Lieber Vater, liebe Mutter... - Angelika Glöckner - E-Book

Lieber Vater, liebe Mutter... E-Book

Angelika Glöckner

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8,99 €

Beschreibung

Die Autorin zeigt lebendig und anschaulich, wie sich jeder vom zürnenden und klagenden Blick in seine Kindheit befreien kann und zu einer wohlwollenden, zustimmenden Rückschau auf seine Kindheit und seine Eltern kommt. Und damit schafft er eine stabile, tragfähige Basis für ein zufriedenes, glückliches Leben .

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Seitenzahl: 294

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Angelika Glöckner

Lieber Vater, liebe Mutter …

Sich von den Schatten der Kindheit befreien

Vorwort von Hans Jellouschek

Impressum

Neuausgabe

Titel der Originalausgabe: „Lieber Vater, liebe Mutter …“ (Herder)

© KREUZ VERLAG

in der Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2013

Alle Rechte vorbehalten

www.kreuz-verlag.de

Umschlaggestaltung: Vogelsang Design

Umschlagmotiv: © istockfoto.com – SKLA

ISBN (E-Book) 978-3-451-80044-3

ISBN (Buch) 978-3-451-61249-7

Gewidmet in Liebe meiner Zwillingsschwester

Gabriele Glöckner

Nicht durch neue Maßnahmen ändert sich die Welt, sondern durch neue Gesinnung.

Albert Schweitzer

Inhalt

Vorwort

Einleitung

I. Unsere persönliche frühe Geschichte

1. Wozu der Mensch von Natur aus fähig ist

1.1 Erfüllung, Glück und innere Ruhe

1.2 Potentialentwicklung

1.3 Körperwahrnehmung

1.4 Fühlfähigkeit

1.5 Einklang

1.6 Kontaktfähigkeit

1.7 Kommunikationsfähigkeit

1.8 Leistungsfähigkeit

1.9 Friedensfähigkeit

1.10 Sinnfähigkeit

1.11 Verantwortungsbewußtsein

2. Was Menschen für ihre Entwicklung brauchen

2.1 Einen Platz haben

2.2 Raum zur Entfaltung

2.3 Respekt

2.4 Fürsorge

2.5 Schutz

2.6 Halt und Unterstützung

2.7 Erlaubnis

2.8 Orientierung

2.9 Begrenzung

3. Wenn Basisbedürfnisse unerfüllt bleiben

3.1 Keinen eigenen Platz haben

3.2 Ungenügender Entfaltungsspielraum

3.3 Respektlosigkeit erfahren

3.4 Unbehütet aufwachsen

3.5 Ungenügender Schutz

3.6 Haltlosigkeit und Mangel an Unterstützung

3.7 Fehlende Erlaubnis

3.8 Orientierungsmangel

3.9 Fehlende Begrenzung

4. „Was kann denn ich dafür?“ – Zur Frage von Verantwortung und Schuld

5. Wie und warum wir manches wiederholen

II. Zum Thema Rituale und ritueller Satzvollzug

1. Was ist ein Ritual (Definition)

2. Formen des Rituals (wichtige Unterschiede)

3. Wozu dient ein Ritual? (Funktion)

4. Vom Wesen des Rituals

5. Das therapeutisch wirksame Ritual

5.1 Was ist ein therapeutisches Ritual? Beschreibung

5.2 Absicht und Wirkung des Sprachrituals

5.3 Zum Hintergrund und Gebrauch des rituellen Satzvollzugs

5.4 Der Ablauf des rituellen Satzes und sein Vollzug im therapeutischen Rahmen

5.5 Die Konsequenzen für „das Leben draußen“

III. Was es Kindern schwierig macht: Wie Eltern binden oder zurückweisen

1. Bindung und Verbundenheit

2. Vom bindenden zum weg- oder ausstoßenden Verhalten

3. Der bindende Modus: Wie Eltern zu sich ziehen und festhalten

3.1 Die erwartungsvolle Haltung

3.2 Die fordernde Haltung

3.3 Die unter Druck setzende Haltung

3.4 Die emotional-erpresserische Haltung

3.5 Das Angst machende Verhalten

3.6 Das überbehütende Verhalten

3.7 Die grenzüberschreitende Haltung

3.8 Die leidensvolle Haltung

3.9 Die verrückt-machende Haltung

4. Der wegstoßende Modus: Wie Eltern weg- oder von sich stoßen

4.1 Die desinteressierte Haltung

4.2 Die versagungsvolle Haltung und Atmosphäre

4.3 Die abwertende Haltung

4.4 Die ausgrenzende Haltung

4.5 Die gewaltvolle Haltung und gewaltvolles Verhalten

IV. Vom Problem zur Lösung. Die Begegnung mit den Eltern

1. Die blockierende Angst: Der Körper in Lähmung und Aufruhr

2. Die blockierende Ausweglosigkeit: Keine gute oder gar keine Wahl haben (Zwickmühle oder Doppelbindung)

3. Die unerledigte Anklage und Klage: Das Staugefühl

4. Der unerfüllt gebliebene Wunsch: Das Gefühl von Mangel und ungestilltem Bedürfnis

5. Das unbewältigte Schuldgefühl: Die Last des Verpflichtetseins

6. Die nicht ausgedrückte Lebendigkeit: Das Gefühl von „Überschuß“

7. Die nicht gelebte Liebe: Das Erleben von Überfluß

V. Im Kraftfeld des familiären Systems

1. Einführung

2. Was in der Familie schicksalhaft wirken kann

3. Die Bedingungen, unter denen sich Schicksalhaftes zuweilen ungut austrägt

4. Zum Thema „Austragung“: Wie Kinder von den Folgen der Tabuisierung, Verheimlichung oder Rücksichtslosigkeit betroffen sind.

5. Das Wichtigste zusammengefaßt

6. Drei wirkende Ordnungsprinzipien

6.1 Geben und Nehmen im Ausgleich

6.2 Zugehörigkeit und Bindung

6.3 Der Vorrang des Vorausgegangenen

7. Wie die Seele sich bindet

7.1 Identifikation

7.2 Loyalität

8. Heilende Kräfte im System

9. Das Angebot an den Leser

Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser!

Wenn Sie dieses Buch zu lesen beabsichtigen, kann ich Ihnen vorab schon eines versprechen: Es wird eine überraschende und ungewohnte Lektüre für Sie sein. Dies liegt zunächst an der Sprache der Autorin. Sie ist unkonventionell, unverbraucht, überaus plastisch: einfach „anders“ als alles, was ich in der derzeitigen psychologischen Literatur finde. Ich kann dieses „Anders“ gar nicht genau charakterisieren, es hat wohl zu tun mit Angelika Glöckners individueller, ganz und gar origineller Herangehensweise. Das bewirkt – und das ist das zweite Überraschende, das ich Ihnen versprechen kann –, daß man zu neuen und wesentlichen Erfahrungen geführt wird. Die Autorin versteht es, nicht nur den Kopf anzusprechen (diesen auch, denn sie ist in ihren Ausführungen ungemein klar und präzise), sondern vor allem auch das Herz und die Seele. Sie bringt mit dem, wovon sie spricht, unmittelbar in Kontakt. Man kann es kaum vermeiden, bei der Lektüre in einen intensiven Selbsterfahrungsprozeß hineingezogen zu werden. Um welche Art von Selbsterfahrung geht es dabei?

Angelika Glöckners Anliegen ist die Versöhnung mit der eigenen Vergangenheit, genauer das „Frieden finden mit den Eltern“. In der Psychotherapie war es lange Zeit üblich, gegen verbreitete Idealisierungs- und Tabuisierungstendenzen Aufklärungsarbeit zu leisten über die „wahren Verhältnisse“ in den Herkunftsfamilien und den Klienten zu helfen, sich aus Unterdrückung und Überanpassung zu befreien. Dabei bestand die Gefahr, in einer Art kindlicher Trotzhaltung steckenzubleiben, was lediglich Anpassung und Abhängigkeit mit negativen Vorzeichen bedeutete. Dem setzt Angelika Glöckner die Überzeugung entgegen, daß nur versöhnte Menschen ihre Eltern loslassen und den Schritt in ihre eigene erwachsene Zukunft machen können. Wie diese Versöhnung zu bewerkstelligen ist, zeigt sie in diesem Buch an vielfältigen und immer wieder sehr berührenden Beispielen aus ihrer jahrzehntelangen reichen therapeutischen Erfahrung.

Dabei greift sie die Erkenntnisse auf, die sie auf ihrem Weg als Therapeutin gewonnen hat: aus der Transaktionsanalyse, ihrer therapeutischen Grundausbildung, bei Bert Hellinger und Al Pesso. Ihr ganz eigenständiger Beitrag besteht in ihrer speziellen Methode, ritualisierte Satzvollzüge therapeutisch zu nutzen. Sie hat diese Vorgehensweise auf eine sehr originelle Art ausgebaut und weiterentwickelt. Was das konkret heißt, läßt sich hier nicht in wenigen Worten wiedergeben. Beim Lesen werden Sie es an einer Fülle von Beispielen selbst lebendig miterleben.

Auf eines möchte ich Sie, liebe Leserin, lieber Leser, zum Schluß noch aufmerksam machen. Halten Sie sich immer vor Augen, daß die rituellen Sätze, die Sie im folgenden zitiert finden, in der Regel den kondensierten Abschluß jeweils einer ganzen Therapiephase darstellen. Darin verdichten sich wie in einem Brennspiegel die im Laufe dieses Prozesses gemachten Erfahrungen und verhelfen so zu einem Durchbruch, Abschluß oder Neubeginn. Dies zu beachten ist wichtig. Ritualisierte Sätze wirken ja – wie Rituale ganz allgemein – nicht durch ihren bloß äußerlichen Vollzug, sondern erst dann, wenn Geist und Herz des Sprechenden mitschwingen, die Person also im Satz gleichsam gegenwärtig wird. Dies setzt aber in der Regel einen inneren Prozeß voraus.

Wenn die Autorin Ihnen also Sätze als Übung zum Selbstvollzug anbietet, dann wird ein rein äußerliches Nachsagen allein nicht viel bewirken. Wenn Sie dagegen bereit sind, sich mit dem Herzen darauf einzulassen, so mögen Sie zweierlei erleben: Die Sätze haben dann vielleicht eine unmittelbar lösende und versöhnende Wirkung, oder/und Sie stoßen damit auf innere Barrieren. Dies könnte ein Zeichen sein, daß es für Sie „noch nicht an der Zeit“ ist. Nehmen Sie sich dann die Zeit, die Sie brauchen, und vielleicht auch ein Stück therapeutischer Begleitungdazu – bis hin zu jenem Punkt, an dem es möglich wird, die Sätze ungehindert aus Ihrem Inneren fließen zu lassen und mit dem Herzen zu sprechen.

Wie immer es Ihnen bei der Lektüre dieses Buches ergehen wird, auf jeden Fall werden Sie darin einer Fülle von Anregungen begegnen, die Ihnen auf gute Art ermöglichen, mit Ihrer Vergangenheit Frieden zu schließen und zu Ihrem ganz eigenen Leben zu finden.

Hans Jellouschek (Ammerbuch bei Tübingen)

Einleitung

Wir leben in einer Zeit, in der innere Ausgeglichenheit und Ruhe zu finden nicht einfach ist. Vielfältige Anforderungen des privaten und beruflichen Lebens beeinträchtigen zunehmend die Gestaltung eines friedlichen und erfüllten Alltags. Der Leistungsdruck unserer Gesellschaft und zwischenmenschliches Konkurrenzstreben machen die Entwicklung einer stimmigen und dauerhaften seelischen Balance zunehmend schwieriger. So suchen wir häufig nach Möglichkeiten, auch unter Belastung zufrieden und sinnerfüllt zu leben und Nischen persönlichen Freiraums für unsere Entfaltung zu nutzen.

Wo wir wichtigen Menschen unseres unmittelbaren Umfeldes gut und nahe verbunden sind, da gelingt die seelische Balance oft besser, und wo wir zugleich unserem familiären Hintergrund gut verbunden sind, da gelingt innere Ruhe und Frieden zusätzlich.

Nun bedingt aber meist das eine auch das andere: Wo wir in Unfrieden mit unserem familiären Hintergrund leben, da ist auch oft die Harmonie und Beständigkeit anderer sozialer Beziehungen beeinträchtigt (z.B. Partnerschaft und Freundschaft). Denn wir selbst wachsen auf dem Boden unserer persönlichen Geschichte heran und können uns ihrem Einfluß nicht entziehen. Ein versuchter Bruch mit seiner Geschichte hat dann häufig Brüche im Fortgang und im Gelingen späterer sozialer Beziehungen zur Folge.

Dies Buch soll nun dem erwachsenen Menschen Wege zum inneren und vielleicht auch äußeren Frieden mit dem wichtigsten Faktor familiärer Bindung aufzeigen: den Eltern.

In vielen Beispielen, die ausschließlich aus meinem beruflichen Alltag stammen, zeige ich, wie es möglich ist, aus Verstrickung und Gebundenheit herauszufinden und sich in Achtung und Liebe von den Eltern abzulösen. Auch wo Spannung und vielleicht Feindseligkeit problematische Verhaltensmusterentstehen ließen, ist Verbundenheit aus gesunder Distanz heraus eine mögliche Lösung.

Eine der meiner Meinung nach wirksamsten Arten, in professionellem Kontext Lösung anzubahnen, ist der rituelle Satzvollzug. Hier wird sowohl die problematische als auch die lösungsorientierte Variante eines Themas in eine verdichtete sprachliche Form gegossen und hilft, Blockierungen auf dem Weg zu den Eltern aufzuspüren, ihrer bewußt zu werden und sie seelisch in Gewahrsam zu nehmen.

Wo die manchmal entstandene Last der Vergangenheit zum Bekenntnis zu einer solchen Vergangenheit führt und wo gewesenes Leid nicht verleugnet wird, da kann sich Problematisches im lebendigen Fluß eigener Entwicklung auflösen. So gelingt es, die Möglichkeiten einer uns gegebenen Gegenwart zu nutzen, wichtigen Menschen verbunden zu sein und dem Leben friedvoll und mit ausgeglichenem Herzen zu begegnen.

Zunächst möchte ich (Kapitel I.) zum Thema Grundfähigkeiten des Menschen (1.) und seinem psychologischen Entwicklungsbedarf (2.) im Laufe seiner persönlichen Geschichte mir Wichtiges sagen. Dann orientiere ich Sie zu den Auswirkungen unerfüllter Basisbedürfnisse (3.), auch hier, wie zuvor, mit entsprechenden Beispielen.

Für den interessierten Leser folgt ein ausführliches Kapitel (II.) zum Thema Rituale und rituelle Satzvollzüge, so daß Lösungen dieser Art für Sie verstehbar und nachvollziehbar werden.

Was es Kindern im Kontakt zu ihren Eltern häufig schwierig macht, erfahren Sie in Kapitel III. Danach geht es in Kapitel IV. um den Weg vom Problem zur Lösung, auch hier wieder in Beispielen deutlich gemacht.

Anschließend erfahren Sie in Kapitel V. etwas über die Wirkung des Schicksalhaften im familiären System, und wie sich diese Kräfte zum Guten wenden lassen, soweit es die Beziehung der Kinder zu ihren Eltern betrifft.

Eingangsbetrachtung

Wir alle sind Kinder unserer Eltern und unsere Eltern Kinder ihrer Eltern. Auch unsere Kinder sind oft schon oder werden vielleicht zukünftig Eltern sein.

So sind wir alle eingebunden in den immerwährenden Zyklus von Nehmen und Geben, von Empfangen und Weiterreichen.

Niemand hat tatsächlich eine Wahl, das Gereichte zurückzuweisen oder zu blockieren. Wir sind, ob wir zustimmen oder nicht, auf einem Boden gewachsen, den wir uns nicht aussuchen konnten, und meist sind auch wir selbst der Boden für eine weitere Generation, die ihrerseits keine Wahlfreiheit bezüglich ihres Urgrundes hat.

Nun ist Eltern-Sein eine der meist ausgeübten Tätigkeiten in jeglicher Gesellschaft, eine Tätigkeit, die in unserer Kultur wenig gelehrt und doch gekonnt sein will und soll.

Mein jahrelanger Umgang mit Menschen aller Art und jeden Alters hat mich gelehrt, daß bei genauer und einfühlsamer Betrachtung fast alle Eltern das jeweils ihrer Meinung nach Beste für ihre Kinder wollten und getan haben. Dennoch wissen wir alle, wie sehr eine solch gute Absicht nicht selbstverständlich ein gelingendes Resultat erzeugt: Eltern machen Fehler, geben weiter, worunter sie selbst gelitten haben, oder versuchen, es ganz bestimmt anders zu machen als ihre Eltern.

Bei alledem spielen jeweils gültige gesellschaftlich geprägte Normen und Werte eine Rolle, und diese werden u. a. zur Grundlage unserer Erziehungsprinzipien. Hinzu kommt unsere persönliche Geschichte mit wichtigen elterlichen Bezugspersonen: Zum einen sind wir durch unsere frühen und späteren individuellen Erfahrungen mit Eltern, Großeltern, Lehrern und anderen bedeutsamen Menschen geprägt. Zum anderen können auch schicksalhafte Ereignisse in der Familie wie Verluste, Krankheit oder Tod einen erheblichen Einfluß auf unsere persönliche oder soziale Entwicklung haben.

Sowohl durch die individuelle frühkindliche Prägung als auch durch unseren generationsperspektivischen Hintergrund sind wir, psychisch betrachtet, wachstumsförderlichen wie auch wachstumshemmenden Einflüssen ausgesetzt. Beides erfahren wir als stärkend oder oft auch als schwächend für unsere Entwicklung.

Tatsache aber ist in allen Fällen, daß wir mit dem gereichten „Material“ ein ganz eigenes Strickmuster entwickeln, jeder seiner Persönlichkeit und seiner Art gemäß.

Niemand ist „schuld“ an seiner Vergangenheit, denn niemand hat sie sich ausgesucht. Niemand aber ist frei von der Verantwortung für seine Gegenwart, denn wir selbst haben mitgestrickt, auch wenn wir die Natur des Strickmaterials nicht bestimmen konnten und keine Wahl hatten nicht zu nehmen.

Auf diese Weise – so bin ich fest überzeugt – ist eine gelingende Gegenwart letztlich auch das Resultat einer wohlwollenden und zustimmenden Rückschau auf Gewesenes und Nicht-gewesenes. Der freundliche und zuletzt nicht mehr zürnende oder klagende „Blick nach hinten“ stärkt und läßt uns schließlich die Verantwortung für unser Leben oder seinen Fortgang gern und willig übernehmen.

Nicht zuletzt ist dies Buch auch ein Plädoyer „wider die Feindschaft und Anklage gegen die Eltern“.

Ich meine, daß die Psychologie der letzten zwei Jahrzehnte in Teilbereichen immer noch ein Negativbild der Eltern geprägt hat und sie zu einem übergewichtigen Faktor für die Entwicklung des Kindes stilisiert hat. Eltern haben einen nicht zu unterschätzenden Einfluß auf das Werden ihrer Kinder, das ist sicher richtig! Doch was immer es sein mag, das wir als Kinder vermißt oder gelitten haben: Unsere Schau auf das Gewesene und unser Standpunkt und unsere emotionale Haltung dazu bewirken letztendlich, was als verwindbar, überwindbar und in unseren Lebensvollzug lebendig und förderlich integrierbar ist.

Und wenn der Leser nach dem Gang durch dieses Buch versöhnlich zurückblicken und frohgemut vorwärts schauen kann, dann haben meine nachfolgenden Ausführungen ihren Sinn erfüllt.

Danksagung

Sämtliche Beispiele von Klienten sind in Name und sonstigen Merkmalen genügend verändert, um eine Identifizierung unmöglich zu machen. Dennoch danke ich jedem einzelnen Klienten von Herzen dafür, daß ich durch sie oder ihn lernen durfte, zu verstehen, mich einzufühlen und hilfreich zu sein. Nicht zuletzt auch bin ich durch mein Tun als Therapeutin selber mitgereift.

Mein Dank geht weiterhin an:

meine Mutter, an der ich über viele Jahre erlernt habe, alten Zorn und inneren Hader so vollkommen aufzugeben, daß ich sie heute von Herzen liebe. Mit der Beendigung dieses Buches (30.06.98) ist sie im Alter von 97 Jahren gestorben. Ihrer werde ich mich zu jeglicher Zeit mit viel Zärtlichkeit erinnern.

Mein langjähriger Freund Bernd Schmid ist mir über drei Jahrzehnte wertvoller Gesprächspartner gewesen und prägt bis heute meine Auseinandersetzung mit komplexen Denkzusammenhängen.

Dann geht mein Dank an Klaus, meinen Lebenspartner, der mir mit Rat und Tat und mancher Formulierung zur Seite stand.

Gunthard Weber danke ich für seine Ermutigung, mich dem Schreiben überhaupt zuzuwenden.

Und meinem Lektor, Peter Raab, bin ich dankbar verbunden für sein anhaltend freundliches Durchsetzungsvermögen meiner damaligen Schreibhemmung gegenüber.

Bert Hellinger und Albert Pesso sind mir Leitbild in meinem Werdensprozeß gewesen, und ihr Gedankengut ist in manche Kapitel dieses Buches mit eingeflossen.

I. Unsere persönliche frühe Geschichte

1. Wozu der Mensch von Natur aus fähig ist

Wächst ein Mensch unter weitgehend optimalen Bedingungen auf, so entwickelt er, je nach Persönlichkeitstyp, ein breites Spektrum von Fähigkeiten und Möglichkeiten, die er im Laufe seines Lebens ausreifen und gemäß seinen Lebensbedingungen mitzuformen vermag.

Wir alle wissen, daß solch optimale Bedingungen nicht selbstverständlich vorhanden sind:

In unserer Kultur und Gesellschaft sind die politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen für eine freie Entfaltung eher gegeben.

In manch anderen Kulturen und Ländern ist dies häufig nicht oder weniger der Fall. Aus psychologischer Sicht betrachtet muß jedoch durchaus berücksichtigt werden, wie sehr eine glückende und gesunde Entwicklung des einzelnen in seiner Familie wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Bedingungen voraussetzt, die persönliches Wachstum überhaupt erst möglich machen.

Sind diese Voraussetzungen gegeben, und sind wir in einem Elternhaus aufgewachsen, das persönliche Entfaltung fördert oder nicht behindert, so können sich die folgenden Fähigkeiten und Qualitäten des einzelnen in seinem sozialen Gefüge entwickeln und entfalten:

1.1 Fähigkeit zur Erfüllung und Zufriedenheit, zu Glück und innerer Ruhe.

1.2 Fähigkeit, eigenes Potential und eigene Talente zu entdecken und etwas daraus zu machen (z. B. handwerkliche, musikalische, sportliche und intellektuelle Begabungen).

1.3 Die Fähigkeit, Körperwahrnehmung zu entwickeln und auszubauen, dies unter Einbeziehung aller Sinne.

1.4 Die Fähigkeit, im Gefühlsbereich wahrzunehmen und, wo gewollt und angebracht, damit expressiv zu werden: z. B. das Ausdrücken von Freude, Liebe, Lust (auch sexuelle), Schmerz, Trauer, Wehmut, Angst und Zorn. Ebenso die Fähigkeit, Einfühlung zu aktivieren, sie mit zunehmendem Alter zu festigen und zum Mitgefühl hin zu kultivieren. Dieses Mitfühlen bezieht sich dann auf jeglichen „Nächsten“, nicht nur auf die uns anvertrauten und verbundenen Menschen.

1.5 Die Fähigkeit, unser Denkvermögen in Einklang mit unserem Gefühls- und Tatleben (oder: Verhalten) zu bringen und Harmonie und Stimmigkeit zwischen den drei Bereichen anzustreben und zu erleben.

1.6 Kontaktfähigkeit ist die Bereitschaft und Fähigkeit, mit Menschen unserer Wahl (und nach Notwendigkeit) in stimmiger Weise Verbundenheit und Nähe herzustellen und zu gestalten. Desgleichen diese über die Zeit konstant aufrecht erhalten.

1.7 Kommunikationsfähigkeit meint das in besonderer Weise wertvolle Talent zum sprachlichen und nichtsprachlichen Austausch zwischen Menschen: Hier geht es darum, Sachverhalte, Interessen und Anliegen in Austausch zu bringen und auf Lösung und Gelingen hin anzulegen. Erwähnenswert ist hier vor allem auch die Konfliktbereitschaft: Die Fähigkeit also, auch im Angesicht von Diskrepanz und Missstimmung eine faire Bezogenheit auf den anderen aufrecht zu erhalten und Lösung anzustreben, dort, wo dies machbar ist.

1.8 Leistungsfähigkeit meint die Befähigung, mit eigenem Können und Geschick beizutragen und im Rahmen eigener Möglichkeiten erfolgreich zu sein und Freude an seiner Tätigkeit zu haben (z.B. Berufsausübung oder soziales Engagement).

1.9 Friedensfähigkeit: die grundsätzliche Fähigkeit, auch aus Streit und Unstimmigkeit heraus Frieden anzustreben und sich für dieses Ziel einzusetzen.

1.10 Sinnfähigkeit: die Begabung, gemäß unseren Zielen und Wertsetzungen Sinn in unserem Leben suchen und finden zu können und aus Quellen zu schöpfen, aus denen dieser Sinn uns erwächst (z. B. Werte, Ideale oder auch geistig-religiöse Bezüge).

1.11 Verantwortungsbewußtsein: die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, und die Willigkeit, die Folgen unserer Taten zu überblicken und in Kauf zu nehmen.

Ausdrücklich sei angemerkt, daß das Heranwachsen unter Entbehrung, Belastung und auch anders geartetem Leid häufig ein unvermutet reiches und ausgeformtes Wachstum der Persönlichkeit zur Folge haben kann. Die Idee also, daß dort reife Entwicklung am meisten geschieht, wo die Voraussetzungen entsprechend günstig gegeben sind, diese Idee ist sicher richtig und vertretbar. Nur kann eben leidvolle Erfahrung durchaus Teil dieser Voraussetzungen sein.

Wo immer sich unsere heutigen Lebensbewältigungsstrategien aufgrund einer belasteten oder unverkraftbaren Vergangenheit als wenig effektiv erweisen, da sind auch Schwächen oder Einschränkungen im Bereich der Grundsatzpotentiale eines Menschen zu erwarten.

Für mich ist es erfreulich und beeindruckend, über viele Jahre meiner therapeutischen Arbeit immer wieder beobachten zu dürfen, wie sich ursprüngliche Schwächen und Belastungen der Menschen in vorhandenes Potential einbinden und, nach und nach, ihre problemaktivierende Virulenz verlieren.

Dieses Buch soll u.a. helfen, vorhandenes Potential zu stärken und an der eigenen Entwicklung nachhaltig Freude zu haben.

2. Was Menschen für ihre Entwicklung brauchen (Basisbedürfnisse)

Zu einer gelingenden Entwicklung des heranwachsenden Kindes trägt die Erfüllung gewisser Basisbedürfnisse bei. Sicher sind diese nicht stets und auch nicht immer optimal zu befriedigen. Es geht hier um eine weitgehend „genügende“ Bereitstellung der genannten Faktoren.

Winnicott nennt das: „good-enough-mother“ (gut-genug-Mutter).

Die wichtigsten Basisbedürfnisse sind diese:

2.1 Einen Platz haben

Meint das Geborensein und Aufwachsen unter dem Vorzeichen des Gewollt- und Gewünscht-Seins. Eine entsprechend seelisch wirksame Haltung könnte, in Sprache gebracht, lauten:

Du darfst auf Erden sein und deinen Platz haben und einnehmen. Du hast auch einen Platz in unserem Herzen, und wir sind froh, daß es dich gibt.

2.2 Raum zur Entfaltung

Menschen brauchen von Anfang an einen ausreichenden Spielraum, um ihrem Bewegungsdrang, ihren Aktivitäten und ihren Interessen nachgeben zu können.

Die entsprechend seelisch wirksame Haltung lautet:

Du darfst dich nach deinen Möglichkeiten (und unseren Gegebenheiten) entfalten und deinen Spielraum gestalten und nutzen. Wir freuen uns, wenn du deine Möglichkeiten nutzt und deine Freiheiten erkundest.

2.3 Respekt

Meint eine achtungsvolle Haltung der Person und Persönlichkeit des Kindes gegenüber. Er meint auch die Akzeptanz seines So-oder-anders-Seins (als Eltern es zuweilen wollen) und einen achtungsvollen Abstand zu Art und Wesen des Kindes.

Desgleichen meint Respekt eine realitätsgerechte Einschätzung der kindlichen Fähigkeiten und Potentiale: Hier soll gelobt und bestätigt werden, wo angebracht, hier soll aber auch angemessen und fair Kritik vermittelt werden. Schädlich dagegen ist das „Überlobigen“, d. h. die unangemessene Anpreisung von Taten und Leistungen des Kindes. Ein solches Verhalten verzerrt die spätere Selbsteinschätzung des Kindes, so daß zuweilen als Erwachsener Größenvorstellungen (Verfälschung des Selbstbildes) das Ergebnis sein können (z. B. „ich schaffe alles“, „mir kann keiner“, „mich mag niemand“).

Eine entsprechend seelisch wirksame Haltung lautet:

Wir werden deine Wünsche und Impulse gelten lassen und berücksichtigen. Wir werden deine Art und dein Wesen respektieren und Andersartiges zulassen. Wir werden deine Lernschritte ermutigen und deinen Neigungen förderlich sein.

2.4 Fürsorge

Bezieht sich auf unser Interesse an und unsere angemessene Sorge um die Belange unserer Kinder: Dazu gehört natürlich auch die Erfüllung der Grundbedürfnisse nach Nahrung und Wärme, ebenso aber auch verschiedene Aspekte des „Wohlbehütetseins“ wie liebevolle Zuwendung, Anregung, Verständnis, Ermutigung, Bestätigung, Anerkennung, Akzeptanz und das altersgerechte Übertragen von Verantwortung.

Eine entsprechend seelisch wirksame Haltung kann hier so lauten:

Wir sorgen für dich, und deine Bedürfnisse (physisch und psychisch) liegen uns am Herzen. Wir sind für dich da, wenn du uns brauchst, und auf uns kannst du zählen. Wo du selbst zuständig bist, werden wir deine Verantwortung nicht beschneiden.

2.5 Schutz

Meint eine altersadäquate Bereitstellung von Obhut, Geborgenheit und „Beschirmung“: Im Kleinkindalter vor allem auch bezogen auf Gefahr, Schrecken und Risiko (Außenwelt und Innenwelt des Kindes gemeint), weiterhin dann tröstender, angstreduzierender und stärkender Beistand in verschiedensten Lebenslagen: beim Spiel, bei Auseinandersetzungen mit anderen Kindern, sich einsetzen für das eigene Kind, wo angebracht (z. B. es verteidigen, wenn Unrecht geschieht), und sich zur Verfügung stellen als Basis und „Fluchtpunkt“.

Eine seelisch wirksame Haltung kann sich beispielsweise so vermitteln:

Wir werden dich (soweit möglich und in unserer Macht liegend) vor Gefahr und Risiko schützen, wir werden dir beistehen, wenn du Trost und Stärkung brauchst, und wir werden dir Fluchtpunkt und Ruhepol sein.

2.6 Halt und Unterstützung

Meint eine physische und seelische Verfügbarkeit der Eltern, die das Kind versichert, geborgen, aufgehoben und „umfaßt“ (containment) zu sein: Dies gilt vor allem für starke Emotionen, die sich ihren Weg bahnen und aufgefangen sein möchten. Hier bedarf es der körperlichen und emotionalen Präsenz der Eltern, um dem Kind Boden unter den Füßen zu geben.

Desgleichen meint es die Bereitschaft, dem Kind in seinen Strebungen und Stärken hilfreich zu sein, Beistand und Bekräftigung zu geben und seinen jeweiligen altersgemäßen Reifungsschritten angemessen zum Durchbruch zu verhelfen (im Denken, Fühlen, Wollen und Tun).

Die hier seelisch wirksame Haltung kann man – versprachlicht – so beschreiben:

Du sollst von uns getragen, gehalten und gefördert sein, wo immer nötig und angebracht. Wir werden dich stärken und dir helfen, wo du es brauchst. Wir sind dir eine gute Kraft in deinem Rücken, und du darfst deinen ganz eigenen Weg suchen und finden.

2.7 Erlaubnis

Darunter kann man eine gewährende und wohlwollende Haltung verstehen, die auf vielen Ebenen und Altersstufen entsprechende Entwicklungen bestätigt und fördert.

Seelisch wirksame Haltungen dazu sind z. B. diese:

Du darfst deinem Alter entsprechend sein (Kind, wo du Kind bist, und erwachsen werdend, wo du erwachsen wirst), du darfst Mädchen oder Bub sein (dein Geschlecht sein), du darfst eigene Ideen, Wahrnehmungen und Gedanken haben, deine Gefühle erleben und ausdrücken, dich wichtig nehmen, dich spüren und deinen Körper mögen, Hilfe brauchen, wenn nötig, den Weg deiner Wahl gehen, herausfinden, wer und wie du sein möchtest, und auf deine, dir eigene Art erfolgreich sein. Du darfst andere Menschen kennenlernen, dich ihnen verbinden und dich mit ihnen wohl und zufrieden fühlen. Du darfst deine Phantasien haben, kreativ und schöpferisch sein und das dir Mögliche im Leben verwirklichen.

2.8 Orientierung

Dies heißt, eine sich vor den Augen des Kindes langsam entfaltende Welt angemessen zu erklären und Fragen altersgemäß und ernsthaft zu beantworten (z.B. bei Fragen nach Sexualität und Kinderkriegen nicht auf den „Klapperstorch“ zu verweisen).

Orientierung geben meint auch, dem Kind richtungweisend und Wahlmöglichkeiten aufzeigend zur Seite zu stehen und es in keinerlei Richtung zu zwingen. Wichtig ist es ebenso, Beständigkeit und ein gewisses Gleichmaß in Verhalten, Einstellung, Anforderung und Erlaubnis anzubieten. Das Kind muß wissen, „wie es dran ist“, was gilt und Richtschnur ist (Eltern sollten z. B. bezüglich gleicher Dinge nicht Widersprüchliches kundtun oder verlangen).

Die seelisch wirksame Haltung kann hier so vermittelt werden:

Wir werden dich wissen lassen, wie wir die Dinge der Welt sehen und beurteilen. Wir lassen dir, wo angebracht und altersgemäß, eine eigene Wahl, eigene Gedanken und eigene Entscheidungen. Wenn du dich mit unserer Hilfe orientieren möchtest, sind wir für dich da. Wir erklären dir, wie wir die Welt sehen, und du finde heraus, wie du sie sehen möchtest. Was wir sagen und anweisen, gilt und hat auch morgen noch Bestand und Sinn. Wir helfen dir, dich zurechtzufinden!

2.9 Begrenzung

Dies halte ich für eine der wichtigsten Faktoren gelingender menschlicher Reifungsprozesse. Begrenzung meint die Fähigkeit und Bereitschaft der elterlichen Personen, innerhalb eines angemessenen Freiheitsspielraumes Grenzen zu setzen. Es geht um die Begrenzung verschiedenster psychischer Impulse wie Trotz, Aufbegehren, Protest und um das Begrenzen überzogener Ansprüchlichkeit („ich will aber sofort haben“ u. ä.).

Grenzen setzen heißt auch, eine Begrenzung in Liebe und Entschiedenheit zu ermöglichen, die guten „Aufprall“ (impact) zuläßt, ohne Schaden anzurichten. Dies gilt auch bei der gekonnten Begrenzung physischer Impulse wie Toberei im Trotzalter und Angriffigkeit aller Art auch auf weiteren Altersstufen. Dort kann also durchaus nachhaltige körperliche Auseinandersetzung (Ringen, Kämpfen, Festhalten) bedeutsam sein. Es versteht sich von selbst, daß solch physische Auseinandersetzungen frei sein müssen von jeglichen Aspekten zerstörerischer Gewalt (wie z. B. Brutalität, Zynismus, Triumph, Schlagen). Auch heftige und „überfließende“ Emotion sollte von klein auf bis ins jugendliche Alter angemessen abgefangen und in Begegnung gebracht sein. Dazu gehört z. B.: Wut, Rage, Schmerz, Angst und auch Liebe (z. B. wenn Kinder sich allzusehr um das Wohl ihrer Eltern kümmern wollen oder sich allzu mitfühlend auf die Seite eines Elternteils schlagen).

Die seelisch wirksame Haltung dazu kann sich so vermitteln (hier wiederum versprachlicht):

Wir sind dir gewachsen und haben Kraft genug, um deinen Kräften und Impulsen zu begegnen und ihnen Stand zu halten. Wir freuen uns, wenn du deine Kräfte zeigst, und wir können deine starken Gefühle abfangen, dich damit geborgen machen und dich aushalten. Wo du angemessene Grenzen überschreitest, werden wir dir Einhalt gebieten und dir ruhig und entschieden deine Grenzen abstecken. Wo du dich zu sehr in unsere Belange einmischst (z.B. Streit der Eltern), werden wir dein Anliegen begreifen und dich zugleich liebevoll begrenzen.

3. Wenn Basisbedürfnisse unerfüllt bleiben

In diesem Kapitel möchte ich nun die Fragen erörtern, die sich aus der Nichterfüllung, der unter 2. erwähnten Faktoren ergeben können. Es versteht sich von selbst, daß resultierende psychische Gegebenheiten miteinander verkettet sind und weder regelhaft oder stets, noch in jeweils gleicher Folge (Punkt 1–9) auftreten. Häufig sind Mangelerlebnisse Mischungen der verschiedenen Faktoren und das wiederum in verschiedenster Ausprägung: Es gibt leichte bis schwerwiegende Defizite, verkraftbare oder durchaus auch stabilisierende Auswirkungen der Mangelerlebnisse und destabilisierende Auswirkungen derselben. In allen erwähnten Fällen ist das erlebbare Spektrum beteiligter Gefühle groß: von Trauer über Schmerz bis hin zu Verlorenheitsgefühlen und depressivem Erleben, von Ärger und Wut bis hin zu Rage und Haß, von Ängstlichkeit über Angst bis hin zur Panik, von leichten Selbstwertschwächen bis hin zu massiven Minderwertigkeitsgefühlen.

Ebensogut können sich aufgrund erlebten Mangels auch Stärken „auskristallisieren“, die ohne diese Erfahrungen vielleicht nicht zur Ausreifung gekommen wären: Das Spektrum ist hier ebenso groß: eine hohe Schmerztoleranz (d. h., es kann viel Schmerz erlebt werden, der letztlich stärkt und seelisches Geschehen vertieft), desgleichen eine gute Handhabung im Umgang mit Zorn und Ängstlichkeit. Ebenso formt sich zuweilen ein besonders gut abgegrenzter Selbstwert aus, wenig labil und wenig anfechtbar.

Mir liegt also sehr daran, festzustellen, daß erlebte Defizite sowohl Ressourcen etablieren können als auch Fähigkeiten zur Handhabung (coping-mechanism) aufbauen und stabilisieren. Zugleich ist richtig, daß Mangelerlebnisse einen schwächenden und destabilisierenden Effekt haben können.

Mit entscheidend wichtig für den Einfluß unserer geglückten oder weniger geglückten Kindheit auf unser weiteres Leben ist unsere Einstellung und Meinung zu den Geschehnissen der Vergangenheit. Wohl ergeben sich solche Einstellungen wiederum auch aus der Prägung durch unsere persönliche Geschichte, doch haben wir Menschen in der Regel im Verlauf unseres Lebens einen großen Einfluß auf unsere Ansichten und Haltungen: Diese können wir zeitlebens verändern, unsere Geschichte nicht.

Nachfolgend finden Sie zu Punkt 1–10 Beispiele zum Thema „unerfüllt gebliebene Basisbedürfnisse“. Sie finden ebenso die dazugehörigen „Lösungssätze“, wie sie im Verlauf meiner Therapien je nach Situation und Eigenart der Klienten Anwendung finden.

Hier handelt es sich bereits um die später gründlich erörterten „rituellen Satzvollzüge“. Sie werden in Abstimmung mit dem Klient gesucht und verifiziert und tun im Kontakt zum Körpererleben meist ihre Wirkung.

Richtig in Kontakt gebracht und in Stimmigkeit mit der seelischen Situation des Klienten verkürzen sie den gesamten therapeutischen Prozeß und erleichtern mögliche Lösungen. Bei den Lösungssätzen habe ich jeweils entscheidend wichtige aus dem Gesamtverlauf ausgewählt.

3.1 Keinen eigenen Platz haben

Ist ein Kind insgesamt wenig willkommen oder auch unerwünscht, hat es das Gefühl, generell im Wege zu sein oder zu stören, so kann dies die folgenden Auswirkungen haben (früh und als Erwachsene):

Unruhe, Rastlosigkeit, ungestillte Sehnsüchte und/oder das Gefühl nicht gewollt bzw. überflüssig zu sein. Nicht selten kann es auch zu einer intensiven und übermäßigen Beschäftigung mit dem Thema Tod kommen, zuweilen auch zu Selbstmordgedanken oder Suizidversuchen.

Beispiel

Sabine, 38 Jahre alt, unverheiratet, das sechste von sechs Kindern. Sie ist im Abstand von fünf Jahren nach ihrem Bruder geboren. Die Eltern hatten zu dieser Zeit eine schon länger andauernde problematische Beziehung und waren maximal belastet durch Arbeit und Finanznöte (ein schleppend gehender Baubetrieb, der dem Vater gehörte und in dem die Mutter widerwillig mitarbeitete). Für die Tochter war aufgrund dieser Bedingungen keine freundliche Umgebung möglich, sie wurde als „eine zuviel“ gesehen und ebenso behandelt. Die Mutter zeigte sich meist ausgelaugt, gereizt und ungeduldig, der Vater überaus streng, zum Teil gewaltvoll und zurückweisend. Während sich wesentlich eine ältere Schwester um Sabine kümmern mußte, litt sie zutiefst unter dem Gefühl, unerwünscht, zurückgewiesen und ohne Geborgenheit zu sein.

Die Therapie erlaubte der Klientin, ihre starken Selbstmordimpulse zu entdecken („besser, es gäbe mich nicht“), ihren Unwertgefühlen zu begegnen („ich bin für nichts gut“) und ihren Hunger nach liebevoller Zugewandtheit zu entdecken („vielleicht will mich sogar jemand“).

Ritueller Lösungssatz nach länger dauernder Begleitung in einer Therapiegruppe (beide Eltern leben noch, und Mitglieder der Gruppe stehen stellvertretend für sie):

„Liebe Mutter, lieber Vater, meinen Platz bei euch und in der Weltkonnte ich nicht finden. Es hat mir weh getan, und ich fühle mich oft so verloren. Jetzt will ich euch nehmen, wie ihr seid,und nicht länger warten

(darauf, daß alles anders gewesen wäre).

Jetzt werde ich mich meinenPlatz finden lassen, werde mich in der Welt zeigen

und mich wert erachten. Ich nehme das Leben zu mir und will es achten und nutzen

(der letzte Satz erfolgt mit einer entsprechend nehmenden Geste der Hände, die über dem Herzen zusammengeführt werden).

Schaut freundlich auf mich, wenn ich das Meine tue und bin.“

3.2 Ungenügender Entfaltungsspielraum

Haben Menschen in früher oder späterer Kindheit kaum oder keinen Raum zu ihrer freien Entfaltung, so können sie ihre Möglichkeiten (Bewegung, kreatives Erforschen der Umgebung, sich ausstrecken nach dem, was interessiert) nicht nutzen und ihre Talente wenig entfalten.

Die Auswirkungen (früh und als Erwachsene) können sein: Mangel an Interesse und Initiative, ebenso Passivität und Lustlosigkeit im Umgang mit sich und anderen. Eventuell das Gefühl des Eingeengtseins und übermäßiger Freiheitsdrang, zuweilen unangemessen „raumgreifendes“ Verhalten oder auffällige Zurückgezogenheit.

Beispiel

Ludwig ist 56 Jahre alt, geschieden, ohne Kinder. Seine Eltern wurden aus dem heutigen Polen vertrieben und mußten sich ihre gesamte Existenz neu aufbauen. Da sie im Westen in ihrer neuen Umgebung starke Ablehnung erfuhren, wurde Ludwig (damals 3 Jahre alt) und seine beiden drei und fünf Jahre älteren Geschwister unter extrem einschränkenden Bedingungen aufgezogen. In einer ohnehin nur winzigen Wohnung mußten sich alle drei Kinder ein Zimmer teilen und wurden in ihrem Bewegungs- und Freiheitsdrang nachhaltig eingeengt („seid leise, seid brav, geht nicht mit anderen Kindern spielen, stört die Nachbarn nicht, macht uns keine Schande“). Ludwig lernte bald, sich möglichst unauffällig zu machen, und wurde ein stilles, zurückgezogenes Kind ohne Initiative und Interesse. Da beide Eltern für den Unterhalt der Familie aufkommen mußten, wurde bereits mit neun Jahren die Schwester als „Hüter“ ihres Bruders eingesetzt. Sie reichte Verhaltensweisen der Eltern ihr gegenüber (einsperren und Strafe) bald an den Bruder weiter und wurde am Abend ihrerseits unter Sanktionen gestellt, wenn der Bruder bei der Heimkehr der Eltern noch „aufmüpfiges“ Verhalten zeigte (der Versuch, lebendig zu sein).

So war Ludwig auch zu Beginn der Therapie ein eingeengter, undurchschaubarer und schwer zugänglicher Mensch. Er wußte sich wenig in Kontakt zu begeben, wirkte gedrückt und wie ohne eigene Wünsche und Antriebe (er nannte das „öde“).

Angebote der Gruppe (Zugehörigkeit, Interesse und Anregung) ließen ihn langsam aus seiner seelischen Erstarrung erwachen. Nach Phasen starker Emotionalität (Angst, Haß und Schmerz) gelang es ihm, seine Eltern nicht länger unter Anklage und Zorn zu stellen.

Einer seiner wesentlichsten Lösungssätze war dieser (In der Gruppe imaginär an die Eltern gerichtet. Die Mutter lebt noch, der Vater starb vor ein paar Jahren an Krebs.):

Liebe Mutter, lieber Vater,ihr habt es schwer gehabt,und es tut mir leid für das, was ihr gelitten habt

(Vertreibung, Verlust von Heimat und Besitz).

Ich aber war ein Kindund wollte lebendig sein. Doch war ich eng gehalten, und die Enge und Leere („Öde“) habe ich lange in meinem Herzen getragen. Jetzt will ich mich strecken und weiten …

(unterstützt durch eine wiederholte Öffnungsgeste der Arme von innen nach außen),

und ihr

(die Gruppe und die Welt draußen)

sollt wissen, wer ich binund wohin ich will. Mit meiner Lebendigkeit, liebe Eltern, will ich euer gedenken,ab und zu!

3.3 Respektlosigkeit erfahren

Eltern (oder deren Stellvertreter) glauben zuweilen, es sei gut, Kinder „nach Maß“ anzulegen und auf ihre eigenen Vorstellungen hin zu formen. Obwohl es sinnvoll ist, Kindern Richtlinien an die Hand zu geben, so ist es doch unklug, Linientreue zu erzwingen.

Wird das sich entwickelnde Wesen des Kindes mit seinen Anlagen, Begabungen und Eigenarten nicht wertgeschätzt und gefördert, und versuchen elterliche Personen statt dessen eigene Wünsche, Träume und Vorstellungen in der Entwicklung des Kindes zu verwirklichen, so hat dieses es schwer, sich zu entfalten. Häufig kommen als Zeichen mangelnden Respekts auch Grenzüberschreitungen dazu, die als Einmischung in den persönlichen Raum des Kindes verstanden werden können. Das alles hat die verschiedensten Auswirkungen (früh und als Erwachsene):

Übersensibilität bis „Allergie“ auf Versuche der Einflußnahme oder auch bei Übergriffigkeiten aller Art, Überabgrenzung auch in sonstigen Lebensbereichen (z. B. Freundschaft oder Ehe), Identitätsschwierigkeiten („wer bin ich, wenn ich dauernd ‚irgendwie‘ sein soll“), Minderwertigkeitsgefühle und z. T. Schuldgefühle (ich sollte anders sein, ich tauge nichts, so wie ich bin).

Beispiel

Geraldine ist mit damals 5 Jahren das jüngste von drei Geschwistern. Die beiden sieben und neun Jahre älteren Brüder leben nach der Scheidung der Eltern auf eigenen Wunsch hin meist beim Vater.