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Betreten Sie eine bisher verschlossene Welt. Tauchen Sie ein in Liebe und Leidenschaft, Glück und Unglück, Verrat und Verbannung. Nehmen Sie teil am geheimen Leben und Schicksal der untreuen Königinnen und ihrer Liebhaber – von Eleanor von Aquitanien bis Diana, Prinzessin von Wales. (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)
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Seitenzahl: 543
Veröffentlichungsjahr: 2015
Eleanor Herman
Königinnen und ihre Liebhaber
Eleanor Herman studierte bis 1981 Journalismus an der Towson State University in Baltimore, anschließend Sprachen in verschiedenen europäischen Ländern. Sie veröffentlichte zahlreiche Aufsätze und arbeitete von 1989 bis 2002 als Associate Publisher für Monch Publishing Deutschland.
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Covergestaltung: buxdesign, München
Dieses E-Book ist der unveränderte digitale Reprint einer älteren Ausgabe.
Erschienen bei Fischer Digital
© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2015
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Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-560551-6
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Einleitung
Jungfrau und Königin
Die geheiligte Substanz
Der Vorwurf des Ehebruchs – eine mächtige Waffe
1 Das Leben hinter Palastmauern
Das luxuriöse Palastleben
Der Bräutigam
Im Bett mit dem König
Königliche Impotenz
Schwule Könige
Das Glück der Mutterschaft
Das ausländische Gefolge
Familientreffen
Die Finanzen der Königin
Das Gesundheitssystem
2 Die Königin nimmt sich einen Liebhaber
Die Kunst der Täuschung
»Die Liebe zu einer Prinzessin ist gefährlich«
»Ach, ein Mann ohne Geld ist ein Esel!«
Politische und militärische Ämter
Orden und Auszeichnungen
3 Die Königinnen im Mittelalter und die Frauen Heinrichs VIII.
»Ich habe einen Mönch geehelicht und keinen Mann«
»Jemand hat sich zwischen mich und meinen Gemahl gedrängt.«
Das goldene Befruchtungsinstrument
»Sie überstrahlte alle«
»Eine Rose ohne Dornen«
4 Das 17. Jahrhundert Die Flucht aus dem goldenen Käfig
»Diese unangenehme Französin«
»Wenn Ihr sterbt, dann durch meine Hand«
Die Prinzessin von Ahlden
5 Russland im 18. Jahrhundert Die unkeuschen Kaiserinnen
»Ein Feuer lodert in meiner Brust«
Kaiserin Elisabeth Petrowna und der Kaiser der Nacht
»Ich kann keinen Tag ohne Liebe leben«
6 Europa im 18. Jahrhundert Macht, Politik und Leidenschaft
»Die irdische Dreifaltigkeit«
Der Trick mit dem weißen Handschuh
»Adieu, mein Herz gehört Dir allein«
»Wenn ich könnte, so würde ich den Mann heiraten, den ich liebte, und auf meinen Thron und mein Land verzichten«
7 Das 19. Jahrhundert Kühnheit und Schmach
»Im Munde führt sie Freiheit, im Herzen Gleichheit und in den Strumpfbändern die Brüderlichkeit«
»Ich habe nur ein einziges Mal Ehebruch begangen«
Von Lust um den Thron gebracht
Mrs. Brown
8 Die Wende zum 20. Jahrhundert Der Kampf um Gleichberechtigung
Das Ende einer Ära
»Harmlose Freundschaften«
»Ich genieße meine Schönheit, das habe ich von den Männern gelernt«
»Rasputin ist ein Botschafter Gottes«
9 Diana, eine Prinzessin mit vielen Liebhabern
10 Ehebruch und Staatsräson
Der blendende Glanz des Luxus
Bibliographie
Zwischen Sinnenglück und Seelenfrieden,Bleibt dem Menschen nur die bange Wahl.
Friedrich Schiller
Viele Jahrhunderte lang haben sich Europas Könige mit sinnlichen, großzügig entgoltenen Mätressen vergnügt. Zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert konnte eine königliche Mätresse zur maîtresse en titre ernannt werden und damit eine Stellung erlangen, die fast so offiziell war wie die eines Premierministers. Sie förderte die Künste, bezauberte ausländische Diplomaten, ernannte Minister und lenkte mitunter sogar die Außenpolitik. Oft waren ihre Gemächer luxuriöser als die der Königin, ihre Roben spektakulärer und ihr Schmuck kostbarer.
Offiziell wurde Ehebruch zu keiner Zeit und an keinem Ort akzeptiert, aber wenn sich der König eine Mätresse nahm, blieb eine Verurteilung häufig aus; er hatte aus Staatsräson eine plumpe ausländische Prinzessin ohne Charme und Ausstrahlung heiraten müssen, mit der ihn nicht das Geringste verband. 1662 heiratete der hoch gewachsene, attraktive Charles II. von England die winzig kleine Prinzessin Catherina von Portugal, die mit einem Pferdegebiss geschlagen war. Zum großen Kummer der Braut dachte Charles gar nicht daran, seine Geliebte aufzugeben, die außerordentlich sinnliche, rothaarige Barbara, Lady Castlemaine.
Er soll das damit begründet haben, dass er »kein Atheist sei, sich aber nicht vorstellen könne, dass Gott einen Mann dafür strafe, dass dieser ein bisschen Vergnügen nebenbei habe«.[1] Im Laufe der Jahre hatte Charles ausgesprochen viele Vergnügungen nebenbei – die elegante, dunkelhaarige Französin Louise de Kéroualle, die couragierte Schauspielerin Nell Gwynn, die heißblütige, bisexuelle Italienerin Hortense Mancini, um nur einige zu nennen.
1660 wurde der gut aussehende Ludwig XIV. von Frankreich mit seiner Cousine ersten Grades, Prinzessin Marie-Thérèse von Spanien, vermählt, das kleinwüchsige Ergebnis einer seit Generationen betriebenen Inzucht. Sie hatte nicht den offenen Wahnsinn geerbt, mit dem einige ihrer Vorfahren geboren waren, aber Marie-Thérèses Auffassungsgabe war begrenzt, sodass sie am geistreichsten, elegantesten Hof Europas völlig verloren war. Zunächst tröstete Ludwig sich mit der ebenso scheuen wie hübschen Louise de La Vallière. Nach sieben Jahren stürmte er in die Arme von Athénaïs de Montespan, einer hinreißenden, goldblonden Löwin, die ihn dreizehn Jahre lang zu fesseln vermochte. Daneben hatte er zahllose weniger bedeutende Mätressen, darunter die große, rothaarige Prinzessin de Soubise sowie die atemberaubend schöne Blondine Marie-Angélique de Fontanges.
1725, kaum 15 Jahre alt, heiratete Ludwig XV. die 22-jährige, biedere polnische Prinzessin Maria Leszczynska. Einziger Grund für die Ehe war, dass die Braut aus einer bekanntermaßen fruchtbaren Familie stammte. Ihr eigener Vater meinte, Maria sei eine der zwei langweiligsten Königinnen Europas, die andere war seine eigene Frau. Maria verbrachte die Vormittage mit Beten, die Nachmittage mit Handarbeiten, die Abende mit Kartenspiel. Ihr Mann, der zu einem geistreichen und kultivierten Bonvivant heranwuchs, blieb ihr acht Jahre lang treu, danach nahm er sich nacheinander vier Schwestern als Mätressen, auf die die gebildete Madame de Pompadour und schließlich die talentierte Prostituierte Madame du Barry folgten.
Prinzessinnen wurden dazu erzogen, die Untreue ihres künftigen Gatten mit bewundernswerter Nonchalance zu ertragen. Als der französische Thronfolger Charles Ferdinand, Herzog von Berry, 1820 einem Attentat zum Opfer fiel, war seine Gemahlin, die Herzogin Karoline von Bourbon-Sizilien, schwanger. Wenige Monate nach dem Tod ihres Gemahls besuchte Karoline eine Stadt, in der sich zwanzig arme Frauen mit der Bitte um Unterstützung an sie wandten. Jede begründete das damit, dass sie von dem verstorbenen Herzog ein Kind erwarte. Herzogin Karoline dachte darüber nach und meinte dann, dass das durchaus möglich sei. »Zur fraglichen Zeit hielt sich mein Gemahl eine ganze Woche hier in der Gegend auf.«[2]
1717 bereiste der russische Zar Peter der Große zusammen mit Kaiserin Katharina, seiner gutmütigen Frau, mehrere europäische Hauptstädte. Am preußischen Hof schrieb Prinzessin Wilhelmina über die russische Kaiserin: »Ihr Gefolge bestand aus vierhundert so genannten Damen […]. Nahezu jedes dieser Geschöpfe trug ein kostbar gekleidetes Kind auf dem Arm, und auf die Frage, ob es sich dabei um ihr eigenes Kind handele, antworteten sie, nicht ohne sich dabei nach russischer Sitte zu verbeugen und zu verneigen: ›Der Zar war so gütig, mir dieses Kind zu schenken.‹«[3]
Wo, fragt man sich, steckte die Königin, wenn ihr Mann mit seiner Mätresse lachte, flirtete und politische Entscheidungen traf? Nun, vielleicht erfüllte sie ihre vornehmste Pflicht gegenüber der Nation und sicherte die Erbfolge, indem sie so viele Königskinder produzierte, wie ihre überbeanspruchte Gebärmutter auszutragen vermochte. Möglicherweise lag sie betend auf den Knien und verwandte sich bei Gott für den Wohlstand ihres neuen Heimatlandes. Oder sie widmete sich den traditionellen Aufgaben einer Königin und gewährte den Armen Almosen und den Verurteilten Gnade. Wenn gar nichts anderes mehr half, gab es immer noch die Stickerei, eine Kunst, in der es viele vernachlässigte Monarchinnen zu hoher Meisterschaft brachten. Den meisten von ihnen wäre es dennoch nicht einmal im Traum eingefallen, es ihrem streunenden Gatten heimzuzahlen, indem sie selbst mit einem schneidigen Höfling unter die Decke schlüpften. Diese Frauen mögen niemals die Leidenschaft ihres Gatten erregt haben, aber sie errangen zumindest seine Achtung.
Aber nicht alle europäischen Königinnen waren langweilig und fromm und hatten attraktive, kluge Ehemänner. In Dutzenden von Fällen traf das genaue Gegenteil zu: Schöne und intelligente Prinzessinnen wurden zur Ehe mit einem königlichen Monster gezwungen – sadistisch, jähzornig, körperlich abstoßend, impotent, geistig zurückgeblieben, mitunter alles zusammen. Wenn sich dann vor ihren Augen ein Hofleben auftat, in dem es vor Testosteron in seinen erfreulichsten Erscheinungsformen nur so wimmelte, senkte so manche Königin den Blick keusch auf ihre Stickerei und sprach ein rasches Gegrüßet seist du, Maria, um die Versuchung abzuwehren. Viele andere aber schauten noch einmal hin, legten mit wild pochendem Herzen die Handarbeit beiseite, warfen den Rosenkranz zu Boden und nahmen sich einen Liebhaber.
Die Wahl der Königin fiel oft auf einen verwegenen General, die schiere Potenz in Stiefeln, dessen selbstsichere Schritte auf hochglänzendem Parkett ihre Knie vor Begehren beben ließen. Oft eroberte ein geistreicher Höfling, dessen Männlichkeit unter betörender Eleganz hervorschimmerte, das Herz der Königin. Andere zogen einen Staatsmann vor, dessen intellektuelle Brillanz ihnen half, Macht über ihr Land zu erlangen – einige dieser Politiker trugen allerdings die Robe eines Bischofs oder Kardinals. Eine Kaiserin fand ihren Liebhaber in einem Kirchenchor. Der junge Adonis mit der Engelsstimme traf sie wie ein Blitz, und sie ordnete an, dass er ohne Umwege aus dem Haus Gottes in ihr Himmelbett zu verfrachten sei.
Während Könige meinten, sich eine Mätresse nehmen zu müssen, um das Bild königlicher Potenz zu befördern, sollte die Königin dem Ideal der Mutter Gottes nacheifern. Keuschheit, Nachsicht, Geduld und Gehorsamkeit – das waren die Wesenszüge, die man von einer Königin erwartete.
Schon im fünften nachchristlichen Jahrhundert begann sich das Bild der jungfräulichen Mutter Gottes mit dem Bild der Königin als Mutter des weltlichen Herrschers zu vermischen. Beide, die Jungfrau Maria und die Königin, wurden oft mit einem Säugling porträtiert. Maria wurde häufig mit einer Krone und in einem Krönungsgewand als Himmelskönigin dargestellt – obwohl natürlich die Mutter Gottes als Ehefrau eines Zimmermanns niemals solche Kostbarkeiten besessen hat. Und die Gemälde irdischer Königinnen stellen diese oft als von der Mutter Gottes gesegnet dar.
Im Mittelalter begann man, die Tage der Hochzeiten, Krönungen und Beisetzungen von Königinnen auf kirchliche Feiertage zu legen, die mit der Jungfrau Maria verknüpft waren, was die Parallelen zwischen den beiden weiter stärkte. Sicherlich wird keine zweite Königin so nachdrücklich mit dem Bild der Jungfrau assoziiert wie Elisabeth I. von England, die allerdings, Ironie der Geschichte, Protestantin war. Elisabeth war tatsächlich Jungfrau – soweit wir wissen. Möglicherweise hatte sie als Königin eine Liebesaffäre mit Robert Dudley, Earl of Leicester. Mit den Verehrern der späteren Jahre – Sir Walter Raleigh, Robert Devereux, 2. Earl of Sussex, Sir Thomas Heneage sowie Sir Christopher Hatton – ging sie mit Sicherheit keine intimen Beziehungen ein.
Diese jungfräuliche Königin setzte an die Stelle der verherrlichenden Madonnendarstellung die verherrlichende Darstellung ihrer selbst. Höflinge, die eine Generation zuvor das Bildnis der jungfräulichen Himmelskönigin angebetet hatten, verneigten sich jetzt vor dem Konterfei der jungfräulichen Königin von England. Elisabeth übernahm sogar Symbole, die in der religiösen Kunst traditionell der Mutter Gottes zugeordnet waren: Mond, Phönix, Hermelin und Perle. Für das englische Volk war es kein Zufall, dass Elisabeth am 7. September, einen Tag vor Mariä Geburt, zur Welt kam und am 24. März, einen Tag vor Mariä Verkündigung, starb.
Obwohl Elisabeth sich in ihrer (behaupteten) körperlichen Unberührtheit ebenso wie in der Ikonographie der Jungfrau Maria annäherte, verwirrte ihre Ehelosigkeit ganz Europa. Das Ideal war, einer Jungfrau zu gleichen, nicht, eine zu sein. Viele hielten ihre Unberührtheit sowieso für eine Mär, ihrer Ansicht nach wollte die Königin nur ledig bleiben, um ihre Lust nicht auf einen Mann beschränken zu müssen. Während einige etwas zu laut über Elisabeths unstillbares Begehren schwatzten und behaupteten, sie schlafe sogar mit den wenigen Schwarzen, die es in England gebe – sowie mit Männern, die für die außerordentliche Größe ihres Geschlechtsteils bekannt seien –, glaubten andere zu wissen, dass die arme Königin nur darum nicht heirate, weil sie wegen einer Anomalie ihrer Genitalien weder Geschlechtsverkehr haben noch schwanger werden könne. Dem venezianischen Botschafter in Frankreich beispielsweise hatte jemand erzählt, Elisabeths Menstruationsblut fließe nicht aus der üblichen Stelle, sondern aus einem Bein.
Der Grund für die Ehelosigkeit der Königin war vermutlich weder Frigidität noch Nymphomanie. Vielmehr dürften die tragischen Schicksale, die ihre Mutter und ihre Stiefmütter durch Heinrich VIII. erlitten hatten, bei ihr zu einem unüberwindbaren Schrecken vor der Ehe geführt haben. Dem Gesandten des Herzogtums Württemberg gestand sie einmal, sie wäre lieber eine unverheiratete Bettlerin als eine verheiratete Königin.[4] Und dem französischen Gesandten vertraute sie an, allein bei dem Gedanken an die Ehe komme es ihr vor, als reiße man ihr die Eingeweide aus dem Leib.[5]
Als Elisabeth Anfang des 17. Jahrhunderts starb, hatte die Verehrung der Jungfrau Maria selbst in jenen Ländern nachgelassen, die nach der Reformation katholisch geblieben waren. Das führte zu einem Lebensstil, der weltlicher und weniger streng war und eine Königin als Menschen aus Fleisch und Blut akzeptierte. Sie war nicht mehr die gemeißelte Statue, die sich bei Gott als Fürsprecherin verwandte, sondern sie durfte auch Fehler und Eigenheiten haben. Aber die ineinander verwobenen Bilder von Jungfrau Maria und Königin, die seit einem Jahrtausend das gesellschaftliche Unbewusste geprägt hatten, blieben weiter lebendig, auch wenn sie im Alltag nicht mehr so prägnant hervortraten. Beide – Jungfrau Maria und Königin – gebaren den gesalbten Fürsten mit heiligem Vater, und so hinterließ eine Königin, deren Lebenswandel Zweifel an der Identität des Vaters dieses Sohnes erlaubten, bei den meisten guten Christen einen bitteren Nachgeschmack.
Das königliche Blut ging in aller Regel vom gekrönten Vater auf den Prinzensohn über – und zwar auf dem Umweg über eine Gebärmutter, in der das Kind neun Monate heranwuchs. Es war für die Reinerhaltung des Blutes von entscheidender Bedeutung, dass diese Gebärmutter nichts anderes in sich aufnahm als ebendiesen königlichen Samen. Denn nichts als der Mythos des Königsblutes sicherte Monarchen ihren Thron, verhinderte Bürgerkriege, hielt Feinde jenseits der eigenen Staatsgrenzen in Schach und sorgte dafür, dass ein abergläubisches Volk vor seinem Herrscher buckelte und die exorbitanten Steuern entrichtete, die er verlangte.
Dieser Mythos begann in dunkler Vorzeit, als ein kühner Krieger mit erhobenem Schwert in die Schlacht preschte und seine Feinde niedermetzelte. Von seinen dankbaren Bewunderern zum König erwählt, besiegte er weitere Gegner, besänftigte eine rachsüchtige Gottheit und regierte weise – all das waren sichere Hinweise darauf, dass er von Gott erwählt war. In der trügerischen Hoffnung auf irdische Unsterblichkeit wollte der alternde Monarch sicherstellen, dass ein Teil von ihm – sein eigen Fleisch und Blut – nach seinem Tode weiterregieren würde. Was aber, wenn sein Sohn kränklich, weibisch, geistig zurückgeblieben war? Wie konnte er sein Volk überzeugen, dieses jämmerliche Exemplar von Männlichkeit als seinen König zu akzeptieren, statt einen unerschrockenen Krieger aus einer rivalisierenden Familie zu wählen?
So entstand der Mythos, dass das von Gott gewährte Thronanrecht eines Monarchen nicht in Intelligenz, gutem Aussehen oder Charakterstärke, sondern allein in seinem königlichen Blut begründet liegt und auf diese Weise an künftige Generationen weitervererbt werden kann. Wahr ist, dass dank dieses vermeintlich blauen Blutes die Macht oft genug friedlich vom Vater auf den Sohn übergehen konnte und der neue König nicht in blutigen Schlachten mit Keulen und Äxten bestimmt werden musste. Aber es hatte auch zahllose geisteskranke Monarchen zur Folge, die vor sich hin sabberten und unmotiviert in meckerndes Lachen ausbrachen, während sich Millionen von Untertanen in gottgleicher Verehrung vor ihnen verbeugten. So verrückt diese Könige sein mochten, der heilige Saft in ihren Adern, das geheiligte Blut ihrer Dynastie erhob sie über alle anderen Menschen und machte sie zum Herrscher von Gottes Gnaden.
Erst seit den späten zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist es möglich, den Vater eines Kindes durch eine Blutgruppenbestimmung wissenschaftlich zu ermitteln. Bis dahin gab es nur einen Weg, die Reinheit des königlich blauen Blutes über alle Generationen hinweg zu garantieren: Eine Königin musste ihrem Gemahl absolut treu sein. Die uralte Doppelmoral, die es Männern erlaubte, eine Geliebte nach der anderen zu schwängern, während ihre Ehefrauen Altartücher bestickten, gründete nicht in Frauenfeindlichkeit, sondern in der Biologie.
»Bedenken Sie die Bedeutung der Keuschheit des Weibes für die Gesellschaft«, mahnte der bekannte und äußerst geistreiche Gelehrte Dr. Samuel Johnson, der 1757 das erste englische Wörterbuch verfasste. »Der ganzen Welt Sittsamkeit hängt daran. Wir knüpfen einen Dieb auf, der ein Schaf gestohlen hat, die Unkeuschheit des Weibes hingegen raubt dem rechtmäßigen Eigentümer Schaf, Bauernhof und alles andere.«[6]
1695 warf Liselotte von der Pfalz, Schwägerin von Ludwig XIV., in einem ihrer Briefe die Frage auf, ob es auf der ganzen Welt wohl einen Monarchen gebe, der nur seine eigene und keine andere Frau liebe? Würden ihre Gemahlinnen, so Liselotte weiter, hierin das gleiche Leben führen wie sie, könnte niemand mehr sicher sein, dass ihre Nachkommen die wahren Erben ihrer Ehemänner seien. Sie bezog sich dabei auf eine junge Verwandte, die Ehebruch begangen hatte, und tadelte sie mit den Worten, die Herzogin habe doch wissen müssen, dass die Ehre einer Ehefrau darin bestehe, sich nur ihrem Angetrauten hinzugeben. Für diesen sei es keine Schande, eine Mätresse zu haben, wohl aber, Hörner aufgesetzt zu bekommen.[7]
Wenn man bedenkt, welche immense Bedeutung der königlichen Abstammung beigemessen wurde, ist es erheiternd, dass es an Europas Höfen vor außerehelichen Kindern nur so wimmelte, und das waren nicht nur Kinder des Königs, sondern auch der Königin. Im letzteren Falle trugen die Kinder den Namen des Herrscherhauses und wurden auf der Grundlage einer Ahnenreihe, die in Wahrheit nicht die ihre war, mit anderen Königsfamilien vermählt. Aber im Falle von Königskindern gab es tatsächlich Wichtigeres als ihr »echtes« blaues Blut, und das war das Eigeninteresse des Monarchen. Viele Könige erkannten ein Kind als das ihre an, obwohl sie sicher wussten, dass sie nicht sein leiblicher Vater waren. Das geschah, um den Status seiner älteren Kinder, an deren Legitimität er keinen Zweifel hatte, nicht zu gefährden. Wenn ein König zeugungsunfähig war, konnte es durchaus geschehen, dass die höfische Machtelite die Königin zu einem außerehelichen Kind drängte, um den Thron und damit ihre eigenen Interessen zu sichern.
Zum Glück setzte die völlige und unwiderrufliche Desillusionierung der Königin durch ihren Ehemann in den meisten Fällen erst nach der Geburt eines Thronfolgers ein. Damit war die wichtigste Aufgabe der Königin erledigt, folglich schien es unangebracht, internationales Prestige aufs Spiel zu setzen, die eigene Nation in Turbulenzen zu stürzen und die Legitimität aller königlichen Nachkommen in Zweifel zu ziehen, nur um ein einziges Kuckuckskind aus dem königlichen Nest zu werfen. Im frühen 19. Jahrhundert kam der jüngste Sohn von König Johann VI. und Königin Carlota Joaquina von Portugal zur Welt. Er sah, im Gegensatz zu seinen beiden Eltern, außerordentlich gut aus und war einem attraktiven Gärtner in der Sommerresidenz der Königin wie aus dem Gesicht geschnitten. Aber von einigem Getuschel hinter bemalten Fächern abgesehen wurde dies mit keiner Silbe erwähnt.
In jüngster Zeit haben Prinzessin Dianas Seitensprünge für Zweifel an der Vaterschaft ihres 1984 geborenen zweiten Sohnes, Prinz Harry, gesorgt. Als Prinz Charles den ersten Blick auf das Neugeborene warf, soll er über dessen rote Haare entsetzt gewesen sein. Diana hat mehrfach erwähnt, dieser Moment sei für sie das Ende ihrer Ehe gewesen. Charles, der auf eine Tochter gehofft hatte, sei enttäuscht gewesen, dass seine Frau einen weiteren Jungen zur Welt gebracht hatte, und die roten Haare des Jungen habe er nicht gemocht. Man könnte Charles’ Bestürzung über die Haarfarbe seines Sohnes auch anders deuten. Falls er damals den Verdacht gehabt haben sollte, dass seine Frau ihn mit einem Rothaarigen betrog, wäre seine Reaktion mehr als verständlich.
Hier nun wird oft Captain James Hewitt angeführt, der charmante Lebemann mit Karottenhaaren, der zugab, mit der Prinzessin eine fünf Jahre dauernde Affäre gehabt zu haben, die allerdings erst 1986, also anderthalb Jahre nach Harrys Geburt, begonnen haben soll. Gerüchte aber wollen wissen, dass sich die beiden bereits vor Dianas Heirat im Jahr 1981 kennen gelernt haben und das nur deswegen bestritten, um ihren gemeinsamen Sohn, den armen außerehelichen Harry, zu schützen.
Wäre Prinz Harry blond- oder braunhaarig zur Welt gekommen, hätte es über die Identität seines Vaters vermutlich nie solche Spekulationen gegeben. Rote Haare können in einer Familie manchmal mehrere Generationen überspringen und daher ganz unerwartet auftauchen. Aber schon Dianas Bruder Lord Charles Spencer hat rote Haare und Sommersprossen. Und wenn man von Prinz Harrys roten Haaren und seiner Jugend abstrahiert, werden sofort die unvorteilhaften Familienzüge der Windsors erkennbar – die kleinen, eng stehenden Augen, die großen abstehenden Ohren, der große Mund.
Aber für die Regenbogenpresse war dieses Gerücht natürlich ein gefundenes Fressen. Im Dezember 2002 berichteten zwei Gazetten, eine rivalisierende Zeitung habe ein hübsches Mädchen – einen Lockvogel – engagiert, das Harry verführt und ihm ein Haar (wir vermuten ein Kopfhaar) ausgerissen habe, das für eine DNA-Analyse benutzt worden sei. Die Boulevardzeitungen berichteten, Forscher hätten Laken von Hotelbetten eingesammelt, in denen Prinz Harry bzw. James Hewitt geschlafen hatten, benutzte Papiertaschentücher aus öffentlichen Abfallkörben gefischt, Kaffeetassen mit mikroskopisch kleinen Lippenhautpartikeln entwendet, in einem Umkleideraum die Schweißtropfen von einer Poloausrüstung getupft.
Die britische antimonarchische Gruppe Throne Out verlangt, dass sich alle Mitglieder der königlichen Familie, die ihre Stellung ausschließlich ihrer Abstammung verdanken, einem DNA-Test unterziehen sollten. Die königliche Familie reagierte auf dieses Ansinnen mit vornehmem Schweigen, Berichten zufolge hütet sie allerdings ihre DNA noch schärfer als ihre Kronjuwelen.
Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein Diener oder eine Bekannte in den Besitz eines Haares, einer Kaffeetasse oder eines Bettlakens kommt und sie zur Analyse geben wird. Die moderne Wissenschaft kann heute Antworten auf Fragen nach der Vaterschaft geben, die seit ewigen Zeiten gestellt werden. Und die Wahrheit ist vielleicht nicht in allen Fällen das, was eine königliche Familie gern hören möchte.
Untreue allein wurde einer Königin ebenso wenig zum Verhängnis wie der Umstand, dass sie der Jungfrau Maria nicht gleicht oder das Aristokratenblut der Herrscherfamilie verunreinigt hatte. Zum Verhängnis wurden ihr immer nur politische Konstellationen.
Solange sich die Königin an die traditionellen Rollenvorgaben hielt – Kinder gebären, Altartücher besticken, die Armen beschenken, all jene frommen Betätigungen, die auch der Jungfrau Maria gut anstanden –, blieb sie in aller Regel selbst dann unbehelligt, wenn sie sich einen Liebhaber nahm. Man machte sich bei Hofe selten die Mühe, einen politischen Niemand zu demontieren. Aber eine intelligente und ehrgeizige Frau, die frei ihre Meinung sagte und einflussreiche Leute hinter sich zu scharen verstand, lief immer Gefahr, von ihren politischen Gegnern des Ehebruchs beschuldigt zu werden, selbst wenn solche Anwürfe aus der Luft gegriffen waren.
Der Vorwurf des Ehebruchs schlug viele Fliegen mit einer Klappe. Allein dessen Erwähnung ließ plötzlich Zweifel an der Ehelichkeit der Nachkommen der beschuldigten Königin aufkommen, sie ließ ihre Kinder zur Thronfolge ungeeignet scheinen und öffnete so anderen Kandidaten die Tür – meist jenen, die die Anschuldigungen erhoben.
Im Jahre 830 wurde Königin Judith, zweite Gemahlin des Römischen Kaisers und Königs der Franken Ludwig I. der Fromme, des Ehebruchs mit einem feschen Höfling beschuldigt. Ankläger waren die drei Söhne aus Ludwigs erster Ehe, die verhindern wollten, dass Judith den alternden Herrscher dazu bewegte, ihren eigenen Sohn Karl zum Thronfolger zu machen. Die drei Brüder zwangen ihren Vater mit Waffengewalt zum Abdanken und verbannten Judith in ein Kloster. Wir wissen nicht, ob Judith ihrem Mann untreu gewesen war, sicher ist nur, dass die Pfeile ihrer Gegner ins Schwarze trafen und sie aus dem Weg räumten.
Wenn ein einflussreicher Mann eines Liebesverhältnisses mit der Königin beschuldigt wurde, liegt immer der Verdacht nahe, dass er und die Königin sich auf eine Weise politisch verbündet hatten, die andere Fraktionen bei Hofe als bedrohlich empfanden – dabei war es unerheblich, ob das Paar tatsächlich miteinander intim war oder nicht. War die Gegenseite stark genug, konnte sie die allzu mächtige Königin in ein Kloster abschieben, ihren unliebsamen Gefährten hinrichten, verbannen oder einkerkern und bei deren Sturz die Freunde und Verwandten der beiden gleich mit außer Gefecht setzen. Mit einer gezielten Verleumdung der Königin konnte man so praktischerweise das gesamte gegnerische Lager bei Hofe loswerden.
887 beschuldigte man Kaiserin Richardis, Gemahlin von Karl III., dem Dicken, der unter anderem Römischer Kaiser war, eine unerlaubte Beziehung zu Bischof Luitward zu unterhalten, dem mächtigen Kanzler des Königs. Da die Königin ihre Ehre nicht mit Waffen oder auf dem Turnierplatz verteidigen konnte, unterzog sie sich freiwillig einem Gottesurteil. Sie zog ein wachsgetränktes Leinenhemd auf den bloßen Leib und ließ es anstecken. Sie überlebte unverletzt, nahm danach aber den Schleier und wirkte als Äbtissin. Sie wurde heilig gesprochen, aber ihre Feinde hatten sie erst einmal aus dem Weg geräumt.
Der Rufmord, der sich im 9. Jahrhundert als so effektives Werkzeug erwiesen hatte, erfreute sich noch 1000 Jahre später unverminderter Beliebtheit. Napoleon hasste die tugendhafte und schöne Königin Luise, weil sie angeblich ihren apathischen Gemahl Friedrich Wilhelm III. von Preußen zum Krieg gegen Frankreich drängte. Daher verdrehte er Luises Bewunderung für den russischen Zaren Alexander in eine Skandalgeschichte. Hintergrund war, dass der gut aussehende blonde Zar 1805 Preußen besucht hatte, damals hatten sich er und die Königin spontan sehr verbunden gefühlt. Als nun Napoleon mit seiner Armee in das verlassene Potsdam einmarschierte, fand er zu seiner größten Befriedigung im Schlafzimmer der Königin ein Porträt von Alexander vor. Er tat alles in seiner Macht Stehende, um Luises untadeligen Ruf zu beflecken und ihren antriebsarmen Gemahl als gehörnten Tölpel hinzustellen. Die Geschichte der angeblich unzüchtigen Beziehung zwischen der frommen Königin und dem Zaren wird bis zum heutigen Tag kolportiert.
Schwieriger war es für Napoleon, den Ruf von Luises Tante, der Königin Karoline Marie von Neapel-Sizilien, in den Schmutz zu ziehen. Sie hatte tatsächlich zahlreiche Affären mit Höflingen und auch ein jahrzehntelang andauerndes Liebesverhältnis mit einem ihrer wichtigsten Minister. Aber was den prüden französischen Kaiser entsetzte, akzeptierte das unbekümmerte Neapel mit Achselzucken und einem Zwinkern.
Da es Napoleon auf diese Weise nicht gelang, Karoline Marie zu schaden, dachte er sich eine lesbische Beziehung zwischen Karoline Marie und ihrer Freundin Emma, Lady Hamilton, aus. Emma war die Ehefrau des britischen Botschafters und die spätere Geliebte von Admiral Horatio Nelson. Der Franzose hatte erfahren, dass sie häufig über eine geheime Treppe in die Gemächer der Königin schlich, der wahre Grund war vermutlich der, dass sie Geheimdepeschen der britischen Alliierten überbrachte, vielleicht wollten die beiden Frauen auch nur unter Umgehung des Hofprotokolls eine Tasse Kaffee miteinander trinken. Napoleon aber sah in der Geheimtreppe den Beweis des widernatürlichen Lasters. Aber auch diese Verleumdungskampagne ging ins Leere, selbst Gerüchte über eine lesbische Beziehung ihrer Königin konnten die lebensfrohen Neapolitaner nicht aus der Ruhe bringen.
Natürlich gab es Italiener, die ihre strauchelnde Ehefrau ohne Zögern mit einem Seidenband erwürgten, aber die meisten sahen doch recht gelassen über eine sexuelle Eskapade hinweg. Als der Bußprediger Savonarola, der die Sittenlosigkeit der Florentiner gegeißelt hatte, 1498 auf dem Scheiterhaufen starb, soll ein hoch gestellter Beamter beim Anblick der züngelnden Flammen erleichtert aufgeatmet und gesagt haben: »Dem Herrn sei Dank, nun können wir zur Sodomie zurückkehren.«[8]
Und doch war Neapel eine Ausnahme – es gab kein zweites Land in Europa, in dem sich König, Hof und Volk so wenig über die Untreue ihrer Herrscherinnen aufregten wie dort. Als Königin Karoline Marie 1814 61-jährig im Schlaf starb, machte ihr Witwer König Ferdinand keinen Hehl daraus, dass die 44 Jahre ihrer Ehe für ihn ein einziges Martyrium gewesen waren. Binnen zwei Monaten heiratete er seine junge Mätresse. Ferdinands Sohn, der Thronerbe, tadelte seinen Vater, weil er eine Frau heiratete, die bekanntermaßen schon so viele Liebhaber gehabt hatte. Aber der König lachte nur: »Denk an deine Mutter, mein Sohn!«[9]
Dem Himmel muss man Liebesnot vertrauen,Gold schafft uns Land, das Schicksal unsre Frauen.
Die lustigen Weiber von Windsor, V, 5
Prinzessinnen wurden dazu erzogen, fromm, gehorsam und treu zu sein. Wenn man sie von zu Hause fortschickte, um ihren künftigen Gemahl kennen zu lernen, traten sie die Reise mit allen guten Vorsätzen an, diese wichtigen Eigenschaften in ihrem neuen Leben weiter zu pflegen. Was geschah in den folgenden Jahren, das dazu führte, dass so manche ihren Glauben, ihre Gehorsamkeit und ihre Treue verlor?
Wenn wir versuchen, uns das Leben einer königlichen Braut vorzustellen, denken wir zunächst an atemberaubende Gemächer mit jedem erdenklichen Luxus, an eine ergebene Dienerschaft, die jeden ihrer Wünsche sofort erfüllte, an kostbarste Roben und eine große Schatulle voll gleißendem Geschmeide. Wir hören weiche Violinenklänge bei einem von Kerzen beleuchteten Ball, meinen den Duft der Braten bei großen Galadiners zu riechen. Wir sehen sie mit ihrem liebevollen Gatten, ihrer wachsenden Schar gesunder Kinder, und wir beneiden sie.
In Wahrheit aber war die Königin oft an einen Mann gekettet, der sie nicht mochte und der nicht einmal mit ihr schlafen wollte. Ihre Kinder wurden ihr weggenommen und von Hofschranzen als kostbares Eigentum der Nation erzogen. Sie musste tatenlos zusehen, wenn die Leibärzte der königlichen Familie ihre Kinder zur Ader ließen und dabei umbrachten.
Ihre Dienstboten waren oft Spione ihrer Gegner. Und ihre Lebensumstände waren keineswegs körperlich angenehm oder gar luxuriös. Die riesigen Paläste waren mehrere Monate im Jahr zugig und eisig kalt. Hinter den goldverzierten Wänden wimmelte es von Ratten und Ungeziefer. Und die Königin verfügte auch nicht unbedingt über grenzenlose Finanzmittel; sie besaß nur, was ihr Gemahl ihr zu geben bereit war – und das war mitunter nichts.
Erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Reisen etwas einfacher. Bis dahin musste eine Prinzessin, die einen ausländischen Monarchen heiratete, davon ausgehen, dass sie ihre Familie niemals wiedersehen würde. Freunde und treue Dienstboten ihrer Kindheit, die sie in ihre neue Heimat begleiteten, waren am neuen Hof oft Anlass zu eifersüchtigen Intrigen. Wurden sie deswegen, was häufig geschah, als Störenfriede wieder nach Hause geschickt, blieb die Prinzessin ganz allein zurück.
Diese Schilderung erlaubt vielleicht bereits eine Ahnung, wie es passieren konnte, dass sich eine sittsame, gottesfürchtige Frau, die ohne Familie und Freunde einsam in der Fremde lebte, Hals über Kopf in eine ehebrecherische Beziehung stürzte, weil sie sich davon inmitten ihres Elends etwas Liebe und Verständnis versprach.
Im Laufe der Jahrhunderte wurden die Residenzen immer eleganter. Die Königin des Mittelalters verbrachte ihre Tage in einer großen, dunklen Halle mit kleinen Fensterschlitzen und einem riesigen offenen Kamin. Dort wurden die Mahlzeiten serviert, dort machte die Königin mit ihren Hofdamen Handarbeiten, dort empfing sie Untertanen, die Gnade oder Gerechtigkeit suchten. Aber sie war in diesem großen Raum nie allein; anwesend waren neben weiteren Mitgliedern der königlichen Familie auch der gesamte Hofstaat, geschäftige Dienstboten sowie Hunde, die abwechselnd versuchten, sich der Flöhe in ihrem Pelz zu erwehren und auf dem binsenbedeckten Fußboden Speisereste zu finden. Es gab nur wenige Möbelstücke – Tische, Bänke sowie für die Königin einen harten Stuhl mit kerzengerader Rückenlehne –, und die waren ausnahmslos unbequem. Farbenfrohe Tapisserien schmückten die Wände, sie vermochten aber weder die generelle Düsternis zu beleben noch die Kälte abzuhalten, die durch die Mauern drang.
In der Renaissance bewohnte eine europäische Königin eigene Gemächer, das waren kleine, gemütliche Zimmer mit Holztäfelung, großen Fenstern und reich verziertem Mobiliar. Im Barock hatten ihre Räume hohe, mit mythologischen Szenen verzierte Zimmerdecken, vergoldete Wände und hochglänzende Parkettböden. Die Spiegel hatten Silberrahmen, die zierlichen Möbelstücke waren mit Seide oder Satin bespannt. Aber auch wenn die Königsgemächer immer prunkvoller wurden, das Leben in den Herrschersitzen blieb außerordentlich unbequem.
Katharina die Große, die 1744 als deutsche Braut für Kaiserin Elisabeths Neffen und Thronfolger nach Russland kam, litt furchtbar unter der Kälte. Die russischen Winter, die den Bauern so zusetzten, waren auch für den Hochadel nicht leicht zu ertragen. Die Kirchen waren ungeheizt, ganze Flügel des Palastes blieben trotz prasselnder Kaminfeuer immer zugig und kalt. Die Fenster schlossen nicht richtig, sodass eisige arktische Winde durch die Zimmerfluchten pfiffen. An vielen Tagen war Katharina von der Kälte »blau wie eine Pflaume«, ihre Gliedmaßen waren völlig taub.[1] Sie war ständig erkältet und hatte Fieber.
Nachts konnte sie oft nicht schlafen, weil hinter den Wänden Ratten lärmten. Einmal brach im St. Petersburger Winterpalais ein Feuer aus, und als Katharina auf die Straße kam, sah sie Tausende schwarzer Ratten in geordneter Formation das Schloss verlassen, gefolgt von Tausenden grauer Mäuse. Sie bedauerte es nicht, dass das Palais abbrannte, außer vor Ratten und Mäusen wimmelte es dort auch »vor allem nur denkbaren Ungeziefer«.[2]
In den 1660er Jahren verwandelten Baumeister mit gewagten technischen Neuerungen ein weit außerhalb von Paris und zudem in einem Sumpfgebiet liegendes Jagdschloss in das imposante Schloss Versailles mit seiner eindrucksvollen Anlage aus Brunnen und Kanälen. Doch allen architektonischen Fortschritten zum Trotz hatte noch niemand die schlichte Idee von Fensterläden gehabt, sodass durch die offenen Fenster nicht nur eine angenehme Brise hereinkam, sondern auch Vögel, Eichhörnchen, Fledermäuse und Insekten.
Liselotte von der Pfalz, Herzogin von Orléans, wurde in den prunkbeladenen Gemächern von Versailles nicht froh. 1702 klagte sie, Stechmückenschwärme ließen ihr keine Ruhe, sie sei so zerstochen, dass man meinen könne, sie habe nochmals die Masern bekommen. Auch Wespen gebe es mehr als genug, jeden Tag werde jemand gestochen. Das illustrierte sie mit einer kleinen Episode: Wenige Tage zuvor habe sich eine Wespe unter die Röcke einer Hofdame verirrt und sie weit oben am Oberschenkel gestochen. Daraufhin sei die Dame wie eine Verrückte umhergesprungen, habe die Röcke hochgeschlagen und, immer noch herumlaufend, schrill gerufen: »Hilfe! Hilfe! Schließt die Augen und holt sie weg!«[3]
Liselotte ertrug auch das Wetter schlecht. 1707 schrieb sie, es sei so heiß, dass sich nicht einmal Greise an solche Temperaturen erinnern könnten. Am Hofe halte sich jeder, nur mit einem Hemd bekleidet, bis um sieben Uhr abends in den eigenen Räumen auf, das Hemd müsse man ständig wechseln. Sie selbst habe im Laufe eines einzigen Tages achtmal ein frisches Hemd übergestreift, und auch bei Tisch tupften sich die Anwesenden unablässig den Schweiß vom Gesicht.[4]
Im Januar 1709 dann klagte sie über eine bittere Kälte, die jeder Beschreibung trotze. Obwohl sie nah am lodernden Kaminfeuer sitze, zittere sie so sehr, dass sie den Stift kaum halten könne. Der Wein, fügte sie hinzu, gefriere in den Flaschen.[5]
Auch die sanitären Anlagen des Schlosses waren eher primitiv. Anfang des 18. Jahrhunderts konnte der Herzog von Saint-Simon berichten, dass »die königlichen Gemächer in Versailles das letzte Wort in Sachen Unbequemlichkeit sind, die rückwärtige Aussicht geht auf Aborte sowie andere unerquickliche und übel riechende Orte«.[6]
Auch Liselotte von der Pfalz äußerte sich zu diesem Thema, 1720 beispielsweise fragte sie sich, wie man Männer davon abhalten könne, auf die Straße zu pinkeln. Angesichts der vielen Menschen, die in Paris lebten, sei es geradezu ein Wunder, dass sich nicht wahre Pisseflüsse bildeten.[7] Aber in den Palästen war es um die Hygiene nicht besser bestellt als auf den Straßen. Engländer, die Versailles besuchten, äußerten sich entsetzt darüber, dass Höflinge auf den Fußboden spuckten und in die Ecken urinierten.
Selbst heute entspricht das Leben in den prachtvollen Schlössern nicht unbedingt unseren Vorstellungen. In der britischen Königsfamilie sind Kosten senkende Maßnahmen üblich, über die eine normale Mittelschichtfamilie lachen würde. 1981 stellte Prinzessin Diana verblüfft fest, dass Königin Elisabeth II. von England nachts durch den Buckingham Palace ging und die Lichter ausknipste, um Strom zu sparen. Als sich die Prinzessin beschwerte, dass es auf dem schottischen Landsitz Balmoral zu kühl sei, schlug ihr die Königin höflich vor, eine Jacke überzuziehen. Stoßen königliche Fußzehen durch Löcher in Socken, wirft man sie nicht weg und kauft neue, sondern lässt die alten Strümpfe von Dienstboten stopfen. Bettlaken werden gewendet und von beiden Seiten benutzt, bevor sie in die Wäsche wandern. Und als Dianas späterer Butler Paul Burrell seine erste Stelle im Buckingham Palace antrat, stammte die muffige Livree, in die man ihn steckte, aus den Zeiten, als Georg III. in den 1770er Jahren den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg ausfocht.
Die meisten Prinzessinnen mussten jedoch feststellen, dass die größte Unannehmlichkeit ihres Lebens nicht das Wetter, das Ungeziefer oder der Gestank menschlicher Fäkalien waren: Nichts, auch der erstaunliche Geiz ihrer neuen Verwandten, war so schlimm wie der Mann, den sie hatten heiraten müssen. Der alleinige Zweck einer königlichen Braut war das Gebären königlicher Kinder. Napoleon sagte: »Ich beabsichtige, eine Gebärmutter zu heiraten.«[8] Andere Herrscher mögen über die Taktlosigkeit des kleinen Korsen die Nase gerümpft haben, in der Sache waren sie seiner Meinung. Das Wichtigste an einer Heiratskandidatin waren nicht Bildung, Persönlichkeit oder Mildtätigkeit, nicht einmal Schönheit, sondern ihre Gebärfähigkeit.
Da sie nicht als Individuum, sondern als Körperteil gesehen wurden, machten die meisten Prinzessinnen die bittere Erfahrung, dass ihre Gefühle missachtet wurden. Die Vertreter eines Staates verfolgten ausschließlich ihre eigenen Ziele, wenn sie einer Prinzessin einen Anwärter auf ihre Hand, den sie noch nie gesehen hatte, in den höchsten Tönen priesen. Die Wünsche der künftigen Braut spielten selbstverständlich keine Rolle. Ein preußischer Minister, der 1727 Prinzessin Wilhelmine, Lieblingsschwester Friedrichs des Großen, die Zustimmung zu einem Ehekandidaten abzuringen versuchte, erklärte mit großer Geste, bedeutende Prinzessinnen würden geboren, um sich dem Wohl des Staates zu opfern. Den Einwand der Prinzessin, dass sie den zur Rede stehenden Bewerber nicht kenne, parierte der Minister geschickt mit dem Hinweis, da sie ihn nicht kenne, könne sie auch keine Abneigung gegen ihn gefasst haben.[9]
Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts lernten allerdings die meisten Prinzessinnen ihren künftigen Gemahl erst kennen, nachdem sie ihm durch Stellvertretung bereits angetraut worden waren. Diese Zeremonie fand vor der ersten Begegnung der Verlobten an deren jeweiligen Heimatorten statt, bei der kirchlichen Trauung und dem Ringwechsel wurde der abwesende Ehegatte, also die Braut oder der Bräutigam, durch eine ehrenwerte Person vertreten.
Eigentümlicherweise folgte auf eine solche Trauungszeremonie durch Stellvertretung auch eine Beischlafzeremonie durch Stellvertretung. Dafür begaben sich Ehegatte und Stellvertreter in Anwesenheit der gesamten Hochzeitsgesellschaft zum königlichen Bett. Die mit einem aufwendig gearbeiteten Nachtgewand bekleidete Braut legte sich hin. Der völlig bekleidete Bräutigam zog Stiefel und Strümpfe aus, legte sich neben die Braut und berührte ihren nackten Fuß mit dem seinen. Damit galt die Ehe durch Stellvertretung als vollzogen.
Eine Eheschließung durch Stellvertretung hatte viele Vorteile. Damit waren Mitgift, Handelsabkommen, militärische Bündnisse und Verträge ratifiziert, bevor sich die Braut auf Reisen begab. Zudem war die Ehre der Prinzessin gesichert, denn nun verließ sie ihr Heimatland als verheiratete Frau, um ihren Ehemann zu treffen. Von Vorteil war auch, dass es danach keinen Weg zurück gab, egal, ob den Bräutigam beim ersten Blick auf seine Braut das Entsetzen packte oder die Braut ihren Gatten sofort zum Weglaufen fand. Mit dem »echten« Brautpaar wurde eine zweite Trauungszeremonie abgehalten, aber nach der Heirat durch Stellvertretung war eine Aufhebung der Ehe nur durch langwierige juristische Verfahren möglich.
1672 verließ die 20-jährige Prinzessin Elisabeth Charlotte (Liselotte) von der Pfalz ihre Heimatstadt Heidelberg, um zu ihrem Gatten zu reisen, dem sie bereits angetraut worden war – es handelte sich um Philipp, Herzog von Orléans, den transvestitischen Bruder Ludwigs XIV. Die ganze Reise über weinte sie bitterlich, denn sie hatte bereits von seiner Vorliebe für junge Männer gehört, und man hatte ihr zudem das Gerücht zugetragen, einer seiner Liebhaber habe Philipps erste Frau in einem Eifersuchtsanfall vergiftet.
Als sich die Jungvermählten zum ersten Mal gegenüberstanden, waren beide sprachlos. Liselotte sah eine lange aristokratische Nase unter einer schwarzen Lockenperücke hervorragen, außerdem trug ihr Mann Brillantohrringe, Sturzfluten von Spitzenvolants und Bordüren, Dutzende von klirrenden Armbändern, Kniebundhosen mit applizierten Bändern und Schuhe mit hohem Absatz. Philipp erblickte ein breites, gutmütiges Gesicht, nach der Reise sauber geschrubbt, winzige blaue Schweinsäuglein und ein ausladendes Hinterteil. Der entsetzte Bräutigam flüsterte den Herren seiner Entourage zu: »O Gott! Soll ich mit so etwas schlafen?«[10]
Liselotte musste feststellen, dass die vergoldete Pracht ihres neuen Zuhauses nicht dazu angetan war, ihren Schmerz zu lindern. Ihrer geliebten Tante, Herzogin Sophie von Hannover, klagte sie, sie müsse gegen ihren Willen in Versailles bleiben, dort müsse sie, ob sie wolle oder nicht, leben und eines Tages sterben.[11] In den vielen Jahren ihrer Ehe dachte sie hin und wieder daran, ihrem Mann und der Verlogenheit der Hofgesellschaft einfach zu entfliehen.[12] Aber dann trotzte sie all dem bewusst und schrieb, wer sterbe, weil man ihm droht, den solle man unter Eselfürzen in die Erde senken.[13]
Als Liselotte und ihr Mann, den man Monsieur nannte, älter wurden, brüskierte er sie, indem er seinen Liebhabern ihre Roben und ihren Schmuck schenkte. Abseits ihrer Repräsentationspflichten bei Hofe, in der Privatheit ihrer elegant eingerichteten Versailler Gemächer, hatten die beiden einander selten etwas zu sagen. Liselotte erzählte Herzogin Sophie von einem Abend, den sie mit ihrem Mann und den erwachsenen Kindern verbracht hatte. Nach einer langen Stille habe Monsieur, der sie und die Kinder einer Unterhaltung nicht für würdig befunden habe, laut gefurzt und dann, an Liselotte gewandt, gefragt: Was war das, Madame? Liselotte habe ihm den Hintern zugedreht, selbst ein entsprechendes Geräusch produziert und geantwortet: Das war es, Monsieur. Daraufhin habe ihr Sohn gemeint, wenn das alles sei, das könne er ebenso gut wie Monsieur und Madame – dann habe auch er ordentlich einen fahren lassen. So, schloss sie ihren Brief, verliefen fürstliche Konversationen.[14]
1768 bestieg Erzherzogin Karoline Marie von Österreich ein farbenfroh geschmücktes Schiff, das sie nach Neapel bringen würde, in jenes Königreich, über das sie mit dem Mann herrschen sollte, dem sie bereits vermählt worden war. Die 15-Jährige blickte auf das Meer hinaus und äußerte düster, es wäre vermutlich besser für sie, wenn jemand sie über Bord würfe.
König Ferdinand IV., ihr 17-jähriger Bräutigam, war oft von Herpesbläschen bedeckt, was seine Leibärzte als Zeichen von unverwüstlich guter Gesundheit deuteten. Er hatte nahezu keine Schulbildung erhalten, seine Brüder galten als unheilbar geisteskrank, und seine Betreuer fürchteten, dass Ferdinand bei der geringsten geistigen Anstrengung selbst den Verstand verlieren könnte. Der König amüsierte sich damit, seine Höflinge in den Hintern zu kneifen und ihnen, wenn sie nicht hinsahen, Marmelade in den Hut zu kippen. Er fuhr mit den neapolitanischen Fischern aufs Meer hinaus und verkaufte seinen Fang selbst an einem Marktstand, wobei er mit den Kunden um den Preis feilschte und sie laut verfluchte.
Am Morgen nach seiner Hochzeitsnacht mit Karoline Marie wurde Ferdinand befragt, wie ihm seine Braut gefallen habe. Er schüttelte nur den Kopf: »Sie schläft wie erschlagen und schwitzt wie ein Schwein.«[15]
Nachdem Ferdinand in der Öffentlichkeit eine Mahlzeit zu sich genommen hatte – ein besonderes Ereignis, bei dem der Monarch allein auf einem Podest saß, von gaffenden Zuschauern aller Schichten umgeben –, pflegte er nach seinem Nachtgeschirr zu verlangen und zum Amüsement seines Publikums mit erkennbarem Stolz zu defäkieren. Aber der König wollte immer, nicht nur bei öffentlichen Banketten, Gesellschaft haben, wenn er einem natürlichen Bedürfnis nachkam. 1771 besuchte Karoline Maries Bruder Joseph II. von Österreich das neapolitanische Königspaar und konnte sich über die besondere Auszeichnung einer Einladung freuen, den Monarchen nach dem Festmahl zu dessen Nachtgeschirr begleiten zu dürfen.
Joseph schilderte die Szene in einem Brief nach Hause. Er habe ihn mit heruntergelassenen Hosen auf diesem Thron sitzend vorgefunden, von fünf oder sechs Dienern, Kammerherrn und anderen umstanden. Man habe über eine halbe Stunde lang geplaudert, und der König wäre wohl immer noch dort, wenn nicht ein grässlicher Gestank alle Anwesenden überzeugt hätte, dass der Akt vollzogen war. Der König aber habe mit großer Freude alle Details beschrieben und sogar den Wunsch geäußert, den Anwesenden das Ergebnis zu zeigen. Er sei mit heruntergelassenen Hosen und dem stinkenden Topf in der Hand zwei Herren hinterhergelaufen, die allerdings die Flucht ergriffen hätten. Er selbst habe sich unauffällig zu seiner Schwester zurückgezogen, sodass er nicht wisse, wie die Sache ausgegangen sei und ob die Flüchtenden mit dem Schrecken davongekommen seien.[16]
Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Reisen dank komfortabler Züge und luxuriös ausgestatteter Dampfschiffe erheblich einfacher und bequemer. Als Folge davon konnten sich die füreinander Bestimmten wenigstens kennen lernen, bevor sie einer Heirat zustimmten. Das änderte nichts daran, dass die meisten Ehen unglücklich waren. 1891 heiratete Prinzessin Luise von Toskana Prinz Friedrich August, den späteren König Friedrich August III. von Sachsen. Der blonde Prinz bezauberte die junge Frau mit seinen ausgesuchten Manieren und seinem guten Aussehen. Aber Jahre später konstatierte sie ernüchtert in ihren Memoiren: »Jede Prinzessin träumt von ihrem wunderbaren Prinzen, aber sie begegnet ihm selten und heiratet in aller Regel einen Mann, der mit dem Helden ihrer Mädchenträume nichts gemein hat.«[17]
Das Palastleben mag kein reines Vergnügen gewesen sein, das Sexualleben einer Königin aber, der intimste Aspekt der Beziehung zwischen einer Frau und ihrem Ehemann, war oft schlicht grauenvoll. Sehr viele Prinzessinnen hatten nicht die geringste Ahnung, was sie in der Hochzeitsnacht erwartete, und wurden panisch, wenn sich dieser fremde Mann auf sie legte und anfing, schmerzhaft in sie hineinzustoßen.
1797 heiratete die 18-jährige Prinzessin Friederike von Baden den 19-jährigen König Gustav IV. Adolf von Schweden. Zum Abschluss der Heiratszeremonie wurde sie mit ihrem neuen Ehemann zum Bett geleitet, dann zogen sich die Gäste zurück. Wenige Augenblicke später kam die junge Braut schreiend aus dem Schlafgemach gelaufen und flüchtete sich in die Arme ihrer Hofdamen, die sich in einem Vorzimmer aufhielten. Sie hatte gerade erfahren, was von ihr erwartet wurde, und sie weigerte sich, dies zu erfüllen. Es dauerte mehrere Wochen, bis die Braut überredet werden konnte, in die ruppigen Umarmungen ihres Gatten zurückzukehren.
Als 1503 die 13-jährige Margaret Tudor mit dem 30-jährigen James IV. von Schottland ins Brautbett stieg, musste sie zu ihrem Entsetzen nicht nur feststellen, dass sich ihr Mann auf sie rollte und sie umstandslos penetrierte, sondern dass er als Buße für seine Sünden auch eine Eisenkette um die Taille trug, die er niemals abnahm. Man kann sich ausmalen, wie sich das rostige Eisen auf ihrer zarten Haut anfühlte. Die 17-jährige Marie von Edinburgh, eine Enkelin von Königin Viktoria, war 1893 von dem, was ihr Ehemann, der Kronprinz von Rumänien, in der Hochzeitsnacht mit ihr anstellte, gründlich verwirrt. »In meiner Unreife versuchte ich seine Leidenschaft zu erwidern, aber ich hungerte und dürstete nach etwas anderem«, schrieb sie Jahre später in ihren Lebenserinnerungen. »Über allem lag ein schales Gefühl, ich wartete offenkundig auf etwas, das nicht kam.« Danach weinte sie noch wochenlang. »Oft musste ich den Mund in das Kissen pressen, um nicht vor Kummer und Sehnsucht laut Mama, Mama, Mama! zu rufen.«[18] Als sie sich irgendwann auch noch jeden Morgen übergeben musste, war sie sicher, dass sie sterben würde. Niemand hatte ihr gesagt, wie eine Frau schwanger wurde.
Den ganz bestimmt schlimmsten unerwünschten Geschlechtsverkehr, den eine Königin über sich ergehen lassen musste, erlebte die 26-jährige Marie Luise von Savoyen. Sie litt an Tuberkulose, 1714 lag sie mit rasselnden Lungen und Blut speiend im Sterben. Ihr Ehemann König Philipp V. von Spanien war über ihren bevorstehenden Tod verzweifelt – nicht weil ihm die teure Gemahlin, sondern weil ihm der Sex mit ihr fehlen würde. Der König war frommer Katholik, er fürchtete das Höllenfeuer, falls er mit einer anderen als seiner Ehefrau schlief. Und er wusste auch, dass er nach ihrem Tod ziemlich lange ohne Geschlechtsverkehr würde leben müssen, bevor er wieder heiraten durfte. Statt also betend und trauernd am Bett der Sterbenden zu knien, sprang er mehrfach täglich zu ihr unter die Decke und begattete sie. Die Königin ertrug seine Anstrengungen mit bewundernswerter Geduld, vielleicht war es ihr ein Trost, dass sie das die längste Zeit getan hatte. Nachdem Marie Luise die Sterbesakramente empfangen hatte und im Todeskampf keuchte, konnte der König nur mit Mühe davon abgehalten werden, sie ein allerletztes Mal »fleischlich zu erkennen«.
Manche Braut, die auf die Ereignisse der Hochzeitsnacht vorbereitet war, musste zu ihrer Überraschung feststellen, dass sich gar nichts ereignete: Der Gemahl war impotent.
1615 heiratete der von nervösen Ticks geplagte 14-jährige König Ludwig XIII. seine Cousine Anna, eine rehäugige spanische Prinzessin. Sie war die Tochter und Enkelin von Habsburgerinnen, die spanische Könige geheiratet hatten. Und obwohl ihr Vater König Philipp III. von Spanien war, wurde seine Tochter, die Infantin von Spanien, nicht unter dem Namen Anna von Spanien bekannt, sondern als Anna von Österreich. Nach dem Hochzeitsbankett verließ der König zum Erstaunen seiner Gäste gemessenen Schrittes den Festsaal und zog sich in seine Gemächer zurück. Seine Mutter musste ihn überreden, sein eigenes Bett zu verlassen und in dem der Königin zu schlafen. »Liebster Sohn«, sagte sie zu ihm, »es reicht nicht aus, verheiratet zu sein. Ihr müsst Eure Ehefrau, die Königin besuchen, sie erwartet Euch.«[19]
Gehorsam legte sich der König zwei Stunden zu seiner Frau ins Bett, dann schlüpfte er wieder in seine Pantoffeln und kehrte in seine Räume zurück. Die Jahre vergingen, König und Königin blieben unberührt. Allen diesbezüglichen Ratschlägen begegnete der König mit dem Hinweis, es gebe keinen Anlass zur Eile und er könne nicht genug auf seine Gesundheit achten. Dabei war diese Ehe, die ein recht prekäres Abkommen zwischen Frankreich und Spanien ratifizierte, ungültig, solange sie nicht vollzogen war. Dieser Zustand sorgte die beiden Staaten ebenso wie den Vatikan, dem an einem starken Band zwischen den beiden mächtigsten katholischen Staaten Europas gelegen war. 1618 teilte Kardinal Guido Bentivoglio dem Papst schriftlich mit, er habe dem König geraten, sich durch Masturbation auf den ehelichen Geschlechtsverkehr vorzubereiten, der Beichtvater des Königs aber habe ihm das verboten, weil sie eine Sünde sei.
Als der König 18 Jahre alt war, flehte ihn sein Berater Herzog de Luynes an, zur Königin zu gehen und nun endlich die Ehe zu vollziehen. Daraufhin begann der König zu weinen. Der Herzog hob den schluchzenden Monarchen hoch und trug ihn in die Gemächer der Königin, der königliche Kammerdiener ging mit einer Kerze voran und leuchtete den Weg. Endlich im Bett seiner Gemahlin angekommen, blieb Ludwig drei Stunden, in denen er endlich seine königliche Pflicht erfüllte. Aber dem König schien diese Angelegenheit nicht besonders viel Spaß zu machen, denn das Sexualleben der beiden blieb kümmerlich.
Im Dezember 1637 wollte der König vom Louvre aus in sein Schloss in Saint-Maur reisen, geriet aber auf dem Weg in ein furchtbares Unwetter. Da sein Bett und sein Bettzeug bereits vorausgeschickt worden waren, fand er sich in der peinlichen Situation wieder, dass er in den Louvre zurückkehren und unangemeldet bei seiner Ehefrau auftauchen musste, da diese als Einzige ein Bett hatte, das eines Königs würdig war. Vor die Wahl gestellt, eine Nacht in eisigem Regen und Sturm zu verbringen oder sich den Schrecken des ehelichen Lagers mit der Königin zu stellen, das er sieben Jahre lang nicht mehr geteilt hatte, entschied er sich zunächst beherzt für das Unwetter. Aber seine triefenden Kammerdiener konnten ihn dann doch überreden, zur Königin zu gehen. Dieses Gewitter erwies sich als glückliche Fügung für Frankreich. Neun Monate später kam, nach 23 Jahren Ehe, der spätere Ludwig XIV. zur Welt. Und es ist vielleicht nicht überraschend, dass Königin Anna nach dem Tod ihres Gatten im Jahr 1643 eine lustige Witwe wurde. Drei Jahrzehnte lang hatte sie an seiner Seite praktisch keusch gelebt, die folgenden 20 Jahre hatte sie in Kardinal Mazarin einen gebildeten und potenten Liebhaber.
1769 heiratete der 16-jährige Kronprinz von Frankreich, der spätere Ludwig XVI., die 14-jährige Marie Antoinette von Österreich, von der es hieß, sie sei die schönste Prinzessin Europas. In der Hochzeitsnacht fand sich der übergewichtige, ungeschickte und krankhaft schüchterne Prinz allein mit einer blonden, blauäugigen Schönheit wieder, die nur aus goldenen Locken und goldenen Kurven zu bestehen schien. Er konnte sich vor Angst kaum rühren, aber die Impotenz des jungen Mannes war nicht nur psychischer Natur. Er litt unter einer Phimose, einer Verengung der Vorhaut, die jede Erektion schmerzhaft und den Geschlechtsverkehr praktisch unmöglich machte.
Drei Jahre nach der Hochzeit war sein Großvater König Ludwig XV. – der seit seinem fünfzehnten Lebensjahr kaum einen Tag ohne Sex verbracht hatte – mit seiner Geduld am Ende. Er befahl einem seiner Leibärzte, dem jungen Paar Sexualunterricht zu geben. Sie setzten Ludwig auf Diäten, die ihn männlicher machen sollten, ihn aber nur noch dicker werden ließen. In einem verzweifelten Versuch, den Prinzen sexuell zu erregen, schmückten sie die Wände des Korridors, der zu den Gemächern seiner Frau führte, mit pornographischen Drucken und obszönen Malereien. All diese Bemühungen blieben ebenso vergeblich wie der Versuch, den Prinzen zu einer Beschneidung zu überreden, die ihn von seinen Beschwerden befreit hätte. Seine Weigerung ist durchaus nachvollziehbar, wenn man weiß, dass eine Narkose damals in reichlich Cognac bestand und sich etwa 25 Prozent aller Wunden infizierten und zum Tode führten.
Marie Antoinettes Mutter, die österreichische Kaiserin Maria Theresia, die nicht weniger als 16 Kinder zur Welt gebracht hatte, fand die Lage ihrer Tochter alarmierend genug, um ihren Sohn und Mitregenten Joseph II. nach Paris zu schicken. Er sollte mit Ludwig reden. Am 9. Juni 1777 schrieb Joseph in einem Brief an die Mutter in Wien, seine Schwester und der König befänden sich in einer eigenartigen Situation. Er sei nur zwei Drittel ihr Ehemann, er liebe sie zwar, fürchte sie aber mehr. Im Ehebett habe er, und dies sei nun das gehütete Geheimnis, starke, gut ausgebildete Erektionen, er führe das Glied ein, verharre dort etwa zwei Minuten lang reglos, ziehe dann das immer noch erigierte Glied ohne Ejakulation zurück und verabschiede sich. Das alles sei völlig unverständlich, denn er habe durchaus gelegentlich nächtliche Samenergüsse, niemals aber beim Geschlechtsverkehr. Der König sei damit aber zufrieden, er sage unumwunden, dass er es nur aus Pflichtgefühl, niemals aus Lust tue. Joseph äußert der Mutter gegenüber sein Bedauern, nicht persönlich dabei sein zu können, er würde sich seiner schon annehmen. Seine etwas überraschende Idee, wie er das Problem lösen würde, lautet: »Ich würde ihn auspeitschen, bis er aus reiner Wut ejakulierte wie ein Esel.«[20]
Warum auch immer, jedenfalls ließ sich Ludwig noch 1777 zum Wohle des Staates operieren. Seine Ärzte hatten sich wohl vor dem Eingriff die Hände und auch ihre Instrumente gründlich gewaschen, denn er überstand die Operation gut. Einige Wochen später konnte er mit seiner Gemahlin schlafen, aber wirkliche Freude sollte ihm der Geschlechtsverkehr nie bereiten. Marie Antoinette empfand ihn als körperlich abstoßend, und nachdem sie ihm einen Sohn und eine Tochter geschenkt hatte, begann sie eine stürmische Affäre mit Graf Axel von Fersen, einem eleganten, sehr gut aussehenden schwedischen Adligen.
Der älteste Sohn des Königspaares starb im Kindesalter, und es deutet einiges darauf hin, dass Marie Antoinettes zweiter Sohn, der spätere Ludwig XVII., das Kind ihres Liebhabers war, denn der Junge kam genau neun Monate nach Fersens Besuch in Versailles zur Welt. Ludwig vermerkte in seinem Tagebuch: »Um halb sieben brachte die Königin den Herzog der Normandie zur Welt. Es verlief alles genau so wie bei meinem Sohn (dem Dauphin).«[21] Dies klingt, als habe Ludwig den Jungen nicht für sein Kind gehalten. Und ein Höfling bemerkte, das dritte Kind der Königin sei »eines der schönsten Kinder, das man je gesehen hat«, was per se Zweifel an Ludwigs Vaterschaft aufwarf.[22]
Viele europäische Adlige waren homosexuell, was sie aber nicht daran hinderte, ihre ehelichen Pflichten zu erfüllen. Der englische König Edward II. zeugte vier Königskinder, auch wenn er sein ganzes Leben lang in Männer verliebt war.
Der Transvestit Philipp, Herzog von Orléans, hatte mit zwei Ehefrauen sechs Kinder, vielleicht stärkte ihn das klirrende Heiligenmedaillon, das er sich vor dem Akt um das Glied band. 1614 verliebte sich James I. von England Hals über Kopf in den jungen George Villiers, der König überschüttete ihn mit Ämtern und Auszeichnungen und ernannte ihn zum Grafen, zum Marquis, zum Herzog und schließlich sogar zum Lord High Admiral, eine Art Marineminister. Dennoch konnte er stolz auf nicht weniger als neun Kinder verweisen, die er mit seiner Gemahlin Königin Anne, einer dänischen Prinzessin, hatte.
Aber nicht alle homosexuellen Prinzen konnten sich zum ehelichen Verkehr zwingen. Gustav III. von Schweden war von dem Gedanken, mit einer Frau zu schlafen, dermaßen angewidert, dass er es nicht einmal versuchen mochte. Die höfliche Umschreibung der Zeitgenossen war, der Prinz opfere nicht am Schrein der Venus.[23] Dennoch heiratete er 1766 Prinzessin Sofia Magdalena von Dänemark. Als ein schwedischer Künstler 1769 an den Kopenhagener Hof kam, erkundigte sich König Christian VII. nach dem Befinden seiner Schwester. »Sie ist so glücklich, wie es eine Frau nur sein kann, die drei Jahre nach ihrer Heirat noch immer unberührt ist«, lautete die Antwort.[24]
Dennoch empfand Gustav die Kinderlosigkeit seiner Gemahlin als Rätsel. Dabei brauchte er dringend einen Nachkommen, um seinen wackelnden Thron zu festigen. Einflussreiche Adlige, von Gustav ihrer Privilegien beraubt, drohten mit Rebellion, und alle wussten, dass ein Herrscher ohne Nachkommen einfacher zu stürzen war. Plötzlich machte das Gerücht die Runde, dem König sei nach elf Ehejahren ein großartiger Gedanke gekommen.
Es war ihm nicht entgangen, welche Blicke seine jungfräuliche Königin mit dem besonders eleganten Höfling Adolph Fredric Munck wechselte. Nun habe der König, so die Geschichte, die wie ein Buschfeuer durch den schwedischen Hof lief, die beiden bedrängt, eine Liebesbeziehung einzugehen. Als sie zögerten – ein solcher Verrat konnte nicht nur Entehrung, sondern den Tod nach sich ziehen –, habe Gustav seinen Wunsch handschriftlich niedergelegt, und zwar einmal für Graf Munck und ein zweites Mal für seine Gemahlin. Später hieß es, Sofia Magdalena habe zwar bis zu ihrem Tod ihre Rolle als Königin erfüllt, tatsächlich aber habe sie auf einer geheimen Scheidung bestanden und sofort Graf Munck geheiratet. Das sei geschehen, damit der König, falls er seine Meinung ändern sollte, sie nicht wegen Ehebruch belangen könne.
Binnen eines Jahres nach dem Beginn dieser angeblichen Liaison brachte Sofia Magdalena den späteren Gustav IV. Adolf zur Welt. Der König war begeistert, dass er nun einen Erben hatte – für den er offenkundig nicht mit einer Frau hatte schlafen müssen –, und kam zu den Regierungssitzungen mit dem illegitimen Sohn seiner Frau auf den Schultern.
Friedrich der Große stand im Verdacht der Bisexualität, nachdem sein Vater 1730 Hans Hermann von Katte, den Freund des jugendlichen Friedrich, vor dessen Augen hatte hinrichten lassen. Es hielten sich beharrlich Gerüchte, wonach von Katte den Kronprinzen verführt haben soll, aber es ist nicht geklärt, ob Friedrich wirklich jemals homosexuelle Beziehungen unterhielt. Sicher ist nur, dass er sich 1733, inzwischen 19 Jahre alt, entsetzt dem Befehl seines Vaters zu entziehen suchte, die wenig attraktive Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern zu heiraten.
Der Thronfolger protestierte mit dem Argument, er habe sich durch das Schwert auszeichnen wollen und sei nicht bestrebt gewesen, königliche Gunst anderwärts zu erwerben. Nun obliege es ihm nur zu ficken. Und er sagte, er bedauere diese arme Person, mit ihr werde es auf der Welt eine weitere unglückliche Prinzessin geben.[25]
Friedrich äußerte die Meinung, wer sich von einer Frau herumschubsen lasse, sei der Welt größtes Arschloch und verdiene nicht, Mann genannt zu werden. Liebe lasse sich nicht erzwingen, er sei dem Geschlechtsverkehr zugeneigt, doch auf unstete Art: Er liebe den unmittelbaren Genuss, dann aber verachte er ihn. Man möge also selbst urteilen, ob er aus dem Stoff sei, aus dem man gute Gatten mache. Und dann sagte er: »Ich werde heiraten, aber danach: Adieu und Gott befohlen!«[26]
Nachdem einige halbherzig angegangene Versuche, ein Kind zu zeugen, ergebnislos geblieben waren, verbannte Friedrich, inzwischen selbst König, seine Gemahlin Elisabeth ins Schönhausener Schloss im Norden Berlins, wo sie dick wurde, Hunde züchtete und versuchte, mit der jämmerlichen Apanage zurechtzukommen, die er ihr zugestand; er selbst wandte sich wieder seinen Lieblingsbeschäftigungen zu – Kriege führen und Flöte spielen. Er erwies der Königin aber so viel Respekt, dass er einmal im Jahr mit ihr dinierte.
Bis ins 20. Jahrhundert hinein war es einer königlichen Mutter verwehrt, ihre Kinder zu stillen, auf ihre Erziehung oder auch nur die Wahl ihrer Ehegatten Einfluss zu nehmen. Königskinder gehörten nicht ihren Eltern, sondern dem Staat.
