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Anne ist fest entschlossen: Sie will noch einmal lieben und geliebt werden, sich mit Haut und Haaren auf einen Mann einlassen. Sie ist attraktiv, klug, witzig und geht online auf Suche. Und das mit 80! Klopfenden Herzens trifft sie mehrere Männer, vor allem Max, 85. Jürgen ist Witwer und träumt von einer liebevollen Partnerin. Als er Marina begegnet, ist er sofort begeistert und staunt ungläubig, dass «der alte Esel in Flammen» steht. Sechs Monate später werden sie zusammenziehen. Jürgen ist 62, Marina ein Jahr älter. «Ich hab dich so lieb gewonnen», strahlt Hannelore, wenn sie ihren Lothar anschaut. Die 70-jährige Witwe wollte endlich wieder bei einem Partner Geborgenheit spüren. Beide haben sich über eine Anzeige kennengelernt und können ihr Glück noch immer nicht fassen. Liebesgeschichten jenseits eines Alters von 60 Jahren sind heute keine Ausnahme. Über 6 Mio. Ältere leben allein, wollen das aber nicht unbedingt. Immer mehr von ihnen nehmen ihr Glück selbst in die Hand, zunehmend oft in Online-Börsen. Aber wie findet der Single-Rentner sich dort zurecht? Wie funktionieren Flirt- und Dating-Kurse für Senioren und wie traut man sich daran? Das Buch erzählt von Männern und Frauen zwischen 60 und 80, die noch einmal die Liebe suchen. Es geht um unterschiedliche Möglichkeiten der Partnersuche, um Chancen und Hoffnungen, um ungeahnte Erfahrungen, um Berührungsängste, Mut und Geduld, um Glück und Hingabe und darum, wie wichtig die innere Einstellung ist, um der Liebe nicht im Weg zu stehen. Das Buch ist ein lebendiger Ratgeber für alle Älteren, die es noch einmal wagen wollen, sich zu verlieben, aber nicht genau wissen, wie sie das anstellen sollen. Mit vielen Mut machenden Geschichten und O-Tönen.
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Seitenzahl: 382
Veröffentlichungsjahr: 2014
Hanne Huntemann • Angela Joschko
Partnersuche 60+
Anne ist fest entschlossen: Sie will noch einmal lieben und geliebt werden, sich mit Haut und Haaren auf einen Mann einlassen. Sie ist attraktiv, klug, witzig und geht online auf Suche. Und das mit 80! Klopfenden Herzens trifft sie mehrere Männer, vor allem Max, 85.
Jürgen ist Witwer und träumt von einer liebevollen Partnerin. Als er Marina begegnet, ist er sofort begeistert und staunt ungläubig, dass «der alte Esel in Flammen» steht. Sechs Monate später werden sie zusammenziehen. Jürgen ist 62, Marina ein Jahr älter.
«Ich hab dich so lieb gewonnen», strahlt Hannelore, wenn sie ihren Lothar anschaut. Die 70-jährige Witwe wollte endlich wieder bei einem Partner Geborgenheit spüren. Beide haben sich über eine Anzeige kennengelernt und können ihr Glück noch immer nicht fassen.
Liebesgeschichten jenseits eines Alters von 60 Jahren sind heute keine Ausnahme. Über 6 Mio. Ältere leben allein, wollen das aber nicht unbedingt. Immer mehr von ihnen nehmen ihr Glück selbst in die Hand, zunehmend oft in Online-Börsen. Aber wie findet der Single-Rentner sich dort zurecht? Wie funktionieren Flirt- und Dating-Kurse für Senioren und wie traut man sich daran? Das Buch erzählt von Männern und Frauen zwischen 60 und 80, die noch einmal die Liebe suchen. Es geht um unterschiedliche Möglichkeiten der Partnersuche, um Chancen und Hoffnungen, um ungeahnte Erfahrungen, um Berührungsängste, Mut und Geduld, um Glück und Hingabe und darum, wie wichtig die innere Einstellung ist, um der Liebe nicht im Weg zu stehen. Das Buch ist ein lebendiger Ratgeber für alle Älteren, die es noch einmal wagen wollen, sich zu verlieben, aber nicht genau wissen, wie sie das anstellen sollen. Mit vielen Mut machenden Geschichten und O-Tönen.
Hanne Huntemann war ZDF-Redakteurin für die Themen Psychologie, Philosophie und Religion, sie war verantwortlich für die Reihe «37 Grad». Seit 2011 arbeitet sie als freie Journalistin.
Angela Joschko ist Autorin und Redakteurin beim Hessischen Rundfunk/Fernsehen in den Bereichen Kultur, Wissenschaft und Reise sowie bei arte. Zusammen haben sie das Buch «Die ungekannte Freiheit meines Lebens – Frauen zwischen Jugend und Alter» veröffentlicht, das von der Friedrich-Ebert-Stiftung als «politisches Buch des Jahres» ausgezeichnet wurde.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, April 2014
Copyright © 2014 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Lektorat Tobias Schumacher-Hernández/Bernd Gottwald
Umschlaggestaltung ZERO Werbeagentur, München
(Foto: FinePic, München)
ISBN 978-3-644-50721-0
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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www.rowohlt.de
Vorwort
Eins: Will ich oder will ich nicht? – Wegweiser im Ungewissen
Alles ist möglich. Es gibt sie doch, die Liebe mit 80
Allzeit bereit? Wie man dem Glück auf die Sprünge hilft
Sehnsucht ohne Ende. Die ungeahnte Freiheit der späten Jahre
Zwei: Wo finde ich mein Glück? – Was ist der richtige Weg?
Partnervermittler und Anzeigen
«Ich zieh auch gern zu dir.» Vom Glücksversprechen professioneller Vermittler
Der Mann für den zweiten Blick. Anzeigen sind weniger flüchtig
Und plötzlich brach der Himmel auf … Von der Unberechenbarkeit der Liebe
«Dinner for one»? Nein, danke! Ein Engländer auf Schatzsuche
Online-Börsen
Fünf Wörter, die mein Äußeres beschreiben. Erste Erfahrungen mit dem Netz
Ich geh online – gehst du mit? Im Dschungel der Dating-Portale
Ich bin doch ein Sahnestückchen. Berufsjugendlicher sucht Traumfrau
Soll ich oder soll ich nicht? Hannes Selbstversuch, Teil 1
Schmetterlinge fängt MANN online. Jonas, Teil 1
Lieben wär ’ne prima Alternative. Doch Mut gehört dazu
Flirten lernen
Der erste Blick muss sitzen. Flirtkurs für Ungeübte
Auf die Plätze, fertig, los … Speed-Dating Ü60
Drei: Erste gemeinsame Schritte – wenn der Höhenflug im Alltag landet
Herzklopfen bis zum Hals. Hannes Selbstversuch, Teil 2
Ping, Pong – Peng? Jonas, Teil 2
Es hat so schön angefangen … Weitermachen oder aufhören?
«Dass es so was gibt, habe ich nie geglaubt.» Befreiung mit 78
Ich habe meinen George Clooney gefunden … Ein fast perfektes Glück
Witwer sucht Witwe. Zu zweit ist man weniger allein
Maria und Kurt
Cornelia und Lothar
Das große Wagnis. Umzug nach sechs Monaten
Du sollst so bleiben, wie du bist. Mit Toleranz und Respekt
Zwei Jahre später …
Vier: Lustvoll lieben – endlich frei von alten Fesseln
Lieber spät als nie. Aufbruch in ein Leben jenseits der Schranken
Knackpo, Minirock und unmögliche Unterhosen
1000-mal gesehn … 1000-mal ist nichts geschehn. Stilles Wasser und Powerfrau
«Oma, du bist ein flotter Feger.» Von der Anziehungskraft älterer Frauen
«Das Kapellchen mag noch so alt sein, das Glöckchen kann immer noch läuten.» Sex bis ins hohe Alter
Ich hab’s einfach gewusst. Wie ein Treffer im Lotto
Zwei Monate später …
Fünf: Das Beste kommt zum Schluss – Varianten des Glücks
Kein Gestern, nur heute und morgen. Wie das neue Glück gelingen kann
Mit dem Segen der Kinder. Das Dreigenerationenhaus
Liebe auf den ersten Blick. Der gemeinsame Tanz durchs Leben
Zwei Jahre später …
Eine solche Beziehung hatte ich noch nie. Die Ruhe nach dem Sturm
Worauf sollen wir noch warten? Hanne und Jonas, Teil 3
Die Zeit mit dir …
Herzklopfen im Doppelpack. Wie Zwillingsschwestern einen neuen Partner fanden
Nie mehr ohne dich. Liebe im Heim
Verrückt schön. Auf der Achterbahn der Gefühle
Nachwort
Anhang
Alles fing mit Anne und dem verwegenen Satz an: «Jetzt such ich mir noch mal einen Mann.» Wir waren sprachlos. In dem Alter? Anne war doch 80. Wie sollte das klappen? Aber Anne ließ sich nicht beirren. «Ich will noch mal lieben!»
Das war der Startschuss für dieses Buch. Denn schlagartig hatten wir begriffen: Die Sehnsucht nach Zweisamkeit, Zärtlichkeit und Sex kennt keine Altersbegrenzung, auch wenn das die Öffentlichkeit stillschweigend annimmt.
Selbst wir hatten mit diesem Thema beinahe abgeschlossen. Denn schließlich sind wir auch schon im Rentenalter. Doch Anne hat es uns vorgemacht. Sie hat nicht nur gesucht, sie hat auch gefunden. Es ist eine heftige Liebe, die Liebe zu Max, 85. Und sie schwärmt: «Eine solche Nähe hatte ich noch nie.»
«Liebe ist nichts für Feiglinge», sagt man. Und das stimmt. Liebe ist eine Mutprobe. Mit 20 oder 30 kann das nicht schrecken. Auch mit 40 ist noch nicht aller Tage Abend. Mit 50 wird die Luft schon dünn. Und mit 60, 70, 80? Warum nicht?
Denn «die heute 70-Jährigen sind die 50-Jährigen von gestern», wie Soziologen sagen. Nie zuvor waren Menschen am Ende ihrer beruflichen Laufbahn so jung und agil. Nie zuvor war die Mehrheit der über 60-Jährigen so gesund. Und nie zuvor konnte diese Generation auf eine bessere Bildung und ein dickeres Portemonnaie zurückgreifen.
Es ist überdies auch die Generation, die einst den politischen und gesellschaftlichen Aufbruch der 68er miterlebte. Das hat oft den Lebensstil geprägt, den Anspruch an Partnerschaft und persönlichem Glück. Und den wollen sie jenseits der 60 nicht aufgeben. Warum auch? Die Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit bleibt doch. Und der Wunsch, sich das einzugestehen und sich auf den Weg zu machen, wächst.
Gelegentlich wurden wir gefragt: «Warum ein Liebeswegweiser nur für Singles ab 60? Warum nicht ab 50? Die Probleme sind doch die gleichen.» Eben nicht. In den Sechzigern beginnt tatsächlich ein ganz neuer Lebensabschnitt. Wir verabschieden uns vom Berufsleben, müssen dem Alltag einen neuen Sinn geben, ohne die Kollegen. Auch ohne die Kinder, die längst eigene Familien haben. Und was nun? «Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr», schrieb der Dichter Rainer Maria Rilke. «Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben …» Hört sich nicht wirklich spannend an, oder? Was also wärmt unser Herz für den Rest des Lebens?
Natürlich, da gibt es verdienstvolle Ehrenämter. Auch die Oma- oder Opa-Rolle ist erfüllend. Und ein spätes Studium bringt uns auf neue Gedanken. Aber das kann doch nicht alles sein, sagen sich viele im vorgerückten Alter – und machen sich auf die Suche nach dem Herzensmenschen. Auf dem Anzeigenmarkt und in Internetforen ist diese Generation auf dem Vormarsch. Keine andere Altersgruppe wächst so stark. Senioren melden sich an in Flirtkursen und zum Speed-Dating. Und sie verlieben sich manchmal so intensiv, wie sie es nie zuvor erlebt haben. Weil sie freier sind als in jungen Jahren, unbeschwerter, nichts mehr beweisen müssen, weder sich noch anderen. Und damit setzen sie neue Maßstäbe und zeichnen ein attraktives Rollenbild des älter werdenden Menschen.
Es gibt Töchter und Söhne, die staunen nicht schlecht, wenn sie plötzlich den alten Vater oder die Mutter Hand in Hand mit einer neuen Liebe entdecken. Das bringt so manches Weltbild durcheinander und weckt Neugier: Klappt’s denn noch im Bett? «Und wie das klappt», berichtet der 70-jährige Thomas. «Isabelle ist in allem eine Traumfrau für mich. Ich bin richtig beglückt. Da bleiben keine Wünsche offen.»
Die ganz unterschiedlichen Erlebnisse unserer Gesprächspartnerinnen und -partner sollen anregen, noch einmal einen späten Blick zu wagen. Liebe hält schließlich Geist und Körper jung. Sie schützt vor Einsamkeit. Und was kann schon passieren? Im schönsten Fall, dass es sich einstellt, dieses unbeschreibliche Kribbeln, dieses fiebernde Sehnen, das kein Alter kennt. Und dass es gelingt, sich einem Menschen vertrauensvoll zu öffnen, Verantwortung füreinander zu empfinden – bevor es das Altenheim tut.
«Wenn man das Leben mit dem Ablauf einer Woche vergleicht, dann bin ich ungefähr bei Freitagnachmittag angelangt. Aber ich habe noch ein schönes, langes Wochenende vor mir», lässt Gunther Beth in der Komödie «Trau keinem über 60» den alternden Hauptdarsteller auf der Suche nach der Liebe sagen.
So ähnlich muss es Altbundeskanzler Helmut Schmidt auch empfunden haben. Nur spart er mit Worten. Mit einem knappen «Ja» bekannte sich der Witwer, der 68 Jahre mit Loki verheiratet war, öffentlich zu seiner neuen Lebensgefährtin Ruth Loah. Da war er 93. Und sie 78.
Heute ist ein besonderer Tag. Der Tag vor einem ungewöhnlichen Ereignis. Sie spürt es sofort. Angespannt und mit großen Augen verfolgt sie das merkwürdige Schauspiel. Auf dem Bett türmen sich immer mehr Kleidungsstücke. Vor dem Spiegel – wie bei einer Modenschau – wird anprobiert, zurechtgezupft, wieder weggeräumt und durch neue Kombinationen ersetzt. So ein Durcheinander hat es noch nie gegeben. Plötzlich hält sie es nicht mehr aus, rennt zum Bett und schmeißt sich mit großem Vergnügen mitten hinein in den Kleiderhaufen. Bassia, die achtjährige Hovawart-Hündin, hat genug. Sie will mitspielen, aber eigentlich an ihren Abendspaziergang erinnern und daran, dass es längst Zeit für ihren täglichen Knusperknochen ist.
Anne muss laut lachen, sie kommt sich vor wie ein Teenager, weil sie sich nicht entscheiden kann, was sie anziehen soll. Zärtlich krault sie den Kopf ihrer schönen Hündin und zieht sie vom Bett.
Beim Spaziergang im Wald spürt sie den lauen Sommerabend, blickt auf den See und träumt vom nächsten Tag und davon, dass sie ihre schönste Bluse und ihre knackigste Jeans tragen wird.
Anne, eine kleine, grazile Person, attraktiv, klug, witzig, hat Herzklopfen. Morgen wird sie nach fast 15 Jahren wieder ein Rendezvous haben, von dem sie sich wünscht, dass es ihr Leben verändert.
Zwei Monate ist es jetzt her, da traf sie eine für sie lebenswichtige Entscheidung. Die Schweizer Ärztin und Psychotherapeutin wollte nicht mehr alleine sein. Sie wollte noch einmal einen Mann an ihrer Seite haben. Sie wollte lieben und geliebt werden, in den Armen eines Partners Geborgenheit spüren, sich mit Haut und Haaren auf einen anderen Menschen einlassen. Zum ersten Mal in ihrem Leben konnte sie sich diese unbändige Sehnsucht eingestehen. Sie wusste, das ist jetzt ihre letzte Chance.
Noch am selben Abend meldete sie sich bei einer Internet-Partneragentur für «Singles mit Niveau» an. Beim Ausfüllen des seitenlangen Profils machte sie sich zehn Jahre jünger. Ungeniert gab sie an, 70 zu sein. Niemand würde es merken, denn mit ihrem jugendlichen Aussehen und ihrer geistigen Lebendigkeit wirkt sie eher noch jünger. Und deshalb will sie keinen 80-Jährigen oder noch älteren Mann. Als sie bei der Frage ankam, was in einer Partnerschaft wichtig sei, lächelte Anne verschmitzt in sich hinein und schrieb: «Verliebtsein und Sex gehören für mich unbedingt dazu!» Einen Klick später war das ausgefüllte Profil elektronisch unterwegs, und es begann die Zeit des Wartens und des Herzklopfens.
Anne führte schon früh ein selbstbestimmtes, ein emanzipiertes Leben. Sie studierte in den USA und im europäischen Ausland. Als junge Frau lernte sie interessante Männer kennen, potenzielle Lebenspartner, doch zu einer dauerhaften Bindung kam es zunächst nicht. Denn sie, die Freiheitsliebende, war für eine klassische Rollenverteilung in der Partnerschaft nicht geeignet. Erst mit 53 verliebte sie sich heftig in einen Mann, von dem sie sich erkannt fühlte, so wie sie war, und der sie liebte. Sie heiratete ihn und war glücklich. 13 Jahre später starb er. Für einen neuen Mann gab es lange keinen Platz in ihrem Leben.
Anne war mit ihrem Lebensentwurf ihrer Zeit voraus. Einer Zeit, in der Frauen in der Schweiz bis 1971 kein Wahlrecht hatten und um ihren Platz in der Gesellschaft kämpfen mussten. Anne hat sich immer wieder behaupten müssen als eigenwillige Frau, als Ärztin, als Intellektuelle im Reich der Männer. Mühevoll, schmerzhaft, langwierig, aber mit ungeheurer Energie, Kreativität und mit Witz.
So fasst sie heute ihr Leben mit den knappen Worten zusammen: «Es musste bei mir alles immer komplizierter sein als normal.» Aber bei allem Selbstbewusstsein ist da eben auch die andere Seite von Anne, die zarte, die feine, die beschützenswerte. Eine Frau, hin- und hergerissen zwischen der Sehnsucht nach unbändiger Freiheit und gleichzeitig nach Geborgenheit. «Und das Schöne ist», sagt sie mit scheuem Lächeln, «dass ich, je älter ich werde, immer ehrlicher zu meinem großen Bedürfnis nach Nähe stehen kann.»
Mehrmals am Tag öffnete Anne nun ihren kleinen Laptop und war jedes Mal ganz gespannt, wer diesmal geschrieben hatte. «Bei dem Ersten war ich noch ganz verrückt», gesteht sie kichernd ihrer Freundin, «ich hatte Krämpfe, wenn ich drei Tage von ihm keine Antwort hatte, und dann hab ich es nicht mehr ausgehalten und doch noch mal geschrieben.» Bis zu dem entscheidenden Telefonat mit ihm, dem Herrn Professor. «Als ich die Stimme hörte, war es vorbei. Und dann hat er auch noch ausschließlich von sich schwadroniert, und über mich wollte er gar nichts wissen. Das halte ich nicht aus.» Anne weiß schon, dass sie ziemlich wählerisch ist, aber sie ist eben fest davon überzeugt: «Es muss einfach klicken, sonst geht nichts.»
«Aber wie oft kann es in ihrem Alter denn noch klicken?», fragen sich die jüngeren Freundinnen besorgt und werden von Anne etwas ungeduldig zurechtgewiesen: «Ich weiß einfach, dass es klappen wird. Punkt.» Inzwischen ist sie im Umgang mit virtuellen Männern ein Profi. Wenn sie nicht direkt von ihnen kontaktiert wird, schreibt sie als Erste und schaut, was passiert.
Irgendwann taucht Max, ein 75-jähriger Landwirt, auf. Anne ist begeistert und schreibt: «Ich melde mich, weil mir dein Beruf gefallen hat, denn ich wollte als Kind so gerne Bäuerin werden. Aber mein Lebensprojekt sollte ein anderes sein. Jetzt bin ich eben Medizin-Professorin.» Max antwortet sofort und meldet sich gleichzeitig wieder ab. Denn es gibt Wichtigeres für ihn: Er hat Kirschernte und im Moment keine Zeit für Frauen.
Auch das findet Anne prima, denn «da regiert noch die Natur und diktiert die Prioritäten». Dann taucht Max wieder auf. Sie schreiben sich fast täglich, und Max erzählt ihr aus seinem Alltag, will von ihrem Leben erfahren, und er ist lustig. Sie freut sich auf jeden Tag, auf jede Mail. Und wird ganz ungeduldig und ängstlich, wenn sie ausnahmsweise mal etwas länger auf seine Nachricht warten muss.
Spätestens dann, wenn erste Verliebtheitsgefühle auftauchen, erscheint die virtuelle Verbindung zweier Unbekannter wie ein seidener Faden, der jederzeit reißen könnte. Was ist, wenn er oder sie plötzlich nicht mehr schreibt? Anne und Max lassen es nicht so weit kommen. Zunehmend entsteht eine Nähe, ein Zauber, der sie beide erfasst. Sie spürt, er ist ein Mann, der zuhört, der präsent ist, der sich auf sie einstellt. Relativ schnell schlägt sie vor, sich zu treffen. Sie ahnt, mit Max könnte es «klicken».
Und dann kommt endlich der aufregende Tag. Sie sind auf dem Parkplatz eines Landgasthofes in der Nähe seines Heimatortes verabredet. Anne trägt ihre weiße, gutsitzende Jeans und hat sich kurzfristig für einen vielleicht etwas zu warmen türkis-weißen Pulli entschieden. Aber sie sieht super aus. Sie fühlt sich wie ein junges Mädchen und muss sich auf die Straße konzentrieren und darauf, dass ihr das «Herz nicht weghüpft», wie sie sagt.
Endlich ist sie da, lenkt ihren Wagen möglichst elegant auf den Parkplatz und beruhigt die ungeduldige Bassia, die jetzt laufen will. Und dann sieht sie ihn, einen feinen, schlanken Mann mit einem schönen Gesicht. Die Begrüßung ist noch scheu. Sie essen zusammen, sie lachen, sie reden, sie gehen spazieren. Und Bassia ist immer dabei, begeistert von dem neuen Mann in ihrem Leben, und will immerzu gekrault werden. Anne spürt ein zartes «Klicken». Bevor sich beide für das nächste Wochenende bei ihr zu Hause verabreden, liegt ihr noch etwas auf der Seele. Sie muss ihm jetzt die Wahrheit sagen: «Ich bin zehn Jahre älter, als ich geschrieben habe. Ich bin schon 80.» Prüfend schaut sie ihn an. Max bleibt ganz ruhig, und mit ernstem Gesicht zieht er den Ausweis aus der Tasche und zeigt auf sein Geburtsdatum. Max ist auch zehn Jahre älter und bereits 85. Sie schauen sich an und müssen lachen, während sie sich zum ersten Mal in den Arm nehmen.
Noch auf der Rückfahrt gibt Anne ihrer Freundin die Neuigkeiten am Telefon durch. «Max ist so klar, so ehrlich …», sprudelt es aus ihr heraus. «Ich bin happy mit ihm, auch wenn unsere Welten so grundverschieden sind.»
14 Tage später. Das erste gemeinsame Wochenende ist vorbei, und Anne schwärmt: «Wir haben uns geliebt, wir haben gelacht, wir haben geschwiegen.» Beide sind so verliebt, und sie ist sicher: «Eine solche Nähe hatte ich noch nie.»
Wie geht es weiter mit den beiden? Max und Anne bringen 80 Jahre Lebensgeschichte mit, die sie zu denen gemacht haben, die sie sind. Max ist Landwirt, war verheiratet und hat zwei Kinder. Seine Frau, mit der er über 50 Jahre zusammen gewesen war, begleitete er bis zu ihrem Tod. Er ist seinem Flecken Erde stark verbunden, lebt im Einklang mit dem Rhythmus der Natur, pflegt und erntet bis heute seine Obstbäume. Die laute, aggressive Großstadtwelt beobachtet er aus der Distanz, aber nicht ohne Sympathie. Sein Hof, seine Familie und seine vielen Interessen, die er autodidaktisch verfolgt, prägen 60 Jahre lang sein Leben. Dann trifft er auf Anne, die weitgereiste, die gebildete, die analytische, die sensible Frau, die ihn erkennt, die ihn schätzt und ihn schließlich liebt, so wie er ist. Eine Begegnung, die beide erschüttert, aber auch immer wieder an Grenzen führt, die so verschiedene Leben mit sich bringen, denn sie müssen sich mit der Welt des anderen arrangieren.
Anne ist noch beruflich aktiv, arbeitet als Psychotherapeutin, schreibt, spielt Klavier und hat zuweilen Auftritte. Auch Max ist noch aktiv auf seinem Hof. Beide haben ein Abkommen getroffen: Sie sehen sich nur alle 14 Tage, um sich gegenseitig nicht zu überfordern. Vor allem Max muss sich nach einem Wochenende mit ihr von dem anderen Leben, das sie führt, wieder erholen. Nach drei Monaten zieht er sich zurück. Er ist krank, fühlt sich instabil, braucht eine Pause von seiner neuen Liebe. Anne ist verzweifelt. Sie hat Angst um ihr neues Leben und vor allem um Max und seine Gesundheit. Sie fürchtet, dass jetzt alles aus ist, und kann an nichts anderes mehr denken. Dann vertraut sich Max seinem Arzt an, berichtet von der neuen Liebe, von der Frau, die aus einer so ganz anderen, spannenden Welt kommt. Der Mediziner macht ihm Mut, beglückwünscht ihn zu der Partnerschaft und rät ihm, diese Beziehung nicht aufs Spiel zu setzen.
Nach drei Wochen Abstinenz meldet er sich bei Anne. Sie telefonieren wieder jeden Tag, und dann sehen sie sich und spüren, dass sie sich immer noch lieben. Sie führen lange Gespräche über ihre Missverständnisse, ihre Ängste, den anderen nicht zu verstehen, und Anne ist begeistert von seiner Fähigkeit, sich selbst in Frage zu stellen. «‹Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht› trifft zu 100 Prozent auf Max zu. Er kann aber zuhören, und wenn er’s kennt, ändert er seine Sicht. Vielleicht! Das Leben mit ihm ist spannend, meist lustig und glücklich, manchmal auch traurig.»
Wenn sie zusammen in den Waadtländer Bergen sind, wandern sie täglich mit Bassia auf die Alp. Nach der Krankheit von Max saßen sie beide weinend auf einem Stein und blickten runter auf den See. Ihnen ist bewusst geworden, wie verletzlich beide sind, wie schnell das gemeinsame Leben vorbei sein kann. Das ist die Schattenseite einer neuen Liebe im Alter. «Aber zu zweit zu sein ist für uns ein riesiges Geschenk», bekennt Anne mit leiser, nachdenklicher Stimme. «Wir wissen jetzt, dass wir zusammengehören.»
Nächstes Jahr wird es sich entscheiden. Muss es sich entscheiden. Maria ist müde geworden. Partnersuche ist anstrengend mit 74. Jetzt hat sie sich ein Ziel gesteckt: An ihrem 75. Geburtstag wird sie die Wahl treffen: Aufgeben? Oder weitermachen?
Wenn sie doch nur endlich einen fände, der schlank ist und gepflegt – wie ihr verstorbener Mann. Geistig anspruchsvoll und gut gekleidet – wie ihr verstorbener Mann. Vielleicht einer Fremdsprache mächtig – wie ihr verstorbener Mann.
Noch 25 Jahre nach seinem Tod kann sie ihn nicht vergessen. Schon gar nicht die Umstände seines Todes. Er starb aus heiterem Himmel an einem Herzinfarkt, neben ihr im Bett. Da war er 49. Sie 48. Und sie blieb allein zurück mit zwei kleinen Kindern.
Sie könnte sich durchaus vorstellen, sich noch einmal einzulassen, theoretisch. Sogar auf ein Zusammenleben. Nach 25 Jahren des Alleinseins. Der Neue müsste natürlich ihre Möbel mögen. Den polierten englischen Schrank beim offenen Kamin, das Prachtstück von Sekretär aus derselben Epoche und die zierliche Tischrunde mit den chintzbezogenen Stühlen in Weinrot. Wohin mit seinen Möbeln? «Tja.» Pause. «Oben im ersten Stock, da wäre noch Platz.»
Nicht, dass sie es nicht versucht hätte. Sie war gerade 70 geworden, als sie sich auf den Weg ins erhoffte Glück machte. Eine aufgeschlossene, agile, schlanke Frau, sportlich-elegant bekleidet mit leuchtend roter Jacke und Hose im Schottenkaro, blonder Kurzhaarfrisur und lackierten Fingernägeln. Seit 25 Jahren managt Maria ihr Leben souverän, hält engen Kontakt zu Kindern und Enkelkindern, empfängt Gäste im Einfamilienhaus am Rande der Großstadt und langweilt sich keine Sekunde. Sie hat Freundinnen, ein Theaterabonnement, besucht Kunstausstellungen. Aber es fehlt eben ein Mann. Ein Mann, mit dem sie all das teilen könnte und noch mehr.
Als sie vor dreieinhalb Jahren den Schritt ins Abenteuer wagte, da ging sie schwungvoll voran. Und zwar schnurstracks in die virtuelle Welt.
Mutig lud sie eine der ersten Bekanntschaften zu sich nach Hause ein. Kaum hatte er «Hallo» gesagt, schloss er diskret die Haustür hinter sich – «wegen der Nachbarn» –, um ihr sogleich mit einer stürmischen Umarmung an die Wäsche zu gehen. «Der hatte wohl Viagra genommen.»
Jüngere meldeten sich auch. Interessante Männer, kluge Männer. Männer mit gewissen Besonderheiten, die man allerdings mögen muss. Latex-Slips beim Liebesspiel zum Beispiel. Nichts für Maria. Auch der knauserige Postbeamte, der den Spartrieb seiner verstorbenen Frau noch posthum in den höchsten Tönen lobte, war nicht ihr Fall. Oder der Ewiggestrige, der die unglückliche Geschichte von seiner früheren Frau wieder und wieder herunterbetete. Und der kluge Hanseat, der genau wie sie nie sein Haus verlassen würde und arg unter gesundheitlichen Problemen litt.
Nein, keiner reichte ran an ihren Mann, den sie so früh verlor und von dem sie bis heute einfach nicht loskommt.
Markus Ernst, Diplom-Psychologe und Paartherapeut aus Hamburg, kennt diesen Zwiespalt aus seiner Praxis nur zu gut. Ob man nun online oder offline auf die Suche gehe, spiele im Grunde keine Rolle, meint er. Viel wichtiger sei vielmehr die Frage:
«Bin ich bereit für eine neue Partnerschaft? Ich denke besonders an die ältere Zielgruppe. Da ist ja häufig eine Partnerschaft im Vorfeld zu Ende gegangen, entweder ist der Partner gestorben, oder es ist zur Scheidung gekommen. Auf jeden Fall zu einer Form des Verlusts, den man verarbeiten muss. Und da muss man sich wirklich gut selbst befragen: Bin ich wieder frei, und habe ich die Offenheit, einem neuen Menschen zu begegnen? Habe ich die vorherige Beziehung so weit verarbeitet, dass ich mit offenen Kanälen auf Partnersuche gehe? Das ist nicht ganz leicht. Man kann kein Geheimrezept geben und sagen, das und das muss so und so sein. Aber man kann sich schon fragen: Spielt der Ex-Partner noch eine große Rolle in meinem Leben? Denk ich ständig an ihn? Ein Indiz für eine noch nicht verarbeitete Beziehung und Noch-nicht-Bereitschaft für etwas Neues ist, wenn man jemand Neues kennenlernt und merkt: Mensch, da ist eine Wellenlänge, daraus könnte sich was entwickeln. Und dann treten ganz schnell wieder Gedanken an den alten Partner auf, und es finden Vergleiche statt, was Eigenschaften betrifft. Wenn man das merkt, dass man da noch so verwurzelt ist in dem Vorangegangenen, dann ist das bestimmt ein Zeichen, dass man noch nicht so hundertprozentig offen für was Neues ist.»
Unkonventionelle Wienerin sucht Partner bis 57 J. (eine Mischung aus Gérard Depardieu und Sean Penn), eloquent und witzig, zum Reisen und Speisen, Lieben und Lachen.
«Ich denke, besonders für die Generation 55+ ist es wichtig, zu Beginn nicht zu sehr eingeschränkt zu sein. Ich höre beim Telefon-Coaching immer wieder, dass sehr, sehr genaue Vorstellungen bestehen, wie er oder sie sein muss, Größe, Eigenschaften, Wohnort usw., dass die Suchkriterien sehr, sehr eng gesteckt werden. Gerade ältere Menschen sagen mir: Ich such aber nur in München in meinem Wohnbezirk. Ich will auf keinen Fall den Ort verlassen für eine Partnerschaft. Ich denke, je älter man wird, umso schwieriger wird das vielleicht, diesen Freundeskreis und die vertraute Umgebung zu verlassen. Man darf aber nicht vergessen, dass es häufig der Fall ist, dass man jemandem begegnet, der vielleicht in Köln lebt und der dann durchaus bereit wäre, den Wohnort zu wechseln für die große Liebe. Und deshalb sollte man auch durchaus weiter gefasst suchen und diese Checkliste ein bisschen auflockern und sich bei den einzelnen Punkten fragen: Ist es wirklich absolut ausgeschlossen, dass er gelegentlicher Raucher ist, wenn er auf den Balkon geht und nicht in der Wohnung raucht? Das sind Kleinigkeiten, aber die können die Partnersuche extrem beeinflussen. Da besteht die Gefahr, dass viele, die auch in Frage kommen könnten, direkt ausgefiltert werden. Also mit anderen Worten: Fassen Sie die Suchkriterien, egal ob bei der Offline- oder Online-Suche, weit und gucken Sie, was passiert! Und gehen Sie mit einer gewissen Offenheit an die Sache heran.»
Wenn es nicht völlig unangebracht, ja sogar zynisch wäre bei all dem Leid und Elend in der Welt, würde ich mich als den unglücklichsten Menschen auf Erden bezeichnen. Eine wunderbare zweite Liebe ist vorbei und hinterlässt Trauer und herzzerreißenden Schmerz, Tag und Nacht. Ich, kein Supermann, mit Ecken und Kanten, 67 J., 176/76, NR, vielfältige Interessen, kein explizites Hobby, wünsche mir – total unrealistischerweise – wieder genau so eine lebendige, intelligente, lebensfrohe, wundervolle Partnerin (nicht «Dame», sondern «Kumpel»). Möglicherweise Raum 7.
Ein ungewöhnlicher Notruf, der da in einer Wochenzeitung stand. Prompt fühlen sich 39 Frauen zur Rettung aufgerufen. 39 unerschrockene Frauen treten an gegen einen mächtigen Konkurrenten, den Schatten von Mona. Wenn Günther von seiner Mona spricht, dann immer im Präsens: «Diese Frau ist grandios, flexibel, spontan. Ich bin eher planerisch, kleinkariert. Ich wäre zum Beispiel nie auf die Idee gekommen, nach Island in den Urlaub zu fahren. Mit Mona schon.» Aber Mona hat ihn verlassen, vor Monaten schon. Jetzt ist er allein nach all den Jahren. Und kommt nicht darüber hinweg.
Beinahe auf den Tag genau vor sieben Jahren hatte er sie gefunden. Oder sie ihn. Damals hatte er die allererste Anzeige geschaltet, in derselben Zeitung wie dieses Mal. Und kurioserweise reagierten auch damals exakt 39 Frauen darauf. Er war 60, EDV-Experte in gehobener Position und stand vor einem Trümmerhaufen. Nach 40 Jahren Zusammensein war die Beziehung zu seiner Frau, einer Physikerin, endgültig zerbrochen. Sie kannten sich seit Schülertagen, heirateten und trennten sich. Kamen wieder zusammen und trennten sich. Und obwohl die Scheidung längst hinter ihnen lag, fuhren sie weiterhin zwölf Jahre lang gemeinsam in den Urlaub. Meist in ein weiträumiges Ferienhaus, wo sich jeder für drei Wochen in seine Bücher vergrub. Ein Arrangement, das beiden behagte – bis sie einem Kollegen begegnete. Plötzlich war es mit ihnen aus und vorbei.
Da gab er die erste Anzeige auf. Und fischte unter allen 39 Zuschriften Mona heraus, seine neue große Liebe. «Eine wunderbare Frau, in vielem das Gegenteil oder besser die Ergänzung zu mir: offenherzig, kreativ, kommunikativ, mit einem riesigen Freundeskreis. Ich bin eher der Ordentliche, Pünktliche, Zuverlässige, Zurückhaltende mit den sogenannten Sekundärtugenden, denen ja viele nicht gerade schmeichelhafte Einsatzgebiete nachgesagt werden.» Das soll wohl heißen: Warmduscher, Schattenparker, Handtuchbügler.
Noch heute erinnert sich Günther an alle Einzelheiten der ersten Begegnung: wie sie in signalroten Stiefeln in den Zug stieg, in dem sie verabredet waren. Und sie strahlte. Und er wusste in dieser Sekunde: «Diese Frau möchte ich gern in den Arm nehmen.»
Gemeinsam fuhren sie zu ihm nach Hause.
Eigentlich suchte er wieder eine Frau, die kochen konnte und gerne essen ging. Mona konnte nicht kochen. Und im französischen Restaurant, in das er sie ausführte, fand sie keinen Gang besonders gut. Er war trotzdem fasziniert von ihr. Damals arbeitete er noch als Berater im süddeutschen Raum, sie als Lehrerin in Hamburg. Es entwickelte sich zu einer Fernbeziehung über Jahre. Sie unternahmen viele Reisen. Aber mit ihr reiste er in ganz anderem Stil, ungewohnt und aufregend. Nicht drei Wochen am selben Ort, sondern im Auto und mit den Fahrrädern auf dem Dach quer durch Polen. Und dann weiter nach Litauen, wegen des vielen Regens. Fünf Tage radelten sie durch Warschau. Ein anderes Mal den Donauradweg entlang – ohne Vorbuchung der Unterkünfte! Er hätte das nie im Leben gewagt.
Und während er von Mona spricht, bleibt seine helle Stimme immer in der Schwebe, mit einem ungläubigen Unterton, als könnte er es immer noch nicht begreifen, dass sie gegangen ist. Sein Nacken schmerzt. «Ich bin total verkrampft. Kann nicht richtig entspannen. Loslassen ist nicht meine Stärke.»
Hätte er mit ihr zusammenleben können? Wieder antwortet Günther im Präsens:
«Auf keinen Fall. Das hätte nicht geklappt. Wir hätten eine Riesenwohnung gebraucht. Sie ist eine Chaotin. Und ich bin das Gegenteil. Sie ist, na ja, ein kleiner Messie. Als sie nach Hamburg kam, lebte sie in Möbeln vom Sperrmüll. Noch heute würde sie am liebsten bei jedem Sperrmüll anhalten und gucken, was sie noch gebrauchen könnte. Sie hortet alles, kann nichts wegwerfen. Immer läuft sie mit Tüten durch die Welt, um Steine zu sammeln, Muscheln, einfach alles. Da sind wir extrem unterschiedlich. Und ergänzen uns auf ideale, fabelhafte Weise.»
Was fand sie bloß an ihm?
«Das weiß ich gar nicht. Sie fand wohl, mehr Systematik und Ordnung kann ja nicht schaden. Aber wenn sie ihren chaotischen Schreibtisch aufräumt, dann bleibt sie an jedem Zettel hängen. Und so dauert die Prozedur Stunden. Nur, um am Tag danach das gleiche Chaos zu produzieren.»
Das alles hat ihn schon genervt, keine Frage. Aber immer überwog das skeptische Staunen. «Ich hab einfach nicht glauben können, dass sie gerade mich ausgesucht hat, wo so eine wunderbare Frau doch andere, hochkarätige Männer hätte haben können. Ich wollte immer eine Bestätigung für unsere Beziehung haben. Mein Selbstwertgefühl war einfach nicht groß genug. Und irgendwann reichte es ihr dann wohl. Ich habe die Trennung regelrecht herbeigeredet. Für mich ist das Ende eine Katastrophe.»
Die Katastrophe fiel nicht von ungefähr auf das Datum seines Rentenbeginns. Von einem Tag auf den anderen verlor er die Anerkennung im Job. Und fokussierte sich fortan auf sie. Das wurde ihr bald entschieden zu viel. Sie ging auf Distanz. Und er blieb verzweifelt zurück.
Seither macht ihm das Alleinsein sehr zu schaffen. Also startet er einen neuen Versuch.
39 Frauen schreckt seine oben zitierte SOS-Anzeige keineswegs ab. Viele wollen seine Trauer mit ihm teilen, weil sie nach dem Tod ihres Mannes Ähnliches erlebten. Allen antwortet er mit einem langen Brief, in dem er sich ausgiebig vorstellt und offensiv zu seinen Zweifeln bekennt:
«Ob die Zeit schon ‹reif› ist, eine neue Beziehung zu suchen, ob es für einen neuen Partner unmöglich ist, auf mich einzugehen, und ob ich fähig bin, das Neue zu verarbeiten und zu akzeptieren, wo doch das Alte noch gegenwärtig ist – ich weiß es nicht!
Von einem neuen Partner zu erwarten, dass er das wieder gibt, was ich gerade verloren habe, wäre auf jeden Fall zum Scheitern verurteilt. Die alte Liebe soll immer ein Schatz bleiben, den niemand zerreden darf. Ein neuer Partner kann kein Ersatz sein, sondern muss ein neuer Seelengefährte werden. Das Unbekannte, Neue ist manchmal angsteinflößend – und ich habe Angst und Hoffnung zugleich.»
Lisa Fischbach, Diplom-Psychologin und Paartherapeutin aus Hamburg, hat oft mit ähnlichen Partnersuchenden zu tun, die sich selbst im Weg stehen:
«Wenn jemand sich sehr einsam fühlt und händeringend eine Partnerschaft sucht, ist das eher kontraproduktiv, weil das auch das Gegenüber merkt. Das hat etwas Negatives, vor allem, wenn das keine gewünschte Rolle ist. Und auch wer ein unglaublich festes Bild von seinem Idealpartner hat, der kann damit Beziehungen verhindern. Dadurch passen nur wenige in dieses Raster, und die müssen einen dann auch erst mal wollen. Das macht es sehr schwierig. Grundsätzlich ist es förderlich, zu wissen, was man in einer Beziehung möchte, was einem guttut und glücklich macht. Man sagt ja immer: Nur wer weiß, was er will, kann feststellen, ob er es gefunden hat.»
Drei Frauen trifft Günther. Nette Frauen. Tatkräftige Frauen. «Aber alles Familienfrauen! Gestandene Hausfrauen! Damen!» Seine Stimme versteigt sich in klagende Höhen. Keine entspricht auch nur im Entferntesten seiner Mona. Denn das ist es, was er sucht. Genau das Gleiche wie vor sieben Jahren. «Ich weiß, das ist traumtänzerisch. Rein rational weiß ich das.» Und doch hält er daran fest. Sie sollte jugendlich und unkonventionell sein. Nicht unkompliziert. Denn das ist Mona weiß Gott nicht. «Sie kann total stur sein. Und ein Nervenbündel. Sie braucht Psychopharmaka, wenn wichtige Termine anstehen. Das habe ich nie verstanden.» Aber sie hat sein Leben in Farbe getaucht. Wem könnte das sonst noch gelingen, außer ihm selbst?
Vielleicht dieser Akademikerin aus dem Pfälzischen, wo übrigens auch Mona aufwuchs? Einer 59-jährigen Geschäftsfrau mit einem florierenden Unternehmen und zwei wohlgeratenen Töchtern im Studium? Ihr erstes Date findet in einem Restaurant statt. Drei Stunden lang unterhalten sie sich. Danach schickt sie ihm eine E-Mail und unterschreibt mit «In Liebe Deine». Das findet er eine Spur zu forsch. Denn er hat die Situation ganz anders erlebt. «Ich konnte mir keinen körperlichen Kontakt vorstellen. Aber ich möchte niemandem wehtun.» Oder sollte er sich alle Türen offen halten? «Was sie mir alles angeboten hat», staunt er und fühlt sich sichtlich geschmeichelt. Wie gut das tut, begehrt zu werden. Wann wurde er je zu einer Fernreise eingeladen, und das nach so kurzer Zeit? Seither telefonieren sie beinahe täglich. «Da passt so vieles», seufzt er. «Aber es funkt einfach nicht.»
Lisa Fischbach rät dazu, offenzubleiben:
«Viele machen sich ein viel zu enges Bild von ihrem zukünftigen Partner. Nur der Eine ist der Richtige, wobei man eigentlich weiß, dass man mit mehreren glücklich werden kann. Also die Vorstellung, der perfekte Partner garantiert die perfekte Partnerschaft, das finde ich schwierig. Und das ist ein Liebesmythos, der nicht aufgeht. Vielmehr geht es doch darum: Was heißt Beziehung? Sich aufeinander beziehen, gucken, was man miteinander entwickeln kann, was zwischen einem entsteht. Da schadet ein rigides Idealbild von der Zukunft, in dem nur noch das Puzzlestück des Partners fehlt. Hilfreicher ist, sich zu fragen, was man sich von einem Partner wünscht, ob man jemanden als Gesprächspartner sucht oder um den dritten Lebensabschnitt gut miteinander zu verbringen, das Alter zu genießen oder viel zu reisen. Wenn man sich bewusst macht, was man im Inneren braucht, um sich in einer Beziehung wohlzufühlen, dann bekommt man eher ein offeneres Bild. Eine Einstellungsänderung passiert selten rational über den Kopf, sondern über Erfahrungslernen und mit der Zeit. Da müssen manche vielleicht dreimal das Gefühl haben, so kommen sie nicht weiter. Dann ändern sie möglicherweise irgendwann was daran. Sonst bleiben sie Single, wobei Frauen in dem Alter eine größere Singlekompetenz haben als Männer. Bei den Frauen ist der Druck nicht so hoch, eine Partnerschaft finden zu müssen, da sie sich weniger einsam fühlen.»
Günther ist im Zwiespalt. Soll er die angebotene Reise annehmen? Sie wäre völlig kostenlos. Aber auch umsonst? Gebucht ist eine Doppelkabine.
Und wenn jetzt Mona wiederkäme? Günther hat sie gesehen. Und sie hat ihn über die Feiertage nach Hamburg eingeladen, wie sie das immer gemacht hat mit ihren früheren Beziehungen. Plötzlich stellt er fest, dass sie gealtert ist. «Schneller als ich», meint er. «Sie war nie im klassischen Sinne schön. Tränensäcke hatte sie immer schon. Ihre Schönheit leuchtete von innen heraus.» Jetzt würde er wohl eingereiht in die Riege der Verflossenen, denen sie konsequent freundschaftlich die Treue hält. Für ihn unbegreiflich und immer ein Anlass zur Eifersucht. Für sie ist es ein Zeichen von Generosität. Er würde durch ihre Wohnung spazieren wie seine Vorgänger, bei Tisch sitzen wie seine Vorgänger, auf dem Gästebett schlafen wie seine Vorgänger. Das will er nicht. Er will mehr.
«Je älter man wird, umso starrer wird man. Gewohnheiten geben ja auch Sicherheit. Jemand ganz Gleiches zu finden, ist extrem schwer vorstellbar. Viele Dinge tue ich aus Bequemlichkeit.» Und dann schiebt er noch nach: «‹Wolke 9› – kennen Sie den Film? Und glauben Sie wirklich, dass man in dem Alter noch eine Liebe findet?»
Die ersten schillernd bunten Leuchtraketen glitzern schon am Nachthimmel. Und im Fernsehen laufen alte Musik-Clips der legendären Popgruppe Abba. «Honey, Honey, touch me baby», schmachten sie ins Mikro. Lilly wippt beschwingt hin und her, während sie die letzten Riesenkrabben mit leckerer Cocktailsoße und Weißbrot verspeist. Rasch stellt sie lauter, tanzt durch den Raum und jongliert eine Sektflasche, die sie noch rechtzeitig öffnen will.
Es ist Silvester, noch acht Minuten bis Mitternacht: «Fünf, vier, drei …», zählt der Fernsehmoderator, und schließlich: «Prost Neujahr!» Lachend prostet Lilly dem Gerät zu und stürmt auf den Balkon, um ihr neues Jahr im Anblick der grell erleuchteten Stadt zu begrüßen. Ein Jahr, auf das sie große Hoffnungen setzt. Sie träumt davon, den nächsten Silvesterabend mit einem geliebten Mann zu verbringen, einem, «den man genüsslich um Mitternacht küssen kann». Dann würde sie nicht mit Jeans und Pulli auf der Couch sitzen, sondern im Abendkleid in seinen Armen durch den Tanzsaal schweben.
Lilly mit den intensiven blauen Augen und den wuscheligen grauen Haaren ist 63 und hat bis jetzt weder ihre gute Laune noch die Sehnsucht nach der Liebe verloren. Und damit ist sie in ihrer Generation nicht allein. Verliebt sein, wohl das intensivste positive Gefühl, zu dem wir Menschen fähig sind, bewegt alle bis ins hohe Alter. Aber noch nie waren die Möglichkeiten so groß, sich diesen Herzenswunsch nach einem Partner auch in späteren Jahren zu erfüllen. Und noch nie sind Menschen jenseits der 60 so ehrlich und offensiv mit der Suche danach umgegangen.
Doch was genau suchen die «Best Ager» in einer neuen Partnerschaft? Ist das Anforderungsprofil im Alter ein anderes als in jungen Jahren? «Nein», sagt Lilly bestimmt. «Ich rede mit so vielen aus meiner Generation darüber. Ob Männer oder Frauen, alle sagen dasselbe: Sie haben Sehnsucht nach Nähe und danach, für jemanden wichtig zu sein.» Und vehement fügt sie hinzu: «Zärtlichkeit muss nicht immer Sexualität sein, aber mal in den Arm genommen werden, sich fallenlassen können und als Person gemeint sein. Das ist es.»
Genau das hat Irmgard sich auch immer gewünscht und sogar gefunden. «Liebe im Alter kann so schön sein. Das ist wie ein Geschenk», schwärmt die 80-Jährige, die seit einem halben Jahr mit dem 77-jährigen Heiner zusammen ist. Beide empfinden ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl und staunen, dass ihnen das noch passiert ist. «Das ist viel intensiver als früher mit meinem Mann», erinnert sie sich. «Damals mussten wir uns vor allem um das Geschäft kümmern und hatten für uns keine Zeit.»
«Es ist die große, neue Freiheit, eine neue Lebensqualität, die ältere Menschen haben», erklärt Professor Pasqualina Perrig-Chiello vom Institut für Psychologie der Universität Bern. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Entwicklungspsychologie der Lebensspanne. In ihrer neuesten Langzeitstudie geht es um «Partnerschaft in der zweiten Lebenshälfte», unter anderem auch um die späte Liebe nach Verwitwung und Trennung. Und da ist nach ihrer Erfahrung die Gelassenheit der älteren Menschen ein Riesenkapital.
«Die zweite Lebenshälfte ist die Zeit, in der wir immer mehr wir selber werden. Es ist diese Bezugsetzung zwischen dem, was ich eigentlich im Leben wollte, und meinen innersten Wünschen. Wenn ich dann die Chance habe, jemanden neu kennenzulernen, dann bin ich wirklich ich und nicht in irgendeiner Rolle. Das gibt natürlich auch der Partnerschaft eine neue Stärke, eine neue Intensität. Weil ich dann wirklich hundertprozentig ich bin. Und nicht die, die hundert Kompromisse macht zwischen Beruf, Familie und Gesellschaft wie in der ersten Lebenshälfte.»
Hinzu kommt, dass im Laufe des Lebens mit wachsender Erfahrung klarer wird, worauf es in einer Beziehung wirklich ankommt. «Ich war früher flüchtiger und hab das alles nicht ganz ernst genommen», bekennt der 65-jährige Holger. Als Coach für große Unternehmen war er viel auf Reisen, und die Karriere spielte lange Zeit die größte Rolle. Da gingen schon mal Beziehungen in die Brüche. Wer dem gepflegten und gebildeten Herrn gegenübersitzt, glaubt ihm aufs Wort, wenn er erklärt: «Ich hab gedacht, na ja, ich bin ein attraktiver Mann, der nicht doof, nicht arm und dabei flexibel ist. Ich konnte mich immer darauf verlassen, dass es wieder klappt.» Und tatsächlich fand er stets rasch eine neue Partnerin, meist über Zeitungsanzeigen. «Nach der letzten Trennung habe ich gemerkt, die Äußerlichkeiten zählen alle gar nicht.» Heute weiß er, was ihm am wichtigsten ist: das Gefühl, angekommen zu sein.
«Vergessen wir nicht, dass mit wachsendem Alter diese kantigen Geschlechterunterschiede ein bisschen aufweichen», sagt Professor Perrig-Chiello. «Damit meine ich, dass Männer nicht mehr den Macho darstellen müssen, sondern auch die sozialen und emotionalen Seiten in ihnen ausleben können. Wir wissen, dass durch das Zurückgehen der Testosterone diese weichen Seiten herauskommen. Und Frauen werden durchaus auch proaktiver, fordern aggressiver ihre Rechte ein, auch das Recht zu lieben. Und mit C. G. Jung gesprochen: Wir versöhnen unsere beiden Seiten miteinander, also das Weibliche und das Männliche, und das macht halt die Erlebnisqualität sehr viel größer.»
Isabelle hat es genau so erlebt. Zielstrebig ging sie auf die Suche nach ihrem Traummann. Sie wollte es noch einmal in vollen Zügen genießen: Liebe, Zärtlichkeit, Intimität. In jungen Jahren fehlte ihr dafür die innere Freiheit. Sie fühlte sich zu gehemmt. Schon nach kurzer Suche trifft sie den 70-jährigen Thomas und erlebt mit ihm etwas völlig Neues. «Es ist viel heftiger als als junge Frau. Das hätte ich nie gedacht, dass es noch so beglückend sein könnte», bekennt die 66-Jährige. Sie schätzt vor allem seine Wärme und Fürsorglichkeit. «Er muntert mich auf, stellt mich auf. Ja, und er ist sehr liebevoll, zärtlich und kann kochen.» Für beide steht fest, sie werden zusammenbleiben. «Wir haben sicherlich keine Torschlusspanik», erklärt Thomas. «Aber für uns gilt jetzt: Carpe diem, carpe Woche, carpe Monat, carpe Jahr. Wer weiß, wie lange man dieses Glück noch haben kann.»
Diese Erfahrungen sind auch Gegenstand des Forschungsprojekts von Professor Perrig-Chiello. «Mit zunehmendem Alter können wir vieles besser einordnen und uns in der Regel auch besser fallenlassen. Wenn man dann jemandem begegnet, der zu einem passt und zu dem man Vertrauen haben kann und wirklich eine tiefe Verbundenheit spürt, dann wird das doch viel mehr geschätzt als in jungen Jahren. Früher denkt man ganz selbstverständlich: Die Welt gehört mir. Aber eine Frau oder ein Mann mit 60, 70 oder noch älter sieht das als ein großes Geschenk, weil es eben nicht selbstverständlich ist. Ich denke, das ist sozusagen das Gesetz der Knappheit.»
Die Suche nach einer solch intensiven Liebe und Partnerschaft bewegt Simone schon seit zehn Jahren. Seitdem ihre Ehe zerbrach. «Dieses Gefühl, verliebt zu sein, das ist einfach nur schön.» Ihr strahlender Blick und ihre weiche Stimme erinnern an ein verträumtes junges Mädchen. Der zurückhaltenden blonden Frau ist anzusehen, dass sie sich an dieses Glück noch sehr gut erinnern kann und es unbedingt wieder erleben will. Simone ist 61, Diplom-Pädagogin, geschieden und hat zwei erwachsene Töchter. Nach einigen kurzen Beziehungen sehnt sie sich nach der Liebe für den Rest des Lebens.
Die ältere Generation von heute sind Frauen und Männer, die jung geblieben sind, von ihrer Erscheinung, ihrem Körpergefühl, ihrer Art zu denken, zu leben und zu lieben. Und sie nutzen die Chancen der modernen Kommunikation, um auf diskrete Weise Ausschau nach einem Partner zu halten. Und damit unterscheiden sie sich nicht von jüngeren Singles. Der Hauptunterschied ist vielleicht, dass Ältere wesentlich entspannter rangehen und zielstrebiger sind, denn sie wissen um ihre Endlichkeit.
Wie Perrig-Chiello in ihrem Buch Die Babyboomer beschreibt, sind dieser «Zeitdruck» und die gestiegenen Erwartungen an Partnerschaft und Liebe mit dafür verantwortlich, dass Trennungen und Scheidungen nach langjähriger Ehe in den letzten Jahren erheblich zugenommen haben.
