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Wie stellen wir uns das perfekte erste Date vor? Völlig breit in einem Coffeeshop in Amsterdam? Mit einer Sadomasochistin in Zürich? Oder mit einer Dame, die sich als Escort entpuppt? Nein? Ingo Wohlfeil auch nicht – dennoch hat er all das hinter sich! Für dieses Buch begibt sich der Reporter auf eine ganz besondere Reise: Mit Dating-Apps wie Tinder oder Lovoo lässt er sich paarungswillige Singles aus der Umgebung auf dem Mobiltelefon ganz einfach anzeigen. Von Hamburg über Leipzig bis München, von Istanbul bis Stockholm bereist er Europas Metropolen, um vor allem eines zu tun: attraktive Frauen aufzuspüren und zu daten, was das Zeug hält! Entstanden ist ein äußerst unterhaltsamer Erfahrungsbericht mit vielen Tipps und Tricks aus einer Zeit, in der uns nur noch ein paar Klicks von einem Date, einer heißen Nacht oder dem Traumpartner fürs Leben trennen. *Bei diesem Buch handelt es sich um eine Neuausgabe des Buches Social Bettwork*
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Seitenzahl: 309
Veröffentlichungsjahr: 2018
Ingo Wohlfeil
Ingo Wohlfeil
Meine app-gefahreneDatingreise quer durch Europa
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen:
1. Auflage 2019
© 2019 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Nymphenburger Straße 86
D-80636 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
© Copyright der deutschen Originalausgabe 2015 by riva Verlag. Dies ist eine Neuauflage des 2015 erschienenen Titels Social Bettwork.
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Redaktion: Petra Holzmann
Umschlaggestaltung: Manuela Amode
Umschlagabbildung: shutterstock/Greenclerk, MichaelJayBerlin,
Cherstva, Fleur_de_papier
Abbildungen Innenteil: Katrin Cremer, in Zusammenarbeit mit Kai Bergold
und Gordon Märzke, unter Verwendung von Fotolia
Satz: Daniel Förster, Belgern
Druck: CPI books GmbH, Leck
eBook: ePubMATIC.com
ISBN Print 978-3-7423-0710-1
ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-0369-8
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-0371-1
Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter
www.rivaverlag.de
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Vorwort
Vorspiel
Deutschland
Stuttgart
Frankfurt
Hamburg
Köln
Berlin
Hannover
Leipzig
München
Zwischenphase
Europa
Paris
Amsterdam
Wien
Bukarest
Zürich
Stockholm
Istanbul
Tel Aviv
Nachwort
Danksagung
Es regnet in Strömen als ich im norwegischen Bergen lande.
Ich soll über einen UFO-Kongress berichten. Unter den Gästen sind sogar eine Frau, die behauptet, von der Venus zu kommen, und ein Mann, der angeblich auf Alpha Ceti geboren wurde. Der größte anzunehmende Wahnsinn trifft hier geballt aufeinander. Und ich bin mittendrin. Ich habe noch eine Nacht, bevor es losgeht. Mein Kameramann kommt erst am nächsten Morgen. Sonst kenne ich niemanden in Bergen. Aber das lässt sich ändern – ich hab ja Tinder. Im Bus, der mich zum Hotel bringt, öffne ich die App und nach knapp zwei Stunden habe ich mein erstes Date. Ich werde mich mit einer Doktorin der Medizin treffen, die grade in Bergen zusätzlich in Philosophie promoviert. Da erwartet mich augenscheinlich ein ziemlich intellektueller Abend. Doch was das Ganze besonders spannend macht: Sie kommt aus dem Sudan. Ich habe noch niemanden kennengelernt, der von dort kommt, und ich weiß auch nicht allzu viel über das Land.
Es wird eine wirklich tolle Nacht. Obwohl meine Begleitung eigentlich gläubige Muslima ist, erweist sie sich am Glas als äußerst erfahren. Wir diskutieren über den Darfour-Konflikt, die Teilung des Sudans, über die ISIS, Unterschiede zwischen Christentum und Islam, und ganz viel über internationale Trinkkultur. Unser Date ist wirklich spannend. Und auf normalem Wege hätte ich diese faszinierende Persönlichkeit niemals kennengelernt. Eine App hat es möglich gemacht.
Ein paar Tage später berichte ich zwei Kolleginnen von meinem Erlebnis. Die eine erzählt mir sofort begeistert von den Online-Dating-Erlebnissen ihrer Freundinnen. Eine von ihnen traf einen Strumpfhosen-Schweiß-Fetischisten, die andere, nach monatelanger Kommunikation, ihren vermeintlichen Traumtypen. Wie sich dann vor Ort herausstellte, war er weder 28 Jahre alt noch muskulöser Sportler, sondern ein 41-jähriger Rollstuhlfahrer, der keine andere Möglichkeit mehr sah, als eine Legende zu erfinden, um sich mit tollen Frauen zu treffen. Sie schildert eine herzzerreißende Geschichte.
Im Scherz raten mir meine beiden Kolleginnen, »doch eine Serie daraus« zu machen und meine Tinder-Erlebnisse aufzuschreiben. Und so ist es dann auch wirklich gekommen. Anfang des Jahres 2015 erschien eine neunteilige Online-Reihe über meine Erfahrungen mit Tinder in Deutschland. Die meisten Menschen, mit denen ich darüber diskutiert habe, schätzten Tinder als reine Sex-App ein. Ich entgegne in der Regel, dass das jeder selber entscheiden kann. Ich habe mittlerweile einige Pärchen getroffen, die sich so kennen- und lieben gelernt haben.
Ich würde dieses Buch gerne meinen Eltern widmen. Dennoch fürchte ich, dass sie schon massiv enttäuscht sein werden, wenn sie erfahren, was ihr Sohn so mit seinem Leben anstellt: durch die Welt reisen und Frauen daten. Hätte er doch besser Jura studiert!
Um zu verhindern, dass die handelnden Personen identifiziert werden können, habe ich die Frauen, die ich getroffen habe, optisch verändert, ihnen andere Berufe gegeben oder sie manchmal in andere Städte versetzt. Ansonsten habe ich mich an die Wahrheit gehalten. Alle Geschichten sind tatsächlich passiert. Solltest du dich in diesem Buch dennoch wiedererkennen, dann wirst du wahrscheinlich enttäuscht von mir sein. Ich möchte mich dafür entschuldigen, dass ich den wahren Grund meiner Treffen mit dir verschleiert habe.
Dieses Buch soll zum einen als kleiner Helfer durch das Dating-Dickicht dienen und zum anderen einfach nur eine unterhaltsame anekdotische Abhandlung über die Kultur und Kunst der Partnersuche im zweiten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends sein. Ein Buch über die sonderbaren und einzigartigen Begebenheiten und Schwierigkeiten des Online-Datings.
Palma de Mallorca, im Mai 2015
»Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.«
Herbsttag, Rainer Maria Rilke
Der olle Rilke hat das Singleleben viel zu düster gesehen. Er sagt, wer im Herbst und Winter keinen Partner habe, der müsse sich bis zum Frühling gedulden und irgendwie die Zeit totschlagen. Blödsinn, sagt der moderne Single, Rilke kannte nur kein Internet und Rainer Maria hatte vor allem eines nicht: Tinder. Damit funktioniert die Partnersuche auch in der dunklen Jahreszeit.
Tinder entwickelte sich rasend schnell zur beliebtesten Dating-App. Das liegt daran, dass es wahnsinnig einfach zu bedienen ist und vor allem: Es ist kostenlos! (War es zumindest bis zum Zeitpunkt des Entstehens des ersten Textes hier im Buch.)
Genutzt wird die App auf der ganzen Welt: in Europa, Amerika, Asien, Australien, Afrika. Sogar in Bürgerkriegsgebieten, wie Kollegen berichten. Ein Freund, der bei einem Fernsehsender arbeitet, nutzte die App an der türkischen Grenze, direkt vor Kobane, als die Schlacht gegen die Terrorbande ISIS mitten im Gange war.
Wie irre ist das denn? Er steht da also auf türkischem Gebiet auf einem Hügel, und während er die Einschläge der alliierten Bomben und Raketen in der Stadt gegenüber beobachtet, sondiert er die Singles der Gegend per Handy. Vielleicht muss man als Kriegsreporter genau so etwas tun. Sich ablenken von all dem Schrecken und Elend um einen herum. So denken scheinbar einige Menschen, die täglich der Gefahr, gar dem Tod ausgesetzt sind. Selbst im Krieg stirbt das Begehren nicht. Mein Kollege hatte zumindest kurzfristig Erfolg. Er datete eine junge Frau, die für Ärzte ohne Grenzen an der Grenze zu Syrien arbeitete. Sie traf er allerdings nur kurz, denn die Medizinerin entschuldigte sich quasi dafür, dass sie gerade nicht mit ihm die Nacht verbringen könne, da sie seit zwei Tagen so etwas wie einen neuen Freund habe. Den hat sie natürlich über Tinder kennengelernt. Liebe zu Zeiten des Krieges. Kann ganz schnell gehen. Der abgedroschene Spruch »Lebe den Tag« bekommt eine besondere Bedeutung, wenn jeder Tag wirklich der letzte sein könnte.
Ich bin 39 Jahre alt und wohlbehütet aufgewachsen in einer Kleinstadt. Altlasten habe ich aber keine mit mir herumzuschleppen. Keine Kinder, keine Scheidung, nicht vorbestraft. Zweimal durch die Führerscheinprüfung gefallen, einmal musste ich den Lappen abgeben. Das war’s.
Ich bin einigermaßen schlank und 1,78 Meter groß. Beruflich mache ich was mit Medien. Mit Frauen hatte ich langfristig leider bisher nicht das ganz große Glück. Meine längste Beziehung hat gerade mal vier Jahre gedauert. Viele Beziehungen scheiterten innerhalb kurzer Zeit an meiner außerordentlichen berufsbedingten Reisetätigkeit, andere an Eifersüchten aller Art, an zu viel oder zu wenig Liebe oder wahlweise zu viel oder zu wenig Sex, an Untreue, an Distanz, an Psychomacken. An allem, woran moderne Beziehungen heutzutage halt sterben. Nachdem ich so viele Jahre in mehr oder minder schwierigen Partnerschaften, kurz- und langfristigen Affären und dann immer wieder über lange Strecken solo verbracht hatte, machte ich mir immer wieder Gedanken über meine vermeintliche Beziehungsunfähigkeit. Wieso gelingt es mir nicht, was andere Menschen scheinbar so einfach schaffen: eine Familie zu gründen? Mittlerweile habe ich aufgehört, den großen Traum zu träumen, der einem schon von klein auf überzeichnet eingeimpft wird, erst durch Märchen, dann durch Hollywood. Der Traum der großen Liebe. Permanente Glücksseligkeit in Ewigkeit. Ich mache mir über Topf und Deckel keine Gedanken mehr, füge mich meinem Schicksal. Es hat ja in 25 Jahren nach Vollendung der sexuellen Reife nicht geklappt, das vollkommene Liebesglück zu finden. Nicht mal in Zeiten VOR dem Internet.
Und eigentlich bin ich immer wieder gerne Single, vielleicht diesmal, weil ich es noch nicht allzu lange bin. Auf Tinder hat mich meine Exfreundin aufmerksam gemacht, die während der Beziehung immer wieder mit Tinder-Dates drohte, wenn das so mit uns weitergehen sollte.
Nun, es ist mit uns nicht weitergegangen.
Die Trennung beruhte übrigens auf einem klassischen Missverständnis. Meine vielleicht allzu eifersüchtige Freundin interpretierte einen Facebook-Post grundlegend fehl und folgerte fälschlich, ich hätte eine Affäre mit einer Kollegin. Die Strafmaßnahmen waren drakonisch. Ich war im Spanienurlaub, als mich ein Drei-SMS-Schlag aus heiterem Himmel traf:
SMS 1: Du glaubst wohl, du kannst mich verscheißern. Mit Kumpels in den Urlaub, aber dann die Geliebte mitnehmen????
Kurze Zeit darauf:
SMS 2: Ich habe veranlasst, dass all deine Klamotten in den Keller gepackt werden!
Wenige Augenblicke später:
SMS 3: Ich werde die Schlösser auswechseln lassen. Dein Name wird von Klingel und Briefkasten entfernt.
Tolle Wurst. Wir waren erst kürzlich zusammengezogen, und ich hatte mich von allem überflüssigen Ballast getrennt, der in einem Doppelhaushalt nicht mehr vonnöten ist: Bett, Schränke, Fernseher, Sofa. Verkauft oder auf den Müll. Die kurze Inventur in meinem Kopf ergab, dass sich meine gesamten Habseligkeiten auf Erbporzellan von meiner Oma, Klamotten, Bücher und eine bisher unausgepackte Playstation 4 beschränkten. Mit anderen Worten: Ich hatte nichts mehr, nicht einmal ein Dach über dem Kopf, wenn ich nach Hause kommen würde. Ach, verdammt. Es gab ja kein Zuhause mehr.
Zugegeben, in unserer Beziehung herrschte sowieso schon eine gewisse Unruhe, aber diese in meinen Augen aktionistische Verhaltensweise war schon leicht verstörend. Zumal sie auf keiner vernünftigen Grundlage basierte und der Schlussstrich aufgrund einer bloßen Mutmaßung gezogen wurde. Mit anderen Worten: Da war doch gar nix.
Nach einer gewissen Ernüchterung und dem Fakt, dass dies – nach Rückfrage – alles ganz offensichtlich kein Albtraum war, eröffneten sich mir zwei Möglichkeiten:
weinen, die Welt ob ihrer Ungerechtigkeit beschimpfen, an Gott zweifeln und laut das eigene Leid beklagen. Panisch werden, sofort auf ImmoScout gehen und hektisch Wohnungen suchen und Termine in der Heimat ausmachen. Auf Facebook posten, dass man dringend eine neue Bleibe braucht. Dabei den Beziehungsstatus auf Single stellen und dafür Beileidsbekundungen aus aller Welt einholen. Gegebenenfalls den Partner öffentlich um Vergebung anflehen!
Oder:
den Blick über den pittoresken Hafen von Ibiza schweifen lassen, den Sonnenuntergang bei 30 Grad genießen, sich ein Glas eiskalten Rosé einschenken und sich all der sich neu auftuenden Möglichkeiten bewusst werden: Ich bin frei. Freier denn je, denn ich habe nicht einmal mehr Besitz. Vor mir liegt ein großes weites Feld und es ist an mir, welchen Weg ich gehe. Vielleicht ja erst einmal den des fahrenden Gesellen.
Ich sah ein großes Abenteuer vor mir. Noch drei Wochen Urlaub, ich hatte also Zeit, bis die unmittelbare Bedrohung durch Obdachlosigkeit näherrückte. Ich war frei von räumlichen Zwängen, ich besaß, was ich am Leib trug, plus Klamotten für zehn (warme) Tage, und ich hatte ein iPhone. Immerhin. Ich lud mir Tinder herunter. Tipp von meiner Ex. Mal gucken, was passiert …
Ich habe die App – nach Ende meiner Beziehung – anfänglich als Reiseführer verstanden. Allein in einer fremden Stadt lernt man, wenn man sich einigermaßen vernünftig verhält, ratzfatz jemanden kennen, der einem die Sehenswürdigkeiten zeigt, und sei es nur eine gute Bar! Und wer weiß, wie der Abend endet. Jedes Date, das weiß ich jetzt, ist eine Wundertüte.
Ein paar Tage nach der abrupten Trennung habe ich mein allererstes Ablenkungsrendezvous: mit einer Deutschen, die genauso wie ich Urlaub auf der Insel macht. Sie wohnt nur vier Kilometer entfernt in einem Haus mit schwulen Freunden und langweilt sich. Wir verabreden uns zum Abendessen. Zwei Stunden und zwei Flaschen Wein später weiß ich von ihr: Sie ist 41 Jahre alt, Deutschlehrerin, alleine auf Ibiza, ihre beiden Freunde sind permanent am Arbeiten. Sie liest den ganzen Tag am Pool ein Buch nach dem anderen oder macht Sport. Sieht man! Durchtrainiert, die Dame. Ihr steht der Sinn nach Abwechslung und sie gibt zu verstehen, dass damit nicht zwangsläufig nur Ausgehen gemeint ist. Eigentlich bin ich gerade nicht an sexuellen Übersprungshandlungen interessiert, aber ich bin angefixt von dem Gedanken, was heute Nacht noch so passieren könnte. Wie weit wird sie gehen am ersten Abend? Wir diskutieren im vorsichtigen Konjunktiv die Möglichkeiten eines Ortswechsels. Zu ihren schwulen Buddys können wir schon einmal nicht, das möchte sie keinesfalls. Außerdem ist das Haus hellhörig und sie kein Kind der Stille. Ich hingegen wohne gerade bei Freunden in der WG und schlafe auf dem Sofa. Geht auch nicht. Hotel? Unnötige Geldausgabe und irgendwie auch peinlich, um Mitternacht vor einem alles durchschauenden Portier zu stehen. Strand ist doof bei zwei Erwachsenen, finden wir.
Da kommt mir doch tatsächlich ein Geistesblitz. Kurz zuvor gab es auf einem Anwesen nahe dem Haus meiner Freunde eine Razzia. Wie mir berichtet wurde, hatte ein Dutzend vermummter und schwer bewaffneter Beamter der Guardia Civil die Wohnung von angeblichen Drogendealern aus England umstellt. Ich kannte die Jungs flüchtig, da sie mich mal als Anhalter mitgenommen hatten und sich als Nachbarn meiner Freunde vorgestellt hatten. Meine Kumpels wiederum berichteten mir von seltsamen Orgien im Nachbarhaus. Dealer halt! Die Polizei hatte freundlicherweise für uns die Tür der Verdächtigen mit einem Stemmeisen aufgebrochen und anschließend lediglich mit gelben Aufklebern versiegelt. Die Siegel wurden einen Tag später vom Hausmeister aufgebrochen. Der alte Spanier versuchte, die Tür einigermaßen wieder in Schuss zu bekommen. Ist ihm aber nicht gelungen, sie ist deshalb nur angelehnt. Das hatte schon etwas wirklich Spannendes, Hausfriedensbruch bei englischen Drogenhändlern zu begehen.
Die Wohnung ist völlig durchwühlt, aber die teure Boxspringmatratze in absolut einwandfreiem Zustand, wenn auch ohne Bettlaken. In solchen Situationen muss man aber auch wirklich einmal Abstriche machen. So verbringen wir die Nacht erst im Schlafzimmer, dann auf dem Sofa und schließlich auf dem Balkon der Koksverticker. Bei angelehnter Haustür. Sex mit Angst im Nacken. Da kommt bestimmt bald jemand … Das wird uns irgendwann zu gruselig, deswegen gehen wir sicherheitshalber in den Pool. Die Nachbarn haben nichts bemerkt. Die Polizei auch nicht. Und die Drogendealer sollen mir ja nicht mit einer Anzeige kommen. Jungs, ihr solltet mir dankbar sein, dass ich auf eure Wohnung aufgepasst habe! Wahrscheinlich wärt ihr stolz auf mich. Oh Mann, ein echter Adrenalinkick. Solche Erfahrungen brennen sich ins Gedächtnis ein und werden zum Egomythos. Besonders, wenn man die Frau, mit der man diese Situation erlebt, danach nie wieder sieht – in der Wohnung gab es leider nichts zum Frühstücken.
Nur wenige Tage nach dem Ende meines Urlaubs – ich wohne gerade bei Freunden mit einwandfreiem Leumund – tindere ich Diana, eine Berliner Ärztin, 40 Jahre alt. Wir schreiben uns an einem Freitagnachmittag sehr angenehm hin und her und beschließen, uns entspannt am Abend in einer Bar zu treffen. Berlin, Kreuzberg. Seitenstraße. Haifischbar. Sie kommt natürlich eine halbe Stunde zu spät und ich bin gereizt. Doch als sie den Laden betritt, sehe ich ein wahnsinnig sympathisches Wesen vor mir. Diana ist kleiner, als ich erwartet habe, ihre Augen leuchten bei der Begrüßung und der anschließenden Entschuldigung fürs Zuspätkommen. Diana hat in ihrem Leben in mehreren angesehenen Kliniken und Krankenhäusern gearbeitet, ist blitzgescheit und ehrgeizig. Über zehn Jahre war sie mit einem Amerikaner verheiratet und blieb kinderlos. Zuletzt war sie mit einem Arzt verlobt, der ganz klassisch schließlich mit einer Krankenschwester durchgebrannt ist. Das hat sie aber alles überwunden und bestätigt das mit ihrem Lächeln, das die von Rauchschwaden durchzogene, in düsteres Licht gedimmte Bar erstrahlen lässt. Zwei Drinks später und unter dem Einfluss unserer Lebensgeschichten wird uns beiden klar, wie wahnsinnig sympathisch wir uns sind. Und – das gibt es selten – ohne jegliches sexuelle Verlangen. Beidseitig. Nur Buddys.
Brüderschaft wird getrunken in dieser fröhlichen Nacht, in der sogar noch ein Kumpel von mir dazustößt. Am nächsten Tag ruft mich Diana an. »Du, ich wohn doch jetzt allein in der großen Wohnung von meinem Ex und mir. Hier ist noch ein kleines Zimmer frei. Wenn du willst, kannst du einziehen.«
Wie funktioniert Tinder?
Tinder verknüpft man mit seinem Facebook-Profil, sucht ein paar Bilder aus und gibt einen Radius ein, in dem der potenzielle Partner wohnen soll.
Viele Menschen haben an dieser Stelle bereits ein Problem. Denn Tinder greift auf alle Facebook-Daten zurück. Datenschutzbedenken sind da natürlich angebracht, aber sie können einem eigentlich egal sein, wenn man eh schon seine gesamten privaten Informationen der Zuckerberg’schen Datenkrake aus dem Silicon Valley zur Verfügung gestellt hat. Sollte man also bereit sein, sich dem Risiko des privaten Datenaustausches auszusetzen, dann betritt man den edlen Kreis der Einsamen, der Suchenden, der Neugierigen, der Hedonisten, der Verzweifelten, der Paarungswütigen und Heiratswilligen.
Sofort werden einem Bilder von Menschen aus der Gegend angezeigt und man kann in Sekundenschnelle über sympathisch oder nicht sympathisch entscheiden. Nope oder Like, das ist hier die Frage. Das Ganze per Wischtechnik. Nach links wischen heißt »Nein, du nicht«, nach rechts wischen bedeutet: Du vielleicht.
Sollte man auf jemanden stoßen, der einem gefällt, bei dem man sich aber noch nicht allzu sicher ist, kann man sich noch durchlesen, was der potenzielle Flirtpartner als Sinnspruch unter seinen Bildern schreibt (bei mir steht das Paul-Watzlawick-Zitat: »Reisen ist schöner als ankommen«), und sich dazu mehrere Fotos anschauen.
Wenn man jemanden sympathisch findet und derjenige einen auch, ergibt das ein »Match« und die Chat-Funktion wird freigeschaltet. Viel Erfolg beim Flirten!
Als die von mir in dieser Frage längst unterwanderte Chefredaktion einen Freiwilligen für eine Art Tinder-Tagebuch Deutschland sucht, trete ich sofort vor. Ich muss das machen. Die anderen Kollegen stecken doch sowieso alle in Partnerschaften. Ich bin frei. Und außerdem, was soll denn die Entrüstung, niemand kann mir doch vorschreiben oder vorwerfen, wie ich mein Singledasein pflege. Und wenn ich eben das in der Arbeitszeit höchstamtlich ausleben darf, ja Herrschaftszeiten! Das ist doch der Traum eines jeden alleinstehenden Gentleman. Kurzum: ein aktuelles Hobby (Flirten) mit dem beruflichen verbinden (darüber schreiben)! Wie geil ist das denn?
Wochenlang durch Deutschland, vielleicht später sogar durch Europa reisen, Buchführen über das Dating- (und Paarungs-)Verhalten von Groß- und Kleinstädtern. Noch mal: auf Reisekostenabrechnung Frauen daten. Das ist doch ein wahres Schurkenstück. Ich pack dann mal meine Sachen.
Reisen passt mir gerade gut in den Kram, denn ich habe Dianas Angebot angenommen und bin bei ihr eingezogen. Es ist schließlich immer gut, eine Ärztin im Haus zu haben. Sie hat mir ein klitzekleines Zimmer von knapp acht Quadratmetern zur Verfügung gestellt: meine neue vorläufige Bleibe. Eingezogen bin ich mit zwei Taschen voller Klamotten. Mehr habe ich gerade nicht. Der Rest steht noch in dem Keller meiner Exfreundin, und ich habe keine Lust, mich mit Hab und Gut zu belasten. Wohin auch damit? Mit meinem Gepäck ist das Zimmer überfüllt. Auf der einen Seite steht ein langes Regal voller medizinischer Bücher, auf der anderen Seite ein Schreibtisch, am Ende eine Schlafpritsche. In der Mitte meine Taschen, um die ich herumlaufen muss, um zum Bett zu kommen. Egal, der Winter naht und als Basiscamp würde das vorerst reichen.
Diana ist, vorsichtig ausgedrückt, eine Viele-Männer-Testerin. Sie hat schon mal drei oder vier Dates in der Woche. Sie ist intensiv auf der Suche nach einem Kerl. Dabei hatte sie doch schon einen. Und das sogar ziemlich lange, insgesamt 14 Jahre, davon zehn verheiratet. Sie lebte ein Leben zwischen Berlin und US-Pazifikküste. Er war erfolgreicher Westküsten-Eventmanager, sie eine aufstrebende Ärztin. Sie feierten auf Jachten, liebten sich in Villen und heirateten in Palm Springs, Kalifornien. Doch auch der schönste Traum ist einmal vorbei. Jetzt arbeitet sie in einer Praxis in Berlin-Spandau, hat ein paar Partnerschaftsanwärter, den einen oder anderen Geliebten und ein paar Jungs auf der Warteliste. Doch eigentlich hofft sie nur darauf, ihr Herz zu verlieren – an einen, der es wirklich ehrlich mit ihr meint. Vorher wird auf Leib und Seele getestet.
Derzeit ist ihre Nummer 1 ein ganz besonderes Prachtexemplar. Er ist einer der Tänzer dieser legendären Stripperbande, der Chippendales. Sie zeigt mir Bilder von dem US-Sunnyboy, die an der Würdigkeit meiner körperlichen Existenz zweifeln lassen. Kein Gramm Fett, Eightpack, blaue Augen, blonde, leicht gewellte Haare. Ein perfekter Schönling. Stolz berichtet sie, wie vor dem Hotel die Groupies seinen Namen schrien, aber sie mit in die Suite ging und die Nacht durchf… durchfeierte. Er ziert kurze Zeit sogar ihren Handy-Startbildschirm und, na klar, sind ihre Freundinnen maßlos eifersüchtig. Eine andere Geschichte handelt von irgendeinem Ronny aus dem Prenzlauer Berg, Amateurboxer. Super trainiert und super borniert. »Ick war noch nie im Westen«, ist einer seiner Lieblingssprüche. Dennoch ist der irgendwie süß, sagt sie. Ja genau, der süße Kirmesprügler mit dem Horizont von Konnopckes Imbiss bis Alexanderplatz.
Wird Zeit, meinen Tinder-Trip anzutreten, bevor ich dem Betonkopfboxer morgens in Unterhose an der Kaffeemaschine begegne und provokant die Reisefreiheit lobpreise.
Die Fragen, die ich mir beginne zu stellen, lauten wie folgt:
Hat sich das Flirtverhalten durch das Internet verändert?
Wenn ja, hat es somit auch die Gesellschaft verändert?
Die Antworten darauf (wenn ihr keine Lust habt, das Buch bis zum Ende zu lesen, dann könnt ihr es nach den folgenden Antworten auch zuklappen und weiter tindern):
ja
sehr
Das bemerke ich besonders an meiner neuen Mitbewohnerin: Ärzte, Boxer, Chippendales. Was da wohl als Nächstes kommt …?
Darüber hinaus beschäftigt mich die Frage, wer ich eigentlich bin, wer ich sein sollte auf meiner Städtetour. Soll ich mich etwa als mich selbst ausgeben oder besser als jemand anderes?
Ich beschließe nach langem Überlegen, allen zukünftigen Dates die Wahrheit über mich zu sagen, also zumindest fast: Ich arbeite als Reporter bei einer Zeitung und bin gerade auf Dienstreise. Das wahre Motiv meines Aufenthalts werde ich jedoch verschweigen.
Merke: Je mehr Lüge, desto mehr Verhedder und Verzettel. Irgendwann weiß man nicht mehr, wem man was erzählt hat, und dann fällt das ganze Quatschgerüst in sich zusammen. Ich brauch also, Gott sei Dank, immer nur eine Ausrede, weshalb ich gerade in der jeweiligen Stadt bin, und keine ganze Lügenlegende.
Wenn mich eine Frau fragt, was ich denn beruflich so mache, antworte ich einfach scherzhaft: Ich arbeite im Zentrum des Bösen. Das ist eigentlich ein ganz guter Türöffner bei humorvollen Frauen. Mein Outing kann aber auch negative Folgen haben. Einmal chatte ich mit einer ganz niedlichen Dame aus Berlin, die leider permanent von ihrer Kunst und ihrer wichtigen Arbeit als Schauspielerin schwafelt. Wir tauschen am Ende des Gesprächs unsere Namen aus, um über Facebook in Kontakt zu bleiben. Als ich sie googel, stellt sich heraus, dass sich ihr künstlerisches Wirken einzig und allein auf die Teilnahme bei Catch the Millionaire bezog, also auf wirklich wichtige Arbeit. Am nächsten Morgen hat sie mich zu meiner Überraschung bei Facebook blockiert und bei Tinder rausgeworfen. Sie scheint mich auch gegoogelt zu haben. Wir haben wohl mal negativ über sie berichtet …
Als der Urologe nach einem allumfassenden erbarmungslosen Geschlechtskrankheitencheck grünes Licht gibt, wird der Reiseplan erstellt und das Handy aufgeladen. Auf geht’s!
Kaum bin ich in Stuttgart angekommen, merke ich, Montag ist kein guter Tinder-Tag. Der Schwabe muss erst einmal vom Wochenende langsam wieder zurück in den Alltag finden. Geknutscht wird am Samstag, geschafft am Montag. Mist.
Bisher habe ich noch kein Hotel gebucht und setze mich deshalb in verschiedene Cafés in der Innenstadt und beginne mit der »Arbeit«. Kurz vorher habe ich noch was verrückt Analoges erledigt und mir ein halbes Dutzend Kugelschreiber und ein stabiles DIN-A4-Heft gekauft. Ich will erst mal per Strichliste Statistik führen und die regionalen Besonderheiten erkunden.
NOPE – LIKE – MATCH
Erste Gehversuche auf Tinder.
Es gibt zwei Arten des Matchens:
1. Sie findet dich zuerst.
Es gibt tatsächlich Bilder von Frauen, da fängt mein Herz an zu pochen! Umwerfende Ausstrahlung – zumindest auf den Fotos. Hat sie dich auch schon im Visier? Hat sie dich schon geliked, bevor du auf ihr Foto gestoßen bist?
Es ist ein bisschen wie Roulette. Schwarz oder Rot! Die Kugel rollt, ich schiebe das Bild nach rechts (LIKE), kurz den Atem anhalten – bitte, lieber Gott –, und dann erscheint der Glückwunsch: »You have a new match.« Siegesfaust! Yesss! Jetzt kommen Endorphine ins Spiel. Wird sie mir antworten, wenn ich zuerst schreibe, wird sie mich gar treffen wollen? Dieser Reiz kann süchtig machen. Dennoch gibt es nur wenige dieser Glücksmomente. Wenn man sie erlebt, sollte man sie auskosten und sich ein wenig feiern.
2. Du findest sie zuerst
Du blätterst dich durch die umwerfendsten Bilder und likest the best of. Den Rest nopest du (NOPE). Irgendwann macht dann dein Telefon Piep, und es erscheint Folgendes auf dem Bildschirm: »Congratulation, you have a new match.«
Das ist dann ein bisschen wie Weihnachten oder wie ein Überraschungsei. Irgendjemand, den du gut findest, findet dich jetzt auch erst mal … nett. Dein Handy überbringt eine frohe Kunde. Und das ist tatsächlich ein adrenalinhaltiger Moment. Du öffnest die App und schaust, wer dich mag.
Tataaaa. Spannung, Trommelwirbel, Mist. Echt? Die hab ich »geliked«? War ich etwa betrunken? O. k., am besten sofort wieder löschen, bevor sie es merkt, oder ein sich anbahnendes Gespräch im Keim ersticken. An dieser Stelle bloß keine Frage stellen und minimalistisch vorgehen: »Ja«, »Nein«, »Danke«. Mehr ist nicht erlaubt. Tschüssi!
Die andere, seltenere Variante für Männer ist ein leichtes Testosteronzucken: Wow, die findet dich toll. Krass. Du sie auch. Jetzt genau überlegen, was du schreibst. Wird sie antworten? Und wenn ja: Ball hochhalten, Initiative ergreifen, das Gespräch nicht sterben lassen. Sei witzig, sei inspirierend, erzeuge Bilder im Kopf oder mit anderen Worten: Gib dir einfach Mühe. Du bist vielleicht kurz davor, die Frau deines Lebens kennenzulernen oder einfach nur eine schöne Nacht oder mehrere zu verbringen …
Was besonders toll für die verletzte männliche Seele ist: Man wacht morgens auf und hat über Nacht vier, fünf neue Matches bekommen. Dann ist das ein bisschen wie durch eine Online-Zeitung blättern.
Den ganzen Vor- und Nachmittag verbringe ich in Stuttgart mit Katalogisieren. Mein iPhone ist heiß gelaufen, da ich zeitgleich den Akku lade und wild durch die Gegend tindere …
Alter, Haarfarbe, Bilder mit Alkohol, Bilder mit Zigarette, Hund, Katze, Pferd. Bilder im Strandkorb, Fotos vom Surfen, Fischen, Skifahren, Fallschirmspringen. Alles wird in meinen Block eingetragen.
Ich stelle den Radius von Tinder auf 50 Kilometer ein. Rund um Stuttgart will ich mir jede einzelne angemeldete Frau ansehen. Wie viele Frauen im Alter von 18 bis unendlich gefallen mir, wie vielen ich? Wie verläuft die Kommunikation? Eine statistische Mammutaufgabe, denn egal, was ich mache, Tinder zeigt mir konsequent den maximalen Radius von 159 Kilometern an, ich komme bis an die Tore von Frankfurt. Ich erreiche die Schweiz und Frankreich. Es tummeln sich Tausende im Netz, Tausende. Trotz Neustarts der App, des Handys.
Nach den ersten acht Stunden harter Arbeit habe ich sechs Matches, also sechs Frauen, die mich auch interessant finden. Kein besonders guter Schnitt, wie ich finde, aber gut, BaWü an einem Montag halt. Nur eine einzige Frau kommt aus der Landeshauptstadt. Bitter! Mit ihr habe ich dann mein erstes vom Reisekostenverantwortlichen abgenicktes Date in einer süßen kleinen Bar in Stuttgart.
Pünktlich erscheint die 24-Jährige und lächelt schüchtern. Lili hat ein verschmitztes Lächeln und wache Augen. Viele Sommersprossen, rot schimmerndes Haar. Sie erzählt, dass sie gerade von einem Empfang kommt, wo es schon lecker Champagner gab. Ich freue mich. Sie ist genauso hübsch wie auf ihren Fotos. Dann bestellt sie einen Wodka Soda. Lecker, lecker Bumerang! Willkommen in Baden-Württemberg.
Einige Drinks später: Leichenblass kommt Lili von der Toilette zurück. Geschlagene zwanzig Minuten war sie dort verschwunden. Ich dachte schon, sie wäre abgehauen, um unserem Blind-Tinder-Date irgendwie zu entkommen. Doch nicht ich bin ihr Problem, sondern der Alkohol. Muss sie sich denn auch binnen dreißig Minuten drei Wodka-Soda reindonnern? In der gleichen Zeit habe ich gerade mal zwei Weinschorlen geschafft. So viel Longdrink kann eine Frau von geschätzten 45 Kilo innerhalb kürzester Zeit aus den Latschen hauen und ist keinesfalls zu entschuldigen mit dem Hinweis: »Ich musste mir dich einfach schön trinken.« Dabei hatte alles so schön angefangen.
Eigentlich ist Alkohol eine »vernünftige« Sache beim ersten Date. Er entkrampft, und die Gesprächspartner öffnen sich schneller. Man sollte nur darauf achten, dass man am Ende nicht besoffener ist als sein Gegenüber. Vielleicht sollte man gar regulierend eingreifen, wenn einem Date die Zügel entgleiten. Doch bei Lili kommt alles so überraschend und geht so schnell …
»Tut mir leid«, sagt sie eingeschüchtert mit gesenktem Blick im Lady-Diana-Style, als ich sie vor ihrer Haustür absetze. Torkelnd entschwindet sie in der Dunkelheit des Hausflurs. Wie sie sich wohl nach dem Erwachen fühlt? Am nächsten Tag schickt mir Lili eine reumütige Nachricht, aber da habe ich die Stadt bereits verlassen …
Nach einer Stunde war der Spaß also vorbei, als ich die betrunkene 24-Jährige nach Hause bringe, ist es 20 Uhr … Verzweiflung macht sich breit und auch in meinen Mails an die restlichen fünf Damen bemerkbar. »Wieso denn so hektisch?«, möchte eine wissen. Recht hat sie, aber ich habe einen Redaktionsauftrag. Zwei überrede ich trotzdem, sich doch mit mir noch spontan zu treffen. Die eine in Ulm, 90 Kilometer entfernt, die andere in Karlsruhe. Entgegengesetzte Richtung, 80 Kilometer. Die 22-Jährige aus Ulm macht einen entspannteren Eindruck und ist im Gegensatz zu Karlsruhe auch kinderlos. Da spiele ich erst einmal auf Zeit. Also, ab ins Auto. Nach 30 Kilometern piept mein Handy. Sie scheint ein schlechtes Bauchgefühl zu haben. Ich halte an. Der schriftliche Dialog:
Sie: Ich denke, dass du Sex willst, oder?
Ich: Ich bin in einem Alter, wo ich nicht mehr Sklave meiner Hormone bin.
Sie: Ich hab halt keine eigene Wohnung momentan.
Ich: Klingt ja so, als wolltest du Sex!?
Sie: Heute schlecht.
Ich: Lol
ENDE.
Gut, also Mail an Karlsruhe. Es ist 21 Uhr.
Auch Karlsruhe macht in letzter Sekunde ’nen Rückzieher. Ich komme nicht aus ihrer Gegend, da mache das ja keinen Sinn, sie suche was Festes, einen neuen Papa für die Tochter. Ich schätze unser Nichttreffen nach ebendieser Argumentation als Win-win-Situation ein. Gut für uns beide. Dennoch: Ich bin gescheitert und erwäge, in einem Autobahnmotel zu übernachten.
Dann meldet sich mein Handy: »Congratulation, you have a new Match.« Eine Frau, die ich irgendwann nachmittags auf dem Radar hatte. Ich bekomme ein LIKE von Penusch aus Sinsheim. Der Name klingt persisch. Es ist 21:30 Uhr. Sie liegt auf dem Sofa, hat aber morgen frei. Nachdem ich wirklich alles an Humor in die Waagschale geworfen habe, schreibt sie: »O.k., auf einen Drink.« Mein Navi zeigt mir 80 Kilometer an …
Wer behauptet heutzutage eigentlich noch, er sei Pick-up-Artist? In meinen Augen Trottel, die mit vorgefertigten Sprüchen plump auf Frauenjagd gehen. »’tschuldigung, weißt du, wo der Bahnhof ist? Hab noch zwei Stunden Zeit, wollen wir was trinken?«
Auch wenn ich diese Mischpoke für Deppen halte, sie haben einen Vorteil mir gegenüber: Sie trauen sich, Frauen einfach so anzusprechen. Kann ich nicht, konnte ich nie. Deshalb sind Flirt-Apps für mich optimal. Auf Distanz, unverbindlich und man weiß nicht einmal, ob man einen Korb bekommt. Womöglich hat sie mein Bild ja auch noch gar nicht wahrgenommen. Vielleicht hab ich sie auch im nächsten Moment bereits vergessen. Schöne, schnelle neue Welt.
Die Mehrzahl der Tinder-Mitglieder in Deutschland ist zwischen 28 und 38 Jahre alt. Einige Menschen sind in den 50ern dort anzutreffen, einige wenige sind unter zwanzig. 60-Jährige habe ich keine gesehen, die sind ja auch gerade beim Tanztee.
»Ahmadinedschad ist ein guter Mensch«, flötet die Halbperserin an der Bar, während sie den Cuba Libre in sich hineinpumpt. Der Expräsident des Iran habe den Armen geholfen. Dass der neue Mann an der Spitze der Mullahrepublik Rohani heißt, weiß sie nicht. Das letzte Mal war sie vor 23 Jahren in ihrer Heimat Teheran und jetzt erzählt mir die Dreißigjährige, dass wir Medien nur am Manipulieren seien. Alles sei ganz anders, die Leute seien zufrieden, sonst gäbe es ja eine andere Regierung, findet die persische Patriotin. Sie ist laut, lebendig und lustig, während sie da allerlei Nahostpolitik durcheinanderbringt. Wir streiten mit Spaß an der Sache, derweil ich sie schulmeisterlich über die iranische Nomenklatura aufkläre. Wächterrat, Pasdaran, Ajatollah Chamene’i usw. Doch das interessiert die Hotelfachfrau nicht, sie interessiert die Weltverschwörung gegen ihr Heimatland …
Wieso beschwert sich die Welt überhaupt, dass der Iran Atombomben will? Die habe doch mittlerweile jedes Land, argumentiert Penusch. Ich bemerke grinsend, dass sie sogar zwei davon hat, in Naturkörbchengröße E. Bei einer Körpergröße von 1,65 Meter sind die schon beeindruckend und kaum zu übersehen, nicht einmal für einen Gentleman.
Sie lacht. Permanent zupft sie an ihrem BH herum, weil ihr Atomwaffenkontrollsystem nicht so richtig funktioniert.
Sie hat ihr schwarzes Haar straff zurückgebunden, trägt eine schwarze Bluse und eine schwarze Hornbrille. »Ich wollte mich extra so streng zeigen, weil ich nicht wusste, was genau für einen Kerl ich treffe, also hatte ich vor, ihn nicht noch extra geil zu machen, indem ich mich aufbretzel.« Sie öffnet ihr Haar und lächelt: »Wusste ja nicht, dass du kommst.«
Iranische Propaganda mit allen Mitteln in einem kleinen Kaff bei Heilbronn. Es ist 23:30 Uhr und der Barkeeper bringt die Rechnung. Der einzige Laden weit und breit macht vor Mitternacht dicht. Was für ein Nest. Jetzt gibt es nur noch zu ihr oder zu mir in meine Schrumpelabsteige, wenn wir weiter streiten wollen. Sie entscheidet sich für mein Billo-Hotel. Wir halten an einer Tanke und sie besorgt vier Dosen Rum-Cola. Sie kennt den Tankwart und kriegt Prozente. Punkige Perserin! »Aber kein Sex«, sagt sie und ich sehe ihr an, dass sie genau das will. »Pass auf«, sage ich, »wenn es zum Sex kommt, der eindeutig von dir ausgeht, dann zahlst du mein Hotelzimmer; wenn ich den ersten Schritt mache, bekommst du von mir die gleiche Summe! Deal?« Deal! Kurz danach wird der Atomwaffensperrvertrag von der Achse des Bösen gebrochen. Auf meine Kohle warte ich bis heute …
Mehr Klischee geht einfach nicht. Franziska wirbelt vollgepackt mit Einkaufstaschen (Gucci) durch die Lobby und sucht mich. Ein lauter Jauchzer, ein auffälliges hektisches Winken, ein Heranstolzieren auf 12-Zentimeter-High-Heels (Louboutins), als sie mich erkennt. Fehlt nur noch der süße, weiße Pudel mit Schleifchen (by Glööckler) auf dem Kopf. Ich schäme mich jetzt schon und versinke in meinem Ledersessel an der Hotelbar (Courvoisier)! Die 29-Jährige sieht für ihr Benehmen dennoch ganz schön gut aus. Blonde Haare – Natur – zum Zopf gebunden, blaue, wache Augen, gebleichte Zähne, Lippenstift knallrot. Natürlich! Auf ihren Tinder-Bildern hat man ihr Gesicht kaum erkannt, lediglich am Schal (Burberry) ist sie als mein Date zu identifizieren, den trägt sie auch auf ihrem Profilfoto. So hatte ich sie auch ziemlich dreist angeschrieben:
Ich: Dein Schal passt zu meinem Hotel!
Sie: Wo wohnst du denn?
Ich: Aus Versehen im besten Hotel der Stadt. Tolle Bar!
Sie: Kenn ich.
Sie hält mich nunmehr für einen reichen Sack, was sich ausnahmsweise als Vorteil erweist, denn schon einen Tag später ist es so weit. Wir treffen uns!
Franziska gibt mir ein stark parfümiertes (Prada-)Küsschen links und rechts, dabei drückt sie leicht ihre Brust (Dr. Werner Mang?) an meinen Oberarm und fängt augenblicklich an zu plappern. Sie bestellt ein Glas Champagner. Na, das kann ja heiter werden …
Es gibt für mich eine einzige eiserne Regel beim ersten Date: Ich zahle. Keine Widerrede. Mag sie mich, freut sie sich, Geld gespart zu haben; mag sie mich nicht, hat sie vielleicht ein schlechtes Gewissen und freut sich trotzdem, dass der Flirtfehlgriff nicht allzu sehr aufs Portemonnaie drückt. Aber egal, was passiert: Beim ersten Mal zahl immer ich. Wobei es auf meiner kleinen Tinder-Tour durch Deutschland nur in seltenen Fällen ein zweites Mal gibt. Sollte der Abend länger dauern und der Laden häufiger gewechselt werden, freue ich mich über eine Geste ihrerseits. Dabei reicht auch vollkommen, wenn es nur eine Kleinigkeit ist. Ein Eis, das letzte Bier oder ein frisch gepresster Straßenorangensaft auf dem Markt. Das »So, jetzt zahl ich mal« verhindert das Gefühl, dass ich mir vorkomme wie eine Weihnachtsgans, die genüsslich ausgeweidet wird.
Ein Bekannter sagte mir mal, zum Test der Frau bestelle er immer getrennte Rechnungen. An ihrer Reaktion erkennt er, ob sie ihn mag oder es nur ums Geld geht. Blöder Trick. Klappt in den seltensten Fällen. Finde ich gerecht!
Doof an meiner Einstellung ist aber, dass die Ausgaben für Essen und Trinken summiert richtig hoch werden können, wenn der Anspruch besteht, jeden Tag mindestens eine Frau zu treffen.
Merke hier: Je älter dein Date, desto anspruchsvoller, desto kostspieliger! Eine Zwanzigjährige ist noch zu begeistern für Burger und Flaschenbier, eine Lady nicht. Sie wählt den guten Rotwein und gerne die drei Gänge, wenn du nicht aufpasst. Ganz gefährlich ist es, wenn Champagner ins Spiel kommt …
Frankfurt am Main, mal wieder Messe. Alle Hotels voll. Die letzten Zimmer werden zu Wucherpreisen vergeben. Ich bekomme mit Ach und Krach ein Zimmer ausgerechnet in einem der besten Hotels vor Ort und werde dann sogar upgegraded, weil mein Zimmer schon belegt ist. Junior Suite. Ich fühle mich wie Thomas Middelhoff in seinen besten Tagen, doch ich denke mit Grausen an meinen Dispo, besonders als die Dame vor mir ein Glas Dom Pérignon bestellt. Oh mein Gott, hoffentlich trinkt sie nur eines …
