Du in meinem Kopf - Ewa A. - E-Book

Du in meinem Kopf E-Book

Ewa A.

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Beschreibung

** Eine magisch spritzige Enemies to Lovers Highschool Romance ** Von ihren Mitschülern als Freak abgestempelt. Eine Mutter, die ihr ständig Blinddates aufzwingt. Ein Bruder, der sie immerzu verleugnet. Hazels Leben gleicht einer Soap. Trotzdem ist sie glücklich. Eigentlich. Bis eines Abends der Geist des angesagtesten Jungen der Highschool in ihrem Kopf landet: Connor Ward. Groß, gutaussehend und arrogant. Ausgerechnet er, einer der "footballspielenden Neandertaler", die ihr gewöhnlich das Leben schwermachen, kann plötzlich ihre intimsten Gedanken hören und ihren Körper übernehmen. Ein wahrer Albtraum für Hazel. Oder doch nicht? Denn obwohl sie sich andauernd mit Connor in die Haare bekommt, muss sie viel zu oft an sein Grübchenlächeln denken. Zu zweit gefangen in Hazels Körper machen sie sich auf die Suche nach der Lösung ihres Problems und kommen sich dabei näher als vermutet. *************************** Hinweis: Enthält Mobbing-Szenen - Leseprobe - Anscheinend grübelte er und ich befreite mich schweigend von meinem BH, den ich ebenso auf den Kleiderberg warf. Während ich da stand und mein Schlaf-Shirt überwerfen wollte, huschte mein Blick ständig auf meinen Busen. Im ersten Moment begriff ich nicht, was vor sich ging. Ich wunderte mich, bis mir auffiel, dass Connor noch immer verdächtig still war. Meine Augen wurden rund, während sie schon wieder zurück von meinem Schlaf-Shirt auf meinen Körper starrten. Mit einem empörten Luftschnappen bedeckte ich hastig meine Brüste. »Connor!«, platzte es laut aus mir heraus.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Du

in meinem Kopf

von

Ewa A.

Impressum

Text: Copyright 2020 Ewa A.

Alle Rechte vorbehalten

Cover: Copyright ©

www.sturmmöwen.at

Korrektorat: https://korrektoratia.jimdosite.com/

Verlag: E. Altas

Bundesstr. 6

79423 Heitersheim [email protected]

https://www.facebook.com/EwaA.Autorin

Die Geschichte sowie die Personen und die Orte in diesem Buch sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit Begebenheiten, Orten, lebenden oder toten Personen sind in keiner Weise beabsichtigt und wären purer Zufall.

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

1. Dinge, die man hasst

2. Dinge, die man nicht begreifen kann

3. Dinge, die man nicht sehen will

4. Dinge, die man nicht tun will

5. Dinge, die man nicht wahrhaben will

6. Dinge, die man nicht erwartet

7. Dinge, die man nicht erleben will

8. Dinge, die man nicht glauben kann

9. Dinge, die man nicht ahnen kann

10. Dinge, die man nicht wissen kann

11. Dinge, die man nicht fühlen will

12. Dinge, die einen zornig machen

13. Dinge, die man vergessen will

14. Dinge, die man verändern will

15. Dinge, die man sich wünscht

16. Dinge, die man nicht so meint

17. Dinge, die man nicht kontrollieren kann

18. Dinge, die einen umbringen

19. Dinge, die man haben will

20. Dinge, die man tun muss

Ein paar Worte

Weitere Werke der Autorin

1. Dinge, die man hasst

Hazel

Es war ein milder Spätsommerabend und durch den Park von New Stamford schwebte der verlockende Duft von Popcorn und Zuckerwatte. Kinderlachen, Stimmengewirr und Musikfetzen wehten in einer warmen Brise zu uns heran. Das grüne Laub des Ahornbaums warf seine unruhigen Schatten auf den Zeichenblock, der auf meinen Oberschenkeln ruhte und auf dem das Gesicht eines Mädchens langsam Formen annahm. Es sollte das meiner besten Freundin Sam darstellen, die neben mir quer auf der Wiese lag und meinen Oberschenkel als Kopfkissen benutzte.

»Ehrlich gesagt, wäre ich echt froh, wenn meine Mom mir ein Date besorgen könnte.«

Der traurige Unterton in ihrer Stimme ließ mich innerlich zusammenzucken. Sams Mom war vorletztes Jahr nach einer schweren Krankheit gestorben. Kein Wunder also, dass sie die Versuche meiner Mutter, mich mit irgendwelchen Kerlen zu verkuppeln, in einem ganz anderen Licht als ich sah. Sie wäre mit Sicherheit glücklich, wenn ihre Mom ihr damit noch auf die Nerven gehen könnte.

»Verdammt, Sam. Ich beschwere mich hier über Kleinigkeiten, dabei ... Es tut mir leid«, nuschelte ich zerknirscht.

Sam schloss für eine Sekunde die Lider und grinste mich dann traurig an. »Hey, nein. Schon okay. Ich wollte nicht rumheulen.«

Mit einem Seufzen malte ich an der Nase meiner Zeichnung weiter. »Naja, vielleicht hättest selbst du irgendwann keinen Bock mehr darauf, fast jede Woche einen komischen Typen zu treffen, den deine Mutter dir ausgesucht hat. Entweder sind sie genauso angepisst wie ich oder – noch schlimmer - übereifrig bei der Sache, was echt eklig ist.«

Sam lachte auf. »Nun komm schon, ganz so schlimm ist es nicht. Sie schleppt dir nur ab und zu einen Kerl an.«

»Nein, sie schleppt sie nicht an. Sie zwingt mich zu den Knallfröschen hin – in Lucys Diner. Und doch: Es ist furchtbar. Scheißegal, wie oft sie das macht, es wird nicht besser. Denk doch bitte mal an den miesen Wurm, der mir ständig auf die Möpse gestarrt hat. Zu allem Übel war er noch zwei Jahre jünger als ich und reichte mir gerade bis ans Kinn. Und nur zur Erinnerung: Ich selbst bin schon ein Zwerg.«

Sam kicherte. »Mag ja sein, Schneewittchen, aber vielleicht hat er dir ja deswegen ständig auf die Hupen gestarrt, weil die praktischerweise auf seiner Augenhöhe lagen. Oder eher standen? Hingen?«

Mit einem warnenden Knurren beendete ich das Zeichnen, um Sam einen mörderischen Blick zuzuwerfen. »Hingen? Ich glaube, du tickst wohl nicht ganz richtig! Bei mir hängt nichts.«

Doch Sam scherte sich nicht darum und amüsierte sich weiter auf meine Kosten. »Möglicherweise war er aber auch nur kurzsichtig und dachte, er würde dir in die Augen schauen.«

»Klar«, stimmte ich sarkastisch zu. Noch immer angewidert von dem vergangenen Date schüttelte es mich. »Der Troll war widerlich.«

»Hey, kann ja sein, dass ihre neuste Eroberung ein wirklich netter Kerl ist?«

»Nie und nimmer. Ich sollte mich weigern, ihn zu treffen.«

»Wann ist das Date?«

Ich versuchte, mich an die morgendliche Unterhaltung mit meiner Mom zu erinnern. »Übermorgen, wenn ich mich recht entsinne. Also am Mittwoch soll ich den nächsten Trottel in Lucys Diner treffen.«

»Dann hast du ja noch genügend Zeit, dich darauf vorzubereiten.«

»Ja, gute Idee. Ich sollte mir vorher die Kante geben oder irgendwelche Pillen einwerfen, die mich das kommende Date des Grauens im Vollrausch und ohne jegliche Erinnerung überstehen lassen.«

»Bloß nicht, sonst kann der Kerl mit dir anstellen, was er will und du merkst es nicht einmal.«

»Ohw, stimmt. Fataler Denkfehler. Verdammter Mist!«

»Ach, das überstehst du auch noch. Abgesehen davon besteht ja immerhin die Chance, dass es diesmal gar nicht so übel werden könnte.«

Fassungslos schüttelte ich den Kopf. »Deine Fantasie möchte ich haben, echt, he.«

»Dann sag deiner Mom doch einfach, dass du keinen ihrer aufgerissenen Kerle mehr treffen willst.«

»Das schaffe ich nicht«, jammerte ich und widmete mich wieder Sams Gesicht auf dem Papier. »Ich habe es ja schon probiert, aber sie wird dann jedes Mal traurig, weil sie glaubt, mir nicht helfen zu können, und ich bekomme dann ein total schlechtes Gewissen. Sie meint, wenn ich einen Freund hätte, wäre ich glücklich.«

»Wie kommt sie denn darauf?« Sam reckte den Kopf nach hinten, sodass da, wo zuvor ihr Scheitel neben meinem Zeichenblock gelegen hatte, ihre Augen auftauchten. Tiefe, grüne Seen staunten mich an. »Bist du das etwa – unglücklich?«

Ich zögerte, weil ich mich das selbst schon zu oft gefragt hatte. Was machte Glück aus? Hieß glücklich sein, jeden Tag aus vollem Hals zu lachen? Sich in seiner Haut wohlzufühlen? Freunde zu haben? Dann war ich glücklich. Aber wenn es bedeuten würde, von anderen akzeptiert oder zumindest nicht als Freak bezeichnet zu werden, sich insgeheim nicht schlecht zu fühlen, weil man eben nicht wie alle anderen um einen herum war, dann … ja. Dann müsste ich mich als unglücklich bezeichnen. Denn dank einiger meiner Mitschüler fühlte ich mich als Außenseiterin, als Freak, als schleimiger Bodensatz der Highschool, obwohl ich das nicht wollte.

Sam richtete sich auf, drehte sich zu mir und starrte mich voller Sorge an. »Hazel Penelope Brown, bist du etwa unglücklich?«

»Nein. Nein, natürlich nicht. Schließlich habe ich die beste Freundin der Welt. Wie könnte ich da unglücklich sein?«, wehrte ich übertrieben theatralisch ab. Allerdings blieb mir der fahle Geschmack einer Lüge auf der Zunge kleben.

Ein schiefes Grinsen trat auf Sams Gesicht. »Na, das will ich auch meinen. Außerdem gibt es wesentlich Schlimmeres als ein Blind Date, das von der eigenen Mutter arrangiert wurde: Zum Beispiel auf Geschichte zu lernen, was ich heute Abend leider noch machen muss. Also komm, gehen wir langsam heim.«

Ich kniff die Augen zusammen. »Nur, wenn wir uns auf dem Heimweg noch Eiscreme besorgen.«

»Überredet«, stimmte Sam zu und ich packte flink meinen Zeichenblock samt Stift in den Rucksack. Nebeneinander schlenderten wir in Richtung Ice Cream Factory davon. Wir alberten herum und dachten uns waghalsige Aktionen aus, mit denen ich mich aus dem Blind Date herauswinden könnte, als ich aus der Ferne das Geräusch von heranrollenden Skateboards wahrnahm. Ich sah mich um und entdeckte auf einem Weg, der aus einem anderen Eck des Parks entsprang und bald mit unserem zusammenlaufen würde, zwei Typen auf ihren Boards. Sie waren mir bekannt, denn beide spielten im Footballteam unserer Highschool, gehörten zu den coolen Leuten der Seniorstufe und waren somit ein Jahrgang über uns. Wie es für solche Typen, die auf der Erfolgswelle oben schwammen, üblich war, wurden sie von fast allen Mädchen der Stadt angehimmelt. Sam und ich schienen die Einzigen zu sein, die dem Charme der footballspielenden Neandertaler nicht erlagen.

Auch meine Freundin hatte die beiden auf dem anderen Weg ausgemacht. »Hast du schon den neuesten Klatsch über Connor Ward und Brianna Cunningham gehört?«

»Ehrlich gesagt, höre ich schon gar nicht mehr richtig hin. Ist doch immer das Gleiche bei denen: ständig irgendein künstliches Drama in ihrer On-Off-Beziehung. Wie oft haben die sich schon getrennt? Es ist ein Wunder, dass sie dabei den Überblick nicht verlieren.«

Sam kicherte. »Wahrscheinlich führen sie eine Strichliste, um abzuchecken, was wieder fällig ist.«

Heimlich linste ich zu den beiden Jungs hinüber und im selben Moment traf mich auch der Blick des überdurchschnittlich groß und kräftig gewachsenen, dunkelblonden Connors. Er dauerte nur einen Wimpernschlag und doch schaffte er es, in dieser Zeit und auf die Entfernung mich zu verblüffen. Ehrlich, nicht eine Farbtube in meinem Aquarellkasten könnte es mit dem außergewöhnlichen Blauton seiner Augen aufnehmen. Er war weder richtig blau noch grün und doch schien er irgendwie auch beides zu sein. Ein helles Türkis, ja, das war die Farbe seiner Augen.

Connor

Ich stieg gerade auf mein Skateboard und wollte mit meinem Freund Ethan zusammen nach Hause brettern, als ich hinter mir einen Ruf hörte.

»Hey, Connor, warte!«

Ich blieb stehen und sah mich um. Es war Benji, ein zehnjähriger Junge, den ich von unserem Skatepoint kannte.

»Mann, was will denn der kleine Krüppel jetzt schon wieder?«, maulte Ethan neben mir.

Ich ignorierte meinen Kumpel und grinste Benji freundlich entgegen. Er war wirklich noch ein bisschen klein für sein Alter, aber dafür umso entschlossener. Tapfer versuchte er, trotz eines zu kurz geratenen Beines mit dem Board so schnell wie möglich zu uns hinüberzuskaten und währenddessen noch ein paar neue Flips einzubauen, die ich ihn heute gelehrt hatte. Sie glückten ihm nur mittelmäßig und doch freute ich mich darüber, fühlte Stolz in mir aufsteigen.

»Hey, Connor«, hechelte er nochmals, als er mit einem wackligen Absprung vor unseren Füßen landete. Er schob sein zu lang geratenes Shirt hoch und angelte etwas aus seiner Hosentasche, das er mir eine Sekunde später in seiner ausgestreckten Hand hinhielt. »Hier, für dich. Mein Glücksstein«, sprach er und grinste schief.

Ethan drehte sich mit einem Stöhnen von uns fort und rollte auf seinem Board davon. Ich gab mir Mühe seinen Laut zu übertönen, um es dem Kleinen nicht noch peinlicher zu machen.

»Hey, das ist echt cool von dir, Benji. Aber du musst mir deinen Glücksstein nicht schenken. Ich brauche ihn nicht.«

Er grinste noch immer. »Doch, jeder braucht Glück. Ich will, dass du ihn nimmst. Du hast mir in den letzten Wochen unheimlich viel beigebracht und … Und ... du warst die erste Zeit nach unserem Umzug nach New Stamford mein einziger Freund hier.«

Nach dem gestammelten Satz konnte ich das Geschenk nicht mehr ablehnen und nahm ihm den erdbraunen Klumpen mit einem Nicken ab. Der Stein war kugelrund wie eine Murmel, hatte weiße ineinander verschlungene Linien und wog für seine geringe Größe überraschend schwer in meiner Hand.

»Er ist von meiner Grandma. Sie ist eine bekannte Schamanin und hat mir diesen besonderen Moqui geschenkt, weil er Glück bringt, und jetzt schenke ich ihn dir.«

Überrascht sah ich von dem ungewöhnlichen Stein auf. »Bist du dir sicher, dass du ihn hergeben willst?«

»Klar doch«, sprach Benji und lachte, dass seine dunkelbraunen Augen funkelten. »Dank dir habe ich hier jetzt viele Freunde gefunden. Sie halten mich für total cool und wollen von mir die Skatetricks lernen, die du mir beigebracht hast. Ich will, dass der Stein jetzt dir gehört. Er soll dir ebenso Glück bringen wie mir.«

»Das ist krass, Bro. Danke.« Ich umschloss den Glücksstein mit meiner Faust, die ich sacht auf seiner kleinen aufschlagen ließ.

»Nichts zu danken, Bro«, entgegnete der Kleine.

»Okay, dann mach´s gut, Benji«, verabschiedete ich mich von ihm, steckte den Stein in meine Hosentasche und skatete Ethan hinterher. Er hatte einen ziemlichen Vorsprung hingelegt, doch bald hatte ich ihn eingeholt.

»Mann, Alter« empfing mich mein Freund. »Nicht nur, dass deine Schnalle dich betrügt, jetzt gibst du dich auch noch mit verkrüppelten Indianerkindern ab.«

»Ey, du bist nicht nur ein Idiot, sondern obendrein ein rassistisches Arschloch. Also behalt in Zukunft solche Sprüche besser für dich, sonst vergesse ich, dass du mein bester Freund bist.«

»Selbst wenn ich mir die Sprüche verkneife, bist du trotzdem ein Weichei. Serviere Brianna endlich ab, Mann. Selbst die Jungs im Park reden schon darüber, dass sie dich mit Dylan betrogen hat. Nicht nur die von unserer Schule wissen Bescheid. Begreif es endlich!«

»Hör zu, Ethan, das geht niemanden etwas an - nicht mal dich«, grollte ich und nahm immer mehr Speed auf. Ich bretterte den geteerten Weg entlang und hörte plötzlich ein Lachen aus der Nähe. Es waren zwei Mädchen aus einer unteren Jahrgangsstufe, die auf einem anderen Pfad liefen, der sich mit unserem weiter vorn verbinden würde. Ich erkannte sie an ihren Frisuren. Während die eine einen roten Lockenkopf hatte, reichte der anderen ihre hellbraune Mähne bis zum Hintern. Letzte stach deswegen immer aus der Menge hervor. Auch wegen ihrer seltsamen Kleider, die verwaschen und voller Farbkleckse waren. Einerseits wirkte sie zwar cool, aber andererseits auch etwas abgerissen und irgendwie schmuddelig. Der Gedanke, dass ausgerechnet die beiden etwas von der Auseinandersetzung zwischen Ethan und mir mitbekamen und noch mehr Gerüchte über Brianna und mich verbreiten könnten, war mir zuwider. Aus diesem Grund raste ich weiter und hoffte, mit genügend Abstand zu ihnen ein unbelauschtes Gespräch führen zu können.

»Das ist eine Sache zwischen Brianna und mir. Es interessiert mich nicht, was andere glauben, zu wissen«, zischte ich Ethan leise zu.

Inzwischen hatte er auf seinem Board ebenso Stoff gegeben, um mit mir mithalten zu können. »Sollte es aber, als Kapitän der Footballmannschaft. Wenn du mit Brianna nicht Schluss machst oder Dylan eine aufs Maul haust, könnten die Jungs vom Team – ach, was rede ich, von der ganzen Schule – dich nicht mehr für voll nehmen. Du musst etwas tun, Alter!«, hackte er außer Atem nach.

Stinkwütend sah ich zu meinem Freund, der nun wieder neben mir fuhr. »Warum? Brianna hat mir geschworen, dass nichts zwischen ihr und Dylan gelaufen ist. Und das ist alles, was für mich zählt. Ich vertraue ihr und du solltest mir vertrauen. Du bist mein Freund und ich dachte, du stehst hinter mir.«

Wir verließen den Park und bogen nacheinander in unsere Straße ab, die in Queens lag, ein Viertel New Stamfords, in dem die Reichen und Mächtigen ihre protzigen Villen gebaut hatten.

»Mann, das ... das tue ich doch auch. Ich wollte nur … Versteh doch, nicht nur die Jungs vom Team, alle von der Schule schauen zu dir auf, aber nach der Sache mit Dylan … Echt, Mann, du solltest zeigen, dass ein Mädchen so nicht mit einem Kerl umgehen darf. Ich sag dir, wenn du nichts unternimmst, kommst du rüber wie ein Waschlappen und das wirst du früher oder später büßen. Willst du das etwa?«

Ich bremste mein Board hart aus. »Soll ich dir sagen, was ein Waschlappen ist? Ein Typ, der auf das Geschwätz dummer Leute hört und nicht auf das, was seine Freundin ihm erzählt. Nur ein Schisser zieht den Schwanz ein und steht nicht zu seinen Freunden, wenn es unbequem wird. Also komm mir nicht auf die Tour. Oder soll ich dich das nächste Mal auch hängen lassen und allen die Wahrheit erzählen, dass es keine Schlägerei auf einem Konzert war, sondern dein Dad, der dir wie schon so oft das Gesicht blau und grün poliert hat?«

Beschämt kam Ethan neben mir zum Stehen und wich meinem drohenden Blick aus. »Nein, Mann. Tut mir leid, du hast ja recht. Ich … ähm …«

Ethan wirkte auf einmal total niedergeschlagen. Ich begann mir Sorgen zu machen, weil ich ihn noch nie zuvor so erlebt hatte. Aber gerade als ich ihn fragen wollte, ob er mir was Wichtiges zu sagen habe, winkte er ab. »Ach, vergiss es. Wir sehen uns dann morgen früh.«

Da es mehr wie eine Frage klang, nickte ich. Mit hängenden Schultern fuhr Ethan in die nächste Auffahrt und auf das Haus seiner Eltern zu. Ich skatete noch ein Stück weiter die Straße bergauf. Ein paar Minuten später betrat ich die große Eingangshalle von meinem Zuhause. Dad stieg gerade in einem Smoking die Treppe herunter, als ich die Tür hinter mir schloss.

»Aha, da bist du ja endlich. Solltest du nicht besser lernen, als mit dem Skateboard in der Gegend herumzufahren? Schließlich willst du nach Harvard und nur ein guter Quarterback zu sein, selbst mit einem Sportstipendium in der Tasche, reicht nun mal nicht aus, um ein Spitzenanwalt zu werden.«

»Ja, Dad«, ächzte ich und hoffte, seiner Predigt zu entkommen.

»Junge, was ist? Glaubst du, ich hätte all das hier geschenkt bekommen?« In einer Bewegung breitete er die Arme aus, als präsentiere er mir zum ersten Mal seinen Besitz. Dabei war das seine liebste Geste, wenn er mir diese selbstherrlichen Reden hielt. »Dafür musste ich hart arbeiten. Um die Kanzlei deines Großvaters übernehmen zu dürfen, verlangte mein Vater von mir, besser als alle seine Partner zu sein. Nur aus diesem Grund blieb der Name Ward der erste auf dem goldenen Türschild. Und das ist er bis heute, weil ich jeden Tag aufs Neue beweise, dass ich es verdiene, an erster Stelle zu stehen. Selbst heute Abend, wo andere ihren Feierabend mit einem Drink genießen, gehe ich mit deiner Mutter zu einem Geschäftsessen. Wenn du diese Kanzlei führen und deinen derzeitigen Lebensstandard halten willst, musst du mehr als hundert Prozent geben, Junge.«

Während mein Vater die letzte Stufe erreichte, wollte ich mich die Treppe aufwärts an ihm vorbeidrängen. Doch er packte mein Handgelenk und hielt mich auf.

»Connor, es ist nur zu deinem Besten. Das weißt du doch, oder? Auch wenn wir dich die Community Highschool von New Stamford besuchen lassen, weil wir unsere Wurzeln in dieser Gemeinde respektieren, musst du dich danach dennoch für eine der führenden Universitäten des Landes qualifizieren. Um beruflich anerkannt und erfolgreich zu werden, führt daran kein Weg vorbei.«

Groß, schlank und dank seiner morgendlichen Trainingseinheiten noch immer mit einer sportlichen Figur gesegnet stand mein fünfzigjähriger Vater vor mir. Seine dunkelblonden Haare, die ich von ihm geerbt hatte und von denen kein einziges an einem falschen Ort lag, waren zwar von silbernen Fäden durchzogen, doch nach wie vor entsprach sein gesamtes Wesen genau jenem Ideal, das er sein wollte, worauf er sein Leben ausgerichtet hatte: das des smarten, erfolgreichen Anwalts. Das Schlimme war, dass er glaubte, ich wolle genauso wie er werden. Obwohl ich ihm gegenüber nie diesen Wunsch geäußert hatte, setzte er ihn voraus. Sicherlich wollte ich gerne ein vermögendes, angesehenes Gemeindemitglied werden und den Namen Ward weiterhin in Ehren halten, wie er und auch sein Vater es getan hatten. Aber wollte ich ebenso dem Erfolg und der stetigen Anerkennung hinterherhecheln? Sollte in meinem Leben wie in seinem nur Macht und Reichtum zählen? Die Gesellschaft maß einen Mann daran. Aber gab es nicht noch mehr im Leben? Oder war das wirklich alles, auf was es hinauslaufen würde? Hatte man nur Freunde, um zu Macht und Ansehen zu erlangen, oder bekam man gar nur welche, wenn man wenigstens eins davon besaß? Wären Ethan und Brianna auch dann noch meine engsten Freunde, wenn ich nicht mehr der erfolgreiche Quarterback der Stamford High und der Sohn eines geachteten Anwalts wäre? Ich wollte darüber gar nicht weiter nachdenken. Um mich schnellsten von meinem Dad und seinen endlosen Motivierungssprüchen loszueisen, sagte ich das, was er hören wollte.

»Ja, schon gut, Dad. Ich habe es verstanden. Ich strenge mich an, versprochen.«

»Guter Junge.« Strahlend ließ er meinen Arm los und klopfte mir auf die Schulter, was für mich das Zeichen zum Abgang war.

Schnell stieg ich die Treppe hinauf, um mich in meinem Zimmer verkrümeln zu können. Kaum hatte ich jedoch einen Schritt in den Flur gemacht, tauchte Mom auf. Sie verließ gerade ihr Schlafzimmer und war, wie ich es nach Dads Ansage erwartet hatte, bis in die Haarspitzen aufgedonnert. Natürlich trug sie ihre blondierten Wellen hollywoodmäßig perfekt gestylt und hatte ihre Tageskleidung, die gewöhnlich aus Bluse und Hose bestand, gegen ein langes Abendkleid eingetauscht. Sie war fünf Jahre jünger als mein Vater und dennoch genau das weibliche Gegenstück zu ihm. Kontinuierlich verfolgte sie das Ziel, die modische, gepflegte Anwaltsfrau zu sein, die ihren Mann tatkräftig unterstützte und sich nebenbei noch in der Gemeinde engagierte. So saß sie nicht nur im Kirchengemeinderat, sondern führte auch den Frauenverein von New Stamford an und mischte bei zahlreichen Projekten für Hilfsbedürftige mit. Jeden Morgen aß sie ihre Ananas und zog anschließend ihr Yogaprogramm durch, um ihre schlanke Figur zu erhalten und fit zu bleiben. Mom und Dad glichen sich sowohl in ihren Ansichten als auch in ihren Erwartungen, sodass es schon unheimlich war. Zugegeben, andernfalls hätten sie es wohl auf Dauer auch nicht miteinander ausgehalten.

»Connor« flötete sie und ihre rot geschminkten Lippen bildeten ein zufriedenes Lächeln. »Briannas Mutter hat mich angerufen und mir erzählt, dass ihr euch wieder vertragen habt. Gute Entscheidung! Du solltest sie dir wirklich warmhalten und nicht die Zeit mit anderen Mädchen vergeuden. Brianna wird sicherlich genau diese Art von Frau, die du später an deiner Seite haben möchtest: Wohlerzogen, elegant und klug.«

Überrascht runzelte ich die Stirn. »Ich vergeude die Zeit mit anderen Mädchen? Hat Brianna das erzählt?«

Die schmal gezupften und nachgefärbten Brauen meiner Mutter hoben sich zu eleganten Bögen. »Sie sagte, du hättest anderen mehr Aufmerksamkeit geschenkt und sie hätte sich dadurch vernachlässigt gefühlt. Erst als sie sich einem anderen Jungen zugewandt hatte, hättest du wieder Interesse an ihr gezeigt.«

Ich brummte leise vor mich hin. War ja klar, dass Brianna unseren Streit auf diese Tour unseren Müttern verklickerte und ich dabei schlechter als sie wegkam. Aber damit musste ich wohl leben. Wenn ich Brianna, das hübscheste und begehrteste Mädchen der Highschool, als Freundin behalten wollte, musste ich mich auch bei ihr ins Zeug legen.

Ich zwang mich zu einem Grinsen. »Hab es kapiert, Mom. Keine anderen Mädchen.«

Meine Mutter lächelte stolz. »So ist es recht, mein Schatz. Ich denke, Brianna passt nämlich wunderbar in unsere Familie. Findest du das nicht auch? Eine Verbindung zwischen den Wards und den Cunninghams wäre doch eine Sensation in New Stamford. Du als Sohn des erfolgreichsten Anwalts des Orts und Brianna als Tochter des Bürgermeisters, die Hochzeit wäre ein Traum.«

Eine ätzende Hitzewelle kroch mir den Nacken hoch und das Strahlen meiner Mutter wurde mir nahezu gruselig. »Mom, ich denke, um über eine Hochzeit zu reden, ist es noch zu früh. Viel zu früh.«

Sie legte mir ihre kühlen Finger auf die Wange. »Ja, ja natürlich. Nichtsdestotrotz sollte man früh genug wissen, was man will, und darum kämpfen. Vergiss das nicht.«

Die Motivation, noch länger breit zu grinsen, ging mir aus. Ich wollte nur noch weg. Hastig nickte ich ihr zu. »Sicher. Hab einen schönen Abend, Mom, und amüsiere dich.« Ganz der brave Sohn hauchte ich ihr einen Kuss auf die Wange und eilte, ohne mich nochmals nach ihr umzusehen, in mein Zimmer.

Ich schloss die Tür, pfefferte mein Board ins Eck und warf mich rücklings auf mein Bett. Einen tiefen Atemzug später trieb mich das Gefühl zu ersticken wieder in die Höhe. Ich hielt es in diesen vier Wänden nicht länger aus. Es schien, als kämen sie näher und näher, als schrumpfte der Raum vor meine Augen. Die Luft zum Atmen wurde immer weniger. Panisch verharrte ich auf dem Bett sitzend. Einerseits wollte ich davonrennen. Andererseits hatte ich jedoch Angst, erneut meinen Eltern in die Hände zu laufen. Hatten sie endlich das Haus verlassen? Ich lauschte. Ihre Stimmen hallten leise zu mir hinauf und kurz darauf das Verschließen der Haustür.

Wie der Blitz stürmte ich aus meinem Zimmer, die Treppe hinunter, durch die Eingangshalle und aus dem Haus.

Ich rannte und rannte, genoss die Luft in meinen Lungen, die sich endlich wieder weiteten. Jetzt war ich frei. Endlich frei. Ohne darüber nachzudenken, joggte ich die Straße weiter bergauf, bis ich meinen Lieblingsplatz erreicht hatte – Longshaw Peak. Ein mit riesigen Steinbrocken abgesicherter Fußweg führte an dem Abhang entlang bis zu einem höhergelegenen, kleinen Wald auf der linken Seite. Atemlos kletterte ich einen der kantigen Felsen hinauf und ließ mich an dem Rand nieder. Meine Füße baumelten in der Luft und ich versank im Anblick des rotglühenden Sonnenuntergangs. Gelassenheit stieg allmählich in mir auf. Ich lauschte dem Abendgezwitscher der Vögel, die in den unzähligen hohen Bäumen unter mir ihre Nester gebaut hatten. Das älteste Viertel von New Stamford, welches den Namen Bakersbridge trug, ruhte unterhalb des Hangs. Mit seinen kleinen abgewohnten Häusern und den überwucherten Gärten wirkte es wie aus einem antiken Bilderbuch. Die Menschen, die dort wohnten, gehörten nicht zu den Vermögenden der Gemeinde, das wusste jeder. Und doch schien es, dort friedlicher als in meinem Viertel zu sein, wo die Häuser so viele Zimmer hatten, dass man sich in ihnen verlief, wo die Gärten großen, seelenlosen Golfplätzen glichen. Auch wenn um die alten, kleinen Häuser Unkraut wucherte, die Bäume und Sträucher ohne Gärtner ins Unendliche wuchsen, schienen diese Heime mit Wärme und Geborgenheit gefüllt zu sein. Dort unten gab es keine kalten Paläste aus Glas, Beton und Edelstahl, die mit ihrer Sterilität jegliches Gefühl von einem Zuhause vernichteten. War das wirklich so? Waren diese Menschen dort unten glücklich – glücklicher als ich?

Nachdenklich zerrte ich Benjis Glücksstein aus meiner Tasche und betrachtete ihn. Schwer und rund lag der murmelartige Stein in meiner Hand. Gedankenverloren fuhr ich mit meiner Fingerkuppe über die weißen Linien, die ihn zierten.

Ich hatte doch alles, was sich ein Kerl meines Alters wünschen konnte, und doch spürte ich eine Leere in mir, wo keine sein sollte. Meine Eltern erfüllten mir jeden Wunsch, ich konnte so viel Geld ausgeben, wie ich wollte. Ich sah gut aus, war gesund und sportlich. Jeder in der Schule wollte mein Freund sein. Wenn ich es darauf anlegen würde, könnte ich jedes Mädchen haben. Selbst bei den Lehrern war ich angesehen. Ich war der beste, begabteste und beliebteste Footballspieler der Stadt. Kurz gesagt, es gab keinerlei Grund, weshalb ich nicht glücklich sein sollte. Vielleicht erwartete ich zu viel vom Leben? Vielleicht war ich bloß ein verwöhnter, undankbarer Sohn reicher Eltern? Was stimmte bloß nicht mit mir? Was war mit mir nur los?

Voller verzweifelter Wut umschloss ich den Stein und in einem Impuls schleuderte ich ihn mit einem Schrei von mir fort. Ein gutes Stück seiner Flugbahn konnte ich noch verfolgen, aber dann verlor ich ihn aus den Augen. Er ging in dem Mosaik aus Häusern und Bäumen unter.

Niedergeschlagen, als hätte mich der Wurf unendliche Kraft gekostet, erhob ich mich. Ich sprang von den Felsen auf den Weg hinunter, doch gerade als meine Füße aufsetzten, gaben meine Beine nach. Es wurde schwarz um mich. Ich glaubte, mein Bewusstsein zu verlieren, wie auch mein vermeintliches Glück.

2. Dinge, die man nicht begreifen kann

Hazel

Ich lief mit Sam unter den hohen Eichenbäumen, die unsere Straße säumten. Ein Rascheln erklang im dichten Laub über uns und im nächsten Moment streifte plötzlich etwas Hartes meinen Arm. Das Au lag mir schon auf der Zunge, als mich aus dem Nichts ein Schlag voller Wucht zu Boden presste. Für einen Moment wurde mir schwarz vor Augen und ein Schwindelgefühl überfiel mich. Taumelnd fand ich mich auf den Knien hockend wieder, mitten auf dem Gehweg.

»Hazel, sag mal, was machst du denn? Bist du gestolpert?« Sam musterte mich verdutzt.

Ich musste ziemlich bescheuert aussehen, so, auf allen vieren. Benommen wartete ich darauf, dass die Welt endlich aufhörte, vor meinen Augen zu kreiseln. »Nein, eigentlich nicht. Irgendetwas hat mich umgehauen.«

»Wie? Dich hat was umgehauen?«

»Keine Ahnung, es kam aus den Bäumen. Hast du das Rascheln nicht gehört?« Ich suchte nach dem Etwas, das auf meinem Arm einen brennenden, roten Streifen hinterlassen hatte und in der Nähe liegen musste.

Fuck. Wo bin ich plötzlich? Hä? Auf einer Straße? Ich war doch gerade noch oben, am Longshaw Peak. Wie ... Wie kann das sein? Hm, mir wurde schwarz vor Augen. Wahrscheinlich bin ich gestürzt, den Hang runtergerollt und hier gelandet. Verdammt weit weg gelandet. Ist ja irre ...

Ich erstarrte. Wer hatte da gesprochen? Das war nicht Sam. Die tiefe Stimme klang eindeutig nach einem Jungen. Wo kam der plötzlich her? Waren wir nicht mehr allein?

Ich sah mich um, doch außer meiner Freundin und mir war niemand in unserer Nähe. Seltsam!

Zur Hölle, wieso bewegt sich meinen Kopf? Ich will das nicht. Wer, wer macht das? Und wer spricht da?

»Hey, nein, wer spricht da? Wer und wo bist du?«, rief ich gereizt. Doch ich bekam keine Antwort. Da stand nur Sam vor mir, die mich beobachtete, als sei ich eine Irre.

»Wer soll sprechen? Hier ist niemand außer uns. Nur du und ich.«

Der rote Lockenkopf?Fuck! Wo kommt die denn auf einmal her? Wieso redet die mit mir, als würde sie mich kennen? Moment mal ... War das gerade meine Stimme? Aber ... ich habe wie ein Mädchen geklungen. Das kann doch gar nicht sein, denn erstens bin ich ein Kerl und zweitens wollte ich das gar nicht sagen.

Scheiße, scheiße, scheiße! Ich war wahnsinnig geworden. Mich hatte der Schlag getroffen und ich hörte eine fremde, fremde männliche Stimme in meinem Kopf. Nein, nein, nein. Das durfte nicht sein. Du wirst nicht verrückt, Hazel. Du wirst nicht schizophren! Ausgeschlossen! Das konnte ich jetzt nicht gebrauchen.

Hazel?

Sam legte ihre Hand auf meine Schulter. »Alles in Ordnung mit dir?«

Ohne es zu beabsichtigen, schnappte ich grob ihre Finger. »Hey, was soll das? Lass das!«, polterte es angriffslustig aus meinem Mund.

Erschrocken ließ ich Sam los und schlug mir die Hand vor den Mund. Scheiße, das hatte ich gar nicht gewollt.

»Oh, entschuldige, ich rühr dich nie wieder an«, maulte Sam beleidigt. »Ich habe mir nur Sorgen um dich gemacht.«

Ist Hazel das Mädchen mit der langen, braunen Mähne und den schmuddeligen Klamotten? Ich bin jetzt Schmuddel- Hazel?

Ungewollt beugte ich plötzlich meinen Kopf und starrte auf meine Hände, die ich langsam vor meinen Augen drehte, als hätte ich sie noch nie zuvor gesehen. Dabei kannte ich jeden einzelnen der zehn Ringe, die ich an meinen Fingern trug. Ich wusste genau, welches der vielen Armbänder ich wann und wo gekauft hatte, die meine beiden Handgelenke bedeckten. Ich hatte sie heute Morgen angezogen. Mir war auch klar, dass der dunkelblaue Metalliclack bereits von meinen Fingernägeln abblätterte und sie noch kürzer wirken ließ. Auch die weißen Farbflecke auf meiner ausgefransten Jeans waren nichts Neues für mich. Beim letzten Projekt im Kunstkurs hatte ich mit zu flüssiger Farbe und einem breiten Pinsel hantiert.

Oh nee! Ausgerechnet die? Wieso? Und warum überhaupt? Das kann doch nicht wirklich passieren. Das kann nur ein Traum sein. Verfluchte Scheiße, es muss ein Traum sein. Ja, genau. Als ich am Longshaw Peak stürzte, muss ich mir den Kopf angeschlagen haben. Ich träume das alles bloß. Ja, das ist die einzige Erklärung, die logisch klingt.

O Gott, ich war wirklich ein Schizo und mein zweites Ich konnte mich nicht leiden! Es beleidigte mich sogar. Es nannte mich Schmuddel-Hazel. Eindeutig: Ich war ein Fall für den Psychiater. Ich sollte mir schleunigst einen suchen, bevor mir mein zweites Ich, also ich selbst, mir noch etwas antat.

Du, du kannst meine Gedanken hören? Hazel, hörst du mich, obwohl ich nicht mal den Mund bewege?

Oh, Hiiiilfe! Hiiiilfe! So helft mir doch! Ich musste ganz dringend zu einem Arzt! Und zwar so schnell wie nur möglich!

Hazel, nein, warte, das ist nur ein Traum. Zwar ein ziemlich krasser, aber nicht die Wirklichkeit. Hoffe ich.

In meiner Panik versuchte ich aufzustehen. Ich wollte vor der Stimme in meinem Inneren weglaufen, ihr entkommen. Aber mein Körper gehorchte mir nicht, wie er sollte. Es fühlte sich an, als könnte ich nur die rechte Hälfte bewegen. Die linke tat nichts, sie blieb bewegungslos am Boden hocken. Verdammt, hatte ich einen Schlaganfall? War das auch die Erklärung für die Stimme in meinem Kopf?

Wir haben einen Schlaganfall? Nein, nein, das glaub ich nicht. Hazel, hör mir zu: Offensichtlich teilen wir uns deinen Körper und ich verfüge über eine Seite. Mann, das ist ja echt voll abgefahren. Das kann nur ein Traum sein.

Oweia, jetzt nannte mein schizophrenes, männliches Ich mich schon beim Namen, lachte mich aus und glaubte, es würde träumen. Das war gar nicht gut.

Ganz ruhig, Hazel. Ich habe verstanden. Du willst aufstehen? Gut, dann werde ich das jetzt auch tun – zusammen mit dir. Okay?

»Sag mal, willst du da noch ewig am Boden hocken bleiben?« Ungeduldig stand Sam über mir.

»Nein, das wollen wir nicht!«, purzelte es ungewollt aus meinem Mund.

»Wir? Du redest jetzt in Mehrzahl von dir?« Sam zog ihre Augenbrauen in die Höhe. »Oh, Eure Majestät Hazel Penelope Brown. Langsam mach ich mir Sorgen, dass dich irgendetwas am Kopf erwischt hat. Ehrlich.«

»Ich meinte natürlich: Ich will aufstehen«, beeilte ich mich, meine vorige, unbeabsichtigte Aussage zu korrigieren. Im Stillen bat ich: Liebes schizophrenes, männliches Ich, halt bitte, bitte einfach meine Klappe!

Nach einem angstvollen Atemzug versuchte ich erneut aufzustehen. Obwohl ich spürte, dass ich keine Macht über das linke Bein und den Arm hatte, bewegten sie sich. Allerdings nicht so geschmeidig wie üblich, wie die auf der rechten Seite, sondern aufgeregt federnd als wäre diese Körperseite nervös. Ich kam mir vor wie eine fremdgesteuerte Marionette, deren linke Gliedmaßen an Fäden hängten. Dementsprechend unbeholfen kam mein Körper auch auf die Füße. Es brauchte Zeit und musste zum Brüllen aussehen, wie ich einseitig torkelnd aufstand.

Also erstens: Hazel Penelope Brown - was ist das für ein komischer Name? Was Dümmeres ist deinen Eltern wohl nicht eingefallen, was? Und zweitens: Ich bin nicht dein schizophrenes, männliches Ich, sondern ein Kerl aus Fleisch und Blut. Okay, jetzt zwar gerade nicht, aber im Normalfall. Mein Name ist Connor Ward und offensichtlich habe ich einen Traum, in dem ich in deinen Körper verfrachtet wurde. Zwar komisch, dass ich ausgerechnet in deinem landen musste, da ich dich nur vom Sehen kenne. Aber womöglich liegt es daran, weil ich dich vorhin im Park mit deiner Freundin bemerkt habe. Denn wenn ich ehrlich bin, finde ich dich irgendwie niedlich. Du gehörst zwar zu den Freaks und wirkst irgendwie schmuddelig und abgerissen, allerdings auf eine verquere sexy Art. Ja, wahrscheinlich faszinierst du mich auf seltsame Weise und deswegen träume ich von dir.

»Ah haha«, lachte ich panisch auf.

»Was gibt es da zu lachen?«, fragte mich Sam und begutachtete mich noch immer mit einer Mischung aus Sorge und Wut.

»Och, nichts«, stammelte ich.

Connor Ward? Mein Ich hielt sich für Connor Ward und hielt mich für einen niedlichen, schmuddeligen Freak mit Sexappeal? Das war krass!

Herrgott, hör mir doch mal zu: Ich bin nicht dein schizophrenes Ich. Ich bin kein Teil von dir. Du bist du, Hazel Penelope Brown, und ich bin ich, Connor Ward, der Kapitän der New Stamford Tigers.

Ach, du heilige Scheiße, Connor Wards Geist war in meinen Körper gefahren? Wie? Und vor allen Dingen warum? Aber … das war doch unmöglich.

Oh Mann, endlich hat sie es gerafft. Und offenbar ist es doch möglich – zumindest in meinem Traum. Alles was du dich fragst, frage ich mich auch, Hazel. Wieso träume ich? Weshalb bin ich gestürzt? Wo liegt mein Körper jetzt? Und noch viel wichtiger: Wie schwer bin ich verletzt? Oh heilige Scheiße, womöglich bin ich tot. Und das alles ist gar kein Traum, sondern real?

»Gehen wir jetzt weiter oder willst du da noch Wurzeln schlagen?« Sams Stimme riss mich aus der aberwitzigen Unterhaltung, die sich in meinem Inneren abspielte. Mit erwartungsvoller Miene stand sie vor mir und gab mir mit den Händen ein Zeichen, dass ich vorwärtsgehen sollte.

Ich zögerte, denn ich befürchtete, dass mein Körper mir wieder nur zur Hälfte gehorchen würde.

»Ja, ist ja gut.« Vorsichtig versuchte ich einen ersten Schritt, dann den zweiten. Aber den führte ich vollkommen anders aus. Ohne einen Ton verlauten zu lassen, kämpfte ich im Weitergehen darum, meinen Körper in Einklang zu bringen. Doch meine linke Schulter schwang ständig übertrieben von hinten nach vorn, während mein linker Ellbogen es vorzog, sich so weit weg wie möglich von meinem Körper aufzuhalten, als wollte er ein laues Lüftchen unter den Achseln wehen lassen. Der linke Hüftknochen drängte sich bei jedem Schritt vorwitzig in den Vordergrund. Weiß der Geier, warum er das tat. Der Gang verhielt sich komplett gegsätzlich zu meinem gewöhnlichen. Ich bewegte mich wie eine besoffene Ente mit zwei linken Flossen.

»Hazel, was machst du da? Wie läufst du denn?«, fragte Sam auch schon hinter mir.

»Ähm, die linke Seite tut mir etwas weh. Muss mir beim Sturz wohl was geprellt haben.«

Geniale Ausrede, Hazel. So wird sich deine Freundin keine weiteren Gedanken mehr machen, wenn wir wie ein vollgedröhnter Kiffer durch die Gegend torkeln. Aber jetzt müssen wir so schnell wie nur möglich zum Longshaw Peak hoch. Wir müssen meinen Körper suchen.

Sam prustete in sich hinein. »Na, wenn du so bei deinem nächsten Blind Date auftauchst, als der Glöckner von Notre Dame, wirst du wahrscheinlich den Kerl schneller loswerden, als du dir eine Cola bestellen kannst.«

Okay, ich hab schon verstanden. Ich werde versuchen ... weiblicher zu gehen – oder was auch immer. Aber jetzt lass uns endlich umkehren. Beeil dich! Bitte!

Plötzlich legte mein Körper eine Linkswendung hin und stürmte mit der linken Seite voran, während die rechte hinterher geschleift wurde.

»Nein! Halt!«, schrie ich überrascht auf und wehrte mich gegen die Kraft, die mich in die entgegengesetzte Richtung drängte.

»Was ist? Hast du was vergessen?«, fragte Sam.

»Ja«, purzelte es aus mir ungewollt heraus. »Nein«, behauptete ich aber gleich darauf wieder und versuchte, das Seilziehen in meinem Körper zu gewinnen. Währenddessen schleppte er sich bereits an Sam vorüber, die mir mit offenstehendem Mund hinterherschaute.

Hazel, bitte. Vielleicht liege ich da irgendwo und verblute gerade. Wenn du mich also loswerden willst, muss mein Körper am Leben bleiben. Wir müssen ihn finden und Hilfe holen.

Geschockt hielt ich die Luft an. Was, wenn ich nicht verrückt war? Wenn Connors Geist wirklich in meinem Körper gelandet war? Was war dann mit seinem passiert?

Also gut, zischte ich in Gedanken, wir, ich gehe zum Longshaw Peak hoch. Aber du hältst dich von nun an aus meinen Körperfunktionen raus, Connor Ward.

Okay. Abgemacht. Ich weiß nicht, ob das klappt, aber ich versuche es. Nur bitte, renne jetzt so schnell du kannst zum Longshaw Peak. Bitte.

Ich spürte, wie ich die volle Gewalt über meinen Körper zurückbekam. Noch im Laufschritt drehte ich mich nach Sam um. »Tut mir leid. Mir ist eingefallen, dass ich doch noch etwas erledigen muss. Bis dann.« So schnell wie meine Beine mich trugen, rannte ich den Weg zurück, den ich gerade mit Sam entlang geschlendert war.

Danke!

Über eins solltest du dir jedoch im Klaren sein, Connor, sprach ich im Geiste zu mir oder vielmehr zu uns. Wenn das hier, wie du sagst, ein Traum ist, werde ich deinen Körper vermutlich nicht finden. Und außerdem, fühlt es sich für mich ganz und gar nicht wie ein Traum an, sondern erschreckend real und ... absolut irrsinnig. Wollte ich nur mal gesagt haben.

3. Dinge, die man nicht sehen will

Ich hetzte zur Lincoln Lane, die unterhalb des Longshaw Peaks verlief und zur anderen Seite ins Villen-Viertel Queens und damit auch auf den Weg führte, den viele Jogger für ihr Lauftraining benutzten.

Hazel, warte! Lass uns erst hier unten nach meinem Körper schauen. Ich könnte auch den Abhang heruntergerollt sein.

Okay, wenn du meinst.

Ich konnte nicht glauben, dass ich mit mir selbst oder mit der Stimme von Connor redete und auch noch tat, was die von mir verlangte.

Falls dir das ein Trost ist, ich kann es auch nicht glauben. Und ja, ich kann deine Gedanken hören, auch wenn du sie nicht direkt an mich richtest.

Scheiiiiße, ich konnte nicht mal ein kleines Geheimnis für mich behalten? Er hörte alles? Ohje, wirklich alles? Sogar ... Ich traute mich nicht, den Gedanken zu Ende zu denken und doch entstand er in meinem Kopf.

Ja, ich höre alles. Auch, dass du mich blöd ... und süß zugleich findest? Okay, das ist nett, aber nur zur Info, kein Kerl möchte als süß bezeichnet werden.

Heilige Scheiße, der hörte echt jedes Wort. Ob laut oder heimlich gedacht.

Übrigens: Mädchen möchten auch nicht als niedlich bezeichnet werden. Nur, weil wir vielleicht nicht so groß sind wie ihr Jungs, heißt das noch lange nicht, dass wir klein sind.

Sag mal, was ist eigentlich dein Problem? Ich mach dir ein Kompliment und du ...

---ENDE DER LESEPROBE---