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** Eine frech witzige Friends to Lovers Romance mit einem Touch Chaos und Erotik** - sich in seinen Chef verlieben Check - dem netten Typen mit den viel zu langen Haaren, der schon seit einer Ewigkeit auf meine Schwester steht, ein Makeover verpassen Check - entdecken, dass der nette Typ ein absoluter Hottie ist Check - mit Hotties Hilfe den Chef eifersüchtig machen Check - zu spät bemerken, dass der Plan nach hinten losgeht Doppel-Check Hi, ich bin Hailey und ich bin sowas von erledigt. Lesealterempfehlung: 16+ Enthält erotische Szenen und derbe sexuelle Sprache Textauszug: Meine Nervosität lässt mich laut werden. »Was ist denn los? Was muss weg?« »Dein Vollbart«, röhren die beiden Damen im Chor. Nun werden meine Augen rund. »Nein, auf keinen Fall.« Ich packe die Armlehnen und will mich hochziehen. Aber Hailey ist schnell bei mir, legt eine Hand auf meine Brust und drückt mich wieder zurück in den Sessel. Natürlich kann sie das nur, weil ich das zulasse. »Hör zu, Aiden«, beginnt sie. »Du musst mir jetzt einfach vertrauen. Denk an Grace. Denk an meine Worte.« Aufmunternd nickt sie mir zu. »Aber …« »Aiden«, wispert sie und beugt sich dicht vor mein Gesicht, dass ich den Kopf zurücklehnen muss. Wie golden ihre Augen funkeln. Unglaublich. »Es gibt Männer, die können einen Vollbart tragen, müssen es aber nicht. Dann gibt es noch jene, für die der Vollbart explizit erfunden wurde, und das ist gut so - für alle Beteiligten.« Eine von Haileys Augenbraue biegt sich elegant in die Höhe. Ihr unsteter Blick bleibt plötzlich an meinem Mund hängen. O Fuck, was passiert hier gerade? »Und weißt du, zu welcher Sorte Männer du zählst?« Ich schlucke nervös. »Keine Ahnung. Will ich das wissen? Muss ich darauf antworten? Das ist eine Fangfrage, oder?« Ihr Mund verzieht sich mal wieder in Ungeduld. »Du weißt es wirklich nicht?« Hilfesuchend schaue ich in den Spiegel zu Sadie. Doch die starrt mich voll Missbilligung an. »Ich glaube, er will es wirklich hören.« Hailey packt mich am Umhang. »Willst du das, Aiden? Muss ich es wirklich aussprechen?« »Wenn du so fragst: Nein?« Hailey schnalzt mit der Zunge. »Aiden Flint, du gehörst eindeutig zu der dritten Sorte von Männern. Jenen, denen es gesetzlich untersagt sein sollte, einen Vollbart zu tragen. Deren Gesicht viel zu schön ist, um es unter einem Haufen struppiger Barthaare zu verstecken.« Atemlos stiere ich Hailey an. Ihre roten Lippen formen sich zu einem anzüglichen Grinsen.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
von
Ewa A.
Impressum
Text: Copyright © 2020 Ewa A.
Alle Rechte vorbehalten
Covergestaltung: VercoDesign, Unna
https://www.vercopremadebookcover.de/
Korrektorat: https://korrektoratia.jimdosite.com
Verlag: E. Altas
Bundesstr. 6
79423 Heitersheim
https://www.facebook.com/EwaA.Autorin
Die Geschichte sowie die Personen und die Orte in diesem Buch sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit Begebenheiten, Orten, lebenden oder toten Personen sind in keiner Weise beabsichtigt und wären purer Zufall.
Er hat mir auf den Hintern geschaut. Ich habe es genau gesehen. Ohne Zweifel. Obwohl er jetzt so tut, als wäre das nicht passiert. Okay, es dauerte zwar nur kurz an, aber eindeutig hat er gestarrt: mein Chef, der unverschämt attraktive Colin Chambers. Auch bekannt als meine persönliche Schwachstelle. Wenn ich nur schon Colins Stimme höre, verliere ich mich in Tagträumen, wie ich mit meinen Fingern durch seine braunen Haare fahre und seine perfekt liegende Kurzhaarfrisur in sexy Unordnung bringe. Oder wie ich ihn aus seinem gebügelten Hemd herausschäle und mich an seiner muskulösen Brust reibe. O verdammt, Hailey, reiß dich zusammen.
Mit einem zufriedenen Seufzen greife ich nach dem Ende des Aufladekabels meines Telefons, das mir heruntergefallen ist, und richte mich wieder auf. In den drei Jahren, die ich für Colin als Assistentin in der Rechtsanwaltskanzlei arbeite, hat er mich nämlich noch nie auf diese Weise betrachtet. Genauso gut hätte ich eine Kaffeemaschine sein können. Obwohl, die starrt er jeden Morgen lüstern an, weil er ein Kaffeejunkie ist. Mich leider nicht. Ich rangiere auf seiner Beliebtheitsskala kurz vor dem Papierkorb. Ein lästiges Übel, das man benötigt.
Ich kann mir ein sattes Schmunzeln über diesen kleinen Sieg nicht verkneifen und drehe mich zu meinem viel zu gut aussehenden Chef um. Noch immer steht er reglos im Türrahmen seines Büros und wirkt leicht verwirrt.
»Kann ich dir helfen, Colin? Du schaust so … verwundert. Gibt es ein Problem?«
Seine eindrucksvollen hellgrünen Augen finden in mein Gesicht und weiten sich für eine Millisekunde. »Ähm, nein. Ich war gedanklich nur bereits bei meinem nächsten Mandanten.«
Als ob, mein Lieber.
Er räuspert sich und schlendert mit seinem Aktenkoffer auf mich zu. Direkt neben meinem Schreibtisch baut er sich auf und stellt seinen Koffer auf der Tischplatte ab. Seine gepflegten Hände gleiten über das schwarz glänzende Leder. Oh, wie gerne wäre ich jetzt diese Aktentasche. Colin, der keine Ahnung von meinem geheimen Transformationsswunsch hat, beugt sich mir entgegen. Er überragt mich um eine halbe Kopflänge und kommt mir so nah, dass ich jede seiner Bartstoppeln einzeln zählen kann. Mmh, und dieser Mund. Das unterdrückte und dennoch drängende Bedürfnis, die Konturen seiner Lippen mit einer Fingerspitze zu ergründen, lässt meine Hände unkontrolliert zucken. Eine Wolke seines betörenden Aftershaves, nach würzigen Zedern, steigt mir in die Nase und versetzt mich in einen Rausch. Nur mit Mühe kann ich mich davon abhalten, ihn am Revers seiner Anzugjacke zu packen und an seinem Hals wie ein Trüffelschwein zu schnüffeln.
Colins Augenbrauen ziehen sich für einen Moment zusammen, dann klären sich seine Züge jedoch zu dem typischen wissenden Lächeln, das er mir mehrmals am Tag zuwirft. Tja, offensichtlich muss ich ihn schon wieder unverhohlen angeschmachtet haben. Upsi. Nach der Häufigkeit seines Grinsens zu urteilen, entgeht ihm das dagegen wohl eher selten. Vielleicht sollte ich mich dafür schämen. Aber einen Teufel werde ich. Ja, er soll ruhig wissen, dass ich scharf auf ihn bin.
»In deinem E-Mail-Eingang findest du übrigens zwei neue Diktate. Die Briefe sollten spätestens morgen raus.«
»Wird erledigt, Boss.«
Er zwinkert mir zu. »Mhm, Hailey, habe ich dir schon gesagt, dass ich es liebe, wenn du mich so nennst?«
Ich schenke ihm mein heißestes Lächeln. »Ja, Boss.«
Leider rauscht Izabel, Colins derzeitige Freundin, ins Büro herein und unterbricht unseren Flirt, bevor er Fahrt aufnehmen kann.
»Colin? Bist du so weit? Ich habe nur eine halbe Stunde Zeit für unseren Lunch.« Ihre überirdisch makellose Braue hebt sich in die Höhe, während sie mich betrachtet. Ich bin ihr nicht mal einen Gruß wert. Vielmehr teilt sie mir mit einem Blick mit, dass ich so etwas wie eine Schnecke sein muss, die es doch tatsächlich gewagt hat, seit Jahren zum ersten Mal unter einem Stein hervorzukriechen. Dementsprechend fällt mein Fake-Grinsen für sie aus.
»Hi, Izabel.«
Sofort wendet sich Colin von mir ab und geht auf seine temperamentvolle Freundin zu. »Hey, mein Engel. Natürlich. Ich habe schon auf dich gewartet«, wispert er und schlingt seinen Arm um ihre schmale Taille. Er küsst sie auf den Mund und ich verdrehe die Augen. Zum Glück habe ich mich unter Kontrolle und mein Stöhnen hallt nur durch meinen Kopf.
Izabel ist eine dunkle Schönheit. Alles an ihr ist perfekt – von der schwarzen Lockenmähne bis zu den schlanken Fesseln. Wie bei jeder von Colins bisherigen Freundinnen. Ja, ich gebe es zu, ich hasse sie – alle.
Aber … keinen Grund, Trübsal zu blasen. Wenn ich den Komplimenten glauben darf, die ich regelmäßig ernte, bin ich auch nicht gerade hässlich. Angeblich sind meine langen blonden Wellen ein Hingucker und meine Gesichtszüge ganz hübsch. Vielleicht wird Colin das ebenso irgendwann einmal entdecken. Irgendwann. Wenn Izabel abgesagt ist. Dennoch werde ich es bis dahin nie mit ihr aufnehmen können. Izabel scheint mit ihrer grazilen Figur von Perfektion von einem Zeitschriften-Cover gesprungen zu sein.
Im Gegensatz zu ihr gibt es an mir nicht viel, was das Label grazil verdient. Vielleicht mein kleiner Fingernagel oder meine Nase, aber das ist es dann auch schon. Nein, meine Rundungen sind zugegebenermaßen äußerst ausgeprägt. Sowohl mein Hinterteil als auch meine Oberweite würden in zwei riesigen Männerhänden überquellen. Ich sage nur Sanduhr extrem. Aber damit habe ich kein Problem, andere vielleicht. Ich jedoch nicht. Ich fühle mich verdammt wohl in meiner Haut, was sich auch auf meine Kleiderauswahl auswirkt. Wofür hat man sonst ein üppiges Dekolleté oder schöne Beine? Man muss nun mal seine Vorzüge nutzen und mit dem arbeiten, was man hat. Hohe Schuhe, schwingende oder enge Röcke, ein tiefer Ausschnitt? Her damit, das ist mein Ding. Ich liebe es, mich zu schminken und zu stylen.
»Hailey, wir sehen uns dann später«, wirft mir Colin über die Schulter zu. »Ich gehe nach dem Lunch direkt zum Gericht.« Mit dem Arm um Izabels Mitte schlendern die zwei schließlich zur Bürotür hinaus.
»Okay, Boss«, rufe ich ihm noch nach. Doch ich bekomme keine Reaktion mehr von ihm. Durch die Glaswand kann ich die beiden noch miteinander herumturteln sehen. Urg, eklig!
Enttäuscht, weil Izabel mich um einen heißen Flirt mit Colin gebracht hat, beschließe ich nun ebenfalls, in die Mittagspause zu gehen. Ich schalte den Anrufbeantworter ein und schnappe mir meine Handtasche. Flink schließe ich unser Büro ab und verlasse das Gebäude, in dem noch weitere Anwälte und Ärzte untergebracht sind. Zehn Minuten später erreiche ich ein paar Häuser weiter die Straße hinauf das Le Petit, wo ich täglich meine Mittagspause verbringe.
Meine Schwester Grace, der das Restaurant gehört, erwartet mich bereits hinter der Theke, während über die Hälfte der Tische mit Gästen belegt ist.
Ich liebe den lichtdurchfluteten Gastraum des Le Petit, das mein zweites Zuhause ist. Die helle Vintage-Einrichtung und die vielen Grünpflanzen lassen meine Laune in die Höhe schnellen.
»Na, wie war dein Morgen mit Colin?« Ein Lächeln spielt um Grace’ Lippen und ich lasse mich auf einem der Barhocker vor ihr nieder.
»Gut. Ich habe ihn vorhin dabei erwischt, wie er mir auf den Hintern gestarrt hat.«
Aiden, einer der angestellten Köche, betritt den Gastraum und kommt zu uns an den Tresen. Wie immer trägt er zu seiner Kochkluft ein Basecap, dessen Schild nach hinten zeigt. Die langen Locken, die sich darunter hervorwinden, haben genau den gleichen dunkelbraunen Farbton wie sein struppiger Vollbart. Er wirft mir ein irritiertes Grinsen zu. »Hi, Hailey. Dir hat jemand auf den Hintern gestarrt? Muss ich jemandem die Fresse polieren?«
Ich zücke die Schulter und lächle keck. »Nein, Colin darf das. Sein Starren ist erwünscht.«
»Das ist erwünscht?«, echot Aiden ungläubig und eine seiner kräftigen Augenbrauen hebt sich. »Okay, wenn das so ist.«
Grace schnalzt missbilligend mit der Zunge. »Ts, Hailey, bei Frauen wie uns wird aus anderen Gründen auf den Hintern gestarrt und nicht aus dem, den du dir bei Colin erhoffst. Glaub mir.«
Ich glotze meine Schwester fassungslos an. »Frauen wie wir? Was meinst du damit genau?« Der drohende Singsang in meiner Stimme verrät, dass ich ganz genau weiß, was jetzt von ihr kommen wird, und dass ich es nicht ausstehen kann. Typisch Grace!
Auch Aiden ahnt, dass sich eine lautstarke Diskussion zwischen meiner Schwester und mir anbahnt. Er scheint nämlich förmlich in sich zusammenzusinken, was bei seiner großen und breiten Statur eigentlich gar nicht möglich ist. Der Kerl überragt mich um zwei Köpfe. Mit seinem enormen Brust- und Schulterumfang ist er überdurchschnittlich kräftig gebaut. Ehrlich, Aiden kann gar nicht klein wirken, selbst wenn er sich noch so sehr darum bemüht.
»Du weißt genau, was ich meine«, erklärt Grace. »Bei dicken Frauen wie uns starren die Kerle nicht vor Lust auf unsere Hintern, sondern vor Schreck oder Angst. Entweder können sie es nicht fassen, dass sie so riesig sind, oder sie bekommen Panik, dass wir uns auf sie draufsetzen könnten.« Sie nickt beschwörend. »Ist wie bei einem Unfall, wo sie nicht anders können, als hinzuschauen, weil es so grausam ist.«
Das ist ja mal wieder klar. Grace und ihre Selbstzweifel. Ich kann sie nicht mehr hören. Im Gegensatz zu mir, schämt sie sich für unsere Kurven. Da kann ich auf sie einreden, wie ich will. Sie ist ein hoffnungsloser Fall. Verärgert schüttle ich den Kopf. »Was redest du da? Unsere Ärsche sind total heiß. Ja, sie sind groß, aber mega heiß.«
Grace grinst und blinzelt. »Ach komm, Hailey. Wir beide mussten uns schon immer genügend ungefragte Kommentare dazu anhören. Und davon war ›Boah, ist das ein Riesenarsch‹ am schmeichelhaftesten«.
Hilflos sehe ich zu Aiden hinüber. Aus dem einfachen Grund, weil er auf meine Schwester steht und ich mir Hilfe von ihm erhoffe. Ja, ich habe seine schmachtenden Blicke schon lange bemerkt, mit denen er Grace ständig verfolgt. Aiden rennt ihr stets hinterher wie ein kleines Hündchen. Dass er nicht noch mit seinem Schwanz wedelt, ist alles. Na ja, vielleicht tut er das und es fällt bloß nicht auf unter seiner knielangen Kochschürze. Hastig schüttle ich den verstörenden Gedanken ab.
Ich recke mein Kinn in seine Richtung. »Aiden, würdest du bitte meiner Schwester sagen, dass nicht alle Männer so sind und du zum Beispiel gerne ihren Hintern anschauen würdest.«
Seine blauen Augen weiten sich vor Schrecken. Ja, mein Großer, ich habe dich erwischt! Ich weiß es schon lange.
»Ja, also, … Ähm … Ich … Äh …«
»Hailey!«, fährt Grace mich auch schon mit böser Miene an. »Wie kannst du Aiden nur so in Verlegenheit bringen? Er ist durch und durch anständig, ein Profi-Koch, und würde so etwas nie tun. Außerdem ist er mein Angestellter.«
Ich ziehe eine zynische Grimasse. »Und jetzt? Er ist immer noch ein Mann.« Mit herausforderndem Blick wende ich mich an den stammelnden Koch. »Nicht wahr, Aiden?«
»Ja, also … im Grunde schon.« Er räuspert sich und linst befangen zu Grace hinüber. »Ich … Ich würde gerne schauen, wenn ich dürfte.« Meine Schwester mustert ihn perplex und Aiden haspelt übereilt weiter. »Also, was ich sagen will, ist, Hailey hat recht. Eure Hintern sind wirklich zum Anb…« Bevor es Aiden ausspricht, verengen sich Grace’ Augen zu Schlitzen und er verstummt. Mit einem zerstreuten Kopfschütteln blickt er zu mir und nimmt langsam ein paar Schritte zurück. »Ich gehe dann mal besser für Hailey das Tagesgericht aus der Küche holen.«
»Jaa, wird wohl besser sein«, murrt meine Schwester bedrohlich.
Kaum ist Aiden verschwunden, gifte ich sie an. »Wieso tust du das?«
»Was?«, fragt sie betont unschuldig, weicht meinen Augen aus und beginnt, fahrig die Theke abzuwischen.
»Wieso machst du ihm das Leben so schwer? Er mag dich und versucht, es dir schon seit einer Ewigkeit zu zeigen. Aber du ignorierst ihn jedes Mal eiskalt. Kastriere ihn doch gleich. Das wäre wahrscheinlich humaner.«
»Ach, Blödsinn. Das bildest du dir nur ein. Aiden ist einfach ein gutmütiger Kerl. Er hat keinerlei Interesse an mir. Das hätte ich längst bemerkt. Du hast ihn gerade eben lediglich zu diesem fragwürdigen Kompliment gezwungen.«
Mit einem resignierten Seufzen sacke ich auf meinem Barhocker zusammen. »Du willst es gar nicht sehen, oder?«
»Hailey, hör jetzt bitte auf mit deinen erfolglosen Versuchen, mich mit irgendjemandem zu verkuppeln. Ich will das nicht. Ich bin glücklich alleine.« Betroffen begegnet sie meinem Blick. »Ich bin nicht so wie du. Mir reicht das hier.« Mit einer Handbewegung deutet sie auf den Gastraum. »Das ist mein Lebenstraum und der erfüllt mich.«
Ich rutsche auf meinem ungemütlichen Stuhl hin und her. Vielleicht hat sie ja recht. Vielleicht ist es wirklich so. Aber … wenn ich sie spät abends in unserer gemeinsamen Wohnung einsam in ihrem Bett sitzend vorfinde, Eiscreme löffelnd und Folge um Folge ihrer Lieblingsserie schauend, kommt sie mir überhaupt nicht glücklich vor.
Aiden tritt mit meiner Mittagsmahlzeit aus der Küche und stellt sie vor mir auf dem Tresen ab – wie er es jeden Tag tut, seitdem er im Le Petit zu arbeiten angefangen hat. Wie lange ist das her? Hm, bestimmt zwei bis drei Jahre. Doch heute vermeidet er es, mich anzuschauen.
Oh. Ohw, verdammt. Ein Geschmack von bitterer Reue legt sich auf meine Zunge. Es lag in meiner Absicht, ihn zu unterstützen und nicht ihn zu verletzen oder bloßzustellen. Aber genau das hab ich wohl getan. Nur, weil ich meine Klappe nicht halten kann. Dabei will ich ihm helfen, aus seinem Schneckenhaus zu krabbeln. Ich mag Aiden. Er ist ein toller Kerl. Zuverlässig. Treu. Lieb und nett. Vielleicht zu nett.
»Hey, Aiden. Danke«, wispere ich und schenke ihm ein aufmunterndes Grinsen.
Endlich hebt er wieder den Blick. Seine ebenmäßigen Lippen, die in dem Gestrüpp seines Bartes schier untergehen, kräuseln sich auf verlockende Weise. »Gern geschehen, Hailey.« Er zwinkert mir müde zu und geht wieder, ohne mich wie üblich in ein Gespräch zu verwickeln.
Ach Shit, ich habe ihm echt wehgetan.
Ein Stich fährt mir in die Brust und betrübt schaue ich zu, wie sein breiter Rücken hinter der Schwingtür zur Küche verschwindet. Im letzten Moment fällt mein Blick auf seinen Hintern. Stramm. Marke Fest und Knuffig. Zweifelsohne. Schweigend suche ich nach meiner Schwester und finde sie im hinteren Bereich des Restaurants. Sie bedient ihre Gäste mit einem freundlichen Lächeln. Sie ist klug, aufmerksam und eine ganz wunderbare Person. Aber … wieso – verdammt und zugenäht – ist sie in Bezug auf Aiden so blind? Wieso sieht sie nicht, was ich sehe? Aiden mag sie, obendrein ist er nicht nur ein toller Typ, sondern auch gut gebaut. Irgendwo dort unter dem Wust an unbändigen Haaren und der weißen Kochkluft steckt ein äußerst beachtenswerter Mann. Er muss sich ihr gegenüber nur auf eine besondere Art bemerkbar machen, so, dass sie in ihm diesen attraktiven Mann endlich ebenso sieht wie ich. Vielleicht braucht sie nur ein wenig Hilfe dabei, ihre Sichtweise zu ändern? Oder vielleicht braucht Aiden Hilfe, um sich ihr in einem anderen Licht zu präsentieren? Ja, wenn wir Grace zeigen, was noch alles in dem schüchternen Koch steckt, würden ihr vielleicht die Augen aufgehen.
Brütend über meinen neuen Plan widme ich mich meinem köstlichen Gemüsegericht. Ratatouille. Lecker. Eine Geschmacksexplosion aus der fruchtigen Süße von Tomaten, würzigem Thymian, dem Aroma sonnenreifer Zucchini und Auberginen lässt mich selig stöhnen. Ich schließe meine Lider und genieße mein Essen.
»Schmeckt’s?«, vernehme ich Grace.
Ich öffne die Augen und nicke mit vollem Mund. »Es ist göttlich.«
»Ja, Aiden ist wirklich ein Geschenk des Himmels für das Le Petit.«
O Mann! Nicht nur für das Restaurant. Hat sie denn echt keine Ahnung? Höchste Zeit, dass sich daran etwas ändert.
Mein Entschluss ist gefasst. Schnell verschlinge ich den Rest meiner Mahlzeit und suche Aiden in der Küche auf.
Innerlich stöhnend schließe ich für einen Moment meine Lider und halte mit meiner Arbeit inne. Ich Idiot, wie konnte ich bloß auf Haileys Frage antworten! Auch wenn es die Wahrheit ist und ich Grace’ süßen Arsch gerne betrachte, darf ich ihr so was nicht auf die Nase binden. Ihr Blick soeben hat mir alles gesagt. Sie hält große Stücke auf mich und mit dieser offenen, anzüglichen Aussage habe ich sie enttäuscht. Spontan habe ich die Gelegenheit ergriffen und gehofft, sie würde vielleicht endlich in mir etwas anderes sehen als ihren akkuraten, souveränen Koch. Leider bin ich mit meiner Annahme falschgelegen. Dabei weiß ich es doch besser. Als ich vor zwei Jahren nach Glenshire gezogen bin und mich im Le Petit beworben habe, verguckte ich mich auf Anhieb in die junge engagierte Restaurantbesitzerin. Ihre Energie, ihr Enthusiasmus, ihr professionelles Können und Wissen, gepaart mit diesem süßen Gesicht haben mich vom ersten Moment an geflasht. Allein durch unseren Job haben wir schon so viel gemein, dass ich gar nicht anders kann, als für sie zu schwärmen. Grace’ kurvige Figur ist nur noch die Kirsche auf dem Sahnehäubchen. Noch nie zuvor war ich einer solchen Frau wie ihr begegnet. Doch plötzlich fand ich mit ihr und ihrer jüngeren Schwester Hailey gleich zwei dieser supersexy Powerfrauen in meinem Leben. Und ehrlich, wenn ich Hailey als Erstes begegnet wäre, würde ich mich heute wahrscheinlich nicht um Grace’ Aufmerksamkeit bemühen. Allerdings hätte ich bei Hailey noch geringere Chancen auf Erfolg. Denn dieser blonde Wirbelwind weiß genau, was er will. Hailey steht auf geschleckte Typen, Dressmen – so wie ihren Chef, Colin Chambers. Jeden Tag erzählt sie Grace in ihrer Mittagspause, wie toll er ist und welche Blicke oder Sprüche er ihr zugeworfen hat. Meist jedoch auch, wie er sie übergeht. Denn Chambers ist ein Vollpfosten, wie er im Buche steht, und erkennt nicht, was für eine tolle Frau Hailey ist. Sie ist nicht nur ausgesprochen hübsch, sondern besitzt einen herrlich schlüpfrigen Humor und eine ansteckende, übersprudelnde Lebensfreude. Aber wenn Hailey über die Stränge schlägt, kann sie sich darauf verlassen, dass ihre Schwester sie wieder auf den Teppich holt. Verliert sich Grace dagegen zu sehr in der harten Realität, ist es wiederum Hailey, die sie zum Träumen anstiftet, nach Größerem zu greifen. Die zwei Schwestern sind wie Yin und Yang. Sie scheinen nur zusammen zu funktionieren und sich gegenseitig auszugleichen. Dennoch ist jede von ihnen mehr als eine Sünde wert. O ja, und eine von ihnen wird mich mit Sicherheit auf die eine oder andere Weise noch ins Grab bringen.
Ich schüttle den Kopf, um die beiden Frauen aus meinen Gedanken zu vertreiben, und widme mich wieder dem Parieren der Fleischstücke, die vor mir liegen.
Gerade als ich das letzte davon bearbeitet habe und beiseitelege, taucht Hailey neben mir auf. Ihr typischer Vanille-Blumenduft steigt mir in die Nase. Aus den Augenwinkeln linse ich neben mich, während ich die Arbeitsfläche säubere. »Du weißt schon, dass du hier, in der Küche, eigentlich nichts verloren hast? Eins deiner langen Haare könnte im Essen landen.«
Sie rückt dicht an mich heran. »Dann komm mit mir raus auf den Hinterhof. Ich will mit dir unter vier Augen reden.«
Meine Begeisterung hält sich in Grenzen. Ich hab keine Ahnung, was Hailey von mir will. Aber nachdem ich wegen ihr in ein Fettnäpfchen bei Grace getreten bin, interessiert es mich auch gar nicht. »Hailey, dafür habe ich jetzt keine Zeit.«
Mit beiden Händen umfasst sie meinen Unterarm. Die Berührung überrascht mich und ich halte den Atem an. Große, runde Augen schauen zu mir auf und funkeln so verdammt unschuldig. Pff, unschuldig. Nichts an Hailey Avens ist unschuldig. Grace’ Augen leuchten in einem sanftmütigen dunklen Braun, voller Aufrichtigkeit. Haileys dagegen sind die reinste Sünde. In ihrem hellen Braunton glühen sie wie gehämmertes Gold. Die Gewitztheit winkt mir förmlich aus ihnen zu.
»O doch, die hast du. Glaub mir.«
Seufzend schüttle ich auf ein Neues den Kopf.
»Komm schon, Aiden«, schnurrt sie. »Ich möchte es wieder gutmachen.«
Eine meiner Augenbrauen hebt sich. »Von was redest du?« Vielleicht kann ich der nächsten Peinlichkeit ausweichen, in die sie mich lotsen will. Mit ihrer richtigen Vermutung hat sie mir heute Mittag ohnehin schon die Hosen runtergezogen und das direkt vor Grace’ niedlicher Nase.
»Du weißt genau, wofür ich dir eine Entschuldigung schulde.«
Sie zieht an meinem Arm und ich gebe mit einem Stöhnen unwillig nach. »Also gut, aber nur einen Moment. Deine Schwester macht mir sonst die Hölle heiß.« Mit einem kurzen Rundumblick vergewissere ich mich, dass in der Küche alles so läuft, wie es soll, und sich meine geliebte Chefin noch im Gastraum rumtreibt. Als ich nachgebe, Hailey zu folgen, gibt sie meinen Arm frei. Zehn Sekunden später befinden wir uns vor dem Lieferanteneingang des Le Petit.
Kaum stehe ich Hailey von Angesicht zu Angesicht gegenüber, blubbert es über ihre vollen roten Lippen: »Hör zu, Aiden, es tut mir leid. Ich wollte dich nicht in eine unangenehme Situation bringen, sondern bloß Grace die Augen für dich öffnen.«
Ich verschränke die Arme vor meiner Brust und kann mir ein verächtliches Schnauben nicht verkneifen. »Wie kommst du darauf, dass mir daran etwas liegen würde?«
Ihre Lippen kräuseln sich für einen Moment lang in Ungeduld. »Willst du mir jetzt echt auf die Tour kommen? Ich sehe doch, wie du sie anhimmelst. Und das seit deinem ersten Tag im Le Petit. Also sollen wir ehrlich miteinander umgehen oder noch länger Ich-hab-von-nix-eine-Ahnung weiterspielen?«
Unschlüssig starre ich sie an. Bei Gott, diese Frauen machen einem echt das Leben schwer. Hübsch und klug – eindeutig zu viel von beidem für meinen Geschmack.
»Du verrätst ihr nichts?«
Sie schmunzelt dreist. »Kann ich dir nicht versprechen.« War ja klar. Die quatschen über alles. Stöhnend reibe ich mir die Stirn und Hailey fährt eilig fort. »Aber was ich dir versprechen kann, ist, dass ich nur in den höchsten Tönen über dich reden werde.«
Resigniert verneine ich schweigend und lasse meinen Blick durch den Hinterhof schweifen. »Das wird auch nichts nützen. Grace wird ihre Meinung über mich nie ändern.«
»Das braucht sie auch gar nicht.«
Überrascht blicke ich Hailey an. »Was soll das denn heißen?«
Ein schiefes Grinsen legt sich auf Haileys Mund. »Grace hat eine hohe Meinung von dir. Daran liegt es nicht. Nur sieht sie wohl nicht den Mann, den ich in dir sehe. Groß, gut gebaut. Sexy.« Ihre Augen verweilen auf meinem Oberkörper, wandern über meine Arme und die Brust hinweg, bis sie Kurs zu meinen Beinen nehmen. Ihr Grinsen verwandelt sich in ein zuckendes Schmunzeln.
Alter, ich komme mir vor wie ein saftiges Stück Fleisch beim Schlachter. Unter ihrem hungrigen Blick wird mir heiß unter der Schürze. Richtig heiß. Shit!
Der Hunger verschwindet aus ihrem Gesicht. Eine ihrer ebenmäßigen Augenbrauen hebt sich. »Ich könnte dich endlich sichtbar machen für sie. Deine Vorzüge ins rechte Licht rücken, die ihr bis jetzt entgangen sind. Du bist der Mann, den Grace will. Da würde ich jede Wette eingehen.«
Ich – Grace’ Mann? Mein Herz hämmert wild vor Freude. »Meinst du das ernst? Bist du dir da sicher?«
»Klar.«
»Und wie willst du das anstellen, dass sie mich plötzlich … anders wahrnimmt?«
»Ich habe da so ein paar Ideen?«
Oh, oh. Meine Freude weicht Unsicherheit. Oder ist es Angst? »Hailey, was hast du mit mir vor?«
»Das wirst du schon sehen.«
»Hailey?«
»Wann bist du hier fertig?«
Murrend schüttle ich den Kopf und wider besseren Wissen antworte ich ihr: »Achtzehn Uhr.«
Eifrig strahlt sie mich an. »Gut, ich werde hier auf dich warten.« Sie wendet sich bereits von mir ab und macht sich auf, den Hof und die Ecke zu passieren, um zur Straße zu gelangen.
»Hailey, was hast du vor?«, rufe ich ihr noch mal eindringlich hinterher.
Ihre Hüften schwingen elegant in dem engen, knielangen Rock, während sie sich zu mir umdreht. »Keine Angst, Großer. Es tut nicht weh. Versprochen.«
Ich kann nur ungläubig knurren. Irgendwie habe ich das Gefühl, einen Pakt mit dem Teufel geschlossen zu haben.
Es ist kurz nach achtzehn Uhr und ich trete zu Grace hinter die Theke. Die übliche Aufregung überfällt mich, sobald ich ihr nahe komme. Sie überprüft die Tischreservierungen im System und ich kann in Ruhe ihr Profil bewundern. Ihre langen Wimpern werfen dunkle Schatten auf ihre Wangen. Bestimmt würden diese sich noch samtiger anfühlen, als sie aussehen. Da würde ich jede Wette eingehen. Ich räuspere mich und jage den Wunsch, sie zu berühren, zum Teufel. »Toni hat die Schicht übernommen. Ich würde jetzt gehen, wenn du nichts mehr für mich zu erledigen hast.«
Grace schaut vom Monitor zu mir auf. Verwirrung fliegt über ihr Gesicht und ich kann nicht anders, als wie immer auf ihre vollen Lippen zu starren. Scheiße, ein Kuss würde mich schon glücklich machen. Nur einen. Verdammt, Aiden, hör auf damit! Fokussiere dich auf ihre Augen.
»Nein. Geh nur. Alles okay.«
Erleichterung macht sich in mir breit. Sie hat nichts von meinem sehnsüchtigen Schmachten bemerkt. Oder tut zumindest so als ob. Wahrscheinlich hat sie die Schnauze voll von mir. Den ganzen Mittag lag nämlich ein Hauch von Vorwurf in ihren Blicken. Ja, Haileys Versuch, mir zu helfen, ist phänomenal in die Hose gegangen.
»Gut. Dann …« Ich verstumme und nimm mein Basecap ab, um mir kurz durch die Haare zu fahren. »Grace«, setze ich neu an und räuspere mich. »Wegen heute Mittag mit … Na, du weißt schon, die Unterhaltung mit Hailey, was Männer gerne anschauen würden …«
»Vergiss es, Aiden«, unterbricht sie mich und ein süßes Grinsen huscht über ihren Mund. »Mir ist klar, dass Hailey dich dazu gezwungen hat und du so was nie zu mir sagen würdest. Das Thema ist hiermit vom Tisch. Hoffe ich.« Im letzten Satz schwingt ihr typischer Chef-Ton mit, der keine Widerrede duldet.
Verdammt, ich würde sie also nie darauf direkt ansprechen können? Das ist … beschissen.
Ich setze mein Basecap wieder auf. »Okay, dann … bis morgen.«
»Bis morgen«, erwidert sie mit einem halbherzigen Nicken und wendet sich wieder dem Computer zu.
Nachdem ich mich umgezogen habe, verlasse ich geknickt das Le Petit durch den Hinterausgang. Ich habe die Tür nicht mal ganz geöffnet und entdecke Hailey, die mit vor der Brust verschränkten Armen im Hof auf mich wartet. Selbst nach einem Acht-Stunden-Arbeitstag sieht sie immer noch wie aus dem Ei gepellt aus. Ihr aufgetragener Lippenstift leuchtet nach wie vor in einem sinnlich dunklen Rot wie heute Mittag. Die letzten Strahlen der Abendsonne verfangen sich in ihren glänzend blonden Wellen, die perfekter nicht liegen könnten.
»Na, hat meine Schwester dir verziehen, dass du zugegeben hast, gerne auf ihren Hintern zu starren?« Sie grinst ganz schön frech.
Ich schließe die Tür hinter mir und brummle vor mich hin: »Mehr oder weniger.« Zögernd gehe ich auf sie zu. »Also, was hast du mit mir vor?«
»Wir besuchen eine Freundin von mir.«
Mir fällt fast die Kinnlade herunter. »Warum soll ich eine Freundin von dir besuchen? Soll sie mir Benimmunterricht geben, oder was?«
Eine Falte bildet sich zwischen Haileys geschwungenen Augenbrauen. »Nein. An Benehmen mangelt es dir am aller wenigsten. Wenn du mich fragst, besitzt du schon zu viel davon.« Sie packt mein Handgelenk und zieht mich hinter ihr her zum Hof hinaus auf die Straße.
»Hey? Nehmen wir nicht mein Auto?« Ich zeige auf meinen Pick-up, der ein paar Schritte von uns entfernt parkt.
»Nein, so weit ist es nicht zu Sadie.«
»Zu Sadie?«, stammle ich verdattert. »Wie von Sadie’s Hair Salon?«
»Jap.«
Ich bleibe stehen und somit muss auch Hailey stoppen, die noch immer an meinem Handgelenk zerrt. »Warum soll ich zum Friseur und dann zu einem für Frauen?«
»Hast du mal in den Spiegel geschaut? Deine Haare sind viel zu lang.«
»Was? Nein, sind sie nicht. Ich habe sie erst im März schneiden lassen. Wie immer.«
»Ja, und jetzt ist Ende September. Mal abgesehen davon, dass du keinerlei Haarschnitt hast.« Sie zieht wieder an meinem Arm. Diesmal gebe ich nach und folge ihr.
»Ich weiß gar nicht, was du hast. Also ich finde, Max hat super Arbeit geleistet.«
Sie stöckelt energisch ums Eck und zieht mich hinter ihr den Bürgersteig entlang. »Ohne dich verletzen zu wollen, aber … ist Max Metzger von Beruf?«
»Nein. Er ist der älteste Friseur, den ich kenne. Selbst jetzt schneidet er immer noch allen seinen Mitbewohnern im Altersheim die Haare.«
Abrupt bleibt Hailey erneut stehen und glotzt mich an wie ein Reh im Scheinwerferlicht. »Nur damit ich es richtig verstehe: Du lässt dir die Haare einmal im Jahr von einem Hundertjährigen im Altersheim schneiden?«
»Hey, so alt ist Max gar nicht. Er ist erst neunundachtzig.«
»Oh, entschuldige.« Sie schüttelt den Kopf und zerrt mich weiter. »Ein Glück, dass du deine Ohren noch hast.« Abermals verharrt sie, um mich in amüsiert gespieltem Entsetzen zu mustern. »Oder hat der Tattergreis doch schon etwas abgeschnitten und die langen Haare sollen das verbergen? Fehlt dir womöglich ein Ohr, Aiden? Sag es lieber gleich.«
»Haha, sehr witzig, Prinzessin.« Mit einem Lächeln nehme ich meinem Sarkasmus die Strenge. »Sei mal nicht so gemein, ja? Max ist ein netter Kerl. Er schneidet mir die Haare umsonst, weil er ein Freund meines Grandpas ist.«
Sie wirft mir einen mahnenden Blick zu. »Glaub mir, das macht deine Frisur auch nicht besser.«
»Du verletzt meine Gefühle.« Okay, nicht wirklich. Könnte aber sein.
Ohne anzuhalten, wirft Hailey mir ein fröhliches Lachen über die Schulter zu. »Oh, komm schon, Aiden. Du bist ein großer Junge und weißt, dass du gut aussiehst. Aber auch, dass ich dennoch recht habe. Wenn morgen Grace ihre Augen nicht mehr von dir abwenden kann, wirst du mir auf ewig dankbar sein.«
Ich grummle ungläubig vor mich hin. Wieso soll Grace mir mehr Beachtung schenken, bloß weil ich beim Friseur war? Wenn Max mir einen Haarschnitt verpasst hat, ist das auch nie der Fall gewesen. Ich kann mir gerade noch ein Seufzen verkneifen, während wir in der Abendsonne die Hauptstraße von Glenshire entlanglaufen. Geschäft um Geschäft zieht an uns vorbei.
Ein Paar kommt uns entgegen, mit dem Hailey einen Gruß tauscht. Lächelnd nehmen die zwei wahr, wie sie mich an der Hand hinter sich her schleift. Der Mann lacht laut auf. »Hey, Hailey. Schleppst du die Männer jetzt etwa gewaltsam ab?«, ruft er uns nach.
Am liebsten würde ich dem Kerl für den dummen Spruch eine verpassen. Doch Hailey reagiert schneller. Sie richtet sich straff auf und ihr Blick zu dem Typ gegenüber wird unnachgiebig. Fast schon eisig. Ohne mich loszulassen, grinst sie ihm zynisch über die Schulter zu. »Das wünschst du dir wohl, was, Blake? Aber darauf kannst du lange warten. Dieser Prachtkerl hier hat es sich verdient, von mir abgeschleppt zu werden.« Der Frau nickt sie mit einem Zwinkern zu. »Sarah, wir sehen uns später noch im Pilates.«
»Klar«, antwortet Sarah nun verdrießlich und rammt Blake den Ellbogen in die Seite. Dem Trottel fällt letztlich das blöde Lachen aus dem Gesicht.
Reine Schadenfreude lässt mich schmunzeln und mit einem Mal genieße ich es, von so einer hübschen Frau wie Hailey durch die Stadt geschleift zu werden. Ja, die Luft ist für September um diese Uhrzeit noch herrlich warm und selbst wenn Haileys Plan fehlschlagen sollte, habe ich zumindest einen netten Spaziergang in begehrter Begleitung gemacht. Meinen Abend mal nicht allein in meiner Zweizimmerwohnung oder in Lous Kneipe verbracht.
Kurz darauf finde ich mich in Sadies Salon wieder. Die hochgewachsene Friseurin mustert mich mit einem Lächeln, während Hailey mich zu einem der drei Stühle voranschiebt. »Danke, Sadie, dass wir noch kommen durften. Wie du siehst, ist Aiden ein echter Notfall.«
»Hey«, murmle ich finster. »Ich bin überhaupt kein Notfall.«
»Und ob. Nimm mal deine Mütze ab und zeig ihr das Ausmaß der Katastroph…« Sie verstummt wegen meines drohenden Blicks und setzt dann ihren Satz anders fort. »… deiner unbändigen Locken.«
Mit einem Knurren nehme ich mein Basecap ab und verstaue es in der hinteren Tasche meiner Jeans.
Sadie kichert. »Jaah, ich verstehe, was du meinst.« Sie zwinkert mir zu. »Keine Angst. Setz dich. Wir beißen nicht.«
»Na ja, sprich besser nur für dich. Wenn es heiß hergeht, kann mir das schon mal passieren«, behauptet Hailey und lehnt sich an die Konsole, die unterhalb der Spiegel verläuft. »Hat sich aber bis jetzt noch keiner darüber beschwert.« Sie wackelt mir süffisant mit den Augenbrauen zu.
Verwirrt, warum auf einmal die Unterhaltung ins Schlüpfrige abdriftet, ziehe ich den Kopf ein und lasse mich schweigend im Friseursessel nieder.
Hailey beobachtet vergnügt, wie Sadie mir den Umhang umwirft und mich für den Haarschnitt vorbereitet. Meine Unsicherheit scheint sie ungemein fröhlich zu stimmen.
»Wie kurz darf es denn werden?«, fragt Sadie.
Ehe ich antworten kann, übernimmt Hailey das für mich. »Nacken und Seiten auf jeden Fall ziemlich kurz.«
»Okay.« Sadie nickt und beginnt mit ihrer Arbeit.
Anscheinend ist sie darüber informiert, dass ich eine Rundumüberholung nötig habe und Hailey das Sagen hat. Einerseits ist es mir ein bisschen mulmig zumute, mich ganz in die Hände der beiden Frauen zu begeben. Doch andererseits ist es nur ein Haarschnitt und Haare wachsen nach. Außerdem gibt es Basecaps. Was kann also schon schiefgehen? Oder?
Während ich mit Sadie eine belanglose Unterhaltung über meinen Job und das Le Petit führe, stöckelt Hailey irgendwann in einen Nebenraum, als wäre der Salon ihr Zuhause. Sie kommt mit zwei Tassen Kaffee zurück, von denen sie mir eine auf der Konsole abstellt.
»Danke«, nuschle ich und süße mir den Kaffee mit dem Zucker, den sie mir von einem Frisierplatz nebenan besorgt hat.
»Kein Problem«, erwidert Hailey und lässt sich im Sessel neben mir nieder. Offensichtlich sind die zwei wirklich beste Freundinnen, denn weder hat Sadie ihr etwas zum Trinken angeboten, noch hat Hailey darum gebeten. Die Minuten vergehen. Hailey tippt auf ihrem Telefon herum oder blättert in irgendwelchen Klatschzeitschriften und Sadie schnippelt. Sie schnippelt und schnippelt. Immer mehr Locken bedecken den Boden.
Irgendwann ist Sadie fertig. »So. Was sagst du?« Im Spiegel bemerke ich, wie sie erwartungsvoll zu Hailey hinüberschaut. Nicht zu mir. Als die sich mir zuwendet, reißt sie entgeistert die Augen auf und lässt alles stehen und liegen. Sprachlos erhebt sie sich und wandert noch immer stumm um mich herum.
Mir wird allmählich flau im Magen. Eigentlich sieht der Haarschnitt ganz gut aus. Zugegeben, sogar wesentlich besser als der, den Max mir gewöhnlich verpasst. Meine Ohren sind diesmal sichtbar. Im Nacken kräuselt sich keine einzige Strähne mehr. Die oberen Deckhaare sind etwas länger, gerade so, dass meine Locken noch erkennbar sind. Ohne Zweifel, Sadie hat akkurat und gleichmäßig geschnitten. Alles scheint jetzt schon da zu liegen, wo es hingehört.
»O – mein – Gott!«, höre ich Hailey hinter mir stammeln. Sie schlägt sich die Hand vor den Mund.
Mir rutscht das Herz in die Hose. »Was? Hat sie mir etwa ein Loch hinten rein geschnitten?« Panisch fasse ich mir an den Hinterkopf. Doch ich kann nichts Ungewöhnliches ertasten. Alles scheint perfekt zu sein. Was zur Hölle hat Hailey so erschreckt?
»Denkst du, was ich denke?«, fragt sie Sadie.
Die verengt die Augen und legt den Kopf schief. »Was schwebt dir vor?«
»Er muss weg, Sadie. Eindeutig. Schau ihn dir an. Du siehst es doch auch, oder?«
Sadie mustert mich, presst ihre Lippen zusammen, bevor sie letztlich mit der Schulter zuckt. »Ja, ich denke schon.«
Meine Nervosität lässt mich laut werden. »Was ist denn los? Was muss weg?«
»Dein Vollbart«, röhren die beiden Damen im Chor.
Nun werden meine Augen rund. »Nein, auf keinen Fall.« Ich packe die Armlehnen und will mich hochziehen. Aber Hailey ist schnell bei mir, legt eine Hand auf meine Brust und drückt mich wieder zurück in den Sessel. Natürlich kann sie das nur, weil ich das zulasse.
»Hör zu, Aiden«, beginnt sie. »Du musst mir jetzt einfach vertrauen. Denk an Grace. Denk an meine Worte.« Aufmunternd nickt sie mir zu.
»Aber …«
»Aiden«, wispert sie und beugt sich dicht vor mein Gesicht, dass ich den Kopf zurücklehnen muss. Wie golden ihre Augen funkeln. Unglaublich. »Es gibt Männer, die können einen Vollbart tragen, müssen es aber nicht. Dann gibt es noch jene, für die der Vollbart explizit erfunden wurde, und das ist gut so – für alle Beteiligten.« Eine von Haileys Augenbrauen biegt sich elegant in die Höhe. Ihr unsteter Blick bleibt plötzlich an meinem Mund hängen. O Fuck, was passiert hier gerade? »Und weißt du, zu welcher Sorte Männer du zählst?«
Ich schlucke nervös. »Keine Ahnung. Will ich das wissen? Muss ich darauf antworten? Das ist eine Fangfrage, oder?«
Ihr Mund verzieht sich mal wieder in Ungeduld. »Du weißt es wirklich nicht?«
Hilfesuchend schaue ich in den Spiegel zu Sadie. Doch die starrt mich voll Missbilligung an. »Ich glaube, er will es wirklich hören.«
Hailey packt mich am Umhang. »Willst du das, Aiden? Muss ich es wirklich aussprechen?«
»Wenn du so fragst: nein?«
