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Liebe wird oft als höchstes Ideal verklärt. Doch was, wenn dieses Ideal mehr ein gesellschaftliches Konstrukt als eine universelle Wahrheit ist? In diesem Buch dekonstruiert Nora Kellner den romantischen Liebesbegriff und zeigt auf, wie eng er mit dem Kapitalismus und dem Patriarchat verwoben ist. Was bedeutet das für Menschen, die außerhalb dieser Normen leben, für aromantische und asexuelle Personen? Welche Beziehungsformen werden systematisch abgewertet? Und wie könnten Alternativen aussehen? Von romantischen Freund*innenschaften, queerplatonischen Beziehungen bis zum selbstbestimmten Alleinsein eröffnet dieses Buch neue Perspektiven auf Nähe, Intimität, Zugehörigkeit und stellt die entscheidende Frage: Welche Utopien werden möglich, wenn wir Liebe anders denken? Provokant, tiefgründig und zukunftsweisend: ein radikaler Blick auf Liebe und Beziehungen, der unsere Vorstellungen herausfordert und neue Räume für Verbindung schafft.
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Seitenzahl: 484
Veröffentlichungsjahr: 2026
Für die Lieben meines Lebens.
Für alle Aros und für alle Aces.
Nora Kellner hat Politikwissenschaft und Soziologie in Dresden studiert und ist aktuell Studentin im Master ›Gender und Queer Studies‹ in Köln. Sie arbeitet ehrenamtlich in der Bildungsarbeit zu geschlechtlicher, sexueller und romantischer Vielfalt in Schulen. Ihr erstes Buch OpferMacht. Klartext reden über sexualisierte Gewalt erschien 2023 im Unrast Verlag.
Nora Kellner
LiebesMacht
Über Freund*innenschaft, Aromantik und die Dekonstruktion von romantischen Beziehungen
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar
Nora Kellner: LiebesMacht
1. Auflage, Oktober 2025
eBook UNRAST Verlag, Dezember 2025
ISBN 978-3-95405-244-8
© UNRAST Verlag, Münster 2025
Fuggerstraße 13 a, 48165 Münster
www.unrast-verlag.de | [email protected]
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Umschlag: UNRAST Verlag, Münster
Satz: Andreas Hollender, Köln
Vorwort
Aromantik, Asexualität und mein Leben
Crashkurs zu Aromantik und Asexualität
Allonormativität, Amatonormativität und allgemeine Normativitätsvorstellungen
Und was hat das mit meinem Leben zu tun?
Was ist Liebe?
Gedankenexperiment: Liebe
Romantische Liebe, Ehe und Familie als Funktionen des Kapitalismus und des Patriarchats
Polybeziehungen und die Ehe für Alle – revolutionäre Beziehungsweisen?
Gedankenexperiment: romantische Beziehung
Alternative Liebeskonzepte – welche kennst du und welche fokussiere ich?
Sag mal, seid ihr nur befreundet? – Die Abwertung von Freund*innenschaften und anderen sozialen Beziehungen
Alleinsein
Freund*innenschaft
Freund*innenschaftszentrierte Lebensweise
Queerplatonische Beziehung
Beziehungsanarchie
Utopien – welches Potenzial haben alternative Lebensentwürfe?
Familie abschaffen?
Das politische Potenzial von Freund*innenschaft
Transformative Gerechtigkeit und Community Accountability
Können alternative Beziehungsweisen die Gesellschaft verändern?
Anhang
Deine Aspec Identität kennenlernen
Anfänge meiner Liebesgeschichten
Danksagung
Glossar
Quellennachweise
Literaturverzeichnis
Empfehlungen
Anmerkungen
CN:[1] Alkohol
Unsere Begegnung war die erste, die ich in Dresden hatte, als ich dort allein für mein Bachelorstudium hingezogen war. Ich traf dich bei der ersten Veranstaltung, der Campusrallye unserer Erstsemester-Woche. Wir waren beide unsicher, trauten uns erst nicht, miteinander zu sprechen. Letztlich hast du den ersten Schritt gemacht, indem du mich gefragt hast, ob ich mit unter deinen Regenschirm will. Ich sagte ja, war aber zu schüchtern, um dich nach deinem Namen zu fragen. Der Moment schien verstrichen zu sein und so gingen wir schweigend nebeneinanderher. Wir kamen an einem Gebäude an und ich bedankte mich bei dir. Wir erkundeten die Uni weiter, immer noch schweigend. Währenddessen wurdest du irgendwann von einer Person angesprochen und ihr kamt ins Gespräch. Ich lief weiter neben euch her, schweigend, bis zu dem Zeitpunkt, als du mich erneut ansprachst und mich nach meinem Namen fragtest. Ab da war der Damm gebrochen, wir fingen an zu quatschen, verstanden uns direkt mega gut und verbrachten die restliche Ersti-Woche zusammen. Das ist mittlerweile über sieben Jahre her. Das war der Beginn einer Liebe, die sich so tief anfühlt, die mich beglückt, die mich nährt, mir Sicherheit, Stärke und Vertrauen gibt. Eine Liebe, die mir so unendlich viel gibt. Du bist eine Person, bei der ich mich zuerst melde, wenn ich etwas Aufregendes erzählen will, wenn mir etwas Abgefahrenes passiert ist oder wenn es mir schlecht geht. In Dresden haben wir uns fast jeden Tag gesehen und sollte es doch mal passiert sein, dass wir uns ein paar Tage nicht sahen, habe ich dich total vermisst. Wir können stundenlang reden oder auch nichts tun und einfach koexistieren. Wir haben sogar während Corona zwei Monate zusammengewohnt, uns ein Bett und ein Zimmer geteilt. Du gingst mir in der gesamten Zeit nie auf die Nerven, die Gesprächsthemen gingen und gehen uns nie aus. Ich erinnere mich gut an diese Zeit. Gerade leben wir temporär nicht in der gleichen Stadt. Wir wussten beide in unserer ersten getrennten Woche, dass dieser Zustand nicht auf Dauer sein kann. Wir haben beschlossen, dass wir langfristig wieder in der gleichen Stadt leben wollen. Wir sehen uns mindestens alle zwei Monate. Dazwischen telefonieren wir bis zu fünf Stunden, weil wir uns so viel zu erzählen haben, weil es mit dir so leicht und unbeschwert ist. Wenn wir uns sehen, fühlt es sich so an, als würde ich komplett auftanken. Nach unseren Treffen geht es mir immer besser. Frieda ist eine Liebe meines Lebens.[2],[3]
Wir lernten uns am dritten Tag der Ersti-Woche kennen. Es war Kneipentour. Mittlerweile habe ich schon mit ein paar Personen gesprochen, mit dir aber noch nicht. Diesmal war ich allerdings betrunken. Auf einmal ist es kein Problem mehr für mich, Leute anzusprechen. So gelang es mir, auch mit dir ein Gespräch zu führen. Ehrlicherweise weiß ich nicht mehr, wer das Gespräch begonnen hat. Was ich aber noch weiß, ist, dass du richtig cool und tough auf mich wirktest, fast ein bisschen unnahbar und einschüchternd. Ich bewunderte dich und teilte dir das auch direkt mit. Auch hieran war sicherlich der Alkohol in meinem Blut beteiligt. Mittlerweile waren wir in unzähligen Urlauben miteinander, haben mal mehr, mal weniger Kontakt, aber die Verbundenheit, die Nähe ist immer da. Auch du bist eine Person, bei der ich mich melde, wenn es mir nicht gut geht, oder aber wenn ich etwas total Tolles zu verkünden habe. Maxi, auch du bist eine Liebe meines Lebens.
Es ist schon wieder Ersti-Woche. Diesmal allerdings für den Master. Ich war selbstsicherer, meine Persönlichkeit ausgereifter. Leute ansprechen ist jedoch immer noch nicht meine Stärke. Insofern war ich aufgeregt. Denn ich war schon wieder auf der Suche nach sozialen Kontakten, da ich erneut, ohne eine Person zu kennen, nach Köln gezogen bin. Wir unterhielten uns auf einer Wiese. Ich spürte direkt diesen Vibe, ich fand dich direkt sympathisch. Deine offene und mitnehmende Art hat es mir leichter gemacht, dich intensiver kennenzulernen. Mittlerweile sehen wir uns mehrmals die Woche oder telefonieren alternativ. Wir wissen in den meisten Fällen, wie es der anderen Person geht und wir sind füreinander da. Ich weiß, dass ich mich immer bei dir melden kann und du immer da bist. Wenn es mir schlecht geht, kann ich immer zu dir kommen, auch wenn es dir nicht passt, mich in dein Bett legen und du bist da. Ich spüre, wie doll du das priorisierst und auch schon Treffen abgesagt hast, weil ich eine Person zum Reden brauchte. Danke, dass ich immer vor deiner Tür stehen kann. Auch du bist eine Liebe meines Lebens.
Du hast mich gefragt, ob wir gemeinsam etwas kochen wollen. Du hast mich zu dir eingeladen. Ich war überrascht von der Frage, aber ich habe mich auch total gefreut. Wir machten eine Bowl und das wurde zu unserem Standard-Essen bis heute. Wir redeten viel, ohne dass es an einer Stelle unangenehm war. Zumindest empfand ich das so. Später fand ich heraus, dass du die absolute Gesprächsführungsqueen bist. Trotzdem war ich mir nach dem ersten Treffen unsicher, ob daraus mehr werden könnte. Ich weiß nicht wieso, aber ich hatte das Gefühl, irgendwas fehlt mir. Ich gab dem Ganzen trotzdem eine Chance und ich bin richtig froh darüber. Denn mittlerweile gehörst auch du zu den Lieben meines Lebens. Mir fehlt überhaupt nichts, eher im Gegenteil, ich vermisse dich, wenn du nicht in meiner Nähe bist, wenn du nicht in der gleichen Stadt wohnst, wie ich. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass sich unsere Beziehung für mich über die Distanz verstärkt hat. Ich habe mich noch nie so nah mit dir verbunden gefühlt, wie jetzt gerade, und das, obwohl du das letzte halbe Jahr im Ausland warst. Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir fast jeden Tag gechattet haben und wir gemerkt haben, dass unsere Beziehung auch über Distanz funktioniert.
Du warst die Mitbewohnerin einer sehr guten Freundin von mir. Ich fand dich direkt sympathisch. Ich hatte das Gefühl, dass wir uns direkt verstanden haben. Ich freute mich jedes Mal, wenn ich auch dich traf, als ich mit meiner anderen Freundin verabredet war. Wir verquatschten uns und da war dieser Vibe. Über unsere gemeinsame Freundin wussten wir, dass wir uns gerne mögen. Es stellte sich die Frage, wer den ersten Schritt macht. Diesmal habe ich mich überwunden und dich gefragt, ob wir uns vielleicht mal zu zweit treffen wollen. Du sagtest ja. Seitdem treffen wir uns regelmäßig. Unsere Beziehung wird immer enger.[4]
Was machen diese Geschichten mit euch beim Lesen? Was denkt ihr, in welchem Verhältnis ich mit den Personen stehe? Könnt ihr euch an einer Stelle mit dem Geschriebenen identifizieren? Welches Label würdet ihr den Beziehungen geben?
Vielleicht wisst ihr bereits, auf welchen Punkt ich hinaus will, vielleicht auch nicht. All diese Begegnungen, die ich hier beschrieben habe, sind die Anfänge von Liebesgeschichten. Es sind die Anfänge meiner Liebesgeschichten und obwohl es sie so oft gibt, werden sie so selten erzählt. Was ich hier beschrieben habe, sind die Anfänge von einigen meiner Freund*innenschaften. Es sind die Menschen, die mir sehr nahe sind. Es sind die Lieben meines Lebens, wie ich im Text ja bereits an der ein oder anderen Stelle erwähnt habe. Danke Andrea Newerla für diesen Ausdruck. Newerla schreibt dazu in ihrem Buch Das Ende des Romantikdiktats – Warum wir Nähe, Beziehungen und Liebe neu denken sollten:
»Ich meine es ist an der Zeit, eine Perspektive auf Freundschaften zu entwickeln, die diese Beziehungen mehr in den Fokus nimmt und sie zum Ausgangspunkt unseres Lebens macht: Freund*innen als Lieben unseres Lebens.«[i]
Gesellschaftlich jedoch scheinen diese Beziehungen wenig Relevanz zu haben. Ich werde quasi nie nach diesen, nach meinen freund*innenschaftlichen Beziehungen gefragt. Es ist vermeintlich klar, dass ich sie auf keine Familienfeier mitnehme, und sobald es eine romantische Beziehungsperson gibt, werden Urlaube weniger oder gar nicht mehr mit Freund*innen gemacht. Aber wieso ist das so? Wieso werten wir Freund*innenschaften so ab? Wieso werden diese Geschichten nicht häufiger erzählt? Wieso spielen sie keine Rolle und wann sprechen wir eigentlich von Liebe? Welchen Personen sagen wir, dass wir sie lieben, mit wem planen wir unser Leben? Und warum? Wer wird priorisiert in unserem Leben und wer wird depriorisiert und aus welchem Grund? All diesen Fragen und noch vielen mehr möchte ich in diesem Buch auf den Grund gehen, ihnen nachspüren und verstehen, welchen gesellschaftlichen Konventionen sie unterliegen und wie es auch anders sein kann? Was würde das für unsere Gesellschaft bedeuten? Liegt darin vielleicht auch ein utopisches Potenzial?
Ich freue mich, wenn ihr mich auf diesem Weg und beim Nachdenken darüber begleitet. Bevor ich aber damit anfange, halte ich es für unbedingt erforderlich, meine Situierung[5] mit euch zu teilen und aufzuzeigen, welche Auswirkungen diese auf meine Perspektive hat. Ich stütze mich hierfür auf das Konzept des situierten Wissens, das von Donna Haraway, eine*r Wissenschaftler*in geprägt wurde. Dafür übt Haraway Kritik an der vermeintlich objektiven Wissenschaftstheorie, pocht auf die Infragestellung von institutionellem Wissen, das als natürlich und wahr gilt, und verdeutlicht die Verstrickung dieses Wissens in Herrschaftsverhältnisse.[ii] Haraway folgend kann es kein neutrales, körper- und standortloses Wissenschaftssubjekt mit universell gültigen Ergebnissen geben. Wissen(sproduktion) ist immer kontextabhängig und ihre Subjektivität sollte anerkannt und markiert werden.[iii] An dieser Stelle kam wohl kurz die Gender- und Queer-Studies Nora zum Vorschein. Deswegen versuche ich es nachfolgend zu vereinfachen. Haraways Kernaussage ist, dass es kein objektives und allgemeingültiges Wissen geben kann, weil auch Wissen immer von einer bestimmten Perspektive geprägt ist. Alle Menschen sind in Netze eingebunden, die ihre Haltung und ihr Denken prägen. Außerdem haben Menschen unterschiedliche Voraussetzungen und Erfahrungen im Leben gemacht. Beispielsweise hat eine Person, die mit Eltern aufwächst, die über ein großes Netzwerk und Bildung verfügen, vielmehr die Chance, einen Praktikumsplatz zu bekommen oder Unterstützung bei den Hausaufgaben zu erhalten, als eine Person, die mit Eltern aufwächst, die nicht über diese Ressourcen verfügen. Von der eigenen Situierung kann sich keine Person freimachen. Deswegen, so Haraways Ansatz, macht es viel mehr Sinn, sich zu fragen, wie man positioniert ist und was das für einen Einfluss auf die Perspektive hat. Zudem sollte die Grundhaltung vertreten werden, dass die Annahmen auch falsch sein können oder für einen anderen Kontext nicht stimmen. Ich finde das überzeugend und es ist gerade für dieses Buch von außerordentlicher Notwendigkeit. Denn ich schreibe aus meiner Perspektive und versuche, bestimmte Dinge anhand meiner Erfahrungen zu verdeutlichen, die sehr subjektiv sind, die sich mit den Erfahrungen von anderen Menschen decken können, die sich aber auch total unterscheiden können. Das ist völlig valide. Mir geht es nicht darum, ein allgemeingültiges Buch zu schreiben und Ratschläge zu verteilen, die für alle anwendbar sind. Das wäre anmaßend und überhaupt nicht möglich. Vielmehr möchte ich die Unterschiedlichkeit und Individualität des Erlebens betonen, wenngleich ich zeige, dass gewisse Normen wirken. Vielleicht gibt es Geschichten, Theorien oder Erzählungen, in denen sich die ein oder andere Person wiederfindet. An einer anderen Stelle unterscheidet sich die Wahrnehmung vielleicht auch komplett. All das darf und soll da sein.
Kommen wir also nach dieser langen Einordnung zu meiner Situierung: Ich bin eine weiße[6], nicht-behinderte, christlich-säkulare, aromantische, asexuelle, cis[7] Frau mit reichen[8] Eltern[9]. Das heißt zum Beispiel, dass ich aufgrund meiner Hautfarbe nicht diskriminiert werde, sehr wohl aber aufgrund meiner romantischen Orientierung. Wenngleich ich bestimmte Diskriminierungserfahrungen nicht mache, versuche ich trotzdem, sie mitzudenken, Bücher und Gedanken von unterschiedlich situierten Menschen einfließen zu lassen, um ein umfassenderes Bild zu erhalten. Gleichzeitig spielt meine aromantische Orientierung eine große Rolle in diesem Buch, da ich Liebe und Beziehungen und Beziehungsformen aus einem aromantischen Blickwinkel betrachten möchte. Insgesamt jedoch sind Asexualität und Aromantik
»nicht nur Orientierungen, sondern auch Instrumente, um sich selbst, die eigenen Beziehungen und die Gesellschaft in ihren Machtverhältnissen aus neuen Blickwinkeln zu beleuchten.«[iv] (Carmilla DeWinter)
Was genau es damit auf sich hat und wie mich diese Identität prägt, wird hoffentlich beim Lesen dieses Buches klar.
Dieses Buch ist geprägt von meinen Beziehungen. Durch sie habe ich ein Verständnis entwickelt, wie ich Beziehungen leben will, und sie haben mich während des Schreibens davor und danach immer unterstützt und begleitet. Deswegen war mir schnell klar, dass sie zu dem Buch gehören. Das wollte ich sichtbar machen, deswegen habe ich mit vielen meiner Freund*innen Gespräche zu diesem Buch geführt. Wir haben über Liebe, über Freund*innenschaft, Romantik, Intimität und alternative Beziehungsweisen gesprochen. Immer wieder in diesem Buch finden sich diese Perspektiven und Blickwinkel. Außerdem habe ich meine Freund*innen gefragt, ob sie selbst einen kleinen Text schreiben wollen, den ich in das Buch integriere. Drei von ihnen haben sich dafür entschieden. Es freut mich total, dass diese Texte im Buch sind. Es ist für mich sehr besonders und zeigt unterschiedliche Sichtweisen und Zugänge zu dem Thema Freund*innenschaft.
Ein Kernziel dieses Buches ist es, um es mit den Worten der Afrikanwissenschaftler*in und Autor*in Josephine Apraku zu sagen:
»sowohl die Hierarchisierung innerhalb unserer Beziehungen als auch die Art und Weise, wie wir auf dieser Grundlage – also auf der Basis patriarchaler und kapitalistischer Mythen – unsere Beziehungen leben, zu hinterfragen.«[v]
An dieser Stelle wünsche ich ganz viel Spaß, neue Gedanken, Fragezeichen und süße Gespräche mit euren Beziehungspersonen!
Beginnen möchte ich dieses Buch mit einem Blick auf Aromantik und Asexualität. Schließlich ist das die Brille, mit der ich Beziehungen anschauen und analysieren will. Eigentlich stimmt das nicht so ganz und irgendwie total. Denn als ich das Buch konzipiert habe, wollte ich eigentlich mit dem Kapitel Was ist Liebe? beginnen. Und so war die Gliederung relativ lange anders. Mit dem Schreiben habe ich allerdings gemerkt, dass es viel mehr Sinn macht, mit Aromantik und Asexualität zu starten. Zu diesem Entschluss kam ich, weil ich einige Begrifflichkeiten, die ich nachfolgend erkläre, im Kapitel zum Thema Liebe benötige, während es umgekehrt nicht so ist. Außerdem, und auf diesen Gedanken brachte mich meine Lektorin, finde ich es inhaltlich viel passender, mit Aromantik und Asexualität zu starten, weil das schließlich meine Perspektive ist. Da es sich bei beiden Kapiteln, um Grundlagenkapitel handelt, ist es auch relativ unkompliziert möglich, sie zu tauschen. Und deswegen habe ich mich dafür entschieden und vielleicht ist mein Eingangssatz doch auch gar nicht so gelogen.
CN: Erwähnung von Versklavung, Queerfeindlichkeit, Erwähnung von Romantik, Heteronormativität, Erwähnung von Sex, Erwähnung von Vorurteilen gegenüber aromantischen und asexuellen Menschen, Erwähnung von Trauma
In diesem Kapitel werde ich zunächst einige Grundlagen zu den Themen Aromantik und Asexualität erklären. Diese Entscheidung gründet sich vor allem auf meiner Erfahrung, dass es insbesondere im Bereich der Aromantik viele Wissenslücken zu geben scheint, auch innerhalb der queeren und linken Communitys. Sichtbar werden diese Lücken beispielsweise daran, dass bei einer Recherche mit Google Scholar zu dem Stichwort Aromantik überwiegend auf Texte verwiesen wird, die sich mit dem Begriff der Romantik auseinandersetzen. Außerdem auffällig ist, dass das Schreibprogramm, das ich für das Verfassen dieses Textes nutze, das Wort Aromantik nicht kennt und es deshalb dauerhaft rot unterringelt wird.
Falls ihr schon absolute Expert*innen auf dem Gebiet seid, dann versteht die nächsten Seiten gerne entweder als Wiederholung, mit der Hoffnung, doch noch die eine oder andere Sache zu lernen, oder überspringt das Kapitel einfach.
Obwohl ich diese bestehende Lücke wahrnehme und der festen Überzeugung bin, dass es unbedingt mehr Literatur und Forschung zu Aromantik und Asexualität braucht, ist es mir wichtig zu betonen, dass ich nachfolgend wirklich nur die absoluten Grundlagen bespreche. Das liegt daran, dass der Fokus dieses Buches woanders liegt. Für Menschen, die bei der Lektüre merken, dass es ihnen nicht tief genug ist, die gerne mehr erfahren möchten, verweise ich sowohl im Fließtext selbst als auch in Fußnoten immer wieder auf Ressourcen. Zudem gilt, wie immer: die Quellen auschecken und selbst recherchieren.
Nachfolgend beginnt insofern ein kleiner Crashkurs zu Aromantik, zu Asexualität und der Frage, wie das eigentlich zusammenhängt.
Zunächst werde ich einen Blick in die Geschichte der Aromantik werfen, um im Anschluss daran einen Definitionsversuch zu wagen.
Exkurs: Als Vorschub erscheint es mir an dieser Stelle wichtig, zu betonen, dass die Geschichte immer eingebettet ist in Machtstrukturen und damit oft die Herrschaftserzählung des jeweiligen Kontextes unterstreicht. Entsprechend ist sie selektiv, in keinem Fall objektiv und lässt bestimmte Dinge aus, während andere besonders betont werden. Eindrücklich stellt das die Literaturwissenschaftlerin Saidiya Hartmann in dem Buch Aufsässige Leben, schöne Experimente dar. Dort wendet sie ihre Methode des kritischen Fabulierens an, die meint, dass Geschichte neu erzählt wird, beispielsweise aus den Augen von versklavten, oft auch queeren, versklavten Personen.[vi]
Betrachten wir queere Geschichte unter diesem Aspekt, lässt sich erkennen, dass diese häufig nicht oder nur lückenhaft überliefert ist, weil das Ziel darin bestand, sie auszulöschen, da queere Leben nicht vorkommen sollten. Das bedeutet nicht, dass es queere Leben nicht gab. Aber selbst, wenn es bestimmte Identitäten nicht gab oder wir nichts von ihnen wissen, macht es sie nicht weniger valide. Dieser Einschub zu meinem Geschichtsverständnis gilt für alle historischen Exkurse, die ich vornehme.
Bei der Beschäftigung mit der aromantischen und asexuellen Geschichte beziehe ich mich hauptsächlich auf den mitteleuropäischen Raum, sowie den globalen Norden. Der Hintergrund dieser Entscheidung liegt darin, dass dort die Konzepte ›Romantik‹ und ›Sexualität‹ erst entstanden sind und deswegen eine Abgrenzung durch Aromantik und Asexualität überhaupt notwendig wurde.[vii]
Die Geschichte der Aromantik ist schwierig nachzuvollziehen und unklar, sowie der Begriff relativ jung zu sein scheint. Es gibt Hinweise darauf, dass das Wort erstmals zu Beginn der 2000er Jahre in Schriftform verwendet wurde. Die erste Quelle, die ich ausfindig machen konnte, beruht auf der Yahoo-Gruppe Haven for the Amoeba, in der 2002 das Wort ›aromantic‹ auftauchte. Die meisten anderen Texte, die ich gelesen habe, benennen einen Eintrag auf dem Asexual Visibility and Education Network, kurz AVEN, aus dem Jahr 2005 als Ursprung des Aromantik-Begriffes.[viii] Letztlich spielt das nicht so eine große Rolle. Fakt ist, dass der Begriff verhältnismäßig neu ist. Das bedeutet jedoch nicht, wie bereits erwähnt, dass Aromantik davor nicht existierte, sondern nur, dass es davor keinen Begriff dafür gegeben hat.[ix] Ein Beispiel, das die Existenz von Aromantik zeigt, ist die Golden Orchid Society, eine Gruppe von Frauen in Guangdong, in China aus den 1640ern. Bei dieser Gruppe handelte es sich um eine Schwesternschaft gegen die Ehe. Manche von ihnen trugen ihre Haare wie verheiratete Frauen, um auszudrücken, dass sie für eine romantische Beziehung nicht verfügbar sind. Manchmal heirateten sie sich auch gegenseitig, um eine Zwangsheirat mit einem Mann zu verhindern. Andere gingen die Ehe ein, verweigerten jedoch das Ausleben dieser. Dieses Beispiel zeigt, dass es aromantische Lebensweisen schon lange gibt, auch ohne, dass sie so benannt wurden.[x]
Zudem scheint die Betrachtung des Begriffes der Limerenz bzw. Nichtlimerenz interessant, der 1979 von der US-amerikanischen Psychologin Dorothy Tennov geprägt wurde. Unter Limerenz wird dabei der Zustand des Verliebtseins verstanden, während Nichtlimerenz die Abwesenheit von Verliebtsein beschreibt. Interessant daran ist, dass Tennov davon ausging, dass es Menschen gibt, die sich noch nie verliebt haben und auch nie verlieben werden. Trotzdem sind Limerenz und Aromantik nicht gleichzusetzen, weil es einerseits aromantische Menschen gibt, die limerent, also verliebt sein können und andererseits Menschen, die nicht aromantisch sind, auch nicht limerent sein können. Schließlich sind nicht alle permanent verliebt. Dennoch lässt sich Nichtlimerenz als Vorläufer von Aromantik betrachten und ist somit von Bedeutung für die aromantische Geschichte. Zu diesem Fazit komme ich auch deshalb, weil Tennov die erste Arbeit geschrieben hat, die anerkennt, dass es Menschen gibt, die sich nie verlieben.[xi]
Nach diesem kurzen Einblick in die aromantische Geschichte halte ich es für unabdingbar, Aromantik zu definieren und damit zu erklären. Hierfür greife ich zunächst auf die Ressourcen des Blogs AktivAro zurück, der viele Informationen zu Aromantik auf Deutsch zusammenstellt. Schaut euch das unbedingt an. Auf ihrer Seite schreiben sie:
»Aromantik ist eine romantische Orientierung. Mit dem Label lässt sich ein von den normativ gesellschaftlichen Erwartungen abweichendes Empfinden von Romantik beschreiben, unter anderem auch dessen Abwesenheit.«[xii]
Mit dieser Formulierung gelingt es ihnen, eine Definition von Aromantik zu geben, die ohne den Verweis auf die romantische Anziehung auskommt. Das finde ich deshalb überzeugend, weil romantische Anziehung nur schwer zu definieren ist und manche aromantische Menschen mit diesem Konzept nichts anfangen können.
Gleichzeitig wird bei der Definition von AktivAro sichtbar, dass es sich bei Romantik um ein Konstrukt handelt.[xiii] Romantik ist demnach nichts ›Natürliches‹, sondern etwas Menschengemachtes, etwas Erfundenes. Damit grenzen sie sich von anderen gängigen Definitionen ab. Oft heißt es: »Aromantische Menschen empfinden keine romantische Anziehung zu anderen Menschen und/oder haben kein Verlangen nach romantischen Beziehungen.«[xiv] (Regenbogenportal.de)
Exkurs: An dieser Stelle halte ich es für erkenntnisreich, den Begriff der Romantik genauer zu betrachten. Mein Bezugspunkt ist dabei die aktuelle Verwendung des Begriffes. Insofern führe ich dessen Geschichte nicht weiter aus.[10]
Überwiegend wird der Begriff heute in Zusammenhang mit romantischer Anziehung, romantischer Beziehung oder romantische*r Partner*in gedacht.[xv] Romantisch als Adjektiv kann sowohl für Personen verwendet werden, eine Person wird also als romantisch beschrieben als auch beispielsweise Objekte und Plätze als romantisch bezeichnet werden.[xvi] Es gibt die romantische Reise oder Achtung, ich greife ganz nach unten in die Klischeekiste, die romantische Geste, die sich im Schenken von roten Rosen ausdrücken kann.
Häufig ist jedoch gar nicht so klar, was Romantik nun eigentlich bedeutet. Es ist schwer zu greifen. Ich stelle die These in den Raum, dass, wenn Menschen gefragt werden, was Romantik für sie bedeutet, mitunter sehr unterschiedliche Antworten gegeben werden. Als ich meine Freund*innen dazu befragte, waren viele mit der Frage sichtlich überfordert und keine Person konnte mir eine konkrete Antwort geben. Am ehesten einte sie noch, dass sie es häufig mit einer kitschigen Vorstellung verbanden.
Zudem unterliegt »das Konzept der Romantik in Partnerschaften […] vor allem einer kulturellen Prägung, je nach historischer Epoche und Weltreligion«[xvii] (Carmilla DeWinter). Deswegen schließe ich mich Carmilla DeWinter und Jasmin Dreyer an, die in dem Heft Aus dem Off – Asexualität, Aromantik und die Sache mit dem Glück schreiben: »Romantik ist somit eine nebulöse Idee, die aufgrund von Erziehung, gesellschaftlichen Normen und individuellen Erwartungen sehr viel beinhalten kann, von zarter schwärmerischer Überhöhung über erotisches Knistern bis hin zum Wahn.«[xviii]
Weiter schreiben sie »Romantik ist also letztlich ein erlerntes Verhalten, das auf gewissen Vorstellungen von einer Liebesbeziehung in unserem Kulturkreis beruht.«[xix] Das unterstreicht meinen vorherigen Punkt, dass es eben unterschiedlich sein kann und bezeugt, dass Romantik ein Konstrukt, also eine menschengemachte Idee ist. Die Autor*innen Annika Baumgart und Katharina Kroschel schreiben dazu in ihrem Buch (un)sichtbar gemacht – Perspektiven auf Aromantik und Asexualität: »Manche Gesten, Handlungen und Formen von Intimität werden zum Beispiel in einigen Kulturen als romantisch verstanden, in anderen Kulturen jedoch als freundschaftlich, familiär oder sexuell.«[xx]
Diesen Definitionsversuchen schließe ich mich an. Romantik und insbesondere die romantische Liebe und die daraus resultierenden romantischen Beziehungen sind Konstruktionen, die dazu dienen, Gesellschaften zu strukturieren. Im Prinzip ist es dafür auch egal, was Romantik letztlich ist. Wichtig ist, dass durch Romantik patriarchale Strukturen begründet werden; Also,Heteronormativität, binäres Denken, Rollenzuschreibungen und eben die romantische Beziehung, die das Fundament der Ehe ist und ein Zusammenleben vorschreibt, das unerlässlich für den Kapitalismus ist.[11]
Als Randnotiz: Dinge, die mit der Epoche der Romantik in Zusammenhang stehen, werden ebenfalls als romantisch beschrieben, wie beispielsweise ein*e romantische*r Autor*in.[xxi] Diese Art der Romantik ist für dieses Buch irrelevant.
Bei der zweiten Definition ist es mir wichtig, darauf zu verweisen, dass aromantische Menschen durchaus romantische Beziehungen eingehen und auch eingehen wollen oder sich eine solche wünschen. Genauso wie es aromantische Menschen gibt, die keine romantische Beziehung führen möchten und damit grundsätzlich nichts anfangen können.[xxii] Das kann unterschiedliche Gründe haben. Ein Grund kann die Angst vor dem Alleinsein sein.[xxiii] Andere wiederum finden die Vorstellung, in einer romantischen Beziehung zu sein, schön. Erklärt werden kann das beispielsweise, unter Rückgriff auf das oben gezeichnete Romantik-Verständnis, damit, dass romantische Aktivitäten nicht an sich romantisch sind, sondern, dass sie so konnotiert sind. Deswegen steht Romantik nicht unbedingt in Zusammenhang mit romantischer Anziehung oder romantischen Beziehungen.[xxiv] Umgekehrt gilt das übrigens auch und ist vielleicht verbreiteter. Ich habe beispielsweise eine Freundin, die romantische Anziehung verspürt und eine romantische Beziehung führt, romantische Aktivitäten aber total hasst oder wie sie sagt, cringe findet. Gut finde ich an der zweiten Definition von Regenbogenportal, dass vor dem Halbsatz »haben kein Verlangen nach romantischen Beziehungen« ein ›und/oder‹ steht und damit markiert wird, dass es nicht auf alle aromantischen Menschen zutrifft.
Die Komponente der romantischen Anziehung, die eben nicht gleichzusetzen ist mit Romantik an sich fehlt mir an der Beschreibung von AktivAro.
Weiterhin kritisiere ich an der Definition von Regenbogenportal, dass dort steht, »Aromantische Menschen empfinden keine romantische Anziehung.« Das Problem, das ich mit dieser Formulierung habe, ist das Wort ›keine‹, das uneingeschränkt verwendet wird, da es durchaus aromantische Menschen gibt, die romantische Anziehung verspüren, aber beispielsweise nur selten, und dadurch ebenfalls von der normativen gesellschaftlichen Vorstellung abweichen. Deshalb halte ich es für sinnvoll, diese Definition, um die von Baumgart und Kroschel zu ergänzen, die formulieren: »Aromantisch zu sein bedeutet keine, wenig, zeitweise und/oder nur unter bestimmten Umständen romantische Anziehung zu empfinden«.[xxv] Aus meiner Perspektive macht es Sinn, diese drei Definitionen miteinander zu kombinieren, um das Erleben von möglichst vielen aromantischen Menschen abzudecken und unterschiedliche Optionen aufzuzeigen, wie sich Aromantik anfühlen kann.
Mein Versuch davon sieht so aus:
Aromantik bezeichnet eine romantische Orientierung.[12] Aromantisch zu sein bedeutet, dass eine Person keine, wenig, zeitweise und/oder nur unter bestimmten Umständen romantische Anziehung empfindet und/oder kein Verlangen nach einer romantischen Beziehung hat. Darüber hinaus kann Aromantik (muss aber nicht) ein Erleben beschreiben, das von den normativ gesellschaftlichen Erwartungen an das Konzept der Romantik abweicht, beispielsweise auch dessen Abwesenheit. Außerdem kann es andere Gründe geben, die es als hilfreich erscheinen lassen, sich als aromantisch zu labeln.
Auch wenn ich versucht habe, möglichst viele Formen des Erlebens von Aromantik in dieser Definition unterzubringen und einzuschließen, wird es wohl niemals gelingen, jedes Erleben mit einer Definition abzudecken. Deswegen ist mir einerseits die Offenheit durch den letzten Satz der Definition wichtig, die ich aus Überlegung zur Definition von Asexualität von AktivistA, einem Verein zur Sichtbarmachung des asexuellen Spektrums, übernommen habe.[xxvi] Andererseits bin ich der Überzeugung, dass unterschiedliche Definitionen von Aromantik nebeneinanderstehen können, sich nicht ausschließen müssen und es nicht die eine perfekte Definition geben muss.[xxvii] Zusätzlich begreife ich die Suche nach einer geeigneten Definition als Prozess, der niemals abgeschlossen ist und immer wieder angepasst werden muss. Insofern stellt die Definition immer nur eine Annäherung an die Wirklichkeit dar, bildet sie aber niemals in Gänze ab.
Eine Herausforderung, die sich beim Versuch des Definierens oder Erklärens von Aromantik ergibt, ist, dass Menschen jeweils nur ihr eigenes Empfinden kennen. Aromantische Menschen wissen folglich, wie bereits kurz angerissen, häufig nicht, wie sich normative romantische Anziehung anfühlen soll. Insofern können sie es nicht beschreiben, zumindest nicht in Abgrenzung dazu.[xxviii] Diese Schwierigkeit kann eine Herausforderung in der Identitätssuche sein, beispielsweise in der Frage, ob eine Person sich als aromantisch empfindet. Auch ich habe lange Zweifel gehabt, ob ich aromantisch bin, ob das zu mir und meinem Erleben passt. Das war eine der Hauptfragen, die ich mir gestellt habe. Es war schwierig für mich festzustellen, eben weil ich nicht weiß, wie sich romantische Anziehung anfühlen soll. Aber, weil ich das Gefühl habe, nicht in die normative Vorstellung vom Empfinden von romantischer Anziehung reinzupassen, habe ich für mich entschieden, dass sich das Label aromantisch für mich gut und passend anfühlt. Wie ich zu dieser Entscheidung gekommen bin, beschreibe ich ausführlich im Kapitel Und was hat das mit meinem Leben zu tun?.
Exkurs: »The important thing to remember is that labels don’t have to be permanent, and you’re the only one who can say who you are.«[xxix] – »Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass Labels nicht dauerhaft sein müssen und du die einzige Person bist, die sagen kann, wer du bist.«[13] (Samantha Rendle)
Die Frage, mit der ich mich in diesem Exkurs beschäftigen möchte, ist, was ein Label überhaupt ist. Queer Lexikon schreibt: »Ein Label […] ist ein Wort, das Menschen benutzen, um ihre sexuelle bzw. romantische Orientierung und/oder ihr Geschlecht zu beschreiben. Lesbisch, schwul, bisexuell, asexuell, trans, inter, nichtbinär und queer sind Beispiele für Labels.«[xxx]
Der Zweck von Labels besteht darin, gemeinsame bzw. ähnliche Erfahrungen zu beschreiben und zu fassen. Damit können sie eine Orientierungshilfe sein und dazu führen, dass Menschen sich weniger allein fühlen oder vielleicht überhaupt erst verstehen, dass sie anders empfinden als von der hetero-, cis-, endo-[14], und allonormativen[15] Gesellschaft vorgegeben. Damit können sie empowernd sein. Wichtig ist, dass kein Mensch sich labeln muss. Es kann eine total richtige Entscheidung sein, kein Label zu benutzen. Das ist völlig valide. Es kann aber auch hilfreich sein, sich mit sich selbst und unterschiedlichen Labels auseinanderzusetzen, um sich dadurch besser kennenzulernen und zu verstehen.[xxxi]
Diesen Punkt habe ich mitaufgenommen, weil ich mich sehr gut damit identifizieren kann. Lange habe ich gesagt, dass ich queer bin. Das war mir irgendwann klar und darin bestand und besteht kein Zweifel für mich. Die genaue Bedeutung davon war mir lange jedoch unklar. Ich wusste nicht, was genau das für mich und meine Identität bedeutet. Lange habe ich nach außen gesagt, dass ich mich nicht genauer lablen will, auch aus dem Grund, weil ich damit zeigen wollte, dass ich keiner Person Rechenschaft schuldig bin. Ich wollte zeigen, dass es niemanden etwas angeht, was das in meinem Fall jetzt konkret heißt. Diese Ansicht vertrete ich immer noch. Gleichzeitig bot sich dadurch ein Versteck für mich. Ein Versteck, das es mir ermöglichte, mich nicht genauer mit mir auseinanderzusetzen. Ich habe mich auch aus einer Angst heraus als queer gelabelt, weil ich mich nicht mit mir auseinandersetzen wollte, weil ich diesen Prozess nicht zulassen wollte. Zu diesem Zeitpunkt war das völlig ok, und ich glaube, es war gut, dass ich mir die Zeit gegeben habe. Es wäre auch valide, wenn ich mich bis heute nicht genauer damit beschäftigt hätte! Aber es tut mir gut, dass ich diesen Prozess gemacht habe und dass ich mir meine eigene Identität eingestanden habe. Aber auch hier gilt, jede Person geht ihren eigenen Weg. Nichts davon ist besser oder schlechter, nichts davon ist als richtig oder falsch einzuordnen.
Ein weiterer Grund, der dazu führte, mich als queer zu labeln, war, dass ich es als praktisch empfand, mir möglichst viele Türen offenzuhalten. Ich hatte Angst, dass ich, sobald ich mich lable, in diesem Label gefangen bleibe. Auch wenn ich phasenweise einfach etwas gesagt habe, von dem ich dachte, es könnte passen. Aber das habe ich eher für ein Außen gemacht als für mich selbst. Ich hatte Angst, dass, wenn ich mich ernsthaft mit einem Label identifiziere, für mich Türen geschlossen werden und ich das Gefühl habe, diesem Label komplett und für immer entsprechen zu müssen. Konkret hatte ich davor Angst, dass ich mich verliebe und es dann nicht zulasse, denn ich bin ja aromantisch. Das habe ich lange als einschränkend empfunden. Mittlerweile weiß ich, dass Identitäten fluide sein können, dass sich Label verändern können und dürfen, aber nicht müssen. Eine Person kann ein Label so lange für sich nutzen, solange es sich richtig und passend anfühlt. Das kann für immer sein, das kann auch nur ganz kurz sein. Die einzige Person, die entscheiden kann, welches Label für den Moment passend erscheint, bist du selbst.
Ach ja, und es gilt auch wirklich, dass du dich nicht labeln musst, auch das ist eine valide Entscheidung, die für immer oder temporär gelten kann, und du darfst dich übrigens auch als aromantisch identifizieren, auch wenn du dich schon mal verliebt hast oder gerade verliebt bist.
Die Kurzform von Aromantik/aromantisch ist aro.
Es war eine bewusste Entscheidung, das Kapitel mit der Definition von Aromantik zu beginnen. Diese Wahl habe ich getroffen, weil Aromantik häufig unter Asexualität subsumiert wird und damit noch weniger Raum und Sichtbarkeit erhält. Als Beispiel für diese Annahme kann ich anekdotisch erzählen, dass ich manchmal von anderen Menschen ausschließlich als asexuell beschrieben werde und/oder damit meine Aromantik gemeint ist. Dieses Phänomen spiegelt sich auch darin wider, wenn andere Menschen versuchen zu beschreiben, was das Thema dieses Buches ist. Häufig bekomme ich mit, dass Menschen sagen, dass ich ein Buch zu Asexualität und Freund*innenschaft schreibe. Beides ist nicht ganz falsch, aber es vergisst eben, dass ein Kernpunkt dieses Buches meine aromantische Sichtweise ist. In dem Buch Hopeless Aromantic – An Affirmative Guide to Aromanticism wird sogar geschrieben, dass die zweithäufigste Frage, die zu Aromantik gegoogelt wird, die Frage danach ist, ob Aromantik und Asexualität dasselbe sind.[xxxii] Das konnte ich für den deutschsprachigen Raum zwar nicht feststellen, und trotzdem habe ich das Gefühl, dass einige Menschen mit dem Begriff Asexualität vielleicht noch etwas anfangen können, der Begriff der Aromantik jedoch sehr unbekannt ist. Zu erkennen ist dies auch daran, dass es zu Asexualität einige Bücher gibt, während Aromantik nur gekoppelt an Asexualität besprochen wird, zumindest auf dem deutschsprachigen Buchmarkt. Ein anderes Beispiel zeigt sich im Buch Queergestreift Alles über LGBTIQA+ von Kathrin Köller und Irmela Schautz. Bereits im Inhaltsverzeichnis steht als Kapitelüberschrift A+ A_Sexual, während der zweite Punkt darunter Arrows? Aros! ist.[xxxiii] Aromantik und Asexualität sind nicht das gleiche und Aromantik unter Asexualität zu subsumieren, verschleiert, dass es sich um zwei Spektren und zwei unterschiedliche Orientierungen handelt. Weiterhin finden sich in dem Buch viele falsche und problematische Aussagen, die ace_arovolution, die u. a. in einem Blog Bildungsarbeit zu Aromantik und Asexualität machen, ausführlich beschreiben. Lest dort gerne nach, falls euch das interessiert.[xxxiv]
Deswegen ist eines meiner Anliegen, der Aromantik eine größere Sichtbarkeit zu verleihen. Zusätzlich geht es in diesem Buch vielmehr um meine aromantische Identität und wie sie meinen Blick auf Beziehungen beeinflusst. Meine Asexualität spielt hingegen nur eine untergeordnete Rolle.
Da Aromantik und Asexualität jedoch verknüpft sind und es auch dazu viel zu wenig Ressourcen und Literatur gibt, halte ich es für erforderlich, mich ebenfalls mit Asexualität auseinanderzusetzen.
Werfen wir also einen Blick auf die Entstehungsgeschichte des Begriffs der Asexualität. Im Vergleich zu der Geschichte der Aromantik, ist die Historie zu Asexualität erstaunlich gut überliefert, sowie nachvollziehbarer. Trotzdem gehe ich nur auf die groben Eckpfeiler ein.[16] Für das Verständnis von asexueller Geschichte ist es lohnenswert, sich mit der Historie von sexuellen Orientierungen im Generellen zu beschäftigen. Zudem ist an dieser Stelle der Hinweis wichtig, dass Asexualität in der Vergangenheit häufig ausschließlich in dem Sinne verstanden wurde, dass eine Person keinen Sex hat/haben will. Das stimmt nicht mit dem heutigen Verständnis von Asexualität überein und exkludiert einige asexuelle Formen des Erlebens. Das ist unbedingt mitzudenken und zu kritisieren. Im 19. Jahrhundert wurde Asexualität erstmals benannt. Auch hier gilt, dass das nicht bedeutet, dass es Asexualität vorher nicht gab, sondern, dass sie nicht als solche benannt wurde. Menschen haben aber mit hoher Wahrscheinlichkeit schon immer so empfunden. Asexualität wurde in vielen Schriften ab dem 19. Jahrhundert mitgedacht, auch wenn teilweise andere Begriffe/Umschreibungen verwendet wurden. Asexualität spielt im Nachdenken und der Konzeption eines Sexualitätsverständnisses der letzten 150 Jahre immer eine Rolle. Insofern ist es keine Sexualität, die neu wahrgenommen wird.[xxxv] Besonders häufig wird auf den Biologen und Sexualforscher Alfred Kinsey Bezug genommen, wenn die asexuelle Geschichte beleuchtet wird. Kinsey führte eine Studie durch, für die er über 11.000 weiße Personen aus den USA über ihre sexuellen Aktivitäten, Fantasien usw. befragte. Mit diesem Projekt trug er zu der sexuellen Revolution der 1960er Jahre bei. Aus den Ergebnissen seiner Untersuchungen erstellte er die Kinsey Skala, die sich von 0 (ausschließlich heterosexuelle Erfahrungen) bis 6 (ausschließlich homosexuelle Erfahrungen) spannte. Die Zwischenstufen können als Formen von Bisexualität interpretiert werden. Außerdem stellten Kinsey und sein Team ebenso, wie Vorgänger*innen von ihnen, fest, dass es Menschen gibt, die keinen Sex haben. Um Menschen zu symbolisieren, die keine sexuellen Interaktionen haben oder keine Reaktion auf sexuelle Stimulation zeigen, wurde ein X auf der Kinsey Skala etabliert. Ab da gibt es einen Platz für asexuelle Menschen.[xxxvi]
1972 erscheint das Buch The Asexual Manifesto von Lisa Orlando, das als asexuelles Awakening interpretiert werden kann. Dort wurde der Begriff der Asexualität in einem Verständnis, wie es heute gängig ist, geprägt.[xxxvii] Zusammenfassend heißt das, dass Asexualität schon lange, auch in wissenschaftlichen Arbeiten, beschrieben wurde, auch wenn es nicht immer so benannt wurde.
Über die Definition von Asexualität gibt es eine Debatte. Das deutschsprachige AVEN schreibt: »Asexualität – kein Verlangen nach sexueller Interaktion.«[xxxviii] Kritiker*innen dieser Definition argumentieren, dass es durchaus asexuelle Menschen gibt, die den Wunsch nach sexueller Interaktion verspüren. Dafür müssen sie die Person, mit der sie Sex haben wollen, nicht notwendigerweise sexuell anziehend finden.[xxxix] Diese Definition schließt also bestimmte Formen des asexuellen Erlebens aus.
Das englischsprachige AVEN hingegen erklärt: »Asexuelle Menschen empfinden keine sexuelle Anziehung.«[xl] Auch diese Definition wird kritisiert, da für asexuelle Menschen oft nicht klar ist, was mit dem Konzept der sexuellen Anziehung gemeint sein soll. Sie wissen nicht, was es bedeuten soll, und können entsprechend auch nicht benennen, dass sie keine sexuelle Anziehung empfinden.[xli] Zusätzlich kritisiere ich an dieser Definition, dass sie ausschließlich das Wort ›keine‹ verwendet. Deswegen würde ich auch hier gerne die Definition von Baumgart und Korschel ergänzen: »Asexuell zu sein bedeutet keine, wenig, zeitweise und/oder nur unter bestimmten Umständen sexuelle Anziehung zu empfinden.«[xlii]
Eine weitere Definition steht in dem Glossar von AktivistA, einem Verein zur Sichtbarmachung des asexuellen Spektrums, den ihr euch auch unbedingt mal ansehen solltet:
»Asexualität ist eine sexuelle Orientierung. Asexuelle Menschen verspüren meist keine sexuelle Anziehung und/oder kein Verlangen nach sexueller Interaktion oder empfinden es aus anderen Gründen als hilfreich, sich als asexuell zu bezeichnen.«[xliii]
Diese Definition vereint die beiden AVEN Definitionen und ergänzt sie zudem um den Punkt, dass es auch andere Gründe geben kann, als die explizit benannten, die dazu führen können, dass sich eine Person als asexuell beschreibt. Ich finde diese Definition überzeugend, weil sie die unterschiedlichen Erfahrungen von Asexualität fasst und dabei möglichst viele Empfindungen zulässt. Damit wird nicht vorgegeben, wie sich Asexualität anfühlen muss, sondern ein Spielraum für unterschiedliche Erfahrungen eröffnet. Diese Herangehensweise überzeugt mich deshalb, weil ich es wichtig finde, zu zeigen, dass unterschiedliche Erleben valide sind und alles Mögliche zur Asexualität dazugehört und seinen Platz hat.
Dennoch würde ich sie gerne anpassen, indem ich sie mit der Definition von Baumgart und Kroschel kombiniere. Mein Vorschlag lautet insofern:
Asexualität bezeichnet eine sexuelle Orientierung. Asexuell zu sein bedeutet, dass eine Person keine, geringe, gelegentlich und/oder nur unter bestimmten Umständen sexuelle Anziehung empfindet und/oder kein Verlangen nach sexueller Interaktion verspürt. Außerdem kann es andere Gründe geben, die es als hilfreich erscheinen lassen, sich als asexuell zu labeln.
Es gibt auch noch weitere Definitionen und das Erleben von Asexualität ist sehr unterschiedlich. Deswegen würde ich ace_arovolution zustimmen. Sie schreiben: »Entsprechend ist es schwer bis unmöglich, eine einheitliche und allumfassende Definition von Asexualität zu formulieren.«[xliv] Aus diesem Grund führt der Autor KJ Cerankowski im Bezug auf Ace_arovolution an, »Asexualitäten im pluralen Sinne«[xlv] zu verstehen und unterschiedliche Verständnisse von Asexualität sich nicht gegenseitig ausschließen.[xlvi] Diese Forderung unterstütze ich in jedem Fall und glaube zusätzlich, dass wir offen sein sollten, immer wieder neue Perspektiven kennenzulernen und mit aufzunehmen. Insofern ist es immer nur ein Versuch, Asexualität zu definieren, der prozesshaft ist und als Annäherung an die Wirklichkeit verstanden werden kann.
Um das Verständnis von Asexualität greifbarer zu machen, sowie häufigen Missverständnissen zu entgehen, kann es sich lohnen, zwischen sexueller Erregung, sexuellem Verlangen und sexueller Anziehung zu unterscheiden.
Sexuelle Erregung beschreibt eine körperliche Reaktion auf eine Stimulation, die beispielsweise durch Gerüche, Berührungen oder Vorstellungen ausgelöst werden kann. Eine sexuelle Erregung ist kein Zeichen dafür, dass Konsens vorliegt. Auch bei sexualisierter Gewalt kann sexuelle Erregung auftreten.[xlvii] Insofern kann durch eine sexuelle Erregung nicht abgeleitet werden, ob Menschen Spaß an Sex haben oder nicht. Asexuelle Menschen können sexuell erregt sein.
Sexuelles Verlangen, auch Libido genannt, meint den Wunsch nach Sex inklusive Masturbation. Sexuelles Verlangen ist personenunabhängig. Das heißt, die sexuelle Anziehung ist nicht auf eine bestimmte Person gerichtet, kann in unterschiedlichen Kontexten auftreten und ist individuell.[xlviii] Manche asexuellen Menschen spüren kein sexuelles Verlangen, während andere asexuelle Menschen eine Libido haben und beispielsweise masturbieren, wenn sie dieser Lust nachgehen wollen.[xlix]
Sexuelle Anziehung ist personengerichtet, meint also, dass eine Person den konkreten Wunsch verspürt mit einer oder mehreren bestimmten Person(en) Sex zu haben. Gründe, die zu dem Empfinden von sexueller Anziehung führen, sind vielschichtig. Es kann beispielsweise an dem Geruch eines Menschen liegen und/oder an der emotionalen Verbundenheit.[l]
Sexuelle Anziehung ist die Grundlage, aus der sich sexuelle Orientierungen ableiten, wie heterosexuell oder bisexuell. Auch Asexualität fällt darunter. Kroschel und Baumgart schreiben dazu: »Asexuelle Menschen empfinden nie, selten, in geringem Maße und/oder nur unter bestimmten Umständen sexuelle Anziehung.«[li]
Die Kurzform von Asexualität ist ace.[lii]
Ein zentraler Begriff für Aro/Aces ist der des Spektrums, weil er unterschiedliche Erleben und verschiedene Ausprägungen sichtbar machen und anerkennen soll. Es können verschiedene Spektren unterschieden werden. Beispielsweise gibt es das aromantische Spektrum, das alle aromantischen Identitäten vereint, während das asexuelle Spektrum alle asexuellen Identitäten abbildet. Dabei verstehe ich ›Spektrum‹ der Argumentation von ace_arovolution zufolge nicht als »Graubereich zwischen zwei Endpunkten«,[liii] sondern vielmehr als einen »Raum, der nicht fassbar ist.«[liv]
Exkurs: Okay, aber was zur Hölle meine ich eigentlich mit unterschiedlichem Erleben von Asexualität und Aromantik und wie sieht das genau aus?
Das ist eine sehr berechtigte Frage und vielleicht schwirrt sie schon länger in deinem Kopf herum.
Grundsätzlich gilt, dass nicht alle asexuellen und aromantischen Menschen das gleiche Empfinden haben. Ist auch eigentlich nicht überraschend, oder? Das ist bei allen anderen Identitäten ja auch so. Wir sind schließlich Individuen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Erfahrungen und eben unterschiedlichen Empfindungsweisen.
Für Aromantik bedeutet das beispielsweise, dass es aromantische Menschen gibt, die romantische Anziehung empfinden, aber nur zu Menschen, die sie wenig kennen, sobald sie die Person besser kennenlernen, verfliegt die romantische Anziehung. Für dieses Empfinden gibt es ein eigenes Label, ein sogenanntes Microlabel, nämlich frayromantisch.
Bei einer asexuellen Person könnte es z. B. sein, dass sie sexuelle Anziehung verspüren kann, aber nur unter dem Umstand, bereits eine enge Beziehung zu der Person zu haben und sich emotional mit ihr verbunden zu fühlen. Für dieses Erleben könnte das Microlabel demisexuell passend sein.
An dieser Stelle belasse ich es mit den zwei Beispielen. Es gibt wirklich sehr viele unterschiedliche Microlabels. Wenn du auf der Suche nach einem passenden Microlabel für dich bist oder Interesse daran hast zu sehen, welche anderen Empfindungen es gibt, dann informiere dich gerne selbstständig dazu. Da ich versuche, nicht zu sehr ins Detail zu gehen, werde ich keine weiteren Microlabels vorstellen.
Wichtig zu merken an dieser Stelle ist, dass die Microlabels in das Spektrum fallen. Asexualität ist eben nicht gleich Asexualität und Aromantik nicht gleich Aromantik.
Gleichzeitig ist mir hier noch wichtig zu betonen, im Anschluss an ace_arovolution, dass Spektren nicht linear zu denken sind, also je nach Abstufung eingeordnet werden können, sondern komplexer sind.[lv] Und da wir schon dabei sind: Es gibt auch keine Person, die irgendwie asexueller ist als die andere. Gleiches gilt für Aromantik. Das ist kein Wettbewerb, all unser Erleben ist unterschiedlich und das ist völlig fein so!
Nach meinem Verständnis sind die Begriffe Aro/Ace bereits Sammelbegriffe, die alle Identitäten fassen, die sich auf dem Spektrum befinden. Für mich muss das Spektrum nicht immer erwähnt werden, sondern es ist den Begriffen bereits inhärent.
Exkurs: Im Prozess der Recherche für dieses Kapitel war es unerlässlich für mich, mich auch mit der Schreibweise von Asexualität und Aromantik auseinanderzusetzen. Für Menschen, die bereits mehr von mir gelesen haben, kommt es deswegen bestimmt nicht überraschend, dass ich an dieser Stelle eine kleine Abhandlung über die Schreibweise und die unterschiedlichen Sichtweisen dazu schreibe.
Und mal wieder gibt es eine Debatte über die Schreibweise von Asexualität und Aromantik, auch innerhalb der Community. Die Diskussion kreist um die Frage, ob Aromantik und Asexualität mit einem Unterstrich geschrieben werden sollten. Das würde so aussehen: A_romantik / A_sexualität. Befürworter*innen dieser Schreibweise, u. a. AktivistA, argumentieren, dass dadurch sichtbar wird, dass es sich bei den Begriffen um Spektren handelt.[lvi] Kritiker*innen, darunter ace_arovolution, plädieren dafür, diese Schreibweise nicht zu verwenden. Als Argumente bringen sie hervor, dass die Schreibweise zum einen ohne Kontext irreführend ist. Zum anderen stellt sie ein Othering dar und verliert dadurch ihre vermeintliche Inklusivität. Das Othering zeigt sich beispielsweise daran, dass andere Identitäten auch nicht mit einem Unterstrich geschrieben werden. Es gibt z. B. keine Debatten darüber, Hetero_sexualität oder Bi_sexualität zu schreiben, obwohl es sich dabei auch um Spektren handelt. Außerdem ist es schlichtweg nicht notwendig, da beide Begriffe, wie jetzt hoffentlich zur Genüge erwähnt, eh schon für ein Spektrum stehen.
An dieser Stelle ein wichtiger Disclaimer: Die vorgebrachte Argumentation bezieht sich ausschließlich auf Fremdzuschreibungen, wie in diesem Buch beispielsweise, indem ich neben mir auch über aro/ace Menschen im Allgemeinen schreibe. Es geht explizit nicht um Selbstbezeichnungen. Bei Selbstbezeichnungen liegt die Definitionsmacht immer bei der jeweiligen Person. Wenn ein Mensch als Selbstbezeichnung z. B. a_romantisch bevorzugt, ist das unbedingt zu respektieren. Es aber »auf die gesamte Community zu übertagen, ist allerdings ein no-go«,[lvii] wie ace_arovolution treffend formuliert haben.
Mich überzeugt die Argumentation von ace_arovolution in allen Punkten. Deswegen empfehle ich, den gesamten Blogeintrag nachzulesen.
Mein Entschluss ist dementsprechend, Aromantik und Asexualität ohne Unterstrich zu schreiben.
Neben den einzelnen aro/ace Spektren gibt es das Aspec, das aus dem Englischen von a-spectrum übernommen wurde und auf Deutsch für A-Spektrum bzw. A-Spektren steht. Aspec ist ein Oberbegriff für alle Identitäten, die auf dem aromantischen und/oder asexuellen Spektrum liegen. Zusätzlich gibt es noch andere A-Spektren, wie beispielsweise Aplatonik.[lviii]
Im Zusammenhang mit Aromantik und Asexualität treten häufig Missverständnisse auf oder es werden falsche Bezüge gezogen. Um diesem Phänomen entgegenzuwirken, halte ich es deswegen für unausweichlich, zu betonen, was Aromantik/Asexualität nicht ist bzw. was nicht daraus folgt.
Zunächst beleuchte ich die Spezifika für Aromantik und dann für Asexualität, um im weiteren Schritt auf Fehlschlüsse einzugehen, die beide Orientierungen betreffen können.
Aromantik ist nicht gleichzusetzen damit, dass Menschen keine Emotionen spüren, keine Liebe empfinden oder keine engen sozialen Beziehungen führen können. Für welche Art von sozialen Beziehungen sie sich entscheiden, ist individuell und unterschiedlich. Entsprechend streben einige aromantische Menschen eine romantische Beziehung an oder schließen sie zumindest für sich nicht kategorisch aus, während es für andere nicht infrage kommt, in einer romantischen Beziehung zu sein.[lix] Und an dieser Stelle schon wieder ein Disclaimer, es gibt auch aromantische Menschen, die gar keine Art von Liebe empfinden, also keine platonische Liebe, keine romantische Liebe, keine familiäre Liebe usw. Sie können das Label ›Loveless‹[17] verwenden. Das ist völlig valide. Mir ist wichtig, das zu betonen, weil wir in einer Gesellschaft leben, die die Liebe als das Größte und Wichtigste zeichnet. Aber auch das ist ein gesellschaftliches Konstrukt und muss nicht auf alle zutreffen. Der Punkt, den ich hier machen will, ist, dass es eben nicht auf alle aromantischen Menschen zutrifft.[lx]
Asexualität ist nicht das Gleiche wie Zölibat und Enthaltsamkeit.
Das Zölibat ist eine religiöse, meist katholische oder orthodoxe Regel, die es Geistlichen, Mönchen und Nonnen nicht erlaubt, eine weltliche Ehe einzugehen.[18] Das beinhaltet auch ein Verbot von Sexualität, sowohl mit sich selbst als auch mit anderen. Dieser ›Verzicht‹ soll freiwillig erfolgen und ist unabhängig von dem Grad des sexuellen Verlangens oder der sexuellen Anziehung, die eine Person empfindet. Dieses Gelübde kennen auch andere Religionen, wie der Buddhismus. Allerdings liegt diesem eine andere Begründung zugrunde.[lxi] Der entscheidende Unterschied zu Asexualität ist, dass das Zölibat eine freiwillige Entscheidung ist, während das andere eine sexuelle Orientierung ist, die auf keiner Entscheidung beruht.
Enthaltsamkeit beschreibt die Tatsache, dass Menschen aus unterschiedlichen Gründen freiwillig auf Sex verzichten. Auf TikTok gibt es z. B. gerade den boysober-Trend. Für diesen verzichten Menschen ein Jahr lang auf Sex und auf eine romantische Beziehung. Getroffen wird diese Entscheidung beispielsweise, weil eine romantische Beziehung zu Ende gegangen ist und/oder die mentale Gesundheit oder andere Dinge priorisiert werden sollen.[lxii] Genauso gibt es religiöse Gründe, die Menschen dazu bewegen, zumindest temporär enthaltsam zu leben. Der Unterschied zur Asexualität ist, dass enthaltsam zu leben eine freiwillige Entscheidung ist, die sexuelle Orientierung ist es nicht. Außerdem ist weder Aromantik noch Asexualität eine physische oder psychische Krankheit. Ebenso wenig, wie eine ace/aro Identität durch ein Trauma ausgelöst ist. Auch hier gibt es den Fall, dass Menschen sich in Folge von traumatischen Erfahrungen als asexuell und/oder aromantisch labeln, aber es gilt nicht für alle. Nicht alle aspec Menschen haben ein Trauma.
Ein weiterer verbreiteter Mythos über aspec Menschen ist, dass sie immer sowohl aromantisch als auch asexuell seien. Das ist nicht der Fall. Die sexuelle und romantische Orientierung müssen nicht übereinstimmen, sondern können unterschiedlich sein. Natürlich gibt es auch hierfür Wörter, um das Erleben zu fassen. Menschen, die sowohl aromantisch als auch asexuell sind, können als konvergent beschrieben werden. Menschen, bei denen das nicht übereinstimmt, können als divergent bezeichnet werden.[lxiii]
Um das unterschiedliche Erleben von romantischer und sexueller Orientierung besser nachvollziehen zu können, wurde in den späten 1990er Jahren das Split Attraction Model (SAM) entwickelt. Die Grundannahme dieses Modells, der getrennten Anziehungen, ist, dass sexuelle und romantische Anziehung nicht übereinstimmen müssen, wie es häufig als gesellschaftliches Narrativ vorgegeben wird. Es geht sogar noch weiter und differenziert noch weitere Möglichkeiten von Anziehung. Die häufigsten Anziehungsarten, die im deutschsprachigen Raum diskutiert werden, sind neben romantischer und sexueller Anziehung die folgenden drei:[lxiv]
• Sensuelle/Sinnliche/Sensorische Anziehung bezieht sich darauf, einer Person mit den Sinnen nahe sein zu wollen. Das kann z. B. Kuscheln oder gemeinsames Musikhören sein.
Ästhetische Anziehung beruht auf dem äußeren Erscheinungsbild oder Ausdruck einer Person, wie der Kleidung, der Gesichtsform oder dem Haarschnitt. Dies muss nicht mit normativen Schönheitsidealen übereinstimmen, sondern kann subjektiv sein. Außerdem kann es über den Sehsinn hinausgehen, beispielsweise kann es sich auf die Stimme einer Person beziehen.
Freund*innenschaftliche bzw. platonische Anziehung basiert auf Sympathie und kann entscheidend dafür sein, ob Menschen sich befreunden oder nicht.
[lxv]
Neben diesen Anziehungsarten gibt es noch weitere. Außerdem weisen Baumgart und Kroschel darauf hin, dass die Definitionen der Anziehungen lediglich Vorschläge sind und sich für Menschen jeweils anders anfühlen können, da Anziehung eh immer subjektiv und individuell ist.[lxvi] An dieser Stelle noch ein kleiner Einschub zu dem Wort Anziehung, die, wie wir ja bereits wissen, oft gar nicht so klar ist. Hier trotzdem der Versuch einer Annäherung an das Wort. Baumgart und Kroschel beziehen sich auf Evie Lupine mit den Worten, dass Anziehung »eine Empfindung [ist], die du hast oder ein Gefühl, das du bekommst, wenn dein Interesse an einer anderen Person geweckt wird.«[lxvii]
Aus diesem Modell kann entsprechend folgen, dass ein Mensch sich als homoromantisch und asexuell identifiziert. Zudem kann es genauer ausdifferenziert werden. Insofern kann eine Person sich beispielsweise als homoromantisch, bisexuell, asensuell, biästhetisch und aplatonisch beschreiben.
Dieses Modell ist nicht nur für Menschen auf dem Aspec interessant oder nützlich. Eine Person könnte sich beispielsweise als biromantisch und heterosexuell beschreiben. Dabei scheint mir die Unterscheidung von Anziehung, zumindest temporär oder personenbezogen, gar nicht so unüblich. Ich kenne beispielsweise einige Personen, die eine sexuelle Anziehung zu einer Person verspüren, jedoch keine romantische. In die andere Richtung hingegen höre ich weniger bis nicht davon, also dass Menschen eine romantische Anziehung verspüren, aber keine sexuelle. Das könnte daran liegen, dass auch hier wieder Normen wirken, die besagen, dass lockere sexuelle Begegnungen okay sind, während vermittelt wird, dass zu romantischen Beziehungen Sex zwingend dazugehört. Ein klassisches Beispiel hierfür wäre die Freundschaft+ (oder F+). Hierin zeigt sich, dass auch in der normativen Erzählung Platz dafür ist, Anziehungsarten getrennt voneinander wahrzunehmen. Und auch die Gegenerzählung, nämlich, dass eine Person nur mit einem Menschen schlafen will, wenn sie auch eine romantische Anziehung verspürt, ist gesellschaftlich anerkannt, zumindest für cis Frauen. Es gibt hier geschlechtsspezifische Unterschiede, die ich jedoch nicht weiter vertiefe.
Außerdem ergeben sich aus den unterschiedlichen Anziehungsarten, dass es neben der Bezeichnung des Crushes, der beschreibt, wenn eine Person eine romantische Anziehung verspürt bzw. ›verknallt‹ ist, noch weitere Begriffe gibt. Beispiele hierfür sind Squish und Lush. Squish beschreibt, wenn Menschen eine freund*innenschaftliche oder platonische Anziehung zu einer Person verspüren,[lxviii] während Lush meint, dass eine Person eine andere sensuell anziehend findet.[lxix]
Es gibt auch Menschen, für die das Modell nicht nützlich ist, weil sie Anziehungsarten nicht voneinander unterscheiden können. Hier soll ausdrücklich keine Binarität zwischen konvergenten und divergenten Personen erzeugt werden. Ich benenne das so explizit, weil es eine Sorge der Aspec-Community ist. Diese Binarität würde eh nicht funktionieren, weil es, wie bei allen anderen Binaritäten auch, Menschen gibt, die sich weder auf der einen noch auf der anderen Seite verorten können oder wollen. Es gibt Menschen, die nicht wissen, ob das Modell auf ihr Erleben passt. Es gibt Menschen, die nicht klar zwischen Anziehungsformen unterscheiden können. Es gibt fluide Personen usw.[lxx] Es gilt zu beachten, dass das SAM ein Modell ist, das versucht, sich an die Wirklichkeit anzunähern, sie aber niemals in Gänze abbilden kann. Mein Schluss daraus ist, dass Menschen, für die sich das Modell als nützlich erweist, es gerne verwenden können, während es ebenso ok ist, wenn es für andere Personen nicht passt.[lxxi] Zusätzlich kann das Modell individuell so angepasst werden, dass es auf das eigene Erleben passt, indem z. B. Anziehungsarten hinzugefügt werden, während andere gestrichen werden. Weiterhin gibt es die Bestrebung, das Modell zu überarbeiten.[lxxii] Dieses Vorhaben stufe ich als sinnvoll ein, denn Modelle sind häufig Übergangswerkzeuge, die so lange gut sind, bis es eine bessere Modellierung gibt. Oder es stehen zwei Modelle nebeneinander.
Eine Frage, die sich vielleicht viele stellen und die im weiteren Verlauf des Buches immer mal wieder aufgegriffen wird, ist die Frage danach, wie ich Menschen auf dem Aspec kennenlernen kann.
Ein wichtiges Wort, das ich bis jetzt absichtlich nicht verwendet habe, ist das Wort ›allo‹. Ich habe mich entschieden, das erst an dieser Stelle zu schreiben, weil es mir wichtig war, mich zunächst mit Aromantik und Asexualität auseinanderzusetzen und erst im Anschluss auf die Normkategorie einzugehen.
Das Wort ›allo‹ kann beispielsweise vor die Worte ›romantisch‹ und ›sexuell‹ gesetzt werden, sodass alloromantisch und allosexuell entsteht. Für eine Definition greife ich erneut auf Baumgart und Kroschel zurück, die schreiben: »Alloromantische/allosexuelle Menschen empfinden einen Grad an romantischer / sexueller Anziehung, der in vielen Gesellschaften als normal gilt und vorausgesetzt wird.«[lxxiii]
Mich überzeugt an der Definition, dass sie sehr breit ist und damit viele unterschiedliche Erleben von Aromantik/Asexualität einschließt. Zudem wird markiert, dass es eine Norm in der Gesellschaft gibt, der allosexuelle und alloromantische Menschen entsprechen.
Die Abkürzung sowohl von alloromantisch als auch von allosexuell ist allo. Deswegen appelliert ein Teil der Community, die Abkürzung allo-allo für Menschen, die nicht auf dem Aspec sind, zu verwenden. Damit soll markiert werden, dass es sich um zwei Orientierungen handelt, die unabhängig voneinander existieren.[lxxiv]
Im ersten Moment konnte ich die Argumentation nachvollziehen und fand sie schlüssig. Im weiteren Nachdenken darüber fiel mir allerdings auf, dass durch die Verwendung von ›allo-allo‹ ein erneuter Ausschluss produziert wird, weil ausschließlich Aromantik und Asexualität betrachtet werden. Andere Orientierungen des Aspec, wie beispielsweise Aplatonik finden keine Beachtung. Dieser Ausschluss wiegt für mich höher in der Bewertung eines geeigneten Begriffs. Deswegen habe ich mich dazu entschieden, ›allo‹ nicht in einer doppelten Form zu verwenden, sondern die einfache Abkürzung nach meinem Verständnis ausreicht, um Menschen zu beschreiben, die sich nicht auf dem Aspec befinden. Gleichzeitig finde ich es wichtig, immer wieder zu betonen, dass das Aspec viele unterschiedliche Identitäten vereint.
Die Bezeichnung von Allos ist wichtig, um die Norm zu benennen und darzustellen, dass diese nicht natürlich oder normal ist, sondern aufgrund von Machtstrukturen als dominant gilt. Der Begriff funktioniert entsprechend ähnlich wie cis, endo oder hetero.
Am Ende dieses Kapitels möchte ich klarstellen, dass Asexualität und Aromantik zum queeren Spektrum gehören und ich es höchst problematisch finde, wenn Menschen etwas anderes behaupten. Es sind Identitäten, die nicht der Norm entsprechen und damit in jedem Fall zum queeren Spektrum gehören. Etwas anderes ist es, wenn eine asexuelle Person den Begriff queer ablehnt. Dann ist das unbedingt zu respektieren, denn wie immer gilt: Selbstbezeichnungen vor Fremdbezeichnungen.
CN: Normativität, Klassismus, Allonormativität, Amatonormativität, Compulsory Sexuality, performative romance, compulsory alloromanticism, Paarnormativität, Arofeindlichkeit, Depressionen, Vorurteile gegenüber aromantischen Personen, Heteronormativität, Behindertenfeindlichkeit, Lookismus, Rassismus, sexualisierte Gewalt, Trauma
Warum denken Menschen überhaupt darüber nach, auf dem Aspec zu sein und wieso kann es empowernd sein, dieses Label für sich zu nutzen? Das liegt daran, dass es bestimmte Normen gibt, die die Gesellschaft durchziehen und denen aspec Menschen nicht entsprechen. Um zu verstehen, wie dieses Abweichen von bestimmten Normen, die Leben von aspec Menschen prägen können, erscheint es mir sinnvoll, mich intensiver mit dem Normativitätsbegriff auseinanderzusetzen, der ja bereits einige Male gefallen ist.
Neben einem allgemeinen Normativitätsverständnis möchte ich vor allem einen Blick darauf werfen, von welchen spezifischen Normen aspec Menschen diskriminiert werden.
