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Pikante Geschichten über Sex und Macht Mätressen – sie wurden geliebt, gefürchtet, beneidet und führten ein Leben auf dem schmalen Grat zwischen Traumschloss und Kerker. Eleanor Herman stellt sie alle vor: die Berühmtesten und Unsterblichsten ebenso wie die, deren Liaison mit dem König nicht ans Licht der Öffentlichkeit dringen durfte. Begegnen Sie den großen Mätressen der Weltgeschichte: Madame de Pompadour, Lola Montez und vielen anderen. (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)
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Seitenzahl: 446
Veröffentlichungsjahr: 2015
Eleanor Herman
Die Geschichte der königlichen Mätressen
Eleanor Herman studierte bis 1981 Journalismus an der Towson State University in Baltimore, anschließend Sprachen in verschiedenen europäischen Ländern. Sie veröffentlichte zahlreiche Aufsätze und arbeitete von 1989 bis 2002 in einem Verlag in Bonn. Sie lebt jetzt als freie Autorin in McLean (Virginia).
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Covergestaltung: buxdesign, München
Dieses E-Book ist der unveränderte digitale Reprint einer älteren Ausgabe.
Erschienen bei Fischer Digital
© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2015
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Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-560552-3
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Dieses Buch erschien 2004 [...]
Einleitung
1 Im Bett mit dem König
Katastrophe am Altar
Sex mit dem König
Treue in einer ehebrecherischen Beziehung
2 Außerhalb des Schlafgemachs Die Kunst, einem König zu gefallen
Die Kunst, dem König zu gefallen
Ungezähmte Widerspenstige
Langweilige Schönheit
Fesselnde Hässlichkeit
3 Die Mätresse und die Königin Rivalinnen um die Liebe des Königs
»Er ist mein Herr«
»Die Verachtung der Welt«
»Ein altes, ödes, taubes, mürrisches Tier«
»Diese Hure ist mein Tod«
»Lieber diese als eine andere«
Tränen und Klagen
4 Vom König gehörnt Der Ehemann der Mätresse
Der Lohn der Willfährigkeit
Die Qualen des Stillhaltens
Das schwere Los der unbeugsamen Ehemänner
5 Immer auf dem Sprung Der Preis des Erfolgs
Schwarze Magie
An der Brust genährte Nattern
Politische Rivalinnen
Freundliche Rivalitäten
6 Einträgliche Zuneigung Der Lohn der Sünde
Juwelen
Königliche Gemächer, Ländereien und Mobiliar
Titel
Spielschulden
Apanagen und Bargeld
Bestechende Geschenke
Geizige Könige, arme Mätressen
7 Politische Macht beim Schäferstündchen
»Paris ist eine Messe wert«
»Unser Verstand darf niemals schwach werden«
»Damen beeinflussen das Denken des Königs von England stark«
»Ihr macht den König gelb«
Die wahre Herrscherin hinter dem deutschen Thron
»Sie mischt sich nicht ein und sie soll sich nicht einmischen«
8 Die roten Huren von Babylon Mätressen und die öffentliche Meinung
»Königshure! Hure!«
»Wenn ich sterbe, dann aus Gram«
»Der absurde Luxus ihrer Feste verhöhnt die Armut des Volkes«
»Ich bin die protestantische Hure«
»Tötet mich, wenn ihr euch traut«
9 Die Früchte der Sünde Die illegitimen Königskinder
Die Liebe der Könige für ihre Bastarde
Legitimierte Bastarde
In den Krieg abgeschoben, in die Ehe verkauft
Der merkwürdigste Bastard
10 Der Tod des Königs
»Man kann mir nichts Bittres wünschen, das nicht süß wäre gegen meinen großen Verlust«
»Lass die arme Nell nicht verhungern«
»… und mehr Mitleid verdient als jeder andere«
»Schafft mir diese Frau aus den Augen!«
»Ich war nie eine Pompadour, viel weniger eine Maintenon«
»Was soll aus mir werden?«
11 Das Ende einer bemerkenswerten Karriere – und das Leben danach
Der Tod und die Mätressen
Das Geschäft des Lebens
Die Tröstungen der Religion
Der Verlust der Schönheit
12 Monarchen, Mätressen und die Ehe
Edward und Wallis
Charles und Camilla
Der neue Trend bei königlichen Ehen
Schlusswort
Bibliographie
Dieses Buch erschien 2004 im Krüger Verlag unter dem Titel »Im Bett mit dem König«
Wenn sich das Schicksal einer Nationim Boudoir einer Dame entscheidet,ist der Platz des Historikersin ihrem Antichambre.
Charles-Augustin Sainte-Beuve
Wenn Prostitution das älteste Gewerbe der Welt ist, dann ist die hohe Kunst, eine Mätresse zu sein, das zweitälteste. Stellen wir uns die schönste und edelste aller Mätressen vor – eine, die wirklich eines Königs würdig ist –, dann sehen wir ein ebenso vages wie strahlendes Bild einer Frau, deren Hände sowohl liebkosen als auch den Gang der Geschichte lenken. Doch sie bleibt in einer Welt, die Männer ins Rampenlicht der Geschichte stellt, meist im Dunkeln. Nur hin und wieder hören wir hinter dem Thron das Rascheln kostbarer Seide oder ein helles Lachen.
Der Aufstieg der königlichen Mätresse an den Höfen Europas geschah plötzlich, unvermittelt taucht sie aus dem sich lichtenden Nebel des Mittelalters auf. Nach dem Fall Roms blieb die königliche Sünde ein Jahrtausend lang hinter den dichten Stoffdraperien der Himmelbetten verborgen und wurde in der stickigen Düsternis des Beichtstuhls zerknirscht bereut. Die mächtige katholische Kirche drückte bei Ehebruch ein Auge zu, solange die Verführerinnen des Hofes vor den Augen der Öffentlichkeit sorgsam versteckt blieben.
Manchmal wird im Zusammenhang mit einem Monarchen der Name einer Frau erwähnt, eine Maude oder eine Blanche, über die wir aber nichts weiter wissen. Könige erkannten zahllose Bastarde an, aber auch sie tauchen aus dem Nichts auf, und wir können nur vermuten, dass sie eine Mutter hatten. Dass es über solche königlichen Affären kaum Berichte gibt, liegt nicht nur daran, dass die Kirche auf Diskretion pochte. Der Analphabetismus war ebenso mächtig wie die Monarchen – selbst die meisten von ihnen konnten nur mit Mühe ihren Namen schreiben.
Alice Perrers, eine englische Mätresse aus dem Mittelalter, kennen wir nur, weil sie ungewöhnlich habgierig war. Als Kurtisane von Edward III. (1312–1377) nutzte sie die letzten zehn Lebensjahre des Königs, um dessen Schatzkammern zu plündern, was sie zu einer der reichsten Landbesitzerinnen Englands machte. Sie nutzte Edwards Senilität dreist aus, indem sie sich von ihm immer wieder dieselben Schmuckstücke schenken ließ und jedes Mal das Geld einstrich, das er ihr für den Kauf gegeben hatte. Damit nicht genug, streifte sie ihrem Liebhaber auf dem Totenbett die wertvollen Ringe von den erkaltenden Fingern und brannte damit durch. Ein aufgebrachtes Parlament konfiszierte ihre Besitzungen in 17 englischen Grafschaften, ihren Schmuck (darunter 21868 Perlen) und weitere Geschenke des Königs. Die streitbare Alice verbrachte den Rest ihres Lebens vor Gericht, um alles zurückzubekommen. Belegt ist diese Geschichte durch Archivmaterial der königlichen Schatzkammer, des Parlaments sowie ihrer zahlreichen Prozesse.
Wo die Engländer plump waren, waren die Franzosen flink. Etwa 70 Jahre nach der skandalösen Alice Perrers stieg die erste echte Mätresse goldumglänzt wie ein Phönix aus der Asche der dunklen Jahrhunderte. Agnès Sorel, die ihren politischen Einfluss über Land und König geschickt zu nutzen wusste, war – selbstverständlich – eine Französin am französischen Hofe. Die anmutige Agnès konnte Karl VII. (1403–1461) aus seiner lähmenden Apathie befreien, sodass dieser seine Truppen sammelte und die englischen Eindringlinge aus Frankreich verjagte. Karl, ein trauriges Männchen mit einem Clowngesicht und X-Beinen, der in seinen dick gepolsterten Tuniken fast ertrank, war ein erbärmlicher König, bevor Agnès kam, und als sie fort war, war er es wieder.
Das älteste erhaltene Bildnis einer königlichen Mätresse zeigt Agnès. Es wurde 1450 von Jean Fouquet gemalt, zu einer Zeit also, als weltliche Porträts noch unüblich waren und viele reiche und mächtige Mäzene einen Kirchenmaler bestachen, damit dieser einem Heiligen ihre Gesichtszüge verlieh. Eigentümlicherweise malte Fouquet Agnès auf einem zweiflügligen Altar als Jungfrau Maria. Auf der Hälfte, die sich jetzt im Königlichen Museum Antwerpen befindet, trägt Agnès eine Krone und ein Hermelincape und bietet dem Jesuskind, das völlig desinteressiert wirkt und in eine andere Richtung schaut, die nackte, pralle Brust. Die zweite Tafel, heute in den Staatlichen Museen zu Berlin, zeigt Étienne Chevalier, einen engen Freund von Agnès, in andächtiger Anbetung. Dass das Diptychon die Mätresse des Königs, die Mutter seiner unehelichen Kinder, als Muttergottes darstellte, muss die Gläubigen empört haben, und diese Empörung wurde vermutlich nicht dadurch besänftigt, dass ein Freund ihre enthüllte Brust anbetete.
Es mag also göttliche Fügung gewesen sein, dass die Mächte des Himmels, kaum war das Gemälde fertig, den Sensenmann schickten, um Agnès im Kindbett zu holen. Sie war damals etwa 40 Jahre alt und seit 15 Jahren die Geliebte, Gefährtin und Beraterin des Königs. Im Sterben sagte sie, vielleicht bereits von höherer Warte auf ihren besiegten Körper herabblickend: »Er ist etwas Geringes, er ist besudelt, er stinkt nach unserer Zerbrechlichkeit.«[1] Dann schloss sie die Augen. Der trauernde König erhob sie postum zur Herzogin und richtete ihr eine prunkvolle Beisetzung aus.
Ab dem 16. Jahrhundert haben königliche Mätressen deutlichere Spuren in den Quellen hinterlassen. Die Renaissance brachte frischen Wind in ein dumpfes Europa. Plötzlich segelten Schiffe auf den sieben Weltmeeren und kehrten mit unvorstellbaren Reichtümern zurück. Man begann, Klöster nach halb verschimmelten Manuskripten zu durchforsten, die die Weisheiten lang vergessener, heidnischer Gelehrten enthielten. Kulturkreise, die ein Jahrtausend lang zu Füßen einer Steinjungfrau gebetet hatten, amüsierten sich plötzlich vor Statuen der üppigen Venus. Im Verlauf dieses Wandels verlor der Vatikan nicht nur die alleinige Macht über das Wissen und dessen Verbreitung, er verlor auch die Macht, die Einhaltung seiner unerbittlichen sittlichen und moralischen Regeln zu erzwingen – das galt sogar für Staaten, die nach der Reformation katholisch blieben.
Die Erfindung des Buchdrucks führte zu einer explosionsartigen Alphabetisierung des Adels. Höflinge, die ihre ländlichen Verwandten mit dem letzten Klatsch und Tratsch bei Hof versorgen wollten, entdeckten als neueste Lieblingsbeschäftigung das Briefeschreiben. Aus diesen Briefen erfahren wir von den Tränen der Königin, den Wutanfällen der Mätresse, der unstillbaren Begierde des Königs. Madame de Maintenon, die letzte Favoritin und morganatische Ehefrau von Ludwig XIV. (1638–1715), schrieb in ihrem Leben mehr als 90000 Briefe. Ludwigs Schwägerin Liselotte von der Pfalz, Herzogin von Orléans, verfasste im Laufe von 50 Jahren 60000 Briefe über das Leben am Hof von Versailles. Madame de Sévigné, die die Mätressen Ludwigs XIV. persönlich kannte, schrieb 25 Jahre lang dreimal wöchentlich an ihre geliebte Tochter, die in der Provence darbte. Und es gibt sehr intime Briefwechsel zwischen Königen und ihren Mätressen, die Feuer, Fluten, Ungezieferfraß und gezielter Vernichtung entgangen sind und in denen es auch um die romantischen Seiten des Lebens geht.
Hinzu kamen Berichte ausländischer Gesandter, die das Hofleben genauestens schilderten. Zu einer Zeit, als eine Laune des Königs über Krieg oder Frieden, Überfluss oder Hungersnot entscheiden konnte, war noch das geringste Detail seines Lebens von Bedeutung. So manche offizielle Depesche widmet sich der Verdauung des Königs. Ludwig XIV. wusste, dass Charles’ II. (1630–1685) Mätressen großen Einfluss auf ihn hatten. Daher wies er seine Gesandten in England an, ihn »detailliert über alles in Kenntnis zu setzen, was am Hofe von Großbritannien vorgeht, vor allem in den Privatgemächern«.[2] Viele dieser hochinteressanten Depeschen existieren heute noch.
Das Schreiben von Tagebüchern wurde modern, sie bescheren uns Augenzeugenberichte über Intrigen am Hof. Einer der berühmtesten Tagebuchschreiber ist der Engländer Samuel Pepys, der in den 60er Jahren des 17. Jahrhunderts einen hohen Posten im Schifffahrtsministerium bekleidete und sich maßlos für die Mätressen Charles’ II. interessierte. Er notierte, wenn er sie im Park und im Theater sah, er verglich ihre Schönheit, beschrieb ihre Garderobe und phantasierte davon, mit ihnen zu schlafen. Hochvergnügt schrieb er beispielsweise, er habe Nell Gwyn nach ihrem Auftritt geküsst, oder auch, dass sich der Anblick von Lady Castlemaines kostbarer Unterwäsche auf der Wäscheleine als wahrlich äußerst herzerhebend erwiesen habe.
Memoiren wurden beliebt, doch man muss sie mit Vorsicht lesen und mit anderen zeitgenössischen Dokumenten vergleichen. Viele wurden nur zum Zwecke der Veröffentlichung verfasst und verfolgten zweierlei Absichten: Den Schreibenden reinzuwaschen und anderen die Schuld zuzuweisen. Kurz vor ihrem Tod im Jahre 1615 schrieb Margarete von Valois, genannt Königin Margot, ihre Lebenserinnerungen, in denen sie sich selbst blütenweiße Tugendhaftigkeit bescheinigte und zahlreiche Geschichten über das unzüchtige Treiben ihres Ehemannes mit seinen Mätressen einflocht. Unerwähnt ließ sie ihre eigenen unzüchtigen Techtelmechtel mit verschiedenen Liebhabern. Der rachsüchtige Herzog von Saint-Simon, der Versailles 1722 als enttäuschter Höfling verließ, füllte mit seinen Erinnerungen 40 Bände, wobei aus seinem Federkiel neben Tinte auch jede Menge Gift floss.
Zum ersten Mal verfassten Zeitgenossen Biographien, aber auch diese müssen mit Skepsis gelesen werden. Carl Ludwig Freiherr von Pöllnitz bereiste ab 1710 die europäischen Königshöfe und wurde 1740 Oberzeremonienmeister Friedrichs des Großen. Von Pöllnitz widmete sich den Liebesabenteuern des sächsischen Friedrich August I., Kurfürst von Sachsen (1670–1733), dem über 300 uneheliche Kinder zugeschrieben werden, und veröffentlichte 1734 dessen Biographie mit dem vielsagenden Titel Das galante Sachsen. Die faktischen Angaben über Augusts Affären entsprechen der Wahrheit, es ist aber sehr wahrscheinlich, dass der Freiherr die von ihm zitierten Gespräche etwas »bearbeitet« hat, um sie amüsanter zu machen.
Im Zuge der Alphabetisierung erkannte man plötzlich, welche zivilisierende Wirkung Frauen auf die Gesellschaft hatten. Am französischen Hof des 16. Jahrhunderts wurden Gedanken laut, dass Frauen ebenso intelligent und talentiert seien wie Männer, wenn auch unvergleichlich viel attraktiver. Fast über Nacht begann man, die Mätressen der Könige zu bewundern, nachzuahmen und zu rühmen.
Vom 16. bis ins 18. Jahrhundert war die Position der königlichen Mätresse im Grunde ein ebenso offizielles Amt wie das des Ersten Ministers. Man erwartete, dass die Mätresse bestimmte Pflichten – sexueller und allgemeiner Natur – erfüllte und dass sie dafür Titel, Unterhaltszahlungen, Renten und Einfluss bei Hof erhielt. Sie förderte die Künste – Theater, Literatur, Musik, Architektur und Philosophie. Sie versuchte, mit ihrem Charme ausländische Diplomaten gewogen zu stimmen. Sie besänftigte den König, wenn er sich aufregte, heiterte ihn auf, wenn er schlecht gelaunt war, ermunterte ihn zu Größe, wenn er schwach war. Sie besuchte täglich den Gottesdienst, verteilte Almosen an die Armen und überließ in Kriegszeiten ihren Schmuck der königlichen Kriegskasse.
Franz I. von Frankreich (1494–1547) war der erste König, der seiner Favoritin den Titel maîtresse en titre – offizielle königliche Mätresse – verlieh. Er hatte nacheinander mehrere Geliebte. Die Machtfülle, die die französischen Mätressen in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts hatten, blieb in den folgenden beiden Jahrhunderten einzigartig in Europa. Diane de Poitiers, Mätresse Heinrichs II. (1519–1559), griff aktiv in die Regierung des Landes ein, sie erließ Gesetze und Steuern und unterzeichnete in einer gemeinsamen Unterschrift mit dem König sogar offizielle Dokumente: HenriDiane. Auch Gabrielle d’Estrées, Mätresse von Heinrich IV. von Frankreich (1553–1610), verfügte über politische Macht, auch sie erließ Gesetze, empfing Botschafter und spielte eine bedeutende Rolle bei der Beendigung der Hugenottenkriege.
Auf der anderen Seite des Kanals sorgte Heinrich VIII. (1491–1547) für nachhaltige Wirren, als er sich nicht davon abbringen ließ, zwei Frauen, die er begehrte, erst zu heiraten, um sie dann köpfen zu lassen. Bereits im folgenden Jahrhundert verlor Charles II. keine Zeit: Am Tag seiner Thronbesteigung im Jahre 1660 bestieg er auch Barbara Palmer, seine Mätresse mit den kastanienbraunen Haaren, die ihm neun Monate später eine Tochter gebar. Zum Dank machte er sie zur Gräfin von Castlemaine. Charles wird mit den Worten zitiert, er »sei kein Atheist, aber er könne sich nicht vorstellen, dass Gott einen Mann dafür strafe, dass dieser ein bisschen Vergnügen nebenbei habe«.[3]
Von Treue – auch zu seiner Mätresse – unbeschwert, war Charles einer der wenigen Monarchen, an dessen Hof es mehrere anerkannte Mätressen gleichzeitig gab. Dabei erreichte er allerdings nie die geschmeidige Eleganz der Franzosen, sein Harem glich eher einem gackernden Hühnerstall. 1685, in der Woche seines Todes, war der König von all seinen Hennen umgeben. Empört notiert ein John Evelyn in seinem Tagebuch, er habe mit eigenen Augen »unvorstellbaren Luxus, Profanie, Glücksspiel und Liederlichkeit jeder Art« gesehen. König Charles habe »bei seinen Konkubinen Portsmouth, Cleveland, Mazarin usw. gesessen und mit ihnen getändelt, ein französischer Knabe sang auf einer prächtigen Galerie Liebeslieder, um einen großen runden Tisch saßen etwa zwanzig sehr einflussreiche Hofleute sowie weitere sittenlose Personen und vergnügten sich mit Basset [ein Kartenspiel], vor sich Einsätze von mindestens 2000 in Gold«.[4]
Charles’ Cousin Ludwig XIV. von Frankreich zierte seinen Hof mit einer Reihe wohlduftender Mätressen. Athénaïs de Montespan – mit einer stolzen Verweildauer von 13 Jahren – war in vielerlei Hinsicht geradezu eine Kopie ihrer englischen »Kollegin« Barbara Lady Castlemaine, die ein Dutzend Jahre »im Amt« blieb. Beide waren schön, habgierig, hartherzig und schillernd, auch wenn Athénaïs für ihre Zeitgenossen vermutlich etwas leichter zu verdauen war, da sie es verstand, ihre scharfen Kanten mit viel französischem Charme zu kaschieren. Beide mehrten den Ruhm ihrer Nation, während sie zugleich deren Schatzkammern plünderten, und beiden trauerten die Hofleute nach, als sie durch weniger aufregende Nachfolgerinnen ersetzt wurden.
Ganz Europa ahmte Frankreich in Mode, Architektur, Musik und Kunst nach, und so übernahm man auch die französische Erfindung der maîtresse en titre. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts galt die königliche Mätresse an den großen Königshöfen als so unverzichtbar, dass selbst die spießigen deutschen Königtümer diese Institution einführten. Friedrich III., Kurfürst von Brandenburg (1657–1713), war seiner Gattin treu ergeben, die Ehe war ihm heilig, und er verurteilte Untreue scharf. Aber auch er ernannte eine schöne Hofdame zu seiner offiziellen Mätresse und behängte sie mit Schmuck, obwohl er sie niemals anrührte – seine Frau hätte ihn umgebracht!
August der Starke, Kurfürst von Sachsen, wurde 1697 zum König von Polen gekrönt und war plötzlich Regent zweier Staaten. Er hatte seit neun Jahren eine Mätresse in Sachsen, aber seine Minister rieten ihm, sich in Warschau eine Polin zuzulegen, um das Land auf diese Weise zu ehren. Pöllnitz zufolge erläuterten sie dem König, da er nun zwei Höfe habe, einen in Sachsen, den anderen in Warschau, gezieme es einem wahren Monarchen, allen recht zu tun und an jedem Hofe eine Mätresse zu haben. Dies trüge gewiss zur Zufriedenheit beider Staaten bei. Im Moment seien die Polen unzufrieden, weil er eine sächsische Mätresse habe. Doch wenn er diese verließe, um einer Polin seine Gunst zu schenken, gäbe dies den Sachsen Anlass zur Klage. So solle er seine Gunst sechs Monate einer Polin und sechs Monate einer Sächsin schenken, dann seien beide Länder zufrieden.[5]
Während sich im 17. Jahrhundert die Könige von Frankreich, England und Deutschland mit teuren Mätressen amüsierten, blieb der spanische Königshof eine Insel, wo der rigide mittelalterliche Katholizismus blühte. Das Land der Inquisition war frömmer als der Vatikan, denn dort gaben sich lebensfrohe Kardinäle zügellosen Orgien hin. Die vertrockneten spanischen Könige herrschten über einen freudlosen Hof, dessen aufregendster Zeitvertreib darin bestand, die Massenverbrennungen von Ketzern zu besuchen.
Die Mätressen des spanischen Königs wurden mit Sicherheit nicht offiziell anerkannt und konnten weder auf Macht noch auf materielle Vorteile hoffen. War der König ihrer überdrüssig, verschlechterte sich ihr Leben noch mehr – sie wurde in ein Kloster verbannt, denn kein gewöhnlicher Sterblicher durfte eine Frau berühren, die die Weihe der königlichen Umarmung empfangen hatte. Es heißt, Philipp IV. von Spanien (1606–1665) habe eine junge Frau durch seinen Palast verfolgt und sich, als sie sich vor ihm verschanzte, gegen die Tür geworfen und ihr befohlen, ihm zu öffnen. Das Mädchen habe schluchzend geantwortet: »Nein, Sire, nein, nein! Ich will nicht Nonne werden!«[6]
König Johann V. von Portugal (1689–1750) konnte darauf verzichten, seine verschmähten Mätressen ins Kloster abzuschieben; er fand sie unter den Nonnen, indem er ein Lissabonner Kloster in seinen persönlichen Harem und in ein Heim für seine natürlichen Kinder verwandelte. Die Mutter Oberin schenkte ihm einen Sohn, der später Erzbischof wurde.
Aber die Sitten der Iberischen Halbinsel fanden im übrigen Europa keinen Anklang. Als Georg Ludwig, Kurfürst von Hannover (1660–1727), allen Wahrscheinlichkeiten zum Trotz 1714 als George I. den britischen Thron bestieg, versuchte er Charles II. nachzuahmen und reiste nicht mit einer, sondern mit zwei königlichen Mätressen in sein neues Land. Aber die beiden Deutschen konnten die Briten nicht für sich einnehmen. Sie waren schockiert, nicht über die moralische Verderbtheit des Königs, sondern darüber, welche Frauen ihm gefielen. Die eine war groß und so mager, dass sie ausgezehrt wirkte, die andere klein und außerordentlich dick, beide waren hoffnungslos hässlich. Dem König gefiel es allerdings, dass seine englischen Untertanen sich über seine Mätressen lustig machten. Es störte ihn auch nicht, als jemand eine alte Mähre mit einem kaputten Sattel und einem Schild durch die Straßen Londons schickte, auf dem stand: »Halte mich keiner an – ich bin des Königs Hannoveraner Mähre und hole Seine Majestät und Seine Huren nach England.«[7] Solche Scherze, fand George, warfen ein gutes Licht auf seine Männlichkeit.
Als sich Georgs Sohn Georg August von Hannover, der spätere George II. (1683–1760), eine englische Mätresse nahm, begrüßte seine betagte Großmutter dies als beste Art, sein Englisch zu verbessern. Etwa 20 Jahre später schrieb Lord Hervey, die Verbindung zwischen König George II. und dieser Frau, Mrs. Howard, sei offenkundig eher formaler denn leidenschaftlicher Natur. Der König sehe in »einer Mätresse vor allem ein unverzichtbares Attribut seiner Stellung als Königliche Majestät. Sie trägt weniger zur Mehrung seiner Mannesfreuden bei. Doch er tut, als schätze er, was er gering achtet, und als herze er, was er nicht liebt.«[8] Angeblich beschimpfte er seine treue Mätresse als »altes, dumpfes, störrisches Vieh«.[9]
Auch in dieser Hinsicht bewies man auf der anderen Kanalseite entschieden mehr Stil. 1745 machte Georges Zeitgenosse Ludwig XV. (1710–1774) Madame de Pompadour zu seiner maîtresse en titre. Diese Frau, schön, anmutig, hochintelligent und sanftmütig, war 19 Jahre lang Frankreichs wahre Regentin. Sie förderte Künstler und Schriftsteller, brachte Theaterstücke auf die Bühne, in denen sie sogar selbst sang und tanzte, sie investierte in die französische Industrie, entwarf Schlösser, schliff Edelsteine, übte sich in Druckgraphik, experimentierte auf dem Gebiet der Gartenkunst und führte während des Siebenjährigen Krieges die französische Armee an.
Auf der Höhe ihrer Macht sah sie mit Sorge den herannahenden Sturm. »Nach uns die Sintflut«, sagte sie, aber nicht Madame de Pompadours Kopf, sondern der sorgsam gepuderte ihrer Nachfolgerin Madame du Barry rollte auf dem Schafott in den strohgepolsterten Korb.[10] In Frankreich wurden Paläste gestürmt und angezündet, Gräber von Königen und Adligen aufgebrochen und geplündert, die Gebeine verstreut. Als die Auswirkungen der Französischen Revolution wie eine Flutwelle über ganz Europa schwappten, endete die Macht der königlichen Mätressen mit der Schnelligkeit der Guillotine. Die zügellose Genusssucht einer ganzen Ära ertrank in einem dunkelroten Meer von Blut, und mit ihr die Verklärung der gefallenen, mit Kronjuwelen geschmückten Frau.
Nach der Revolution hatten sich zwar die Sitten, nicht aber die sexuellen Bedürfnisse der Könige gewandelt. Es gab auch weiterhin viele königliche Mätressen, nun aber verlief ihr Leben in der allgemeinen Mittelmäßigkeit des 19. Jahrhunderts, und sie konnten von ihrem Geliebten entschieden weniger erwarten als ihre Vorgängerinnen, die vom Glück begünstigter gewesen waren. Nun wurden sie weder Gräfinnen noch Herzoginnen, sie bekamen keine Paläste oder Schlösser, keine Schwindel erregend hohen Zuwendungen, keinen Sitz im Kabinett, keine luxuriösen Suiten im Königsschloss. Im 19. Jahrhundert konnte die königliche Mätresse bestenfalls auf ein hübsches kleines Stadthaus hoffen, auf ein wenig Schmuck, ein Konto beim besten Schneider der Stadt und auf die betörende Aura von Macht, die dazu führte, dass man sie zu den begehrtesten Gesellschaften einlud.
Ludwig I. von Bayern (1792–1868) wollte sich diesen Gepflogenheiten des 19. Jahrhunderts nicht beugen und musste teuer dafür bezahlen. 1847 zwang er seinen widerstrebenden Staatsrat, seine berechnende Mätresse Lola Montez zur Gräfin von Landsfeld zu ernennen. Binnen Monaten brach die Revolution aus, Lola wurde von einem wütenden Mob aus der Stadt gejagt, und Ludwig musste abdanken. Hätte Lola ihre Pläne nur 70 Jahre früher durchzusetzen versucht, es wäre ihr vermutlich gelungen.
Vor der Französischen Revolution herrschte eine strenge Zensur, kritische Bemerkungen über den Monarchen waren verboten. Dennoch tauchten ständig neue Schmähschriften auf, die an Laternenpfosten befestigt waren. Sie wurden abgerissen und von amüsierten Bürgern in Gasthäusern vorgelesen. Viele dieser Schmähschriften zielten auf die Mätresse des Königs.
Dank der größeren Pressefreiheit des 19. Jahrhunderts landeten Skandale in den Königshäusern nun auf den Titelseiten der Zeitungen. Zotige Karikaturen zeigten alte und fettleibige Monarchen im Bett mit ihren habgierigen Liebchen. Monarchen wurden mit ihren Affären vorsichtiger. Doch das galt nur dem äußeren Schein nach. Sie hatten ebenso viele ehebrecherische Beziehungen wie zuvor, nur versteckten sie sie jetzt unter dem faden Mäntelchen ehrbarer Doppelmoral.
1900 machte der alternde belgische König Leopold II. (1835–1909) mit seiner 16-jährigen Mätresse Caroline Delacroix oft Spaziergänge in öffentlichen Parks. Sobald sich jedoch ein Minister näherte, musste Caroline langsamer gehen und tun, als sei sie die Schwester eines Adjutanten des Monarchen.
Königin Victorias ältester Sohn Edward VII. (1841–1910) handhabte seine Affären so geschickt, dass die meisten seine Geliebten für gute Bekannte hielten und weitergehende Spekulationen als böswillige Gerüchte strikt zurückwiesen. Er besuchte seine Freundinnen nachmittags zum Tee, wenn deren Ehemänner ihren Geschäften nachgingen – oder bei ihren eigenen Freundinnen weilten. Es wäre ihnen niemals in den Sinn gekommen, ungelegen nach Hause zu kommen.
Die sexuelle Revolution des 20. Jahrhunderts ging an den europäischen Königsfamilien vorbei. Sie hielten mit einer Hand an viktorianischen Traditionen fest und umklammerten mit der anderen das Zepter. Jene Dynastien, die der wachsenden Demokratisierungswelle trotzen konnten, achteten darauf, dass die Mätressen im Hintergrund blieben, mit einer wichtigen Ausnahme. Wie sein Vorfahre Heinrich VIII. brachte König Edward VIII. von Großbritannien das ganze sorgsam austarierte Arrangement aus dem Lot, als er darauf bestand, seine Geliebte Wallis Warfield Simpson zu heiraten. Anders als Heinrich ließ er aber seine Gattin nicht köpfen (selbst wenn er das vielleicht mit der Zeit gern getan hätte) – im Gegenteil: Man kann durchaus sagen, dass diese Entscheidung ihn den Kopf kostete. Die Empörung der Öffentlichkeit, die zu Heinrichs Zeiten durch Galgen und Scheiterhaufen zum Schweigen gebracht worden war, führte zu Edwards Abdankung.
Prinz Charles’ Liebe zu seiner alten Flamme Camilla Parker-Bowles war mitverantwortlich für das Scheitern seiner Ehe mit Prinzessin Diana und versetzte die Welt in Erstaunen. Traditionell heirateten Monarchen unattraktive, aber dynastisch opportune Jungfrauen und nahmen sich schöne Geliebte. Doch als Charles Diana mit ihrer geradezu überirdischen Ausstrahlung zugunsten von Camilla mit ihrem derben Tweed- und Barbourlook verließ, schlug der Spott der wütenden Massen über ihm zusammen.
Macht ist seit jeher ein äußerst wirksames Aphrodisiakum. Königliche Mätressen, ob selbstbewusst vorgeführt oder verheimlicht, hat es immer gegeben und wird es immer geben. Der alternde James II. von England (1633–1701) klagte, dass für einen Mann, und vor allem für einen bedeutenden Mann, nichts schicksalsschwerer sei, als sich der verbotenen Liebe zu den Frauen zu überlassen. Kein Laster verhexe einen Mann mehr, keines lasse sich schwerer beherrschen, wenn es nicht im Keime erstickt würde.[11] Aber wie James erstickten die meisten Könige die verbotene Liebe zu einer Frau nicht im Keim, sie verstießen sie erst, nachdem diese erblüht und am Stiel vertrocknet war.
Solange es Ehe ohne Liebe gibt,wird es Liebe ohne Ehe geben.
Benjamin Franklin
Wir sehen die königliche Mätresse vor allem als sexuelles Geschöpf. Sie hat einen wogenden Busen, ein wissendes Lächeln, vor Begehren sprühende Augen. Immer bereit, ihre Samtröcke hochzuschlagen, bietet sie dem lüsternen Monarchen unwiderstehliche Genüsse. Das Drängen seiner entsetzten Familie, die Ermahnungen des Bischofs, sein eigenes Wissen um Sünde und Schuld – nichts davon kommt gegen die Reize der Mätresse an, insbesondere nicht im Vergleich zu denen der unscheinbaren, keuschen Königin.
Denn die meisten königlichen Ehen waren außerordentlich unglücklich, und dies schuf das Klima, in dem die Mätresse gedeihen konnte. Die mit großem Pomp gefeierte Hochzeit eines Regenten bedeutete für die vor dem Altar Knienden in aller Regel ebenso ein Opfer wie eine tiefe persönliche Katastrophe. Sinn und Zweck einer Verbindung zwischen Königshäusern war weder das Glück der Ehegatten noch ein erfülltes Sexualleben. Es ging nicht einmal um die grundlegende Vereinbarkeit der beiden Charaktere. Es ging ausschließlich um die Produktion eines Thronfolgers, und wenn die Braut noch Handelsabkommen und Reichtümer mitbrachte, war das sehr willkommen.
Napoleon, freimütiger als die meisten Monarchen, sagte: »Ich beabsichtige, eine Gebärmutter zu heiraten.«[1] Und tatsächlich sah man in den meisten königlichen Bräuten wenig mehr als eine Gebärmutter auf Beinen, die oben eine Krone und unten einen Rock trug.
Prinzessinnen wurden von Geburt an dazu erzogen, keusch, ja frigide zu sein, damit sie keine Lust auf Sex hatten und nur eheliche Nachkommen bekamen. Aber Tugend kann man lehren, Schönheit jedoch nicht. Gesandte, die einem ins Auge gefassten königlichen Gemahl ihre Brautware ungeprüft und ungesehen verkaufen mussten, priesen den Liebreiz einer Prinzessin in den höchsten Tönen und brachten als Beweis meist ein äußerst schmeichelndes Porträt mit.
Bei der Suche nach seiner vierten Ehefrau fiel Heinrich VIII. 1540 auf diesen Bildertrick herein. Er wollte seine Verbindung zu Frankreich festigen und bat Franz I. schriftlich um Vorschläge. Dieser zeigte sich sehr zuvorkommend und unterbreitete ihm Name und Porträts von fünf adligen Damen. Damit war Heinrich aber nicht zufrieden. »Mein Gott«, sagte er, als er die ausdruckslosen Gesichter auf der flachen Leinwand studierte, »ich vertraue nur meinem Geschmack allein. Bevor ich mich entscheide, will ich sie sehen und näher kennen lernen.«[2] Er wollte in Calais, das damals zu England gehörte, eine Art königlicher Misswahl abhalten und die Siegerin nach genauester Inspektion selbst ausdeuten.
Der französische Gesandte erwiderte bissig, dass Heinrich vielleicht mit jeder Kandidatin schlafen und danach die beste heiraten solle. Franz höhnte: »Es ist in Frankreich nicht üblich, unbescholtene junge Damen von edlem Geblüt und aus den vornehmsten Adelsfamilien in eine Situation zu bringen, in der sie wie zum Verkauf stehende Huren begutachtet werden.«[3]
Ernüchtert wandte sich Heinrich erneut dem Studium der Porträts zu und entschied sich schließlich aufgrund eines bezaubernden Bildnisses der Anne von Kleve zu einer protestantischen Verbindung. Doch als er Anne traf, war er entsetzt, wie wenig diese plumpe, pockennarbige Walküre der anmutigen, rosenwangigen Frau auf dem Porträt ähnelte. Der König war »zutiefst konsterniert, als man ihm seine zukünftige Königin zeigte«, und »ist in seinem ganzen Leben nicht so erschrocken wie beim Anblick dieser Dame, denn sie ähnelte dem, was man ihm gezeigt hatte, ganz und gar nicht«. Er brüllte: »Ich sehe in dieser Frau nichts, was man mir von ihr erzählte, und es erstaunt mich, dass kluge Männer Berichte von der Art abgeben, die ich erhalten habe.« Und weiter: »Wem soll ein Mann trauen? Ich versichere Euch, ich sehe in ihr nichts von dem, was man mir in Bildnissen und Erzählungen versprach. Ich bin beschämt, dass man sie mir auf die Weise pries. Ich mag sie nicht!«[4]
Doch sosehr er es versuchte, um die Heirat mit seiner »flandrischen Mähre«, wie er sie nannte, kam er nicht herum. Der Herzog von Kleve wäre verärgert, wenn er die Ware retournierte. Zwei Tage vor der Hochzeit grollte Heinrich: »Wäre sie nicht von so weit her in mein Reich gekommen, hätte mein Volk nicht so große Vorbereitungen für sie getroffen, gäbe es nicht die Angst, in der Welt Aufsehen zu erregen und ihren Bruder in die Arme von Kaiser Karl sowie des französischen Königs zu treiben, ich würde sie nicht heiraten. Jetzt ist alles zu weit vorangetrieben, was ich sehr bedauere.«[5]
Heinrich schritt mit weniger Haltung zu seiner Hochzeit als so manches seiner Opfer zur Hinrichtung. Auf dem Weg zur Kirche sagte er zu seinen Beratern: »Meine Herren, müsste ich nicht die Welt und mein Königreich zufrieden stellen, nichts auf der Welt brächte mich dazu zu tun, was ich heute tun muss.«[6]
Die Hochzeitsnacht war ein Fiasko. Als Lord Thomas Cromwell, der die Heirat arrangiert hatte, Heinrich am folgenden Morgen nervös fragte, wie ihm seine Braut gefallen habe, tobte dieser: »Nun, mein Lord, ich habe sie vorher nicht geliebt und liebe sie nun noch weit weniger! Nichts an ihr ist schön, und sie stinkt auch noch. Ich glaube nicht, dass sie Jungfrau ist, wegen der Schlaffheit ihrer Brust und ihres Fleisches, die mich, als ich sie berührte, so tief ins Herz traf, dass ich weder den Willen noch den Mut hatte, das Übrige zu prüfen. Mir steht nicht der Sinn nach Unangenehmem. Ich verließ sie ebenso jungfräulich, wie ich sie vorfand.« Den restlichen Tag erzählte er allen, die es hören wollten, ihr Körper sei »abstoßend, nicht erregbar und könne keinerlei Lust in ihm erregen«.[7]
Es passte zu der herrschenden Doppelmoral, dass niemand Anne fragte, wie Heinrich ihr gefiel. Ihr königlicher Bräutigam hatte einen Taillenumfang von etwa 145 Zentimetern und ein offenes Geschwür am Bein. Anne wurde schnell geschieden und war froh, mit dem Kopf auf den Schultern gehen zu können. Lord Cromwell hingegen bekam die ganze Wucht von Heinrichs Zorn zu spüren: in Form einer Axt, die seinen Nacken spaltete.
Aufgrund solcher Debakel wusste bald jeder, dass Bildnisse lügen konnten. 1680 entschied sich Ludwig XIV. für die bayerische Prinzessin Maria Anna Christine als Braut für seinen Sohn und Thronerben. Das entzückende Porträt der Braut, das bei Hofe ausgestellt wurde, spielte indes im Gegensatz zum kompliziert ausgehandelten Heiratsabkommen keinerlei Rolle. Madame de Sévigné berichtet, als die Braut ankam, sei »der König so neugierig gewesen, zu erfahren, wie sie aussieht, dass er Sanguin [seinen maître d’hôtel] hinschickte, denn er hielt ihn für einen aufrechten Mann und keinen Schmeichler. ›Sire‹ sagte ihm dieser, ›sobald Ihr den ersten Eindruck überwunden habt, werdet Ihr entzückt sein.‹«[8] Dem unglücklichen Paar gelang es, drei Kinder in die Welt zu setzen, bevor die vernachlässigte Ehefrau starb.
Kronprinz Joseph von Österreich (1741–1790) hatte 1765 mit seiner bayrischen Prinzessin noch weniger Glück. Er fand seine Braut Prinzessin Josepha dermaßen abstoßend, dass er unfähig war, die Ehe zu vollziehen. »Sie ist klein«, berichtet er erbittert, »dick und ohne die geringste Anmut. Ihr Gesicht ist von Pusteln und Pickeln übersät. Ihre Zähne sind furchtbar.«[9]
»Man wünscht, dass ich Kinder bekomme«, klagte er in einem anderen Brief. »Wie soll das gehen? Könnte ich die Spitze eines Fingers auf einen winzigen Punkt ihres Körpers legen, der nicht von Pusteln übersät ist, ich würde versuchen, ein Kind zu zeugen.«[10]
Nicht alle Monarchen waren willens, sich mit Rücksicht auf die Belange ihrer Nation auf dem Altar des intakten Hymens opfern zu lassen. In den 1670er Jahren wurde der künftige König James II. von England Witwer, und da er keinen Sohn hatte, suchte er in Europa nach einer attraktiven jungen Ehefrau. Ludwig XIV., der gern eine Französin auf dem englischen Thron gesehen hätte, hatte offenkundig Probleme, am Hof von Versailles eine Kandidatin zu finden, die nicht nur tugendhaft, sondern auch schön war. Da er aber meinte, dass das Aussehen einer Ehefrau nicht besonders wichtig sei, schlug er Madame de Guise vor, eine französische Witwe, die adlig, aber ausgesprochen hässlich war. Der französische Minister Louvois meldete hoffnungsfroh nach England: »Wenn der Herzog von York eine Frau wünscht, die ihm Nachkommen schenkt, kann er keine bessere Wahl treffen als Madame de Guise. Sie war in nur zwei Jahren dreimal schwanger, und mir scheint, dass ihre Herkunft, ihr Vermögen und ihre offenkundige Fruchtbarkeit ihren Mangel an Schönheit wettmachen.«[11]
James lehnte das Angebot ab, und der enttäuschte französische Gesandte schrieb spöttisch an seinen König, der Herzog von York wolle unbedingt eine schöne Gemahlin. Madame de Guise und ihre Fruchtbarkeit wurden fallen gelassen. James heiratete die schönste Prinzessin Europas, die 15-jährige Maria Beatrice von Modena, eine hoch gewachsene, hinreißende Schwarzhaarige mit guter Figur, in die er sich Hals über Kopf verliebte.
Der künftige George IV. von Großbritannien (1762–1830) hatte es viele Jahre lang verstanden, die Ehe zu meiden, aber schließlich konnten sein Vater und das Parlament den Hochverschuldeten zur Heirat mit Karoline von Braunschweig drängen. Der Dandy George, der Stunden mit dem Binden seiner Krawatte zubringen konnte, war nicht im Geringsten auf eine Braut vorbereitet, die zwar ein freundliches Wesen, aber keinerlei Umgangsformen hatte und die sich außerdem weder für Kleidung noch für Körperhygiene interessierte.
Als man den Prinzen mit seiner gerade angekommenen Braut bekannt machte, war er von ihrem Aussehen dermaßen entsetzt, dass er sich die Stirn wischte, »mir ist unwohl« flüsterte und um einen Brandy bat, um eine drohende Ohnmacht abzuwenden.[12] Auch die Braut war mit ihrem Bräutigam nicht zufrieden. Nachdem George taumelnd den Raum verlassen hatte, sagte Karoline zu ihrer Hofdame: »Ist der Prinz immer so? Ich finde ihn sehr dick und nicht halb so schön wie auf dem Porträt.«[13]
George schaffte es in den ersten beiden Nächten seiner Ehe, sich seiner Gattin dreimal mit Erfolg zuzuwenden. Er schrieb an einen Freund, dass sie »auf der vorderen wie der rückwärtigen Körperseite so vor Schmutz starrt …, dass sich mir der Magen umdrehte und ich in diesem Moment schwor, sie nie mehr zu berühren«.[14] Es war sein Glück, dass er sie bereits bei diesen halbherzigen Versuchen geschwängert hatte. Mit der Geburt eines Erben waren seine ehelichen Pflichten für ihn erledigt, und er berührte sie tatsächlich nie wieder. 1821 bot sich den Briten ein seltenes Schauspiel – der neue König ließ das Portal von Westminster Abbey verschließen, weil eine tobende Karoline eingelassen und an der Seite ihres von ihr völlig entfremdeten Gemahls gekrönt werden wollte. Die Nachricht von Napoleons Tod wurde ihm mit den Worten übermittelt, »sein größter Feind« sei gestorben. Daraufhin strahlte George vor Freude, und es entfuhr ihm: »Bei Gott, ist sie wirklich tot?«[15]
Doch die katastrophalste aller aristokratischen Ehen war ohne Zweifel die von Philipp, Herzog von Orléans, Bruder Ludwigs XIV., und seiner zweiten Ehefrau Elisabeth Charlotte (Liselotte) von der Pfalz. Philipp, der Monsieur genannt wurde, war Transvestit und zog eindeutig männliche Liebhaber vor. Am Hof von Versailles spotteten viele über diese Mesalliance, da es hieß, Liselottes Vater, Kurfürst Karl Ludwig von der Pfalz, sei so arm, dass er sich die Schuhe besohlen lassen müsse. Aber den deutschen Prinzessinnen eilte der Ruf großer Fruchtbarkeit voraus. Und da der Liebhaber des Bräutigams, der Chevalier de Lorraine, verdächtigt wurde, in einem Eifersuchtsanfall die schöne erste Ehefrau des Herzogs, Prinzessin Henriette von England, vergiftet zu haben, meinte Ludwig XIV., dass die zweite Ehefrau größere Überlebenschancen habe, wenn die Angetraute hässlich war.
Als die hoffnungsfrohe Braut 1670 in Frankreich ankam, um den Gatten kennen zu lernen, dem sie bereits durch Stellvertretung angetraut worden war, traf sie auf einen weibischen Stutzer. Er trug Rouge, Brillantohrringe, Sturzfluten von Spitzenvolants und Bordüren, Dutzende klirrender Armbänder, Kniebundhosen mit applizierten Bändern und Schuhe mit hohen Absätzen. Die Braut konnte sein Gesicht unter einer krausen schwarzen Perücke kaum sehen und erstickte nahezu an den Parfümschwaden. Als man sie einander vorstellte, machte Monsieur eine tiefe Verbeugung und taxierte mit einem Blick das breite, gutmütige Gesicht seiner Gemahlin, nach der Reise sauber geschrubbt, ihr ausladendes Hinterteil und ihre Kleidung, die von solcher Derbheit war, dass ihre frisch gebackenen französischen Hofdamen sie geradezu abstoßend fanden. Der entsetzte Bräutigam flüsterte den Herren seiner Entourage zu: »O Gott! Soll ich mit so etwas schlafen?«[16]
Als sich die Braut aus ihrem Hofknicks erhob, war sie über das Aussehen ihres Ehemanns dermaßen schockiert, dass sie keine Silbe ihrer vorbereiteten Rede hervorbrachte. Schließlich gelang ihr ein Lächeln. Und wir hören sie hinter einem bemalten Fächer zu sich selbst sagen: »O Gott! Soll ich mit so etwas schlafen?«
Liselotte ertrug in ihren 30 Ehejahren sehr viel, was den meisten Gattinnen eines Königs erspart blieb. Monsieur bestand darauf, sie zu schminken – vielleicht in der Hoffnung, sie attraktiver zu machen –, sie allerdings wusch die Farbe unverzüglich wieder ab. Er ärgerte sie oft, indem er für sich und seine Liebhaber ihre Kleider und ihren Schmuck entwendete. Er ließ mit großem Genuss Winde streichen – das allerdings mag die einzige Gemeinsamkeit der beiden Eheleute gewesen sein. Da Liselotte ihn im Schlaf nicht berühren wollte, schlief sie so nah an der Kante ihrer Bettseite, dass sie oft herausfiel und erschrocken aufwachte.
Es spricht für die königliche Selbstdisziplin des Paares, dass sie drei Kinder miteinander bekamen, aber vielleicht war das ja auch den klappernden Heiligenmedaillons zu verdanken, die sich Monsieur an sein Geschlechtsteil gebunden hatte. Als er den unerwünschten Beischlaf schließlich einstellte, war Liselotte versucht, seinen Liebhabern zu sagen, sie könnten die Erbsen gern verschlingen, sie lege keinen Wert darauf.[17]
Stellen wir uns, im Gegensatz zu solchen der Pflicht gehorchenden Begegnungen des Monarchen mit seiner Ehefrau, die lustvollere Beziehung mit seiner Mätresse vor – das zärtliche Vorspiel, die raffinierten Stellungen, der Taumel des Höhepunkts, die schläfrige Vertrautheit danach. Das alles findet natürlich nur in unserer Phantasie statt, denn über das Sexualleben eines Königs mit seinen Mätressen gibt es kaum authentische Berichte. Fast alle eindeutig sexuellen Briefe eines verliebten Paares wurden verbrannt: noch zu Lebzeiten des Empfängers (mitunter erst im Angesicht des Todes) oder von den bestürzten Familienangehörigen unmittelbar nach dessen Ableben. Ein paar Liebesbriefe, die unsere Vorstellungskraft beflügeln können, sind erhalten, und es gibt natürlich zahlreiche zeitgenössische Berichte, die ein wenig Licht auf das Sexualleben der Monarchen und ihrer Mätressen werfen.
Barbara Lady Castlemaine beschrieb ihren königlichen Liebhaber Charles II. als sehr befriedigend ausgestattet, was ihren Freund Lord Rochester zu folgendem Verslein inspirierte:
Seine Lust entspricht seiner Kraft
Sein Zepter ist lang wie sein Schaft.[18]
Als die Prinzessin von Monaco, Mätresse Ludwigs XIV., diese Zeilen hörte, sagte sie angeblich, Ludwigs Begehren sei zwar groß, sein »Zepter« jedoch, verglichen mit dem seines Vetters auf der anderen Kanalseite, eher klein.
In den 1540er Jahren war der künftige König Heinrich II. von Frankreich von seiner rotblonden Geliebten Diane de Poitiers dermaßen besessen, dass er auf seine reizlose braunhaarige Frau Katharina von Medici wenig Lust verspürte. Ein Gesandter schrieb, Katharina sei eine hervorragende Frau, solange ihr Gesicht verschleiert sei, das unverhüllt stark an rohes Holz erinnere. Heinrichs Gemahlin war sie nur aufgrund ihrer engen Beziehungen zum Papst geworden, außerdem hatte sie eine beträchtliche Mitgift eingebracht, darunter mehrere Städte, Juwelen, Pferde und wertvolle Ausstattungsgegenstände. 1542, nach neunjähriger Ehe, hatten Heinrich und Katharina noch keine Kinder miteinander, es hatte nicht einmal die Spur einer Schwangerschaft gegeben.
Diane war 19 Jahre älter als ihr königlicher Geliebter, aber sie hielt sich peinlich sauber und war um vieles attraktiver als die Dauphine. Diane war schlank und sportlich, sie begann jeden Tag mit einem stärkenden Ausritt, der bis zu drei Stunden dauern konnte. Sie war sehr um ihre makellose weiße Haut besorgt, daher trug sie im Freien immer eine schwarze Samtmaske, trank täglich eine Mixtur, die Gold enthielt, und badete in Eselsmilch und kaltem Wasser. Aus Angst vor Falten schlief sie im Sitzen, auf Kissen gestützt. Ihre Schönheitsrezepte wirkten. Heinrich schlief fast jede Nacht mit Diane und ließ seine Gemahlin in ihrem kalten Bett allein.
Unfruchtbare Prinzessinnen wurden oft mit Annullierung der Ehe, Verbannung oder einem Leben im Kloster bestraft. Diane war zufrieden, dass Katharina langweilig und unansehnlich war und auf ihren Mann keinerlei Einfluss hatte. Aber sie fürchtete eine neue Verbindung mit einer schönen ausländischen Prinzessin, die Heinrichs Herz gewinnen könnte. Obwohl sie keine große Freundin von Katharina war, schien es ihr daher klug, das Ihre dazu zu tun, damit Katharina endlich einen Thronfolger zur Welt brachte.
An festgelegten Abenden begann Diane die Liebesnacht, indem sie Heinrich aufs äußerste erregte, dann schickte sie ihn eine Etage höher in die Gemächer seiner Frau, damit er mit ihr die Vereinigung zum Abschluss brachte. Nachdem er seine dynastische Pflicht getan hatte, kehrte er zu Diane zurück, um in ihren Armen einzuschlafen. Kurz nachdem diese Regelung eingeführt worden war, wurde Katharina schwanger und bekam einen gesunden Sohn. Heinrich belohnte seine Mätresse »für den guten und löblichen Dienst«, den sie der Dauphine erwiesen hatte.[19]
Die intelligente Katharina verstand nicht, was ihr Mann an seiner alternden Mätresse fand. Um das herauszufinden, ließ sie von einem italienischen Zimmermann zwei Löcher in Dianes Schlafzimmerdecke bohren, durch die sie und ihre Kammerfrau zusahen, wie Heinrich und Diane sich im Schein des Kaminfeuers liebten, dabei aus dem Bett rollten und auf dem Boden weitermachten. Katharina wunderte sich, wie zärtlich Heinrich zu Diane war, und gestand ihrer Kammerfrau unter Schluchzen, sie habe er »niemals auf solche Weise benutzt«.[20]
Die bildschöne Madame de Pompadour mit ihren haselnussbraunen Augen meinte, dass Ludwig XV. sie zu gut »benutze«. Denn die berühmteste aller königlichen Mätressen hütete ein bitteres Geheimnis – sie war frigide. Einiges deutet darauf hin, dass sie unter einer chronischen Scheidenentzündung mit übel riechendem Ausfluss litt, für die es damals keine Heilung gab. »Ich habe mir einen kalten Seevogel zugelegt«, klagte Ludwig XV.[21] An manchen Abenden war er über die körperlichen Zuwendungen seiner Geliebten dermaßen enttäuscht, dass er ihr Bett ohne den üblichen Gutenachtkuss verließ.
Ludwigs XV. sexuelles Verlangen kannte keine Grenzen, er wollte mehrmals am Tag Geschlechtsverkehr. Seine Mätresse, die immer zwischen Krankheit und Gesundheit schwankte und sich schnell erschöpft fühlte, musste dennoch tun, als genieße sie seine Bemühungen. Wir können uns vorstellen, wie sie, eine seidige Frau in seidenen Laken, deren Nacktheit im Kerzenlicht schimmert, darauf wartet, dass der König fertig wird.
In der Hoffnung, ihre Libido anzufachen, experimentierte Madame de Pompadour mit einer Ernährung, die im Wesentlichen aus Sellerie, Trüffeln und Vanille bestand, was aber nur ihrer Gesundheit schadete. Als ihre Freundin, die Herzogin von Brancas, eines Tages ihre Sorge darüber äußerte, brach die Mätresse in Tränen aus und sagte: »Ich fürchte, dem König nicht mehr zu gefallen und ihn zu verlieren. Ihr wisst, dass gewisse Dinge für Männer von großer Wichtigkeit sind und dass ich Arme von Natur sehr kalt bin. Ich glaubte, mich zu erhitzen, wenn ich etwas zu mir nehme, was das Blut erhitzt … Ihr wisst nicht, was mir in der vergangenen Woche zugestoßen ist. Der König klagte, es sei ihm zu heiß, eine Ausrede, und er verbrachte die halbe Nacht auf meinem Kanapee. Er wird meiner überdrüssig werden und eine andere nehmen.«
Die Herzogin gab ihr den klugen Rat: »Eure Ernährung wird ihn davon nicht abhalten und Euch wird sie umbringen. Hört, Ihr müsst Euch dem König unentbehrlich machen, indem Ihr immer freundlich zu ihm seid. Ihr dürft ihn in diesen Momenten natürlich nicht zurückweisen, aber lasst der Zeit ihren Lauf und die Macht der Gewohnheit wird ihn schließlich für immer an Euch binden.«[22]
Hätte Madame de Pompadour ihre Stellung verloren, als sie nicht mehr mit dem König schlief, wäre sie irgendwann in den frühen 1750er Jahren arbeitslos gewesen. Doch sie verstand es, ihre Liebesbeziehung in eine enge Freundschaft zu verwandeln, und sie wurde seine gewiefte politische Beraterin und zudem eine Art »Unterhaltungsministerin« für ihn.
Es ist eine Ironie des Schicksals, dass Ludwig als junger Mann eine Mätresse – Madame de Pompadour – hatte, die frigide war, während die Mätresse seiner späten Jahre – Madame du Barry – eine der talentiertesten Prostituierten ihrer Zeit war. Aber vielleicht ist das nicht so erstaunlich. Denn als Ludwig jung war, genoss er Madame de Pompadours Treue, ihren Charme und ihre Intelligenz, aber sexuelle Entspannung holte er sich bei anderen. Als greiser Monarch, zitternd in Erwartung des nahenden Todes, konnte er mit Intelligenz nicht mehr viel anfangen. Er wollte häufigen und abwechslungsreichen Sex, der ihm beweisen sollte, dass er noch am Leben war. Als er älter wurde, konnte er nur schwer eine Frau finden, die ihn zu erregen vermochte – bis ihm jenes quicklebendige Pariser Freudenmädchen begegnete, das er zu seiner letzten offiziellen Mätresse machte.
Jeanne du Barry trat zu einem Zeitpunkt in Ludwigs Leben, der für beide nicht günstiger hätte sein können. Einige Jahre früher, unter dem eisernen Regime der Madame de Pompadour, wäre sie eine kleine Liebschaft geblieben. Doch nun, vier Jahre nach deren frühem Tod, vermochte Jeanne die Lebensgeister des melancholischen Königs zu wecken – und sich selbst ein Leben zu bescheren, von dem sie niemals geträumt hatte.
Der Herzog von Richelieu, ein betagter Lebemann, hatte an der schönen Blondine so viel Freude gehabt, dass er sie dem matt gewordenen König empfahl. Nach ihrer ersten sexuellen Begegnung sagte er zum Grafen: »Eure Jeanne gefällt mir gut. Sie ist die einzige Frau in Frankreich, der es gelang, mich vergessen zu lassen, dass ich sechzig Jahre alt bin.«[23]
Doch statt mit ihr zu schlafen und sie dann wegzuschicken, wie er es mit allen anderen getan hatte, behielt er sie in seiner Nähe. Fast entschuldigend erläuterte er seinem Freund, dem Herzog d’Ayen, er habe »Freuden entdeckt, die ihm gänzlich neu gewesen seien«. Der Herzog antwortete abfällig: »Das liegt daran, Sire, dass Ihr niemals ein Freudenhaus besucht habt.«[24]
Man hatte den König in dem Glauben gelassen, dass Jeanne eine ehrbar verheiratete Frau sei, die einige Affären mit Adligen und Bankiers gehabt hatte. Sein Kammerdiener und lebenslanger Kuppler Lebel war über die Zuneigung des Königs zu einer derart unpassenden Frau entsetzt. Er war es, der Ludwig schließlich bei der Morgentoilette darüber aufklärte, dass sich Jeannes sexuelle Talente jahrelanger Berufserfahrung verdankten. Dass sie nicht einmal über das Mäntelchen einer ehrbaren Ehe verfüge. Wir können uns vorstellen, wie Ludwig, während er gepudert und parfümiert wurde, Lebel mit einem königlichen Abwinken befahl, den Mund zu halten und einen passenden Ehemann für sie zu finden. Lebel – der dem König zeit seines Lebens gedient hatte – war zutiefst schockiert und starb bald darauf.
Sein Leibarzt warnte Ludwig, diese Mätresse sei zu jung für ihn, und riet ihm zu einer älteren Frau, die sein Herz mehr schonen würde. Diese Empfehlung aber traf bei dem König auf keinerlei Gegenliebe. Und einigen Höflingen kam Ludwig ausgesprochen gesund vor – sie fanden, dass er so jung und tatkräftig wirke wie seit Jahren nicht mehr.
Wenige Wochen vor seinem Tod musste der 64-jährige Monarch allerdings erkennen, dass selbst seine junge Geliebte ihn nicht mehr erregen konnte. Seinem Leibarzt vertraute er an: »Ich werde alt, es ist an der Zeit, dass ich die Pferde zügele.« Der Mediziner antwortete prompt: »Sire, es geht nicht darum, sie zu zügeln. Es wäre klüger, sie aus dem Geschirr zu nehmen.«[25]
Im Angesicht des Todes und so kurz vor dem göttlichen Urteilsspruch hatte er wegen seiner fleischlichen Sünden gelegentlich schwerste Gewissenbisse und wollte seine Geliebte nicht mehr sehen. Diesen Anfällen folgten indes bald wieder andere Anfälle und er fand sich erneut in ihren Armen wieder. Sein heißblütiges Bourbonentemperament blieb dem König buchstäblich bis zur letzten Minute treu. Noch als er an Pocken dahinsiechte, streckte er seine von offenen Eiterbeulen übersäten Hände nach den lockenden Brüsten seiner Geliebten aus.
Seine unersättliche Libido mag Ludwig XV. von seinem Vorgänger Ludwig XIV. geerbt haben. Seine Mätressen mussten nicht nur seinen alles verschlingenden Sexualtrieb ertragen, sondern, schlimmer noch, auch seine außergewöhnliche Fruchtbarkeit. Louise de La Vallière bekam von ihm in sieben Jahren vier, ihre Nachfolgerin, die brillante Athénaïs de Montespan, in neun Jahren sieben Kinder. Die strenge Madame de Maintenon war bereits jenseits der Wechseljahre, als sie sich heimlich mit Ludwig trauen ließ, klagte aber dem Hofgeistlichen, dass der König mit seinen 75 Jahren noch immer täglich Sex wolle, manchmal sogar mehr. Der Priester antwortete ihr, sie müsse das ertragen, da Gott sie dazu ausersehen habe, den König vom Sündigen abzuhalten. Man glaubte damals, dass Männer durch allzu häufigen Beischlaf »Gicht, Verstopfung, schlechten Atem und eine rote Nase« bekämen. Ludwig litt unter all diesen Symptomen, aber nicht so sehr, dass er sein Begehren gezügelt hätte.[26]
Selbst bei sehr lüsternen Paaren pflegt der Sex nach einigen Jahren ruhiger zu werden. Nicht so bei Zar Alexander II. (1818–1881) und seiner hübschen brünetten Mätresse Katherina Dolgoruky: 15 Jahre lang teilten sie ein stürmisches Sexualleben, das erst mit seinem Tod endete. Katia, die als strohdumm galt, war 30 Jahre jünger als Alexander und liebte Sex. 1870 schrieb der Zar an sie: »Was in mir vorging, hast du selbst gesehen, ebenso wie ich sah, was mit dir geschah. So klammerten wir uns aneinander wie hungrige Katzen, des Morgens wie am Nachmittag, es war süß bis an die Grenze des Wahnsinns, noch immer möchte ich vor Wonne schreien, ich bin in meinem tiefsten Wesen gesättigt.«[27]
1876 ließ die Gesundheit des Zaren nach. Sein Leibarzt untersuchte ihn und konnte keine Krankheit finden, weswegen er diplomatisch andeutete, der 58-Jährige leide möglicherweise unter Erschöpfung infolge von »Exzessen in sexueller Hinsicht«.[28] Doch diese Diagnose störte den Zaren nicht. Wenig später schrieb er an Katia: »Ich kenne keinen größeren Genuss als das Lieben mit dir, ich bin noch ganz erfüllt. Du bist so verführerisch, keiner könnte dir widerstehen! Mir fehlen die Worte für diesen Taumel!«[29]
Katia erwartete im gleichen Jahr das dritte gemeinsame Kind und bedauerte sehr, dass sie nach der Geburt eine Zeit lang nicht miteinander würden schlafen können: »Mir ist so schwer, aber ich klage nicht. Es ist mein Fehler, ich gestehe, ich kann nicht ohne Euren Brunnen sein, ich liebe ihn so, ich hoffe darauf, die Einspritzungen zu erneuern, sobald meine sechs Wochen vorüber sind.«[30]
Die Liebesbeziehungen von Napoleon III. (1808–1873) verliefen nicht im Entferntesten so befriedigend. Sein Verlangen hatte ihn getrieben, die einzige Frau zu heiraten, die er nicht ins Bett bekommen hatte: Eugénie de Montijo, die bildschöne Tochter eines unbedeutenden spanischen Grafen. Man witzelte, Napoleon III. sei zum Kaiser gewählt, Eugénie zur Kaiserin gepfählt worden.
Aber Napoleon wurde bald klar, dass die vermeintliche Tugend seiner Frau in Wirklichkeit Frigidität war. Also pirschte er schon bald durch sein Schloss wie ein Löwe auf Beutesuche, die Ballsäle wurden zum Schauplatz seiner sexuellen Eroberungen. In den 1860er Jahren gelang es ihm nicht mehr, das Vorspiel durchzustehen, und er kam daher ohne Rücksicht auf seine Partnerinnen unverzüglich zum Kern der Sache.
Die Marquise de Taisey-Châtenoy erlebte eine solche Begegnung, nachdem sie mit dem Kaiser bei einem Ball in den Tuilerien ein Rendezvous gehabt hatte. Er erschien nach Mitternacht in einem malvenfarbenen Pyjama in ihrem Schlafzimmer und wirkte ein wenig lächerlich. Sie berichtete: »Es folgt eine kurze Weile körperlicher Anstrengung, bei der er schwer atmet und das Wachs an seinen Schnurrbartspitzen schmilzt, was sie schlaff werden lässt, dann der rasche Rückzug. Zurück blieb die Marquise, ebenso wenig beeindruckt wie befriedigt.«[31]
