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Das Leben ist zu kurz, um nicht zu lieben Für Vanessa muss jeder Tag ein neues Abenteuer bereithalten und als Reisebloggerin hat sie Millionen Follower auf YouTube, die ihren Blick auf das Leben teilen. Aber jeden Moment zu genießen ist für Vanessa nicht nur ein einfaches Motto, denn ihre Mutter und Schwester sind aufgrund einer Erbkrankheit nicht einmal dreißig geworden. Doch Vanessas Vorhaben werden über den Haufen geworfen, als ihre Halbschwester die neugeborene Tochter bei ihr absetzt und verschwindet. Das war's erstmal mit den Reiseplänen und stattdessen besteht Vanessas Alltag aus Windeln, Babykotze und nächtlichen Schreianfällen. Letztere rufen ihren extrem gut aussehenden Nachbarn Adrian auf den Plan, der sich nicht nur als hilfsbereit, sondern auch als der Babyflüsterer schlechthin erweist. Nach und nach entwickeln die beiden Gefühle füreinander, aber Vanessa hat geschworen, sich niemals zu verlieben. Denn schlimmer, als für immer allein zu sein, ist auf eine Zukunft zu hoffen, die vielleicht niemals eintritt. »Eine unvergessliche Liebesgeschichte mit emotionaler Tiefe. In gleichen Teilen herzzerreißend und herrlich hoffnungsspendend.« Booklist Weitere Bücher von Abby Jimenez – alle sind unabhängig voneinander lesbar: ›The Friend Zone‹ (bereits erschienen unter dem Titel ›Wenn aus Funken Flammen werden‹) ›The Happy Ever After Playlist‹ (bereits erschienen unter dem Titel ›Wenn in mir die Glut entflammt‹) ›Part of Your World‹ ›Yours Truly‹ ›Just for the Summer‹ ›The Situationship‹ – Kurzgeschichte zum Kennenlernen von Doug und Maddie aus ›Just for the Summer‹ ›Say You'll Remember Me‹ ›Der schlechteste Wingman aller Zeiten‹ – Kurzgeschichte in der Sammlung ›The Unexpected Meet Cute‹
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Vanessa traut ihren Augen nicht, als mitten in der Nacht plötzlich Adrian vor der Tür steht und seine Hilfe mit der schreienden Grace in ihrem Arm anbietet. Dieses Szenario ist für sie noch unvorstellbarer als die Tatsache, dass ihre Halbschwester vor zwei Wochen ein Neugeborenes einfach bei ihr abgegeben hat. Denn Adrian ist nicht nur ein stadtbekannter Staranwalt, sondern auch der begehrteste Bachelor der Nachbarschaft.
Was zu Beginn als kurzfristige Unterstützung gedacht war, entwickelt sich zu regelmäßigen Babysitting-Treffen, während derer die beiden sich immer näherkommen. Adrian wird fester Teil von Vanessas Leben und blickt hinter die Fassade der YouTube-Berühmtheit. Allerdings weiß er nicht, dass Vanessa möglicherweise nur noch ein Jahr zu leben hat.
Von Abby Jimenez sind bei dtv außerdem erschienen:
The Friend Zone (ebenfalls erschienen als Wenn aus Funken Flammen werden)
The Happy Ever After Playlist (ebenfalls erschienen als Wenn in mir die Glut entflammt)
Part of Your World
Yours Truly
Just for the Summer
Situationship (Kurzgeschichte zu Just for the Summer)
Say You’ll Remember Me
Der Schlechteste Wingman aller Zeiten (Kurzgeschichte in The Unexpected Meet-Cute)
Abby Jimenez
Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Franka Reinhart
Für meine Großmutter, deren Leben
geradezu bilderbuchreif war.
Wie gern würde ich dir
dieses Buch noch zeigen können.
Clickbait Substantiv (Neutrum, Maskulinum) · Genitiv Singular: Clickbait(s) · Nominativ Plural: Clickbaits
[ˈklɪkbɛɪ̯t]
Click-bait
[Internet] (Online-)Text, meistens in Form einer reißerischen Überschrift, einer Schlagzeile oder eines kurzen Berichts, der Internetnutzer zum Anklicken eines weiterführenden Links bewegen soll (um höhere Zugriffszahlen zu erzeugen)
Digitales Wörterbuch der Deutschen Sprache
Adrian
Anhaltendes lautes Heulen.
Seit einer gefühlten Ewigkeit brüllte das Höllen-Baby in der Wohnung nebenan infernalisch. Ich lag im Bett und starrte an die Decke.
»Du musst was unternehmen. Geh endlich rüber«, schimpfte Rachel neben mir.
»Auf keinen Fall«, widersprach ich. »Ich kenne sie doch gar nicht.«
Bisher hatte ich meine Nachbarin nur ein einziges Mal unten im Hausflur gesehen, als sie ihre Post aus dem Briefkasten holte. Doch sie telefonierte dabei und wich meinem Blick aus. Jetzt ärgerte ich mich, dass ich keine Nummer von ihr hatte. Also konnte ich sie auch nicht einfach so anschreiben und bitten, ob sie vielleicht in ein Zimmer umziehen könnte, das nicht direkt an mein Schlafzimmer grenzte.
Als Rachel genervt seufzte, schmiegte ich mich von hinten an sie und zog sie zu mir heran.
Sie verkrampfte – so wie eigentlich schon die ganze Zeit, seit sie vor drei Tagen bei mir angekommen war.
»Was ist denn los?«
»Nichts«, antwortete sie über die Schulter. »Ich bin nur müde und kurz davor, mir ein Hotelzimmer zu nehmen, damit ich endlich schlafen kann. Und zwar ohne dich«, fügte sie spöttisch hinzu. Ich lachte erschöpft. Sie wusste genau, wie sie mich provozieren konnte, so viel war sicher.
Wir sahen uns nur ein Wochenende im Monat, und es war unsere letzte gemeinsame Nacht, ehe sie zurück nach Seattle flog. Deshalb wollte ich keinesfalls riskieren, dass sie wegen meiner Nachbarin und ihrem schreienden Baby ins Hotel floh.
Verdammt.
Widerwillig stieg ich aus dem Bett, zog T-Shirt und Pantoffeln an und trat ins Treppenhaus.
Ob sie überhaupt aufmachen würde? Immerhin war es vier Uhr morgens, und sie kannte mich nicht. Rachel hätte vermutlich sofort die Polizei gerufen, wenn mitten in der Nacht ein fremder Mann vor ihrer Tür gestanden hätte.
»Wer ist da?«, übertönte eine Frauenstimme das Geschrei.
»Der Nachbar.«
Die Sicherheitskette rasselte, dann wurde die Tür geöffnet.
Jep, das war die Frau vom Briefkasten. Sie sah schrecklich aus. Sie trug ein ausgeleiertes schwarzes T-Shirt mit einem Loch auf der Schulter und dazu eine fleckige Jogginghose mit Kordelzug am Bund. Ihre Haare waren wirr, und sie hatte dunkle Ringe unter den Augen.
»Was gibt’s?«, fragte sie und sah mich über das kleine, laute Bündel hinweg an, das sie auf dem Arm hielt.
Noch nie hatte ich ein derart winziges Baby gesehen. In meinem Kühlschrank lagen Käsestücke, die größer waren als dieses Kind. Es sah geradezu unwirklich aus.
Doch das, was man vom ihm hörte, war äußerst real.
Meine Nachbarin musterte mich ungeduldig. »Also?«
»Ich habe in vier Stunden einen Gerichtstermin. Ist es möglich, dass …«
»Dass ich was?« Mit stechendem Blick sah sie mich an.
»Dass Sie vielleicht in ein anderes Zimmer gehen? Damit ich noch ein bisschen Schlaf bekomme?«
»Es gibt hier kein anderes Zimmer. Das ist eine Einraumwohnung.«
Richtig. Das wusste ich eigentlich. »Okay … Tja, könnten Sie dann …«
»Was könnte ich? Dafür sorgen, dass sie aufhört?« Meine Nachbarin legte den Kopf schief. »Sie in einen Schrank sperren? Würde ich behaupten, dass ich nicht auch schon dran gedacht hätte, wäre das glatt gelogen.«
»Ich …«
»Hören Sie, ich spiele weder Trompete, noch habe ich den Fernseher zu laut gestellt. Das hier ist ein kleines menschliches Wesen, mit dem man leider nicht vernünftig reden kann. Alle bisherigen Verhandlungen sind gescheitert. Von daher weiß ich nicht, was ich Ihnen sagen soll.« Sie schaukelte das kreischende Etwas, und es schrie ungerührt weiter. »Sie ist satt, sauber und trocken. Kein Fieber. Zum Zahnen ist sie noch zu klein. Ich habe ihr Paracetamol und Tropfen gegen Blähungen gegeben. Ich wiege und schaukele sie ununterbrochen und habe langsam das Gefühl, dass es wohl so was wie kosmisches Karma sein muss, mit dem ich für Verbrechen aus einem früheren Leben bestraft werden soll. Denn ich habe nicht den blassesten Schimmer, was ich falsch mache.« Ihr Kinn begann zu beben. »Kurz gesagt: Nein, ich kann sie nicht zum Schweigen bringen. Ich kann also Ihnen, mir und ihr bedauerlicherweise nicht helfen, und es tut mir wirklich leid, wenn Ihnen mein privates Höllendrama Unannehmlichkeiten bereitet. Versuchen Sie’s doch mal mit Ohrstöpseln.«
Damit knallte sie die Tür zu.
Ratlos stand ich da und sah blinzelnd zu ihrem Spion.
Na toll. Jetzt war ich auch noch der Scheißkerl.
Erschöpft fuhr ich mir über den Bart, atmete tief durch und klingelte dann noch einmal. Ich wusste, dass sie immer noch durch den Spion schaute, denn das Babygeschrei wurde kein bisschen leiser. Sie öffnete die Tür erneut. »Was ist denn noch?« Tränen liefen ihr über das Gesicht.
Mit einer einladenden Geste sagte ich: »Geben Sie mir das Baby.«
Verständnislos starrte sie mich an.
»Gehen Sie wenigstens mal duschen. Ich nehme sie so lange.«
Irritiertes Blinzeln. »Soll das ein Scherz sein?«
»Nein, überhaupt nicht. Sie brauchen ganz offensichtlich eine Pause. Vielleicht hilft es ja.«
Wenn sie immer so weitermachte, würde sich nichts ändern. Ganz offensichtlich brachte ihre Strategie nichts. Ohne Intervention von außen war keine Besserung in Sicht.
Sie sah mich an, als hätte ich den Verstand verloren. »Ich überlasse Ihnen ganz sicher nicht mein Baby.«
»Warum nicht? Haben Sie Angst, dass die Kleine sonst schlechte Laune kriegt?« Wie um meinen Einwand zu unterstreichen, schraubte sich das Schreien eine Oktave in die Höhe. »Ich nehme sie so lange, bis Sie fertig sind. Wenn eh keiner von uns schlafen kann, müssen wir uns nicht beide quälen. Übrigens haben Sie da Babykotze im Haar.«
Sie betrachtete das auf ihre Schulter fallende Haar und entdeckte den weißen Spuckrest. Wenig überrascht verdrehte sie die Augen und sah mich dann wieder an. »Danke für das Angebot, aber das hier ist nicht Ihr Problem.«
Müde rieb ich mir die Stirn. »Tja, da muss ich leider widersprechen. Solange wir Wand an Wand wohnen, geht es uns beide an. Manchmal wirkt sich eine kleine Veränderung schon aus. Wenn jemand anders sie hält, während Sie mal Zeit zum Durchatmen haben, kommt die Kleine vielleicht zur Ruhe.«
Noch immer wiegte sie das Baby, das unaufhörlich weiterschrie. Es war nicht zu übersehen, wie frustriert meine Nachbarin war. Und unendlich erschöpft. »Ich kenne Sie doch gar nicht.«
»Mein Name ist Adrian Copeland. Ich wohne in Apartment Nummer 307, direkt neben Ihnen, und mir gehört dieses Haus. Ich bin zweiunddreißig Jahre alt, Mitinhaber der Kanzlei Beaker & Copeland in St. Paul. Ich habe keinerlei Vorstrafen, bin total harmlos und stehe hier frühmorgens um« – ich sah auf die Uhr – »sieben Minuten nach vier im Treppenhaus und versuche Ihnen zu helfen. Nun geben Sie mir schon das Baby und lassen mich rein.«
Ich sah, wie sie mit sich rang. Sie würde nachgeben. Das sagte mir meine Menschenkenntnis. Sie war wie jene einzelne Geschworene, die sich schließlich umstimmen ließ, um eine Mehrheitsentscheidung zu ermöglichen.
Und tatsächlich – sie trat zur Seite und ließ mich herein.
In ihrer Wohnung herrschte das blanke Chaos.
Man sah zwar durchaus, dass sie eigentlich schön eingerichtet war, mit viel Sinn für Gemütlichkeit. Doch nun war sie mit lauter Babykram vollgestellt – Autositz, Gitterbettchen neben dem Doppelbett, Babywippe. In der Küche standen zahllose Fläschchen und überall roch es einigermaßen streng. Also buchstäblich beschissen – nach vollen Windeln.
Meine Nachbarin beäugte mich misstrauisch. »Nur damit Sie Bescheid wissen, ich hab für den Notfall mein kleines Stechdings griffbereit, machen Sie also keinen Scheiß.«
Ich hob eine Augenbraue. »Ihr Stechdings?«
Sie reckte ihr Kinn in die Höhe. »Genau. So ein Teil für den Schlüsselbund. Und außerdem gibt’s hier Kameras. Massenweise. Und ich hab eine Waffe«, fügte sie hinzu. »Eine Pistole.«
Ich verschränkte die Arme. »Okay. Und können Sie mit Ihrer Pistole auch umgehen?«
»Nein«, erwiderte sie sachlich. »Aber das macht es noch viel gefährlicher.«
Ich musste lachen.
Sie stand vor mir und hielt nach wie vor das Baby fest im Arm. Offenbar reichte ihr Entschluss bisher nur so weit, mich hereinzubitten, nicht aber, sich tatsächlich von mir helfen zu lassen. Als ich eine auffordernde Geste machte, schüttelte sie den Kopf. »Sie müssen sich erst die Hände waschen.«
Ah ja, richtig. Das stimmte natürlich, weil Säuglinge ein schwächeres Immunsystem besaßen. Also ging ich in die Küche und wusch mir über einem schmutzigen Geschirrstapel die Hände. »Sie waren doch gar nicht schwanger«, sagte ich etwas lauter über die Schulter, damit sie mich trotz des Geschreis verstehen konnte. »Wo haben Sie das Baby denn her?«
»Aus dem Discounter«, erwiderte sie trocken. »Sie war gerade im Angebot, da konnte ich nicht widerstehen.«
Meine Mundwinkel zuckten.
Die Küchenrolle war leer, und da die Wohnung dermaßen im Chaos versank, wagte ich es nicht, das am Herd hängende Handtuch zu benutzen. Neben einer leeren Obstschale lag eine Chipotle-Serviette herum, die ich kurzerhand zum Abtrocknen verwendete. Dabei zerfiel sie zu nassen Papierfetzen, die ich im überquellenden Mülleimer entsorgte.
»Ich habe sie in Obhut genommen«, rief sie über das Gebrüll hinweg. Als ich auf sie zuging und erneut die Hände nach dem Baby ausstreckte, musterte sie mich skeptisch, ehe sie sich seitlich von mir abwandte. »Haben Sie schon mal ein Baby gehalten?«
»Nein, aber allzu schwer kann es ja wohl nicht sein.«
»Sie müssen ihren Nacken stützen. So.« Sie zeigte mir ihre Hand, mit der sie das kiwiähnliche Köpfchen hielt.
»Okay. Krieg ich hin.«
»Und Sie müssen sie wippen. Das mag sie gerne.«
»Wie das markerschütternde Schreikonzert beweist«, konterte ich.
Ihre braunen Augen wurden schmal.
»Nur ein Scherz. Ich mach das schon, versprochen.«
Ich wartete geduldig, als sie sich immer noch nicht rührte.
Endlich nickte sie. »In Ordnung.« Sie kam näher, um mir das Baby zu übergeben. Als sie sich zu mir neigte, um die Kleine in meinen Arm zu legen, atmete ich den Duft ihrer Haare ein: Vanille mit einem Touch verdorbener Milch.
Vorsichtig drückte ich das wütende Zwergbündel an mich. Noch immer schrie sie sich die Seele aus dem Leib und war schon ganz rot im Gesicht. Die Kleine war federleicht, vermutlich wog sie gerade mal fünf Kilo.
»Sind Sie wirklich sicher?«, fragte meine Nachbarin noch einmal skeptisch.
»Gehen Sie nur, ich mach das schon. Und lassen Sie sich Zeit.«
Sie zögerte. »Ich bin direkt hinter dieser Tür, falls Sie irgendwas brauchen.«
»Alles klar.«
»Das ist übrigens Grace. Und ich heiße Vanessa.«
»Freut mich, Sie kennenzulernen, Vanessa. Ab unter die Dusche!«
Sie blieb noch einen Moment stehen und drehte sich schließlich um, kramte frische Kleidung aus einer Kommode und ging ins Bad. Langsam zog sie die Tür zu, wobei sie mich so lange durch den Spalt beobachtete, bis die Tür endlich ins Schloss fiel.
Aus der zappelnden rosa Kuscheldecke in meinem Arm ertönte nun noch schrilleres Geschrei. Erneut betrachtete ich das Baby.
So schnell brachte mich nichts aus der Ruhe. Abgesehen vom Fliegen vielleicht. Ich arbeitete als Strafverteidiger. In meinem Beruf war ich tagtäglich mit dem abgrundtief Bösen konfrontiert. Daher überraschte es mich, als mich plötzlich ein seltsames Gefühl – wovon eigentlich? Angst? – überkam, als ich dieses Menschlein ansah. Die Kleine war so zart. Winziger als mein Unterarm, auf dem sie lag.
Da es mir sicherer erschien, sie im Sitzen zu halten, machte ich es mir mit ihr auf dem Sofa bequem.
Als im Bad die Dusche angestellt wurde, brüllte sie immer noch unaufhörlich weiter. Es war erstaunlich, wie lange ein so winziges Wesen schreien konnte.
»Was ist denn nur los mit dir?«, flüsterte ich.
Ich überlegte, was ihr wohl so zusetzen mochte. Bei jemandem, der noch nichts von Steuern oder Existenzsorgen ahnte, war die Palette an denkbaren Ärgernissen eigentlich überschaubar.
Da Vanessa sie gefüttert hatte, kam Hunger nicht infrage. Trocken war sie auch. Blähungen oder Schmerzen konnten es ebenfalls nicht sein. Vermutlich war sie übermüdet, doch irgendetwas hielt sie hartnäckig vom Schlafen ab.
Was hinderte mich gelegentlich am Einschlafen?
Da fiel mir etwas ein.
Ich legte sie auf das Sofakissen, öffnete die Decke, in die sie eingewickelt war und begann, ihren kleinen Schlafoverall abzutasten. Meine Finger strichen die Nähte entlang und – am Bäuchlein wurde ich fündig. Es war ein durchsichtiges T-förmiges Plastikteil, an dem zuvor das Preisschild befestigt gewesen war und das immer noch innen am Stoff hing. Von außen nicht erkennbar.
»Kein Wunder, dass du so gestresst bist. Das hätte mich auch gestört«, sagte ich verständnisvoll. Ich sah mich nach einer Schere um. Als ich keine fand, beugte ich mich hinunter und durchtrennte das störende Ding kurzerhand mit den Zähnen. Dann öffnete ich den Reißverschluss ihres Overalls, entfernte den Rest des Anhängers und strich sanft über die gerötete Stelle an ihrem Bauch. »Schhhhh …«
Nahezu umgehend hörte sie auf zu weinen.
Vanessa
Dass ich ihn nicht kannte, entsprach nicht ganz der Wahrheit. Denn Adrian Copeland war der attraktivste Mann im ganzen Haus, weshalb ich ihn selbstverständlich kannte. Oder zumindest von ihm wusste. Wie alle anderen Bewohnerinnen auch. Weil er der Inbegriff des begehrenswerten Junggesellen war.
Mich dagegen hatte er vermutlich nicht auf dem Schirm. Und als wir uns endlich begegneten, war es vier Uhr morgens, mein elterliches Totalversagen hatte ihn geweckt, und in meinen Haaren klebte Babykotze – wie unfassbar peinlich.
Aber ehrlich gesagt war ich viel zu müde, um mir darüber Gedanken zu machen. Denn ich durchlitt gerade die schrecklichste Nacht der schlimmsten zwei Wochen des gesamten Jahres. Von jetzt auf gleich musste ich als Ersatzmutter einspringen, hatte Riesenstreit mit meiner Schwester und nun drehte Grace auch noch ohne erkennbaren Grund völlig durch.
Ich kapierte es einfach nicht. Grace war eins von diesen sagenhaft pflegeleichten Babys. Unglaublich entspannt. Für so ein Überraschungsbaby, das mal eben in mein Leben gepurzelt kam, hätte ich mir kein unkomplizierteres Wesen wünschen können. Sie war kein Schreikind, schlief problemlos, und in den vergangenen zwei Wochen war bei uns allmählich eine gewisse Routine eingekehrt. Doch seit dem letzten Baden drehte sie plötzlich völlig am sonst so geschmeidigen Rad.
Ich hatte alles versucht – sogar in der Videosprechstunde ihres Kinderarztes um Rat gefragt. Doch der blieb tiefenentspannt und schlug mir lediglich vor, morgen mit Grace in die Praxis zu kommen, falls sie bis dahin immer noch so »unruhig« sei.
Somit konnte ich Adrians Angebot kaum ablehnen.
Denn erstens waren seine Überlegungen durchaus richtig. Was ich auch tat – oder unterließ –, es nützte nichts. Daher war ich mehr als offen für Vorschläge jeglicher Art. Vermutlich hätte ich es sogar mit Exorzismus probiert, wenn vor meiner Tür kein Top-Anwalt, sondern ein Priester gestanden hätte.
Zweitens hatte dieser Mann einfach zu viel zu verlieren, um etwas Unerlaubtes zu tun.
Immerhin schaffte er es mit seinen juristischen Heldentaten mindestens einmal pro Monat auf die Seiten der Star Tribune. Das wusste ich deshalb, weil die Yogafrau aus Wohnung 303 mir jedes Mal umgehend den entsprechenden Link schickte, kommentiert mit zwanzig Herzchenaugen-Emojis. Wahrscheinlich hatte sie dafür extra einen Google Alert eingerichtet. Man könnte sie beinahe als Stalkerin bezeichnen.
Genau wie ich war Adrian eine öffentliche Person und hatte seinen guten Ruf zu verteidigen. Grace und mich umzubringen, stünde im krassen Widerspruch zu seiner Rolle und wäre zudem extrem geschäftsschädigend. Außerdem musste er davon ausgehen, dass es in meiner Wohnung massenweise Überwachungskameras gab – was zwar nicht stimmte, aber das wusste er ja nicht.
Und drittens? Außer ihm war keine Rettung in Sicht. Niemand sonst würde in absehbarer Zeit vorbeikommen, um mir in meiner persönlichen Höllenqual beizustehen. Und ich musste unbedingt duschen. Dringend. Ich wollte endlich Babykotze und Schweiß von mir abspülen und frische Klamotten anziehen. Dazu brauchte ich natürlich jemanden, der mir Grace so lange abnahm. Denn wenn ich auch nur versuchte sie abzulegen, steigerte sich ihr Gebrüll so sehr, dass ich schon glaubte, sie würde jeden Moment explodieren.
Ich brauchte lediglich fünf Minuten. Mehr nicht. Vielleicht würden die ja schon helfen – und wenn nicht, wäre ich danach wenigstens in etwas besserer Verfassung, um das Geschrei auszuhalten. Denn im Moment stand ich tatsächlich kurz vor einem Nervenzusammenbruch.
Also zog ich mich im Eiltempo aus, stieg unter die Dusche und drehte das Wasser auf. Rekordverdächtige vier Minuten später stellte ich es wieder ab, kam aus der Dusche und wurde von eisiger, gespenstischer Stille empfangen.
Mein Herz setzte einen Schlag aus.
Oh mein Gott!
Es musste etwas passiert sein.
So hastig, dass ich beinahe auf den Fliesen ausrutschte, wickelte ich mich in ein Handtuch.
Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Ich kannte diesen Mann doch gar nicht. Also, irgendwie schon, aber eigentlich auch wieder nicht. Was, wenn er sie gekidnappt hatte? Oder vom Balkon geworfen? Womöglich wirkte er nur ganz normal, stand aber in Wahrheit an der Schwelle zu einer Psychose, die durch das Geschrei dann endgültig ausgelöst wurde, und nun hatte er sie zu Tode geschüttelt? Wie hatte ich nur so leichtfertig sein können?
Ich riss die Badtür auf, machte mich auf das Schlimmste gefasst – und erstarrte.
Adrian lag bei gedämpfter Beleuchtung auf meinem Sofa im Wohnzimmer, hatte sich ein Kissen unter den Kopf geschoben und hielt den Finger vor die Lippen. Grace lag in seine Armbeuge geschmiegt – und schlief.
Fassungslos starrte ich ihn an. Es war kaum zu glauben. Tropfend und auf Zehenspitzen schlich ich zu ihnen heran, um das Wunder aus der Nähe zu betrachten.
Worin bestand sein geheimer Zauber? Wie hatte er das nur hingekriegt? Der Mann war ja wohl der reinste Babyflüsterer. Grace gurrte leise im Schlaf, was mich echt rührte.
Offenbar gibt es einen Urinstinkt, der umgehend anspringt, wenn man erlebt, wie ein Mann sich um ein Kind kümmert, denn bei diesem Anblick verliebte ich mich auf der Stelle ein kleines bisschen in ihn. Ich meine, der Typ war auch ohne seine Zauberkräfte schon der Hammer, aber jetzt? Unglaublich.
Triefend nass starrte ich ihn an. Als ich keinerlei Anstalten machte, mich von der Stelle zu rühren, zwinkerte er mir zu und vertrieb mich mit einer Handbewegung. Ich wurde rot und musste mich zwingen, zurück ins Bad zu gehen und mich anzuziehen.
Als ich zurückkam und meine feuchten Haare zu einem Zopf flocht, lag Grace noch genauso friedlich da wie zuvor. Ich blieb neben dem Sofa stehen und wickelte einen Haargummi um meinen Zopf.
»Alles geschafft?«, flüsterte er.
Ich nickte, beugte mich hinunter und hob Grace hoch.
Meine Güte, wie gut er roch. Warm, schläfrig und maskulin. Eine Mischung aus frisch gewaschener Baumwolle und Testosteron.
Ich nahm Grace auf den Arm und hoffte inständig, dass sie nicht aufwachen und wieder losbrüllen würde, wenn ich sie in ihr Bettchen legte.
Sie schlief einfach weiter.
Als ich mich zu Adrian umdrehte und mich bei ihm bedanken wollte, war er schon auf dem Weg zur Tür. Kurz blieb er stehen, holte den übervollen Sack aus dem Mülleimer und nahm ihn mit. Dann war er ohne ein weiteres Wort verschwunden.
Mit der flachen Hand strich ich mir die Haare aus der Stirn. Oh. Mein. Gott.
Ich musste unbedingt ein Video machen. Jetzt sofort.
Seit zwei Wochen herrschte bei mir in Sachen Content totale Flaute. Mein YouTube-Kanal war völlig verwaist. Wegen dieser unerwarteten Auszeit hatte ich mein Produktionsteam drastisch verkleinern müssen. Nur meinen Kameramann Malcolm beschäftigte ich weiter. Das Problem war nicht nur, dass ich derzeit kein Geld verdiente, sondern dass ich obendrein meine Fans enttäuschte. Aber es gab leider rein gar nichts zu berichten.
Mein Dasein als Mutter, die kaum noch aus dem Haus kam, war vollkommen uninteressant. Gestern hatte ich in einem Videocall mit Malcolm besprochen, welche Möglichkeiten mir in dieser Lage blieben. Keine besonders berauschenden. Im Endeffekt lief es auf Beauty-Tutorials hinaus: ich beim Ausprobieren von verrückten Schlammmasken oder lustigen neuen Haarfarben. Oder ein Vlog, in dem ich Fanpost öffne. Langweilig.
Aber das hier …
Ich schnappte mir meinen Laptop und schlich leise zurück ins Badezimmer. Dort setzte ich mich auf den zugeklappten Toilettendeckel und nannte das Video Scharfer Typ tröstet mein Baby. Ich machte mir nicht einmal die Mühe, erst meine Haare zu föhnen oder mich zu schminken, denn ich legte Wert darauf, meinen Content möglichst authentisch zu gestalten. Nachdem ich tief Luft geholt hatte, startete ich die Aufnahme.
»Hallo Leute! Wie ihr seht, lebe ich noch.« Ich winkte in die Kamera. »Puh, ich habe zwei aufregende Wochen hinter mir. Ihr habt ja schon beunruhigt nachgefragt. Danke, dass ihr euch Sorgen um mich gemacht habt. Es stimmt, ich habe vorige Woche die Konferenz in L.A. verpasst. Viele von euch waren deswegen sehr enttäuscht, das tut mir wirklich total leid. Falls ihr extra ein Ticket gekauft hattet, um mich zu sehen, schickt ein Foto davon und eure Anschrift an diese Mail-Adresse.« Ich zeigte mit dem Finger nach oben, wo Malcolm die entsprechende Adresse einblenden würde. »Dann lässt euch Malcolm ein Autogramm von mir zukommen. Das ist zwar nur ein kleiner Trost, aber ich kann euch versichern, dass es triftige Gründe für meinen Rückzug gab. Sicher fragt ihr euch schon alle, wo ich abgeblieben bin. Der Titel dieses Videos verrät es schon – ich habe ein Baby! Überraschung! Verrückt, was? Also, ich war jedenfalls ziemlich baff.«
Ich legte den Kopf schief und riss die Augen auf.
»Eine mir nahestehende Person war schwanger. Vor drei Wochen hat sie ein gesundes Mädchen zur Welt gebracht. Eine Woche später kam sie bei mir vorbei. Ich sollte auf das Baby aufpassen, weil sie was zu erledigen hatte. Aber dann … ist sie nicht wieder aufgetaucht.«
Ich holte einmal tief Luft.
»Die Kleine heißt übrigens Grace. Ihre Mom ist leider im Moment ziemlich schlecht drauf, und der Dad kümmert sich nicht. Daher bin ich nun vorübergehend Pflegemutter für ein Neugeborenes und habe keine Ahnung, wie ich das hinkriegen soll. Deshalb musste ich leider auch meine Reise nach Mexico in drei Wochen canceln, wo wir für unser Weihnachtsspecial drehen wollten. Stattdessen erkunden wir nun eine Zeitlang die aufregenden 75 Quadratmeter meiner eigenen vier Wände.«
Ich machte eine kurze Pause, damit meine Follower diese Neuigkeit erst einmal verdauen konnten.
»Aber ihr fragt euch bestimmt schon ungeduldig, welche Rolle der scharfe Typ dabei spielt. Also, es war vier Uhr morgens, und ich hatte eine schlaflose Nacht mit meinem kleinen Engel hier. Wir hatten gefühlt tausend Stunden Babygeschrei hinter uns. Und plötzlich klingelte mein Nachbar und fragte, ob ich Hilfe brauchte.«
Ich legte eine Kunstpause ein.
»Dazu muss ich euch kurz was erklären. Mein Nachbar ist ungelogen der heißeste Typ in unserem Haus, vielleicht sogar im ganzen Viertel. So gut, wie er aussieht, könnte er jederzeit mit einem weißen, fensterlosen Transporter in einer finsteren Gasse auftauchen und mir – bewaffnet mit Gummihandschuhen und Klebeband – Süßigkeiten versprechen. Ungelogen, ich würde einsteigen. Denn er ist nicht nur ein prominenter, mega erfolgreicher Single, sondern hat außerdem einen sehr eindrucksvollen Bart. Als ich im September hier eingezogen bin, ist er ständig joggen gegangen – mit freiem Oberkörper. Oh Mann, was für göttliche Bauchmuskeln! Okay, das ist ab sofort sein Spitzname: Göttlicher Waschbrettbauch.«
Ich grinse in die Kamera.
»Wie so ein Ritter kommt er also mit seiner glänzenden Pyjamahose in meine Wohnung. Und ich steh vor ihm – mit vollgekotzten Haaren. Und zwar nicht wie nach einer durchfeierten Nacht mit zu viel Tequila in Cancún, sondern vollgespuckt von einem winzigen Menschlein. Er bietet mir an, das Baby zu nehmen, während ich unter die Dusche gehe. Ich hab mich drauf eingelassen. Macht mir bitte keine Vorwürfe deswegen, ich hab extra turboschnell geduscht. Und als ich aus dem Bad komme, hat er die Kleine doch tatsächlich zur Ruhe gebracht, und die beiden liegen zusammen auf meinem Sofa. Das war so was von sexy, sag ich euch. Genau wie bei Insta, wenn diese Modeltypen ganz lässig irgendwas im Haushalt machen und dabei total heiß aussehen. Normalerweise sieht doch kein Mensch im Alltag dermaßen gut aus. Ernsthaft. Wie ihr alle wisst, steh ich ja total auf bärtige Männer. Ist halt meine kleine Schwäche. Aber nach der letzten Woche? Da fang ich langsam an, auf Papas abzufahren. Zum Beispiel gab’s da diesen Kerl im Supermarkt mit kleiner Plauze, Geheimratsecken und Babytrage vorm Bauch – den hab ich sofort angehimmelt und gedacht ›Der kann bestimmt die gaaaanze Nacht Windeln wechseln‹. Als ich dann vorhin meinen süßen Nachbarn mit dem Quengelbaby im Arm sah, hab ich mich vielleicht ein kleines bisschen in ihn verliebt.«
Ich legte den Kopf schief, sodass mein Zopf mir über die Schulter fiel.
»Ihr wollt immer wieder von mir wissen, ob ich bereit für eine Beziehung bin. Nein. Meine Haltung zum Thema Dating hat sich auch durch den Göttlichen Waschbrettbauch nicht verändert. Kriegt also keine Schnappatmung. Selbst wenn die Zuneigung beiderseitig gewesen wäre und dieser Mann über meine zahllosen Schwächen hinwegsehen würde – übrigens auch diese hier …« Ich stand auf, öffnete meine Badtür und drehte die Kamera so, dass sie das Chaos in meiner Wohnung einfing. Dann richtete ich sie wieder auf mich und schloss erneut die Tür. »Ja, das sind tatsächlich volle Windeln auf meinem Sofatisch. Genauso sah es hier aus, als er zu mir rüberkam. Da musste er sich doch sofort in mich verlieben, oder? Aber egal, für den Beziehungsmarkt stehe ich nach wie vor nicht zur Verfügung. Die Gründe dafür habe ich schon oft erklärt. Aber ein bisschen umsehen kann sich frau ja schon.«
Ich gähnte hinter vorgehaltener Hand. »Jetzt ist aber erst mal Schlafenszeit. Nur noch ein paar kurze Anmerkungen. Wenn euch das Video gefallen hat, vergesst nicht, meinen Kanal zu abonnieren. Und wie immer bin ich dankbar für jede Spende für das, was mir so am Herzen liegt. Gemeinsam können wir Heilung ermöglichen.«
Ich beendete die Aufnahme und schickte das Video an Malcolm. Er würde die nötigen Links einfügen, Hashtags ergänzen und alles in den nächsten zwei Stunden auf meinem YouTube-Kanal hochladen. Dann konnten sich meine Abonnenten darauf stürzen. Denn nachdem ich fast zwei Wochen lang nichts veröffentlicht hatte, dachten sie wahrscheinlich schon, ich sei gestorben.
Abgesehen davon hatte ich nur eine sehr vage Vorstellung, wie es weitergehen konnte. Ich war Reisebloggerin. Meine Aufnahmen stammten fast ausschließlich von unterwegs. In meiner Wohnung filmte ich so gut wie nie. Somit war das neueste Video denkbar ungewöhnlich und würde mich vielleicht sogar Abonnenten kosten. Ich hatte echt keine Ahnung, was mir online bevorstand.
Einerseits hatte ich wirklich loyale Fans, die mir unter allen Umständen treu blieben. Doch andererseits war die Aufmerksamkeitsspanne im Internet generell sehr kurz. Wenn ich nicht konstant unterhaltsame Inhalte lieferte, würden die Leute bald das Interesse verlieren. Und wenn ich dann nicht mehr in der Lage war, Geld zu verdienen …
Ich wagte es mir gar nicht vorzustellen.
Ein bisschen ahnte ich natürlich, was nach dem Hochladen des Videos zu erwarten war. In den Kommentaren würde sich das Übliche abspielen: Manche Leute äußerten sich positiv, andere kritisch, und die Unterstützer griffen die Kritiker an. Nicht wenige würden sich darüber echauffieren, dass ich mein Baby einem Fremden anvertraut hatte. Und einige fanden sicher den Zustand meiner Wohnung skandalös. Nicht zu vergessen die üblichen Hasskommentare über mein Äußeres.
Das meiste davon konnte ich locker an mir abprallen lassen. Nachdem ich nun schon seit zwei Jahren mit solcherlei Feedback konfrontiert war, brachte mich so schnell nichts aus der Ruhe. Außerdem konnte ich vieles besser relativieren als die meisten anderen Menschen, sodass ich mich an solchem Kleinkram nicht abarbeitete.
Niemals.
Denn die meisten Dinge waren, wenn man sie im größeren Zusammenhang betrachtete, nun einmal sehr, sehr unbedeutend.
Vor allem dann, wenn man vielleicht nur noch ein Jahr zu leben hatte.
Adrian
Ich brachte Vanessas Müll nach unten zum Container, und als ich zurück in meine Wohnung kam, brannte im Schlafzimmer Licht. Rachel wirbelte durchs Schlafzimmer und warf allerlei Sachen in ihren Rollkoffer.
Überrascht blieb ich in der Tür stehen. »Was machst du?«
»Packen.«
Ich runzelte die Stirn. »Wieso denn jetzt schon? Ich dachte, dein Flug geht erst um 15 Uhr.«
Sie antwortete nicht. Stattdessen eilte sie ins Bad, wo sie hektisch herumhantierte und diverse Schubladen öffnete und wieder schloss. Auch die Türen des Spiegelschranks klappten auf und zu. Als sie wieder herauskam, verstaute sie ihre Kosmetiktasche im Koffer, zog den Reißverschluss zu und fuhr den Teleskopgriff aus.
»Rachel …«
»Ich nehme doch schon den Flieger um Viertel nach sieben«, verkündete sie, ohne mich anzusehen. »Wir arbeiten gerade eine neue Mitarbeiterin ein, da werde ich gebraucht.«
»Du wirst gebraucht? Und das ist dir jetzt gerade um vier Uhr morgens eingefallen?«
Sie schwieg einen Moment und senkte den Blick. Dann sah sie mich an. »Adrian, ich glaube, wir brauchen eine Pause.«
Ich erstarrte. »Was? Wieso?«
Ihr Kinn bebte. »Ich dürfte gar nicht hier sein. Ich habe Verpflichtungen und Termine und sollte nicht ständig quer durchs ganze Land …«
Ich nickte. »Okay, du hast recht. Es ist nicht fair, wenn immer nur du reisen musst. Beim nächsten Mal komme ich einfach zu dir. Ich nehme das Auto und mache eine Woche frei.«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, das funktioniert nicht. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich habe nicht erwartet, dass das mit uns was Ernstes wird. Das geht für mich nicht mehr, in meiner Situation …«
Kopfschüttelnd sah ich sie an. »Was für eine Situation?«
»Adrian, ich bin verheiratet.«
Ihre Worte trafen mich wie ein Schlag. »Was?«, flüsterte ich.
Ihr Kinn bebte immer noch. »Ich bin verheiratet«, wiederholte sie.
Entsetzt starrte ich sie an.
»Ich wollte dich nicht verletzen«, wisperte sie. »Eigentlich wollte ich ihn verlassen, und dann hab ich es doch nicht getan und … Das mit dir sollte nur für eine Nacht sein, aber … dann war’s halt doch mehr. Meine Gefühle für dich haben mich überwältigt und …«
Schockiert fuhr ich mir über das Gesicht und setzte mich auf die Bettkante.
Ein wilder Mix von Gefühlen überfiel mich. Ich war entsetzt, gekränkt, verwirrt und fühlte mich betrogen. Immerhin waren wir seit acht Monaten zusammen. Acht verdammte Monate lang. Und erst jetzt erfuhr ich, dass sie verheiratet war???
Ich atmete tief durch und sah zu ihr hinüber.
Sie stand an der Tür und wischte sich über die Wangen. »Es tut mir leid. Ich weiß nicht, was ich noch sagen soll.« Dann nahm sie ihre Laptoptasche, hängte sie sich über die Schulter und hielt einen Moment lang inne. »Du wirst mir fehlen.«
Mit einem erneuten zerknirschten Blick verließ sie meine Wohnung.
Als meine Assistentin zehn Stunden später eine Akte auf meinen Schreibtisch fallen ließ, lehnte ich mich zurück und rieb mir die Augen.
»Was ist denn mit Ihnen heute los?«, fragte sie ohne Umschweife.
Dabei kaute sie Kaugummi. Lautstark. Wieder einmal.
Ich mochte Becky. Sie machte ihre Sache wirklich gut, war engagiert und kompetent. Zunächst hatte sie als Praktikantin bei uns angefangen und sich dabei so bewährt, dass ich ihr eine feste Vollzeitstelle anbot. Doch so angetan ich von ihr war, hatte ich doch manchmal das Gefühl, als würde eine pubertierende Schülerin für mich arbeiten und keine erwachsene Fachkraft. Denn Becky nahm generell kein Blatt vor den Mund. In dieser Hinsicht war sie völlig schmerzfrei. Sie sagte nicht nur offen, wenn ich einen Kaffeefleck auf der Krawatte hatte, sondern ließ mich bei Bedarf auch wissen, dass sie meine Krawatte hässlich fand.
»Spucken Sie bitte den Kaugummi aus«, murmelte ich und klappte die Akte auf. »Ich habe nicht allzu viel geschlafen.«
Sie nahm das Ding aus dem Mund, behielt es aber in der Hand und blieb vor mir stehen, während ich die Unterlagen durchblätterte. »Ja, Sie wirken heute ungewöhnlich depri.«
Ich holte tief Luft. »Vermutlich mache ich relativ früh Feierabend.«
Blinzelnd musterte sie mich. »Okay, aber Sie fahren jetzt nicht nach Hause und fangen an, so düstere Emo-Haikus zu schreiben, oder? Das wär nämlich voll unfair, wenn ich die dann alle lesen müsste.«
Belustigt antwortete ich: »Nein, ich werde nicht nach Hause fahren und Haikus schreiben.«
»Sehr gut. Übrigens stand heute in Ihrem Horoskop, dass in Ihrem Leben gravierende Veränderungen bevorstehen. Nur damit Sie Bescheid wissen.«
Mit hochgezogener Augenbraue sah ich sie an. »Sie lesen mein Horoskop?«
»Wir sind doch beide Steinbock«, entgegnete sie, als sei das allgemein bekannt. Nachdenklich fuhr sie fort: »Sie machen sonst nie zeitig Feierabend. Seit gut zwei Monaten sind Sie echt komisch drauf. Und ins Fitnessstudio gehen Sie auch nicht mehr …«
»Woher wissen Sie, wann ich ins Fitnessstudio gehe?«, murmelte ich, ohne den Blick von der Akte zu heben, die ich gerade durchsah.
»Weil mein Freund auch Mitglied bei Life Time Fitness ist und meinte, dass Sie bis vor Kurzem noch jeden Tag trainiert haben und jetzt überhaupt nicht mehr. Sie lassen Ihr Mittagessen stehen und sind total trübsinnig. Was ist denn los mit Ihnen?«
Ich blies die Wangen auf und löste den Blick von den Unterlagen vor mir. »Ach, ich weiß auch nicht. Ist nicht mein bestes Jahr. Außerdem haben Rachel und ich uns getrennt.«
»Sehr gut, ich konnte sie sowieso nicht ausstehen.«
Ungläubig sah ich sie an. »Wie bitte?«
Sie zuckte ungerührt die Schultern. »Ich mochte sie einfach nicht. Und ihr Insta sieht mir verdächtig nach Sockenpuppe aus.«
Ich runzelte die Stirn. »Wonach?«
Sie verdrehte die Augen. »Oh Mann, Sie sind so ein Boomer! Sockenpuppe«, wiederholte sie noch einmal langsamer, als ob das etwas erklären würde. »Ein Fake-Account?«
Mit zusammengepressten Lippen nickte ich. »Oh ja, das ergibt Sinn. Wäre schön, wenn Sie mich beim nächsten Mal früher auf so was aufmerksam machen würden.« Ich klappte die Akte zu. »Ich nehme mir den Rest des Tages frei.«
Becky schnaufte resigniert. »Okay. Ich sage alle Termine ab. Aber Adrian, ich rate Ihnen dringend, was gegen Ihr Stimmungstief zu unternehmen. Schaffen Sie sich einen Hund an oder so.«
Genau das Gleiche hatte meine Mom vor ein paar Wochen auch gesagt. Offenbar galten Hunde als Allheilmittel gegen Probleme jeglicher Art.
»Aber auf keinen Fall eine Katze«, fügte sie hinzu. »Die springt nur überall hoch und schmeißt die Gläser vom Tisch. Dem sind Sie emotional nicht gewachsen.«
Ich musste lachen. »Danke für die Tipps. Ich behalte sie im Hinterkopf.«
»Eine Freundin von mir betreibt eine Tierrettungsstation. Da suchen sie immer Leute, die Hunde in Obhut nehmen. Soll ich Ihnen einen besorgen? Wenn Sie gut mit ihm klarkommen, können Sie ihn gleich behalten, und wenn nicht, findet sich jemand anders.«
Ein Hund war gar keine so schlechte Idee. Vielleicht könnte ich ihn sogar mit ins Büro bringen. Es stimmte schon, dass es mir fehlte, gebraucht zu werden.
Bisher hatte ich viel Zeit mit Mom und meiner Grandma verbracht, doch die beiden waren im Oktober mit Moms neuem Ehemann nach Nebraska gezogen.
Damit hatte für mich jene Abwärtsspirale begonnen, die Becky offenbar meinte. Die bevorstehenden Feiertage würde ich allein verbringen.
Mom hatte mich zwar zu sich eingeladen, aber ich legte keinen Wert darauf, Richard zu begegnen, ihrem frisch Angetrauten. Bei ihrer Hochzeit im August war ich nicht dabei gewesen, und ich weigerte mich auch, Thanksgiving und Weihnachten mit ihnen zu verbringen.
Das Einzige, worauf ich mich in letzter Zeit noch gefreut hatte, waren Rachels Besuche gewesen. Bis jetzt.
Das plötzlich klaffende schwarze Loch in meinem Privatleben trieb meine Laune vollends in den Keller.
Lenny, unser Nachwuchsanwalt, steckte seinen Kopf in mein Büro und äugte an Becky vorbei, die noch vor meinem Schreibtisch stand und auf ihr Handy schaute. »Hey, Becky hat mir gerade geschrieben, dass es vorbei ist mit dir und Rachel. So ein Scheiß, Mann.«
»Ja, danke.« Ich verstaute die Unterlagen, die ich mit nach Hause nehmen wollte, in meiner Aktentasche.
Mit verschränkten Armen lehnte er in der Tür. »Wollen wir diese Woche mal zusammen Mittag essen? Hast du Zeit?«
»Ja, er hat Zeit«, erwiderte Becky, ohne von ihrem Handy aufzublicken.
Ich sah sie vorwurfsvoll an, sagte dann aber zu Lenny: »Mach einfach einen Terminvorschlag.«
Er klopfte gegen den Türrahmen und verabschiedete sich mit einer lässigen Pistolengeste.
Becky stand immer noch vor meinem Schreibtisch und tippte etwas in ihr Handy. Den Kaugummi hatte sie inzwischen wieder im Mund.
Ich blieb sitzen und wartete darauf, dass sie meinen ungehaltenen Blick bemerkte. »Becky …«, sagte ich schließlich verärgert.
Sie machte eine Kaugummiblase. »Ich glaube, ich hab einen Hund für Sie gefunden.«
»Großartig. Ganz wunderbar. Aber suchen Sie bitte an Ihrem eigenen Schreibtisch weiter. Und verzichten Sie unterwegs darauf, anderen Leuten mein Privatleben auf die Nase zu binden.«
Unbeeindruckt wie immer grinste sie und ging zur Tür hinaus.
Fünf Minuten später kam Marcus hereinspaziert. »Hey, mein Freund.«
Marcus Beaker war der Gründer der Kanzlei und mein Teilhaber. Er hatte eine Glatze und leichtes Übergewicht, war zweiundfünfzig und blitzgescheit. Außerdem unglücklich verheiratet mit einer Ärztin, die ihn kaum ertrug und gern ausgedehnte Urlaubsreisen ohne ihn unternahm.
Wir waren ein gutes Team. Ich hatte mich auf Fälle von großem öffentlichem Interesse spezialisiert, war fast immer schlagfertig und medienaffin. Marcus hatte den Ruf einer Bulldogge und war der einzige Berufskollege weit und breit, der es in Sachen Arbeitsmoral mit mir aufnehmen konnte.
Er ließ sich auf den Stuhl vor meinem Schreibtisch fallen. »Wie ich höre, machst du heute zeitig Feierabend?«, fragte er.
Ich wusste genau, weshalb er hier war. Dass ich vor siebzehn Uhr die Segel strich, ließ sämtliche Alarmglocken schrillen. Ein preisgekröntes Rennpferd, das unerwartet lahmte.
Doch seine Sorgen waren unbegründet. Wenn ich gestresst und unglücklich war, stürzte ich mich umso heftiger in die Arbeit. Das war bei mir schon an der Highschool so gewesen. Je größer mein Frust, desto produktiver wurde ich. Deshalb hatte ich auch als Klassenbester vorzeitig meinen Abschluss gemacht und mir Collegestipendien gesichert. Derzeit katapultierte mein deprimierendes Privatleben diese Kanzlei unter die besten fünf in Minneapolis. Dass Marcus mich kontrollierte, nahm ich ihm nicht übel, weil ich ihn für seinen Geschäftssinn viel zu sehr schätzte.
»Am Mittwoch habe ich zwei einseitige Verfahren«, antwortete ich. »Darauf kann ich mich von zu Hause aus vorbereiten. Ich glaube, bei mir ist eine Migräne im Anmarsch«, log ich.
Wenn ich ihm die Wahrheit sagen würde, wäre er nur noch beunruhigter.
»Mit dem Fall Keller kann ich auch jederzeit jemand anderen betrauen«, sagte er mit gesenktem Blick, während er seine Krawatte glatt strich.
Ich verzog keine Miene.
Damit wollte er meinen Ehrgeiz anstacheln. Er ließ mich indirekt wissen, dass er von mir erwartete, meine wie auch immer gearteten Probleme zügig in den Griff zu bekommen, damit ich mich wieder voll auf meine Arbeit konzentrieren konnte.
Ich schätzte seinen Geschäftssinn wirklich.
Ohne aufzublicken tippte ich eine Mail an Becky und sagte dabei: »Ich fürchte, was ich da auf dem Tisch habe, kriegt kein anderer gehandelt.« Beherzt klickte ich auf Senden und hob dann den Blick.
Marcus lehnte sich zurück und verschränkte die Hände über dem Bauch. »Keller und Garcia? Was haben diese Idioten denn schon wieder angestellt?«
»Garcia hat gegen die Sorgerechtsanordnung verstoßen und mit seiner Tochter vorige Woche seine Mutter besucht, außerhalb des Bundesstaates. Nun beantragen sie, ihm bis zum Abschluss des Verfahrens das Umgangsrecht zu verwehren.«
Marcus legte den Kopf schief. »Der Kerl steht wegen Steuerhinterziehung vor Gericht. Das ist kein Gewaltverbrechen. Das kriegen sie niemals durch.«
»Schon klar. Da dürfte er mit einem blauen Auge davonkommen.«
»Und Keller?«
Verächtlich antwortete ich: »Seine Ex hat ihn trotz des erwirkten Kontaktverbots um zwei Uhr morgens vor ihrem Fenster erwischt.«
»Autsch«, kommentierte Marcus lachend.
»Außerdem will sie ihm das Sorgerecht entziehen lassen.«
Er sah auf die Uhr. »Damit wird sie auch durchkommen. Der Kerl ist so dermaßen schwanzgesteuert. Ist natürlich nicht gerade hilfreich für sein Verfahren wegen Köperverletzung.«
»Ganz sicher nicht.« Und ich würde diesen Fall definitiv keinem anderen Anwalt anvertrauen – und er auch nicht.
Marcus nickte kurz. »Na dann, schönen Tag dir noch.« Er stand auf, blieb jedoch mit der Hand auf der Stuhllehne stehen. »Sag mal, willst du nicht über Weihnachten mit in unsere Blockhütte fahren? Jessica hat auf der Terrasse gerade einen Whirlpool installieren lassen.«
Ich schüttelte den Kopf. »Ich fahre vielleicht nach Nebraska. Meine Mutter will mir zeigen, was sie am Haus erneuert haben.«
Die nächste Lüge.
Weihnachten allein zu verbringen, war keine besonders schöne Aussicht, aber die Gesellschaft von Marcus und seiner Frau erschien mir wie eine Horrorvorstellung. In beruflicher Hinsicht war Marcus ein Musterbeispiel an Fleiß und Enthusiasmus, aber sein Privatleben war geradezu abschreckend.
Kurze Zeit später packte ich meine Sachen zusammen und verließ um 15 Uhr das Büro.
Als ich im Auto saß und nach Hause fuhr, rief Mom an.
Ich starrte auf mein Bluetooth-Display. Eigentlich war ein Telefonat mit ihr im Moment so ziemlich das Letzte, was ich gebrauchen konnte, aber wegdrücken wollte ich ihren Anruf auch nicht, falls bei ihr etwas nicht in Ordnung war. Denn angesichts der Umstände war dies durchaus denkbar.
Also atmete ich tief durch, nahm den Anruf an und meldete mich deutlich aufgeräumter, als ich mich fühlte. »Hi Mom.«
»Hallo Adrian. Ich wollte nur mal hören, wie du Thanksgiving gefeiert hast?«
Auch das noch.
Sie rief nur an, um mich unter Druck zu setzen, damit ich sie über Weihnachten besuchte – in der Hoffnung, dass ich aus meinem einsamen Thanksgiving gelernt hatte und nun klein beigab.
Nein, danke.
»Thanksgiving war schön«, antwortete ich ausdruckslos.
Was natürlich nicht stimmte. Ich hatte den Tag allein verbracht, mit Essen vom Chinesen und einem Stapel Verhandlungsprotokollen.
Sie stieß einen Seufzer aus. »Aber das muss doch so nicht sein. Wir hätten dich wirklich gern bei uns gehabt. Bitte komm uns doch zu Weihnachten besuchen.«
Mein Kinn zuckte. »Nein.«
Ich konnte förmlich spüren, wie mich ihr vorwurfsvoller Blick durchbohrte. »Dir ist aber schon klar, dass du mit deinem Boykott nicht nur Richard bestrafst, sondern auch mich verletzt und außerdem deine Großmutter? Sie versteht kein bisschen, warum du nicht kommst. Sie wird jeden Tag verwirrter, und ich kann dir nicht sagen, wie viel Zeit dir noch mit ihr bleibt. Willst du das wirklich aufs Spiel setzen mit deinem … deinem kleinlichen Protest?«
Ungläubig lachte ich auf. »Kleinlicher Protest? Soll das ein Witz sein?«
Garantiert hob sie gerade beschwörend die Hände. »Er hat einen Fehler gemacht, das stimmt. Aber ganz gleich, wie du darüber denkst, ist Richard jetzt mein Ehemann und möchte dich gern kennenlernen …«
»Darauf verzichte ich dankend. Er hat dich wahrlich nicht verdient. Nach dem, was er getan hat, hättest du ihn niemals heiraten dürfen.«
Sie machte eine lange Pause.
»Irgendwann bist du vielleicht auch mal darauf angewiesen, dass man dir verzeiht, Adrian. Dann wirst du dankbar dafür sein«, sagte sie schließlich.
Daraufhin herrschte Schweigen.
Ich hörte, wie sie am anderen Ende leise schniefte. Inzwischen war ich zu Hause angekommen, rangierte den Wagen in meine Parkbucht in der Tiefgarage unter dem Haus und schaltete den Motor aus.
Eigentlich hatte ich ein sehr enges Verhältnis zu meiner Mutter gehabt. Bis er kam. Ich war immer für sie da gewesen. Seit ich fünfzehn war und mein Scheißvater uns verlassen hatte. Früher hatte ich jeden Sonntag bei ihr und Grandma zu Mittag gegessen. Ich bezahlte die Handwerkerrechnungen fürs Haus und fuhr meine Grandma zu sämtlichen Arztterminen.
Doch dann verliebte sich Mom plötzlich Hals über Kopf.
Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, hatte der Kerl die beiden auch noch zu sich nach fucking Nebraska geholt.
Die Situation spitzte sich immer weiter zu, und da es nicht so aussah, als würde Richard einen Rückzieher machen oder Mom ihn verlassen, musste ich wohl oder übel über meinen Schatten springen. Oder aber ich konnte mich von meiner Familie verabschieden. Das waren die verfügbaren Optionen.
Und beide waren die reinste Zumutung.
Sie schnäuzte sich.
Ich kniff die Augen zusammen. »Können wir jetzt bitte das Thema wechseln?«
»Adrian, ich weiß, das war alles nicht leicht für dich. Vielleicht solltest du dir professionelle Hilfe suchen …«
»Nein. Auch wenn ich zweihundert Dollar pro Stunde beim Therapeuten lasse, wird das nichts an meiner Meinung ändern.«
Sie schniefte erneut. »Tja, dann gibt es wohl erst mal nichts mehr zu besprechen. Ruf mich an, wenn du dich entschieden hast, was dir im Leben wichtig ist.«
Damit legte sie auf.
Ich fuhr mir durch die Haare und blieb noch einen Moment im Auto sitzen, ehe ich erschöpft ausstieg.
Im Hausflur nahm ich die Post aus dem Briefkasten und ging die Treppe hinauf. Als ich schon fast oben angekommen war, hörte ich plötzlich Geschrei.
Von einer Frau.
Ich blieb auf dem Treppenabsatz stehen und lauschte, ob es von oben oder von unten kam.
Es kam von oben. Aus meiner Etage.
Im Laufschritt eilte ich die restlichen Stufen hinauf und stürmte in den Flur.
Ein gelangweilt aussehender junger Mann mit Cabanjacke und Schal stand neben einer kleinen blonden Frau im grauen Hoodie und scrollte durch sein Handy, während ein zweiter Mann versuchte, sich Zutritt zu Vanessas Wohnung zu verschaffen.
»Verschwinde!«, schrie Vanessa von drinnen. »Sonst rufe ich die Polizei!«
»Hey!«, rief ich energisch.
Alle erstarrten. Entschlossen ging ich auf sie zu, woraufhin der Mann den Türknauf losließ und einen Schritt zurückwich. Er war nicht mehr ganz jung – bestimmt über fünfzig –, hatte graumelierte Haare, buschige Augenbrauen und trug einen Pullover mit Karomuster unter einem Blazer.
Die junge Frau war völlig zugedröhnt, ihre Pupillen waren so groß wie Glasmurmeln.
Vanessa äugte durch den Türspalt in den Korridor. Ihre Lippe blutete.
Meine Kiefermuskeln zuckten. »Kann ich Ihnen irgendwie helfen?«, fragte ich und sah den älteren Mann streng an.
Er taxierte mich von oben bis unten. »Das geht Sie einen Scheißdreck an. Spielen Sie sich nicht wie der Treppenhausbulle auf. Keiner braucht hier Ihre Hilfe. Halten Sie sich raus.« Wieder an Vanessa gewandt sagte er: »Wir haben das Recht, sie zu sehen!« Aufgebracht stieß er sie mit dem ausgestreckten Zeigefinger an.
»Nein. Habt ihr nicht«, entgegnete Vanessa abweisend. »Die Vormundschaft wurde vorübergehend an mich übertragen. Wenn Annabel ihre Tochter sehen will, dann kommt mit ihr wieder, wenn sie clean ist.«
Der jüngere Mann schnaubte ungeduldig. »Hör zu, Vanessa. Ich bin nur wegen dem Gucci-Rucksack hier, den du mir versprochen hast. Wenn du ihn mir einfach durch die Tür reichst, bin ich auch schon wieder weg.«
»Vergiss es, Brent!«
Er sah sie fassungslos an. »Wieso bist du sauer auf mich? Ich hab sie doch bloß hergefahren!«
»Du hättest verhindern sollen, dass die beiden hier überhaupt auftauchen!«, fuhr Vanessa ihn an.
Er verschränkte die Arme. »Bist du angepisst, weil ich dir nicht mit dem Baby helfe? Ist das dein Problem? Mein Magen ist halt echt sensibel, Vanessa. Vollgekackte Windeln gehen für mich gar nicht. Weißt du noch, als du im Nico’s einen Griechischen Salat bestellt hast und ich den Feta so eklig fand, dass ich in einen Blumenkübel kotzen musste?«
Vanessa warf ihm einen warnenden Blick zu. »Brent, fahr sie sofort nach Hause.«
»Auf gar keinen Fall! Erst wenn wir Grace gesehen haben!«, wetterte der ältere Mann. »Das ist Kindesentführung!«
Brent schnaubte. »Ähm, nein? Ist es nicht.« Ungeduldig verschränkte er die Arme. »Können wir jetzt einfach gehen?«
Als der ältere Mann aussah, als wollte er sich wieder der Tür nähern, stellte ich mich ihm in den Weg, woraufhin er schließlich den Rückzug antrat. Trotz Anzug und Krawatte war ich immerhin eins neunzig groß und wusste genau, wie einschüchternd ich wirken konnte, wenn ich ein grimmiges Gesicht machte. »Sofern Sie kein sorgeberechtigter Elternteil sind, muss jeder Besuch gerichtlich vereinbart werden.«
Der ältere Mann baute sich vor mir auf. »Wir gehen hier erst weg, wenn wir das Baby gesehen haben, basta!«, verkündete er und sah mich herausfordernd an.
»Gut, dann rufen wir jetzt die Polizei und lassen das von den Beamten klären.« Ich nickte in Richtung der jungen Frau. »Sie hier steht eindeutig unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln. Und ich werde selbstverständlich darauf hinweisen, dass Sie versucht haben, sich gewaltsam Zutritt zur Wohnung zu verschaffen. Aus Vanessas blutender Lippe schließe ich, dass es zu Handgreiflichkeiten kam, weshalb ich ihr dringend raten werde, Anzeige zu erstatten und ein Kontaktverbot zu erwirken. Womit sie auch definitiv Erfolg haben wird. Dann wird jeder Besuch von Ihnen – sofern Sie die Erlaubnis dazu erhalten – nur noch auf dem Polizeirevier und im Beisein von Beamten stattfinden.« Ich musterte ihn streng. »Aber ich habe so eine Ahnung, dass Ihnen beiden ein Besuch auf dem Polizeirevier nicht allzu gut bekommen würde.«
Mit trotzigem Blick sah er mich an, während die blonde Frau den Eindruck machte, als habe sie keinen blassen Schimmer, was hier überhaupt los war.
Brent lächelte mir zu, als sei ihm erst jetzt wirklich aufgefallen, dass ich da war. Er legte seitlich die Hand an den Mund und raunte Vanessa, die immer noch durch den Türspalt spähte, verschwörerisch zu: »Donnerwetter. Voll scharf, was? Der Anzug ist von Armani. Sauteuer.«
Ich überhörte seinen Kommentar.
Der ältere Mann straffte sich und zupfte aufgebracht am Saum seines Sakkos. »Aha.« Vorwurfsvoll sah er Vanessa an. »Jetzt wissen wir wenigstens, wo wir nicht erwünscht sind.«
Ohne mir in die Augen zu schauen, machte er den Abgang und zerrte die blonde Frau am Ärmel hinter sich her. Brent folgte den beiden mit etwas Abstand. »Tolle Krawatte«, sagte er noch, dann war er ebenfalls verschwunden.
Ich drehte mich wieder zu Vanessa um, die mich mit großen Augen ansah, kurz blinzelte – und mir dann die Tür vor der Nase zuknallte.
Während ich noch irritiert dastand und auf das Schild mit ihrer Wohnungsnummer starrte, öffnete sie die Tür noch einmal. »Danke«, sagte sie nur.
Und warf die Tür auch schon wieder zu.
Okay …
Ich wartete noch einen Moment ab, um sicherzugehen, dass diese Leute – wer auch immer sie waren – nicht zurückkamen.
Was sie zum Glück nicht taten.
Als ich um kurz vor fünf am späten Nachmittag an der Bartheke in meiner Küche saß und an einem Fall arbeitete, klingelte es. Ich ging zur Tür – und fand Becky im Flur vor.
Mit einem Hund im Arm.
»Ich habe Sie mindestens sieben Millionen Mal angerufen«, tadelte sie mich sofort. »Ich dachte schon, Sie wären tot. Sonst gehen Sie doch immer ans Telefon.«
»Über meinen Tod möchte ich lieber nicht reden«, sagte ich und blieb an der Tür stehen. »Was zum Teufel ist das denn?«
»Ihr Hund?« Sie ergriff seine Pfote und winkte mir damit zu. »Den ich Ihnen wie vereinbart besorgt habe?«
Ich schüttelte den Kopf. »Das ist auf gar keinen Fall mein Hund.«
Es war ein … ehrlich gesagt hatte ich keine Ahnung, welche Rasse eigentlich. Ein Chihuahua vielleicht? Allerdings sah er uralt aus. Er hatte kurzes braunes Fell mit einer kahlen Stelle auf der Brust. Dazu trübe, tränende Glubschaugen und eine seitlich aus dem Maul hängende Zunge. Er sah aus wie seine eigene Karikatur.
»Ähm, doch. Das ist Ihr Hund«, entgegnete Becky und kaute dabei genüsslich ihren Kaugummi.
Ich verschränkte die Arme. »Nein, meinen Hund kann ich mit zum Laufen nehmen. Mein Hund ist so groß, dass man ihn nicht tragen kann.«
»Sie entwickeln sich gerade zum Eremiten, schon vergessen?«, entgegnete sie spöttisch. »Wenn ich Ihnen einen Weimaraner oder so anschleppe und Sie nicht mit ihm rausgehen, dann zerlegt er Ihnen die Einrichtung. Und dann verkriechen Sie sich nur noch tiefer in Ihrem Kaninchenbau. Am Ende muss ich Sie womöglich noch in der Psychiatrie besuchen, wo Sie von mir verlangen, in meiner Unterwäsche ein Handy zu Ihnen reinzuschmuggeln, damit Sie weiterarbeiten können, weil Sie ja auf gar keinen Fall auch nur einen einzigen Tag freimachen wollen.« Sie blies eine Kaugummiblase auf. »Dieser Hund passt perfekt zu Ihnen.«
Ich sah sie mit zusammengekniffenen Augen an.
»Sie sind extrem penibel, was Zeitmanagement und Alltagsroutine angeht«, fuhr sie fort. »Er braucht dreimal am Tag Medikamente. Wenn Sie zu Hause bleiben wollen, hat er kein Problem damit. In Ihrer schicken Wohnung richtet er keinen Schaden an. Er ist stubenrein und kackt nur kleine Hasenköttel. Da er Hundewindeln trägt, müssen Sie nicht mal mit ihm Gassi gehen, wenn Sie keine Lust auf frische Luft haben. Er ist absolut perfekt. Und falls Sie ihn doch nicht ausstehen können, bringen Sie ihn einfach morgen mit ins Büro, dann gebe ich ihn zurück oder so.«
Seufzend betrachtete ich das kleine Etwas. »Hat er überhaupt Zähne?«
»Nope. Ist aber auch besser so, er beißt nämlich.«
Ich musste lachen.
Sie nahm ihre Tasche, die sie auf dem Boden abgestellt hatte. »Lassen Sie mich mal rein, dann kann ich Ihnen seine ganzen Sachen zeigen.« Ohne auf eine Antwort zu warten, schob sie sich an mir vorbei und ich schloss die Tür hinter ihr. »Halten Sie mal.« Sie streckte mir das zitternde Hündchen entgegen. Als ich keine Anstalten machte zuzufassen, drückte sie ihn mir kurzerhand an die Brust. Er knurrte.
»Also, er hat Arthritis, Allergien und eine Hautinfektion. Deshalb kriegt er jeden Morgen eine davon und die letzte von denen dann am späten Abend.« Sie kramte in der Tasche herum und schüttelte drei Arzneibehälter. »Am besten zusammen mit Frischkäse geben, dann schluckt er das Zeug einfach runter. Trockenfutter kann er so ganz ohne Zähne nicht fressen, von daher ist bei ihm Nassfutter angesagt. Einmal pro Woche braucht er ein medizinisches Bad gegen seine trockene Haut. Und hier sind seine Windeln …«
»Windeln?«, fragte ich. »Ist er etwa inkontinent?«
Ohne die Hände aus der Tasche zu nehmen, hob sie den Kopf und sah mich vorwurfsvoll an. »Er ist vierzehn. In Menschenjahren ist das rund eine Million. Außerdem hat er Würmer.«
»Was?«
Sie verdrehte die Augen. »Eine Kur dagegen hat er schon bekommen. Jetzt muss er sie nur noch auskacken. Drehen Sie also nicht durch, wenn Sie einen Bandwurm entdecken. Blöd wär nur, wenn der sich noch bewegt. Dann müssen Sie noch mal zum Tierarzt.«
»Oh Mann, Becky.« Ich rieb mir die Stirn. »Sie verlangen von mir, dass ich die Hundekrankenschwester spiele?«
»Jep.« Sie stand auf und übergab mir die Tasche.
Resigniert stieß ich einen Seufzer aus. »Wie heißt er eigentlich?«, murmelte ich und musterte ihn skeptisch.
»Harry Puppins.«
»Nicht Ihr Ernst.«
»Sie kriegen das schon hin.«
»Obwohl heute in meinem Horoskop stand, dass in meinem Leben gravierende Veränderungen bevorstehen?«
Sie zuckte die Schultern. »Tja, wie es aussieht, kann’s nur noch besser werden.«
Sie machte erneut eine Kaugummiblase und ließ mich dann allein.
Vanessa
Ich war gerade dabei, Salbe auf meine verletzte Lippe zu tupfen, als ich draußen Stimmen hörte. Vorsichtig schaute ich durch den Spion. Im Hausflur stand Adrian mit einer mir unbekannten jungen Frau, die einen Chihuahua im Arm hielt.
Von meiner Position aus konnte ich Adrian so gut wie gar nicht sehen, hatte die Frau dafür aber umso besser im Blick.
Sie war ausgesprochen hübsch, was mich kein bisschen wunderte, denn mein Nachbar war einfach umwerfend. Vermutlich könnte er locker mit Supermodels zusammen sein, wenn er wollte.
Adrian ging auf sie zu und begutachtete den Hund, sodass ich ihn nun besser sah. Er trug immer noch den Anzug von vorhin, jedoch ohne Krawatte und Sakko. Die obersten beiden Knöpfe seines Hemds waren offen und die Ärmel bis zu den Ellbogen hochgekrempelt.
Wow, er war wirklich sexy. Man könnte problemlos einen Kalender mit Adrian Copeland in unterschiedlichen Outfits produzieren und damit genug Geld einnehmen, um die gesamte Forschung für ein Heilmittel gegen Krebs zu finanzieren. Adrian beim Joggen mit freiem Oberkörper. Adrian im Anzug. Adrian mit meiner quengelnden Nichte auf dem Bauch.
Er sah missmutig aus und hatte die Arme verschränkt. Worüber sie redeten, konnte ich kaum verstehen.
Da meldete mein Laptop einen eingehenden Skype-Anruf.
Drake.
Ich verließ meinen Spähposten, setzte mich hin und nahm das Gespräch an.
Das gebräunte Gesicht von Drake Lawless erschien auf meinem Bildschirm. Nach den Palmen im Hintergrund zu urteilen, befand er sich gerade irgendwo in tropischen Gefilden. Ich beneidete ihn jetzt schon.
Wie üblich trug er seine Kette mit dem Haifischzahn, kein Shirt und seine blonden Haare sahen wirr aus. Selbst vor meinem Computer konnte ich den Kokosduft von Sonnenschutzmittel und Meer förmlich riechen.
»Hey, wie geht’s, schöne Frau?«, begrüßte er mich mit einem strahlenden Lächeln. »Wie läuft’s mit dem Göttlichen Waschbrettbauch?«
Ich lachte. »Du glaubst es nicht. Der Mann ist ein Geschenk des Himmels, für uns alle«, schwärmte ich und suchte dabei meinen Schreibtisch nach einer Nagelfeile ab. »Er kommt mir vor wie eine überirdische Fügung.«
Jammerschade nur, dass ich ihn wahrscheinlich bloß noch durch den Türspion zu Gesicht bekommen werde.
Ehe Drake antworten konnte, schlenderte Laird im Hintergrund splitternackt durchs Bild.
»Laird!«, quiekte ich und wandte entsetzt den Blick ab. Beide Männer lachten mir am Bildschirm entgegen.
»Hey, Nessa«, rief Laird.
