Liebesengel küssen nicht - Ewa A. - E-Book

Liebesengel küssen nicht E-Book

Ewa A.

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Beschreibung

** Eine frech witzige himmlische Enemies to Lovers Romance ** Gestatten, ich bin Evodie, ein weiblicher Liebesengel, und mein neuster Auftrag lautet: Den Witwer Jonas mit der allein-erziehenden Susan zusammenzubringen. Das wäre total easy. Wenn Jonas nicht ein verdammt schnuckliges Zuckerstückchen wäre, Susan nicht zu meiner besten Freundin mutieren und der durchtriebenste Zwietracht-Engel der Legionen mir das Leben nicht zur Hölle machen würde. Demian, dieser Player, versucht ständig meine Pläne zu durchkreuzen und Susan in seinen Bann zu ziehen. Leider scheint das auch noch zu funktionieren, bei ihr - und bei mir. Denn Demian ist die heißeste Versuchung in Person, die mir je begegnet ist. Aber ich werde mich von seinem diabolischen Charme nicht einwickeln lassen. Nein, ganz sicher nicht. Ach, verflixt, wem mache ich hier eigentlich was vor? (Wiederveröffentlichung von „Cupidas küssen nicht) *************************** - Leseprobe - Schlagartig ist meine Wut auf diesen arroganten Klotz zurück, und ich probiere, ihn von mir zu stoßen. Demian hat seinen Schutzschild nicht aktiviert, und ich kann ihn anfassen, aber dennoch schaffe ich es nicht, etwas gegen seine Kraft auszurichten. Statt einen Schritt zurückzugehen, presst er mich mit seinem Körper fest an die Wand und zwingt mit seinen Händen erneut meine Arme auseinander. Jeder Zentimeter von mir ist von ihm bedeckt, und heiser murmelt er: »Im Gegensatz zu mir. Ich gestehe, dass ich dich, genau so wie du bist, äußerst verlockend finde.« Mein Herz hält schlagartig inne und fragt, ob es richtig gehört hat. Ängstlich kriecht mein Blick über Demian hinweg. Ich finde in seiner Miene keinerlei Indizien, die mir helfen, seine letzte Aussage einzuordnen. Er findet mich verlockend? Meint er das ernst, dass ich ihm gefalle, so wie ich bin, oder spielt er nur mit mir? … Shit, wer verführt hier wen?

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Liebesengel

küssen nicht

von

Ewa A.

Impressum

Text:

Copyright © 2020 Ewa A.

Alle Rechte vorbehalten

Cover:

Copyright ©

Renee Rott,

Dream Design - Cover and Art

unter Verwendung von Bildmaterial

von www.shutterstock.com

Lektorat:

Julia Feldbaum

https://www.redaktionsbuero-feldbaum.de

Verlag:

E. Altas

Bundesstraße 6

79423 Heitersheim

[email protected]

https://www.facebook.com/EwaA.Autorin

Die Geschichte sowie die Personen und die Orte in diesem Buch sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit Begebenheiten, Orten, lebenden oder toten Personen sind in keiner Weise beabsichtigt und wären purer Zufall.

KAPITEL 1

AUTOBAHN ZUM GLÜCK

Es ist nicht so, dass ich mich beklagen will, schließlich ist es mein Job, der Liebe auf die Sprünge zu helfen, aber es gibt wirklich schönere Plätze als den Standstreifen einer Autobahn, um das zu bewerkstelligen. Ehrlich, ich stehe hier herum und komme mir vor wie eine Idiotin. Der einzige Trost ist, dass mich keiner der vorbeipreschenden Autofahrer sehen kann. Der Lärm, der ganze Gestank … ätzend.

Naja, der Kerl würde hoffentlich jeden Moment angerast kommen. Laut meines Auftrags fährt dieser Chris mit seinem silbernen Golf zu einem Kumpel. An einem Samstagmorgen, um neun Uhr.

Was, zum Teufel, treiben zwei Typen um diese Uhrzeit? Das wäre doch mal eine interessante Information gewesen. Aber nein, in dem Bericht stehen so öde Sachen drin, wie dass der gute Chris achtundzwanzig Jahre alt ist, seinen Beruf als Schornsteinfeger gern ausübt und vor wenigen Tagen seinen Beziehungsstatus in den sozialen Netzwerken wieder auf Single gesetzt hat.

Das soll mich jetzt überraschen oder gar informieren?

Okay, zumindest hatte er, im Gegensatz zu mir, schon mal einen Vergeben-Status. Diesen Status hatte ich noch nie. Da fällt mir ein: Ich bin in gar keinem sozialen Netzwerk. Vielleicht sollte ich mich doch Mal bei »Cupid-Cloud« anmelden.

Aber zurück zum Beziehungsstatus meines Klienten: Diese Information, dass er wieder Single ist, ist total unnütz, denn sonst würde von dem Kerl wohl kaum ein Wort in diesem Auftrag stehen – und ich nicht auf dem doofen Standstreifen.

Die Vorlieben und Hobbys von unserem Chris sind ebenfalls fein säuberlich in einer Tabelle aufgeführt. Handy-Weitwurf hab ich da zum Beispiel gelesen. Gut, wenn man zu viele alte Handys hat, ist das durchaus … eine sinnvolle … äh nein … aber man hat Bewegung und ist an der frischen Luft. Auf jeden Fall machen diese Freizeitbeschäftigungen (oder vielmehr einige davon) und seine Charakterzüge Chris zum optimalen möglichen Partner für die niedliche Daphne.

Deswegen bin ich hier, neben besagter junger Frau, auf der Autobahn und glotze dumm aus der Wäsche. Zum Glück zählt Hilfsbereitschaft zu einer von Chris‘ guten Eigenschaften – und auch sein Faible für lange Frauenbeine –, was mir mein Vorgehen erleichtern wird. Hoffe ich.

Neben mir starrt Daphne ziemlich ratlos unter die Motorhaube und tut so, als könne sie den Defekt des streikenden Motors ausfindig machen. Was sie gar nicht kann, da sie erstens kein Mechaniker ist und es zweitens überhaupt keinen Defekt gibt.

Woher ich das weiß? Weil ich den Tank geleert habe. Mit bloßer Willenskraft, einfach so, wie … Keine Ahnung. Tja, was soll ich sagen, ich kann es, also tue ich es.

Mir fiel auf die Schnelle leider nichts anderes ein als die Autopanne, weil sich die beiden, laut Bericht, unter üblichen Umständen nicht über den Weg gelaufen wären.

Eigentlich befindet sich Daphne auf dem Weg zur Hochzeit ihrer Cousine. Deshalb trägt sie ein schönes Sommerkleid, was mich schmunzeln lässt, und hoffentlich auch bald Chris.

Ich musste Daphne mit weißem Rauch, der auf der rechten Seite des Motorraums herausrauschte, in eine günstige Position navigieren, damit sie besser in Chris‘ Blickfeld geraten würde.

Der Edelstein meines Armbandes beginnt, grün zu leuchten: das verabredete Signal der Cupida-Leitstelle. Es zeigt mir an, dass der andere Klient in der Nähe ist. Tatsächlich sehe ich von Weitem einen silbernen Golf kommen. Endlich! Ausgezeichnet, er imitiert die Geschwindigkeit einer fußlahmen Schnecke.

Jetzt ein kleiner Windstoß, der Daphnes Rock im richtigen Augenblick anhebt und ihre schönen Beine entblößt, die Chris sehen sollte.

Ja, genau so! Meine Rechnung geht auf, und Chris legt eine Vollbremsung hin.

Himmel, bin ich gut!

Ein paar Meter weiter vor uns parkt er seine Karre auf der Standspur. Alter Schwede, der Kerl muss es ja nötig haben, denn eilig springt er auf der Fahrerseite heraus. Er macht eine gute Figur in Jeans und Shirt.

Währenddessen erhebt sich auf der Beifahrerseite ein Typ im Anzug aus dem Wagen. Ohne dass sich die Tür öffnet. Er durchdringt ohne Probleme die Karosserie. Na super! Ein Erist! Der hat mir gerade noch gefehlt.

Meine Augen verengen sich automatisch vor Missmut, als ich meinen Gegner in Augenschein nehme. Denn sein Ziel ist es, das Zusammenkommen zweier Menschen zu verhindern. Er und ich wetteifern mit unseren jeweiligen Kollegen um den ewigen Sieg.

Die Eristen säen Zwietracht, während wir, die Cupidas, Liebe gedeihen lassen wollen. Ja, ich weiß, die Menschen nennen uns Cupido, aber wir selbst betiteln uns als Cupida. Wie ich meinen Auftrag erhalte, so bekommt auch der Erist seine Anweisung – mit allen nötigen Angaben. Obwohl unsere Ziele nicht unterschiedlicher sein könnten, sind unsere Arbeitsweisen die gleichen.

Der Erist holt einen Wirkungsstab aus der Innentasche seines Jacketts, was mir sagt, dass er ein Neuling ist, der noch das Hilfsmittel braucht, um seinen Willen zu bündeln. Ich habe schon fast Mitleid mit ihm, denn ich habe meinen das letzte Mal vor einem Jahrhundert benutzt. Aber dennoch muss ich zugeben, dass die Eristen-Stäbe cooler aussehen als unsere. In den schwarzen Stäben perlt nämlich rote Lava hin und her, was diese geheimnisvoll und vor allem cool macht. In den Cupida-Stäben dagegen glitzern doofe Silberpartikel herum und lassen einen damit wie eine tussige Fee wirken. Das wiederum erklärt, warum ich heilfroh bin, das Teil nicht benützen zu müssen.

Die zwei Männer kommen auf uns zu, und ich verschränke grinsend die Arme vor der Brust, während ich mich an Daphnes Wagen lehne.

Chris strahlt über alle vier Backen und reibt sich die Hände. »Hi. Na, kann ich helfen?«

Absichtlich schaue ich nur Chris an und erwidere sogar dessen Begrüßung mit einem Lächeln. Obwohl mich auch dieser im Moment nicht sehen und hören kann – wie jeder Mensch.

»Hey. Das wäre super«, säusle ich.

Durch diesen Kniff glaubt der Erist vor mir, ich sei ein Mensch. Zu seiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich nicht gerade der typischen Erwartung entspreche, die man im Allgemeinen von einer Cupida hat. Ich bin weder eine engelhafte Blondine in einem Hängerkleidchen noch habe ich himmelblaue Augen, unter denen ein Knutschmund schmollt. Vergesst es! Ich bin brünett und trage eine gewöhnliche Jeans. Meine Augen sind froschgrün, und mein Mund ist völlig unsexy. Ach, und Flügel habe ich auch keine, geschweige denn Pfeil und Bogen.

In einer verlegenen Geste streicht sich Daphne eine Haarsträhne hinter das Ohr und sagt errötend: »Oh, ich hoffe es, weil ich habe nämlich keinen Plan, was auf einmal los ist. Der Motor rauchte sogar schon.«

Der Erist wendet den Kopf, um Daphne besser zu verstehen, und ich habe das Gefühl, ihm kommt allmählich ein Verdacht.

Chris kratzt sich an der Stirn. »Mach dir nichts draus. Bei mir muss die Elektronik auch einen Schuss haben. Der Tempomat schaltete sich aus heiterem Himmel ein, und ich bekam ihn nicht mehr aus. Deswegen musste ich mit achtzig über die Autobahn kriechen.«

Haha, der kleine Erist dachte wohl, wenn er rumtrödeln würde, wäre Daphne schon längst bei ihrer Cousine. Falsch gedacht, Dummerchen! Selbst wenn er Chris‘ Golf total lahmgelegt hätte, würde ich jetzt mit Daphne bei ihnen stehen, denn den Erstkontakt gewinne ich immer.

Indessen beugt sich Chris tatkräftig über den Motorblock. »Wollen mal schauen, wo das Problem liegt. Ansonsten rufen wir die Pannenhilfe.«

Der Erist schwenkt seinen Stab, und aus den Tiefen des Motorraums spritzt eine schwarze Fontäne empor, die Chris von Kopf bis zur Hüfte einsaut.

»Wow, wo kommt denn das her?«, schreit der junge Mann und macht einen Satz zur Seite.

Daphne schlägt sich die Hände vor den Mund. »O mein Gott, das ist ja … Nein, das tut mir echt leid. Dein T-Shirt ist total voll.«

Christ stöhnt sichtlich genervt auf, als er an sich herunterschaut und das Desaster begutachtet. »Scheiße, das ist Öl! Das geht nie wieder raus. O Mann, ey!«

Aha, für einen Anfänger hat er ganz gut reagiert, der junge Erist. Er wollte Chris sauer machen, aber der Schuss könnte auch nach hinten losgehen.

Zerknirscht fängt Daphne an, zu stammeln: »Ich komm natürlich für deine ruinierte Kleidung auf. Warte, ich hol Taschentücher, damit du dein Gesicht abwischen kannst.«

Sie tippelt in ihren hohen Schuhen um den Wagen, mitten durch den Erist hindurch, und Chris folgt ihr. Ich stehe nicht im Weg, was mich zu meinem Vergnügen bei meinem Gegner noch nicht auffliegen lässt.

Als Daphne sich ins Auto zu ihrer Tasche beugt, nutze ich Chris‘ gute Aussichtsposition und lasse nochmal ein laues Lüftchen wehen, das erneut ihren Rock hebt.

Oh, holla ein String! Prompt verbessert sich Chris‘ Laune, was an seinem Schmunzeln abzulesen ist. Sogar der Erist bewundert Daphnes Kehrseite verträumt.

»Schrecklich windig heute, nicht wahr?«, murmle ich, und nun inspiziert mich der Erist genauer. Ich ignoriere ihn natürlich immer noch, allerdings entgeht ihm mein Armband kein zweites Mal.

»Du bist eine Cupida! Ich dachte …«, schnauft er empört.

Ich lache ihm direkt ins Gesicht. »Was, dass ich ein Mensch bin? Tja, nein, mein Lieber. Ich bin Evodie, hinten mit ‚ie‹. Nur, damit du im Bericht für deine Chefin meinen Namen richtig schreibst. Die will bestimmt wissen, wer dir die Tour vermasselt hat.«

Der Kopf des Eristen läuft langsam rot an, und mit zornigem Blick schwingt er seinen Wirkungsstab. Er deutet auf Chris‘ Hose.

»Jetzt käme es doch wie gerufen, wenn seine Ex ihn zurückhaben wollte. Meinst du nicht, Evodie?« Gehässig verzieht sich sein Mund.

Zeitgleich, als Daphne Chris das Taschentuch mit einem charmanten Lächeln reicht, fängt Chris‘ Handy an, zu bimmeln. Ein Rufton erklingt, der jedem Anwesenden klarmacht, dass da seine Freundin anruft. Chris, der Trottel, hat den Klingelton noch nicht verändert.

Ich schüttele den Kopf, denn abermals outet sich der Erist als waschechter Anfänger: Niemals erzählt man dem Gegner, was man zu tun gedenkt.

Hektisch wischt sich Chris mit dem Tuch über den Mund und zerrt, mit kugelrunden Augen, das Smartphone aus seiner Gesäßtasche. Mit einem leisen »Oh, Moment, ich komm gleich wieder«, dreht er Daphne den Rücken zu. Er entfernt sich einige Schritte von ihr. Verdattert blinzelnd, bleibt Daphne stehen.

Beim besten Willen kann ich mir das Lachen nicht verkneifen, als ich den männlichen Erist in hoher Frauenstimme in seinen Wirkungsstab reinplappern höre.

»Hallo, Chris. Ich bin‘s Lena, du ich … Also ich dachte, wir sollten doch nochmal über alles reden. Hast du nicht Lust, mich zu treffen? Vielleicht heute?«

Eins muss man dem Kerl lassen, er hat seinen Bericht aufmerksam gelesen, denn der Name der Ex stimmt.

Während Chris stammelt, dass das schon möglich wäre, kappe ich kurzerhand die Unterhaltung, indem ich den Lautsprecher des Handys stumm schalte. Verwirrt schaut Chris auf sein Handy, und ich … lasse einen Platzregen runter, der sich gewaschen hat.

Chris zeigt schreiend auf sein Auto, und die beiden Menschen flüchten vor dem Mini-Gewitter, um in seinem Wagen Schutz zu suchen. Mein Gegner scheint überfordert zu sein und muss sich einen Regenschirm heraufbeschwören. Mir allerdings können die prasselnden Tropfen nichts anhaben, weil ich, lapidar gesagt, trocken bleiben will.

Panisch stochert der Erist mit seinem Wirkungsstab in der Luft herum, in Richtung Daphne. Daraufhin wird ihr die Autotür von einer Windböe aus der Hand gerissen und fällt wieder zu. In der Zwischenzeit sitzt Chris bereits im Trockenen, wohingegen Daphne erneut versucht, die Tür zu öffnen. Vergeblich reißt die durchnässte Frau am Griff.

Mit einem herablassenden Schmunzeln fege ich das Bemühen des Zwietracht-Engels zur Seite. Daraufhin stolpert Daphne ein paar Schritte rückwärts, da die Wagentür plötzlich unverschlossen ist. Den Willen meines Gegners zu überwinden, war lächerlich einfach.

Zufrieden lasse ich mich auf der Rückbank in Chris‘ Golf nieder. Ein altbekannter, leichter Druck auf meinen Körper macht mir bewusst, dass der Erist sich entschieden hat, mir Gesellschaft zu leisten. Ich fühle mich wie ein Magnet, der von einem gleichen Pol abgestoßen wird. Mein Gegenspieler grummelt verärgert vor sich hin, und wir gucken Chris dabei zu, wie diesem schier die Augen aus dem Kopf fallen. Denn Daphnes weißes Sommerkleid ist nun patschnass.

Tja, was passiert, wenn weiße Baumwolle nass wird …?

Ab da weiß sowohl der Erist als auch ich, dass Chris Daphne heimfahren wird und vorerst die Dinge ihren Lauf nehmen, ohne unser Zutun. Zu einem späteren Zeitpunkt werde ich den beiden nochmal einen Besuch abstatten, denn dann sind die Chancen meines Gegners auf Erfolg leider höher.

Der Stein auf dem Ring des Eristen leuchtet rot, wie auch mein Armband. Für uns beide ist dies der Aufruf, in die Zentrale zurückzukehren. Neuer Auftrag, neues Glück.

KAPITEL 2

DAS BÜRO IN DEN WOLKEN

Kaum habe ich den Gedanken an meine Rückkehr in die Cupida-Zentrale zu Ende gedacht, bin ich auch schon in dem unaufhörlichen Wahnsinn gelandet, der mein Arbeitsplatz ist.

Ein Großraumbüro, dessen Wände aus weißen Federwolken bestehen. Im Grunde ist hier alles weiß: der Boden, die Decke, die Stühle, die Schreibtische, sogar die Monitore. Selbst die Operatoren, welche die Cupidas von hier aus bei ihren Aufträgen unterstützen, sind in strahlend weiße Anzüge oder Kostüme gekleidet. Unzählige Pulte stehen akkurat in Reih und Glied, neben- und hintereinander. Mittig strebt zwischen ihnen ein breiter Gang auf eine Tür zu.

Der übliche Lärm von Stimmen, Druckern und Telefonklingeln drückt auf meine Ohren, als ich mich zu Bellamy, meinem Operator, umdrehe, der hinter seinem Schreibtisch auf mich wartet.

Auf Bellamys rundem Gesicht erscheint ein stolzes Strahlen. »Auftrag erfolgreich ausgeführt? Komm, sag schon, Evodie!«

Ich pflanze mich seufzend auf die Ecke seines Pults. »Ja, alles problemlos gelaufen. Der erste Kontakt ist immer der einfachste.«

»Hat sich ein Erist blicken lassen?« Bellamy schaut mich über seine Brille hinweg kritisch an, die ihm bis zu seiner Nasenspitze gerutscht ist.

Meine Stirn kräuselt sich, denn seine Frage erscheint mir seltsam – da es nichts Ungewöhnliches ist, dass ein Erist einer Cupida in die Arbeit pfuscht.

»Ja, aber sie schickten einen Neuling, weil sie genau wussten, dass sie den Kürzeren ziehen würden. Die Beziehung der Klienten aufrechtzuerhalten, wird wesentlich schwieriger werden. Du weißt ja, um Paare zu entzweien, senden sie meist ihre Besten aus, die mit allen Wassern gewaschen sind.«

»Das kannst du laut sagen. Frag mal Artreus, was ihm passiert ist?«

Im Getümmel suche ich nach meinem besten Kumpel. Doch nirgends ist Artreus zu entdecken, der mit seiner Erscheinung so auffällig ist wie ein bunter Hund.

»Wieso? Was ist ihm denn passiert? Ist er hier?«

Bellamy deutet mit dem Kopf auf die Tür, auf die alles im Büro ausgerichtet ist. »Er ist beim Chef. Seit geschlagenen zehn Minuten.«

»O je, und wie ist Phileas drauf? Hat seine Tür schon geleuchtet?«, frage ich amüsiert.

Mit einem Grunzen schiebt sich Bellamy seine Brille zurecht. »Und wie, sein Brüllen war bis in die hinterste Ecke zu hören.«

Ich schmunzle bei der Vorstellung. Denn wenn Phileas wütend wird, beginnt seine Gestalt, die eh von einer hellen Aura umgeben scheint, regelrecht zu brennen, sodass man das grelle Licht durch die Ritzen der geschlossenen Tür erkennen kann.

»Och, der arme kleine Artreus«, grinse ich verschmitzt.

Niemand, der Artreus je gesehen hat, würde ihn als arm, geschweige denn als klein bezeichnen.

In dem Augenblick öffnete sich Phileas‘ Tür, und mein Freund kommt herausmarschiert. Er sieht aus wie der übereifrige Besitzer eines Fitnessstudios. Vor lauter Muskeln sprengte er fast sein Shirt, und sein kahl rasierter Schädel glänzt wie frisch poliert. Wütend kommt Artreus auf uns zu, und sein Gesicht verrät mir, dass beschissene zehn Minuten hinter ihm liegen. Seine Nase wirkt noch knubbliger, wenn er mürrisch ist.

»Mann, als würde es mich nicht schon genug nerven, dass sich eins meiner langjährigen Klienten-Paare trennt, muss Phileas mir deswegen noch einen akustischen Einlauf verpassen. Verdammte Scheiße!«, brummt er und läuft zu seinem Schreibtisch, der schräg hinter Bellamys steht.

Ich folge ihm und habe vollstes Verständnis dafür, dass mein Kollege so sauer ist. Ein Paar zu verlieren, das man mitunter Jahrzehnte durch Höhen und Tiefen begleitet hat, ist harter Tobak. Schließlich sind wir keine gefühlskalten Zombies, sondern Profis, die sich zwar distanzieren, aber dennoch eine Verbindung zu unseren Klienten aufbauen.

»Was? Wie lange waren die zwei zusammen?«, frage ich.

Aufgebracht lässt sich Artreus in seinen Stuhl fallen und lehnt sich, mit hinter dem Kopf verschränkten Händen, zurück. »Über fünfundzwanzig Jahre. Vor zwei Jahren feierten sie ihre silberne Hochzeit.«

»Was ist geschehen, dass sie sich auf einmal getrennt haben?« Ich bin fassungslos. Verflucht, nicht mal fünfundzwanzig Ehejahre sind eine Garantie, dass ein Paar zusammenbleibt.

In Artreus‘ sonst treuherzigen Augen blitzt nach wie vor die Wut. »Ein bescheuerter Erist ist geschehen, und so wie es aussieht, der gleiche, der auch Hectors Paar entzweit hat.« Er dreht sich auf seinem Stuhl nach hinten und schreit quer durchs ganze Büro: »Hey, Hector. Hector, du kleiner fettarschiger Liebesengel?«

Aber Hector reagiert nicht, und Artreus nimmt das oberste Blatt eines Berichtes, der vor ihm liegt, und zerknüllt es. Den satten Papierball wirft er mit Schmackes zielgenau gegen Hectors Hinterkopf, der sich sofort umdreht und den Schuldigen sucht. Artreus hebt die Hand, und Hector brüllt: »Was ist, drückt dir dein enges Shirt die Luft ab, Arti?«

»Wie sah der abgefuckte Erist aus, der dich verhöhnt hat, wegen den Fünfundzwanzigern?«, schreit mein Freund.

Hector zuckt mit den Schultern. »Groß, dunkler Typ.«

»Hat 'ne Visage wie Luzifer persönlich?«

Der andere Cupida überlegt und nickt dann. »Ja, kann man sagen.«

Luzifer? Hab ich was verpasst. »Was meinst du damit?«

Artreus dreht sich wieder zu mir. »Böse. Dem Saftsack schaut die Hinterhältigkeit schon zu den Augen raus. Ich war kurz davor, das Arschloch plattzumachen, so gereizt hat er mich mit seinen dämlichen Sprüchen.«

Bellamy, der bisher still war, wirft die Frage ein, die auch mir unter den Nägeln brennt. »Kennt man den Namen des Eristen?«

Mein Kumpel schnauft. »Wie er heißt, kann ich dir nicht sagen, aber Zelos soll sich erkundigen.«

»Ich werde Zelos dabei helfen«, sagt Bellamy und schreitet sofort zur Tat, indem er sich an seinen Arbeitsplatz setzt. Zelos ist Artreus‘ Operator und Bellamys Gefährte.

Insgeheim grüble ich darüber nach, sobald wie möglich meine Fünfundzwanziger zu überprüfen, ob da noch alles im Lot ist, denn anscheinend machten die Eristen Jagd auf ältere Klienten.

»Weißt du, wie er es angestellt hat, die Fünfundzwanziger zu trennen?«

Artreus‘ Brauen heben sich, und das sagt mir, dass seine Antwort mir nicht gefallen wird. »Bei Hectors und bei meinem Paar haben es jeweils die Frauen mit ‘nem anderen getrieben.«

»Shit!«, fällt mir nur noch dazu ein. Eine übliche Vorgehensweise der Eristen und schwer zu verhindern, wenn man nicht zum richtigen Zeitpunkt vor Ort ist. Ob der Partner tatsächlich fremdgegangen ist, spielt dabei nicht mal eine Rolle. Der Erist legt Spuren und Beweise für den Lebensgefährten, der dem Beschuldigten dann nicht mehr glaubt, obwohl dieser seine Unschuld beteuert und die Wahrheit sagt. Ein Erist, wie auch ein Cupida, kann seine Gestalt verändern, in alles, was er will. Dies bietet unsereinem unendlich viele Möglichkeiten. Gute, wie auch böse – leider.

Zelos kommt aus Phileas‘ Büro und drückt mir eine weiße Akte in die Hand. »Hey, Evodie. Hier dein neuer Auftrag. Mit Mega-Wichtig-Stempel.«

Mit großen Augen beobachte ich, wie er Bellamy eine weitere Akte gibt, die den gleichen roten Schriftzug trägt. Ich tausche mit meinem Operator einen vielsagenden Blick, denn Mega-Wichtig-Aufträge sind meist sehr heikel und mit viel Aufwand und Zeit verbunden.

Bellamy vertieft sich augenblicklich in seine neue Anweisung und meint dann kopfschüttelnd, während er weiter in den Unterlagen stöbert: »Weißt du, manchmal beneide ich dich, Evodie, um deinen Job da draußen, an der Front. Aber jetzt … nicht.« Er schaute betröppelt auf. »Ich schicke gleich die Kundschafter los, um die Daten zu bekommen, die wir noch brauchen. Schreib mir auf, was du wissen musst. Verflucht, Mädchen, das wird diesmal nicht einfach.«

»Na dann, lass uns anfangen.« Enthusiastisch lasse ich mich in meinem Bürostuhl fallen und öffne mit einem Stoßseufzer die Akte.

Sogleich springt mir das Foto meines nächsten Klienten ins Auge. Ein braunhaariger Mann mit einer markanten Nase und auffallend blauen Augen, blickt mir ernst entgegen. Eine kecke Kerbe hat sich auf seinem glatt rasierten Kinn ansehnlich in Stellung gebracht. Alles in allem ist der Typ eine Zuckerschnitte, was auf meine Arbeit natürlich, wie immer, kein Einfluss haben wird.

Ich beginne, zu lesen, und mir schwant Schreckliches. Denn das Leckerchen, das auf den Namen Jonas Kinz hört, ist Witwer und sucht eine Tagesmutter für seinen achtjährigen Sohn, aber keine Ehefrau. Anscheinend hat sich Jonas in der Trauer vergraben, und drei Mal dürft ihr raten, was mein Chef mir für eine Anweisung gegeben hat?

Genau: Ich soll mich für die Stelle als Kindermädchen bewerben und Jonas eine gewisse Susan Hunz schmackhaft machen, die ebenfalls einen gleichaltrigen Sohn hat.

Tiere und Kinder sind der Alptraum eines jeden Cupidas. Und mich erwarten gleich zwei, und das, obwohl wir Engel gar nicht schlafen.

KAPITEL 3

DAS CHAOTISCHE BÜCHERREGAL

Die junge Frau liegt immer noch schlummernd in ihren Kissen. Vor ihrem Bett türmen sich Klamotten. Nach dem Turm zu urteilen, der aus ihrer Jeans, in der ihre Höschen und Socken stecken, ihrem Oberteil und dem BH besteht, muss sie aus dem Zeug herausgestiegen und geradewegs ins Bett gefallen sein.

Ich stalke gerade die letzte der drei Bewerberinnen, die Jonas heute Mittag zum Vorstellungsgespräch als Tagesmutter eingeladen hat. Obwohl diese hier riecht wie eine Schnapsleiche, was sicherlich von den tausend Cocktails der vergangenen durchgefeierten Nacht herrührt, ist sie womöglich meine größte Konkurrenz. Momentan sieht sie zwar mit der grausigen Fünfzehn-Stunden-Schlaf-Frisur, dem verschmierten Kajal und Lippenstift nicht danach aus, aber im Normalzustand ist sie bestimmt ein heißer Feger.

Vater und Sohn würden sich womöglich für sie entscheiden, was ich verhindern muss, um selbst die Stelle zu bekommen. Damit ich freie Bahn habe und Jonas mit Susan zusammenbringen kann.

Die anderen zwei Bewerberinnen stellen keine Gefahr für mich dar. Aber um auf Nummer sicher zu gehen, werde ich bei ihnen ebenso eingreifen müssen. Abgesehen davon, dass ich den Job will, wären die zwei Kröten das Schlimmste, was Jonas‘ Sohn Max zustoßen könnte. Die verkörpern das typische Klischee einer Schreckschraube, wie man sie aus Kinderfilmen kennt.

Die Kundschafter haben, auf die Anweisung meines Operators Bellamy, herausgefunden, dass eben jene drei Frauen ein Gespräch mit Jonas haben würden. Dieser hat die Termine mit ihren Namen in seinem Kalender vermerkt, weswegen ich die Damen aufsuchen und inspizieren konnte.

Eine hat sich als ausgezehrte, verbitterte Ziege herausgestellt, die irgendwann einmal einen Stock verschluckt haben musste. Zu meinem Verdruss durfte ich ihr durch den Stadtpark hinterherjagen, weil sie wohl für einen Marathon trainierte. Ihre Wohnung war spartanisch eingerichtet und erinnerte eher an eine Gefängniszelle. Nichts Farbiges, nichts, was auch nur den Hauch von gute Laune oder Freude verbreiten konnte, war darin zu finden. Ein strenger Trainingsplan, der an ihrem Kühlschrank hing, sagte mir, dass diese unerbittliche Selbstdisziplin ein wesentlicher Bestandteil ihres Charakters sein musste.

Die andere Bewerberin war eine ältere korpulente Frau, die an Kurzatmigkeit litt. Dass sie Max nicht hinterherjoggen konnte, sondern stattdessen aus dem letzten Loch pfeifen würde, war nur eins ihrer Probleme. In ihrem Haus habe ich nämlich alles penibel sortiert vorgefunden. Einfach alles war nach Farben, Alphabet oder Größe geordnet – von den Tassen bis hin zu den Stecknadeln. Dem Anschein nach hat die Dame eine Zwangsneurose.

Entscheidet sich Jonas für eine von den Zweien, wird Max das Lachen vergehen. Denn diese Damen können einen Jungen in seinem Alter weder verstehen noch fördern oder bändigen, davon bin ich überzeugt. Sohn und Vater können froh sein, dass ich ihnen die Entscheidung abnehmen werde.

Per Telefon habe ich mich bei Jonas um die Stelle als Tagesmutter beworben und angegeben, sein Zeitungsinserat gelesen zu haben. Wir unterhielten uns kurz und vereinbarten für heute Nachmittag einen Termin. Das Zuckerschnittchen hat eine unglaublich männliche Stimme, bei der einem die Knie weich werden, und eine ausgesprochen zuvorkommende Art.

Wenn Susan also nicht lesbisch oder halbtot ist, wird sie den Kerl sofort bespringen, sobald er eindeutige Signale aussendet. Also – ich würde es so machen … wenn ich diejenige wäre, welche … Aber – die bin ich ja nicht.

Irgendwie muss ich bis mittags die Zeit totschlagen, denn jetzt würde ich noch nichts gegen die drei Frauen unternehmen, sondern erst, wenn ich die größte Wirkung erzielen konnte.

Ich entschließe mich dazu, die schlafende Schönheit zu verlassen und einigen meiner langjährigen Klienten einen Besuch abzustatten.

Dem Himmel sei Dank, ist bei denen noch alles in Butter. Auf den ersten Blick kann ich kein Eristen-Eingreifen erkennen. Etwas beruhigter als zuvor hinterlasse ich bei den Paaren kleine Stupser, damit sie sich ihrer Liebe zueinander wieder bewusst werden.

Leider halten die Menschen vieles für selbstverständlich, ihre Partner, Freunde oder Familien, deren Zuneigung, sogar das unfassbare Glück, ihre Liebe überhaupt gefunden zu haben. Oft begreifen die Leute erst, dass sie das Beste ihres Lebens in Händen hielten, wenn es unwiederbringlich verloren ist.

Deswegen lasse ich bei der einen Ehefrau das Lied im Radio spielen, bei dem sie zum ersten Mal mit ihrem Mann tanzte und er ihr dabei auf die Füße trat, weswegen sie ihn nicht vergessen konnte. An ihrem Schmunzeln sehe ich, dass sie sich daran erinnert.

Einem der Männer schmuggele ich zwischen die Aufgaben seiner elektronischen To-do-Liste, die seine Frau ihm immer per Handy schickt, ein »Mich heute Nacht verwöhnen«. Nachdem er es gesehen hat, lösche ich es wieder. Selbst wenn er sie darauf später ansprechen und sie es kichernd abstreiten sollte, so etwas geschrieben zu haben, um die beiden wird es schon geschehen sein.

Ja, manchmal braucht man ganz wenig, um viel zu erreichen. Manchmal bedeutet nur ein kurzer Satz, nur eine kleine Geste dem Gegenüber die ganze Welt.

Im Unsichtbarkeits-Modus mache ich mich erneut zur Marathon-Ziege auf, die sich in ihrer Küche gerade ein Vitamin-Drink mixt, was mir eine günstige Gelegenheit bietet, ihr die Tropfen zu verabreichen, die mir Bellamy speziell für diesen Fall besorgt hat.

Natürlich könnte ich ihr den gesamten Inhalt des Fläschchens per Willen in das Getränk mischen, aber das wäre vielleicht schädlich für ihre Gesundheit und ein katastrophaler Fehler, der einem Cupida und auch einem Eristen nie unterlaufen darf.

Es ist das Erste und Wichtigste, was wir alle in unserer Ausbildung lernen: Unser Handeln darf niemals einen Menschen körperlich verletzen. Wenn das passiert, prüft der Legionsleiter, das ist bei den Cupidas Phileas und bei den Eristen Nyra, inwieweit es fahrlässig oder willentlich geschah. Ist Letzteres der Fall … verschwindet man. Wortwörtlich. Wir lösen uns auf. Dieses Vergehen ist das Einzige, was unserer Existenz ein Ende setzen kann. Und ja, das kommt öfter vor, als man denkt. Entweder geschieht es in aller Öffentlichkeit oder heimlich, still und leise. Plötzlich ist ein altbekannter Cupida weg. Zack!

Woher Phileas und Nyra die Gewissheit haben, ob der Mensch absichtlich von einem verletzt wurde oder nicht, kann ich nur vermuten. Auch darüber, woher die Aufträge und Berichte stammen, die zum Teil Zukunftsvoraussagen beinhalten, welche wir Engel nicht treffen können, kann ich lediglich spekulieren.

Ebenfalls vermag niemand von uns in das Herz eines Eristen, Cupidas oder Menschen zu sehen, wie auch keiner von uns die Gedanken eines anderen manipulieren kann. Was ja logisch ist, denn sonst bräuchten wir den ganzen Zinnober gar nicht veranstalten. Genauso wenig können wir in die Zukunft oder die Vergangenheit reisen. Das ist einerseits echt schade, aber andererseits würde vermutlich das totale Chaos ausbrechen.

Naja, egal, ich muss jetzt bloß irgendwie den Deckel des Mixers anheben, um die Droge wohldosiert in das Getränk zu bekommen. Deshalb warte ich den geeigneten Moment ab, bis die angehende Iron-Man-Gewinnerin sich wegdreht. Den Deckel, wie von Geisterhand, vor ihrer Nase schweben zu lassen, wäre wahrscheinlich der Auslöser für einen fürchterlichen Schreikrampf, der jetzt völlig kontraproduktiv wäre. Abgesehen davon, soll unsere Existenz den Menschen verborgen bleiben. Nicht auszudenken, auf was für Ideen die kommen würden, wenn sie von uns wüssten.

Während die Gewitter-Ziege ihren Kühlschrank durchwühlt, dessen Inhalt auf strikte vegane Ernährung schließen lässt, öffne ich den Mixerdeckel für einen Spalt. Ich tropfe das Zeug in die rotierende grüne Pampe. Mein lieber Scholli, es sieht nicht bloß aus wie ein pürierter Frosch, es riecht auch danach. Igitt, wie lecker!

In einer knappen Stunde würde die Gute ihren Termin bei Jonas haben, und bis dahin würde das Zeug seine Wirkung voll entfalten.

Ich gebe zu, eine heimliche Vorfreude erfasst mich, auf das, was die klapprig biedere Ziege anstellen wird. Mit einem Schmunzeln denke ich, dass ich jetzt zu Jonas sollte, und eine Sekunde später stehe ich Mister Zuckerschnittchen höchstpersönlich gegenüber.

O nein! Nein, bitte nicht. Tut mir das nicht an. Warum ich? Der Kerl ist eine Wucht. Verflucht. Warum bin ich kein Mensch? Warum heißt es in dem bescheuerten Bericht nicht, dass ich die optimale Partnerin bin? Kann ich das vielleicht ändern? Scheiße, was denke ich da? Ich bin ein Profi. Ich bin eine der besten Cupidas. Ich ziehe das hier durch wie bei jedem anderen Auftrag auch. Selbst wenn der Anblick dieses Sahnetörtchens mir den Atem raubt. Stopp! Jetzt, krieg dich wieder ein, Evodie. Aus!

Ich bin in Jonas‘ Büro gelandet, das eindeutig in seinem Zuhause ist, denn die Zimmertür steht offen, und ich kann einen kleinen Jungen beobachten, der vor dem Fernseher herumturnt. Er zappelt auf der Ledercouch hin und her, ohne sein Blick vom Flimmerkasten abzuwenden. Ich muss grinsen, weil mir der Gedanke kommt, dass der Kleine sehr wahrscheinlich dringend aufs Klo muss, aber Angst hat, etwas zu verpassen.

Jonas schafft in der Zeit Ordnung auf seinem Schreibtisch und schaut auf seine teure Armbanduhr. Es ist ein warmer Frühsommertag, weswegen er die langen Ärmel seines weißen Hemdes hochgekrempelt hat. Die Bräune seiner kräftigen Unterarme hebt sich kontrastreich von dem hellen Baumwollstoff ab. Der gutaussehende Kerl ist ein überdurchschnittlich großes Exemplar seiner Spezies. Das schmal geschnittene Hemd betont seine breiten Schultern, und die obersten drei Knöpfe sind nicht geschlossen. Ja, das alles sehe ich und noch viel mehr. Selbstverständlich lässt mich das kalt. Eiskalt.

Mmmh, ein gepflegter Geschäftsmann, der offensichtlich seine Brust nicht rasiert, denn einige schwarze Haare blitzen hervor, was ich ganz appetitlich finde. Äh, was Susan ganz appetitlich finden wird. Seine langen Beine sind von einer schwarzen Bundfaltenhose verhüllt, die seinen Hintern nicht das geringste bisschen altbacken wirken lässt.

Für diesen Ausbund an Männlichkeit bin ich nicht sichtbar, und er läuft durch mich hindurch, was meinem Magen einen Schluckauf beschert. Leicht schnüffle ich hinter Jonas her. Sein Aftershave liegt in der Luft, das eine feine Moschus-Note hat. Soo guuut, … wie jeder andere Klient, die ich alle mit ihrer vorherbestimmten Partnerin zusammengebracht habe.

»Max, geh bitte in den Garten zum Spielen oder hoch in dein Zimmer. Ich bekomme gleich Besuch.« Jonas‘ ernster Blick und Ton, die seinem Sohn gelten, lassen keinen Widerspruch zu.

Nach kurzem Zögern greift Max mit seinen kleinen Händen nach der Fernbedienung, die vor ihm auf dem Tisch liegt. »Okay, ich geh nach oben, muss sowieso aufs Klo«, sagt der braunhaarige Junge und schaltet das Fernsehgerät aus.

Irgendwie meine ich, Enttäuschung in Max‘ Stimme herauszuhören. Langsam schleicht der Kleine davon. Jonas‘ Brust hebt und senkt sich mit einem lauten Atemzug. Im nächsten Moment klingelt es an der Tür.

Aha, meine erste Konkurrentin ist da, die es gilt, aus dem Rennen zu werfen.

Ich folge Jonas zur Haustür, wo er die ältere Frau empfängt, die ihre Socken nicht nur nach Farben, sondern zusätzlich nach Textilarten ordnet. Ein wenig außer Puste geraten, stellt sich die füllige Dame vor und streckt Jonas ihre Hand entgegen.

»Guten Tag, ich habe ein Vorstellungsgespräch bei Ihnen, wegen der Stelle als Tagesmutter.«

»Hallo, dann müssen Sie Frau Hempel sein. Kommen Sie doch bitte herein.«

Jonas tritt zur Seite, und Frau Hempel zwängt sich an ihm vorbei in den Flur. Zu dritt tigern wir zurück in Jonas‘ Büro.

Mit einer Handbewegung bietet der Hausherr der Bewerberin den Platz vor dem Schreibtisch an. »Bitte setzen Sie sich, Frau Hempel.«

Während die Ältere sich zwischen die Armlehnen des Stuhles quetscht, schließt Jonas die Tür und lässt sich anschließend auf seinem Chefsessel nieder. Ich beziehe derweil seitlich von ihnen Position, um den Ort des Geschehens besser überblicken zu können.

Aufmerksam mustert Jonas die Dame, die sich unverhohlen in seinem Büro umsieht. Krampfhaft drückt sie ihre Tasche im Schoß zusammen, und ich bemerke, wie ihren Augen ganz schmal werden, als sie das Bücherregal betrachtet. Die Knöchel ihrer Finger treten weiß hervor, und ein leises Knautschen der Lederhandtasche zeigt mir, dass sie ihren Zwang fast nicht mehr beherrschen kann. Ich wette, sie sortiert die Bücher bereits in Gedanken nach Größe und Alphabet.

»Nun, Frau Hempel, wie am Telefon besprochen, geht es um meinen achtjährigen Sohn Max, für den ich eine Tagesmutter suche.«

Jonas greift nach einem Stift, und ich bin so gemein, dass ich die Stiftebox umfallen lasse. Warum? Ich will nur mal was testen.

»Hoppla, wie ungeschickt von mir.« Zuckerschnittchen lächelt verlegen, kann aber nicht mehr verhindern, dass die ganzen Schreibutensilien quer über den Tisch springen und durch die Gegend kullern. Fahrig will er sie einsammeln, doch Frau Ich-sortier-alles krallt sich rigoros die gesamten Stifte im Eiltempo. Bingo! Dachte ich mir doch, dass sie dem Drunter und Drüber nicht widerstehen kann.

»Ach, lassen Sie mich das machen.« Selig lächelnd beginnt die Alte, die Kugelschreiber, Bleistifte und Textmarker in den Schreibtischbutler einzusortieren.

Jonas‘ Brauen heben sich leicht, als er ihr dabei zuschaut, wie sie die Stifte immer wieder herausnimmt und in ein anderes Fach steckt.

»Danke, das ist nett«, grinst er nervös, denn Frau Hempel teilt nicht bloß nach Art des Stiftes ein. Nein, sie ist doch keine Anfängerin. Ordnung muss sein, und so werden die Stifte außerdem nach Länge, Farbe und Hersteller getrennt. Immer wieder wandern die Dinger hin und her durch die Fächer der Box. Über fünf Minuten dauert es, bis Frau Hempel mit ihrer Anordnung endlich zufrieden ist.

Nach getaner Arbeit lehnt sich die beleibte Dame mit einem Seufzer zurück und blickt entspannt in Jonas‘ Gesicht, der eine Sekunde braucht, um sich zu besinnen, warum er ausgerechnet sie eingeladen hat.

»Äh, ja. Mein Sohn Max ist ein …« Er zögert, denn er registriert, wie Frau Hempel an ihm vorbeistarrt, auf die Bücherwand hinter ihm. »… aufgeweckter Junge, der sehr gerne mit … Lego spielt.« Unverständnis macht sich auf Jonas‘ Miene breit, und er folgt dem Blick von Frau Ordnung-muss-her. Er dreht sich zu der Bewerberin zurück. »Gibt es da ein Problem, Frau Hempel?«

Zu sich kommend schüttelt Frau Hempel kritisch den Kopf. »Nein, nur Ihre Bücher.«

»Ja, eine interessante Sammlung nicht wahr?«, erwidert Jonas freundlich.

Ganz sachte lasse ich einzelne Bücher aus dem Regal hervorrücken. Die Augen der älteren Dame werden groß, und ihre Finger lösen sich von der Tasche. Allmählich hebt sie ihre Hand dem Buchregal entgegen und sie keucht gequält: »Nein, sie … stehen vollkommen durcheinander. Vorne eins mit Z und dort mittendrin eins mit A.« Angewidert fasst sie sich an den Mund. »Großer Gott, das ist ja das reinste Sodom und Gomorrha«. Entsetzt schaut sie Jonas an. »Wie können Sie in diesem schrecklichen Chaos nur leben?«, staucht sie den armen Kerl vorwurfsvoll zusammen.

Diesem dämmert, dass die Alte es ernst meint und ihre Latten viel ordentlicher am Zaun hängen als die aller anderen. Verunsichert höre ich ihn sagen: »Ich bitte Sie, das sind nur Bücher, die in einem Regal stehen.«

»Nein. Das ist viel mehr«, röchelt sie entsetzt.

Ich bringe die herausstehenden Bücher hinter Jonas zu einem leichten andauernden Kippeln. Daraufhin zeigt sie auf das Regal und schreit: »Das da, ist der Beginn von Anomie.«

»Quatsch!«, entschlüpft es Jonas. »Das ist ein Bücherregal. Und sicherlich kein staatsfeindlicher Akt.« Er räuspert sich und man sieht ihm an, dass er sich Sorgen macht.

Plötzlich steht Frau Hempel auf und streckt sehnsüchtig ihre Finger nach dem Regal aus. »Lassen Sie mich die Bücher sortieren. Es geht auch ganz fix.«

Zielstrebig nimmt sie Kurs auf das Chaos, das sie unbedingt beseitigen muss. Jonas erhebt sich eilig und stellt sich ihr entgegen.

»Nein, auf gar keinen Fall werden Sie meine Bücher anfassen. Die bleiben genau da, wo sie sind.«

Erschrocken hält die Frau vor ihm inne. »Aber, ich muss …«

Grimmiger kann Jonas nicht mehr schauen. »Nein, das Einzige, was Sie müssen, ist gehen. Und zwar jetzt. Ich denke, Sie sollten über diesen Sortierzwang mit einem Arzt reden.«

»Aber …«, stammelt Frau Hempel zahm.

Jonas bugsiert sie vorsichtig zu seinem Büro hinaus in den Flur. »Nein, kein Aber, Frau Hempel. Wenn Ihnen die Lego-Kiste meines Sohnes in die Quere kommt, kollabieren Sie und glauben, das Ende der Welt stünde bevor.« Er öffnet die Tür und schiebt sie hinaus. »Es tut mir leid, aber Sie entsprechen nicht ganz meinen Erwartungen. Ich kann Ihnen die Stelle nicht geben. Es ist die beste Entscheidung, zum Wohle aller Beteiligten, denke ich.«

Frau Hempel steht noch überrumpelt auf der obersten Stufe, als Miss Marathonlauf am Fuß der Treppe eintrifft. Mit hochroten Wangen macht sie einen überhitzten Eindruck. Ein intensiver Blick auf Jonas lässt sie tief durchatmen, und sie stürmt die Treppe hinauf. Ohne Skrupel schubst sie die verdatterte Frau Hempel zur Seite und baute sich dicht vor Jonas‘ Nase auf. Zu dicht offenbar, denn dieser zieht seinen Kopf zurück, wie eine verschreckte Schildkröte.

»Hallo, Sie wollten mich treffen«, flötete die hagere Frau, und ihre Augen fließen gierig über Jonas‘ markante Züge.

Seinen Widerwillen über ihre Nähe nimmt sie gleich mal nicht zur Kenntnis, sondern beugt sich ihm weiter entgegen, sodass Jonas sich total verbiegen muss, um sie nicht zu berühren.

Völlig außer Atem säuselt die Bewerberin stoßweise: »Wir haben telefoniert, wegen der Stelle als Tagesmutter. Wissen Sie noch?«

Wow! Jonas, mein Lieber, schnall dich an, die Ziege geht aufs Ganze. Ich muss Bellamy unbedingt fragen, wo er das Aphrodisiakum herhat. Das Zeug wirkt ja höllisch gut.

KAPITEL 4

EIN STUHL UND EINE TASCHE, DIE ES IN SICH HABEN

»Ich bin Jessica Schnabold«, flüstert die hagere Frau dicht vor Jonas‘ Gesicht und inhaliert verzückt seinen Duft. Ihr ganzer Körper scheint zu beben.

O je, o je, was hab ich mit dem Aphrodisiakum bloß angerichtet.

Mit einem erschrockenen Grinsen geht Jonas einen Schritt zurück. »Frau Schnabold …?« Allein die Frage macht deutlich, dass Jonas eine andere Frau mit diesem Namen erwartet hat, was ich ihm nicht verdenken kann. Vermutlich war sie bei ihrem ersten Telefonat nicht so aufdringlich gewesen, sondern eher kühl und leidenschaftslos, was sie nun ganz und gar nicht ist. Jonas‘ Stirn legt sich in Falten, und man kann glasklar in seiner Miene lesen, dass er überrascht ist, die falschen Schlüsse gezogen zu haben. »Natürlich, Frau Schnabold. Kommen Sie doch bitte herein.« Er geht zur Seite und macht den Eingang frei, damit die Dame ungehindert eintreten kann.

Frau Schnabold braucht er dies nicht zweimal sagen, sie folgt nämlich jeder seiner Bewegungen. Es ist mir ein Rätsel, wie Jonas einer Berührung bisher entgehen konnte. Mit einem seltsam anmutenden Lächeln entblößt Frau Schnabold ihre langen Zähne, und ihre Ähnlichkeit mit einer Ziege wird frappierend.

Obwohl sie außerordentlich schlank und die Türöffnung breit genug ist, drückt sie sich an Jonas vorbei, als wäre der Hauseingang ein schmaler Felsspalt. Diesmal gibt es für den Armen kein Entkommen, und er muss den aufgezwungenen Körperkontakt über sich ergehen lassen, den Frau Schnabold mit einem zittrigen Seufzen kommentiert.

»Liebend gern.« Abermals versucht sie, ihren Körper an seinen zu bringen.

»Hier entlang, bitte, zu meinem Büro«, meint Jonas, zeigt die Diele hinunter und schließt unglücklich dreinblickend die Haustür hinter sich.

Er traut der anhänglichen Frau wohl nicht über den Weg, denn keine Sekunde dreht er ihr den Rücken zu.

Weise Entscheidung, Zuckerschnittchen, zumal sich die Ziege bereits die Lippen bleckt. Oder solltest du ihr aufgrund dessen doch lieber die Kehrseite zu wenden?

Offensichtlich kommt er zum gleichen Entschluss und flüchtet, Frau Schnabold immer zwei Schritte voraus, den Flur lang. Sobald Jonas sein Büro betreten hat, verbarrikadiert er sich geschickt hinter der Tür. Er denkt wohl, der Dame damit keine weitere Chance zu bieten, ihm auf die Pelle zu rücken. Falsch gedacht! Die Ziege stellt sich an seine Seite und tippelt ihm schmachtend nach, als er rückwärts laufend die Tür ins Schloss drückt. An die Bürotür gepresst, findet sich Jonas der schrecklichen Wahrheit ausgeliefert: Unternimmt er nichts dagegen, würde die Gute jeden Moment genau das tun, was auch immer in ihrer Absicht liegt.

Jonas schnauft laut und sichtlich entnervt von dem penetranten Benehmen der Bewerberin. »Frau Schnabold, ich sehe mich gezwungen, Sie zu bitten, mir ein wenig Freiraum zu lassen. Nehmen Sie doch bitte dort drüben Platz.«

Ja, am besten in einem anderen Zimmer …

»Oh, entschuldigen Sie.« Frau Schnabold schluckt und entfernt sich zögernd von ihm. Ihre Wangen glühen, und ein nasser Film liegt auf ihrer Stirn.

Amüsiert beobachte ich, wie sie sich auf der Vorderkante des Stuhls niederlässt und ihre Knie eng zusammenzwingt.

In schnellem Gang, um sich so kurz wie möglich in Reichweite der aufdringlichen Dame aufzuhalten, bezieht Jonas hinter seinem Schreibtisch Deckung. Ernste Zweifel, über die Eignung von Frau Schnabold als Tagesmutter, stehen Jonas bereits ins Gesicht geschrieben.

»Wie ich am Telefon erwähnte, würden Sie sich um meinen Sohn Max kümmern.«

Ich muss der Dame leider etwas mehr Feuer unter dem Hintern machen, damit sie Jonas noch stürmischer bedrängt. Im übertragenen Sinn, selbstverständlich. Obwohl – das mit dem Feuer ist gar keine schlechte Idee ist. Lächelnd erwärme ich die Polsterung ihres Stuhls um ein paar Grad.

Augenblicklich entlockt ihr das ein leises Stöhnen, das sie mit einem »Jaaa« überspielen will. Allerdings gelingt es ihr nicht, und Jonas‘ panischer Blick bringt mich zum Lachen.

»Er ist acht Jahre alt und …« Jonas verstummt, denn Frau Schnabold beginnt, auf ihrem Stuhl hin und her zu rutschen.

Das könnte durchaus eine Reaktion auf das Vibrieren sein, welches ich an der Naht im Schrittbereich ihrer Jeans auslöse. Ihr lautes Hecheln lässt Jonas‘ Wangen erröten und meine beinahe gleich mit.

»Geht es Ihnen gut?«, fragt mein Klient misstrauisch.

»Ja. Gut!«, piepst sie und tastet mit zittrigen Fingern aufgeregt in ihrer Kurzhaarfrisur herum.

Anscheinend eine Angewohnheit, mit der sie sich selbst beruhigen will, die ihr aber nicht helfen wird, argwöhne ich. Mit einem Keuchen lässt sie von ihren Haaren ab, und ihre Augen glänzen euphorisch, als sie sich an den geröteten Hals greift und eine ihrer Hände im vibrierenden Schoß vergräbt.

Bloß gut? Na dann – eine Stufe stärker, damit es ihr richtig prächtig gehen wird.

Fest presst Frau Schnabold ihre Lippen aufeinander, um es zu verhindern, doch es gelingt ihr nicht. Ein weiblicher Lustschrei hallt prompt durch das Büro, und zugleich klammert sich die Dame leidenschaftlich an den Armlehnen ihres Stuhles fest.

Demnächst würden Jonas‘ Augen über den Teppich rollen, so schockiert beäugt er die Frau, die sich vor ihm im Stuhl windet. »Sind Sie sicher, dass alles in Ordnung ist?«

Noch nicht, aber bald, das kann ich jetzt schon voraussagen.

Frau Schnabold gelingt es mittlerweile lediglich, zu japsen: »Ja – ja – ja!«

Ihre Stimmlage gerät mit jeder Silbe höher, und ihr Gezuckel auf dem Stuhl wird stetig unkontrollierter. In Ekstase wirft sie den Kopf in den Nacken und ihr gutturales Ächzen lässt Jonas letztendlich aus dem Zimmer fliehen.

»Ich lasse Sie mal kurz allein, bis Sie … so weit sind.«

Ist recht, Süßer, geh nur. Die Gute hat gerade den Spaß ihres Lebens, auch ohne dich, so wie es ausschaut.

Ihr lang gezogenes »Jaaaaaa« bekommt Jonas wahrscheinlich hinter der verschlossenen Tür mit, denn laut genug ist es. Ich lasse Frau Schnabolds Jeans zur Ruhe kommen und die Polsterung abkühlen. Schwer atmend und ein wenig verstrubbelt, lehnt sie sich im Stuhl zurück.

Ich will sehen, was Zuckerschnittchen treibt, und eine Sekunde später stehe ich neben Jonas im Wohnzimmer. Verstört reibt er sich über sein gut geschnittenes Gesicht und nuschelt leise vor sich hin: »Himmel nochmal, was hat die denn? Als ob … Was mach ich mit der bloß? Da komm ich niemals mit heiler Haut raus.« In seiner Ratlosigkeit läuft er auf und ab. Plötzlich bleibt er an der Tür stehen und schaut in den Flur, die Treppe zum oberen Stockwerk hinauf. »Max?«, wispert er unschlüssig. »Nein, nein. Das würde den Jungen traumatisieren, das kann ich nicht machen.« Kopfschüttelnd wagt er sich allmählich zur Bürotür zurück.

Genau so ist es, Jonas, selbst Max‘ Anwesenheit würde die Frau nicht davon abhalten, sich so dermaßen danebenzubenehmen.

Das Zuckerstück sieht ein, dass er da wohl oder übel allein durch muss. Zögernd legt er seine Hand auf die Klinke und drückt sie ganz vorsichtig hinunter.

Ich wechsle wieder ins Büro und sehe von dort, wie Jonas‘ Kopf langsam zum Vorschein kommt. Ängstlich sucht sein Blick die Frau, an deren Orgasmus er ungefragt teilhaben durfte.

Ja, die Luft ist rein. Vorerst.

Von seiner Anwesenheit weiß Frau Schnabold nichts, ihre gestrafften Schultern und ihr gerader Rücken zeigen jedoch, dass sie sich um Haltung bemüht. Der Gastgeber richtet sich erleichtert auf, und mit einem lauten Räuspern informiert er seinen Gast, dass er den Raum betritt.

»So, da bin ich wieder. Ich war kurz einen Schluck Wasser trinken. Oh, verzeihen Sie, wollten Sie vielleicht auch ein Glas?«

Ah, ein Gentleman. Spätestens ab jetzt wäre ich verliebt in ihn – wenn ich Susan wäre, natürlich.

Diesmal werden die Wangen der Frau rot, weil sie sich wegen ihres Benehmens schämt. Aber sofort reiben wieder ihre Schenkel aneinander, und ich weiß, dass die Droge ihre Wirkung noch nicht verloren hat.

»Das wäre nett. Es tut mir leid, ich weiß gar nicht, was mit mir …«

Komm schon, es hat dir doch gefallen. Lassen wir nochmal dein Höschen beben.

»… loooos ist«, schreit sie erschrocken auf und rutscht dabei vom Stuhl.

Mit überraschten Augen rappelt sie sich auf die Sitzfläche zurück, um gleich darauf aufzuspringen, weil sich unter ihr das Stuhlpolster wölbt – an ganz bestimmten Stellen.

Komisch, war ich das? Ach, ja.

Sie krallt sich schluckend an der rechten Ecke des Schreibtischs fest. »Ich muss irgendwas Verdorbenes gegessen haben. Vielleicht sollte ich mich doch besser auf den Heimweg machen.«

»Ja«, sagt Jonas und nickt energisch, denn er ahnt seine Rettung nahen. »Ja, bestimmt sind Sie krank. Sie sollten unbedingt nach Hause gehen. Wir können den Termin ein andermal nachholen.«

Klar. Aber nicht mehr in diesem Leben.

Entschlossen steht Zuckerschnittchen auf und packt mutig den Stier an den Hörnern. Oder in diesem Fall die Ziege an den Schultern, um sie in Richtung Ausgang zu schieben. Frau Schnabold entfährt dabei ein Stöhnen, welches einer Pornodarstellerin zur Ehre gereichen würde. Als hätte Jonas sich an ihr verbrannt, lässt er sie sofort los.

»Entschuldiguuuung«, keucht sie taumelnd und versucht, den Schritt ihrer Jeans nach unten zu ziehen, um dem Vibrieren zu entgehen.

Ja, ich bin eine böse Evodie. Nein, eigentlich nicht, denn wir alle wissen, dass diese Frau schon seit langem, laaaangem keinen Spaß mehr hatte. Im Grunde müsste die Ziege Lobeshymnen auf mich singen. Apropos singen …

»O Gott, o Gott!«, stößt sie wild atmend hervor.

Mit der linken Hand zwischen den Beinen torkelt Frau Schnabold, sich an der Wand abstützend, den Gang entlang, bis zur Haustür. Jonas folgt ihr, schön mit Mindestabstand, denn man kann ja nie wissen.

Am Ziel angekommen, kann Jonas seine gute Erziehung dennoch nicht unterdrücken. Er greift um die Dame herum und öffnet ihr hilfsbereit die Tür. Irgendwie kommt es zu einer unbeabsichtigten, folgenschweren Berührung, und Frau Schnabold kiekst ein letztes Mal. Aufbäumend wirft sie sich gegen den Türrahmen und rutscht, nach peinlichen zehn Sekunden voller »Ja – Ja – Ja«, total erledigt zu Boden.

Ich schwöre, wenn sie Jonas jetzt nach einer Zigarette fragt … ich habe damit nichts zu tun. Für das, was zuvor geschah, übernehme ich jedoch voll und ganz die Verantwortung.

Vergebens versucht die hagere Frau, das, was von ihrer Frisur übrig ist, zu retten. Sie erhebt sich mit einem leichten Lächeln. »Danke. Es war … wundervoll.« Auf einmal klingt ihre Stimme weich und völlig entspannt.

Jonas‘ Kopf kreist unentschieden zwischen Nicken und Verneinen. »Bitte. Gern geschehen?!«, murmelt er irritiert und sieht zu, wie sich Frau Schnabold am Treppengeländer herunter auf den Bürgersteig hangelt.

Auch auf dem Gehweg knickt sie noch einige Male um, und daran bin ich nun wirklich vollkommen unschuldig.

Von den Ereignissen überrollt, fährt sich Jonas verzweifelt durch seine dunklen Wellen, die nach wie vor perfekt liegen.

Wie macht der Kerl das?

»Okay, jetzt kann es doch eigentlich nur noch besser werden«, murmelt mein Klient und schließt die Tür. Diesmal bleibt ihm genug Zeit, ein Glas Wasser zu trinken und sich zu erleichtern.

Äh, also nein. Beruhigt euch, keine Panik! Es gibt Dinge, die will niemand sehen, selbst wenn man es kann.

Es klingelt, und wie erwartet, steht Püppie vor der Tür, die ich heute Morgen in ihrem Schlafzimmer besucht habe. Absolut heiß sieht sie in ihren extrem kurz geratenen Hotpants aus. Und nun gerate ich in Panik, weil … Jonas keinerlei Interesse an ihr zeigt.

So als Mann, versteht ihr? Kein Glotzen, kein Blinzeln, kein Stocken. Nichts. Nada. Niente. Locker und cool tritt er ihr gegenüber, und das macht mir Angst, denn das heißt, dass er sein Herz unter einer Eisschicht aufbewahrt. Zwar hatte der Bericht so etwas angedeutet, aber … Halloo, das ist ein vitaler Mann im besten Alter, Single, seit drei Jahren Witwer und dem geht nicht der Puls in die Höhe, beim Anblick dieser weiblichen Kurven? Er linst nicht mal?

Shit! Das wird schwer werden. Begierde ist ein nicht zu unterschätzender Faktor. Erst muss man etwas wollen, um es lieben zu können. Verdammt! Ich kann bloß hoffen, dass Püppie nicht seinem Geschmack entspricht, aber Susan dafür umso mehr.

Aalglatt und ungerührt kommt es über seine anbetungswürdigen Lippen. »Sie sind Frau Sonntag. Es freut mich, Sie kennenzulernen. Kommen Sie bitte herein.«

»Hi. Ja, danke. Geil, super Wohnung.«

Äh, eher super Flur, denn mehr kann die dumme Nuss nicht sehen.

Kaugummikauend betritt das junge Huhn das Haus. Ihre beiden Hände versenkt sie, in einer schüchtern verspielten Geste, in den Hosentaschen. Diese schauen unter dem Saum heraus, weil die Hosenbeine so knapp sind. Als wüsste das wilde Luder nicht um die Wirkung dieser Haltung, die ihr Dekolleté in dem engen Top noch eindrucksvoller betont. Ihre klimpernden Wimpern schreien überlaut in meinen Ohren Ich will dich hier und jetzt vernaschen.

Pfff, als würde Jonas auf so etwas hereinfallen!

So, wie sie sich für ihn in Szene setzt, hält sie in ihrer ausgebeulten Umhängetasche wahrscheinlich bereits ein ganzes Sortiment an Kondomen einsatzbereit. Von grob genoppt bis erdbeer-aromatisiert, dafür würde ich mein Cupida-Armband verwetten. Ein striktes Eingreifen ist notwendig, denn die Kleine würde ihm das Blaue vom Himmel herunterlügen, nur um bei ihm zu landen und die Stelle zu kriegen.

---ENDE DER LESEPROBE---