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Max Scharpenack nimmt dich mit auf seine abenteuerliche Lebensreise, die ihn zu dem Punkt brachte, an dem er heute steht. Mit Anfang 30 arbeitet er gerade mal vier Stunden in der Woche und ist finanziell komplett unabhängig. Das war nicht immer so. Zahlreiche Schulwechsel, die Scheidung seiner Eltern und ein Todesfall in der Familie ließen ihn mit nichts außer Schulden, Mut und dem unbändigen Willen, etwas zu erreichen, sein Elternhaus verlassen. Nach der Schule wanderte er nach China aus, um dort völlig ohne Kapital sein erstes Unternehmen zu gründen. Dabei sollte es nicht bleiben. Es folgte der Aufbau der Netzwerkveranstaltung Gründerpokern, der deutschlandweit bekannten Eismarke Suckit, eines Immobilienportfolios, das Management eines Pokersuperstars – und jede Menge Abenteuer, die ihn um die ganze Welt führten. Anhand seiner Geschichte zeigt dir Max, wie du zu Glück, Selbstverwirklichung und Unabhängigkeit finden kannst. Und wie du es nicht bloß in der Theorie, sondern auch in der Praxis schaffst, mit dem Konzept der Vier-Stunden-Woche ein passives Einkommen zu generieren. Egal, welche Startvoraussetzungen du mitbringst.
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Seitenzahl: 376
Veröffentlichungsjahr: 2020
Philipp Maximilian Scharpenack
LIFE TO THE MAX
Meine abenteuerliche Reise zu einem Leben mit nur vier Stunden Arbeit pro Woche
»Der Wert unseres Lebens bemisst sich aus der Summe seiner kostbarsten Augenblicke. Uns selber diese besonderen Momente zu schenken, kostet oftmals Überwindung. Denn kostbare Augenblicke beginnen dort, wo wir unserem Herzen folgen und die Brille der Zukunft oder gar der Vergangenheit ablegen und gegen das präsente Leben im ›Hier und Jetzt‹ tauschen. Dort, wo wir uns vom Leben leiten lassen. Wo wir alle Zwänge, Ängste und Muster ablegen. Wo wir nicht mehr aus Angst handeln, sondern aus Liebe und somit aus Vertrauen in das Leben. Immer. In jedem Moment. Mit jedem Atemzug.«
PHILIPP MAXIMILIAN SCHARPENACK
LIFE TO THE MAX
Meine abenteuerliche Reise zu einem Leben mit nur vier Stunden Arbeit pro Woche
PHILIPP MAXIMILIANSCHARPENACK
Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen
Originalausgabe, 1. Auflage 2020
© 2020 by FinanzBuch Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
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Redaktion: Katharina Theml
Korrektorat: Anja Hilgarth
Umschlaggestaltung: Marc-Torben Fischer
Umschlagabbildung: iStock.com/PATCHARIN SAENLAKON
Satz: Zerosoft, Timisoara
Druck: CPI books GmbH, Leck
ISBN Print 978-3-95972-315-2
ISBN E-Book (PDF) 978-3-96092-583-5
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-96092-584-2
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INHALT
PROLOG
KAPITEL 1VERLIEREN
KAPITEL 2AUFSTEHEN
KAPITEL 3WACHSEN
KAPITEL 4FREI SEIN
EPILOG
UND HEUTE?
NACHWORT
Das Abenteuer Leben beginnt, wo die starren Pläne, die wir uns einst gemacht haben, enden. Wo wir lernen, darauf zu vertrauen, die Wege, die uns geebnet werden, zu gehen. Wo unser Herz fühlt, dass es einen tieferen Sinn gibt, den der Verstand noch nicht begriffen hat.
Es brauchte nicht lange, da kamen schon die ersten Inselbewohner auf mich zu. Sie versammelten sich und bestaunten mich, als wäre ich irgendein exotisches Artefakt.
»Wir haben nicht so häufig Gäste bei uns«, erklärte mir Ratu. »Aber wir freuen uns über jeden, der hier ist.« Ich nickte und lächelte ihn an. Ich hatte mich in den letzten Monaten daran gewöhnt, der Fremde zu sein. Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn. Die Sonne stand senkrecht am Himmel, und es war wahnsinnig heiß. Ich hatte den Geruch vom großen Ozean in der Nase und den Geschmack von Salz auf den Lippen. Es fühlte sich nach Freiheit an. Eine starke Böe wehte mir ins Gesicht. Ich schloss für einen kurzen Moment die Augen und hörte das Rauschen der Palmenblätter. »Komm mit«, sagte Ratu. »Ich zeige dir alles.« Ratu nahm mich an die Hand und führte mich durch sein kleines Paradies. Er zeigte mir die gesamte Insel. Seine Insel. Mir wurde jetzt erst richtig bewusst, wo ich war. Am anderen Ende der Welt. Auf einer völlig unbekannten und nicht an den Tourismus angeschlossenen Fidschi-Insel. Sie war winzig. Bei einem gemütlichen Spaziergang konnte man sie in einer Dreiviertelstunde umlaufen. Es gab nur ein paar vereinzelte Häuser hier. Sehr einfache Häuser. Sie waren aus Holz gebaut und mit Palmenblättern bedeckt. Und in der Mitte dieser unregelmäßig angeordneten Häuser war eine große Feuerstelle. Das war wohl so etwas wie der Marktplatz. Nur dass es hier nichts zu kaufen gab. Die Feuerstelle war der zentrale Treffpunkt. Hier saß der Stamm von Ratu jeden Abend zusammen. Sie aßen Fisch und Mangos und tranken Kokosmilch oder selbstgebrannten Rum. Und zu noch späterer Stunde erzählten sie sich Geschichten.
Nachdem mir Ratu sein kleines Königreich präsentiert und wir die Insel erkundet hatten, führte er mich zu meiner Unterkunft. Zu einer kleinen, einfachen Strohhütte. Sie war bloß mit einer harten Pritsche ausgestattet. Dafür gab es einen unverstellten Meeresblick. Es gab so gut wie keinen Strom auf der Insel. Natürlich auch keine sanitären Anlagen oder fließendes Wasser, aber damit hatte ich auch nicht gerechnet. »Wenn du etwas brauchst, dann sprich einfach irgendjemanden an.« Ich nickte und stellte meinen Rucksack ab. »Das ist wahrscheinlich nicht das, was du gewohnt bist?« Er schaute mich fragend an und machte eine kurze Pause.
»Ich hoffe, du fühlst dich hier trotzdem wohl?«, fragte er leicht besorgt.
»Es ist perfekt«, sagte ich.
Und es war perfekt.
Es war Ende Dezember, und ich hatte beschlossen, eine Auszeit zu nehmen. Fast das gesamte letzte Jahr war ich gereist, hatte die Welt gesehen und wollte jetzt einfach nur irgendwo ganz abgeschieden unterkommen, um für mich zu sein. Noch vor einigen Wochen war ich in Neuseeland gewesen. Ich hatte gedacht, dass Neuseeland am Ende der Welt liegen würde. Dass es keinen Punkt gäbe, der noch weiter entfernt wäre, bis mir klarwurde, dass es jenseits vom Ende der Welt noch einmal einen Zipfel gab, den man besuchen konnte. Das Ende vom Ende der Welt. Und jetzt war ich hier. Als ich auf den Fidschi-Inseln gelandet war, hatte ich Ratu angesprochen. Ratu war Fischer, und ich bat ihn, mich zu einem Ort zu bringen, der weit von all der Hektik und Oberflächlichkeit der westlichen Welt entfernt war. Er nahm mich mit nach Monu. Seinem Geburtsort. Seiner Insel. Seinem Königreich. Hier war ich nun.
Ich legte mich auf die harte Pritsche, nahm ein paar tiefe Atemzüge und lächelte. Ich begann zu realisieren, an was für einen außergewöhnlichen Ort mich das Leben einmal mehr geführt hatte.
Als die Sonne unterging, zog es mich zur Feuerstelle. Dort saßen bereits die Stammesmitglieder um ein gewaltiges Lagerfeuer und winkten mich freundlich zu sich. Ich nahm Platz. Die Inselbewohner nahmen mich auf, als wäre ich einer von ihnen. Zur Begrüßung reichten sie mir eine Kokosnuss mit einem Pfropfen.
»Trink!«, lächelte ein Mann, und ich nahm einen großen Schluck von der scharfen Flüssigkeit. Ich musste husten.
»Was ist das?«, fragte ich.
»Selbstgebrannter Rum«, lächelte der Mann und klopfte mir auf die Schulter.
Ein paar Frauen begannen im Takt zu klatschen und Stammeslieder anzustimmen. Nach ein paar Liedern erzählte eine ältere Dame, was heute auf der Insel passiert war. Die Nachrichten des Tages wurden besprochen. Was ist neu an Waren gekommen? Ist irgendetwas kaputtgegangen? Was haben die Kinder gelernt? Einer der Jungen habe große Fortschritte beim Speerfischen gemacht, wurde erzählt.
»Ich erinnere mich noch, wie lange ich für meinen ersten Fisch gebraucht habe«, lachte jemand. »Immer wieder hat mich die Panik gepackt, aber irgendwann – da ging es einfach.«
»Was ist mit dir?«, fragte mich plötzlich jemand, und die kleinen Einzelgespräche verstummten. Ich, der Fremde, stand nun plötzlich im Zentrum der Aufmerksamkeit, und sie alle fingen an, mir Fragen zu stellen.
»Wie ist der Klang eurer Sprache?«
»Wird bei euch auch gesungen?«
»Was singst du am liebsten?«
»Wie lange hast du gebraucht, um an diesen Ort zu kommen?«
»Was ist deine Lieblingsfarbe?«
»Magst du lieber die Sonne oder lieber den Mond?«
Ich versuchte, alles, so gut ich konnte, zu beantworten. Mir selbst gingen auch einige Fragen durch den Kopf. Aber ich beschloss, sie für mich zu behalten, und lieber den Erzählungen der Einwohner zu folgen, um die Antworten für mich selber zu finden.
»Möchtest du morgen wieder mit uns mitfahren?«, fragte Ratu, als ich mich gerade dankend verabschiedete, um schlafen zu gehen. Es musste mittlerweile schon weit nach Mitternacht sein. Die Zeit war verflogen. Ich schaute Ratu an und lehnte freundlich ab. Ich fühlte mich hier sehr wohl und willkommen. Aber auch die Erinnerung an den etwas wilden Wellengang und die Auswirkungen auf meinen Magen bekräftigten meine Entscheidung, lieber noch ein wenig auf der Insel zu verweilen.
»Danke, besser nicht«, sagte ich und zeigte lachend auf meinen Bauch. »Dafür würde ich aber sehr gerne wieder mit dir und den anderen morgen Abend am Lagerfeuer sitzen, Rum trinken und Geschichten erzählen.«
Ratu nickte, umarmte mich und wünschte mir eine gute Nacht.
Den nächsten Tag verbrachte ich neugierig auf der Insel. Ich saß am Strand und beobachtete die Kinder, die mit selbstgebauten Speeren ohne Atemmaske tauchen gingen. Ich stoppte die Zeit. Drei Minuten. Vier Minuten. Ich konnte es nicht glauben. Fünf Minuten. Ich machte mir langsam Sorgen. Dann tauchten sie wieder auf, mit Fischen, die zappelnd auf ihren Speeren steckten. Einige Kinder konnten sogar unglaubliche sechs Minuten unter Wasser bleiben. Zwei andere Jungen veranstalten zur gleichen Zeit ein Wettklettern auf zwei haushohe Palmen. Sie hatten sich eine Machete in die Hose gesteckt und schlugen Kokosnüsse herab. Ich starrte auf die Kokosnüsse, die dumpf auf den Boden schlugen.
»Hey, Max«, riss mich eine hübsch bekleidete Frau aus meinen Gedanken. »Hast du Lust, mit uns zu kochen?«
»Na klar.« Ich stand auf und folgte ihr. Sie brachte mich zu einer Feuerstelle, wo sechs andere Frauen saßen, die frisches Gemüse schnitten: Sojasprossen, irgendwelche Wurzeln und Pilze. Sie wurden angebraten und in einer Kokossauce gekocht und mit Chili und selbstgemachtem Meersalz gewürzt. Derweil legte man den Fisch über das Feuer und strich ihn mit Limettensaft ein. Ich schaute mich um und sah Männer, die die Hütten reparierten, Holz hackten. Alles auf der Insel war in Bewegung und wirkte zugleich doch so friedlich. Und am Abend saßen wir alle gemeinsam wieder am Lagerfeuer und philosophierten über die Welt. So verbrachte ich meine Tage auf Ratus Insel. Und so verbrachte ich auch Silvester. Ein Feuerwerk gab es natürlich nicht. Stattdessen saßen wir alle einfach zusammen und sangen Stammeslieder. Na ja, gesungen haben sie, nicht ich. Aber zumindest ein bisschen mitgesummt. Es gab keinen Ort auf dieser Welt, an dem ich das alte Jahr hätte lieber ausklingen lassen als hier.
*
Ich war nun eine gute Woche auf der Insel und fühlte das innere Bedürfnis, weiterzuziehen und mehr von Fidschi zu entdecken.
»Kannst du mich zu einer anderen Insel bringen?«, fragte ich Ratu eines Abends.
»Du willst nicht noch bleiben?«
»Ich habe das Gefühl, ich bin bereit für etwas Neues.« Ich stockte kurz. Wie oft hatte ich diesen Satz wohl schon gesagt? Und wie sehr war er zu einem roten Faden für mein ganzes Leben geworden?
»Schade, dass du gehst. Wonach suchst du?« Ich überlegte kurz. Ich hatte es wahnsinnig genossen, so sehr im Einklang mit der Natur zu leben. Aber, wenn ich ehrlich zu mir selbst war, dann sehnte ich mich auch nach etwas Komfort: nach einem bequemen Bett, einer heißen Dusche und einem regenfesten Dach. »Ist dir vielleicht ein Resort bekannt?«, fragte ich ihn vorsichtig.
Ratu klopfte mir auf die Schulter und lachte. »Da kommt der Westen in dir durch, mein Freund. Aber keine Sorge, ich bringe dich zum schönsten Resort, das ich von den Geschichten hier kenne.«
Er nahm mich auf seinem Dingi, seinem kleinen motorisierten Schnellboot, mit und fuhr mich zu einer nahegelegenen Resortinsel. Sie war sehr viel größer als Ratus Insel und touristisch komplett erschlossen. Wir landeten an einem großen, weißen Sandstrand, und ich wurde vom Personal der Ferienanlage mit einer Blumenkette begrüßt, die sie mir um den Hals legten. Ich schaute mich um: Auf der Insel verteilt gab es viele Bungalows, die auf Pfaden miteinander verbunden waren. Ganz zentral lag ein Haupthaus, wo auch die Rezeption und einige Restaurants waren. Auf dem Vorplatz standen Palmen, zwischen die man Hängematten gespannt hatte. Es gab eine Bar mit Exportbieren aus Belgien, Wein aus Frankreich und Wasser aus Italien. Ratu hatte nicht zu viel versprochen. Der pure Luxus. Ich mietete mich ein und nahm erst einmal eine lange, heiße Dusche. Dann machte ich mich mit der Anlage vertraut, schwamm eine Runde im Infinity Pool, wurde aber durch die vielen Menschen hier auch ein wenig verschreckt. Ich war noch nicht so ganz bereit für all die Touristen, die hier an der Bar zusammensaßen. Sie tranken Bier und schauten auf ihre Handys, auf denen sie sich gegenseitig Urlaubsbilder zeigten. Genau das, was ich nicht wollte. Ich entschied mich zwar im Resort, aber lieber etwas für mich zu bleiben. Ich war von den vergangenen Tagen noch immer so eingenommen, dass ich zwar froh über die Vorzüge des westlichen Komforts war, aber auch ein wenig Abgeschiedenheit suchte. Ich bestellte mir in der Hotelbar ein eiskaltes lokales Flaschenbier und eine Kokosnuss und lief den Strand entlang. Auch hier waren zwischen den Palmen überall Hängematten angebracht. Ich legte mich in eine hinein und schaute Richtung Horizont. Es war früher Abend, und die Sonne ging gerade unter. Es sah aus, als würde sie wie ein roter Feuerball friedlich ins Meer hineinsinken. Ich war von der Schönheit des Augenblicks völlig überwältigt.
Kurz nachdem die Sonne hinter dem Horizont verschwunden war und sich nur noch rötliche Schlieren über den Himmel zogen, sah ich die dunklen Umrisse eines Mannes auf mich zukommen.
»Hey, hey«, sprach er mich an. »Ich habe gesehen, dass du auch Deutscher bist?«
Ich stutzte kurz und fragte mich, woran er das gesehen hatte, aber ich machte mir keine größeren Gedanken darüber. Vielleicht hatte er meinen Pass gesehen, als ich im Hotel eincheckte. Ich nickte dem Mann freundlich zu und schwieg.
»Freut mich sehr, ich bin der Robert«, sagte er und setzte sich ungefragt neben meine Hängematte.
»Schön. Ich bin Max.«
»Tja Max, das ist schon Wahnsinn, oder? Da treffen sich zwei Deutsche ausgerechnet am weitesten von ihrem Heimatland entfernten Plätzchen dieser Welt«
Ich musterte den Fremden. Er war groß und schlank, hatte eine Kurzhaarfrisur und trug Shorts und ein etwas zu weit aufgeknöpftes Hemd im Hawaii-Stil. Er hatte sich vielleicht mit der Insel vertan. Robert war Anfang, Mitte vierzig und schien im Gegensatz zu mir ein ausgeprägtes Redebedürfnis zu haben.
»Ist doch traumhaft hier, was? Ich sage es dir ganz ehrlich, ich bin verdammt froh, dass Typen wie wir uns so einen privilegierten Urlaub leisten können. Ich habe da hart drauf hingearbeitet. Du sicherlich auch.«
Ich schaute aufs Meer und ignorierte, dass er mich für seine Weltsicht vereinnahmte.
»Geil! Diese frische Luft. Dieses kristallklare Wasser. Geil, geil, geil.« Er klatschte in die Hände und streckte seinen gereckten Daumen in die Höhe.
Ich lächelte freundlich und hatte die Hoffnung, dass er mich einfach in Ruhe lassen würde, wenn ich nicht weiter auf ihn einging. Ich hatte wirklich keine Lust auf ein solches Gespräch.
Aber ich täuschte mich. Robert fuhr mit seinem Monolog einfach fort. Es sprudelte nur so aus ihm heraus. »Ich sage es dir ganz ehrlich, Max, ich habe auf dieses Leben hier hingearbeitet. Seit Jahren. Ach was sage ich, seit Jahrzehnten. Ich arbeite bei Bosch, und da habe ich eine ganz schöne Karrierelaufbahn hingelegt. Willst du sie hören?«
Ich schwieg.
»Okay, ich erzähle sie dir!«
Ich nickte nur, fragte nicht nach und beugte mich meinem scheinbar unentrinnbaren Schicksal. Ich legte meinen Hut ein wenig tiefer ins Gesicht, baumelte in der Hängematte vor mich hin und versuchte, an etwas anderes zu denken.
»Ich habe mein Abitur mit 1,1 abgeschlossen und sofort mit einem dualen Studium begonnen. Den Wehrdienst habe ich natürlich umgehen können, um bloß keine Zeit zu verschwenden, und von Tag eins habe ich bei Bosch gezeigt, wer ich bin und wo ich hinwill. Und ich rede davon, dass ich nach ganz oben will, weißt du? Das hat bei meinen Vorgesetzen und Kollegen natürlich Eindruck hinterlassen. Ich habe jeden Tag komplett durchgearbeitet. Ich war nie krank. Parallel studiert. Ein Diplom gemacht. Mit Auszeichnung.«
Ich schloss die Augen und dachte an Ratus Insel, auf der so viel interessantere Menschen lebten, die so viel mehr zu erzählen hatten. Und das, obwohl sie fast niemals mehr als ihre Insel zu Gesicht bekamen.
Während ich in Gedanken und Träumen schwelgte, hörte ich wieder diese nervige Stimme ...
»… nach den ersten Karrieresprüngen habe ich natürlich promoviert – ohne Doktortitel wirst du es nämlich nie zu einem großen Tier in einem Weltkonzern bringen, verstehst du? Alles nebenbei. Klar. Mit summa cum laude, versteht sich. Heute bin ich richtig reich. Ich arbeite bei Bosch locker sechzig bis achtzig Stunden die Woche. Die Vierzig-Stunden-Woche? Die ist bei mir mittwochs schon voll. Verstehst du? Um mir sowas hier ...«, er stellte seine Beine weit auseinander, lehnte sich zurück und zeigte mit einer ausladenden Bewegung aufs Meer »... leisten zu dürfen.«
Dieser Mann führt das perfekte Exceltabellen-Leben, dachte ich. Für jeden Punkt, den er die Karriereleiter hochkletterte, für jeden Gehaltssprung erfüllte er sich einen vorher festgelegten materiellen Wunsch. Für den Doktortitel gönnte er sich eine Rolex, für eine Teamleiterposition gab es einen Mercedes, und für die Führungsposition sogar eine Eigentumswohnung. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam er dann mit seinem Monolog an ein Ende.
»Ich sage es dir ganz offen, Max, ich will in den Vorstand. Selbst wenn ich dann hundert Stunden in der Woche arbeite. Aber man bekommt ja einen Gegenwert, und diesen Gegenwert, den investiert man in solche Urlaube. Zum Akkus-Aufladen, verstehst du?« Ich hatte noch immer kein Wort gesagt.
»Ich persönlich, ich arbeite das ganze Jahr durch, um mir den Jahresurlaub von nur zehn Tagen am Stück zu nehmen. Den Rest lasse ich mir auszahlen. Das zeigt meinem Chef, wie sehr ich gewillt bin, alles zu geben.«
»Ist doch in Ordnung, Robert.«
»Aber klar, man braucht auch seine Auszeiten. Und die nehme ich mir. Wenn ich Urlaub habe, dann lasse ich zumindest am Sonntag auch mein Handy aus. Diesen free space, den gönne ich mir.«
Robert schien zu merken, dass seine Erzählungen keinerlei Emotionen bei mir auslösten, und er schaute mich erwartungsvoll an.
»Und du?«, fragte er mit einem wahnsinnig blöden Grinsen und zog dabei eine Zigarre aus seiner Hawaiihemdtasche. »Was machst du eigentlich?«
Ich lächelte. »Ich mache nichts.«
»Ja klar, du liegst hier in deiner Hängematte und genießt dein Leben. Schon klar. Aber was machst du sonst?«
»Wirklich«, wiederholte ich. »Ich mache momentan nichts. Ich reise umher und schaue mir die Welt an.«
»Ah ja«, sagte Robert und warf mir einen abschätzigen Blick zu. Ich schwieg, und es entstand eine längere Pause. Robert zündete sich seine Zigarre an.
»Also hast du viel Geld geerbt«, warf er mir mehr als Unterstellung denn als Frage entgegen. Es schien ihm keine Ruhe zu lassen.
Geerbt ... Geerbt ... Ich dachte zurück, was mir mein Vater damals bei seinem Tod hinterlassen hatte, und schüttelte die Erinnerung schnell wieder ab. »Ich habe super viele Weisheiten, Lebensfreude und Mut geerbt«, entgegnete ich. »Und eine Armbanduhr.«
»Na gut, aber … wovon lebst du? Du kannst doch nicht einfach so um die Welt reisen. Das kostet Geld.«
»Ja, schon. Ich habe mir eine Firma aufgebaut, für die ich in der Regel weniger als vier Stunden in der Woche arbeite und die mir ein passives Einkommen generiert. Das Geld investiere ich hauptsächlich in Reisen und in ein gutes Leben.«
»Und wie viel Geld soll das sein?«, fragte er.
»5000 Euro monatlich.«
»Für vier Stunden Arbeit in der Woche?«
»Genau.«
Robert lachte hämisch laut auf. »Du redest einen Scheiß. Das gibt es nicht. Das ist doch völlig verrückt, alle Menschen müssen hart für ihr Geld arbeiten. Oder sie haben es geerbt. Also wie soll so etwas bitte gehen?
»Das ist eine lange Geschichte …«
»Wir sind am anderen Ende der Welt. Wir liegen hier am schönsten Strand, den ich kenne, haben Kokosnüsse und kühles Bier … ich kann mir kaum einen besseren Ort für eine lange und gute Geschichte vorstellen als diesen hier.«
»Also gut«, sagte ich. »Wenn es dich wirklich interessiert, dann erzähle ich sie dir ...«
Ich richtete mich in der Hängematte auf, nahm noch einen Schluck von dem kühlen Bier und überlegte kurz, wie ich einsteigen sollte.
»Gut, aber erzähl mir bitte alles von Anfang an«, bat Robert.
Angst. Nichts auf der Welt lähmt uns Menschen so sehr wie die Angst. Und keine Angst ist so mächtig wie die Angst vor dem Verlust. Die Angst davor, die Dinge zu verlieren, die uns etwas bedeuten. Menschen, Besitz, Status. Oft definieren wir uns über das, was wir haben. Aber was sind wir noch, wenn wir das alles verlieren? Unser Besitz ist für viele auch gleichzeitig die Identität. Dabei lässt sich der Verlust auch als eine Chance begreifen. Als eine Chance, sich selbst neu zu definieren. Neue Wege einzuschlagen und neue Seiten an sich selbst zu entdecken. Vielleicht auch eine Seite, die uns viel glücklicher werden lässt. Aber viel zu selten begreifen wir das von alleine. Meistens ist es das Leben selbst, das uns die Möglichkeit offenbart, die Perspektive zu wechseln.
Es war der erste wirklich heiße Frühlingstag in diesem Jahr. Ich saß vor der ewig langen Auffahrt vor unserem Anwesen in Morsum auf Sylt und hatte am Rande der Straße ein großes Handtuch ausgebreitet. Auf dem Handtuch hatte ich einige Muscheln aufgereiht, die ich zuvor am Strand gesammelt hatte. Daneben lag ein Stück Papier. »5 Pfenning klein – 10 Pfennig groß das Stück«. Die Muscheln hatten unterschiedliche Größen und einige von ihnen hatte ich mit Wasserfarben bemalt. Ich war sieben Jahre alt und hatte gerade mein erstes Geschäft eröffnet. Es lief ganz ordentlich. Ich hatte auf die Fahrradfahrer gesetzt, die vorbeikamen – und mich nicht verkalkuliert. Meinen Gewinn investierte ich in gemischte Süßigkeitentüten für eine Mark das Stück.
Ich schaute in Richtung Strand und sah, wie meine Mutter am Horizont erschien. Sie kam mit ihren Freundinnen langsam von ihrem Ausritt zurück. Ich winkte ihr zu. Mama saß auf einem großen, erhabenen Pferd. Einem schwarzen Friesen. Ihrem Black Beauty. Sie trug ein leichtes, gelbes Tuch über ihrer hellblau-weiß gestreiften Bluse, das im Wind flatterte, und ich fand, dass sie sehr mondän aussah. Ich lief zur Einfahrt und öffnete ihr das große Eingangstor zu unserem Anwesen und begrüßte sie und ihre Freundinnen.
»Und mein Schatz? Hast du heute etwas verkauft?«
Stolz griff ich in meine Taschen und zeigte ihr meinen Schatz in Form einiger Pfennige.
»3 Mark 25 habe ich eingenommen«, sagte ich, während ich neben ihr unsere Auffahrt hinauflief. Im Garten lag mein Vater unter einem Apfelbaum und las ein Buch.
»Mach dich schon einmal fertig, Max«, sagte Mama. »Wir gehen später zu den Meyers.«
Die Meyers. Sie waren eine der fünf großen Familien aus unserem Freundeskreis. Mit denen wir auch auf Sylt einen großen Teil unserer Zeit verbrachten. Alle diese fünf Familien waren genau wie wir: Sie waren ungeheuer reich. Sie hatten riesige Anwesen und gehörten zum Geldadel der Republik. Weder meine beiden großen Schwestern, Isabelle und Daniela, noch ich kannten in unserem Leben das Gefühl, irgendeine Sorge zu haben. Wir hatten alles, was man nur haben konnte. Geld und Status. Und davon mehr als genug.
Mein Vater war ein klassischer Aufsteiger. Jemand, der von ganz unten kam, ein Arbeiterkind, das sich in kürzester Zeit mit harter Arbeit und einem guten Sinn fürs Geschäft aus der Armut herausgearbeitet hatte und sich ein Vermögen aufbauen konnte. Nach der Schule war er nach London ausgewandert, wo er am Hafen Kisten schleppte. Das Geld, das er verdiente, sparte er sich an, und als er genug beiseitegelegt hatte, gründete er seine erste eigene Firma, die sich auf Elektrotechnik spezialisiert hatte. Das waren seine Anfänge.
Mittlerweile hatte er so viel Geld, dass er sich für uns neben unserer Villa in Remscheid auch noch ein Anwesen auf Sylt leistete. Auf Sylt verbrachten wir die Sommermonate. Und dort gab es eben auch die fünf großen Familien, mit denen wir uns regelmäßig trafen.
Etwa die Familie Stiller. Die Stillers besaßen ein Pharmaunternehmen, das sie reich, und eine alternative Apotheke sowie ein Reformhaus, die sie glücklich machten. Frau Stiller war komplett begeistert von alternativer Medizin. Sie glaubte, wie meine Mutter, dass alle Krankheiten der Welt einen Ursprung im Geist oder der Seele hatten. Und diese könne man am besten mit Globuli, Akkupunktur und einem guten inneren Mindset behandeln. Die Stillers waren ziemlich chaotisch, aber genau das mochte ich an ihnen. Bei ihnen im Haus war immer Tag der offenen Tür. Freunde und Nachbarn waren wirklich immer willkommen. So war alles zwar ein bisschen chaotisch, aber auf eine liebevolle Weise. Im Gegensatz zu den anderen Familien waren die Stillers ein bisschen hippiemäßig drauf und gaben dem Geld, das sie besaßen, keinen allzu hohen Stellenwert. Das volle Gegenprogramm zu den Hennickes etwa. Frau Hennicke war die älteste Schulfreundin meiner Mutter, ihr Mann ein Zahntechniker mit leicht spießigen Grundzügen. Sein Haus war stets penibel aufgeräumt, die Hecken auf den Zentimeter genau geschnitten und der Rasen natürlich immer getrimmt.
Im Vergleich zu den anderen verzichtete er auf die übertriebene Ausstellung von Materialismus. Er war der Einzige im Kreis der Freunde, der keinen Sportwagen, keine überteuerten Luxusuhren hatte und bei Besuchen nicht immer gleich mit dem teuersten Champagner protzte.
Die Familie Stahlberger war für mich die mysteriöseste der Familien. Herr Stahlberger war ein Phantom. Man hatte ihn so gut nie zu Gesicht bekommen. Ständig war er auf irgendwelchen Geschäftsreisen. Er hatte sich Vermögen aufgebaut, in dem er Kirmes-Geräte weltweit verkaufte. Autoscooter, Geister- und Achterbahnen.
Und zuletzt die mit uns am engsten befreundete Familie Dullmann. Peter Dullmann war Chef eines Ärztezentrums, das er mit zwielichtigen Geschäftspartnern aufgebaut hatte. Peter hatte ein Faible für Autos. Für Oldtimer. Er hatte sich eine richtige Sammlung aufgebaut und verbrachte seine Wochenenden am liebsten auf der Rennstrecke.
»Möchtest du mit dem Fahrrad rüberfahren oder mit dem Porsche?«
»Mit dem Porsche«, sagte ich und strahlte. Die Meyers wohnten eigentlich nur ein paar Hundert Meter von uns entfernt. Aber es gab keine Strecke, für die es sich für mich nicht lohnte, in einen Porsche zu steigen, charakterisierte mein Vater mich mal halb im Scherz, halb im Ernst. Und er hatte recht.
Ich ging in unser großes, reetgedecktes Haus und zog mich um, während Mama die Pferde in die große Stallung hinter unserem Haus brachte, wo meine Schwestern sie dann striegelten und frisierten. Unser Haus war wirklich riesig. Wir hatten nicht bloß alles, was wir brauchten. Wir hatten noch viel mehr. Am späten Nachmittag stieg ich neben meinem Vater in den silbernen 911er-Porsche, der direkt neben seinem schwarzpolierten 7er-BMW in der Auffahrt parkte. Mama und meine Schwestern nahmen die Pferde.
Dann fuhren wir los. Ich kurbelte das Fenster runter und genoss die frische Meeresluft. »Ich glaube, ich war noch nie bei dem neuen Anwesen der Meyers«, sagte ich.
»Du wirst begeistert sein.«
Wir fuhren etwa fünf Minuten, als wir vor einem massiven, vergoldeten Tor zum Halten kamen. Mein Vater drückte auf die Porsche-Hupe und wartete, bis einer der Bediensteten kam und das Tor öffnete. Er nickte mit seinem Kopf leicht nach rechts.
»Da drüben«, sagte er, »wohnen die Schleckers.«
Als die Tore geöffnet waren, fuhr mein Vater eine breitspurige, imposante Auffahrt hoch, bis wir endlich vor einer riesigen Villa parkten. Ich hatte schon viel gesehen. Aber das hier stellte alles in den Schatten. Es sah aus wie Disneyland. An der Tür begrüßte uns Rainer Meyer. Er war schon öfter bei uns zu Besuch gewesen und eine wirklich eindrucksvolle Person. Großgewachsen, schlank und sportlich, das grau melierte Haar streng nach hinten gekämmt. Er trug einen weißen Anzug, ein leicht aufgeknöpftes schwarzes Hemd und eine goldene Patek Philippe, eine Tourbillon mit Ewigkalender, wie mir Papa später beeindruckt erklärte.
»Na, endlich darf ich auch einmal die Familie Scharpenack in meinem bescheidenen Anwesen begrüßen«, sagte er jovial und ungekünstelt. Er gab jedem von uns die Hand und führte uns über sein riesiges Anwesen. Das gesamte Haus war mit kostbarem Marmorboden ausgelegt. An den Wänden hingen prachtvolle Gemälde, die aussahen, als wären sie ein Vermögen wert. Im Garten hatte er nicht bloß einen Pool, sondern gleich eine ganze Pool-Anlage, die aussah, als sei sie der berühmt-berüchtigten Grotte in Hugh Hefners Playboy Mansion nachempfunden.
»Dort hinten«, sagte er und zeigte mit dem Finger Richtung Horizont »ist mein Gestüt. Wir haben ein paar wunderbare Zuchthengste.«
Ich bewunderte diesen Mann. Rainer Meyer war für mich eine imposante Figur. Ich war noch jung und hatte nicht viel Ahnung von Geld, aber ich spürte ganz instinktiv, dass er rein finanziell viele Stufen über meinem schon sehr reichen Vater stand. Und dabei blieb er ganz unprätentiös. Rainer Meyer protzte nicht mit dem was er hatte, er präsentierte es nur ganz selbstverständlich. Dabei war er ein generöser Gentleman. Nachdem meine Mutter mit Frau Meyer am Pool Platz genommen hatte und meine Schwestern in die Pferde-Welt reisten, zeigte Meyer meinem Vater und mir seinen Fuhrpark. Er wusste, dass wir beide ziemlich autobegeistert waren. Und mein Vater behielt recht, als er heute Morgen prognostiziert hatte, dass ich beeindruckt sein würde. Meyer hatte alles, was man sich nur vorstellen konnte, und noch viel mehr. Lamborghinis, Ferraris, Jaguars. Ich lief von Auto zu Auto und hatte das Gefühl, mein Herz würde sich überschlagen vor Freude. Es war wie in einem Film. Nur besser.
Die Meyers hatten auch drei Kinder, die schon ein paar Jahre älter waren als ich. Dennoch waren sie unglaublich gastfreundlich und zeigten mir ihr Spielzeug, um mich zu beschäftigen, während Papa mit Herrn Meyer Erwachsenengespräche führte.
Als wir am Abend wieder nach Hause fuhren, fragte ich meinen Vater, warum die Meyers so reich seien.
»Er ist Arzt, Max.«
»Aber nicht alle Ärzte haben eigene Rennpferde, oder?«
»Nein, aber Herr Meyer ist ein besonders guter Arzt. Und wenn du in etwas besonders gut bist, dann kannst du dir auch irgendwann mal Rennpferde leisten.«
Das klang damals für mich ziemlich logisch, war aber nur die halbe Wahrheit. Rainer Meyer war natürlich kein einfacher Arzt, sondern ein weltbekannter Hämatologe. Er hatte ein Verfahren erfunden, wie man Blutproben auf den HI-Virus testen konnte, und er hatte in den 1980er-Jahren ein Vermögen damit gemacht. Sein Institut war damit beauftragt, sämtliche Blutproben für das Deutsche Rote Kreuz zu testen. Das hatte ihn reich gemacht.
*
So vergingen unsere Tage auf Sylt. Unser Leben fühlte sich an wie ein einziger Urlaub. Wir waren unter Freunden, genossen das beste Essen, das man sich nur vorstellen konnte, und auch wenn der Sommer vorbei war, fühlte sich das Leben noch wie ein ewiger Frühling an. Doch irgendwann kommt immer der Herbst, und auch auf die schönsten Dächer fällt einmal Regen. Wir hatten ein verdammt großes Dach. Und entsprechend viel Platz für sehr viel Regen.
»Max, komm mal ins Wohnzimmer«, hörte ich meine Mutter rufen. »Wir müssen reden.«
Ich lief die Treppen hinunter und setzte mich zu den anderen.
»Was ist denn los?«, fragte ich und schaute in die betrübten Gesichter meiner Eltern.
»Es geht um Rainer Meyer. Er hat einen großen Fehler gemacht. Wir dachten, du solltest es von uns hören, bevor es dir jemand anderes erzählt.«
»Was ist denn mit ihm?«
»Er wurde heute Morgen verhaftet«, sagte mein Vater.
Verhaftet? Herr Meyer? Das war für mich unvorstellbar. »Was hat er denn gemacht?«
Meine Eltern schauten sich an, und ihr Blick zeigte mir schon, dass sie mir nicht die ganze Wahrheit sagen würden. »Er hat Menschen betrogen«, fasste es meine Mutter kurz zusammen. »Auf die schlimmste nur mögliche Art.«
Sie machte eine kurze Pause und sammelte sich. Dann entschloss sie sich, mir doch die ganze Geschichte zu erzählen. So wie meine Eltern es immer machten. In Wahrheit hatte Meyer, um Geld zu sparen, nur etwa die Hälfte der Blutproben, die für das Rote Kreuz getestet werden mussten, auch wirklich getestet. Die anderen hatte er unkontrolliert weitergegeben. Auf diese Weise hatten sich nachweislich mehrere Menschen mit HIV infiziert und waren an den Folgen gestorben. Es war ein Riesenskandal, der seine Kreise zog. Der SPIEGEL schrieb eine große Titelgeschichte. Der große Doktor Meyer war nun nicht mehr der große Doktor Meyer. Der große Doktor Meyer war jetzt »Dr. Tod«. So nannten ihn die Medien. Er legte vor Gericht ein umfassendes Geständnis ab. Die Richter verurteilten ihn zu sechseinhalb Jahren Haft, und Meyer verlor alles, was er hatte. Sein Haus, sein Gestüt, seinen Fuhrpark, seine Familie, seinen Status. Und für mich am schwierigsten zu begreifen: seine Freiheit. »Wann sehen wir Herrn Meyer wieder?«, fragte ich. »Für eine sehr lange Zeit gar nicht mehr, mein Schatz.« Ich schluckte. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich so direkt mit einem Verlust konfrontiert war. Es war der erste Riss im Fundament meiner doch so heilen Welt. In den nächsten Monaten und Jahren gab es immer wieder einmal Nachrichten, die mich fassungslos machten. Joachim Stahlberger wurde ebenfalls verhaftet. Der Vorwurf: Steuerbetrug in Millionenhöhe. Mehrere Jahre Gefängnis war das Urteil. Dann hörten wir, dass die Familie Dullmann pleite war. Familie Stiller hatte sich ebenfalls verkalkuliert – auch sie waren pleite. Am Ende waren alle großen Familien gefallen. Außer die Familie Hennicke, die ich immer als die vermeintlichen Spießer gesehen hatte. Das waren Einschläge in die Selbstverständlichkeit meiner Kindheit. Ich dachte, dass die Dinge so bleiben würden, wie sie immer gewesen waren. Aber das stimmte natürlich nicht. Und dann erreichten die Einschläge irgendwann unsere eigene Familie.
»Max, wir müssen mal unter vier Augen reden.« Immer wenn meine Mutter mich in dieser Stimmlage rief, wusste ich, dass sie keine guten Nachrichten für mich hatte. Was war dieses Mal geschehen? War wieder jemand verhaftet wurden? Es war wirklich absurd. Vier von fünf befreundeten Familien, mit denen ich meine Kindheit verbracht hatte, waren abgestürzt. Es war, als hätten sich meine männlichen Vorbilder allesamt als Trugbilder entpuppt, und ich stellte plötzlich sämtliche Gewissheiten und Vorstellungen von erfolgreichen Menschen infrage.
Doch dieses Mal sollte es noch viel schlimmer kommen. Dieses Mal sollte es meine eigene Familie treffen.
»Max«, sagte meine Mutter, und ich spürte, dass sie mit den Worten rang. »Ich werde jetzt nichts verschönern. Dein Vater und ich ... wir werden uns trennen.«
»Was? Das ... ist doch ein Scherz?«
»Nein, Max. Deine Schwestern wissen auch schon Bescheid«, sagte Mama. »Bitte. Mach dir keine Gedanken. Es wird alles gut werden. Es ist besser für uns alle.«
»Aber ... warum?«, fragte ich und versuchte, nicht direkt loszuheulen. Ich begriff es nicht. Ich begriff es wirklich nicht. Ich hatte meine Eltern noch nie streiten sehen. Ich hatte noch nie mitbekommen, dass mein Vater einmal ein böses Wort zu meiner Mutter gesagt hatte. Also warum?
»Ich habe jemand anderen kennengelernt«, sagte Mama mir die Wahrheit. »Dein Vater und ich haben uns einfach auseinandergelebt.«
Meine Mutter war klar und ehrlich und sprach es direkt offen aus. Papa hingegen sprach gar nicht über das Thema. Ich hatte das Gefühl, dass ihn das alles sehr verletzte. Aber er wollte es sich nicht anmerken lassen. Nicht er. Nicht Papa. Papa war immer ein sehr stolzer Mann gewesen. Er kam aus den ärmlichsten Verhältnissen, aus denen er sich erfolgreich hochgearbeitet hatte, und er hatte verinnerlicht, dass man niemals Schwäche zeigen durfte. Das war natürlich Unsinn. Aber für Papa war es eben eine goldene Regel.
»Und ... wie geht es jetzt weiter?«
»Wir ziehen nach Reken«, sagte Mama. »Und Papa bleibt vorerst hier.«
Ich spürte, dass die Sommer auf Sylt nun endgültig der Vergangenheit angehörten. Das Haus hatten wir bereits verkauft gehabt. Jetzt endete auch die Zeit in Jaderberg, wo wir nicht einmal zwei Jahre nach unserem Umzug aus Remscheid gewohnt hatten.
*
Ich lag hellwach in meinem Bett und starrte an die Decke. Ich wusste nicht, wie lange das schon so ging, aber meine Gedanken fanden einfach keine Ruhe. Ich war nervös. Ich war unruhig. Ich machte mir Sorgen. Irgendwann drehte ich mich zur Seite und schaute auf das Display von meinem kleinen CD-Player. 04:55 Uhr. Ich hatte noch zwei Stunden, bevor ich aufstehen musste, aber ich war bereits jetzt hellwach. Ich hatte die ganze Nacht nicht richtig geschlafen. Heute war der große Tag. Der Tag der Wahrheit. Heute war der Tag, an dem ich mal wieder auf eine neue Schule kam. Bereits zum vierten Mal in meinem Leben. Und ich war gerade mal zwölf Jahre alt.
Wie würde es wohl dieses Mal werden? Wie würde man mich aufnehmen? Ich starrte wieder an die Decke und malte mir alle möglichen Szenarien aus. Damals war alles ganz einfach gewesen. Damals war ich in einer Klasse mit den Kindern gewesen, die meine Eltern sowieso schon jedes Wochenende zu uns nach Hause eingeladen hatten. Man kannte sich. Die Familien waren alle untereinander schon seit vielen Jahren befreundet, wir waren als Kinder gemeinsam aufgewachsen, und ob wir uns nun vormittags in der Schulklasse oder nachmittags im Garten von irgendwem trafen, machte überhaupt keinen Unterschied. Das war jetzt anders. Ich kannte auf der neuen Schule außer einem Jungen niemanden. Ich wusste nicht, was auf mich zukommen würde. Ich drehte mich auf den Bauch und zog mir die Decke über den Kopf. Komm schon, Max. Das wird schon werden, mach dir keine Gedanken, es wird schon gutgehen, sprach ich mir selber Mut zu. Dann schloss ich meine Augen und versuchte, zumindest noch ein klein wenig Ruhe zu finden.
»Max, wach auf!«
Ich schreckte hoch und starrte auf den Wecker. Es war Viertel nach sieben. Ich war sofort hellwach und sprang aus dem Bett. Verdammt, jetzt war ich auch noch spät dran.
»Beeil dich, nicht dass du noch an deinem ersten Tag zu spät kommst.«
»Alles gut!«, rief ich und lief ins Badezimmer, um mich fertig zu machen. Dann suchte ich mir meine coolsten Klamotten aus dem Schrank, schnappte mir meinen Eastpak und lief zu Mama. »Ich bin so weit.«
Sie musterte mich, befand mein Outfit wohl für okay und schloss die Türe ab.
Dann stiegen wir gemeinsam mit meiner Schwester Isabelle ins Auto und fuhren zur Schule. Ich hatte gemischte Gefühle. War ich die letzten Tage noch halbwegs aufgeregt und unsicher gewesen, freute ich mich mittlerweile ein bisschen und war guter Dinge. Wir fuhren eine gefühlte Ewigkeit über eine lange Landstraße. Reken lag mitten im Nichts und meine neue Schule am Rande dieses Nichts. Ich hasste diesen Ort. Eigentlich hasste ich ihn nicht. Eigentlich fiel es mir nur schwer, mich an mein neues Leben zu gewöhnen. Alles war so anders. Papa hatte tatsächlich unsere beiden Häuser verkauft. Er wohnte jetzt wieder in Remscheid. In einer sehr viel kleineren Doppelhaushälfte irgendwo im anonymen Neubaugebiet. Kein Vergleich mehr zu unserem riesigen Anwesen auf Jaderberg oder Sylt. Ich fragte mich, ob Papa Geldprobleme hatte, aber natürlich traute ich mich nicht, ihn darauf anzusprechen. Er gab weiterhin vor, dass alles in Ordnung sei. Aber auch unser Leben war ein anderes. Ich lebte jetzt gemeinsam mit meinen Schwestern Daniela und Isabelle und Mama bei Jan Jaap. Jan Jaap war Mamas neuer Mann. Ein guter Kerl, ja, aber eben nicht Papa. Jan Jaap war Holländer. Er war Physiotherapeut und ein fleißiger, disziplinierter Arbeiter. Er hatte eine eigene kleine Praxis, in der er zehn, manchmal auch zwölf, dreizehn oder vierzehn Stunden am Tag arbeitete. Und dennoch war das Geld immer relativ knapp im Haus. Nicht dass es unserer Familie an irgendetwas fehlte. Nur die Zeiten, in denen alles im Überfluss vorhanden war, die waren vorbei.
»Da sind wir«, sagte Mama. »Ich wünsche euch einen tollen, erfolgreichen Tag.«
Ich stieg aus dem Auto und betrat meine neue Schule. Ein Klostergymnasium mit angeschlossener Kirche in Maria Veen.
»Du brauchst keine Angst zu haben, ich bin da, wenn irgendwas ist«, sagte meine große Schwester. Ich wusste, ich konnte mich auf Isabelle verlassen, wir waren es ja gewohnt, aufeinander aufzupassen.
Ich brauchte ein bisschen, um mich zu orientieren und mein Klassenzimmer zu finden. Die Vorfreude war mittlerweile wieder der Angst gewichen. Und als ich die Klasse betrat und sah, dass ich zu den kleinsten und schmächtigsten Kindern zählte und sich niemand für mich interessierte, verstärkte sich diese Angst nochmals um ein Vielfaches. Ich wartete, bis der Lehrer kam und mir einen Platz zuwies, und wünschte mir einfach nur, dass alles wieder so sein würde wie früher.
*
Es vergingen ein paar Monate, und ich hatte mich mittlerweile halbwegs in meinem neuen Leben arrangiert. Ich war zwölf Jahre alt und hatte nun auch gelernt, was es hieß, ein Außenseiter zu sein. Alle Gruppen an der Schule hatten sich schon gefunden, und ich war von außen dazugekommen, was keine guten Startbedingungen gewesen waren. Wahrscheinlich hätte ich mich dennoch irgendwie schneller einfinden können. Aber ich war zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Ich litt noch immer unter der Trennung meiner Eltern. Dennoch fand ich an meiner neuen Schule auch einen Freund. Fabian. Eigentlich war Fabian in der Klasse der Außenseiter. Aber ich machte ihm diese Position ganz gut streitig, und als ein paar Kinder mich auf dem Schulhof ärgerten, war es Fabian, der sich vor mich stellte und mich verteidigte. Das war auf der einen Seite ein bisschen demütigend, aber ich habe ihm das auf der anderen Seite auch nie vergessen. Und ich habe diesen Tag nie vergessen. Denn als ich von der Schule nach Hause kam, wartete da eine weitere Nachricht, die mich noch tiefer herunterziehen sollte.
Ich ahnte schon, dass irgendwas nicht stimmte, denn alle im Haus waren extrem betroffen. Meine Schwestern saßen apathisch im Wohnzimmer und waren gar nicht richtig ansprechbar.
»Was ist denn los?«, fragte ich.
»Max, Papa hat angerufen«, sagte Mama. »Er ist im Krankenhaus.«
»Was? Wieso das, was hat er denn?«
»Das will er uns selber sagen, wir fahren gleich hin.«
Was wollte er uns denn noch sagen? Es konnte doch nicht mehr schlimmer kommen, als es eh schon war.
Aber da täuschte ich mich.
Wir fuhren ins Krankenhaus. Nach Remscheid. Die Fahrt dauerte eine Stunde, eine unerträglich lange Stunde. Keiner von uns sprach auch nur ein Wort. Meine Schwestern schauten aus dem Fenster. Als wir die Klinik erreichten, brachte man uns direkt auf eine Station, wo auch schon mein Vater in einem der Untersuchungsräume saß. Er umarmte uns und kam dann auch direkt zur Sache: »Ich muss mit euch reden, Kinder.« Neben ihm stand der Oberarzt und atmete einmal schwer aus. »Ich habe Darmkrebs.«
Der Arzt sprach meine Schwester Daniela an. »Wir müssen ein großes Stück von seinem Darm entfernen. Damit die Chance steigt, dass er überlebt.«
Damit die Chance steigt, dass ... Es fühlte sich total surreal an, diese Worte zu hören. Isabelle war komplett aufgelöst, sie hatte keinerlei Farbe mehr im Gesicht. Daniela versuchte, alles ganz nüchtern zu betrachten, aber auch sie traf die Nachricht wie ein Schlag.
Als wir wieder zu Hause waren, realisierte ich langsam, was mein Vater uns da gerade eröffnet hatte. In diesem Moment brach auch der letzte Rest meiner kleinen Welt zusammen. Krebs. Das klang für mich endgültig. Ich verkroch mich in mein Bett. Ich wollte nicht, dass irgendwer sah, wie sehr mich diese Nachricht mitnahm. Ich weinte die ganze Nacht durch.
*
»Was machst du denn am Wochenende?«, fragte mich mein mittlerweile engster Kumpel Michael, als wir gerade auf dem Basketballplatz meiner Schule standen. »Lust, was zu unternehmen?«
»Ich kann nicht«, sagte ich und warf einen Korb. »Ich fahre zu meinem Vater.«
Mein Vater hatte mittlerweile eine neue Frau kennengelernt, zu der er nach Berlin gezogen war. Eine Ärztin. Sie hatten eine kleine Wohnung in Charlottenburg. Von seinem einstigen Reichtum war auch äußerlich fast nichts mehr geblieben, aber darüber machte ich mir in dieser Zeit überhaupt keine Gedanken. Ich stellte nichts infrage, ich wunderte mich nicht einmal. Ich hatte andere Dinge im Kopf. Ich versuchte, meinen Vater so oft wie möglich zu besuchen. Also fuhr ich jede zweite oder dritte Woche von Reken nach Berlin. Die Schule war mir mittlerweile völlig egal. Ich schaffte es zwar irgendwie, mich auf dem Gymnasium zu halten, aber meine Noten waren miserabel. Ich hatte sogar zum ersten Mal in meinem Leben eine Sechs geschrieben. Obwohl die Schule mich nicht mehr interessierte, war das trotzdem ein kleiner Schock gewesen. Mir war von Kindheit an beigebracht worden, dass Englisch wichtig ist. Dass man Englisch sprechen können muss, um international erfolgreich zu werden. Als ich die Klassenarbeit mit dem roten »Ungenügend« in die Hand gedrückt bekam, dachte ich nur, dass auch der Traum, einmal Manager zu werden, ausgeträumt war.
»Du fährst diese Strecke wirklich jedes Mal ganz alleine?«, fragte mich Michael ungläubig. »Ja, natürlich«, sagte ich und warf ihm den Ball zu. Für mich war das überhaupt nichts Besonderes. Aber für die anderen Jugendlichen in meinem Alter war es einfach nicht normal, dass ich als 14-Jähriger so eine kleine Odyssee auf mich nahm.
»Wie geht es deinem Vater denn?«
Ich zuckte mit den Schultern. Mein Dad sagte zwar immer, dass er das alles in den Griff kriegen würde, aber ich hatte das Gefühl, jedes Mal, wenn ich ihn sah, wirkte er etwas schwächer. Hatte etwas mehr abgebaut. Auf der anderen Seite vertraute ich auch auf sein Wort. Ich hoffte, dass er mir gegenüber absolut offen und ehrlich war. Und mir nichts verheimlichen würde – zumindest, was seine Gesundheit betraf.
Und das tat er auch nicht. Als ich am Wochenende wieder in Berlin war und mit ihm zusammensaß, sagte er, dass wir noch einmal miteinander reden müssten.
»Ich war letzte Woche bei einem Onkologen, Max. Einem Spezialarzt für Krebs. Und ich habe keine guten Nachrichten.«
Ich hatte es ja schon befürchtet.
»Ich bin voller Metastasen. Ich werde in absehbarer Zeit sterben«, sagte er ganz klar zu mir. Ich schaute auf den Boden. Versuchte, mich zusammenzureißen. Nicht einfach loszuheulen. Aber in dem Moment, als er es mir sagte, als er aussprach, was ich schon längst befürchtet hatte, fühlte ich mich nicht einmal traurig. Ich fühlte mich einfach nur leer. Als wäre da gar nichts mehr in mir.
»Wir müssen jetzt das Beste daraus machen«, sagte er optimistisch, und ich nickte.
»Ich glaube, ich brauche ein bisschen frische Luft«, sagte ich, und er klopfte mir auf die Schulter.
