Lichtgespinste - Elisabeth Waterfeld - E-Book

Lichtgespinste E-Book

Elisabeth Waterfeld

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Beschreibung

Deutschland, Mitte des 19. Jahrhunderts: Politische Umbrüche und technischer Fortschritt prägen das Leben der Menschen. Zwei Familien müssen sich hier zurechtfinden, während sich Begebenheiten zutragen, die mit Vernunft nicht zu erklären sind.

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Seitenzahl: 192

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Das Buch

Viele Jahre wohnten sie an dem Fluss und beobachteten die Schiffe. Martin und Franz hatten immer am Wasser gespielt, aber jetzt wirkte der Strom für Christine größer, dunkler und die leichten Wellen hatten einen eigenartigen Schimmer.

Am gegenüberliegenden Ufer konnte man in weiter Ferne noch Häuser sehen. Um diese Uhrzeit brannte kein Licht. Der Schatten einer Gestalt war vor einer der Türen zu erkennen, auch wenn es sehr dunkel war. Eine Gestalt, die ihr bekannt vorkam.

Die Autorin

Elisabeth Waterfeld schreibt Kriminalromane und Schauergeschichten.

Elisabeth Waterfeld

LICHTGESPINSTE

Roman

© 2025 Elisabeth Waterfeld

ISBN Softcover:

978-3-384-18297-5

ISBN E-Book:

978-3-384-18298-2

Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:

tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland.

Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]

Inhalt

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Prolog

1865

CHRISTINE

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ALBERT

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Epilog

Lichtgespinste

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Prolog

Werder, 21.10.1866

Beste Karin, nun komme ich endlich dazu, Dir zu schreiben. Wie geht es Dir? Hat die schlimme Zeit beiEuch auch so gewütet? Ich bin in den letzten Wochen nicht zu meiner Antwort an Dich gekommen, aber was soll ich Dir sagen?

Unsere Familie muss wie alle Familien nach vorn sehen. Es ist mir oft so schwer, der Alltag fordert mich aber und Du würdest sagen, dass es gut ist, dass wir nicht aufgeben dürfen, Du nicht in Hamburg und wir nicht hier an der Havel. Was bringt das Verzagen?

Ich denke so gern an unsere Ostsee, als alles noch gut war, der Sonnenuntergang und der Sand zwischen unseren Zehen, als ich mich gefreut habe, Dich kennenzulernen. Ich weiß noch, wie Du den Jungen an dem Fischstand Beine gemacht hast. Sie hatten große Angst, obwohl Du es gar nicht wolltest. Sie wussten Deine Art nicht zu nehmen und haben sich mit ihren Räucheraalen schnell verzogen. Dein Geschimpfe wird mir ewig in Erinnerung sein.

Und nun? Jetzt werden wir alle ein großes Land. Alle gehören zusammen, so wie es schon einmal sein sollte. Vielleicht ist es gar nicht schlecht. So oft waren wir einfach ausgeliefert, weil ein Fürst neue Ideen hatte. Wer weiß, Karin? Irgendwann wird es so sein, dass sie uns auch fragen, dass es wirklich so wird, wie sie es jetzt überall fordern. Ein Wahlzettel für alle Männer, vielleicht auch für uns Frauen.

Karin, wenn ich Martin doch nur noch einmal sehen könnte! So oft wache ich nachts auf und denke, dass sich etwas an der Haustür tut. Aber dann ist es doch nur der Wind, der frech durch die Gassen schleicht und uns wachhält. Wenn ich ihn fassen könnte, ich würde ihm laut entgegenschreien, warum er mir alles nimmt, alle Dinge und Menschen an andere Orte weht, anstatt uns etwas Gutes zu bringen.

Martin war damals so still, als er sich von uns verabschiedet hat. Ich habe ihn nicht mehr darauf angesprochen, weil er kaum zu beruhigen war, wenn er über seine Pläne sprach. Es waren ja damals viele Männer so, die jungen und die alten. Aber Karin, wir haben ihn nicht aufgehalten, das habe ich schon einmal geschrieben, aber ich weiß, ich hätte es auch nicht geschafft. Zum Glück wird es jetzt kalt, Karin. So ist es doch immer, wenn die Sonne scheint zu all dem Elend, das ist doch nichts, es geht schließlich auf Weihnachten zu. Davor graut mir am meisten. Eigentlich hatte ich Martin seit den letzten Feiertagen nicht mehr gesehen, im Januar war er ja schon wieder Richtung Kaserne gereist und dann diese Entwicklung.

Sie drehte den Füller zu und legte ihn zur Seite. Er war ein Geschenk von Karl anlässlich ihres neununddreißigsten Geburtstages gewesen. Die letzten Monate hatte sie gedacht, dass dieses Alter in weiter Ferne war und jetzt war es plötzlich doch gekommen.

Sie beschloss, den Brief hier zu beenden. Es würden ihr keine weiteren aufmunternden Zeilen einfallen, die zuversichtlicher klangen. Karin würde ebenso Verluste erlitten haben. Sie schrieb kurzerhand noch einen letzten Gruß an das Ende der Seite, überflog noch einmal den Text, betonte hier und dort noch einen Buchstaben und legte dann den Briefbogen zum Trocknen auf die Fensterbank. Sie sah hinaus in die Dämmerung. Die Sonne hinterließ auf dem Wasser einen letzten Schein, der allen Dingen einen hellen Rahmen gab.

Ab und zu hatte sie noch das Gefühl, dass die Gestalt sie beobachtete, aber sie war jetzt wie ein alter Freund, der aus einem anderen Leben in ihre Zeit blickte, sich merkte, was bei ihr vorging.

Wie mochte es Karin nun gehen? Der letzte Brief war vom September. Vielleicht war keine Zeit gewesen, vielleicht war Christine aber auch keine treue Freundin. Immerhin hatte sie nun eine Antwort formuliert, die sie morgen zum Postamt bringen wollte.

Der Blick nach draußen auf ihren geliebten Fluss machte ihr keine Angst mehr. Nur das war wichtig. Die verschwindenden Sonnenstrahlen tanzten auf den kleinen Wellen und irgendwann würde das Wasser auch die Trauer mitnehmen.

1865

CHRISTINE

1

Vorsicht, Frau Christine! Die Kartoffeln kochen schon wieder über.“

Gertrud nahm den Topf mit dem alten Geschirrtuch schnell von der Kochstelle und schob ihn zur Seite, nicht ohne einen Blick auf die Hausherrin zu werfen. Christine konnte kaum reagieren, wenn sie Anweisungen erhielt.

Die deutlich ältere Gertrud kannte Christines Küche wie ihre eigene, auch wenn Christine ihre Küche nie gesehen hatte. Gertrud war damals von ihrer Landwirtschaft weggegangen wie so viele zu dieser Zeit. Die Arbeit, die sie bei Hofmeisters bekommen hatte, bezeichnete sie Christines Mann Karl gegenüber noch heute regelmäßig als Glücksgriff, obwohl sie seit jeher gegenüber Christine eher einsilbig blieb, sodass die Hausherrin kurzerhand das Weite suchte und zu Franz in den Garten ging, der gerade seine Zinnsoldaten zwischen den Gräsern aufmarschieren ließ. Erste Krokusse tauchten zwischen dem Grün auf, das jetzt manchmal sogar in den Augen wehtat. Der dunkle Winter war lang gewesen.

„Es ist kalt, Du solltest eine Jacke anziehen.“

„Brauche ich nicht.“ Er spielte weiter und ließ die Aufforderung seiner Mutter links liegen. Recht hatte er, dachte sie bei sich, sie sollte sich nicht von anderen irritieren lassen. So ging sie selbst hoch, um eine der älteren Jacken zu holen, die die Hofmeisters für die Gartenarbeit trugen. An einem großen Garderobenständer hingen etliche ausrangierte Kleidungsstücke, deren gute Zeiten vorbei waren, die sich aber für die Gartenarbeit noch immer gut eigneten. Einst hatten die Jacken Karls Vater und Großvater gehört, die sie selbst für diese Zwecke benutzt hatten. Nachdem beide gestorben waren, waren die Jacken einfach hängen geblieben und neue hatten sich darüber gesammelt.

Christine sah die alten Sachen gern an Karl, wenn er seine weißen Hemden vorsorglich oben gelassen hatte und in eines der grauen Leinenhemden schlüpfte.

Sie nahm eine der schmaleren Westen vom Haken und ging zurück in den Garten. Unter ihren Füßen gab der Wiesenweg nach, die Erde war nach dem langen Regen weich und passte sich ihren Sohlen an. Der Frühling hatte sich in den letzten Tagen nur ganz leicht vorgewagt, aber jetzt kam er unausweichlich. Im Garten war ein frischer Geruch wahrzunehmen, erste Hyazinthen verströmten ihren Duft und die Farben trauten sich, hinter den verdorrten Blättern hervorzukriechen.

„So, einmal für den jungen Herrn Hofmeister.“ Die Weste legte sie ihm über die Schultern. Seit er sich gut erholt hatte, war er erheblich gewachsen und seine Arme wirkten ebenfalls kräftiger. Sie ging weiter Richtung Fluss und beobachtete den Strom, der sich heute sanft bewegte. Die Sonne ließ ein paar glitzernde Funken auf dem Wasser springen und ein paar Vögel waren von weitem zu hören.

Früher hatte sie oft Angst gehabt, als die Kinder klein gewesen waren. In dieser Region grenzten viele Grundstücke an den Fluss und man wusste, wie verlockend das Wasser für Kinder war. Martin und Franz hatten aber schnell Respekt entwickelt, sodass sie sich als Eltern nur noch in der Nähe aufhielten und jetzt aus alter Gewohnheit gern im Garten waren.

Der Fluss, der in vielen Jahren nur einmal über sein Ufer getreten war, bedeutete für viele Familien hier etwas Besonderes und gehörte zur Landschaft unbedingt dazu. Hier an dieser Stelle war er sehr schmal, im Sommer kamen an Sonntagen kleinere Boote vorbeigefahren, ihre Insassen schwenkten die weißen Hüte.

Die meiste Zeit blieb das Wasser ruhig in seinem Bett, plätscherte vor sich hin und gehörte zu ihnen wie ein Familienmitglied.

Martin konnte als fast Erwachsener längst gegen den Strom der Havel schwimmen. Er hatte es an heißen Sommertagen im Garten ausprobiert und kannte alle gefährlichen Stellen. Es wäre für Franz ebenfalls nur noch kurze Zeit, bis er seine Zinnsoldaten gegen eine andere Beschäftigung eintauschen würde.

 

2

Es war diese bleierne Müdigkeit, die sie seit einigen Monaten um den Verstand brachte. Den genauen Zeitpunkt konnte sie nicht mehr ausmachen. Sie forschte seitdem nach, ob es irgendeine Veränderung in ihrem Leben gegeben haben könnte, war aber zu keinem Ergebnis gekommen.

Sie konnte es nicht genau formulieren, aber seitdem klappte sie jede Nacht den kleinen Sekretär auf, einst von ihren Verwandten aus fernen Ländern verschifft und aufwändig hierher an die Havel gebracht. Sie liebte die vielen Kerben und Risse in dem schönen Holz, einmal im Jahr bekam er eine Pflege mit Bienenwachs und dann wurde er vor allem von ihr selbst benutzt.

Sie sah aus dem Fenster an den dunklen Nachthimmel, rechts der Gürtel des Orion und sein gespannter Bogen. So wie er und das rege Leuchten der anderen Sterne voller Tatendrang erschienen, so schrieb sie seitdem immer genau auf, was ihr passierte. Viele Seiten hatte sie schon zusammengetragen, damit sie es nicht vergessen würde, auch wenn ihr vielleicht niemand glaubte. Damit sie sich später an den Dämmerzustand erinnern konnte, in dem sie jetzt so oft gewesen war, machte sie in ihr Tagebuch ein paar regelmäßige Stichworte.

Genau in dieser Situation passte dieser Zustand für sie nicht, jetzt wo Martin zur Militärschule ging und Franz noch klein war. Aber was brachte es? Kurzerhand schloss sie den Sekretär, atmete tief durch und strich über die noch immer prächtigen Intarsien, die man eigens für das Stück entworfen hatte. In diesem Zweifel war es ihr ein Bedürfnis, sich ihrer Existenz immer wieder zu vergegenwärtigen. Sie war bei klarem Verstand, hatte Recht und Ordnung einzuschätzen gelernt und auch diese Dinge würden sich verlieren. Hirngespinste. Nichts weiter.

Wo käme sie hin, wenn sie jeden fixen Gedanken verfolgte, der ihr in den Sinn kam? Am Ende ging es ihr noch wie Hermine Brink, die Mann und Maus verlassen hatte, um auf einem Viermaster anzuheuern.

Wer weiß, wo die arme Teufelin gelandet war und ob sie überhaupt noch lebte? Im ganzen Ort hatte man sie jedenfalls herumgetratscht, ihr Ruf war zumindest in naher Zukunft völlig ruiniert. Ein leises Lächeln drängte sich Christine auf bei dem Gedanken an ferne Länder, an weite Aussichten, schönes Wetter und blaue See. Das wäre aber nur der letzte Ausweg, etwas anderes sollte doch auch möglich sein. Es würde sich schon wieder verlaufen, da war sie sich ganz sicher.

„Christine, kannst Du wieder nicht schlafen?“ Karl hatte seinen Morgenmantel an und sah verschlafen aus. Er stand in der Tür und kam nun näher auf sie zu.

„Ich habe Licht brennen sehen.“

„Ja, ich denke viel nach.“

„In letzter Zeit hast Du das oft.“ Er setzte sich zu ihr, zog sie zu sich und strich ihr sanft über das Haar.

„Oh, mein Hähnchen, was lässt Dich nicht schlafen, es ist doch alles gut, uns geht es gut. In letzter Zeit hat sich viel verändert, aber es ist doch alles gediehen.“ Karl dachte an seine Beförderung. Die letzten Monate waren nicht einfach gewesen, aber es hatte sich doch alles eingespielt. Mit dem neuen Wohlstand waren neue Aufgaben gekommen.

„Nein, nein, das ist es nicht, es wird wohl gehen.“ Christine hatte Vertrauen zu ihrem Mann und liebte ihn über alles, aber sie hielt es nicht aus, ihm alles zu erzählen. Es war ungewöhnlich, dass sie ständig nachts wach lag und dann aufstand. Morgen früh musste man schließlich wieder aufstehen und alle Konzentration gebrauchen. Er musste zur Arbeit und seinen Aufgaben nachgehen, Christine selbst hatte sich auch einiges vorgenommen. Jetzt noch darüber zu sprechen, was sie quälte, würde die Situation doch noch verschlimmern.

Die Gedanken kreisten in ihr nicht nur den ganzen Tag, sondern schienen sich ihrer zu bemächtigen. So sehr, dass ihr oft schwindelig wurde. Die Bilder fühlten sich so real und echt an, wenn sie jetzt noch offen darüber spräche, dann fürchtete sie, könne sie die Kontrolle verlieren.

Karl war ihr Lebensgefährte und bester Freund. Es würde der richtige Tag kommen, um ihm von ihren Erlebnissen zu berichten.

 

3

Franz, räumst Du bitte auf? Wie es hier schon wieder aussieht!“ Christine war noch müde von der letzten Nacht, die ihr sehr zugesetzt hatte.

In ihrem Kopf zogen noch die Bilder umher und verursachten ihr Schmerzen und eine Unzufriedenheit, die sie mit sich selbst nicht froh sein ließ. Ihr Jüngster war schon seit einigen Stunden an diesem Sonntagmorgen auf den Beinen. Sein stetes Poltern hatte die Eltern aufgeweckt.

„Franz, Du weißt doch, dass Martin in dieser Woche kommt.“

Franz hatte sich aus mehreren Dingen einen Tunnel für seine Eisenbahnen gebaut. Hinzu hatte er neben die Zinnsoldaten noch weitere Figuren aus seinem Zimmer gesetzt. Als er den Namen seines Bruders hörte, wirkte er überglücklich.

„Martin kommt! Ja, dann müssten wir aufräumen.“ Er sah selbst im Zimmer umher und blickte auf das Ungemach. Seine Mutter hatte wie so oft Recht und vielleicht wäre es wirklich besser, in nächster Zeit einmal gründlich aufzuräumen.

Christine setzte zu den Schaugästen der Eisenbahnfahrt noch einen Kakadu, der in früherer Zeit hatte sprechen können und dem nun aber ein Auge fehlte.

„Wenn er kommt, muss er ja auch sein Bett wiederfinden können.“ Mit dem Fuß schob er ein paar Dinge zur Seite unter sein Bett.

„Ja, bis dahin ist ja noch etwas Zeit, aber bitte kümmere Dich darum. Vielleicht sollten wir diese Spielsachen irgendwann auch wegräumen. Ich habe Dich so lange nicht damit spielen sehen.“

Christine würde ihm die schönen Dinge nicht nehmen wollen, aber es ergab Sinn, Martins Besuch zum Anlass zu nehmen, um einmal richtig aufzuräumen. Sie strich ihm über den Kopf und ging lachend aus dem Zimmer.

Franz war es sehr schlecht gegangen, aber er hatte sich nun gut erholt. Im kommenden Sommer wollten sie wegen seiner Lunge wieder ans Meer fahren, die Anwendungen hatten gut geholfen und Dr. Wildvogel hatte prophezeit, dass sich seine Beschwerden verwachsen könnten. Bei den meisten Kindern sei die Luftnot etwas Vorübergehendes und Christine wollte fest daran glauben.

Der Gedanke an ihren Jüngsten hatte ihr stets große Sorge bereitet und die Hoffnung, dass es einmal anders würde, hatte sie nie aufgegeben. Die letzten Jahre waren nicht einfach gewesen, Franz hatte mehrfach plötzliche Hustenanfälle und Atemnot gehabt.

Ihr Mann und sie hatten stets zur Gesellschaft in Werder dazu gehört, auch wenn Familie Hofmeister wichtige Termine und Ereignisse in den letzten Jahren kaum wahrnehmen konnte.

Christine Hofmeister war nie sehr an diesen Treffen interessiert gewesen, jetzt würden sie wieder auf sie zukommen, gerade auch, weil Karl neulich in seiner Fabrik befördert worden war.

Für Karl war seine Beförderung unmittelbar mit der Tatsache verbunden, dass er sich wieder seinen gesellschaftlichen Aufgaben widmen konnte und für ihn bedeutete dies auch den Stolz, den Posten als Abteilungsleiter nach vielen Umwegen doch noch antreten zu können. Er ahnte, dass damit viel mehr Verpflichtungen verbunden waren, dass die Verantwortung in dieser Zeit besonders stieg, weil immer mehr Menschen in die Städte kamen und die Politik ebenso wie die Wirtschaft wenig für die Menschen machten, aber Christine unterstützte die Entscheidung ihres Mannes.

In früheren Jahren war der Posten schon an Schneider gegangen. Karl hatte es Christine gegenüber nicht erwähnt. Er wollte nicht so denken, aber Christine hatte seine Enttäuschung gefühlt, dass er bei der Auswahl übergangen worden war, weil er sich für seine Familie mehr Zeit genommen hatte als die anderen. Sie wusste auch, dass Karl weniger die wirtschaftlichen Ziele der Firma im Blick hatte als die Mitarbeiter selbst. Noch oft dachte sie daran, dass Karls Aufstieg in den letzten Jahren gelitten hatte, aber dass er nun als älterer Mann doch noch ernannt worden war, stimmte sie versöhnlich und wer weiß, vielleicht würden seine Ansichten jetzt besseren Anklang finden?

Dass Martin nun auch noch in dieser Woche auf Urlaub kommen wollte, machte Christine sehr glücklich.

 

4

Sobald man nachts wach lag, so wusste es doch jeder, schienen die Dinge immer schlimmer als am Tag zu sein.

Sie lag wach, war vielleicht noch in einem Dämmerzustand, aber kaum merklich strömte ein Schauer um sie her, gefolgt von einem Bild, das sich in ihrem Gedächtnis eingeprägt hatte. Zuerst war sie davon ausgegangen, dass es eine Irritation war, eine Wimper, die sich in der Nacht vor ihrem Auge versteckte und das letzte Licht so gelenkt hatte, dass ein Schatten entstand. So hätte es doch sein können.

Christine kannte den Ort, an den sie immer wieder dachte. Als Kind war sie oft dort unten am See gewesen. Ihr träumte immer wieder, dass sie sich durch das Geäst des dichten Waldes kämpfte, im Ohr die Stimmen der Tiere, die nachts unterwegs waren, am Himmel die schwarzen Wolken mit goldenem Saum, manchmal in der Nähe auch der Mond. Vielleicht war sie wirklich schon einmal bei Nacht hier gewesen, vielleicht als junges Mädchen, aber sie konnte sich bewusst nicht mehr daran erinnern.

In ihren Träumen sah Christine abwechselnd nach oben und wieder nach unten zu den Bäumen und es war ein eigenartiges Gefühl, das Christine überkam, wenn sie hier war. Es fühlte sich an wie ein Traum, aber auch wie ein ferner Zufluchtsort und obwohl sie in der Dunkelheit kaum sehen konnte, so wusste sie doch ihre Tritte richtig zu setzen. Auf dem Boden war schlecht zu erkennen, wo Wurzeln waren und wie man diese umgehen konnte.

Im Traum sah sie dann – immer auf die gleiche Weise – von drinnen hinaus auf das Wasser. Der Kanal war von Weitem still zu sehen, das Wasser warf schwarze Schatten hervor. Sie ging näher an die Glasscheibe und wandte sich der Landschaft zu.

Erst in letzter Zeit war ihr aufgefallen, dass die Bilder immer mit diesem Ort in ihr Bewusstsein traten und dass sie an einem anderen Ort endeten.

Aufgefallen war es ihr bei strahlendem Sonnenschein. Sie hatte sich gerade beiläufig mit Gertrud unterhalten, die ein neues Kuchenrezept anpries und dabei nebenher das Geschirr abwusch. Christine ging ihr bei solchen Arbeiten oft zur Hand. Sie wollte nicht, dass ihre Haushaltshilfe die Arbeit allein machte. Vielleicht wollte sie außerdem nicht, dass Gertrud schlecht von ihr dachte.

Christines Blick glitt über die Küchenschränke zum Fenster hinaus. Am gegenüberliegenden Ufer hatte, kaum wahrnehmbar, ein Mann gestanden. Sie war näher an das Fenster gegangen, um die Gestalt zu erkennen. Beim nächsten Blinzeln war sie jedoch verschwunden, sodass keine Zeit mehr gewesen war, zu fragen, ob Gertrud vielleicht etwas über den Mann sagen konnte. Sie hatte sich nichts dabei gedacht, hatte weiter zugehört und schließlich hatte es noch so viel zu tun gegeben, dass es mehrere Tage gebraucht hatte, ehe Christine sich erinnern konnte. Seit diesem Zeitpunkt, so war es für Christine ganz eindeutig, kamen die Bilder auch am Tag.

Bei Bewusstsein war es ihr wie ein Gefühl der Vorahnung, wie etwas, das sich kaum beschreiben ließ. Ein Rauschen kam in ihren Körper, ihre Beine zitterten und ihr Herz pochte. Um sie herum war es wie Watte, die sie sah. Viele Jahre wohnten sie an dem Fluss und beobachteten die Schiffe. Martin und Franz hatten immer am Wasser gespielt, aber jetzt wirkte der Strom für Christine größer, dunkler und die leichten Wellen hatten einen eigenartigen Schimmer.