Liebe leben - Melanie Mittermaier - E-Book

Liebe leben E-Book

Melanie Mittermaier

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Beschreibung

Melanie Mittermaier redet Klartext. Schonungslos räumt sie mit den verbreiteten Mythen und Illusionen rund um Beziehungen auf. Als Affärenmanagerin, Paarberaterin und Beziehungscoach hilft sie Paaren in der Krise, ihren Weg zurück in eine erfüllte leiden- schaftliche und authentische Beziehung zu finden – auch wenn die Ausgangssituation zum Beispiel nach einem Seitensprung oder in einer Sexkrise aussichtslos erscheint. In diesem Buch offenbart sie ihre Erkenntnisse aus mehr als zwölf Jahren Paarberatung und verrät die Geheimnisse erfolgreicher Langzeitbeziehungen. Ein Buch, das schwer aus der Hand zu legen ist, das polarisiert und zum Denken anregt, aber auch vermittelt, wie lange Beziehungen glücklich werden können

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Impressum

Auflage Januar 2023

Text: Melanie Mittermaier

Lektorat: Katharina Frier-Obad / www.die-welt-braucht-schoene-texte.de

Satz & Layout: NUSPA Entwicklungsgesellschaft mbH

Titel mit einem Foto von Josepha und Markus / www.josephaundmarkus.com und Elementen von www.unsplash.com

Grafische Elemente im Buch unter Verwendung von Material von www.freepik.com und www.flaticon.com

Copyright © 2023

NUSPA Entwicklungsgesellschaft mbH

Kriwitz 23, 29485 Lemgow

[email protected]

Das Werk einschließlich aller Inhalte ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder Reproduktion (auch auszugsweise) in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie oder anderes Verfahren) sowie die Einspeicherung, Verarbeitung, Vervielfältigung und Verbreitung mit Hilfe elektronischer Systeme jeglicher Art, gesamt oder auszugsweise, ist ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung des Verlages untersagt. Alle Übersetzungsrechte vorbehalten.

Haftungsausschluss

Die Benutzung dieses Buchs und die Anwendung der darin enthaltenen Informationen erfolgt ausdrücklich auf eigenes Risiko. Haftungsansprüche gegen den Verlag oder die Autorin für Schäden materieller oder ideeller Art, die durch die Nutzung oder Nichtnutzung der Informationen bzw. durch die Nutzung fehlerhafter und/oder unvollständiger Informationen verursacht wurden, sind grundsätzlich ausgeschlossen. Rechts-und Schadenersatzansprüche sind daher ausgeschlossen.

Melanie Mittermaier

Liebe leben

Was alle Paare wissen sollten, aber niemand sagt

Vorwort von Andi Mittermaier

Diesen Sommer ist mir etwas sehr Dummes passiert. Beim Bergsteigen in den Schweizer Alpen habe ich bei einer Pause bemerkt, dass meine Steigeisen, die ich außen am Rucksack befestigt hatte, nicht mehr da waren. Mein Bergkamerad und ich befanden uns gerade im Hüttenaufstieg am Beginn eines steilen Gletschers. Es war der erste Tag unserer geplanten Hochtourenwoche und wir waren schon mehr als zwei Stunden über Eis und Schutt aufgestiegen, größtenteils abseits der Wege.

Der Schreck breitete sich über meinen ganzen Körper aus. Das plötzliche Pochen in meinem Kopf übertönte das Rauschen des Gletscherwassers. Schlagartig war mir klar, was das Fehlen der Steigeisen bedeuten konnte. Mein Gehirn erzeugte in Sekundenschnelle das Worst-Case-Szenario. Denn eines stand außer Frage: Weiterzugehen war unmöglich. Umkehren? Steigeisen nicht mehr finden. Abbruch. Ganze Urlaubswoche im Eimer. Und ich bin schuld!

Ärger machte sich breit und ich spürte, wie mein Puls enorm in die Höhe ging. Als ich meinem Freund das Malheur verkündete, reagierte dieser sehr gelassen. „Hm, blöd, welche Optionen haben wir jetzt?“ Mit diesen Worten war ich blitzschnell wieder ruhig und gefasst und mein Großhirn übernahm das Ruder. Keine fünf Minuten später war gemeinsam ein Plan geschmiedet.

Allein lief ich den ganzen Weg ohne Gepäck zurück und fand die Steigeisen glücklicherweise am Wegesrand, zwar erst kurz vorm Auto, aber in Summe war ich sehr schnell wieder zurück und mein Freund musste nur zwei Stunden in der Kälte warten. Wie geplant konnten wir unsere Tour fortsetzen. In diesem Moment war ich enorm dankbar, einen so tollen Bergpartner an meiner Seite zu haben. Ich war auch stolz auf mich, dass ich, zumindest nach einer Schrecksekunde, so klar und zielorientiert handeln konnte. Und wir konnten gemeinsam eine ruhige Konversation führen – ohne Vorwürfe.

Beim Lesen dieses Buches ist mir immer wieder dieses Bergerlebnis eingefallen und mir wurde bewusst, wie viel Arbeit darin steckt, sich nicht von unerwarteten Ereignissen aus der Bahn werfen zu lassen, und wie wertvoll es ist, in heiklen Situationen ruhig und fokussiert kommunizieren zu können. Eine Bergkameradschaft ist anspruchsvoll, vor allem, wenn man den ganzen Tag durch ein Seil miteinander verbunden ist.

In diesem Buch geht es nicht um Bergkameradschaften, sondern um Lebenspartnerschaften, und die sind mit Sicherheit deutlich anspruchsvoller. Ich war beim ersten Lesen zutiefst beeindruckt, wie umfangreich das Thema ist und wie viel Melanie und ich als Ehepaar schon gemeistert haben. Mit Freude habe ich erkannt, wie viele Inhalte für mich schon selbstverständlich und in meinem Handeln fest verankert sind. Eine wertschätzende und respektvolle Kommunikation ohne Vorwürfe gehört ebenso dazu wie ein liebevoller Umgang miteinander.

Im Kapitel „Nicht dein Zirkus, nicht deine Affen!“ sehe ich einen weiteren wesentlichen Schlüssel für das Gelingen unserer Beziehung. Mich um meine Gefühle zu kümmern und für mich die volle Verantwortung zu übernehmen, hat mich enorm weitergebracht und in der Folge auch unsere Beziehung entspannter gemacht.

Es stecken so viele tolle Fragen in diesem Buch, bei deren Beantwortung ich unsere Beziehung reflektieren konnte. Wie schön, dass es immer wieder altbekannte und neue Ansätze gibt, diese Partnerschaft auf ein noch höheres Level zu heben – noch entspannter, noch lustiger und immer wieder interessant, stets mit Potential zur Weiterentwicklung.

Doch wie immer gehören zu einer Beziehung zwei Personen und das bedeutet auch, dass sich zwei Personen weiterentwickeln. Wie bereichernd es doch ist, sich gemeinsam über ein Kapitel auszutauschen und damit sich selbst und die andere Person besser kennenzulernen. Wir beide lieben es zu quatschen, zu diskutieren und das ist vielleicht auch ein wesentlicher Grund dafür, dass wir uns gemeinsam, und zwar beide auf unsere individuelle Art, weiterentwickelt haben. Dass das so möglich war, dafür bin ich Melanie sehr dankbar.

Mit diesem Buch ist ihr sicherlich ein Werk gelungen, das bei vielen Menschen dauerhaft auf dem Nachttisch liegen wird – oder liegen sollte! Kein trockener, zäher Ratgeber mit erhobenem Zeigefinger, sondern ein lebensbejahender, lustiger und tiefgründiger, mit vielen wertvollen Inhalten gespickt. Ich hatte sehr viel Freude beim Lesen – und ja, das Buch liegt auch bei mir immer griffbereit.

Die Welt verändert sich, wir verändern uns und immer wieder aufs Neue dürfen wir an uns und unserer Beziehung arbeiten. Mit diesem Buch gelingt das deutlich einfacher und entspannter. Ich wünsche auch dir viel Spaß beim Lesen, viele Erkenntnisse und vor allem viel Freude in deinem Leben.

Andi Mittermaier

EINLEITUNG

Was bitte schön macht eine Affärenmanagerin?

Servus! Ich bin die Melanie. Ich bin Affärenmanagerin und Liebes-Coach!

„Was macht denn bitte eine Affärenmanagerin?“

Diese Frage wird mir in jedem Interview gestellt und aus diesem Grund habe ich mir die Bezeichnung auch für mein Marketing ausgesucht. Es macht die Menschen stutzig und neugierig. Die Bezeichnung wurde mir auf einem Seminar von anderen Teilnehmenden verliehen, als sie mitbekamen, was ich beruflich mache. Ich fand es cool und einzigartig.

Ich kann behaupten, dass ich Deutschlands erste und aktuell noch einzige Affärenmanagerin bin. Oder kennst du noch jemanden wie mich?

Meine Arbeit polarisiert. Wenn ich auf einer Party von fremden Menschen gefragt werde, was ich beruflich mache, sucht die eine Hälfte schnell das Weite, während die andere Hälfte näher rückt und neugierig anfängt, Fragen zu stellen.

Als Affärenmanagerin helfe ich weder dabei, eine Affäre zu finden. Dafür gibt es sehr erfolgreiche Plattformen, die viel Geld damit verdienen.1 Auch helfe ich nicht dabei, eine Affäre zu vertuschen, noch gebe ich Ratschläge, wie man möglichst diskret dabei vorgeht. Das ist nicht mein Zirkus, auch dafür gibt es andere. Mein Job ist es, meine Kund*innen bei allen Schwierigkeiten zu unterstützen, die vor, während und vor allem nach einer Affäre auftreten. Das geht von einer einseitigen Schwärmerei für den Chef oder einem Kuss im angetrunkenen Zustand auf einer Party bis hin zu jahrzehntelangen Zweitbeziehungen und sogar Doppelleben mit einer zweiten Familie an einem anderen Ort, ohne dass die beiden Familien voneinander wissen.

99 Prozent meiner Kund*innen haben in irgendeiner Form Probleme mit der Monogamie. Entweder empfinden sie das System als zu eng und als nicht mehr stimmig, weil sie sich fremdverliebt haben und erschrocken über sich selbst feststellen, nach einigen Jahren Beziehung Lust auf fremde Haut zu haben. Oder der oder die Partner*in hat die Beziehung heimlich einseitig geöffnet und ist fremdgegangen.

Die meisten wollen nach einer Affäre weiter (beziehungsweise wieder) monogam leben, manche probieren offene Beziehungskonzepte und Dreiecksbeziehungen aus, und manche Paare unterstütze ich bei einer möglichst friedlichen Trennung. Ich schätze, dass 80 Prozent meiner Kund*innen mit ihren Langzeitpartner*innen zusammenbleiben und 20 Prozent sich für eine Trennung entscheiden.

Viele Einzelpersonen fragen mich um Rat, für wen sie sich entscheiden sollen, wenn sie sich fremdverliebt haben. Oder sie wollen wissen, wie sie aus der Nummer wieder rauskommen und es nach mehreren misslungenen Anläufen endlich schaffen können, ihre Affäre zu beenden.

Seit vielen Jahren erlebe ich alle möglichen Formen von Untreue in jeder Ausprägung und Intensität. Ich habe Paare begleitet, die sich nach einer Affäre gerichtlich gegen die Erpressungen der dritten Person wehren mussten, Unternehmer*innen, deren Business nur knapp den Racheplänen der Affärenperson entgangen ist, Familien, deren Kinder nicht mehr mit dem fremdgehenden Elternteil reden, und viele mehr.

Das sind nur ein paar der Horrorgeschichten, die es gibt, wenn jemand eine Affäre hatte. Hollywood hat seine reine Freude an solchen Geschichten, die – unterhaltsam aufbereitet – eine Menge Geld in die Kinokassen spülen.

Es gibt aber auch viele positive Geschichten nach dem Auffliegen einer Affäre zu berichten. Sie werden entweder gar nicht erzählt, weil sie kein Geld einbringen würden, oder sie finden kein Gehör, weil sie eben langweiliger sind, weil man sich nicht so schön reinsteigern und mitfiebern kann im Sinne von „es kann nicht sein, was nicht sein darf“! Eine Affäre darf niemals etwas Positives bedeuten. Fremdgehen ist in unserer Gesellschaft immer mit Drama verknüpft. Muss das so sein?

Viele meiner Kund*innen berichten von einer viel tieferen und aufrichtigeren Beziehung, als sie es jemals für möglich gehalten haben, nachdem sie sich mit Untreue herumplagen mussten und sich ganz bewusst dazu entschieden haben, ihre Beziehung nicht nur zu retten, sondern auf ein völlig neues Level zu heben.

Ich kann von Paaren berichten, deren Beziehungsöffnung zum Himmel auf Erden wurde und die jenseits der 50 den besten Sex ihres Lebens haben – miteinander und mit anderen.

So holst du das meiste für dich aus diesem Buch heraus

In über zwölf Jahren Einzelcoaching und Paarberatung habe ich Tausende von menschlichen Beziehungen und Gedankenkonstrukten analysiert und auf den erwünschten Weg gebracht. Aus diesem Erfahrungsschatz habe ich dieses Buch geschrieben. Ich kenne jeden Gedanken, den Menschen denken, wenn sie betrogen wurden, sich fremdverliebt haben, eine sexuelle Affäre nicht aufgeben wollen, frustriert und wütend auf den oder die Partner*in sind und Angst vor einer Trennung haben.

Dieses Buch enthält die Grundsätze, die ich jeden Tag in meinen Beratungen anwende, die ich in meinen Videokursen lehre und die die Mitglieder im Liebe Leben Premium-Membership-Bereich langfristig trainieren und sich zu eigen machen. Nicht nur, um eine Krise zu meistern, sondern auch und vor allem dafür, die Beziehung langfristig auf stabile Beine zu stellen und auch nach Jahrzehnten immer noch Spaß miteinander zu haben.

Meine langjährigen Kund*innen, Fans, Follower*innen und Podcast-Hörer*innen werden einen Großteil der Inhalte bereits kennen. Ich habe mit diesem Buch das Rad nicht neu erfunden, sondern alle Konzepte, Modelle und hilfreiche Metaphern gebündelt verpackt. Es dient dir als Inspirations- und Nachschlagewerk und hilft dir, dich immer wieder daran zu erinnern, wie man eine erfüllte Langzeitbeziehung lebt – und wie man sie mit Karacho gegen die Wand fährt.

Hierbei geht es mir nicht um Selbstoptimierung und Perfektion. Zum Teufel mit der toxischen Positivität! Mir ist ganz wichtig anzuerkennen, dass wir alle wundervolle und wertvolle menschliche Wesen sind, die menschliche Gehirne haben, irrationale Entscheidungen treffen und teilweise völlig sinnlose Verhaltensmuster leben. Wir sind wundervoll, liebevoll, aufmerksam, respektvoll, gerecht und positiv. Wir sind aber auch chaotisch, mürrisch, abwesend, respektlos, unfair und negativ.

Das Leben ist fifty-fifty – es wird immer wundervolle und nicht so tolle Erlebnisse bereithalten. Menschen sind fifty-fifty – sie haben großartige Aspekte und nicht so schöne. Und auch Beziehungen sind fifty-fifty – wir erleben mit unseren Partner*innen glückliche und nicht so glückliche Momente.

Anstatt einer permanenten Glückseligkeit hinterherzujagen, möchte ich dich für die Idee begeistern, dass fifty-fifty absolut ausreichend und wunderbar ist. Das heißt nicht, dass du nicht ein grundsätzliches Glücksgefühl oder eine Grundzufriedenheit in deinem Leben haben kannst. Im Gegenteil – je mehr wir akzeptieren, dass nicht alles rosarot ist und der Himmel nicht immer voller Geigen hängt, desto mehr können wir Frieden schließen mit dem Leben, mit der Menschlichkeit und mit unseren Beziehungen, so wie sie sind!

Leg dir ein schönes Notizbuch an, um die Übungen, die ich dir in diesem Buch vorstelle, auch wirklich zu machen. Schreibe dazu auch mit einem schönen Stift. Du kannst natürlich auch mit einem Laptop oder Handy arbeiten, ganz wie du magst. Wichtig ist nur, dass du dir Notizen machst.

So berichten die Mitglieder im Membership-Bereich und meine Kursteilnehmenden regelmäßig davon, dass sie tiefer greifende Erkenntnisse haben, wenn sie nicht nur die Videos anschauen, sondern sich wirklich die Zeit nehmen, auch die Arbeitsblätter auszufüllen. Und ich selbst kenne das auch. Oft bin ich zu faul, aber wenn ich es dann wirklich tue – holla die Waldfee, dann geht was vorwärts! Aber keine Sorge, es sind auch genügend Abschnitte in diesem Buch, in denen ich „nur“ deine Denkweise herausfordere und du sonst nichts weiter tun musst.

Es kann sein, dass du manchmal denkst, dass die Mittermaier völlig übergeschnappt und durchgeknallt ist. Es kann sein, dass du das Buch manchmal in die Ecke schmeißen willst, weil sich massiver Widerstand in dir breitmacht. Das ist völlig normal und gehört dazu. Im Idealfall lässt du dich davon nicht abhalten, zumindest auszuprobieren, ob der ein oder andere Impuls für dich funktionieren könnte. Du musst mir nicht recht geben. Ich habe die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen – ich habe jedoch einen Haufen Erfahrung und ich kann dir nur ans Herz legen, offen für die Konzepte in diesem Buch zu sein, sie lange genug auszuprobieren und zu testen, was für dich und deine Beziehung funktioniert und was nicht.

In meiner gesamten Arbeit geht es darum, (alte) Denkstrukturen und gesellschaftliche Erwartungen zu hinterfragen und wenn nötig zu verändern. Ich arbeite mit Menschen jeglicher sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität. Nicht jede Person, die sich weiblich definiert, hat einen Partner und nicht jede Person, die sich männlich definiert, hat eine Partnerin. Ich möchte in meinem Buch alle ansprechen und wähle die gendergerechte Sprache.

Walk the talk – ich lebe, was ich lehre

Ich bin nicht nur Beraterin und Coach, ich bin auch Ehefrau und Mutter. Durch meine Arbeit werde ich jeden Tag daran erinnert, was für eine Beziehung förderlich ist und was nicht. Dadurch sehe ich ständig, worauf ich achten und was ich besser machen kann. Ich fasse mir stets selbst an die Nase, um zu überprüfen, ob ich das, was ich „predige“, auch tatsächlich lebe. „I walk the talk“ – ich lasse auf Worte Taten folgen.

Ich weiß nicht genau, wann meine Beziehung wirklich begonnen hat; es war irgendwann im Juli oder August 2001. Mein Mann war damals mein Chef; er hatte mich eingestellt. Unser erstes Date war einige Monate nach meinem ersten Arbeitstag auf einem Konzert des Jugend-und Kulturzentrums Feierwerk in München, welches mir als Landei nicht bekannt war. Ich war völlig overdressed, weil ich dachte, dass man sich schönmachen muss, wenn man in der Großstadt auf ein Date mit dem Chef geht. Hahaaaa, ich wusste ja nicht, dass dort nur Alternative rumhängen. Ich kannte meinen Chef bisher nur im Anzug! Doch nach einer längeren Dating-und Kennenlernphase ging dann alles recht schnell. Andis Firma musste Insolvenz anmelden und nach einem Kletter-Aufenthalt in Spanien, wo er sich emotional von der Firmenpleite erholt hat, ist er im Februar 2002 bei mir eingezogen. 2003 haben wir geheiratet, 2004 unseren Sohn bekommen, 2006 unsere Tochter.

Nach der Ausbildung zur psychologischen Beraterin in einem Paarberatungsinstitut begann ich 2009 nebenberuflich mein Business aufzubauen. Zunächst eher als Jobby (Job plus Hobby), später dann als richtiges Unternehmen. Heute bin ich die Hauptverdienerin und Andi mein Angestellter, er kümmert sich in Teilzeit um die Finanzen, Buchhaltung, Bilanzen, Rechnungsstellung und vieles mehr. Seit dieser Bereich in seiner Hand ist, kann ich mich auf meine Fähigkeiten konzentrieren. Ich bin der kreative Kopf und ein Menschen-Mensch. Zahlen und Belege sind nicht meine Welt.

Unser Sohn ist erwachsen, er hat gerade sein Abi bestanden und wird demnächst das Haus verlassen. Unsere Tochter hat noch zwei Jahre bis zum Abi und wir planen mit einem lachenden und einem weinenden Auge bereits die „Empty Nest“-Phase.

Wir haben beide schon die ein oder andere Fremdliebe und den ein oder anderen Scherbenhaufen hinter uns, haben eine Sexkrise gemeistert, eine offene Beziehung ausprobiert und uns derzeit auf ein monogamisches Beziehungskonzept verständigt, welches wir regelmäßig dahingehend überprüfen, ob es noch passt. Den Begriff monogamisch (im englischen Original: monogamish) hat der US-amerikanische Kolumnist und Autor Dan Savage geprägt.2 Er meint damit: Sei so monogam wie möglich, je nachdem, in welcher Lebenslage du dich gerade befindest. Untreue ist demnach kein Dealbreaker, also ein Ausschlusskriterium, das das Aus für die Beziehung bedeutet, sondern kann vorkommen. Mein Mann und ich sind beide neugierig und abenteuerlustig, was dafür sorgt, dass unsere Beziehung niemals langweilig wird.

Früher dachte ich, dass ich niemals heiraten will. Zum Glück habe ich anders entschieden. Meine Ehe ist das Beste, was mir passieren konnte. Ohne meinen Mann wäre ich nicht die, die ich bin – und ich wäre nicht da, wo ich bin! Ich bin megadankbar für mein Leben und die Liebe, die ich jeden Tag leben darf!

So, jetzt wünsche ich dir ganz viel Spaß, viele Aha-Erlebnisse und tolle Erkenntnisse mit meinem Buch. Möge es dir wertvolle Dienste erweisen und mehr Liebe in dein Leben bringen!

Kapitel 1

Was alle Paare wissen sollten, aber niemand hören will

Die allgemeine Vorstellung von Liebe und Beziehung ist die hier: Du findest den einen oder die eine und bist für immer glücklich bis ans Ende deiner Tage. Der oder die Richtige wird dich glücklich machen, all deine Bedürfnisse erfüllen und mit einer Rose im Mund trotz Höhenangst die Feuerleiter hinaufklettern, um für immer dein zu sein.3

Er oder sie wird dich immer lieben, dich niemals verlassen, dich begehren und kein Interesse an anderen mehr haben. Ihr vögelt, bis der Arzt kommt, und das natürlich auch noch mit 80. Du musst dafür nix tun, sondern einfach nur du selbst sein. Klar hast du schon einmal irgendwo gehört, dass eine Beziehung auch Arbeit ist. Aber was das genau bedeutet, ist dir nicht klar. Vor allem kann es auch gar nicht stimmen. Denn wenn Liebe Arbeit bedeutet, dann kann es doch keine wahre Liebe sein!

Du denkst, ich übertreibe? Nein. Das tu ich nicht.

Wenn ich die Kommentare unter diversen Beiträgen zum Thema Beziehung lese, wird mir richtig schlecht. Seit vielen Jahren diskutiere ich auf Social Media und mit meinen Kund*innen über diesen Mist. Manche wollen bis aufs Blut an der romantischen Vorstellung von der Liebe festhalten, die einfach so da ist und nie verschwindet, wenn es der oder die Richtige ist. Die Mehrzahl der Menschen sperrt sich vehement gegen Eigenverantwortung und gegen die Realität. Am Schlimmsten ist es auf Instagram. Dort möchten vor allem junge Frauen nichts davon hören, was es bedeutet, über viele Jahre und Jahrzehnte in einer echten Beziehung mit einem echten Menschen zu sein. Einem Menschen, der fehlbar ist, an alten Verletzungen und Traumata leidet, möglicherweise einen ungesunden Bindungsstil erlernt und ein chaotisches menschliches Gehirn hat.

Die romantischen Vorstellungen einer Beziehung vergleiche ich mit dem Leben in der Matrix.4 Erst wenn du dort rausgeflogen bist, bemerkst du, dass es nicht real war. Und auch wenn die schmutzige Wahrheit nicht so rosarot und zuckerwattesüß ist, so ist sie umso schöner und vor allem so viel menschlicher! Also lass uns die rote Pille schlucken und den Blödsinn ein für alle Mal aushebeln.

Der „Früher war alles besser“-Bullshit

•„Heutzutage werden Beziehungen zu schnell weggeworfen und nicht mehr repariert!“

•„Meine Oma hat es auch hinbekommen, ein Leben lang treu zu sein. Was ist nur los mit den modernen Menschen?“

•„Früher gab es noch Werte wie Treue, Ehrlichkeit und Anstand. Das kennt heute niemand mehr!“

Ja, ja, früher war alles besser – bla, bla, bla! Solche Sätze höre und lese ich ständig, wenn es um Beziehungen, um Krisen und ums Fremdgehen geht. Vor allem von Menschen, die noch sehr jung sind und von Beziehungen ein verklärtes romantisches Bild aus dem letzten Jahrhundert haben.

Ist es tatsächlich so, dass die Beziehungen früher besser waren und länger gehalten haben? Natürlich nicht. Meine Oma hatte keine Chance, sich von meinem Opa zu trennen – obwohl es ihr vermutlich gutgetan hätte. Er war durch seine Kindheit und vom Krieg schwer traumatisiert, Alkoholiker und kein witziger Zeitgenosse. Erst nach seinem Tod konnte meine Oma ihr Leben so leben, wie sie es wollte, und ist aufgeblüht.

Die Generation der Boomer (zwischen 1946 und 1964 Geborene) ist die erste Generation, die überhaupt eine Scheidung in Erwägung ziehen konnte, jedoch noch mit gesellschaftlicher Ächtung rechnen musste. Meine Mama ist mit 17 schwanger geworden, was bedeutet hat, dass sie schnellstens heiraten musste, denn Sex vor der Ehe war eigentlich nicht erlaubt.

Die Generation X, zu der ich gehöre, ist die erste Generation, die das Privileg hat, vor der Ehe vögeln zu dürfen und eine Beziehung zu beenden, ohne dafür schräg angeschaut zu werden, zumindest in westlichen Kulturkreisen.

Die Scheidungsquote liegt aktuell zwischen 40 und 50 Prozent, wobei Trennungen von unverheirateten Paaren hier nicht einmal berücksichtigt sind. Die meistgelebte Beziehungsform der westlichen Welt ist die sogenannte serielle Monogamie. Das heißt, dass die meisten Menschen etwa drei bis vier längere Beziehungen im Leben haben und immer in der jeweils aktuellen Beziehung monogam sind.

Da es früher nicht erlaubt war, vor der Ehe Sex zu haben, waren die Paare zur lebenslänglichen Treue verpflichtet. Vor allem Frauen hatten keine Wahl, eine Beziehung zu beenden, weil die wirtschaftliche und gesellschaftliche Abhängigkeit zu stark war. Daher haben Ehen länger „gehalten“, waren aber nicht glücklicher. Und dass sie treuer waren, ist ein Mythos.

Tatsächlich ist es so, dass Ende des 19. Jahrhunderts fast ausschließlich Männer fremdgegangen sind (mit Prostituierten oder Mägden) und verheiratete Frauen nicht. Diese hatten schlicht keine Möglichkeit, keine Kontakte und zu viel zu verlieren. Nur höher gestellte oder adelige Frauen gönnten sich Liebhaber. So beschreibt es etwa Michèle Binswanger in Fremdgehen. Ein Handbuch für Frauen (Binswanger 2017).

Die Erfindung der Anti-Baby-Pille in den 1960er Jahren und die gesetzliche Neuregelung in den 1970er Jahren, ohne die Unterschrift des Ehemannes arbeiten gehen zu können, hat Frauen völlig neue Möglichkeiten der Emanzipation eröffnet und damit den Weg zur seriellen Monogamie geebnet.

Liebe und Macht

Es lohnt sich, einen Blick auf die Geschichte der Menschheit zu werfen, um zu verstehen, wie sich die Erwartungen an eine Beziehung im Laufe der Zeit verändert haben (zum Beispiel Yuval Noah Hararis Eine kurze Geschichte der Menschheit, 2015). So gab es in der Zeit vor der Viehzucht und der Sesshaftwerdung des Homo Sapiens keine Kleinfamilie und keine Monogamie. Erst mit Einführung des Patriarchats vor etwa 8.000 Jahren wurden die heutigen Familien-und Beziehungsstrukturen angelegt. Das hatte aber nichts mit Liebe zu tun – sondern mit Macht, sagt die Patriarchatsforscherin Gabriele Uhlmann:

„Das Patriarchat ist nicht natürlich, sondern es entstand gewaltsam, speziell mit Entführungen bzw. Frauenraub, begleitet von Vergewaltigungen und Bestrafung von Frauen und Mädchen, aber auch der Ermordung aller nicht patriarchalen Männer, die das zu verhindern suchten. Ziel der Täter war die Sicherstellung der genetischen Vaterschaft zur Ausübung der sozialen Vaterschaft, was nur mit Kontrolle der weiblichen Sexualität und der unter diesen Bedingungen gezeugten Kinder möglich war und ist“ (Uhlmann 2022, Hervorhebung durch die Autorin).

Zur selben Zeit entstand der Monotheismus und ein paar Tausend Jahre später das Christentum, welches die Ehe, wie wir sie heute kennen, geformt hat. Die Motivation war ebenfalls keine romantische Liebe, sondern Macht und Kontrolle. Vor allem ging es um Kontrolle über die Sexualität der Frau, wie die Biologin Meike Stoverock in ihrem Buch Female Choice erläutert (Stoverock 2022). Die Idee der romantischen Liebe ist noch recht frisch. Erst im 18. Jahrhundert wurde sie ein Bestandteil der Ehe. Davor war es meist ein Arrangement der Eltern beziehungsweise des Vaters, um finanzielle oder gesellschaftliche Vorteile auszuhandeln.

Warum sollte nun die Idee der freiwillig geschlossenen Liebe eine Einbahnstraße sein? Natürlich beinhaltet die Freiwilligkeit, eine Beziehung zu beginnen, ebenso die Freiwilligkeit, eine Beziehung auch wieder zu beenden. Die Dauer einer Beziehung ist dabei kein Qualitätsmerkmal! „Bis dass der Tod uns scheidet“ kann eine lange Quälerei bedeuten – für eine Person oder für beide. Die Möglichkeit, eine Beziehung zu beenden, eröffnet somit im Umkehrschluss ebenso die Möglichkeit, eine bestehende Beziehung bewusst zu pflegen und sich ins Zeug zu legen. Das bedeutet mehr Anstrengung und Engagement, lohnt sich aber! Wie du siehst, war früher nicht alles besser. Im Gegenteil.

Du lebst sehr wahrscheinlich die gleiche Beziehung wie deine Eltern!

Viele Menschen denken, dass der gesunde Menschenverstand völlig ausreicht, um sich zu paaren und dann glücklich bis ans Ende ihrer Tage zu leben. Kaum ein Paar in meiner Beratung hat sich vor einer Beziehungskrise ernsthaft damit beschäftigt, wie eine gute Partnerschaft gelingt und was man dafür wissen, können oder gar tun muss.

Du hingegen investierst in deine Fortbildung und beschäftigst dich mit diesem Buch. Damit tust du bereits mehr, als die meisten jemals tun werden. Denn du bist nicht wie die meisten! Du willst mehr. Wie schön!

Ich bin immer wieder erstaunt, wie selbstverständlich sich jemand für die Karriere fortbildet, aber keine Notwendigkeit darin sieht, Zeit, Geld und Hirnschmalz in die eigene Beziehung zu investieren. Einen Managerposten bekommt niemand direkt nach der Hauptschule angeboten, oder? Dafür ist in aller Regel ein Studium nötig, diverse Weiterbildungen und manchmal auch ein Auslandsaufenthalt. Um eine erfolgreiche Führungskraft zu sein, braucht es sogar noch mehr.

Beziehungs(un)fähigkeit lernen wir alle in den ersten Lebensjahren von unseren mehr oder weniger reifen Eltern oder anderen Bezugspersonen. Es ist die Grundausbildung, die wir alle durchlaufen, ob wir es wollen oder nicht.

Welche Beziehung möchtest du leben?

Hand aufs Herz: Hättest du gerne eine Beziehung, wie sie deine Eltern seit Jahr und Tag führen? Mach hier eine kleine Pause und schreibe die Antworten auf folgende Fragen in dein Notizbuch!

•Wie gehen deine Eltern miteinander um?

•Ist es eine gleichberechtigte Beziehung auf Augenhöhe?

•Können sie offen und ehrlich miteinander reden?

•Wie gehen sie mit Konflikten um?

•Wie liebevoll sind sie miteinander?

Wenn ich meinen Kund*innen diese Frage stelle, ob sie es genauso machen wollen, sind die meisten entsetzt und sagen: „Um Himmels willen! Niemals!“ Und doch wiederholen sie denselben Mist der Eltern (und/oder der Schwiegereltern), wie sich im Laufe eines Beratungsprozesses oft herausstellt.

Warum? Weil sich die Erfahrungen der ersten Lebensjahre in unsere Gehirnwindungen eingebrannt haben (ähnlich wie die Muttersprache). Natürlich brennt da nicht wirklich etwas. Doch du kannst es dir wie Gleise vorstellen, die frühzeitig verlegt werden und auf denen unser Gedankenzug automatisch fährt.

Wenn du keine Lust hast, die Beziehungsmuster deiner Eltern weiterzuleben, dann bist du hier genau richtig. Die Impulse in diesem Buch helfen dir, alte Überzeugungen infrage zu stellen, deine Beziehung so zu gestalten, wie du es möchtest, und neue Gleise zu verlegen.

Dazu muss sich dein Gehirn sozusagen erstmal mit einer Machete den Weg durchs Unterholz schlagen, einen Trampelpfad anlegen und diesen so oft entlanggehen, bis der Pfad zu einer breiten Trasse wird, auf der man neue Gleise verlegen kann. Und obwohl du neue Gleise hast, will dein Gehirn trotzdem immer wieder die eingefahrene Strecke benutzen, weil das viel einfacher ist und Energie spart. Du musst also immer wieder deine Weichen in die erwünschte Richtung stellen, bis der Zug die neue Strecke bequemer findet als die alte.

Um von alten Denk-und Verhaltensmustern in neue zu kommen, durchläuft man vier Kompetenzstufen5:

1.unbewusste Inkompetenz (ich habe keine Ahnung, dass ich keine Ahnung habe)

2.bewusste Inkompetenz (mir wird klar, was ich ändern will, bekomme es aber noch nicht hin)

3.bewusste Kompetenz (ich übe und trainiere das neue Denken und Verhalten, es gelingt mir immer besser)

4.unbewusste Kompetenz (die neue Denkweise und das neue Verhalten sind mir in Fleisch und Blut übergegangen)

Sei geduldig und liebevoll mit dir selbst, wenn du deine alten Denkmuster durchbrechen und dir neue zu eigen machen möchtest. Manchmal geht es schnell und manchmal dauert es ein bisschen. Das ist okay!

Das Gehirn wurde nicht für monogame Langzeitbeziehungen gebaut!

Eine lebendige, liebevolle und erfüllte Langzeitbeziehung ist eine krasse Disziplinleistung des Großhirns. Diese Tatsache ist vielen nicht bewusst. Vor allem die Treue ist ein Versprechen, das auf lange Sicht nicht so leicht einzuhalten ist. Je nach Dauer der Beziehung, aktueller Lebenssituation und verfügbaren Angeboten kann es sogar enorm schwer sein, den Versuchungen des Lebens zu widerstehen.

Früher galt die Annahme, dass man nur mit Vernunft und Selbstbeherrschung über seine Gefühle herrschen müsse und alles sei gut. Wem das nicht gelinge, der sei willensschwach und solle sich mal zusammenreißen. So beschreibt es anschaulich etwa Mark Manson in seinem Buch Everything ist F*cked: Ein Buch über Hoffnung (Manson 2019, 38). Menschen, die fremdgegangen sind, werden bis heute als böse verurteilt, denn sie hätten ja einfach „nein“ sagen und sich beherrschen können! Andere können das ja schließlich auch!

Doch leider ist es nicht so einfach. Wir sind keine logischen Wesen und das rationale Denken steht uns nur begrenzt zur Verfügung. Neben dem Großhirn ist auch das „primitive Steinzeitgehirn“, also die archaischen Regionen des Gehirns, die schon unsere steinzeitlichen Vorfahren hatten, in unseren Köpfen aktiv und macht uns oft einen Strich durch die Disziplin-Rechnung. Manson unterscheidet zwischen den beiden Systemen Denk-und Fühlhirn. Es ist eine vereinfachte Darstellung, das Gehirn besteht aus mehreren Teilen (Großhirn, Mittelhirn mit limbischem System, Kleinhirn, Stammhirn).

Dabei hat das primitive Gehirn drei Aufgaben:

1.Lustgewinn suchen

2.Schmerz vermeiden

3.Energie sparen

Je nachdem, welches Gehirnareal gerade die Oberhand hat, kann es sein, dass Partner*innen sich (mehr oder weniger bewusst) in eine Affäre stürzen, wichtige und schmerzhafte Gespräche über die Beziehung vermeiden und zu faul und bequem sind, um sich auch nach Jahren noch um die oder den Liebste*n zu bemühen.

Die Natur hat kein Interesse daran, dass Menschen lange monogame Partnerschaften führen, schreibt Stoverock (2022). Biologisch gesehen ist es viel sinnvoller, sich mit unterschiedlichen Partner*innen zu paaren und möglichst viele verschiedene Genpools zu mischen. Damit ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass die menschliche Spezies überlebt. Das gilt übrigens nicht nur für Männer. Auch Frauen paarten sich vor der Einführung des Patriarchats mit verschiedenen Männern und hatten damit nicht die eine Liebesbeziehung ein Leben lang, sondern mehrere hintereinander und vemutlich auch überschneidend.

Genauso wie wir von Natur aus keine Vegetarier sind, so sind wir auch nicht von Natur aus für monogame Langzeitbeziehungen gemacht. Zu diesem Ergebnis kommen Forschende aus verschiedenen Disziplinen, nachzulesen beispielsweise in Sex – die wahre Geschichte von Christopher Ryan und Cecilda Jethá (2016). Wir können uns entscheiden, kein Fleisch zu essen und die Finger von anderen Menschen zu lassen. Das heißt aber nicht, dass das immer leicht ist und ein Schnitzel oder beispielsweise der Kollege nicht lecker wären. Zudem ist es so, dass der freie Wille (und die Disziplin) begrenzte Ressourcen sind. Wir haben nicht zu jeder Tages-und Nachtzeit ein voll funktionierendes Großhirn am Start. Hunger, müde, Pipi, kalt, PMS und Infekte – wenn wir körperlich nicht fit sind, übernimmt gern das Steinzeitgehirn das Ruder und mit gut durchdachten und langfristig sinnvollen oder moralischen Verhaltensweisen ist es nicht mehr weit her! Das ist natürlich vereinfacht ausgedrückt, die Funktionsweise des Gehirns ist komplex. Dennoch möchte ich hier für mehr Gelassenheit und Verständnis plädieren, wenn du oder dein*e Partner*in sich nicht vorbildlich großhirnig verhält. Ihr seid Menschen und keine Maschinen. Wenn du also bemerkst, dass einer von euch beiden müde ist oder länger nichts gegessen hat, verschiebe ein Streitgespräch auf einen anderen Zeitpunkt. Anstatt Stress zu machen, macht euch lieber Nudeln!

Nicht dein Zirkus, nicht deine Affen!

Zu oft sehe ich, wie Partner*innen verzweifelt versuchen, das Verhalten des oder der anderen zu kontrollieren, um sich selbst besser zu fühlen oder etwas zu bekommen, was sie sich selbst nicht geben können. Der Mist funktioniert aber nicht – und ist verdammt anstrengend. Du hättest es deutlich leichter und entspannter, wenn du dich auf deine eigenen „Affen“ konzentrieren und die deines Gegenübers in Ruhe lassen würdest. Ich mag die Redensart: „Wenn jede*r vor der eigenen Türe kehren würde, wäre überall sauber.“ Da ist was dran.

Was kannst du in deiner Partnerschaft kontrollieren und was nicht?

Deine Affen, dein Zirkus:

•deine Gedanken

•deine Gefühle – ob und wie glücklich oder unzufrieden du bist

•deine Entscheidungen

•wie viel Energie und Engagement du investierst

•wie offen/ehrlich du bist

•deine Werte

•wie du in deiner Beziehung auftrittst

•wie du deine*n Partner*in behandelst

•wie dankbar du bist

•wie viel Wertschätzung du ausdrückst

•ob du treu bist (oder nicht)

Nicht deine Affen, nicht dein Zirkus:

•wie sich dein*e Partner*in fühlt

•seine oder ihre Gedanken

•wie glücklich oder unzufrieden er oder sie ist

•ob dein*e Partner*in über Gefühle, eure Beziehung oder Sex spricht

•seine oder ihre Werte

•wie viel Energie er oder sie in die Beziehung investiert

•wie dankbar/wertschätzend er oder sie ist

•wie offen/ehrlich dein*e Partner*in ist

•ob er oder sie treu ist (oder nicht)

Gäbe es eine Möglichkeit, deine*n Partner*in nach deinen Wünschen zu verändern und zu kontrollieren, irgendwer hätte sie schon erfunden und verkauft! Doch im Ernst: Du wirst dir die Zähne ausbeißen, wenn du versuchst, die Gedanken und Gefühle deines oder deiner Liebsten zu manipulieren. Dein*e Partner*in hat eine andere Erziehung genossen, andere Erfahrungen gemacht, ein anderes Weltbild und Wertesystem aufgebaut, andere Wünsche und Vorstellungen entwickelt als du. Das solltest du respektieren! Selbst wenn ihr seit Teenagertagen zusammen seid, seid ihr keine siamesischen Zwillinge.

Wir alle wollen so geliebt werden, wie wir sind – und nicht so, wie andere uns haben wollen. Wenn du dir einen Gefallen tun willst, kümmere dich um deine Angelegenheiten und lass andere Menschen in Ruhe so sein, wie sie sein wollen. Und hör auf, dich für andere zu verbiegen, bis du dich selbst nicht mehr erkennst!

Das heißt nicht, dass ihr nicht über Wünsche reden sollt und gemeinsam Veränderungen in eurer Beziehung vornehmen könnt. Dazu mehr im Kapitel „So pflegst du deinen Beziehungsgarten“.

Kapitel 2

Beziehungsfindungs- und Verliebtheitsphase

Frisch verliebt sein kann jede*r! Es ist nicht schwer, durch die rosa Brille die schönsten Aspekte einer Person zu sehen und den Rest zu ignorieren. Es ist nicht schwer, hormongeschwängert dreimal täglich das Bett zu zerwühlen. Und nein, das hat hinten und vorne nichts mit wahrer Liebe zu tun, nur weil sie mühelos gelingt und sich so wunderbar unbeschwert anfühlt.

Verliebtheit wird überbewertet. „Verliebtheit ist in ihrer angeblichen Schicksalshaftigkeit trivial“, schreibt Nils Pickert in seinem Buch Lebenskompliz*innen: Liebe auf Augenhöhe (2022, 63). Weiter vergleicht er die Liebe mit einem Buch, das man zwar fertig haben, aber nicht schreiben will. Man will sich von keinem Lektorat sagen lassen, was man verbockt hat und wo man nachbessern muss. Aber nur so wird es auf Dauer hinhauen. Nur wenn beide Partner*innen bereit sind, die Verantwortung für ihre Gedanken, Gefühle und Handlungen zu übernehmen und an ihrem gemeinsamen „Buch“ zu arbeiten, zu feilen, zu korrigieren und von Zeit zu Zeit überholte Kapitel neu zu schreiben, wird ihnen ihre Beziehung gelingen.

Auch hier gibt es ein paar unbequeme Wahrheiten, die wir uns jetzt anschauen.

Deine Beziehung macht dich nicht glücklich

Ja, du hast richtig gelesen. Deine Beziehung macht dich nicht glücklich!

Am Beginn einer Beziehung tanzen die Hormone Salsa und es fühlt sich fälschlicherweise so an, als wäre es die Beziehung oder die andere Person, die dir diese Gefühle beschert. Tatsächlich sind es aber deine Gedanken in Kombination mit einem Cocktail aus Hormonen und Neurotransmittern in deinem Gehirn. Im Gehirnscanner sieht eine Verliebtheit ähnlich aus wie ein Drogenrausch mit dem harten Zeug!

Die hormonelle Gehirnvergiftung setzt dir eine rosa Brille auf die Nase und lässt dich auf Wolke sieben schweben. Dein Gegenüber wird zu einem Objekt der Begierde, von dem du nicht mehr die Finger lassen kannst. In dieser Phase kannst du dir nicht mal im Traum vorstellen, dass dieser Mensch auch negative Seiten haben und dir fürchterlich auf die Nerven gehen könnte.

Diese Phase dauert üblicherweise nur einige Monate bis maximal zwei Jahre. Dann übernimmt das sogenannte Kuschelhormon Oxytocin das Steuer und die Hochgefühle verwandeln sich in gemütliche und leise Liebestöne. Das hat die Natur verdammt gut eingerichtet, denn auf Dauer im Rausch zu schwelgen, wäre viel zu anstrengend.

Irgendwann kracht also jedes Paar von der Wolke sieben auf den Boden der Tatsachen und fragt sich, wo denn die Leidenschaft geblieben ist – und wünscht sich das Kribbeln zurück.

Anstatt dem Hochgefühl hinterherzuhecheln, ist es sinnvoller, ein Gefühl von Zufriedenheit zu kultivieren, schreibt Leon Windscheid in seinem großartigen Buch Besser fühlen (2021). Glücksgefühle sind sehr flüchtig und permanent danach zu streben, macht unglücklich.

Wenn du glaubst, dass deine Beziehung dafür zuständig ist, dich mit Glücksgefühlen zu fluten, wirst du enttäuscht sein. Denn das wird sie nicht tun. Das heißt nicht, dass hier irgendwas falsch läuft oder du die falsche Person gewählt hast. Es ist vielmehr so: So was wie eine glückliche Beziehung gibt es nicht. Du wirst in deiner Beziehung glückliche Momente erleben und weniger glückliche. Du wirst erfüllende Momente erleben und schmerzhafte.

Schmerz ist in einer längeren Beziehung unvermeidbar. Aber ob du darunter leidest, ist deine Entscheidung.

Je mehr du akzeptieren kannst, dass du für dich und dein Glück selbst verantwortlich bist und damit rechnest, dass ihr euch gegenseitig auch verletzen werdet, desto entspannter gehst du mit Krisen und Verletzungen um. Angenehm sind sie dann auch nicht, aber du hast zumindest damit gerechnet und wirst nicht völlig überrascht.

Es ist nicht die Aufgabe deiner Beziehung, dich glücklich zu machen. Es ist deine Aufgabe!

Jede Beziehung beginnt mit einem Illusionsvertrag

Wenn du mit einer neuen Person eine Beziehung eingehst, hast du zunächst keine Ahnung, wie diese Person tickt, was sie mag und was nicht und wie sie sich in schlechten Zeiten verhalten wird. Du hast keine Ahnung, wie sich die Dynamik eurer Beziehung entwickeln wird und wer du in dieser Partnerschaft sein wirst.

Jede Beziehung beginnt mit einem Illusionsvertrag. Diese Formulierung verwendet der Sexualwissenschaftler Christoph Joseph Ahlers (2017). Zu Beginn ist dein*e Partner*in wie ein unbeschriebenes Blatt – eine weiße Leinwand, auf die du nun mit deinen eigenen Farben ein Bild deiner oder deines Liebsten malst.

Auf dieses Bild malst du all deine Träume, Wünsche, Sehnsüchte und Erwartungen. Dafür benutzt du die schönsten Farben und Formen. Du glaubst, dass du von nun an nie mehr allein sein wirst, jederzeit erfüllenden Sex hast, spannende Gespräche führst. Du fühlst dich schön, sexy und geliebt.

Dein*e Partner*in macht das auch. Das ist euer Vertrag. Im Idealfall redet ihr über alte Verletzungen, eure Träume und Hoffnungen. Viele tun das nicht.

Im Laufe der Zeit bröckeln deine Farben von der Leinwand des oder der anderen und die eigenen Farben der anderen Person kommen zum Vorschein. Die Leinwand war nicht weiß, sondern bereits ein vollständiges Bild. Möglicherweise gefällt dir das echte Bild nicht so sehr wie deine Illusion. Möglicherweise kommen düstere und dunkle Seiten deines Gegenübers zum Vorschein.

Es ist ein bisschen so wie Instagram und die Realität. Das sind zwei Paar Schuhe! Selbst wenn ihr euch gegenseitig erzählt habt, was ihr euch voneinander wünscht, werdet ihr das nicht erfüllen. Und es ist auch nicht eure Aufgabe! Niemand lebt für eine andere Person auf diesem Planeten. Diese überzogenen Erwartungen an eine Beziehung sind unmenschlich und, wie ich es gern nenne, instagrammisch!

Ob du es willst oder nicht – jede Beziehung geht durch diese vier Phasen:

1.Verliebtheitsphase – hohe Motivation, niedrige Kompetenz (Illusion und bunte Farben)

2.Realitätsphase – die Motivation sinkt, die Kompetenz steigt (Farben bröckeln)

3.Krisenphase – sehr niedrige Motivation, hohe Kompetenz (es wird düster)

4.Entwicklungsphase – Motivation und Kompetenz sind hoch (Akzeptanz der Realität)

Um von einer Krisenphase durch die Entwicklungsphase zu kommen, braucht es die Bereitschaft, sich mit der Realität zu befassen, anstatt sich die Illusion zurückzuwünschen. Dein*e Partner*in ist ein Mensch mit positiven und negativen Eigenschaften. Du bist ein Mensch mit positiven und negativen Eigenschaften. Und das ist gut so!

Ein wichtiger Baustein für eine erfüllende Langzeitbeziehung ist die Akzeptanz eurer Persönlichkeiten. Ihr dürft euch zusammenraufen und lernen, wie ihr miteinander umgehen wollt. Im Kapitel „So pflegst du deinen Beziehungsgarten“ schauen wir uns das genauer an.

Natürlich kannst du auch jederzeit eine Beziehung beenden, die deinen Wünschen nicht entspricht, und eine neue Illusion anfangen. Es ist dein Leben und du entscheidest, wie du es leben willst!

Die Hollywood-und Disneyseuche

Nicht nur Instagram schürt unrealistische Erwartungen an eine Partnerschaft. Hollywood und Disney tun das auch. Seltsamerweise ist es den wenigsten Menschen bewusst, doch die Filmindustrie prägt unser Weltbild und Wertesystem enorm. Hauptsächlich beeinflussen uns Filme im Bereich der Romantik. Oder hast du schon jemanden gesehen, der sich nach dem Film Transformers im Autohaus beschwert, wenn sich seine Karre nicht in einen Roboter verwandelt?6 Anders ist das im Bereich der Liebe: Ist die eigene Beziehung nicht so romantisch wie in Pretty Woman oder Dirty Dancing, ist sie plötzlich nichts mehr wert und eine große Enttäuschung.

Mach hier mal eine Pause und überlege dir, welche Filme und Bücher du konsumiert hast, bevor du deine erste Beziehung hattest. Wo fängst du an zu seufzen und zu zerfließen, wenn du an eine romantische Szene denkst? Welche Filme, Serien und Bücher haben dich geprägt?

Ist dir mal aufgefallen, dass die allermeisten Liebesfilme nur die Beziehungsfindungsphase zeigen? Auch viele Märchen enden mit einer Trauung! Sobald sich das Traumpaar endlich in den Armen liegt, heißt es „Happy End“!

Doch das Happy End ist eine Lüge. Denn entweder sind beide happy, dann will niemand, dass es endet. Oder die Beziehung endet, weil eine Person nicht mehr happy war. Ein Film kann happy enden – aber keine Partnerschaft. Lass dich nicht verarschen!

Ebenso wenig hat der Sex in Pornos oder in Filmen wie Fifty Shades of Grey7 auch nur ansatzweise Ähnlichkeit mit dem Sex in einer echten Beziehung im echten Leben. Auch dann nicht, wenn du den Soundtrack im Schlafzimmer abspielst. Und Fremdgehen muss nicht zwingend mit toten Kaninchen8 oder toten Liebhabern9 enden.

Dass Untreue so schlimm für viele ist, liegt mitunter auch an solchen Erzählungen. Selbst diejenigen, die es ganz gut wegstecken, wenn der oder die Partner*in eine Affäre hatte, zweifeln an sich, weil sie glauben, dass sie mehr Drama machen und ausflippen sollten. Es lohnt sich, unsere medialen Gewohnheiten auf solche eindimensionalen Erzählungen zu überprüfen. Filme sind Filme, Märchen sind Märchen – das Leben ist fast immer facettenreicher.

Kapitel 3

Familiengründung und Alltag

Wenn es ein Paar über die Verliebtheitsphase hinaus geschafft hat, stellt sich irgendwann die Frage, wie es jetzt weitergeht.

•Heiraten?

•Kinder?

•Haus?

•Hund?

•Hamster?

•In welcher Reihenfolge?

Das Gehirn tut sich schwer mit unklaren Absichten, vor allem in Beziehungsdingen. Irgendwann wollen beide wissen, was das jetzt „mit uns“ ist. Wir sind gesellschaftlich geprägt auf: verliebt -> verlobt -> verheiratet -> Kinder kriegen -> bis dass der Tod uns scheidet. Eine richtige Beziehung muss irgendwohin führen und ein Ziel verfolgen.

Das ist auch völlig fein. Allerdings ist die Zeitspanne von der Hochzeit bis zum Flüggewerden der Kinder nicht ganz leicht und von vielen Herausforderungen geprägt. Das sagt einem nur niemand, bevor man heiratet.

Kinder, die Krönung der Liebe – oder der Anfang vom Ende?

Die Vorstellung, Kinder zu bekommen, ist in unserer Gesellschaft so romantisch verklärt, dass es zum Heulen ist! Die Versprechungen, sich in einer Familie erst so richtig komplett zu fühlen und für immer bedingungslos geliebt zu werden, werden sich so nicht erfüllen.

Kinder kriegen ist für viele Beziehungen eine massive Zerreißprobe und stellt viele Paare vor Herausforderungen, auf die sie nicht vorbereitet waren. Erst wenn man selbst Kinder hat, sagen andere:

•„Ja, das war eine verdammt schwere Zeit!

---ENDE DER LESEPROBE---