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Der Authentische Bericht einer 19-jährigen
Mein Leben ist verloren. Ich kiffe und schmeiße ständig Pillen und wenn ich so weitermache, ist sowieso alles egal. Shit. Mein Leben ist nur noch schön, wenn ich high bin.
Lina mit 13 in ihrem Tagebuch
Partys feiern und der Normalität des Alltags entfliehen – für viele Jugendliche gehören die so genannten Designerdrogen zum Spaßhaben einfach dazu. Doch der Absturz in die Abhängigkeit kann mit Ecstasy & Co. genauso schnell gehen wie mit Heroin.
Lina, heute 19, erzählt die Geschichte ihres harten Ausstiegs mit eigenen Worten, ergänzt durch ausführliche Infoblöcke: Wo und warum beginnt die Sucht? Was können Angehörige und Freunde tun? Was, wenn der Betroffene sich nicht helfen lassen will?
Umfassender Adressteil.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 148
Veröffentlichungsjahr: 2012
Unser besonderer Dank gilt Rosemarie Fischer vom Drogennotruf Frankfurt sowie Frank Günther vom Frankfurter Alice – The Drug & Culture Project für ihre fachkundige Beratung.
Der Verlag und die Autorinnen bedanken sich zudem bei INFOFON, dem telefonischen Beratungs- und Informationsdienst von Jugendlichen für Jugendliche für die Unterstützung bei der Entstehung dieses Buches.
INFOFON ist täglich erreichbar von 17 bis 22 Uhr unter
089/121 50 00.
Die Namen der beteiligten Personen wurden geändert. Worterklärungen finden sich im Kapitel szenesprache.
Ich bin Lina, 19 Jahre alt, lebe in einer deutschen Großstadt in einer kleinen Wohnung und arbeite in einer Marktforschungsagentur. Mein Traumberuf ist das noch nicht, den suche ich noch. Aber eins steht fest: Ich will mit meinen zwei besten Freunden eine WG gründen – ‘ne richtige kleine Familie wollen wir sein. Klingt ziemlich normal, oder? Aber du kennst meine Geschichte noch nicht.
Ich bin Ulla, 44 Jahre alt. Lina ist meine Tochter. Wir sind miteinander durch alle Höhen und Tiefen gegangen, die du dir vorstellen kannst. Vielleicht sogar ein paar mehr.
Lina hat dieses Buch zusammen mit ihrer Mutter Ulla geschrieben.
Dass wir dieses Buch überhaupt zusammen geschrieben haben, ist ein Wunder. Es gab eine Zeit, da hätten wir es nicht für möglich gehalten, je wieder auch nur ein einziges Wort miteinander zu reden. Da war jede von uns in einer völlig anderen Welt und dazwischen lag ein Meer von Wut und Hass, von Lügen und Heuchelei, von Drogen, Drogen, Drogen. Wenn wir es auch nicht wahrhaben wollten: Irgendwo tief in uns drinnen wussten wir die ganze Zeit über, dass es eine Brücke gab. Wir haben lange gesucht. Am Ende haben wir sie gefunden. Wir fingen an, aufeinander zuzugehen. Und mit jedem Schritt haben wir uns verändert. Als wir uns trafen, mussten wir uns erst neu kennen lernen.
Wir mochten uns irgendwie und beschlossen, für eine Zeit zusammenzubleiben.
»Gib mir dein Geld. Dein ganzes Geld! Los! Mach schon oder soll ich erst mein Messer rausholen? !«
Seit ungefähr ‘ner halben Stunde war ich hinter ihr her gewesen. Warum gerade sie, kann ich gar nicht sagen. Sie war die Erstbeste, die mir über den Weg gelaufen kam. Sie war in einen kleinen Klamottenladen in der Altstadt gegangen und hatte eine Jacke für zweihundert Mark ausgesucht, sie anprobiert und mit der Verkäuferin geredet. Dann nahm sie sie doch nicht. Und ich wusste: Die hat Cash!!! Kurze Zeit später laberte ich sie an. »Hi«, sagte ich. »Bist du alleine hier?« Es dauerte nur fünf Minuten, um sie einzuschleimen. »Soll ich dir was Schönes zeigen?«, lockte ich sie. Naiv wie sie war, kam sie mit in den Hof. Und nun stand ich vor ihr. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Knallhart zog ich meinen Plan durch. Zwei Hunnies, das war mein Schnapp.
Als ich dreizehn war, da gab es zwei Videos, auf die bin ich total abgefahren: Menace to Society und Boys in the Hood. Allein die Outfits, die die in dem Film anhatten, fand ich voll geil. Damals habe ich noch Hiphop gehört und alles, was damit zu tun hatte, gefiel mir eben. Es ging da um Schwarze, die den ganzen Tag im Getto mit ihren Freunden rumhingen und Party feierten. Um an Geld zu kommen, klauten sie Autos, überfielen irgendwelche Leute oder verkauften Drogen. Dass daran was Schlimmes sein könnte oder was da real abgeht, darüber habe ich mir überhaupt keine Gedanken gemacht. Die haben eben Spaß gehabt. Auch alle meine Freunde standen auf die Gangsta Rapper. Und je krasser man war, desto höher war man in der Clique angesehen. In ihren Augen muss ich wohl krass genug gewesen sein, denn vor mir hatte jeder Respekt. Ich hab mir nichts sagen lassen und immer gemacht, was ich wollte. Und das, was ich wollte, war hammerhart. Ich wollte klauen, kiffen, Drogen nehmen und von zu Hause abhauen.
»Ich wollte so sein wie die Gangsta Rapper und habe geglaubt, das Leben auf der Straße wäre voll cool. Erst als es zu spät war, habe ich gemerkt, wie viel Dreck du da frisst.«
In der Zeit spielte ich Baseball und in unserem Klub gab es einen Spieler, Charles, der früher selbst in Amerika in einem Schwarzengetto gelebt hatte, bevor er nach Deutschland kam. Mit ihm hingen Anna und ich immer rum. Eines Tages schaute er mich mitten im Gespräch auf einmal so an und sagte: »Also Lina, ich weiß auch nicht, aber du bist ein Rebel.« Der Name passte einfach zu mir und darum hab ich mich von da an nur noch so genannt.
»Wir nahmen uns vor, nach den Ferien im Unterricht die Füße auf den Tisch zu legen.«
In dem Sommer ist meine beste Freundin Anna mit uns in den Familienurlaub nach Spanien gefahren. Ich war total glücklich, dass ich sie mitnehmen durfte, denn ohne sie hätte ich mich zu Tode gelangweilt. Wir waren unzertrennlich, machten alles zusammen. Als Zeichen meiner Freundschaft zu ihr hatte ich mir sogar an der Hand in die Mulde zwischen Daumen und Zeigefinger mit Tinte ein A für Anna tätowiert. Zusammen in Ferien zu fahren – das war für mich ungefähr so, als ob der Traum vom großen Glück wahr würde. Eine echt fette Zeit war das. Wir sind durch alle Läden gezogen und haben unser ganzes Geld für Hiphop-Klamotten im Partnerlook ausgegeben. Und wir haben Pläne geschmiedet. Nie wieder brav sein. Krass auffallen, das war unser Ziel. Außerdem wollten wir total frech sein. Und wir haben das tatsächlich durchgezogen. Anna ist nicht ganz so weit gegangen wie ich. Sie ist halt vom Wesen her nicht so aufbrausend. Sie hat A gesagt und ich den Rest – B, C, D, E und vielleicht auch noch F. Die Schule hatte mich sowieso schon die ganze Zeit angekotzt. Besonders die Französischlehrerin, die war ein richtiges Ekelpaket. Das soll nicht heißen, dass ich dauernd rumgeschrien hätte. Aber wenn mich irgendwas aufgeregt hat – und das kam ziemlich häufig vor –, dann hab ich die Klappe weit aufgerissen. Bestimmt hab ich dabei manchmal übertrieben. Aber ich habe auch Leuten geholfen. Wenn in meiner Klasse jemand fertig gemacht wurde oder man einen nicht leiden konnte, dann hab ich ihn regelrecht aufgebaut. Das war für mich wie ein Spiel. Jedes Mal, wenn ich einen Außenseiter zu mir holte, haben die anderen gedacht, wenn die Lina mit dem rumhängt, dann muss der bestimmt cool sein. Oder sie trauten sich nicht mehr an ihn ran und ließen ihn in Ruhe. Denke ich jetzt darüber nach, dann merke ich erst, wie leicht die zu beeinflussen waren.
»Probiert hatte ich Hasch vorher noch nicht, das musste ich schon zugeben.«
Eines Tages lernte ich Sven kennen. Das war so’n Typ aus meiner Schule. Er ging schon in die Oberstufe. So jemandem wie ihm war ich noch nie begegnet. Seine schwarzen langen Haare, seine Art zu reden, zu lachen, einfach alles gefiel mir an ihm. Er war unheimlich lustig. Seine Mutter war aus Korea, und er brachte ihr falsches Deutsch bei, zeigte ihr einen Löffel und sagte »Gabel«. Und sie plapperte es gutgläubig nach. Ich hab mich kaputt gelacht über ihn. So oft es ging war ich mit ihm zusammen. Ich mochte ihn total gern. Dass ich mit einem von den »Älteren« befreundet war, ließ mein Ansehen in meiner Clique noch mal wachsen – es machte mich für die anderen zu was ganz Besonderem, Unerreichbarem. Aber seit ich Sven kannte, interessierte ich mich eigentlich nicht mehr für das, was sie dachten. Anna und ich fanden sie auf einmal nur noch kindisch.
An einem Nachmittag stand Sven mit einem seiner Freunde bei mir vor der Tür. »Wir haben da eine Überraschungfür dich«, sagte er und grinste geheimnisvoll. Ich war total neugierig, aber die beiden wollten mir nichts verraten. Sie führten mich an den Spielplatz, der damals eine Art Treffpunkt für uns war, und wir setzten uns dort auf eine Treppe. »Weißt du, was das ist?« Sven hielt mir ein Päckchen mit so ‘nem braunen Zeug hin. Klar wusste ich das. Hasch! Ich war doch kein Baby mehr! Ohne viele Worte zu verlieren, machte sich jeder der beiden daran, eine Tüte zu bauen. Als Sven fertig war, hielt er mir seine hin. Dabei sah er mir direkt in die Augen. Mir war irgendwie feierlich zumute. Und ich griff zu. Komisch! Das war nicht das erste Mal, dass man mir was angeboten hatte, aber bisher hatte ich immer abgelehnt. Doch diesmal war es anders. Ich hab mich einfach nur darüber gefreut, dass sie mich eingeladen hatten – dass sie mich dabei haben wollten. Ansonsten machte ich mir keine Gedanken. Zigaretten hatte ich schon seit längerem geraucht, damit hatte ich schon in der Grundschule angefangen und so hab ich mit dem Rauchen selbst keine Probleme gehabt.
Wir ließen die Tüten rumgehen und ich zog mir den Rauch tief in die Lungen. Wenn schon, dann wollte ich wenigstens was davon haben! Eine ganze Weile hingenwir nur rum, laberten, lachten. Irgendwann kam einervon uns auf die Idee, auf die Garagendächer neben dem Spielplatz zu klettern. Wir waren auf einmal in einerunheimlich übermütigen Stimmung. Wie wild gewordene Affen hangelten wir uns an der Mauer hoch und sprangen wie die Verrückten auf der morschen Fläche rum. Ich wusste selbst nicht, was in mir abging. Ich fühlte mich auf einmal so beflügelt, so grenzenlos frei. High eben. Ging wie auf Wolken.
Wie lange wir so da rumtobten, weiß ich nicht mehr. Dann kriegte ich plötzlich voll den Bock auf was zu essen.Sven und sein Freund lachten nur über meinen Fressanfall. Ich wusste ja noch nicht, dass das normal ist, wenn man gekifft hat. Wir sind also zum Kentucky rüber und haben uns total voll gefressen. So viele Hähnchenteile wie an dem Tag hab ich noch nie in mich reingestopft. Noch eins und noch eins und noch eins. Das Fett lief mir übers Kinn und ich hatte Ketchup an den Fingern. Genüsslich leckte ich sie mir ab. Mann, tat das gut! Als ich so richtig abgefüllt war, bin ich nach Hause und hab erst mal geschlafen. Ich war völlig fertig. Damit fing’s an. Von da an gehörte Kiffen für mich dazu.
4. Auflage 2006
Copyright © 2001 Kösel-Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Visuelles Konzept und Umschlaggestaltung: KOSCH Werbeagentur, München Umschlagmotiv: Automatenfoto von Lina
eISBN 978-3-641-08458-5
www.koesel.de
www.randomhouse.de
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