Liebe mit Köpfchen - Constanze Schwärzer-Dutta - E-Book

Liebe mit Köpfchen E-Book

Constanze Schwärzer-Dutta

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Beschreibung

Constanze Schwärzer-Dutta ist als autistische Frau und Paarberaterin seit über 20 Jahren in einer glücklichen Beziehung mit einem nichtautistischen Partner. Die Gehirne und damit die Gedanken, Gefühle und Erwartungen der beiden sind sehr unterschiedlich: sie sind ein neurodiverses Paar. Dies macht ihre Liebe intensiv und spannend, führt aber auch zu Missverständnissen und Konflikten. Welche Freuden und Herausforderungen solche neurodiversen Paare erleben und welche Werkzeuge aus der Paarberatung ihnen helfen können, beschreibt dieses Buch. Autistischen Menschen macht es Mut, Beziehungen einzugehen und diese zu pflegen, neurodiversen Paaren gibt es Hoffnung und zeigt ihnen zeitgemäße Lösungswege für ihre Probleme in verschiedenen Beziehungsphasen: von Online-Dating über Abwasch, Familientreffen und Burn-Out-Prävention bis zu den Wechseljahren. Durch Einblicke in die Erfahrung einer autistischen Frau mittleren Alters trägt es zudem zu einem differenzierten Bild von Autismus bei.

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Seitenzahl: 283

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Constanze Schwärzer-Dutta

Liebe mit Köpfchen

Tipps einer Autist*in für neurodiverse Beziehungen

Constanze Schwärzer-Dutta

Liebe mit Köpfchen

Tipps einer Autist*in für neurodiverse Beziehungen

1. Auflage 2022

ISBN: 978-3-96042-826-8

© edition assemblage

[email protected] | www.edition-assemblage.de

Umschlag: Sanjini Redmond

Satz: Hannah C. Rosenblatt | edition assemblage

Lektorat: Hannah C. Rosenblatt, Carla Schäfer

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Für meine Mama, die mir geraten hat, Krisen zu kultivieren, und meinen Papa, der mir gezeigt hat, dass ich so wie ich bin sein darf

Prolog – Meine Reise

Can‘t carry feelings

Like basket can‘t carry water

M.I.A.: Survivor 1

Ich dachte immer, ich sei eine gute Freundin, Geliebte und Langzeit-, ja, auch Ehepartnerin und Bezugsperson für Kinder. Zugegeben, als Tochter hätte ich mich wahrscheinlich ziemlich anstrengend gefunden. Aber auch diese Rolle lernte ich auf meine Weise schließlich gut auszufüllen, genauso wie viele andere Rollen in meinem nicht gerade kleinen Familien- und Freundeskreis.

Dass ich dabei selten willens oder in der Lage war, verbreitete gesellschaftliche Erwartungen an ein ‚normales‘, insbesondere an ein weibliches, ehefrauliches, mütterliches oder töchterliches Verhalten zu bedienen, weiß ich schon lange. Im Alter von zwei Jahren beschrieb ich meiner Mutter die Ameisen in meinem Kopf. Zu meiner Kindergartenzeit glaubte ich, ein unerkanntes, in die heutige Zeit verirrtes und verwirrtes Exemplar von Uhrzeitmensch zu sein. Als Grundschülerin empfing ich meine Eingebungen durch Antennen auf meinem Kopf von freundlichen Außerirdischen und als Jugendliche hörte ich nicht ohne Grund das Lied „Let’s go to Pluto“ von den Creatures in Dauerschleife. Doch als Erwachsene fand ich mein irdisches Zuhause, meinen Partner und meine Jobs in der Diversity- und Antidiskriminierungsszene und alles schien gut zu sein. Dort wo mit Unterschieden gerechnet und offen umgegangen wird und wo Gerechtigkeit und Inklusion großgeschrieben werden, fühlte ich mich willkommen.

Bis dann die Midlife-Crisis kam, die ersten körperlichen Wehwehchen, und ich bei meiner Arbeit zunehmend Erfolg, aber dadurch eben auch sehr viel zu tun hatte. Auf einmal konnte ich nicht mehr so für meinen Partner und meine Familie da sein wie gewohnt. Ich wurde körperlich krank, nicht sehr schwer, aber chronisch. Ich fand auf einmal alles unerträglich laut und unerträglich nah. Wenn ich auf Facebook ging, kam es mir so vor, als erlebte ich alles, was ich dort las, hier und jetzt. Wenn ich ein zu enges Unterhemd anhatte, konnte ich mich den ganzen Tag lang nicht auf die Arbeit konzentrieren. Saß ich in einem Raum mit Möbeln, die mir nicht gefielen, konnte ich das auch während eines Gesprächs nicht ausblenden. Es kam noch härter: Ich professionelle Quasselstrippe verlor meine Stimme, und zwar für mehrere Monate! Mein Leben zog an mir vorüber und es fiel mir manchmal schwer zu unterscheiden zwischen Gefühlen mit aktuellem Anlass und solchen, deren Auslöser zehn, 20 oder 35 Jahre zurücklagen. So begann ich zu schreiben, um all das zu verarbeiten und weil ich nicht mehr sprechen konnte und wollte.

Manche Autist*innen beschreiben, dass es ihnen fast immer so erginge. Bei mir kommen diese Gefühle vor allem in Zeiten auf, in denen es mir bereits schlecht geht, aufgrund einer Krankheit, traumatisierender Erlebnisse oder starkem Stress, der manchmal auch durch eigentlich als positiv erlebte Ereignisse wie Hochzeiten oder Geburtstage ausgelöst werden kann. In solchen Zeiten fällt es mir oft schwer mich mit anderen Menschen zu verbinden. Nicht dass mir die Beziehungen dann weniger bedeuten, ich habe in diesen Momenten aber wenig Ressourcen, um andere Menschen zu verstehen und mich in sie einzufühlen, da ich mit meinen eigenen Gedanken und Gefühlen ausgelastet bin. Dann wünsche ich mir manchmal diese unsichtbare Mauer um mich, die zur Veranschaulichung von Autismus (siehe Glossar) manchmal beschrieben wird, die ich aber nicht habe. Im Gegenteil, ich fühle mich dann sehr durchlässig und nichts beschreibt meinen Zustand schöner als diese Textzeile: „Can’t carry feelings, like basket can’t carry water“ aus dem Song „Survivor“ von M.I.A.

Mein Burn-Out zeigte mir deutlich, dass ich es zu lange in schwierigen Rahmenbedingungen ausgehalten und meine Gefühle, einschließlich der körperlichen Signale, dauerhaft unterdrückt hatte, um zu funktionieren. Ich hatte mir nicht mehr die nötige Zeit für mich und meine Partnerschaft genommen, um in meinem und unserem Tempo mit neuen Entwicklungen klarzukommen, uns bewusst immer wieder neu aufeinander einzustimmen und mich und uns zu regenerieren. In dieser schwierigen Zeit konnte ich für meine Familie nur schwer da sein. Dafür war sie für mich da, wofür ich unendlich dankbar bin.

Planvoll, eben typisch autistisch, begann meine Beziehung zu meinem heutigen Ehemann, und langsames und planvolles aufeinander zu bewegen war wahrscheinlich nötig, um die große Anziehungskraft zwischen meiner großen Liebe und mir überhaupt aushaltbar zu machen. Das Leben hat sich nicht immer an unsere Pläne gehalten, aber uns ist es immer gelungen, die Fäden wieder aufzunehmen und uns und unsere mittlerweile recht große erweiterte Familie zusammenzuhalten. Dass darunter viele bewusste Entscheidungen waren, finde ich überhaupt nicht unromantisch, im Gegenteil.

Ein Wort für das, was mich in meiner Persönlichkeit zu einem großen Teil ausmacht, nämlich autistisch, haben wir erst nach über 20 gemeinsamen Jahren entdeckt. Die Gefühle danach waren und sind immer noch gemischt: Da ist auf der einen Seite Erleichterung darüber, für manche Missverständnisse und Konflikte endlich eine Erklärung zu haben. Wir verstehen nun beide, dass hinter vermeintlich egoistischen oder faulen Handlungsweisen meinerseits dringende Bedürfnisse stehen. Mein Partner erkannte, dass ich bereits versucht habe seine Erwartungen an Anpassung zu erfüllen und mehr oft einfach nicht drin ist. Und auch ich habe noch mehr Verständnis und Respekt für seine Bedürfnisse, die oft ganz anders sind als meine. Andererseits empfinden wir eine gewisse Traurigkeit darüber, dass sich manches nicht ändern wird. Ich fühlte mich auch anfangs immer wieder verunsichert, da der wissenschaftliche und gesellschaftliche Mainstream mir viele der Fähigkeiten abspricht, auf denen ich mein persönliches und berufliches Leben mit aufgebaut habe wie zum Beispiel, Gespräche auch in Gruppen einfühlsam und konstruktiv führen zu können. Die meisten dieser Kompetenzen wurden mir nicht in die Wiege gelegt, aber ich vermute, dass ich sie mir genau deshalb angeeignet und kultiviert habe, denn mit vielen anderen Autist*innen teile ich eine Leidenschaft fürs Lernen. Außerdem kamen mir einige meiner autistischen Superkräfte wie Beharrlichkeit, Rationalität und Gerechtigkeitssinn durchaus zugute beim Aufbau und Erhalt einer stabilen Partnerschaft und Familie.

Nach über 20 Jahren Beziehung wissen mein Partner und ich, dass die Eigenschaften, die Partner*innen anfangs aneinander faszinieren, oft dieselben sind, die sie nach zehn oder fünfzehn Jahren beinahe in den Wahnsinn treiben. Viele meiner autistischen Eigenarten und Fähigkeiten gehören dazu. Aber ohne meine autistische Liebe, eine Hingebung in der Art eines Spezialinteresses, eine bedingungslose und auch oft uneigennützige Liebe wie sie mit dem altgriechischen Wort agape ausgedrückt wird, in Ergänzung zur erotischen und freundschaftlichen Liebe, hätten wir größere Schwierigkeiten gehabt, die Hochs und Tiefs unserer Leben und unserer Beziehung durchzustehen. Ohne die unvergleichliche Geduld und Liebe meines Partners natürlich auch.

Ich kann also aus Erfahrung sagen, dass Autist*innen nicht grundsätzlich schlechter Beziehungen führen können als andere Menschen. Sie tun es nur eben auf ihre Weise. Dieses Buch dient dazu, die Leser*innen dazu zu ermutigen, ihren eigenen Weg zu finden und zu gehen.

Für Autist*innen: Beziehungen erfordern immer Anpassung, aber gehen Sie bei der Anpassung an nichtautistische Partner*innen nicht dauerhaft über Ihre eigenen Grenzen! Versuchen Sie nicht, eine neurotypische (siehe Glossar) Person darzustellen, sondern vertrauen Sie auf Ihre autistischen Stärken!

Für nichtautistische Partner*innen: Auch wenn für Sie Anpassung ein Wert an sich ist, muss das bei Ihrem*r Partner*in nicht so sein. Überlegen Sie gut, wo Ihnen Anpassung wirklich wichtig ist und warum. Zuviel Anpassung kann für Ihre*n Partner*in körperliche und seelische Nebenwirkungen haben!

Für Paare: Erinnern Sie sich immer wieder daran, was Sie an Ihrem*r Partner*in besonders mögen, welche guten Erfahrungen Sie bereits miteinander gemacht und welche Herausforderungen bewältigt haben. Sehen Sie das Positive an Ihrem*r Partner*in und vertrauen Sie auf Ihre Beziehung!

1 Einleitung

Die Tatsache, dass dieses Buch in persönlicher und kollektiver

Erfahrung verwurzelt ist, wird wahrscheinlich den stärksten

Widerstand hervorrufen, es als eine Form des Wissens anzuerkennen.

Emilia Roig 2

1.1 Warum und wozu dieses Buch?

„Bin ich verrückt oder sind alle anderen verrückt?“

Diese Frage hat mich in meiner Jugend oft begleitet. Später trat sie in den Hintergrund. Jetzt kann ich ihr plötzlich nicht mehr ausweichen. Ich sitze in einem Stuhlkreis mit 15 anderen angehenden Familientherapeut*innen und komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wie groß manche kleinen Probleme werden können und wie klein manche großen. Wie sehr Menschen existentielle Krisen anderer übersehen können. Wie einem die eigenen Gefühle oder die scheinbare Abwesenheit derselben zum Vorwurf gemacht werden können. Immer wieder hörte ich den Satz: „Du dringst nicht zu mir durch!“ Als jemand, die anderen etwas erklärt oder sie berät, war ich nicht unbeliebt. Als Teilnehmerin oder Ratsuchende schon. Das reine emotionale Mitschwingen, das sich aufgehoben fühlen einfach nur, weil man Teil einer Gruppe ist, das dankbar sein, dass man darüber geredet hat, kannte ich nicht. Mit meiner Kopflastigkeit, meiner Nüchternheit, meiner sachlichen und schnellen Rede, stieß ich hier permanent Leute vor den Kopf und wurde auch permanent darauf gestoßen. Wenn Leute mich vor den Kopf stießen, was auch passierte, sprang mir niemand bei, und das obwohl ansonsten jeder noch so klein scheinende Konflikt ernstgenommen und durchgearbeitet wurde, auch als Lernbeispiel.

Die Frage war unausweichlich, die Antwort auch: Ich musste die Verrückte sein. Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass alle fünfzehn anderen Teilnehmenden, Menschen mit angesehenen Berufen, relativ großen Familien, gefüllten Bankkonten und exzellenten Small-Talk-Fähigkeiten, verrückt waren, war einfach zu gering. In der Ausbildung lernte ich auch verschiedene sogenannte Krankheitsund Störungs-Bilder kennen, und bald gingen meine Recherchen in die richtige Richtung: Ich entdeckte im Alter von 42 Jahren, dass sowohl meine „Superkräfte“, die viele Menschen an mir lieben, als auch meine Eigenheiten, die manche an mir hassen, einen Namen haben: Autismus. Das ständige Scheitern gegenseitiger Kommunikation und Empathie zwischen mir und den anderen Mitgliedern der Ausbildungsgruppe und deren Wahrnehmung meines Verhaltens in Gruppen als ungewöhnlich bis verstörend, zeigten wie unter einer Lupe Kernerfahrungen, die Autist*innen in neurotypischer und neuronormativer (siehe Glossar) Gesellschaft machen. 3

Nun entschied ich mich zum vielleicht ersten Mal, mir den Schutz selbst zu gewähren, den mir andere verweigerten, und brach die Familientherapieausbildung ab. Dafür begann ich eine Ausbildung als Beraterin für neurodiverse (siehe Glossar) Paare, also Paare, bei denen die Partner*innen sich in ihren neurologischen Voraussetzungen stark unterscheiden. Konkret waren hier Paare gemeint, in denen mindestens eine*r der Partner*innen autistisch ist. In der Ausbildung durfte ich mich mit fünf nichtautistischen Personen, von denen fast alle in einer Beziehung mit autistischen Personen waren, über unsere unterschiedlichen Wahrnehmungen und Bedürfnisse austauschen. So lernte ich die mir bereits ein Leben lang vertrauten Probleme und Freuden in autistisch-neurotypischen Beziehungen sowohl aus neurotypischer Perspektive als auch aus fachlicher Sicht neu kennen.

Zu dieser Zeit hatte ich in einer autistischen Selbsthilfegruppe auch schon einige Bewohner*innen meines „Heimatplaneten“ getroffen. Die Fragen, Sorgen und Nöte sowohl meiner autistischen „Geschwister“ als auch deren nichtautistischer Beziehungspartner*innen haben mich motiviert, dieses Buch zu schreiben. Die Erkenntnisse der ausbildenden Berater*innen und Therapeut*innen, meine eigene Beratungspraxis sowie meine Lebenserfahrung als autistische Frau in einer Langzeitbeziehung mit einem nichtautistischen Mann ermöglichen es mir, mögliche Antworten auf einige dieser Fragen zu geben und Menschen dabei zu unterstützen ihre eigenen Antworten zu finden.

Wie so vieles ist die Frage, wer oder was ist hier verrückt, nicht abschließend zu beantworten. „Mein Ehemann ist so rigide (unflexibel), dass er mir manchmal meinen täglichen Gutenachtkuss verweigert, nur weil er dafür sein Abendritual unterbrechen müsste!“ oder: „Sie sind so komisch, sie benutzen tatsächlich Sprache, um Informationen zu übermitteln!“ habe ich neurotypische Personen bereits über ihre autistischen Partner*innen sagen hören. Als autistische Person fragen Sie sich jetzt vielleicht, wozu neurotypische Personen Sprache benutzen, und einige Antworten darauf finden sich in den Kapiteln 5.5 „‚Wie war dein Tag, Schatz?‘ Kommunikation im Alltag“ und 6.3 „Kommunikation und Streitkultur“.

Letzten Endes bin ich der Meinung, dass niemand verrückt ist und dass alle verschiedenen Denkweisen in unserer Welt einen Platz haben und der Menschheit Nutzen bringen können. Ich habe in meiner Paarbeziehung, aber auch mit Freund*innen und Kolleg*innen oft erlebt, wie autistische und neurotypische oder andere nichtautistische Personen sich wunderbar ergänzen und sehr viel Spaß miteinander haben können, solange sie aufeinander neugierig bleiben, Unterschiede aushalten und wertschätzen. Diese Erfahrung möchte ich gerne weitergeben, um Menschen, die sich solche Beziehungen wünschen oder bereits haben, Mut zu machen diese liebevoll und bewusst zu gestalten.

Erfahrung

Ich erzähle in diesem Buch viel von meinen eigenen Erfahrungen. Das tue ich nicht, weil ich alle meine Erfahrungen für verallgemeinerbar halte, sondern erstens, weil sich vieles an Beispielen besser veranschaulichen lässt und zweitens, da ich durch die Darstellung von Problemen und den Lösungen, die mein Partner und ich gefunden haben, andere inspirieren und ermutigen möchte, ihre eigenen Lösungen zu suchen. Dennoch verstehe ich mein Buch auch als Beitrag zur Hebung des Schatzes an Erfahrungswissen, das autistische Menschen bereits haben. Als autistische Frau, die sich in erster Linie an andere autistische Personen richtet, habe ich eine in deutschsprachigen Beziehungsratgebern 4 bisher kaum vorkommende Perspektive zu bieten. Damit sich aus meinen Erfahrungen doch einige allgemein anwendbare Schlüsse ziehen lassen, habe ich nur solche ausgewählt, von denen ich dank meiner Beratungsausbildung und -praxis weiß, dass sie Themen berühren, die für viele andere Autist*innen und neurodiverse Paare ebenfalls bedeutsam sind. Teilweise sind dies Autismus-spezifische Hürden, wie die Reaktion auf die Frage „Wie war dein Tag, Schatz?“ in Kapitel 5.5 oder „Krisen und Notfälle erkennen“ in Kapitel 6.8. Zu einem großen Teil aber geht es um Herausforderungen, die in jeder Partnerschaft vorkommen, wie Kommunikation in Konflikten, Sexualität oder häusliche Arbeitsteilung. Bei neurodiversen Paaren wohnt diesen aber „eine zusätzliche Schicht an Komplexität“ inne, betont Grace Myhill vom Asperger/Autism Network AANE 5, eine meiner Ausbilder*innen.

Es gibt notgedrungen eine andere Person, deren Erfahrungen ebenfalls in diesem Buch vorkommen, ohne dass die Person selbst zu Wort kommt, und das ist mein langjähriger Beziehungspartner oder, wie ich ihn tatsächlich meistens nenne, mein geliebter Ehemann. Ich stehe vor dem Dilemma, einerseits seinen enormen Beitrag zu unserer Beziehung und somit auch dem Buch zu würdigen und andererseits ihn nicht zu sehr ins Rampenlicht zu zerren. Bitte denken Sie daran, dass hier nur ein kleiner Ausschnitt seines Lebens beschrieben wird, und betrachten Sie diesen möglichst so liebevoll wie ich den ganzen Menschen dahinter.

Ach ja, die Paarberatungsausbildung habe ich im Gegensatz zur Familientherapieausbildung abgeschlossen. Zusammen mit meiner Ausbildung zur Familien- und Konfliktberaterin der Positiven Psychotherapie reicht mir das auch. Mein Buch und ich wollen Sie inspirieren und beraten und nicht therapieren: Wir möchten Ihnen nicht helfen sich zu ändern, wir möchten Ihnen helfen sich zu entfalten, zu lieben und geliebt zu werden so wie sie sind!

Für alle Leser*innen: Bleiben Sie auf sich selbst und aufeinander neugierig! Sie sind liebenswert! Haben Sie den Mut Beziehungen einzugehen und diese bewusst zu gestalten!

1.2 Beziehungsphasen: Aufbau dieses Buches

Wer eine Blume wachsen lassen möchte, wird wahrscheinlich die größten Erfolgsaussichten haben, wenn er*sie Blumen mag und sich eine Blume heraussucht, die ihm*ihr besonders gut gefällt. Gemocht zu werden reicht den Blumen aber nicht aus, um zu gedeihen. Man muss wissen, ob die gewünschte Blume sich besser aus Samen oder Ablegern ziehen lässt und wo man diese findet. Auch muss man herausfinden, welche Erde die Blume braucht, welche Menge an Licht, Wasser und Dünger sie benötigt und die Möglichkeit haben, ihr all das zu geben. Ist der vorhandene Standort für die gewünschte Blume nicht geeignet, sollte man sich vielleicht nach anderen Blumen umsehen, die sich dort wohler fühlen könnten. Sodann braucht man vor allem Geduld, denn das Wachstum einer Pflanze lässt sich kaum beschleunigen, ohne dass sie Schaden nimmt. Aber auch bei gutem und beständigem Wachstum kann es sein, dass die Blume irgendwann ihre Blätter hängen lässt, von Blattläusen befallen wird oder welkt. Wer auf Dauer Freude an einer Blume haben möchte, sollte lernen, ihre Zeichen zu lesen und zu deuten, zu verstehen, wann sie mehr oder wann sie weniger Wasser benötigt. Wenn das nicht gelingt, kann man sich den Rat erfahrener Gärtner*innen suchen. In jedem Fall braucht man Geduld und das Vertrauen, dass die Blume, auch wenn sie in einem Jahr mal weniger wächst oder man sie gar zurückschneiden muss, dennoch kräftig genug ist, um sich zu erholen und weiter zu wachsen. Dabei hilft die Vorstellungskraft: Erinnerungen an und Fantasien über die Blume in ihrer schönsten Blüte motivieren, sie immer weiter liebevoll zu pflegen. 6

Diese Erfahrung einer leidenschaftlichen Balkongärtnerin lässt sich prima auf Beziehungen übertragen: Wer eine Beziehung sucht, sollte zunächst bereit sein, Liebe zu geben und zu empfangen. Er*sie sollte eine Ahnung davon haben, was er*sie für eine*n Partner*in sucht, ohne sich zu sehr auf diese Idee festzulegen (dazu mehr in Kapitel 2 „Vor der Beziehung“). Er*sie braucht Gelegenheiten, mögliche Partner*innen kennenzulernen und gemeinsame, möglichst angenehme Erfahrungen mit ihnen zu machen, aus denen sich mit viel Geduld eine Beziehung entwickeln kann (dazu mehr in Kapitel 3 „Eine*n Partner*in finden, einander kennenlernen“ und Kapitel 4: „Die Anfangsphase der Beziehung: der Umgang miteinander, mit Eurer Umgebung und mit den eigenen Gefühlen“). Mit der Zeit werden die Partner*innen auch eine Gesprächs-, Verhandlungs- und Streitkultur entwickeln müssen, die es ihnen ermöglicht, die Herausforderungen, die sich jeder Beziehung von innen oder von außen nach einigen Jahren stellen, zu meistern (dazu mehr in Kapitel 5 „Die Beziehung stabilisieren, Bedürfnisse neu verhandeln“). Dabei gibt es kein Rezept für alle, denn es müssen die Eigenheiten beider Partner*innen und die spezifische Beziehungskonstellation berücksichtigt werden. Rat zu suchen, zum Beispiel in einer Paarberatung oder einem Buch wie diesem, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Wertschätzung der Beziehung (Kapitel 6 „Häufige Konflikte in neurodiversen Beziehungen und konstruktiver Umgang damit“). Bei allen Problemen hilft es immer wieder, sich daran zu erinnern, worin man sich bei dem*der Partner*in verliebt hat, sich zu vergegenwärtigen, was beide gemeinsam genießen können (dazu mehr in Kapitel 7 „Stärken und Freuden neurodiverser Beziehungen“). Es kann auch helfen, sich gemeinsam eine Zukunft auszumalen, auf die sich beide freuen können (dazu mehr in Kapitel 8 „Und nach 20 Jahren?“).

Die Kapitel dieses Buches orientieren sich an häufigen Phasen im Beziehungsverlauf, die ich angelehnt an das 5-Stufen-Modell der Positiven Psychotherapie nach Nossrat Peseschkian definiert habe. 7Obwohl sich die Beziehungsphasen von Paaren oft ähneln, 8 ist die zeitliche Abfolge nicht als allgemeingültiges Modell zu verstehen, da Beziehungen so unterschiedlich wie Menschen sind und es gerade neurodiversen Paaren guttun kann, die Idee einer „richtigen“ Reihenfolge zu hinterfragen, wie in Kapitel 3.1 „Verknallt, verliebt, verheiratet?“ betont wird. Dennoch habe ich diese Einteilung gewählt, in der Hoffnung, dass sie es Leser*innen leichter macht, an dem Punkt einzusteigen, an dem sie sich in ihrer Beziehung oder Beziehungssuche gerade befinden. Innerhalb der Kapitel finden sich Geschichten aus meiner eigenen Erfahrung, Lösungsvorschläge und Werkzeuge aus der Paarberatung.

Am Ende der meisten Unterkapitel finden sich in einem Kasten zusammengefasste Tipps.

Am Ende des Buches findet sich noch ein Glossar. Ganz zum Schluss gibt es noch einige Anmerkungen für diejenigen, die nach Quellen zum Weiterlesen und -recherchieren suchen.

Je nach Lebens- und Beziehungsphase, in der Sie sich aktuell befinden, können Sie dieses Buch also an verschiedenen Stellen beginnen. Sind Sie auf der Suche nach einer Beziehung, finden Sie besonders in den Kapiteln 2 und 3, „Vor der Beziehung“ und „Eine*n Partner*in finden, einander kennenlernen“ Hinweise zur Selbstreflexion und für die ersten Schritte. Wenn Sie bereits Ihre*n Traumpartner*in gefunden haben, steigen Sie ruhig gleich bei Kapitel 4 „Die Anfangsphase der Beziehung: der Umgang miteinander, mit Eurer Umgebung und mit den eigenen Gefühlen“ oder Kapitel 5 „Die Beziehung stabilisieren, Bedürfnisse neu verhandeln“ ein. Falls Sie dieses Buch wegen einer akuten oder chronischen Beziehungskrise zur Hand nehmen, nützt Ihnen vielleicht besonders Kapitel 6 „Häufige Konflikte in neurodiversen Beziehungen und konstruktiver Umgang damit“, und zum Wiedergewinnen von Hoffnung Kapitel 7 „Stärken und Freuden neurodiverser Beziehungen“.

1.3 Aus welcher Perspektive ich schreibe

Neben unseren einzigartigen Persönlichkeiten haben wir alle verschiedene, in unseren Gesellschaften für relevant erachtete, Merkmale. Manche davon werden zu Identitäten – in der Regel diejenigen, in denen wir am meisten Nachteile erlitten haben. Wohl deshalb fällt mir zu meinen Identitäten als erstes „Autistin“ und „Frau“ ein, wobei der Autismus deutlich mehr meiner Persönlichkeit ausmacht als das Frausein, auch wenn ich es schätze, dass ich als solche buntere Klamotten tragen „darf“ als Männer. Ich bin außerdem cisgeschlechtlich, habe also mein ganzes Leben in dem Geschlecht verbracht, das die Hebamme bei meiner Geburt ausrief, endogeschlechtlich oder dyadisch, das heißt mit aus medizinischer Sicht eindeutig weiblichen Geschlechtsmerkmalen geboren, und heterosexuell. Ich war immer mit Männern zusammen, auch wenn darin – typisch autistisch? – teilweise eine bewusste Entscheidung steckt. Außerdem lebe ich seit langem monogam, mir reicht also ein Partner, zumindest seitdem ich meinen Mann kennengelernt habe. Als Mädchen und Frau, gerade als autistische Frau, habe ich im Vergleich zu Männern einige Steine in den Weg gelegt bekommen. Als weiße9 deutsche Frau ohne Migrationserfahrung bekomme ich in dieser Gesellschaft wiederum unverdiente Vorteile. Die mediale Überrepräsentation weißer autistischer Menschen im Vergleich zu Schwarzen autistischen Menschen und autistischen Menschen of Color ist eines der Resultate weißer Privilegien. Diese Privilegien habe ich auch im Vergleich zu einigen Mitgliedern meiner Familie. 10 In meiner Familie vereinigen wir verschiedene kulturelle Gewohnheiten und teilweise transnationale Biografien. Wir alle wissen, wie es ist, ausgegrenzt oder einfach nur als ‚anders‘ gesehen und behandelt zu werden. Dies macht es leichter, einander zu verstehen, auch wenn sich die Formen der Ausgrenzung, die wir erleben, stark unterscheiden. Auch meine Position als unauffällige Autistin, die gelernt hat Augenkontakt zu halten und Lautsprache benutzt, ist mit einigen Vorteilen bedacht. Zwar setze ich mich in dem Moment, in dem ich sage, dass ich autistisch bin, der Gefahr aus, eine Reihe von Diskriminierungen zu erleben wie zum Beispiel Beleidigungen, Abwertungen und dem Absprechen von Kompetenzen. Aber ich habe eben auch die Wahl, dieses Risiko nicht einzugehen. Strukturelle Hindernisse, die autistischen Menschen in Schule, Ausbildung, Uni und bei der Arbeit begegnen, konnte ich bisher – auch dank der Unterstützung von Familie und Freund*innen – meist überwinden oder umgehen. Dennoch hatte auch ich Zeiten, in denen ich nicht gesprochen habe, weshalb mich eine kategorische Trennung von ‚Aspergern‘ oder ‚hochfunktionalen‘ und anderen Autist*innen nicht überzeugt.

Stellenweise werden Sie mich als widersprüchliche Person erleben. Ich habe das Bedürfnis, in einer Diskussion, die stark von nichtautistischen Fachleuten und Partner*innen geprägt ist, eine autistische Stimme zu erheben und einen Gegenpol zu diesen zu bilden. Zu manchen Zeiten wünsche ich mir aber auch, einfach im Stuhlkreis ‚normaler‘ Paarberater*innen zu sitzen, den ich allerdings bereits mehr oder weniger freiwillig verlassen habe. Zugleich hinterfrage ich, ob es so etwas wie „neurotypisch“ oder „normal“ überhaupt gibt oder ob es nur ein Oberbegriff für diejenigen ist, „die keine Diagnose haben, weil sie noch nicht beim Arzt waren“, so eine weise Freundin. Mai-Anh Bogers Buchreihe Trilemma der Inklusion, für mich ein Jahrhundertwerk, habe ich zu verdanken, dass ich meine widersprüchlichen Wünsche und Bedürfnisse hier so stehen lassen kann, da ich nun weiß, dass sie ganz ‚normal‘ sind. 11

Da auch Sie als Leser*innen die unterschiedlichsten Identitäten und Erfahrungen mitbringen, werden manche meiner Tipps einigen von Ihnen vielleicht zu unkonventionell und anderen zu einfach oder bekannt vorkommen. Wenn Ihnen mein Buch als Ermutigung dienen kann, Ihrem eigenen Weg zu folgen oder als Bestätigung dafür, dass Sie bereits auf dem für Sie passenden Weg sind, hat es seinen Zweck jedoch genauso erfüllt, wie wenn es Sie dazu anregt Neues auszuprobieren. Ich möchte Menschen vor allem dazu ermutigen, auf die eigenen Stärken und die eigene Beziehungsfähigkeit zu vertrauen und dazu inspirieren, Beziehungen, wenn sie das Bedürfnis nach solchen haben, bewusst und mutig anzugehen.

1.4 Für wen ist dieses Buch geschrieben?

Für Autist*innen bzw. alle, die sich im Autismusspektrum verorten

Sie brauchen keine Autismus-Diagnose, um sich von diesem Buch angesprochen zu fühlen. Können Sie sich, wie ich an zwölf Jahre alte computergenerierte Passwörter erinnern, brauchen aber Erinnerungen im Kalender, um ihre engsten Freund*innen anzurufen? Willkommen im Club! Oder trifft eher das Gegenteil auf Sie zu? Auch das gibt es unter Autist*innen. Wir haben gemeinsam, dass wir anders wahrnehmen und Eindrücke, Informationen und Gefühle anders verarbeiten als die Mehrheit der Menschen. Deshalb sind auch unsere Bedürfnisse und Gefühle in Beziehungen für die Mehrheit der Menschen nicht immer leicht verständlich, obwohl wir nicht weniger und auch nicht immer grundsätzlich andere Bedürfnisse und Gefühle als nichtautistische Menschen haben. Wenn Sie sich als kopflastig, rational, schüchtern oder nüchtern beschreiben würden, könnte auch der eine oder andere Tipp für Sie nützlich sein. Dies muss wiederum nicht bedeuten, dass Sie autistisch sind!

Als autistische*r Leser*in werden Sie sich sicherlich an manchen Stellen wiedererkennen, an anderen Stellen vielleicht auch denken „Das ist aber bei mir ganz anders!“ oder sich fragen „Ist die überhaupt autistisch?“. Manchmal werden Sie vielleicht auch peinlich berührt sein, wenn ich in meinen Erfahrungsberichten kompliziert oder gar arrogant, manchmal wiederum kindlich und unbeholfen erscheine und damit gängige Autismus-Klischees bestätige. Auch Autist*innen sind individuell, sehr sogar, und es ist genauso okay, einem Klischee zu entsprechen wie es zu widerlegen.

Für nichtautistische Partner*innen von Autist*innen

Sicherlich wird dieses Buch auch von Partner*innen autistischer oder mutmaßlich autistischer Personen gelesen werden. Wenn Sie zu diesen Leser*innen gehören, werden Sie sicherlich die eine oder andere Eigenart Ihres*r Partners*in oder Ihrer Beziehung wiederfinden. Dies reicht aber noch nicht als Bestätigung eines Verdachts, er*sie könnte autistisch sein, aus! Versuchen Sie nicht, Ihre*n Partner*in von einer Diagnose oder einer Sicht auf seine*ihre Persönlichkeit zu überzeugen, die er*sie selbst im Moment als nicht hilfreich empfindet. Die Gründe dafür finden Sie in Kapitel 5.7 „Autismusdiagnose während der Beziehung“. Wenn Sie das Bedürfnis haben über Ihre Unterschiede zu sprechen, ist dies auch in alltäglichen Worten ohne psychiatrische Fachbegriffe möglich. Ein paar Ideen aus diesem Buch können Sie trotzdem ausprobieren, keine davon schadet nichtautistischen Menschen.

Verstehen Sie sich als neurotypisch oder einfach als ‚normal‘?

Als neurotypisch werden Menschen bezeichnet, deren Denken und Fühlen große Gemeinsamkeiten mit dem der Mehrheit der Menschen aufweist und die im Alltag deswegen mit ihren neurologischen Voraussetzungen auf wenige Barrieren stoßen. Als Paarberaterin erlebe ich oft, dass in dem Moment, in dem ein Mensch eine Autismus-Diagnose erhält, der*die Partner*in fast automatisch als neurotypisch etikettiert wird. Das wird der Sache nicht immer gerecht und nach einiger Zeit stellt sich nicht selten heraus, dass beide Partner*innen auf unterschiedliche Weise neurodivergent sind, auch wenn der Autismus in Beziehungen oft besonders auffällt. Wenn Sie ein*e nichtautistische*r Leser*in sind: Probieren Sie den Begriff „neurotypisch“ aus wie einen Hut. Passt Ihnen der Hut? Vielleicht hilft er Ihnen zu erkunden, wo sich für Sie Türen und Herzen öffnen, die Ihren autistischen Partner*innen, Freund*innen oder Klient*innen verschlossen bleiben. Lassen Sie sich durch den Hut jedoch nicht davon abhalten, ihre eigene Persönlichkeit genauer zu erforschen. Haben Sie möglicherweise Anteile, die zum Beispiel mit Depressionen, ADHS oder Hochsensibilität in Verbindung gebracht werden könnten? Das kommt zumindest bei den neurodiversen Paaren, die eine Beratung aufsuchen, nicht selten vor. Die Akzeptanz beidseitiger Neurodivergenzen kann es erleichtern, sich auf Augenhöhe zu begegnen und die spezifischen Bedürfnisse jedes*r Partners*in zu erkunden. Wenn Sie sich auch nach ausführlicher Selbstreflexion als neurotypisch verstehen, versuchen Sie dennoch Ihrem*r Partner*in Ihre Art in der Welt zu sein nicht als die einzig richtige, weil ‚normale‘ darzustellen, sondern als die Ihrer individuellen Persönlichkeit – in die hat er*sie sich schließlich verliebt.

Für neurodiverse Paare

Neurodiversität beschreibt – wie Diversität allgemein – die Tatsache, dass in einer Gesellschaft immer unterschiedliche Menschen zusammenleben und dass ein gerechter und angemessener Umgang mit diesen Unterschieden gefunden werden muss. Als neurodiverses Paar wird ein Paar bezeichnet, in dem mindestens eine*r der Partner*innen einer Neurominorität (siehe Glossar) angehört, zum Beispiel ein Paar aus einer neurodivergenten, zum Beispiel autistischen, und einer neurotypischen Person. Sich als neurodiverses Paar zu verstehen, birgt die Chance, sich über die Unterschiede zwischen den Partner*innen klar zu werden und darüber, welche konfliktreichen Eigenschaften, Verhaltensweisen und Dynamiken veränderbar sind und welche nicht. Sodann ist es möglich behutsam zu erkunden, wo Veränderungen nötig und möglich sind und wie hoch ihr Preis sein könnte. Zu viel Anpassung und Kompensation können für beide Partner*innen gravierende seelische und körperliche Nebenwirkungen haben. Sodann gilt es, eine Umgangsweise mit den Konfliktfaktoren zu finden, die sich nicht oder nur mit zu hohen Risiken ändern lassen. Dass dieser Prozess anfangs mit einem emotionalen Wechselbad aus Trauer und Erleichterung einhergeht, ähnlich wie die individuelle Verarbeitung einer Autismus-Diagnose, ist ganz ‚normal‘. Mit der Zeit überwiegt oft die Erleichterung. Nehmen Sie sich Zeit und denken Sie auch an die speziellen Freuden und Stärken neurodiverser Paare, die in Kapitel 7 beschrieben werden.

Für Autist*innen in Beziehungen mit Autist*innen

Auch Beziehungen zwischen zwei oder mehr Autist*innen werden als neurodiverse Beziehungen bezeichnet. Diese können in einiger Hinsicht einfacher sein, wenn geteiltes Wissen und vielleicht auch geteilte Sensibilitäten vorhanden sind, was aber nicht immer der Fall ist. Dr. Peter Schmidt beschreibt in einem treffenden Bild Autist*innen als Inseln und Neurotypische als Teile von Kontinenten. Das Wasser trennt die Inseln nicht nur von den Kontinenten, sondern auch voneinander. 12 Dennoch ist aufgrund der gemeinsamen Erfahrung des Inseldaseins ein intuitives Verständnis und Einfühlungsvermögen zwischen Autist*innen oft eher vorhanden als zwischen autistischen und nichtautistischen Menschen. Und viele Inseln sind auch so nah beieinander, dass man von der einen zur anderen schwimmen beziehungsweise Unterschiede leichter durch Kommunikation vermitteln und überbrücken kann. Doch trotz spontaner Harmonie können hier in Langzeitbeziehungen Schwierigkeiten auftreten, die denen anderer neurodiverser Paare ähneln. Dies wird insbesondere aus heterosexuellen Beziehungen zwischen Autist*innen berichtet, in denen die weibliche Partnerin oft einen Großteil der emotionalen und kommunikativen Beziehungsarbeit übernimmt und dabei teilweise geradezu eine neurotypische Rolle spielt, was auf Dauer zu Erschöpfung führen kann. 13 Manchmal entstehen Herausforderungen nicht trotz, sondern gerade wegen anfänglicher Harmonie. Wenn beide Partner*innen eher still und schüchtern sind besteht die Gefahr, dass sie zu wenig miteinander kommunizieren und vor allem keine Diskussions- und Streitkultur entwickeln. Unter autistischen Partner*innen sollte Kommunikation bewusst gepflegt und dabei die Ressourcen und Belastungsgrenzen der Partner*innen beachtet werden, indem zum Beispiel Beziehungsgespräche in ritualisiertem Rahmen und mit einer Zeitbegrenzung praktiziert werden, wie in den Kapiteln 4.5, 5.5. und 6.3 vorgeschlagen. Auch ein offenes Gespräch über sensorische Wahrnehmungen und Vorlieben der Partner*innen ist hier besonders wichtig um körperliche Intimität in der Beziehung zu gestalten, die von beiden als angenehm empfunden wird, sofern beide dies wünschen.

Als Paar: Werden Sie sich über die Unterschiede zwischen den Partner*innen klar. Versuchen Sie diese neutral zu beschreiben oder positiv zu besetzen. Aus „kleinlich“ kann „perfektionistisch“ werden und aus „schludrig“ „effizient“, aus „stur“ „zuverlässig“ und aus „flatterhaft“ „flexibel“. Oft hilft es dabei, sich an die Anfangsphase der Beziehung zu erinnern, in der Ihnen vielleicht gerade diese Eigenschaften gefallen haben. Einige Konflikte lassen sich durch diese positive Deutung bereits entschärfen oder lösen. Betrachten Sie die übriggebliebenen Konflikte: Was können Sie beide, was kann jede*r Einzelne von Ihnen ändern und was nicht? Wenn Sie sich für den Versuch entscheiden, etwas zu ändern, beschließen Sie dies gemeinsam und geben Sie sich und einander Zeit für die Umsetzung. Machen Sie Ihren Frieden mit den Dingen, die sich nicht ändern lassen. Der Autismus gehört dazu.

Als nichtautistische*r Partner*in: Zwingen Sie Ihrem*r Partner*in keine Diagnosen auf und kommunizieren Sie eigene Verdachtsdiagnosen, wenn überhaupt, extrem vorsichtig. Erkunden Sie auch Ihre eigene Persönlichkeit und nehmen Sie nicht vorschnell die Identität „neurotypisch“ an. Wenn Sie Unterschiede zwischen Ihnen beiden als belastend empfinden und darüber sprechen wollen: Beschreiben Sie diese Unterschiede möglichst wertfrei und ohne die Namen psychiatrischer ‚Krankheits‘-Bilder zu verwenden. Das Ziel sollte nicht sein, die Unterschiede zu beseitigen – das würde jede Beziehung langweiliger machen und ist im Fall von Autismus auch unmöglich –, sondern einen für beide akzeptablen Umgang damit zu finden.

Als autistische*r oder mutmaßlich autistische*r Leser*in: Haben Sie Mut, zu Ihrer Selbstwahrnehmung zu stehen und Ihre Bedürfnisse zu erkunden sowie jetzigen und zukünftigen Partner*innen mitzuteilen.

2 Vor der Beziehung

Wenn du willst, was du noch nie gehabt hast, dann tu, was du noch nie getan hast.

Nossrat Peseschkian 14

2.1 Was will ich, was brauche ich und was kann ich geben?

Was will ich?