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Immer öfter ist SM Bestandteil moderner Beziehungen. Die Liebenden sind nicht nur Freund und Freundin, sondern auch Dom und Sub oder andersherum. Doch wie verteilt man Haushaltsaufgaben gerecht, wenn es ein Machtgefälle gibt? Wie kann man streiten, wenn einer immer recht hat, und wie geht man erfolgreich mit Eifersucht um, wenn ein Dritter ins Spiel kommt? Dieses Buch ist kein staubiger SM-Ratgeber, der sich nur mit Schlagtechniken und komplizierten Fesselungen beschäftigt. Die Autoren haben ein Handbuch für Menschen geschrieben, die wie sie SM als Lebensform begreifen und in ihrem Alltag praktizieren wollen. Sie schildern offen und amüsant ihr partnerschaftliches Zusammenleben, ihre Besuche in Fetisch-Clubs und mögliche Probleme mit dem sozialen Umfeld. Fragen, die das Paar selbst am Anfang hatte, können sie nun beantworten und Tipps zur Beziehungspflege mit und ohne Peitsche geben. Dabei wechseln sie zwischen der Sicht des dominanten Herrn und dem Blickwinkel der devoten Sub.
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Seitenzahl: 373
Veröffentlichungsjahr: 2014
Devina Weiss und Dominik Schenk
DOMINIK: Der Abend liegt bereits einige Jahre zurück, es war eine wüste Party in München, in einer Location mit Kerkern, Strafböcken, vielen verwinkelten Ecken, geschwungenen Ornamenten unter der Decke und obszönen Zeichnungen an der Wand. Die Bar führte guten Whiskey, zwischen den dunklen Sesseln knieten die halb nackten Mädchen, damals durfte man noch rauchen, und so hing über alledem schwerer Zigarrenrauch in der Luft. Kurzum, es bot sich uns eine Szenerie, die an eine Filmkulisse erinnerte.
Es war eine Halloween-Party, also herrschte Kostümzwang, und vor der Tanzfläche standen drei Polizisten und schauten böse in die Runde. Ich selbst war als Joker geschminkt, ich war der Fiesling aus Batman. Beeindruckt hat mich der Detailreichtum der drei Gesetzeshüter. Sie trugen schwere Stiefel, enge Lederklamotten, selbst eine passende Polizei-Mütze hatten sie auf. Natürlich baumelten auch silberne Handschellen an ihren Gürteln, aber das war an diesem Ort keine Besonderheit. Das Trio bestand aus zwei jungen Kerlen und einer kurvigen Blondine. Also bin ich geradewegs auf diese zu und habe böse zurückgeschaut. Neben mir kniete meine Sklavin Devina an der Leine. Die Blonde hob den Kopf und schaute abwechselnd zu mir hoch und zu Devina runter, ihre Hand tastete sich langsam dem Pfefferspray entgegen, und mir fiel auf: Die Verkleidung war gar keine, die waren echt!
Es stellte sich heraus, inmitten der ganzen kostümierten SMler standen wahrhaftige Polizisten und sollten nach dem Rechten sehen, wahrscheinlich wegen Ruhestörung oder so. Wenn ich zurückdenke, dann war das in all den Jahren der einzige Moment, in dem ich verstehen konnte, warum SM pervers sein soll.
Die Gesichter der drei spiegelten eine Mischung aus Verwunderung und Abscheu wider, kein Wunder, wenn man unvermutet in so einen Pulk von Menschen mit Halsbändern, Peitschen, Lack oder Leder gerät. Die Polizistin war nicht viel älter als die halb nackte Devina zu meinen Füßen. Und es ist nicht sehr unwahrscheinlich, dass sie bei ihrem Anblick weniger sexuelle Erregung als vielmehr Besorgnis empfunden hat. Sie konnte nicht wissen, dass das Halsband ein Zeichen von Stärke, von Selbstbestimmtheit ist. Man hat den drei Gesetzeshütern schlicht angesehen, dass sie mit all dem Kram dort nichts anfangen können. Aber deswegen waren wir noch lange nicht pervers.
Wenn alles, was wir ablehnen, pervers sein soll, dann fiele auch die Musik von Dieter Bohlen in diese Kategorie, denn damit kann ich auch nichts anfangen. Pervers finde ich persönlich Paare, bei denen er schon seit Jahren fremdgeht und sie nichts davon weiß. Dass ich ab und an fremde Hintern versohle oder auch mal eine zweite Frau mit in unser Schlafzimmer bringe, das wurde zu Beginn unserer Beziehung so abgesprochen. Manche mögen es seltsam finden, dass ich mich dreimal am Tag an einen von Devina liebevoll gedeckten Tisch setzen kann – aber ist das bereits pervers? SM ist ja vielleicht seltsam, obskur und befremdlich, aber oftmals nur, um mit dieser Andersartigkeit zu spielen und auch ein bisschen um zu schocken.
In einem meiner liebsten Clubs läuft immer ein untersetzter, kleiner, glatzköpfiger Kerl auf Stöckelschuhen herum. Er trägt einen schwarzen Ganzkörperanzug aus Latex mit riesigen falschen Brüsten. Der ist nicht pervers, der ist Steuerberater, und wenn man sich auf ein oder zwei Bier mit ihm hinsetzt, ist er ein wirklich unterhaltsamer Tresennachbar. Wirklich schockierend dürfte nur sein, wie normal SMler doch eigentlich sind. Der dicke Banker, der sich von einer alten Domina im Keller einsperren lässt, den gibt es auch, aber es ist nicht die Regel. Und pervers ist das auch nicht, höchstens unästhetisch. Auch du kennst einige von den Perversen, du weißt es nur nicht, so gut tarnen die sich.
Das gilt auch für uns, wir beide gehen gut als Durchschnittspaar durch, und mit den durchschnittlichen Problemen des Alltags werden wir auch konfrontiert. Und darum soll es in diesem Buch gehen, denn darum geht es irgendwie nie. Überspitzt gesagt, wir schreiben darüber, wie man trotz Leine und Halsband als Paar glücklich bleibt oder es noch wird. Wir haben in unserer Anfangszeit einen solchen Ratgeber vermisst, ein bisschen Orientierung zwischen Abwasch machen und Peitschen aussuchen. Manche scheitern bereits an der ersten gemeinsamen Wohnung, und da soll man auch noch ein Machtgefälle in die Partnerschaft integrieren? Aber auch die Eifersucht, der Umgang mit Freunden und Familie, oder ganz am Anfang das erste Date, das alles können schwierige Themen in einer Beziehung sein, erst recht, wenn einer Herr und die andere Sklavin ist.
Uns ist auch aufgefallen, dass sich stets ein recht eindimensionales Bild ergeben hat, blättert man durch die einschlägige Literatur. Doch wir wollen nicht nur andere Themen, wir wollen auch eine andere Herangehensweise, denn SM darf auch Spaß machen, immer nur böse gucken und ehrfurchtsvoll an der Wand hängen macht auf die Dauer nur unzufrieden. Denn das Schöne an SM ist, dass es eine riesige Spielwiese ist, auf der ihr euch nach euren Vorstellungen austoben könnt. Aber es gibt eben auch Fallstricke, die man umgehen kann, und Fehler, die man nicht unbedingt machen muss.
Und weil auch im SM die Männer die Frauen nur bedingt verstehen und umgekehrt, haben wir uns für zwei Perspektiven entschieden: meine dominante und die devote meiner Freundin. Wir waren dabei nicht immer einer Meinung, aber Devina hat dafür nie eine Strafe kassiert. Ehrlich!
DEVINA: Ich erinnere mich daran, wie mein bester Freund einmal bei mir zu Abend gegessen hat. Der Tisch war gedeckt mit allem, was mein Kühlschrank so hergab. Was bei Studenten meistens Glückssache ist. Mein vielfältiges Angebot bestand aus Nutella, einem Rest Marmelade, ein paar Scheiben Käse, einem offenen Glas saure Gurken und den übrig gebliebenen Brötchen vom Frühstück.
Während ich noch am Überlegen war, was ich davon wohl essen sollte, begann mein Kumpel schon, sein frisch geschmiertes Nutella-Brötchen mit einer in Streifen geschnittenen Gurke zu belegen. Ohne nachzudenken, belehrte ich ihn: »Das ist so pervers, was du da isst.« Daraufhin hat er mich angeschaut und nur mit vollem Mund gesagt: »Mir schmeckt es. Und ich zwing dich ja nicht, es auch zu essen.«
An diesen Moment muss ich immer wieder denken, wenn es um meine sexuellen Neigungen geht. Ich halte mich nicht für pervers, weil ich devot bin. Was ist schlimm daran, dass ich Spaß daran habe, mich ans Bett fesseln zu lassen oder meinem Herrn die Zehen zu lutschen? Dass ein Teil der Gesellschaft das nicht versteht? Dass es nicht »normal« ist? Nein, das macht SM nicht pervers. Doch noch immer ist es die Gesellschaft, die entscheidet, was »normal« ist und was nicht.
Ist es mit dem SM nicht das Gleiche wie mit der Homosexualität? Noch vor Jahren war es verpönt, wenn zwei Männer in der Öffentlichkeit Händchen halten. Heute heiraten Homosexuelle in Deutschland. Und nur weil du etwas tust, was über Blümchensex (der auch sehr schön sein kann) hinausgeht, bist du nicht automatisch pervers. Und das, was du tust, auch nicht.
Der Mensch neigt dazu, über Dinge, die er nicht kennt, vorschnell zu urteilen und sie als widernatürlich abzustempeln. Daraus entsteht auch das Bild des perversen SMlers, der seine Triebe nicht kontrollieren kann oder Frauen nicht genügend wertschätzt.
Pervers ist jedoch nicht das Schoko-saure-Gurken-Brötchen. Und auch nicht, es zu essen. Aber andere dazu zwingen, dieses zu essen, führt zu einer perversen Situation. Wann also ist SM pervers? Perversion beginnt für mich, wenn Menschen gegen ihren Willen in etwas hineingezogen werden und nicht die Möglichkeit haben, sich zu entziehen.
Sicherlich ist es nicht pervers, SM in einem geschützten Rahmen, mit einem vertrauten Menschen in der eigenen Wohnung oder in einem passenden Club, auszuleben. Dort ist es sogar normal. Also erkunde deine Vorlieben mit gutem Gewissen, denn nichts macht unglücklicher, als nicht man selbst zu sein. Gerade wenn man dabei ist, seine Neigung zum SM zu begreifen, kommen einem unweigerlich Gedanken, dass das allem widerspricht, was man zu Hause gelernt hat und was in unserer Gesellschaft als anerkannte Form von Partnerschaft und Sexualität gilt.
Ich selbst hatte etliche Sinnkrisen, bis ich diese neue Seite an mir akzeptiert habe. Ich erinnere mich an einen Abend ganz am Anfang, noch bevor ich überhaupt realen SM erfahren hatte, den ich heulend unter der Dusche kauernd verbracht habe, weil ich mich als total abartig empfand. Aber ich erinnere mich auch an den Moment, in dem ich euphorisch strahlend in der Uni saß und in kyrillischen Schriftzeichen, damit es bloß keiner lesen kann, auf die erste Seite meines Kalenders geschrieben habe: Ich bin eine Sklavinund diese Seite an mir gebe ich nie wieder her! Auch solche Zeiten gibt es immer wieder.
Und irgendwann kommt der Punkt, an dem du merkst, dass du nicht anders bist als vorher, sondern einfach nur facettenreicher. SM verändert vielleicht dein Leben, aber du wirst nicht davon aufgefressen und neu ausgespuckt. Im Idealfall ist SM eine Bereicherung deiner Persönlichkeit und eine der unzähligen Möglichkeiten, die das Leben dir bietet. Ich habe SM-Fantasien, soweit ich zurückdenken kann. Dass das SM ist, wovon ich da träume, war mir als kleines Mädchen natürlich noch nicht bewusst. Und selbst wenn du dein Leben lang schon weißt, dass du bei Gürteln nicht nur an Hosen denkst, musst du erst einmal damit klarkommen, sadomasochistische Neigungen zu haben.
Dieses Buch ist daher an Menschen gerichtet, die aus welchen Gründen auch immer wirklich Interesse haben: Interesse an Beziehungen, Interesse an humorvoller Lektüre und nicht zuletzt auch Interesse an SM. Wir sprechen hierbei nicht von SM in dunklen, gut vor den Nachbarn versteckten Kellerräumen, sondern von gelebtem SM in einer Mann-Frau-Beziehung, die die gleichen Probleme mit sich bringt wie jede andere Beziehung auch. Aber auch einige speziellere. Natürlich werden wir auf sexuelle Praktiken und Fantasien eingehen, es sollen zudem alltäglich erscheinende Fragen beantwortet werden, die jedoch meist erst auftauchen, wenn man von Vorstellungen und Fantasien auf das wirkliche Leben umsteigt.
Klingt es nicht großartig, den ganzen Tag zu dienen, ihm zu Füßen zu liegen, ihn mit allem zu verwöhnen, was er sich wünscht? Ihn morgens schon zu befriedigen, dann Kaffee zu kochen, Zeitung und Brötchen zu holen, ihm den Frühstückstisch zu decken, Essen hingeworfen zu bekommen und dann – das Geschirr abzuwaschen?
Geschirr abwaschen. Vermutlich eines der häufigsten Streitthemen in Beziehungen. Aber was macht Sub jetzt in dieser Situation? Geschirr abwaschen schnellstmöglich lieb gewinnen? Sich verweigern und schon am ersten Morgen des gemeinsamen Lebens die Diskussion heraufbeschwören, wo jetzt das »Ich würde alles für dich tun« geblieben ist? Und wie verhält Dom sich in dieser misslichen Lage? Auf der Stelle bestrafen? Das dreckige Geschirr so lange ignorieren, bis es Beine bekommt? Oder besinnt Dom sich auf die vielen Freuden, die ihm die Sub schenkt, und nimmt achselzuckend in Kauf, das Geschirr weiterhin selbst abwaschen zu müssen, in dem Wissen, dass sie es natürlich abwaschen würde, wenn man wirklich nachdrücklich darum bittet?
Diese und andere Fragen wollen wir in diesem Buch aufwerfen und mit den Antworten versehen, die wir, dank unseres Humors, gegenseitigen Verständnisses und teilweise auch langwieriger Diskussionen, gefunden haben. Wir möchten einen kleinen Einblick in unsere Beziehung gewähren und einige Ausschnitte aus dem Alltag zeigen. Da die Natur entschieden hat, mich zu einer devoten Frau zu machen, werden wir mich als »Sub« bezeichnen und meinen Herrn als »Dom«. Wir werden also unser Buch in der für uns gewohnten Rollen- und Geschlechterverteilung schreiben. Was jedoch nicht heißen soll, dass wir uns nur an Paare mit MaleDoms und FemSubs richten. Es ist uns wichtig, ein Buch zu schreiben, mit dem sich jeder identifizieren kann und zu dem jeder einen Zugang findet. Welches Geschlecht er/sie hat und ob er/sie lieber auf dem Thron oder auf dem Boden sitzt, sollte kein Kriterium sein. Die Entscheidung, ob uns das gelungen ist, liegt bei dir.
Wir, das sind übrigens mein Herr Dominik und ich, seine Sklavin Devina. Für uns ist SM nicht einfach nur eine angesagte Praktik, sondern unsere Lebensform, die wir überall im Alltag und eben nicht nur im Bett ausleben. Wir sind ein richtiges Paar mit gemeinsamem Haushalt, gemeinsamem Konto und gemeinsamen Freunden. Und eben einer gemeinsamen Leidenschaft: dem Zusammenleben als Dom und Sub, Herr und Sklavin. Mein Herr Dominik ist 32 Jahre alt und ich bin knapp sieben Jahre jünger. Gemeinsam haben wir schon in vielen Clubs in Deutschland gespielt, waren auf verruchten Partys tanzen und haben böse Doms mit lieben Subs kennengelernt. Wir teilen unsere Erlebnisse, Fehltritte und Anekdoten mit euch und möchten einen Einblick in unsere 24/7-SM-Welt geben. Und jetzt wünschen wir erst einmal viel Spaß beim Erkunden und Lesen!
ERSTER TEIL
DOMINIK: Wenn sich andere auf Partys langweilen, fangen sie an zu trinken oder gehen vielleicht nach Hause. Ich spiele dann »Wer bin ich?«. Auf Flughäfen oder großen Bahnhöfen sitze ich unheimlich gerne einfach nur rum und beobachte die Menschen, die vorbeihetzen. Ich überlege mir dann, wo sie herkommen oder hinwollen und wie sie zueinander stehen könnten.
Die verschärfte und nicht jugendfreie Version dieses Zeitvertreibs ist das Spiel »Worauf stehe ich?«. Am besten funktioniert es bei Menschen mit nackten Brüsten, engen Lederklamotten, durchsichtigen Netzkleidern. Die Aufgabe klingt recht einfach und ist doch schwieriger, als man meint: Welche Neigung hat mein Gegenüber – dominant, devot oder doch Switcher? Es kommt nur sehr selten vor, dass Leute aus Versehen auf Fetisch-Partys landen. Das scheint nur in Großstädten wie Berlin zu passieren, ich selbst bin da schon mit einigen Engländern ins Gespräch gekommen, die sich gefragt haben, ob in allen deutschen Clubs so viel nackte Haut zu sehen ist.
Die meisten Besucher treibt irgendeine sexuelle Neigung auf solche Events, nur ist es verdammt schwierig, allein vom Äußeren auf diese zu schließen. Nur weil jemand Uniform trägt, ist er nicht gleich ein Herr, und auch manche Sklavinnen tragen unheimlich gerne hochgeschlossene Outfits. Es gibt nur selten eindeutige optische Indizien, die etwas darüber aussagen, wie mein Gegenüber sexuell so tickt. Kurzes Beispiel gefällig? Man sitzt bei einem Bierchen zusammen – zwei Kerle, die sich über Fußball und Frauen unterhalten. Ich kannte ihn von einigen flüchtigen Begegnungen und nun hatte uns das Schicksal an der Theke zusammengeführt. Auf einmal tritt eine Frau an ihn heran, er rutscht vom Barhocker und fängt an, ihr die High Heels zu küssen. Zwanzig Minuten später läuft er auf knallroten Stöckelschuhen an mir vorbei, die Arme auf dem Rücken zusammengebunden, mit seligem Grinsen im Gesicht. Das muss man mal vorhersehen können! In diesem Fall war ich der Angeschmierte, denn ich hatte ja nicht nur meinen Gesprächspartner verloren – und zwar an ein Paar Hochhackige –, ich hatte auch in meinem Partyspiel gnadenlos versagt.
Dass es aber auch anders laufen kann, das hat Devina bewiesen. Wir waren zu Gast in einem Swingerclub, auf einer Party für junge Swinger, die Tanzfläche war voll, einhundert Halbnackte tanzten und flirteten – der Alkohol ist meist im Eintrittspreis inbegriffen, entsprechend gelöst war die Stimmung. Devina trug schöne hohe Schuhe, ansonsten nichts, und ein Halsband samt Leine. Wir waren beide gut angetrunken und alberten mit der Leine auf der Tanzfläche herum. Das erregte die Aufmerksamkeit einer Gruppe junger Frauen gleich neben uns. Es waren vier Brasilianerinnen, die immer wieder verstohlen und fasziniert in unsere Richtung schauten. Mit einem verschmitzten Lächeln lud Devina sie ein, mit uns zusammen zu tanzen, und auch wenn sie der Einladung folgten, wirklich abgesehen hatten sie es nur auf das Halsband. Unterhalten konnte man sich nicht, dafür war die Musik zu laut, also fummelten sie es Devina irgendwann vom Hals und machten es sich eine nach der anderen selbst um. Die Leine legten sie jedes Mal in meine Hand, um sich von mir sodann über die Tanzfläche führen zu lassen. Ich kam mir vor wie in einem Porno mit nur einem Hauptdarsteller!
Warum ich diese Geschichte erzähle? Zum einen beweist sie, dass die Handlung von Pornofilmen nicht gänzlich unrealistisch ist, und zum anderen hat sie mir mal wieder gezeigt, dass manche Menschen nicht mal wissen, welche Neigung sie genau besitzen. Mir selbst war das allerdings früher klar, als mir lieb war. Ich habe schon SM-Beziehungen geführt, bevor ich wusste, dass das SM war. Ich bin irgendwie immer bei Frauen gelandet, die einen dominanten, durchsetzungsstarken Mann suchten. Mir war jedoch viele Jahre nicht bewusst, dass sie sehr gerne noch weiter gehen würden mit der eindeutigen Rollenverteilung.
Erzogen wurde ich zur Gleichberechtigung. Achtung und Höflichkeit gegenüber Frauen waren für mich schon immer selbstverständlich. Ich dachte allerdings immer, das würde nicht zu meinem dominanten Wesen passen. Mir war nicht klar, dass man eine Frau erniedrigen und gleichzeitig auch lieben kann. An das Thema herangeführt wurde ich durch eine Bettgespielin, die sehr schnell erkannt hat, was da in mir schlummert.
Dass ich nicht zum Sklaven tauge, war also schon immer klar. Ich habe daher auch einige Jahre gebraucht, um überhaupt theoretisch zu verstehen, was an Unterwerfung reizvoll oder sexuell stimulierend sein soll. Solange ich das nicht verstanden hatte, habe ich als Dom allerdings auch nicht viel getaugt. Man sollte schon eine Vorstellung davon haben, was in einem hübschen, devoten Köpfchen so abläuft, während man den Körper unterhalb des Köpfchens bespielt. Dieses Wissen lässt sich mit simplen Nachfragen durchaus erwerben, dafür muss ich nicht nackt an ein Kreuz gebunden sein. Ausprobiert habe ich den Rollentausch aber dennoch, nur um sicherzugehen.
Es ist ohnehin nicht unüblich, dass SMler auch mal die Seiten wechseln. Auffallend viele weibliche Subs testen irgendwann das Dominieren aus, vielleicht ist es weibliche Neugierde oder Aufgeschlossenheit, vielleicht tun sich Frauen auch leichter damit, nicht in Schubladen zu denken. Von dominanten Männern ist mir hingegen weniger bekannt, dass sie gerne mal über den Boden kriechen. Würden sie es jedoch tun, dann wären sie das, was man »Switcher« nennt: Menschen, die beide Neigungen ausleben, die sich quasi an beiden Enden der Peitsche wohlfühlen.
Jeder soll natürlich tun und machen, was er mag, ich allerdings habe immer noch gewisse Vorbehalte gegenüber Switchern. Ich persönlich kann mir schwer bis gar nicht vorstellen, dass man so gegensätzliche Neigungen konsequent ausleben kann. Das ist für mich wie kurze Hosen im Winter tragen. Schwierig dürfte da auch das Zusammenleben sein. An dieser Stelle sei mal der Politiker Guido Westerwelle zitiert: »Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, gibt es einen, der die Sache regelt.« Wer regelt eigentlich die Sache in einer Beziehung von zwei Switchern? Ich frage mich auch immer, ob dann vor dem Sex gewürfelt wird, wer heute dominant und wer devot ist. Um es kurz zu machen: Ich hege da so meine Zweifel, dass es neben dominant und devot noch etwas anderes gibt.
Umso zufriedener machte mich Devinas erster Gehversuch im dominanten Bereich. Neugierig, wie sie so ist, wollte sie das mal mit einer Frau ausprobieren. Spaß scheint sie dabei gehabt zu haben, aber gleichzeitig war die Erfahrung auch eine Bestätigung ihrer devoten Neigung, denn sie hat sehr schnell gemerkt, dass sie keine dominante Seite besitzt. Das war mein Glück, so müssen wir nicht vor jeder Session erst mal auswürfeln, wer das Sagen hat.
DEVINA: Meine Hände sind von dunklen Lederhandschuhen verhüllt. An meinen Beinen sitzen kniehohe schwarze Stiefel mit Pfennigabsätzen. Mein dunkelrotes Lackkleid endet knapp unterhalb meines Hinterns. Vor mir auf dem Boden kniet ein schöner nackter Mann, der voller Hingabe meine Stiefel mit seiner Zunge sauber leckt. Ein selbstgefälliges, zufriedenes Lächeln umspielt meinen Mund, während ich seinen Kopf mit der Leine in meiner Hand nach oben ziehe und sanft tätschele. Artig und zugleicht demütig bedankt sich mein Sklave bei mir. Ach, wie sehr ich diese Macht genieße!
Mit diesem Bild im Kopf wache ich auf und bin einen Moment orientierungslos. Neben mir schnarcht ebendieser schöne junge Mann laut vor sich hin. Ohne nachzudenken, hebe ich die Hand, um ihn mit einer saftigen Ohrfeige verstummen zu lassen. Gerade noch rechtzeitig fällt mir ein, wo mein Platz in dieser Beziehung ist. Erleichtert und zugleich ein bisschen wehmütig, vor allem aber erschrocken, lasse ich die Hand sinken, schließe die Augen und denke über den Traum nach, den ich da gerade eben hatte. Hat es mir tatsächlich gefallen, die Domina meines Doms zu sein? Aber ich bin doch seine Sub! Das kann doch gar nicht sein!
Diesen Traum hatte ich tatsächlich. Dominik hat schrecklich lachen müssen, als ich ihm davon erzählt habe, und sofort betont, dass er nie im Leben bereit wäre, auch nur eine Stunde mein Sub zu sein. Schon wegen all der Dinge, für die ich mich dann endlich einmal rächen könnte (und würde).
Doch selbst wenn er bereit wäre, auch mal mein Sub zu sein, wüsste ich immer noch nicht, was ich mit ihm anstellen sollte. Sub sein zu lernen fiel mir sehr leicht. Vor allem deshalb, weil ich zu Beginn nicht viel mehr tun musste, als brav Ja zu allem zu sagen und zu gehorchen. Das Schwierigste am Subsein ist wohl, genügend Vertrauen zum Partner zu fassen, um wehr- und hilflos sein zu können. Doms brauchen vermutlich weniger Vertrauen zur Partnerin, dafür mehr Übung im Domsein.
Wie finde ich jetzt aber heraus, was ich bin? Ich weiß seit meinem 13. Lebensjahr, dass ich anders bin als andere, und seit ich zwanzig bin, weiß ich, dass sich dieses Anderssein »devot« nennt. Das weiß ich, weil es mich schon immer erregt hat, wie sich Martin Luther im Film Luther vor dem Papst auf den Boden wirft, um um Verzeihung zu bitten, und wie Will Turner in Fluch der Karibik II ausgepeitscht wird. Und spätestens seit der Psychologie-Vorlesung, in der es um ein Experiment ging, bei dem Probanden mit Stromstößen gequält wurden. Auf die Frage meines Dozenten, was ich empfinde, wenn ich mir vorstelle, anstelle der Probanden auf dem Stuhl zu sitzen, hätte ich am liebsten mit »Es erregt mich sehr« geantwortet. Seitdem weiß ich, dass ich masochistisch bin.
Wenn Dominik und ich auf SM-Partys gehen, kommt es hin und wieder vor, dass ich von Männern angesprochen werde, ob ich sie nicht dominieren wolle. Anfangs hat mich diese Frage nur genervt, immerhin laufe ich mit Halsband und Leine hinter meinem Dom her. Was also veranlasst diese Kerle dazu, mich zu fragen, ob ich dominant sei? Irgendwann bin ich dann aber doch neugierig geworden. Neugierig darauf, wie es sich anfühlt, am anderen Ende der Leine zu sein. Ich bin Dominik sehr dankbar dafür, dass er mir erlaubt hat, diese Neugier zu stillen. Obwohl er Bedenken hatte, ich könnte mich in eine dominante Frau verwandeln, mit der er nichts mehr anfangen kann. Meine ersten dominanten Versuche waren wahrscheinlich eher kläglich. Daher war es gut, sie auf Partys mit Wildfremden, die ich nicht wiedersehen musste, durchzuführen.
Jedenfalls habe ich sehr schnell herausgefunden, dass ich mir gerne mal von einem Sklaven die Stiefel lecken und von einem Hündchen das Stöckchen bringen lasse. Dass ich aber an mehr Dominanz kein Interesse habe.
Für meine Beziehung mit Dominik war diese Erkenntnis eine Bestärkung unseres Machtgefälles und zugleich eine schöne Entdeckung. Wenn er jetzt mit anderen Subs spielt, muss ich nicht mehr nur still danebenstehen und zuschauen. Ich kann ihm die Schlagwerkzeuge reichen, die Sub ermahnen, wenn sie nicht stillhält, und sie auf meinen Herrn und dessen dominanteres Auftreten vorbereiten. Es war also keinesfalls dramatisch, ein paar dominante Anwandlungen zuzulassen und sie in unsere Beziehung zu integrieren.
Ich glaube, niemand ist einfach nur devot. Du musst deine eigene Mischung aus Neigungen entdecken. Und nur weil diese vielleicht auf den ersten Blick nicht zusammenpassen, müssen sie nicht unvereinbar sein. Außerdem verändern sich Vorlieben und Abneigungen mit der Zeit. Beim Sex wie beim Essen. Nur weil ich heute verrückt nach Auberginen bin, muss ich es in zwei Jahren nicht auch noch sein. Und genau wie beim Kochen kann es bei einer Session viel Spaß machen, mit den Zutaten zu experimentieren und sie zu variieren. Auch wenn Gerichte dabei herauskommen, die du nicht noch einmal zubereiten wirst.
Im Internet gibt es übrigens viele Websites, die sogenannte Neigungstests anbieten. Dort werden dir zum Bespiel zwei Bilder gezeigt, eins mit einem blau geschlagenen Hintern und eins mit einem vernadelten Rücken. Und du musst dann entscheiden, welches dich mehr erregt. Oder du musst angeben, ob es dir mehr gefällt, geschlagen zu werden oder jemanden auszupeitschen. Aus deinen Antworten wird dann prozentual errechnet, wie dominant, devot, sadistisch und masochistisch du bist. Und zusätzlich kurz erläutert, dass du einen ausgeprägten Nadel-, Leder- oder Fußfetisch hast. Diese Tests sind sehr unterhaltsam. Mehr leider auch nicht.
Als ich so einen Test zum ersten Mal gesehen habe, war ich begeistert und habe das Ergebnis sofort Dominik geschickt. Als ich ihn zwei Wochen später aus Langeweile noch einmal gemacht habe, hatte ich plötzlich ein anderes Ergebnis. Und als ich diesen Test gerade noch einmal gemacht habe (natürlich nur zur Recherche für dieses Kapitel und nicht als geschickte Ablenkung vom Schreiben), sah das Ergebnis noch mal anders aus. Und vor allem völlig anders, als ich selbst mich einschätzen würde. Aber ich habe ja keine Ahnung.
Das Testergebnis sagt nicht wirklich etwas über mich und meine Neigungen aus. Schon allein weil es sehr schwierig ist, alle Nuancen einer Neigung in fünf Minuten und zum Großteil durch Assoziationen zu erfassen. Wenn du aber nicht genau weißt, welchen Weg du einschlagen möchtest, kann dir ein solcher Test vielleicht eine Richtung zeigen. Oder dich inspirieren, etwas Neues zu probieren, selbst wenn du nicht sicher bist, ob es zu dir passt.
Wichtig ist – egal ob man nun Dom oder Sub oder Switcher ist –, nie zu vergessen, dass jeder von uns individuell ist und sich nach seinen eigenen Vorstellungen und Wünschen entwickeln sollte. Und ist es dann nicht egal, ob man nun eine Klischee-Sub oder eine bunte Mischung aus allem ist?
DEVINA: »Ich würde mich schon melden, wenn’s nicht richtig wäre, oder?« So lautet jedes Mal Dominiks Antwort, wenn ich mich mal wieder vergewissere, ob ich das, was ich gerade tue, richtig mache. Und diese Antwort ist so gar nicht hilfreich. Sie klingt nach: »Wenn es allzu schlecht ist, wehre ich mich schon.« Oder nach: »Kann die blöde Kuh nicht einmal aufhören, mich mit ihren Fragen zu nerven?« Aber sie klingt nicht einmal ansatzweise nach der Antwort, die jede Frau gerne auf diese Frage bekommen würde: »Schatz, das ist wundervoll, genau so, wie du es gerade machst.« Oder noch besser und vor allem ganz einfach: »Hör jetzt bloß nicht damit auf!« Was uns sicherlich mehr motivieren würde als die Hoffnung, nicht so schlecht zu sein, dass Dom das Spiel abbricht.
Aber im Ernst, ich verstehe, was er auf seltsame Art zu sagen versucht. Allein der Gedanke, das, was man tut, könne nicht richtig oder gar falsch sein, blockiert ungemein. Warum sich also mit der Grübelei belasten, anstatt sich mit vollem Einsatz ins Spiel zu stürzen? Gerade wir Subs sollten wissen, dass unsere Doms uns doch wirklich spätestens dann stoppen würden, wenn wir etwas nicht richtig machen.
Jeder SMler spielt anders. So wie jeder Dom ein Spiel anders aufbaut, so dient jede Sub auf ihre eigene Art. Gerade deswegen ist es müßig, sich mit anderen zu vergleichen und zu überlegen, ob das bei einem selbst genauso gut aussieht wie bei anderen.
Leider ist das nur meine Meinung und nicht die aller SMler. Gerade Anfänger haben es manchmal sehr schwer in der Szene. Mir erscheint es hin und wieder, als sei jeder SMler der Meinung, nur er selbst wisse, wie eine richtige Session zu sein hat. Gerade auf SM-Partys begegnet man oft Doms, die der Meinung sind, sie seien die einzigen Profis. Das ist ziemlich anstrengend, weil sie mitunter jede deiner Handlungen analysieren und dir später haarklein erklären, was du unbedingt ändern musst. Diese Menschen sind sehr nervig. Und in vielen Fällen handelt es sich dabei um Herren, die nicht einmal eine eigene Sub haben. Die kannst du getrost ignorieren. Einen SMler, der noch nie einen Fehler gemacht hat, den gibt es nicht. Allerdings kann Kritik jemanden, der noch nie vor Publikum gespielt hat, sehr leicht aus dem Konzept bringen.
Deswegen würde ich Dom auf jeden Fall raten, zu Beginn seiner SM-Karriere alleine mit der Sub zu spielen, in einem Umfeld, in dem er sich wohlfühlt. Bis er das Gefühl hat, selbstsicher genug zu sein, um vor Publikum zu spielen. Dominik und ich haben, bevor wir gemeinsam auf SM-Partys gegangen sind, ab und zu in den (meistens nicht gut ausgerüsteten) SM-Räumen von Swingerclubs gespielt. Das hat unser Selbstbewusstsein enorm gesteigert. Swinger sind immer neugierig auf SM und bestaunen bereitwillig jedes Aua und jeden Schlag. Und die wenigsten Swinger sind mit SM vertraut, sodass es hier niemand wagen würde, Dom zu kritisieren oder Sub zu belächeln.
Aber mal ehrlich, nur du allein weißt doch, was du mit welcher Handlung bewirken willst. Du triffst statt des Hinterns die Kniekehle? Na, dann mag deine Sub diese Stelle eben besonders. (Oder auch gerade nicht.) Sub ist am Anfang im Vorteil, da sie in den meisten Fällen nur Doms Willen ausführen oder stillhalten muss. Und selbst wenn sie etwas falsch macht, fällt das schnell wieder auf ihren Dom zurück, der sie zu wenig gezähmt, erzogen oder unterworfen hat. Außerdem bietet ein Fehler der Sub immer die Gelegenheit, bestraft zu werden. Subs haben es also leichter, erste Erfahrungen zu sammeln, als Doms, finde ich. Der Dom hat zwar die Zügel in der Hand und lenkt die Session, allerdings muss er die Zügel zu benutzen wissen und noch dazu die Richtung kennen.
Für Sub ist ein erfahrener Dom, der sie in die Welt des SM einführt, vermutlich sogar noch empfehlenswerter als ein unerfahrener Herr. Gerade weil ein Dom, der bereits weiß, wie er eine Session gestaltet, eine gewisse Ruhe und Selbstvertrauen ausstrahlt, sodass Sub sich gut aufgehoben fühlt. Natürlich sind auch Sessions mit einem genauso unerfahrenen Partner schön, aber ich glaube, Sub tut sich leichter, wenn sie das Gefühl hat, ihr Dom weiß, was er tut.
Im Gegensatz dazu würde mich der Gedanke verunsichern, als Dom mit einer Sub zu spielen, die schon genau weiß, wie eine Session abzulaufen hat, und eine klare Vorstellung davon hat, wie Dom sein sollte. Ob diese Annahme stimmt, darauf kann Dominik bestimmt besser eingehen als ich.
Wer sich dauerhaft mit SM beschäftigt, wird feststellen, wie vielfältig dieses Thema ist. Als ich mit SM angefangen habe, war mir nicht bewusst, wie unterschiedlich die Spielarten sein können. Und dass jeder irgendwann seinen eigenen Weg findet, SM auszuleben. Klar, wenn man einen neuen Partner oder Spielgefährten kennenlernt, ist man nervös. Und die erste gemeinsame Session sollte etwas ganz Besonderes sein, bei der bloß nichts schieflaufen darf. Was viele dabei vergessen, ist, dass Fehler nur dann zu Katastrophen oder Blamagen führen, wenn man nicht damit umzugehen weiß. Im Zweifel einfach mal über die eigene Dummheit lachen.
Dominik und ich lachen sehr viel bei Sessions. Wir haben Spaß daran, und das macht eine Sache, die nicht so läuft, wie ursprünglich geplant, sehr viel erträglicher. Und es hält dich davon ab, dich darüber zu ärgern, dass du einen Fehler gemacht hast, und vor lauter Frustration die Session völlig zu versauen. Im Gegenteil, Lachen sorgt dafür, dass sich sowohl Dom als auch Sub wieder entspannen, und vielleicht entsteht aus einem fehlgeschlagenen Versuch sogar etwas, woran vorher keiner gedacht hat. Leider sind die meisten SMler nicht sehr gut darin, über sich zu lachen. Du wirst erstaunt sein, wie ernst es auf SM-Veranstaltungen oft zugeht. Dominik und ich sind da meist die Ausnahme. Wir haben dafür aber auch mit Abstand den meisten Spaß, denke ich.
Das klingt jetzt alles sehr einfach und sehr schön. Wahrscheinlich geht dir beim Lesen durch den Kopf, dass ich gut reden habe, immerhin habe ich schon ein paar Jahre Erfahrung und stelle mir solche Fragen gar nicht mehr. Tatsächlich weiß ich ganz genau, wie es ist, unsicher zu sein, ob das, was ich tue, auch das ist, was ich tun sollte. Und ob es nicht nur gekonnt, sondern auch gut aussieht. Vor jeder neuen Veranstaltung, auf die wir gehen, und auch bei jeder neuen Praktik, die wir ausprobieren, bin ich nervös. Nicht, weil ich mich nicht auf meinen Dom verlassen kann und nicht weiß, dass er mir nur Dinge zumutet, die ich bewältigen kann. Und nicht, weil ich nicht genügend Vertrauen in meine Fähigkeiten als Sub habe. Sondern weil es sich um eine neue Situation handelt, die mir erst einmal bedrohlich und unberechenbar erscheint. Selbst wenn ich mich seit Wochen darauf freue.
Dominik zieht mich zur Zeit gerne damit auf, dass ich vor ein paar Wochen vor unserem ersten Besuch auf einer Veranstaltung, die wir inzwischen regelmäßig und gerne besuchen, am liebsten wieder ins Hotel zurückgegangen wäre und mich im Bett verkrochen hätte. Und das obwohl wir extra dafür fünfhundert Kilometer durch Deutschland gereist sind. Nachdem er mich dann auf dem Weg zurück zum Hotel wieder eingefangen und überredet hatte, doch mit ihm auf die Veranstaltung zu gehen, hatten wir dort einen sehr schönen Abend. Und siehe da, sobald wir angekommen waren, mit ein paar Leuten gesprochen und ein paar Runden auf der Tanzfläche gedreht hatten, waren meine Bedenken verschwunden. Und bei unserem nächsten Besuch auf der gleichen Veranstaltung war ich nicht halb so nervös, weil ich wusste, was auf mich zukommen würde.
Du siehst, es ist völlig normal, die Sorge zu haben, etwas nicht richtig zu machen, etwas nicht zu können oder vielleicht auch Zeit zu benötigen, bis etwas geübt aussieht. Wer einmal eine neue Sportart ausprobiert hat, weiß, dass es ein paar Trainingseinheiten braucht, bis die Bewegungsabläufe harmonisch aussehen. Wer allerdings nach dem ersten Training aufhört, wird nie so weit kommen.
Beim SM ist es genauso. Mit der Zeit wirst du die nötige Selbstsicherheit und das Selbstvertrauen bekommen, dass das, was du tust, richtig ist. Und nur noch still und heimlich in dich hineinlächeln, wenn mal wieder jemand besser weiß, wie du wann hättest reagieren sollen.
DOMINIK: Das ist es, was ich so toll finde an SM: Es tummeln sich auf der dominanten Seite ausschließlich Profis. Sie wissen alle, was sie tun, aber was noch viel wichtiger ist: Sie wissen alle, wie ich es richtig tun müsste. »Es gib nur Häuptlinge im SM, keine Indianer.« Der Satz stammt von einem Clubbetreiber, mit dem wir befreundet sind. Seit zwanzig Jahren tummelt er sich in der Szene und hat all die Top-Doms kommen und gehen sehen, vor allem hat er all die Strategie-Gespräche an der Bar mit anhören können.
Wenn ich fertig gespielt habe, mich am Tresen niederlasse, mir ein Bier gönne nach der schweren Arbeit, dann fängt es an. Der Erste kommt vorbei, fragt mich irgendwas zu meiner Sklavin, um mir sogleich zu erzählen, was ich alles falsch gemacht habe: Wenn man nämlich die Peitsche so greift und hier hochhält, dann passiert Folgendes… Und auch bei der Fixierung, da habe ich ja geschlampt, er macht das immer anders, aber ist gerne bereit, mich in das Geheimnis einzuweihen. Ich bin bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu Wort gekommen und werde es auch in der Folge nicht, vor allem, als er zu seinem Finale gelangt, in dem er mir mitteilt, dass ich ihm ja meine Sklavin ausleihen könnte, er würde mich dann an ihr gleich mal unterweisen, wie es richtig geht, vor allem dann bleibt mir noch immer die Spucke weg.
Das ist übrigens keineswegs ein rein männliches Phänomen, ich habe solche Gespräche auch schon bei dominanten Frauen belauscht. Anderseits ist mir noch keine Unterhaltung von Subs zu Ohren gekommen, in der die eine die andere aufklärt, dass sie falsch bläst. Aber vielleicht lassen sie mich ja auch einfach nicht zuhören.
Auf jeden Fall ist die SM-Szene voll von »Profis« und man sollte sich – gerade als Neuling – von den ganzen gut gemeinten Ratschlägen nicht verrückt machen lassen. Ich war in meiner Anfangszeit gut zehn bis zwanzig Jahre jünger als die meisten Doms und sehr überrascht, wie wenig mich dieser Umstand in ihren Augen befähigte, Ahnung von dem zu haben, was ich tue. Schlimmer noch, ich war höflich genug, mich mit jedem einzelnen auseinanderzusetzen, dieses und jenes zu diskutieren und mich letztlich für meinen SM zu rechtfertigen. Das ist Blödsinn! SM ist dann richtig, wenn er euch beiden gefällt, und zwar genau so, wie ihr es macht.
Das mag wie ein Satz aus dem Glückskeks klingen, aber wenn das erste Mal zwei, drei, fünf oder zehn Zuschauer um euch herum stehen und leise vor sich hin murmeln, dann solltest du als Dom genügend Selbstvertrauen in deinen SM haben, dass dir der Spaß am Spielen nicht vergeht. Denn garantiert hat jeder der Umstehenden eine Meinung zu dem, was er da gerade sieht. Natürlich sind auch welche dabei, die ganz interessante Anmerkungen und Ideen beisteuern, aber der Unterschied ist, dass sie sich mit dir unterhalten und ihre Gedanken vielleicht mal einstreuen, anstatt dich von oben herab zu belehren. Ich hole mir heute noch aus solchen netten Plaudereien Anregungen und Ideen für so manche Schandtat. Den Grundstock an Wissen allerdings, den habe ich mir anderweitig angeeignet.
Denn das ist hoffentlich klar: SM ist nicht wie Fußball spielen, das lernt man nicht einfach so, da kann man viel falsch machen. Das Ausprobieren stößt spätestens dann an seine Grenzen, wenn es in den Bereich von Nadeln, Injektionen, Strom oder Ähnlichem geht. Da sollten die Informationen, auf die man sich bezieht, schon fundiert sein. Ein guter Anfang ist sicher entsprechende Literatur, sowohl als Buch als auch im Internet. Auch haben viele Doms nichts dagegen, wenn man ihnen ein wenig über die Schultern schaut. Viele freuen sich sogar, wenn man sich nach diesem oder jenem erkundigt.
Eine wirkliche Garantie, dass die so gewonnenen Infos auch richtig sind, hat man nicht. Sicherer scheinen mir da Workshops und Kurse, die in größeren Städten regelmäßig angeboten werden. Dort sind alle möglichen Themen zu finden, von Fisting bis Bondage, und der Sinn der Kurse ist, dass ein hoffentlich geschulter Mensch die Neulinge anleitet, ihnen zuschaut und korrigierend eingreift, bevor es gefährlich wird. Wir nehmen auch hin und wieder an solchen Terminen teil, zuletzt waren wir in Berlin bei einem Bondage-Workshop. Der war für uns allerdings nach der Hälfte der Zeit vorbei, weil Devina aufgrund der Wärme im Raum und des langen Stehens als Bondage-Opfer irgendwann die Knie weich wurden.
Solche Erfahrungen sind trotzdem wertvoll, denn man sollte wissen, wann eine Pause angebracht ist oder wann man es mal gut sein lassen muss. Wem Workshops zu preisintensiv sind, der kann auch mal bei Stammtischen vorbeischauen und bestimmte Themen ansprechen. Dort werden bei Interesse auch gerne entsprechende Nachmittage veranstaltet.
Wo auch immer ihr euch euer Hintergrundwissen herholt, wichtig ist, dass ihr über solches verfügt. Im Eifer des Gefechtes, wenn die Hormone Tango tanzen und der Schwanz in Richtung Decke zeigt, sollten die Handgriffe sitzen, sonst kommt es zu bösen Verletzungen, vielleicht mit unabsehbaren Spätfolgen. Und seid euch sicher, dass all die anderen den gleichen Weg beschritten haben. Ich habe jedenfalls noch von keinem SMler gehört, der als Profi auf die Welt kam.
Das macht es als Dom natürlich nicht einfacher, wenn man wenig Praxiserfahrung hat, die Sub vor mir auf dem Boden aber schon. Männer packt dann gerne die Sorge, dass sie es schlicht nicht bringen, dass sie nicht gut genug sind, dass ihre Bewegungen unpassend sind, sie nicht fesseln können oder schlagen.
Die Erste Hilfe bei solchen Selbstzweifeln ist übrigens, einfach nichts zu machen. Lass die Sub sich hinknien, verbinde ihr die Augen, verschränke ihre Arme auf dem Rücken. Dann setz dich gemütlich hin und atme tief durch. Du kannst sie dir in Ruhe anschauen und deine Gedanken kreisen lassen. Du kannst aufstehen, langsam und bedächtig um sie herum laufen, stehen bleiben, sie deinen Atem in ihrem Nacken spüren lassen. Egal wie du dich in diesem Moment fühlst, sie erlebt dich als jemanden, der die Situation und damit auch sie kontrolliert.
Falls du es vergessen haben solltest: Du bist der Top hier, du kannst entscheiden, und im Zweifel wird man dir Momente, in denen nichts passiert, als Stärke auslegen. Normalerweise springt dann auch das Kopfkino an, wenn sie so vor dir sitzt, und dir fällt plötzlich wieder ein, was du machen könntest.
SM lebt von den Impulsen, die zwischen beiden hin und her gehen. Es ist wie eine Art Tanz, bei dem einer führt und Schwingungen aussendet, die der andere aufnimmt. Da gibt es schnelle Momente und langsame Zwischenschritte, und selbst wenn man dem anderen mal auf die Füße steigt, dann muss man einfach weitermachen, vielleicht könnt ihr sogar darüber lachen. Es mag nämlich so wirken, aber mitnichten ist es in SM-Räumen verboten zu lachen, Spaß haben wird höchstens mit bösen Blicken bestraft.
Vor lauter Technikwissen vergessen manche, dass sie SM vor allem des Spaßes wegen angefangen haben und nicht, um aus irgendwelchen Handbüchern Dinge nachzuahmen. Es soll jeder treiben, wie er mag, aber wenn die Leute mit todernsten Blicken vor sich hin knoten, dann wundere ich mich stets aufs Neue, wie das Spaß machen kann. Vielleicht kitzle ich Devina deshalb so gerne, während sie nackt am Kreuz hängt. Ihr gellendes Lachen schallt dann bis in jede Ecke und ist hoffentlich ansteckend. Mir ist es allerdings auch schon passiert, dass ich dann darauf hingewiesen wurde, andere möchten hier spielen, ich soll bitte leise sein. Auch das gehört eben zum SM, dass ihn jeder so auslebt, wie er Lust hat.
Für die richtige Stimmung zu sorgen, das ist übrigens Aufgabe des Top. Immerhin ist es deine Sub, die nackt vor anderen gezüchtigt wird, sie ist genug damit beschäftigt, das zu verarbeiten. Du musst dafür sorgen, dass ihr euch wohlfühlt. Vielleicht indem du zum Spielen keine allzu einsichtige Ecke aussuchst. Und auch indem du ihr Zeit lässt, sich in ihre Rolle zu finden. Lass sie sich orientieren und auf das freuen, was gleich kommt. Gib ihr kurze, einfache Anweisungen. Sie muss sich an das Sklavin-Sein in dieser neuen Umgebung gewöhnen. Steigere langsam, was du tust, Frauen haben die beneidenswerte Eigenschaft, irgendwann die Umgebung ausblenden zu können, wenn sie erregt genug sind. Kommuniziere mit ihr, bestätige sie, indem du ihr sagst, wie sexy sie aussieht, wie gut sie mitmacht, wie toll sie durchhält. Du kannst ihr ins Ohr flüstern, was du als Nächstes tun wirst und dass sie sich ganz darauf und auf dich konzentrieren soll.
Bei einer richtig guten Massage hält der Masseur mit seiner Hand immer Hautkontakt mit dem, der dort liegt. So solltest du es auch handhaben, streichle sie ruhig zwischen den Schlägen mit den Fingerkuppen oder der Peitschenspitze. Als angenehm empfunden wird auch, wenn sich Dom sehr nah an seine Sub stellt, sie immer mal wieder streift beim Vorbeilaufen. Es ist in Ordnung, sich und ihr zwischendurch mal eine Pause zu gönnen, ein Glas Wasser zu holen, nachzufragen, ob alles in Ordnung ist.
Je öfter ihr das macht, umso besser wirst du ihre Signale verstehen können, denn jeder reagiert anders auf eine Session. Und wenn die Atmosphäre immer noch nicht locker genug ist, dann versuche es doch mal mit einem Witz. Ich frage Devina gerne, ob ich ihr etwas von der Bar mitbringen darf, während sie geknebelt vor mir hängt.
DOMINIK: Wenn der SMler vor die Tür geht, dann gerne, um einen Stammtisch zu besuchen. Stammtische sind regelmäßige Treffen von Gleichgesinnten, dort wird vor allem gemeinsam gegessen, getrunken, geflirtet und viel gequatscht. Stammtische haben viel Ähnlichkeit mit Vereinen, es gibt immer einen sogenannten Orga, also den Vorsitzenden, der sich um die Mitgliederbetreuung kümmert, und natürlich gibt es pro Stadt nicht nur einen Stammtisch. Die Auswahl ist groß. Es gibt Treffen für Männer, die ihre weibliche Seite ausleben möchten, für Latex-Fans oder Gummi-Fetischisten. Wir sind regelmäßig zu Gast bei SM-Stammtischen für Kochfans und für Studenten.
Sehr aktiv ist auch die Jugendorganisation SMJG, die sich vor allem an SMler zwischen 16 und 30 Jahren richtet. Dort habe ich mich wegen der Altersgrenze nicht hingetraut und Devina ist zunächst alleine gegangen. Irgendwann waren die Leute dort aber neugierig auf mich, sodass ich auch eingeladen wurde. Ich kam mit den Anwesenden schnell ins Gespräch, wir tauschten uns aus über Partys in der Region oder bestaunten, was andere so an Spielzeugen mitgebracht hatten. Ich unterhielt mich schließlich mit einem jungen Mann, der gut und gerne zehn Jahre jünger war als ich. Im Laufe des Gespräches fasste er mich am Arm, beugte sich zu mir herüber und teilte mir mit, dass es ganz schön ist, auch mal jemand Älteren hier zu treffen, jemand, der mehr Erfahrung hat und diese auch weitergeben kann.
Gemeint war es als Kompliment, aber in meinem Kopf hallte der Satz noch lange nach. Bis dahin war ich stets der Jüngling gewesen, wurde von den anderen Tops skeptisch betrachtet, und oft genug hatte ich das Gefühl gehabt, ob meines Alters nicht wirklich ernst genommen zu werden. In dem Moment, als mir dieser 18-Jährige inmitten von Gleichaltrigen versicherte, wie toll es doch sei, dass ich ein alter Kauz sei, in dem Moment wurde mir klar, was damit gemeint ist, dass SM eine Reise ist.
