mit Bananen.

“Fünf Kilo mal zweihundert”, sagte sie, “da fehlt locker eine Tonne Koks.”

Die Polizistin hörte mit offenem Mund zu. Rosa wies sie an, Spurensicherung und Rechtsmedizin anzufordern.

“Weiträumig absperren, bis die durch sind”, wies sie sie an.

“Ist es das, was ich vermute?”, fragte Pedro bedrückt auf dem Weg zur Verkehrsleitzentrale der Hafenbehörde.

Sie nickte. Es war offensichtlich, wonach es aussah. Der brutale Angriff am helllichten Tag sprach Bände. Keine Gang ging solche Risiken ein für ein paar Kartons mit Bananen. Die Angreifer mussten Wind von einer größeren Drogenlieferung bekommen haben, versteckt im Kühlcontainer der Esmeralda. Sie erschossen die Bewacher und klauten das Koks. So weit, so logisch, aber selbst lokale Gangs waren schlau genug, sich nicht mit den südamerikanischen Drogenkartellen anzulegen. Wer also waren die Angreifer?

“Mafia”, vermutete Pedro.

Sie nickte nachdenklich. Der dreiste und brutale Raub stank ganz nach Ndrangheta. War es der Beginn eines Drogenkrieges in Europa? Sie verdrängte die Spekulation und konzentrierte sich auf die Facts.

“Wie lange dauert es, zweihundert Bananenschachteln zu verladen?”, fragte sie sich laut und beantwortete die Frage gleich selbst. “Das muss lange vor der Schießerei passiert sein.”

Die Erkenntnis brachte die Theorie vom Drogenraub arg ins Wanken. Die Sichtung des Videomaterials in der Zentrale nahm mehr Zeit in Anspruch, als ihr lieb war. Pedro entdeckte schließlich den Lkw des bekannten und schon oft verdächtigten Transportunternehmens Larosa SL im Verkehrschaos am Terminal. Der Laster hatte den Hafen knapp eine Stunde vor der Schießerei verlassen und sich Richtung Nordosten entfernt.

“Frankreich”, sagte sie erleichtert, “die Drogen haben wir, falls da welche sind.”

Es ließ sich nicht vermeiden. Sie musste Gabriela anrufen. Die Freundin war stocksauer auf sie, das war ihr klar, und sie verstand sie. Wie lange waren sie schon ein Paar? Sie konnte sich nicht mehr genau erinnern, wann es angefangen hatte, sicher vor mehr als zehn Jahren. Gabrielas Frage, ob man nicht endlich zusammenziehen wolle, kam also nicht aus heiterem Himmel. Ihr langes Zögern mit der Antwort aber sprach Bände. Rosa könnte sich jedes Mal ohrfeigen, wenn sie daran dachte. Sie hatte sich abscheulich verhalten gegenüber der Geliebten. Ein Feigling war sie, und Gabriela litt darunter, so sah es aus. Seufzend wählte sie ihre Nummer und zählte die Summtöne. Gabriela nahm endlich ab.

“Hast du es dir überlegt?”, fragte sie spitz.

“Gabriela, es tut mir leid. Ich war überfordert und nicht bei der Sache.”

“Sache? Das Leben zusammen verbringen ist also einfach eine blöde Sache für dich?”

Rosa entschuldigte sich noch einmal. “Liebes, lass uns später darüber sprechen. Am Wochenende komme ich nach Barcelona. Dann können wir in Ruhe planen.”

“Ich hab schon etwas vor am Samstag.”

Gabrielas Stimme klang eingeschnappt. Rosa musste behutsam vorgehen, obwohl höchste Eile geboten war. Nach einigem Hin und Her hörte sie ihr wenigstens zu.

“Ein verdächtiger Lkw der Larosa ist unterwegs Richtung französische Grenze. Wir vermuten, er hat eine beträchtliche Menge Kokain geladen. Ihr müsst ihn unbedingt stoppen.”

“Gib mir die Daten durch.”

Capitán Gabriela Sánchez von der Guardia Civil war jetzt wieder zu hundert Prozent Polizistin. Rosa übermittelte die Information und schloss mit einer Warnung:

“Seid vorsichtig. Es ist möglich, dass der Transport von schwer bewaffneten Gangstern verfolgt wird. Die haben schon in Valencia eine tödliche Schießerei veranstaltet.”

Barcelona

Julio Hernández hatte sich die Polizeiarbeit zwar aufregender vorgestellt, aber was nicht ist, kann ja noch werden, dachte er. Seine Partnerin im Streifenwagen war jedenfalls schwer in Ordnung. Zwei Jahre jünger als er, lange blonde Haare, hübsches Gesicht und noch zu haben. In ihren Freizeitkleidern sah sie jeweils aus, als wäre sie auf direktem Weg in den nächsten Club, um Party zu feiern. Sie wusste das Leben zu genießen, er auch. Sie passten zusammen, jetzt musste sie das bloß noch einsehen. Er arbeitete daran. Lächelnd warf er ihr einen Blick zu, als sie am Strand bei Montgat vorbeifuhren. Nach dem Gewitter herrschte zwar wieder eine Hitze wie im Ofen der Glasbläserei, wo sein Vater früher gearbeitet hatte, aber die Palmen, die Häuser, sogar die Menschen sahen frischer aus als sonst, wie sein Dienstwagen nach der Waschanlage. Im Grunde gab es nichts, was ihn daran hinderte, das Leben schön zu finden.

“Was grinst du andauernd?”, fragte sie irritiert.

“Ich lächle. Das ist ein Unterschied. Grinsen hat etwas Verächtliches. Ich lächle, weil es mir gut geht. Uns geht es gut, meinst du nicht?”

Sie schüttelte den Kopf mit dem Augenaufschlag, den er gut kannte. Er war ein hoffnungsloser Fall, und er wusste es, aber träumen darf man ja. Noch ganz in Gedanken versunken entdeckte er den Lkw erst, nachdem sie ihn darauf aufmerksam gemacht hatte.

“Das ist er doch”, sagte sie aufgeregt. “Larosa, so wie beschrieben.”

Zwei Pkws vor ihnen versperrten die Sicht. Julio wartete ungeduldig, bis die Gegenfahrbahn frei war.

“Blaulicht!”, wies er die Partnerin an und setzte zum Überholen an.

Die zwei Pkws fielen zurück, ließen ihm Platz, hinter den Lkw einzuschwenken. Zwei kurze Hupzeichen zusammen mit dem nervösen Blaulicht signalisierten dem Fahrer, anzuhalten. Der schien zu schlafen, der Lkw fuhr weiter, hart an der Grenze der Geschwindigkeitsbeschränkung. Julios Partnerin forderte Unterstützung an und gab das Kennzeichen des Lasters an die Zentrale durch.

“Was denkt sich das Arschloch da vorn?”, schimpfte er.

Der Lkw machte keine Anstalten, anzuhalten. Julio riss der Geduldsfaden. Noch einmal fuhr er auf die Gegenfahrbahn, als wollte er überholen. Auf der Höhe der Fahrerkabine schwenkte die Partnerin die Kelle. Endlich schien der Fahrer zu verstehen. Der Lkw bremste so abrupt ab, dass sie im nächsten Augenblick satte zehn Meter vor dem Depp stehen blieben und die Hintermänner vor Schreck das Bremspedal mit der Hupe verwechselten. Die Pkws fuhren vorbei. Julio verstand die eindeutigen Handzeichen der Insassen als Gruß an den Lkw. Im Funkgerät meldete sich eine Capitán Gabriela Sánchez von der Guardia Civil.

“Wartet auf die Verstärkung”, befahl sie, “der Fahrer ist möglicherweise bewaffnet.”

Seine Partnerin stand schon auf der Straße. Der Funkspruch schien sie nicht zu beunruhigen. Scheinbar gelöst schritt sie auf den Lkw zu und bedeutete dem Fahrer, die Scheibe herunterzulassen.

“Ausweis und Fahrzeugpapiere bitte”, hörte er sie sagen.

Vielleicht handelte es sich doch bloß um eine Routinekontrolle, sagte er sich und stieg zögernd aus. Der Fahrer des Lkws machte keine Schwierigkeiten. Während die Partnerin die Papiere kontrollierte, ging er ums Fahrzeug herum. Es gab keine Auffälligkeiten, aber sie mussten auf die Verstärkung warten. Um die Zeit zu überbrücken, schritt er zum Fahrerhaus und verlangte, den Laderaum zu öffnen.

“Warum?”, fragte der Fahrer.

“Deshalb. Tun Sie es einfach. Wir wollen bloß einen Blick hineinwerfen. Sie haben doch nichts zu verbergen?”

Der Mann überlegte kurz, antwortete dann überlaut:

“Wenn es unbedingt sein muss … Ich öffne jetzt den Laderaum.”

Der Mann stieg aus. Im Streifenwagen krächzte das Funkgerät. Niemand beachtete es. Sie folgten dem Fahrer zum Heck des Lkws. Wieder schien der Mann es sich reiflich zu überlegen, dann entriegelte er das Schloss und sprang sofort zur Seite. Befremdet blickte Julio seine Partnerin an, die wiederum nur mit einem Augenaufschlag reagierte und die Tür aufzog. Erschrocken sahen sie sich zwei Männern gegenüber, kräftigen, muskulösen Typen, einer mit gestutztem Kinnbart und schmalem Schnurrbart, der andere ein Milchgesicht. Beide trugen Sonnenbrillen, und in ihren tätowierten Armen hielten sie MPs vom Typ AK-47. Die Läufe zeigten genau in ihre Richtung. Julio riss die Pistole aus dem Holster, sie war noch nicht oben, da traf ihn die Salve des Milchgesichts mit voller Wucht in die Brust. Der Impuls schleuderte ihn rücklings zu Boden. Das noch junge Leben des träumerischen Julio Hernandez endete, bevor sein Körper auf dem harten Asphalt aufschlug. Der bärtige Mann fluchte, während er Julios versteinerte Partnerin niedermähte, ohne hinzusehen.

Aus dem Funkgerät des Streifenwagens brüllte die Stimme der Capitán Gabriela Sánchez. Niemand hörte ihr zu.

“CME 1219 antworten!”, schrie Gabriela ins Mikro, um den Lärm der auf höchster Tourenzahl laufenden BMW 1200 RT zu übertönen.

Schüsse aus Maschinenpistolen, sie war sicher und schwitzte Blut unter dem Helm. Niemand antwortete. Man musste kein Hellseher sein, um zu begreifen, was das wohl bedeutete.

“Ich habe euch gewarnt, ihr Idioten!”, brüllte sie wütend.

Das eingeschaltete Mikrofon störte sie nicht beim Schimpfen. Sie fuhr mit Blaulicht und Sirene, was ihr wenigstens freie Fahrt garantierte. Mit dem Motorrad kam sie sowieso überall durch. Trotzdem dauerte es entschieden zu lang, bis sie die Position des Streifenwagens endlich erreichte. Drei Pkws waren in der Nähe auf beiden Seiten der Straße geparkt. Gaffer stiegen aus, während sie heranbrauste. Verschreckt zogen sich die Leute sofort wieder in die Autos zurück und fuhren weiter, als sie die Sirene hörten. Sie beachtete sie nicht weiter. Als Zeugen waren die sowieso nicht zu gebrauchen, wusste sie aus Erfahrung.

Ihr Herz wollte aufhören zu schlagen. Die Hände zitterten, als sie das Motorrad am Straßenrand abstellte. Sie ließ das Blaulicht weiter blinken, um andere Verkehrsteilnehmer zu warnen. Autos fuhren in weitem Bogen am Tatort vorbei, den sie nur notdürftig mit dem Warndreieck aus dem Streifenwagen sichern konnte. Sie tickte wie Rosa, hatte keine Kirche mehr betreten, seit sie sechzehn war. Trotzdem bekreuzigte sie sich mit Tränen in den Augen angesichts der jungen Polizisten, die auf der Straße in ihrem Blut lagen.

“Warum?”, flüsterte sie.

Es war ein verzweifelter Versuch, von der eigenen Schuld abzulenken. Sie hätte sofort aufbrechen müssen, als die Sichtung gemeldet wurde. Vielleicht würden die beiden noch leben. Der Gedanke entlockte ihr einen verzweifelten Wutschrei. Es ging nicht anders, sie musste die Leichname aus dem Weg schaffen. Sie lagen mitten auf der Straße. Schweren Herzens machte sie sich an die Arbeit, nachdem sie die notwendigen Fotos vom Tatort geschossen hatte. Vom Lkw und den Mördern, die er zweifellos transportierte, fehlte jede Spur. Mit einem Mal sah sie sich umringt von neugierigem Publikum, Pressefotografen zuvorderst. Wütend ging sie auf die Meute los und bedeutete den Leuten, zu verschwinden.

“Zeigt gefälligst Respekt gegenüber den Toten”, rief sie den aggressiven Fotografen zu. “Betet für sie.”

Es war unmöglich, den Tatort allein zu sichern. Die Presse ließ sich nicht abschütteln. Es fehlte nicht viel, und der leider allzu bekannte Felipe Ramos von den 20 Minutos wäre in eine Blutlache getreten. Die anrückende Verstärkung rettete sie. Der Notarzt brauchte nicht über die Todesursache zu spekulieren.

“Tod durch innere Verblutung”, stellte er fest.

Mindestens zwei Schüsse hatten bei beiden Opfern mitten ins Herz getroffen.

“Das geht dann ganz schnell”, fügte er an, als wäre es ein Trost.

Sie zählte sechs Einschüsse beim männlichen Opfer, sieben bei seiner Partnerin.

“Mein Gott!”, seufzte sie mit bebender Stimme. “Was für Bastarde!” Das Mitgefühl übermannte sie. In einem Anflug hilfloser Wut schleuderte sie dem geflüchteten Lkw nach: “Was haben sie euch getan? Gorrinos!”

Die Kollegen brachten die Lage in kurzer Zeit unter Kontrolle. Gaffer verschwanden, die Presse war auf dem Rückzug, als die Spurensicherung die Arbeit aufnahm. Gabriela konnte sich gut vorstellen, was geschehen war, als Ohrenzeugin. Während sie beobachtete, wie eine schwarze S-Klasse-Limousine mit getönten Scheiben im Schritttempo am Tatort vorbeifuhr, wartete sie am Telefon auf die Stimme ihrer Freundin.

“Gabriela.”

Rosa klang erfreut und warm, als hätten sie sich nie gestritten.

“Ich vermisse dich”, murmelte Gabriela bedrückt. “Hier ist die Hölle los.”

Sie brauchte jetzt jemanden zum Reden. Der Streit war vergessen. Sie sehnte sich nach einer Umarmung, etwas menschlicher Wärme. Rosa hörte sich den entsetzlichen Bericht wortlos an.

“Ich werde diese Tiere zur Strecke bringen”, schloss Gabriela.

“Überlass das der Fahndung, überstürze nichts.”

Gabriela legte auf und setzte sich aufs Motorrad.

Valencia

Inspector Rosa Moreno von der Drogenfahndung in Valencia legte befremdet auf.

“Was hat sie vor?”, fragte sie den ahnungslosen Pedro auf dem Weg zum Pirai für einen schnellen Lunch.

Er antwortete mit dem üblichen leeren Blick und wartete auf die Erklärung. Nachdem sie Gabrielas Bericht zusammengefasst hatte, schwieg er betroffen. Kurz vor der Cafeteria blieb er stehen und sagte mit einer Bestimmtheit, als gäbe es keinen Zweifel:

“Albaner.”

Sie wusste genau, wovon er sprach, wälzte ähnliche Gedanken.

“Vielleicht”, antwortete sie und wollte das Restaurant betreten.

Er bewegte sich keinen Millimeter, sah in Gedanken versunken den Wolken nach, als erwartete er von ihnen eine Bestätigung. Langsam senkte er den Blick.

“Überlege mal: Die Esmeralda schmuggelt eine Tonne Koks ins Land. Darauf deutet die Begleitung durch die zwei Typen von der FARC hin. Soweit einverstanden?”

Sie seufzte und betrat das Pirai mit der Bemerkung:

“Ich verhungere.”

Er folgte ihr widerwillig, wollte unbedingt seine Theorie loswerden. Sie setzten sich in die übliche Ecke. Er nahm automatisch die Speisekarte in die Hand, obwohl er sie nicht brauchte, und spann den Faden sogleich weiter.

“Wir wissen beide, wer die Drogen aus Südamerika hier in Empfang nimmt: die albanische Drogenmafia. Die verkauft den Dreck in ganz Europa.”

Was er sagte, war eine Binsenweisheit. Sie nickte zustimmend.

“So”, fuhr er fort, “für mich sieht es aus, als hätten die das Koks aus dem Container in aller Ruhe in den Truck von Larosa geladen, der jetzt nach Frankreich unterwegs ist. Später, zu spät, treffen die Typen ein, die den Albanern die Drogen abjagen wollen. Sie erledigen die FARCs, finden nur Bananen und suchen jetzt den Larosa-Lkw, wie wir.”

Sie bestellte ihr Sandwich und stimmte ihm wieder zu. Sobald der Teller mit der gegrillten Dorade vor ihm auf dem Tisch lag, vergaß er den Fall und begann zu essen. Pedro setzte manchmal die richtigen Prioritäten. Sie kaute an ihrem Sandwich, legte es aber bald weg. Eine innere Unruhe ergriff sie, normalerweise das sichere Zeichen einer nahenden Katastrophe.

“Larosa behauptet, der Lkw sei ihnen gestohlen worden”, sagte sie.

Pedro unterbrach das Essen. Mit einer verächtlichen Handbewegung bemerkte er trocken:

“Nach der Schießerei als gestohlen gemeldet, sehr glaubhaft.”

Sie sah es auch so. “Wir kümmern uns später darum. Jetzt würde mich mehr interessieren, wer die Angreifer wirklich sind, die im Hafen um sich geballert haben wie auf einem Schießstand für Gangster.”

“Ndrangheta, sagst du doch selbst.”

“Ja, das vermute ich, aber mit Vermutungen kommen wir nicht weiter.” Nachdenklich fügte sie nach einer Pause an: “Gabriela ist wohl hinter dem Lkw her, hat aber keine Ahnung, wer den auch noch jagt.”

Sie zog das Handy aus der Tasche, um die Freundin anzurufen. Nicht zum ersten Mal an diesem Tag erhielt sie die Auskunft, der Teilnehmer sei vorübergehend nicht erreichbar. Kurz entschlossen sprang sie auf.

“Du zahlst”, sagte sie und rannte aus dem Lokal.

Barcelona

Rosa Moreno fuhr am späten Nachmittag am roten Backsteingebäude der Guardia Civil an der Travessera de Gràcia in Barcelona vor. Die Leute hier kannten sie, als gehörte sie zum Korps. Sie grüßte scheinbar gut gelaunt zurück, obwohl sie aus Sorge um Gabriela lieber geheult hätte. Der Boss der Truppe, Teniente Coronel Alejandro Rodríguez, teilte ihre Sorge auf seine Weise.

“Ich werde sie auspeitschen lassen”, schimpfte er. “Die macht schon wieder bloß, was sie will, und kümmert sich einen Dreck um Befehle.”

“Sie wird ihre Gründe haben”, antwortete Rosa. Sie kannte den rauen Ton des Teniente Coronel und sein gutes Herz. “Glauben Sie, sie hat eine heiße Spur?”

“Das hoffe ich für sie.”

Er gab ihr den vorläufigen Bericht der Spurensicherung und der Rechtsmedizin. Das Kaliber der sichergestellten Patronenhülsen deutete auf die im Drogenschmuggel aus Südamerika allgegenwärtige Kalaschnikow, AK-47. Veraltet, aber billig, leicht zu beschaffen und äußerst effektiv. Sie warnte die Kollegen der Guardia Civil vor den unbekannten Verfolgern des Larosa-Trucks, stieß aber auf taube Ohren.

“Wir wollen mal nicht den Drogenkrieg an die Wand malen”, kommentierte der Teniente Coronel leichthin. “Finden wir den Lkw, dann haben wir auch die Mörder unserer Kollegen.”

“Das scheint allerdings schwieriger zu sein als üblich”, brummte sie verbittert.

Die Fahndung konnte auch Stunden nach der Tat keine Erfolge vorweisen. Verkehrskameras an den Hauptachsen zeigten nicht den geringsten Hinweis auf das gesuchte Fahrzeug.

“Die verstecken sich irgendwo, warten auf die Dunkelheit”, dachte sie laut.

Die Beamtin an den Bildschirmen schwieg und suchte weiter. Gabriela blieb verschwunden wie der Lkw. Beunruhigte es sie? Ja, klar. Sollte es sie beunruhigen? Nein, denn es war nicht das erste Mal, dass die Gute ihr eigenes Ding mit letzter Konsequenz durchzog. Deshalb war sie so erfolgreich in ihrem Job. Rosa hatte die Warnung vor den Verfolgern in Gabrielas Mailbox gespeichert. Mehr konnte sie im Augenblick nicht tun.

Sie verließ das Präsidium und schlenderte auf der Carrer de Roger de Flor Richtung Barri Gòtic in der Altstadt. Fast jede freie Minute waren sie dort Arm in Arm durch die schmalen, mit Fliesen gepflasterten Gassen gebummelt. Sie kannte jede Bar abseits der La Rambla, wo es nicht von Touristen wimmelte. Die Zeiten, in denen sie bis zum Morgen durchgetanzt hatten, waren zwar vorbei, die Erinnerung daran aber verblasste nicht.

Die Bodega Marin war schon gut besucht, als sie dort einen Espresso bestellte. Der Barista erkannte sie nicht sogleich, was sie aufatmen ließ. Die letzte Begegnung vor mehr als einem Monat war nicht so verlaufen, dass sie besonders stolz darauf wäre. Sie hatte die Tasse noch nicht berührt, als das Handy klingelte.

“Pedro, Neuigkeiten von Gabriela?”

“Nein, leider nicht. Hast du sie erreicht?”

“Würde ich dann fragen?”

“Zucker im Kaffee beruhigt”, entgegnete er beleidigt. “Es gibt vielleicht eine Spur zum Larosa-Lkw.”

Alarmstufe Rot! Während sie zuhörte, trank sie den kleinen Schluck Kaffee aus der Tasse, legte einen Fünf-Euro-Schein auf den Tresen und rannte im nächsten Augenblick zurück Richtung Guardia Civil.

“Genauer geht’s nicht?”, fragte sie unterwegs schwer atmend.

“Bisher nicht. Ich dachte, ihr könnt vor Ort …”

Sie hatte aufgelegt, stürmte ins Haus zum Büro des Teniente Coronel. Rodríguez beendete das Telefongespräch sofort und hörte wortlos zu. Zwanzig Minuten später, eine gefühlte Ewigkeit, saß sie mit zwölf Frauen und Männern des SEK im Einsatzwagen.

“Falls die sich dort verstecken, wo der Lkw zuletzt gesehen wurde, kommt eigentlich nur die Garage in der Nähe der Autobahn in Frage”, sagte der Einsatzleiter.

Sie nickte und hoffte inständig, Gabriela dort zu finden, bevor sie eine Dummheit machte. Ein Gedanke durchfuhr sie, der sie erblassen ließ. Aufgeregt fragte sie:

“Sind Sie sicher, dass Ihr Funkverkehr nicht abgehört wird?”

“Wie kommen Sie denn darauf?”

Der Kommandant nahm sie offensichtlich nicht ernst. Sie erklärte ihm die Gefahr durch die Gangster trotzdem.

“Die haben ein regelrechtes Schlachtfeld hinterlassen im Hafen von Valencia”, betonte sie. “Falls die Sie abhören, kann es sehr gefährlich werden.”

Keine Reaktion. Die Guardia Civil konnte mit Gefahr umgehen, war die Botschaft. Sie versuchte noch einmal, Gabriela zu erreichen oder wenigstens zu orten. Das Handy der Freundin blieb ausgeschaltet. Sie tat das, wenn sie Verdächtige beobachtete. Es könnte eine Erklärung für die unheimliche Funkstille sein. Der Gedanke beruhigte sie indessen kaum.

Hecken und ein verwilderter Olivenhain umschlossen das Gelände der Garage. Es blieb nur der Zugang über die offizielle Einfahrt. Das Einsatzkommando war darauf vorbereitet. Das Team bezog in Sekundenschnelle Posten an strategischen Punkten, wo es alle vier Gebäude kontrollieren konnte. Keine Maus würde ungesehen durchschlüpfen. Rosa hielt vergeblich Ausschau nach Gabrielas Motorrad. Muss noch nichts heißen, tröstete sie sich. Der Kommandant drang mit zwei Männern ins Hauptgebäude ein, das als Wohnhaus diente. Bald erschienen die drei wieder auf dem Vorplatz, gefolgt von einem älteren Mann in ölverschmierter Arbeitskleidung. Sie stand im nächsten Augenblick bei ihnen.

“Señor Márquez sagt, der Lkw wäre da gewesen, vor einer Stunde aber weitergefahren”, erklärte der Kommandant sichtlich enttäuscht.

Ihre Theorie stimmte also.

“Wer hat den Larosa-Lkw gefahren?”, fragte sie hastig. “War noch jemand dabei? Was wollten die hier? Erzählen Sie alles, was Sie wissen, Señor!”

Eingeschüchtert durch die vielen mit Maschinenpistolen bewaffneten und maskierten Besucher begann Márquez zu stammeln.

“Beruhigen Sie sich, alles gut”, sagte sie. “Was ist geschehen?”

Der Besitzer der Garage atmete tief durch und sah sie hilfesuchend an. Sie nickte ihm aufmunternd zu. Er begann zu erzählen, nachdem sich das Team des Einsatzkommandos ins Fahrzeug zurückgezogen hatte.

“Der Truck ist vor etwa vier Stunden hier aufgetaucht. Der Fahrer wollte unbedingt sofort in die Werkstatt. Er verliere Öl, behauptete er.”

“Sie hatten ihn also die ganze Zeit in der Werkstatt?”

Márquez nickte. “Das ist mir seltsam vorgekommen. Meine Leute haben sofort nachgesehen, aber der hat keine Spur von Öl verloren. Es war schnell klar, doch er wollte nicht weiterfahren.”

“Der Fahrer spielte auf Zeit?”

“Ja, genau so ist es mir vorgekommen. Ich habe ihm klar gesagt, dass wir nichts für ihn tun können. Dann ist etwas passiert, was uns richtig Angst gemacht hat.” Er schluckte leer und zögerte, bevor er weitersprach. Die Erinnerung belastete ihn. “Plötzlich standen noch zwei Typen in der Werkstatt, kräftiger als der Fahrer, einer etwa so alt wie ich, einer noch sehr jung.”

“Wer waren die? Woher kamen sie?”

“Die hatten sich im Laderaum versteckt. Anders kann ich es mir nicht erklären. Der Ältere behauptete, die Bremsen würden nicht mehr richtig anziehen, was selbst den Fahrer überraschte. Meine Leute schüttelten nur den Kopf.” Wieder zögerte Márquez.

“Und dann?”

“Dann hatte der Junge plötzlich eine Knarre in der Hand und wies uns an, nachzusehen.”

“Lassen Sie mich raten. Die Bremsen waren in Ordnung.”

Márquez nickte. “Die wollten einfach nicht abhauen, auch nach Feierabend nicht, als ich schließen musste.”

Leider dann doch noch zu früh, dachte sie verärgert. Sie konnten hier nichts mehr ausrichten. Die Spurensicherung würde den Rest übernehmen, und von Gabriela fehlte immer noch jede Spur. Márquez hatte niemanden auf einer BMW 1200 RT bemerkt. Kaum zurück im Präsidium, schoss ihr Puls schlagartig in die Höhe. Der Tracker auf ihrem Handy zeigte Gabrielas Standort wieder an. Sie rannte zum Dienstwagen und fuhr los.

Wismar

Dr. Samir Nikolla sah dem Treiben im Pool zu, bis die Asche von der Zigarette abfiel. An diesem lauen Sommerabend verspürte er keine Lust auf die Besprechung mit dem Kulturdezernenten Jacobi aus Schwerin, aber es musste sein. Er fühlte sich auch zu Hause nicht sonderlich wohl, bereute den Neubau am Strand von Wendorf bei Wismar. Das alte Haus hatte Charakter gehabt und keinen Pool. Wozu hat man ein Meer vor der Tür? Ihm schien, der Pool verwandle Edon zusehends zurück in ein Kind. Ein Kind allerdings, das mit immer neuen Girls mit auffallend üppigen Brüsten Hugh Hefner auf seinem Anwesen spielte. Es gefiel ihm nicht, wie sein Sohn sich entwickelte, und doch setzte er große Hoffnungen in ihn. Edon würde eines Tages die Geschäfte übernehmen, von denen Leute wie der Kulturdezernent Jacobi keinen blassen Schimmer hatten.

“Übertreibt’s nicht”, rief er den großen Kindern im Pool zu.

Dann zog er sich ins neue Haus zurück, eine Ikone moderner Betonarchitektur, weiß wie seine Weste. Es war Zeit, aufzubrechen. Die Besprechung in Wismars Altstadt dauerte nicht lange. Sein Büro am Marktplatz in der Nähe des Alten Schweden war bald frei fürs Geschäft, das er mit Vorliebe nachts abwickelte. Niko, Fahrer, Bodyguard und Hausmeister in einem, kündete Edon an.

“Hab’s gehört”, antwortete er mürrisch.

Der Lärm der 500 PS seines neuen Boliden auf dem Kopfsteinpflaster unter dem Büro war nicht zu überhören gewesen. Immerhin erschien sein Sohn pünktlich zur Konferenz. Kaum saßen sie am Besprechungstisch mit der Telefonspinne, klingelte der Besuch aus Berlin an der Tür.

“Das ist jetzt wichtig”, schärfte er Edon ein, bevor er Niko das Zeichen gab, zu öffnen.

Die zwei Herren aus Berlin setzten sich vorsichtig, als wären sie auf der Hut vor unliebsamen Überraschungen. Alle im Raum wussten genau, worum es ging, um Geld, viel Geld, und um Existenzen. Die Friseursalons Octavia hatten zwar eine beeindruckend schnelle Expansion in allen Bundesländern des Ostens hingelegt, aber jetzt brauchte das weit verzweigte Filialnetz frisches Kapital. Samir Nikollas Geschäftspartner in Berlin waren auf die Octavia aufmerksam geworden, und deren Geschäftsführer hatten sofort angebissen. Warum auch nicht? Es wäre eine Win-win-Situation, wie er noch einmal betonte. Er hatte ein ernstes Problem mit dem vielen Bargeld, das jeden Monat anfiel, und die Berliner brauchten dringend Geld.

“Von welchem Betrag pro Monat sprechen wir?”, fragte der ältere Besucher, der die Octavia gegründet hatte.

Samir antwortete ausweichend:

“Das hängt natürlich vom Geschäftsgang ab. Wir können im Schnitt von hundert- bis zweihunderttausend ausgehen – pro Woche.”

“Fast eine Million pro Monat!”, platzte der Jüngere heraus.

Samir nickte. “Es kann durchaus mal eine Million pro Monat werden. Das ist doch kein Problem für Ihre 23 Filialen?”

Der Ältere antwortete.

“Es wird Zeit brauchen. Wenn kleinere Filialen plötzlich doppelt oder dreimal so viel Einnahmen ausweisen wie vorher, werden die Behörden misstrauisch.”

Edon fühlte sich provoziert und warf ärgerlich ein:

“Lassen Sie sich etwas einfallen. Zeit ist nämlich genau das, was wir nicht haben.”

Samir warf seinem Sohn einen warnenden Blick zu. Die Reaktion der Berliner überraschte ihn jedoch. Sie schienen die Kröte ohne weitere Diskussion zu schlucken. Der Ältere wechselte das Thema.

“Bleibt noch die Frage der Provision.”

Edon öffnete den Mund. Samirs Blick stoppte ihn. Er antwortete lächelnd:

“Ich denke, diese Frage haben wir bereits geklärt.”

Beide Besucher schüttelten den Kopf im Takt wie gekoppelte Pendel.

“Solche Geschäfte wickelt man normalerweise nicht unter zwanzig Prozent ab”, entgegnete der Ältere. “Wir haben uns einschlägig informiert.”

Samir hatte die Obergrenze bei zehn Prozent festgesetzt und dachte nicht daran, davon abzuweichen. Er war auf diese Diskussion vorbereitet, verfügte über genügend Argumente, inklusive mehr oder weniger offener Drohungen, welche die potenziellen Geschäftspartner überzeugen mussten. Kaum hatte er begonnen, seinen Standpunkt zu erklären, klingelte Edons Handy Sturm. Es war eine willkommene Gelegenheit, die Sitzung zu unterbrechen und sich bei einem oder zwei Gläsern Raki zu entspannen. Edon verließ den Raum und kehrte kurz danach zurück, grün im Gesicht. Er zeigte ihm eine Nachricht auf dem Display, die nur aus zwei Wörtern bestand. Code Red. Sofort wandte er sich an die Gäste.

“Wir müssen leider hier abbrechen, meine Herren.”

Die beiden protestierten. “Wir sind extra aus Berlin hierher gefahren.”

“Ja, schon gut”, wehrte Samir unwirsch ab. “Wir verstehen uns doch. Überlegen Sie sich das Angebot gut aber nicht zu lang, 48 Stunden. Ein zweites gibt es nicht. Wenn ich Sie jetzt bitten dürfte zu gehen, es eilt.”

Niko verlieh der Aufforderung auf seine Art Nachdruck. Es war ein gnadenloser Hinauswurf. Dieses Geschäft mussten sie wohl vergessen, aber darum konnte er sich jetzt nicht kümmern. Code Red bedeutete maximalen Ärger. Noch nie in all den Jahren, in denen sein Geschäft zum Imperium angewachsen war, hatte jemand gewagt, diese Nachricht zu senden. Zu zweit saßen sie am Tisch und starrten auf die Spinne, das einzige Telefon, das mit Sicherheit nicht abgehört wurde. Sein Techniker überprüfte es jeden verdammten Tag.

“Es geht um die Lieferung, nicht wahr?”, fragte er fast tonlos.

Edon zuckte die Achseln, doch in seinen Augen las er ein klares Ja.

“Es ist deine erste große Lieferung”, fuhr er eindringlich fort. “Du weißt, was passiert, wenn da was schiefgeht.”

Beide wussten es. Im günstigsten Fall müsste er sich um einen neuen Nachfolger kümmern. Die Verbindung kam zustande.

“Wo ist die Ware?”, fragte Edon sofort gepresst.

“Frankreich”, antwortete der Anrufer ebenso gestresst. “Sie ist noch in Sicherheit.”

“Was heißt noch?”, fuhr Edon wie elektrisiert auf.

“Das ist das Problem. Der Überfall im Hafen von Valencia, die hatten es auf unsere Ware abgesehen. Jetzt sind sie uns auf den Fersen, und sie haben die Bullen aufgescheucht. Wir brauchen dringend Unterstützung.”

Der Angstschweiß des Anrufers tropfte aus der Spinne mitten auf dem Tisch. Der Mann war in Panik. Samir wartete gespannt auf die Reaktion des Sohnes. In solchen Augenblicken trennte sich die Spreu vom Weizen. Die nächsten Sekunden würden entscheiden, ob Edon wirklich das Zeug zum Nachfolger hatte. Der junge Mann enttäuschte ihn nicht. Edon, zwar immer noch grün im Gesicht, antwortete ruhig und überlegt.

“Bleibt im Relais! Dort seid ihr sicher, bis unsere Leute eintreffen. 24 Stunden, mehr brauchen die nicht.”

“Da ist noch etwas”, sagte der Anrufer zögernd.

“Was denn?”

Samirs Puls erreichte gefährliche Höhen, während er auf die Erklärung wartete.

“Eine Patrouille hat uns bei Barcelona angehalten. Wir mussten sie loswerden.”

Es war vorbei mit Edons Beherrschung. Er sprang auf und schrie die Spinne außer sich an:

“Ihr habt Bullen umgelegt? Seid ihr völlig irre?”

“Es ging nicht anders.”

Samir intervenierte, bevor Edon die Spinne fressen konnte.

“Ist dieses Problem erledigt?”, fragte er betont ruhig.

“Erledigt, aber wie gesagt …”

Samir unterbrach ihn sofort. “Schickt die Koordinaten und bleibt unter dem Radar.”

“Diese gottverfluchten Idioten!”, rief Edon gequält aus, nachdem das Gespräch beendet war. “Bullen umlegen! Eine bessere Methode, die uns auf den Hals zu hetzen, gibt es nicht.”

“Hast ja recht”, stimmte Samir düster zu, “aber wir müssen jetzt sofort handeln. Jede Minute zählt.”

Edon nickte und zog das Handy hervor. “Ich alarmiere meine Leute.”

Samir schlug ihm das Telefon aus der Hand. “Was willst du?”

“Was soll das? Ich schicke mein Team.”

Samir schüttelte den Kopf. “Das wäre nicht klug, mein Junge. Überlege: Du hast bisher nichts falsch gemacht bei deiner ersten Lieferung. Wenn du jetzt deine Leute schickst und etwas schiefgeht, bist du dran – und ich auch. Nein, wir alarmieren Pristina. Die sollen sich darum kümmern. Verstehst du?”

“Ich soll den verfluchten Gärtner anrufen?”

“Ganz genau. Pristina hat mehr Ressourcen, und Vito versteht sein Handwerk.”

Marseille

Die Embraer Phenom 300E mit dem Kennzeichen ZA-AWA-3124 landete am frühen Morgen auf der nassen Piste des Flughafens Marseille Provence. Es begann zu tagen, als die acht Männer aus Pristina ausstiegen. Zwei Männer, die aussahen wie Brüder des Anführers der Gruppe aus dem Kosovo, warteten mit versteinerten Mienen hinter der Zollschranke. Zami Hoxhaj, der den Einsatz leitete, umarmte beide kurz und fragte:

“Alles bereit?”

Der Bruder aus Marseille nickte. “Im Lager in Saint-Louis. Zu gefährlich, das Zeug hierher zu karren.”

“Wenn du das sagst.”

“Wie geht es Vito?”, fragte der Bruder aus Marseille wenig später am Steuer einer der zwei Limousinen, mit denen sie ins 15. Arrondissement fuhren.

Das Lager befand sich in einer Gegend, wo sich kein Tourist blicken lässt, der einen Reiseführer lesen kann.

“Er lässt dich grüßen und dankt für die Zusammenarbeit.”

Der Mann am Steuer lächelte. “Wir Brüder halten doch zusammen.”

Im Lager an der Avenue de Saint-Louis fassten Zami und seine Männer die Waffen, eine AK-47 und eine Beretta Parabellum pro Mann, je mit zwei Ersatzmagazinen. Zami wäre die Uzi lieber gewesen, aber in der Eile ließ sich nichts anderes auftreiben. Er dankte den französischen Brüdern und zog sich mit seinen Männern zur Lagebesprechung in ein leer stehendes Büro zurück. Die Gastgeber blieben draußen. Sie mussten nicht wissen, was sie planten. Kaum war die Tür hinter ihnen zugefallen, rief Edon an, den alle außer seinem altmodischen Vater Eddy nannten.

“Was gibt’s?”, fragte Zami kurz angebunden.

“Seid ihr gut angekommen? Habt ihr alles?”

“Klar, was gibt’s?”

Eddy war ein Schwätzer. Was sollte die blöde Frage? Vito hatte den Einsatz geplant, und was sein Bruder plante, klappte immer.

“Schlechte Nachrichten”, antwortete Eddy kleinlaut. “Wir haben den Kontakt mit dem Lkw verloren.”

Zami fluchte innerlich. Schlechte Nachrichten beschrieb das Problem nicht annähernd. Mutierte seine Schutztruppe jetzt zum Suchtrupp? Er beherrschte sich mit Mühe und stellte die Frage scheinbar nüchtern.

“Letzte Position?”

“Acht Kilometer vor Perpignan. Ich schicke die Koordinaten.”

“Sind sie am Relais?”

“Weiß nicht, sie antworten nicht.”

Zami legte auf und wartete ungeduldig auf die Nachricht mit der letzten bekannten Position des GPS-Trackers im Lkw. Sobald er die Karte mit dem roten Punkt auf dem Handy sah, wusste er, was zu tun war.

“Letzte Position nahe am Relais”, erklärte er seinen Männern. “Vielleicht haben sie es bis dorthin geschafft, oder sie sind auf der Flucht vor den Spaghetti.”

Für ihn war sonnenklar, wer scharf auf ihr Koks war. Nur die Ndrangheta kam infrage, und die fürchtete er wie den Teufel, im Gegensatz zu den Bullen.

“Wir wissen also nicht, wo der Lkw steckt?”, fragte einer und spuckte auf den Boden.

Zami nickte. Seine Strategie lag auf der Hand. Sie waren zu wenige für eine umfassende Suchaktion, das wussten alle.

“Wir teilen uns auf”, sagte er, “ich fahre mit drei Männern nach Perpignan, die andern vier beziehen bei Nîmes Stellung, um den Lkw abzufangen. Die Brüder werden mit Sicherheit die Route über Lyon wählen, wie vorgesehen.”

“Wenn die schon weiter sind?”, fragte der Bruder mit der Spucke.

“Unwahrscheinlich, die hätten sich sicher gemeldet, aber Fragen an Tankstellen und Rastplätzen schaden nicht. Alles klar?”

Ein vielstimmiges Echo war das Zeichen zum Aufbruch. Zwei Stunden später, kurz nach Montpellier, erreichte ihn Eddys zweiter Anruf.

“Wir haben gerade ein letztes Signal vom Tracker empfangen. Ich schicke die Koordinaten.”

Der Beifahrer rief die Nachricht auf Zamis Handy ab.

“Das ist nicht das Relais”, sagte er nach einem Blick aufs Display.

Der rote Punkt befand sich auch nicht auf der üblichen Strecke Richtung Rhonetal. Zami sah schwarz für den Lkw und seine Begleiter.

Perpignan

Rosa Moreno musste diesen Anruf entgegennehmen. Wie sie den Chef kannte, machte er sich ernsthaft Sorgen um sie. Seufzend drückte sie auf Empfang und gleichzeitig hart auf die Bremse. Der Vordermann gehörte zur Sorte von Autofahrern, deren Führerschein nur für Skooter auf Jahrmärkten gültig sein sollte.

“Comisario, was gibt’s?”

“Inspector Moreno, wo zum Teufel stecken Sie?”

“Perpignan.”

“Perpignan! Das liegt in Frankreich!”

“Ich weiß, Comisario. Ich habe eine Spur zu Capitán Sánches. Sie führt direkt hierher.”

“Rosa, Rosa ... Ich dachte, Sie haben sich getrennt, Sie und Gabriela.”

Woher wusste er das? Verblüfft stellte sie ihm die Frage und fügte energisch an:

“Im Übrigen stimmt es gar nicht. Es war bloß eine kleine Meinungsverschiedenheit, nichts weiter. Was geht Sie das überhaupt an?”

“Ich mache mir halt Sorgen um meine Mitarbeiter.”

“In”, korrigierte sie, “es muss in diesem Fall Mitarbeiterin heißen.” Die erste Tankstelle auf ihrer Liste rückte näher. Hastig beendete sie das Gespräch. “Discúlpeme, ich muss auflegen, Comisario.”

Der Protest des Chefs endete abrupt. Sie stellte das Dienstfahrzeug vor dem Shop an der Tankstelle ab und betrat den Laden. Ihr Französisch war etwas eingerostet, und der Dialekt des Tankwarts hörte sich fast an wie Gabrielas Katalanisch. Sie verstanden sich prächtig mit Handzeichen. Der Mann zeigte ihr die Videoaufzeichnungen der letzten 24 Stunden ohne Weiteres. Datenschutz interessierte den ebenso wenig wie sie. Keine Spur von Gabriela und ihrem Motorrad in den Aufzeichnungen. Befand sie sich womöglich doch noch in der Nähe des Parkplatzes, an dem sie das Smartphone zuletzt gezeigt hatte? Dort war ihr auf Anhieb nichts aufgefallen. Sie versuchte es mit zwei weiteren Tankstellen und deren Kameras, ohne Erfolg.

Enttäuscht kehrte sie zum Parkplatz nah am Pont Joffre zurück. Auch beim zweiten, genauen Hinsehen am helllichten Tag fand sie nichts, was auf Gabriela hindeuten könnte. Vor allem gab es in der näheren Umgebung keine Kameras. Ratlos schlenderte sie über den Platz, schaute zum fast ausgetrockneten Fluss hinunter, der sie vom Boulevard de la France libre trennte. Etwas weiter östlich teilte er sich und verschwand im Gehölz, das mitten im Flussbett wucherte. Sie drehte sich um, wollte zum Auto zurückkehren, da blieb sie abrupt stehen, als hielte sie eine starke Hand am Kragen fest. Sie sah genauer hin. Etwas glänzend Weißes schimmerte durchs Laub der Bäume im Flussbett. Ihr Magen zog sich zusammen, als sie erkannte, was nur fünfzig Meter vom Parkplatz entfernt im Wasser lag.

Larosa SL war deutlich zu lesen an der Seite des umgekippten Lkws. Das Wrack sah seltsam unversehrt aus, als hätte ein Windstoß das Fahrzeug ins Flussbett geblasen. Die Hecktür allerdings war dabei aufgeklappt. Sie stieg mit deutlich erhöhtem Puls hinab und betete zum Gott, mit dem sie auf Kriegsfuß stand:

“Nicht Gabriela, bitte, nur nicht Gabriela!”

Sie wusste, was sie tun müsste: Hände weg und die französischen Kollegen rufen. Stattdessen näherte sie sich vorsichtig dem Lkw. Schutzweste und Dienstwaffe lagen in ihrem Auto. Bald war indessen klar, dass hier keine Gefahr mehr drohte. Ein Blick durch die offene Hecktür ließ das Blut in den Adern gefrieren. Was immer der Larosa-Lkw transportiert hatte, befand sich nicht mehr im Laderaum. Anstelle der Ware zählte sie drei menschliche Körper, männlich, blutverschmiert und mausetot. Da würde sie keinen Puls mehr feststellen, nicht bei Menschen mit einem dritten Auge und von Kugeln zerfetzter Kleidung. Sie verzichtete darauf, den Laderaum zu betreten, alarmierte stattdessen die französischen Kollegen.

“Wir brauchen die Spurensicherung und Leichenwagen. Drei Tote, erschossen”, meldete sie und legte sofort auf, nachdem sie den Standort durchgegeben hatte.

Während sie wartete, sah sie sich die Fahrerkabine an. Papiere fürs Fahrzeug und der Führerausweis lagen da und schienen auf den ersten Blick echt und in Ordnung zu sein. Das Foto passte zu einem der Opfer, abgesehen vom dritten Auge. Sie schloss die Tür wieder. Eine Bewegung oben an der Straße erregte ihre Aufmerksamkeit. Die männliche Gestalt zog sich auffällig schnell zurück, als sich ihre Blicke trafen.

“Halt, Polizei!”, rief sie und setzte dem Mann nach.

Oben auf der Straße sah sie ihn nicht mehr, dann hörte sie, wie ein Motor aufheulte. Eine Limousine, schwarz oder blau, entschwand im Gegenlicht der Morgensonne. Sie hatte keine Chance, das Kennzeichen zu lesen. Fluchend und schwer atmend blieb sie stehen. Nervöses Blaulicht und Sirenen kündeten das große Besteck der Polizei von Perpignan an. Ein Zivilfahrzeug fuhr voraus und bremste hart vor ihren Füßen. Sie war so überrascht, dass sie vergaß, zur Seite zu springen. Die ungewollte Gelassenheit schien den Kommissar zu beeindrucken, der aus dem Wagen sprang. Fast respektvoll stellte er sich als François Lacroix, Commissaire de la Police Nationale, vor.

“Haben Sie uns angerufen?”

Sie nickte und stellte sich auf dem Weg zum Fundort als spanische Kollegin vor. Der Rechtsmediziner legte sich bei allen drei Opfern auf einen Todeszeitpunkt zwischen zwei und vier Uhr morgens fest. Offenbar war der Fahrer in der Kabine erschossen worden, die beiden andern im Laderaum. Von der ehemaligen Ladung, dem Kokain, wie Rosa vermutete, fehlte jede Spur, wie auch von Gabriela. Kommissar Lacroix horchte auf, als sie die Geschichte des Kokainraubs erzählte.

“Sind Sie sicher, dass Ihre Bekannte von der Guardia Civil hier am Fundort war?”, fragte er mit zugekniffenen Augen.

Sie zuckte die Achseln. “Ich weiß nur, dass sich ihr Handy zuletzt auf dem Parkplatz befunden hat. Wo sie dann hingefahren ist, entzieht sich meiner Kenntnis – leider.”

“Welchen Wagen fährt sie?”

“Motorrad, eine blaue BMW 1200 RT.”

Der Kommissar ließ sie stehen und ging zum Einsatzwagen der uniformierten Kollegen. Sie glaubte schon, er hätte sie vergessen, als er mit grimmiger Miene zurückkehrte.

“Sie war da, und zwar zum Tatzeitpunkt! Kameras am Kreisverkehr beweisen es.”

“Großartig!”, rief sie wie elektrisiert.

Endlich eine Spur von ihrer Freundin. Kommissar Lacroix sah es etwas anders.

“Ihnen ist schon klar, dass Capitán Sánches zurzeit unsere Hauptverdächtige ist”, sagte er düster.

“Was? Sie glauben doch nicht im Ernst …”

Er eilte zu seinem Dienstwagen und startete den Motor. Sie rannte ihm fluchend nach, hämmerte mit der Faust ans Seitenfenster und fuhr ihn an:

“Und die Tonne Koks steckt jetzt in ihrer Satteltasche, oder was?”

Er fuhr ab. Sie hetzte zu ihrem Auto zurück und nahm die Verfolgung auf. Er fuhr mit Blaulicht und ohne Rücksicht auf Verluste durch die Innenstadt. Sie klebte an seiner Stoßstange. Die Fahrt dauerte keine zehn Minuten. Plötzlich nahm er den Fuß vom Pedal und begann scheinbar ziellos durch ein Industriequartier zu schleichen. Er suchte Gabrielas Motorrad. Sie fand es nur Minuten später vor dem Eingang zu einer Autowerkstatt. Das Tor stand halb offen. Puls auf 180 folgte sie ihm ins Haus. Dann stockte ihr Atem.

KAPITEL 2

Perpignan

ROSA HATTE SICH geirrt. Das Gebäude war keine Kfz-Werkstatt, eher eine Reifenlagerhalle. Eine Blutspur zog sich quer durch den Innenraum vom Tor zur Ecke, wo sich ein Glaskasten mit einer Art Büro befand. Ein Schwerverletzter hatte sich mit letzter Kraft zum Telefon geschleppt. Er hatte es nicht mehr erreicht. Die Füße, die in Gummistiefeln steckten, ragten aus dem Glaskasten. Nicht Gabrielas Schuhe! Kommissar Lacroix folgte der Blutspur, die Dienstwaffe schussbereit in der Hand, sie hinterher. Ihr Herz wollte stehen bleiben beim Gedanken an die Freundin, deren Motorrad vor der Tür stand.

Totenstille herrschte in der düsteren Halle, kein Arbeiter weit und breit. Der Mann mit den Stiefeln lag neben dem Schreibtisch, eine Hand ausgestreckt, als versuchte er noch aus dem Jenseits, den Notruf abzusetzen. Die drei oder vier Projektile seines Mörders hatten ihn in den Rücken getroffen. Wo bist du?, murmelte sie tonlos, während der französische Kollege mit gedämpfter Stimme Verstärkung anforderte. Eine Tür führte aus dem Büro in einen Hinterhof. Vorsichtig stieß sie sie auf. Sie ließ sich nur einen Spalt breit öffnen. Etwas Schweres blockierte sie. Gemeinsam mit Lacroix gelang es ihr, sie so weit aufzustoßen, dass sie durchschlüpfen konnte. Ihr wurde schwarz vor Augen. Sie hielt sich verkrampft an der Tür fest. Diese Schuhe kannte sie. Sie gehörten zur Uniform von Capitán Gabriela Sánches. Der Leichnam der Freundin und Geliebten hatte die Tür versperrt. Ohnmächtig stöhnend fiel Rosa auf die Knie und beugte sich über die Tote. Der Anblick raubte ihr den Verstand. Verzweifelt nahm sie Gabrielas Leichnam in die Arme und ließ den Tränen freien Lauf.

“Das sollten Sie nicht tun”, sagte der französische Kollege leise in respektvollem Abstand.

Rosas Verstand setzte langsam wieder ein. Vorsichtig bettete sie den geliebten Körper wieder so auf den Boden, wie sie ihn gefunden hatte. Immer noch hemmungslos weinend und schluchzend stammelte sie:

“Wir – haben uns gestritten.”

Lacroix nickte nur stumm. Sie hörten, wie die Verstärkung anrückte. Der Kommissar ging zurück, um die Kollegen zu empfangen. Es riss ihr fast das Herz heraus, sich von Gabrielas sterblichen Überresten zu trennen und die Arbeit wieder aufzunehmen, als läge da eine unbekannte Leiche. Die Geliebte war schnell und schmerzlos gestorben. Sie hatte nicht gelitten. Das zumindest tröstete sie ein klein wenig. Sie war mit einem Genickschuss hingerichtet worden. Der Rechtsmediziner würde es in wenigen Minuten bestätigen, war sie überzeugt. Warum willst du auch immer alles sofort selbst erledigen!, warf sie der Toten im Stillen vor, bevor sie sich abwandte.

Sie verschaffte sich einen schnellen Überblick über den Rest der Liegenschaft. Der Hinterhof grenzte an zwei Nachbargebäude, von denen nur Mauern mit abfallendem Verputz zu sehen waren. Da würde sie keine Zeugen finden. Eine Seite des Hofs öffnete sich auf eine Querstraße. Die Gebäude nahe der Einfahrt besaßen zwar Fenster, aber dicht belaubte Bäume versperrten jede Sicht auf den Hof. Zwei Geländefahrzeuge standen an der Mauer gegenüber dem Büro. Sie mussten schon so lange dastehen, dass sie sich fragte, ob überhaupt noch ein Motor unter der Kühlerhaube steckte. Daneben allerdings gab es Spuren weiterer Fahrzeuge. Reifenspuren, die nach dem Regen entstanden sein mussten, führten aus dem Hof und bogen dann rechts ab Richtung Hauptstraße. Der Radstand deutete auf ein größeres Fahrzeug hin, Kombi oder Lieferwagen. Vielleicht handelte es sich auch um Spuren des Lkws im Fluss. Die Spusi würde das feststellen.

Kommissar Lacroix stand mit dem Rechtsmediziner bei Gabrielas Leiche, als sie von ihrem Rundgang zurückkehrte.

“Mein Beileid”, sagte er, und der Arzt nickte ihr stumm zu. Fast flüsternd fügte Lacroix an: “Kaliber .38, Hohlspitzgeschoss. Keine Patronenhülsen. Die benutzen Revolver.”

“Immer noch überzeugt von Ihrer Theorie?”, fragte sie gereizt.

Er zeigte Verständnis und blieb sachlich.

“Es sieht ganz danach aus, als hätten die das Koks hier umgeladen und dann den Lkw entsorgt.”

Sie nickte. “Die KTU sollte sich die Reifenspuren im Hof genau ansehen.”

Als hätten die sie gehört, traten zwei Damen in Schutzkleidung aus dem Haus und begannen mit ihrer Arbeit. Rosa wartete, bis die Bestatter Gabrielas Leichnam wegtrugen, dann folgte sie ihnen durch die Halle auf den Vorplatz. Was war hier geschehen? Erst allmählich gelang es ihr, klar zu denken. Die These vom Raub des Kokains durch die Ndrangheta war zwar noch nicht bewiesen, aber es gab nichts, was dagegen sprach. Die ermordeten Männer im Lkw gehörten zweifellos zur Gruppe der Albaner, die das Koks in Valencia von den Ex-FARC auf der Esmeralda in Empfang genommen hatten. Sie vermutete, diese Lagerhalle mit dem diskreten Hinterhof sollte als Zwischenstation benutzt werden, um die Ware auf andere Fahrzeuge umzuladen. Allfällige Verfolger wären so leichter abzuschütteln. Wie zur Bestätigung trat Lacroix aus der Halle und sagte:

“Es gibt Hinweise, dass das Koks jetzt in einem weißen Kleintransporter vom Typ Citroën Jumper Richtung Rhonetal unterwegs ist.”

Nicht nur die Ware, dachte sie, auch Gabrielas Mörder.

“Die Fahndung ist raus”, fügte er an. Sein Telefon klingelte. Er hörte kurz zu, runzelte die Stirn und wusste noch etwas zu berichten. “Es gibt offenbar zwei identische Kleintransporter, die auf diese Firma zugelassen sind.”

Sie lächelte bitter. “Na ja, eine Tonne Koks braucht Platz.”

Zami Hoxhaj riss das Steuer herum, sobald er sicher war, aus dem Gesichtsfeld der Polizistin verschwunden zu sein. Die drei Mitfahrer fluchten.

“Verdammt Zami, kannst du uns mal sagen, was los ist?”

“Gleich”, brummte er.

An der nächsten Kreuzung bog er nach rechts ab. Langsam fuhr er zurück zur Stelle, wo er den Laster gesehen hatte. Im Schatten einer Platane mit ausladenden Ästen, deren Blätterdach sich wie eine Tarnkappe über die Limousine spannte, stellte er den Motor ab.

“Ihr bleibt im Auto”, befahl er und stieg aus.

Er war versucht, mit der Waffe in der Hand zum Unglücksort zu rennen, um nachzusehen, was dort vor sich ging, Polizei hin oder her. Der Gedanke an seinen großen Bruder in Pristina hielt ihn zurück. Statt den Draufgänger mit kurzer Lunte zu markieren, versteckte er sich in der Nähe und beobachtete Straße und Flussbett, wo inzwischen ein Dutzend Uniformierte und Personal in Schutzanzügen am Werk waren. Schockiert sah er zu, wie drei schwarze Säcke in Leichenwagen verladen wurden. Drei Tote aus ihrem Lkw. Drei Brüder, er zweifelte keinen Augenblick daran und fröstelte. Kalter Schweiß trat auf die Stirn. Er musste etwas tun, denn er wusste ohne nachzusehen: Die Ware befand sich nicht mehr im Lkw.

Das Telefon vibrierte in der Hosentasche. Vito, zeigte das Display. Er müsste seinem Bruder sofort klaren Wein einschenken, aber er ließ es summen. Er würde die Ware zurückholen, koste es, was es wolle, dann die gute Nachricht nach Pristina melden. Nur so könnte er das hier überleben. Auch das war ihm klar. Nachdenklich kehrte er zum Auto zurück.

“Die Brüder sind tot, die Spaghetti haben das Koks”, sagte er und startete den Motor.

“Und jetzt?”, fragten die Beifahrer unisono.

“Jetzt sehen wir uns am Relais um. Wir werden die Ware finden, und dann sind die Scheißkerle aus Kalabrien dran.”

Die Kfz-Werkstatt im Industriequartier war kaum wiederzuerkennen. Bullen, wohin das Auge reichte. Fluchend fuhr er vorbei und parkte in einer nahen Sackgasse.

“Wir müssen wissen, was die wissen”, sagte er. “Schwärmt aus und sperrt Augen und Ohren auf, aber lasst euch nicht erwischen.”

Es gelang ihm, nahe ans Eingangstor zu schleichen, ohne gesehen zu werden. Die Polizistin in Zivil, die er schon kannte, stand mit einem männlichen Kollegen vor dem Haus. Sie unterhielten sich laut genug, dass er das meiste verstand. Nach kurzer Zeit hatte er genug gehört. Er kehrte zum Auto zurück, rief die Brüder per SMS zurück und berichtete, was er vernommen hatte. Dem Jungen mit der Spucke war es gelungen, einen Blick in den Hof und von dort in die Halle zu werfen. Er bestätigte:

“Keine Spur vom Koks.”

Zami nickte. “Die Ware ist jetzt unterwegs ins Rhonetal, in einem weißen Citroën Jumper.”

Er hängte sich ans Telefon, um die Brüder in Nîmes zu warnen.

Rosas Augen weiteten sich, als sie den gepackten Koffer sah.

“Du ziehst aus?”, fragte sie Gabriela fassungslos, die daneben stand und telefonierte.

Sie reagierte nicht und sprach ohne Ton ins Handy, als hätte sie keine Stimmbänder mehr. Dann klopfte jemand lautstark an die Tür und Rosa erwachte. Verwirrt betrachtete sie die kahlen, weißen Wände und den Rauchmelder an der Decke. Nur fahles Licht einer Straßenlampe erhellte das Zimmer durch ein kleines Fenster. Jemand klopfte an die Tür.

“Entrez!”

Kommissar Lacroix trat ein. Er drückte auf den Lichtschalter und sagte:

“Ich dachte, das interessiert Sie.”

“Wie spät ist es?”

Beim Blick auf die Uhr staunte er selbst. “3 Uhr 05. Die Kollegen in Lyon haben einen Transporter gestoppt. Sie sind gerade dabei, die Ladung zu inspizieren.”

Er legte das Handy auf den Tisch neben dem Bett und schaltete auf Lautsprecher. Sie setzte sich ächzend auf und schämte sich. Sie stank wie ein Wiesel, als hätte sie eine Woche lang nicht geduscht und keine Kleider gewechselt. Was fast stimmte, wie sie sich erinnerte. Lacroix fragte ins Telefon:

“Wie weit seid ihr?”

“Der Fahrer öffnet jetzt den Laderaum.”