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Doro Ritter, Spitzenköchin aus München, verlegt ihren Lebensmittelpunkt für unbestimmte Zeit an den Gardasee. Liebe liegt in der Luft, die Verlobung mit ihrem Traumprinzen Vinc lässt sie auf einer Glückswolke schweben - bis eine tote Frau in den Bergen und mysteriöse Umtriebe in der Nachbarschaft die Atmosphäre vergiften. Als es einen weiteren Todesfall gibt und Doro persönlich bedroht wird, besiegt die Wut ihre Angst, und sie rückt einem Mörder immer näher auf die Pelle. Dieses Mal sogar auf ausdrücklichen Wunsch von Capitano Forti, der sich aus einem früheren Fall an ihr Talent als Detektivin erinnert.
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Seitenzahl: 463
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Gudrun Grägel
Limoncello Criminale
Gardasee-Krimi
Liebe und Mord in Limone Die Münchner Spitzenköchin Doro Ritter zieht mit ihrem Traumprinzen Vinc für unbestimmte Zeit nach Limone sul Garda. Mit dabei ist natürlich auch ihr verfressener Kater Rambo, der die italienische Küche bald genauso liebt wie die bayerischen Schmankerl vom Viktualienmarkt. Doch eine tote Frau in den Bergen, mysteriöse Umtriebe in der Nachbarschaft und nicht zuletzt Bedrohungen, die Doro sehr persönlich nehmen muss, vergiften allmählich die Atmosphäre, die eigentlich ganz im Zeichen ihrer Verlobung mit Vinc stehen sollte. Statt Amore unter südlicher Sonne muss Doro bald um ihr Leben fürchten. Denn als es ein weiteres Opfer gibt, beginnt sie, in ihrer neuen Nachbarschaft zu ermitteln – diesmal auf ausdrückliche Bitte von Capitano Forti hin, der sich aus einem früheren Fall an Doros Talent als Detektivin erinnert. Dabei kommt sie einem Mörder gefährlich nahe.
Geboren und aufgewachsen in Augsburg, hat Gudrun Grägel zunächst ihr Abitur mit Fachrichtung Pädagogik/Psychologie und anschließend eine pharmazeutische Ausbildung absolviert. Privat ist die Autorin dem schwäbisch-bayerischen Raum treu geblieben, als Autorin reist sie gerne nach Italien an den Gardasee, wo sie ihre Protagonistin inmitten südlichen Dolce Vitas ermitteln lässt – Recherche und Arbeit mit Wohlfühlcharakter. In »Limoncello Criminale« schickt sie die junge Köchin Doro Ritter bereits zum siebten Mal auf Mördersuche an den Lago di Garda und serviert ihren Lesern kriminell-kulinarischen Hochgenuss. Seit drei Jahren ist die Autorin Mitglied der mörderischen Schwestern. Seit 2025 Mitglied der Lesebühne Augsburg.
Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.
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Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Susanne Tachlinski
Satz: Julia Franze
E-Book: Mirjam Hecht
Kartengestaltung: Julia Franze und Martin Grägel
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Janoka82 / iStock.com
ISBN 978-3-7349-3552-7
Für meine Lieblingsmenschen
La felicità, come un vino pregiato,
deve essere assaporata sorso a sorso.
Das Glück muss wie ein guter Wein
Schluck für Schluck genossen werden.
Ludwig Feuerbach (1804–1872)
Gelesen auf einer Flasche Vino Bianco, Weingut Costadoro, Bardolino, Garda Cortese 2022
Doro Ritter, Spitzenköchin aus München mit kriminalistischen Ambitionen, liebt Vinc und ihren Kater Rambo – natürlich müssen beide mit, als sie ihren Wohnsitz für eine gewisse Zeit an den Gardasee verlegt
Vincent Wolkenberg, genannt Vinc, seine Spezialität sind Aperitifs, aber meistens lässt er Doros Kreativität den Vortritt
Sascha Ritter, Sternekoch, Fernsehstar und last, but not least Doros Vater
Rambo, Doros stattlicher Kater, zieht mit nach Italien
*
Hotel »Magdalena«
Greta Rinaldi, Doros Freundin, hat nicht nur Adriano geheiratet, sondern seine Familie und das Hotel »Magdalena« gleich mit
Adriano Rinaldi, Gretas Mann
Davide und Laura, Adrianos Kinder aus seiner ersten Ehe mit Isabella
Sofia, Gretas und Adrianos gemeinsames Kind der Liebe
Vittorio Rinaldi, Gretas Schwiegervater
Francesca Rinaldi, Gretas Schwiegermutter
Valdo Carlotti, Urgestein und unumstrittener Herr in der Küche im »Magdalena«, gibt es nicht zu, aber schaut Doro gerne mal über die Schulter
Marta Francini, Adrianos Tante aus Mailand
*
Carabinieri
Capitano Mario Forti
Tenente Lorenzo Maria Casella, Fortis Assistent
*
Doros Nachbarn
Aus der Villa Limone:
Chiara Montani und Emanuele Contado, seinem Onkel Franco gehört die Villa
Ina Peluso und Dario Grasetti
Riccarda Fiore undMichele Assini
*
Graues Appartementhaus – liegt zwischen Doros Haus und der Villa Limone
Maria und Matteo Colombo, Matteo sitzt nach einem Schlaganfall im Rollstuhl, pflegebedürftig und leicht dement; Maria bewältigt seine Pflege immer noch allein
Daniela und Pietro Tassone, wohnen im ersten Stock
Tiziana und Alessandro Ottini, wohnen ebenfalls im ersten Stock
Giovanni Tacconi, der Hausmeister der Anlage, wohnt im zweiten Stock und legt sich mit allen an
Sascha Ritters Filmteam
Paul Mayerhöfer, Kamera
Basti Stegmann, Regie
Flo Kleinert, Ton
Morgenstimmung. Die Sonne steht herbstlich tief und taucht den Klostergarten in helles Morgenlicht. Vögel zwitschern, die Natur ist bereits erwacht, lässt die Ahnung des vergangenen Sommers aufleben und verteilt großzügig Ruhe und Frieden an alle, die sich ihr anvertrauen. Die Frau löst die Schnürsenkel, schlüpft aus den leichten Turnschuhen und läuft ab hier barfuß. Im normalen Leben regiert Eleganz vor Bequemlichkeit, hier jedoch genießt sie die Freiheit und lässt das Abfallen der Alltagslast für Körper und Geist freudig zu. Ganz bewusst spürt sie den scharfkantigen Steinen nach, die in die Fußsohle drücken. Konsequentes Training haben den Schmerz zur Massage werden lassen. Blockaden lösen sich, die Energie fließt wieder und bringt Seele und Geist in Einklang. Die Mönche kennen sie, man grüßt sich, geht dann seiner Wege. Mit gleichmäßigen Schritten steigt sie nach oben, die Schuhe baumeln an den Bändern in ihrer Hand, der steile Weg und die Stufen sind der Auftakt ihres morgendlichen Rituals.
Herrliche Blicke zum See belohnen den Weg, und das Plätschern des sprühnebelfeinen Wasserfalls empfängt sie freundlich am gewohnten Platz. Sie stellt die Schuhe neben dem Natursteinbecken ab, das der Wasserfall im Herbst wieder stetig mit klarem Bergquellwasser füllt und das nach dem Anstieg eine willkommene Abkühlung für die frühe Besucherin bietet. Sie hält die Hände in das kalte Nass, lässt es über die Unterarme fließen, von den Fußsohlen wandert die Kühle des feuchten Bodens in ihren Körper. Ein besonderer Ort mit einer besonderen Magie. Sie ist empfänglich für diese Schwingungen, für diesen perfekten Start in den Tag und wünscht sich in diesem Moment, jeder Tag würde so beginnen. Es wäre ein Geschenk.
Stopp! Sie verbietet sich das Jammern, sie hat ein gutes Leben. Freunde, Familie, einen Beruf, der sie ausfüllt. Genieße den Augenblick, entscheidet sie und atmet konzentriert, stellt sich mit dem Gesicht Richtung Süden, schließt die Augen und spürt in den Füßen die Verbindung zur Erde, sucht mit den Zehen Halt, atmet dreimal tief ein und aus. Während das Plätschern des Wassers im Hintergrund die Rolle der Meditationsmusik übernimmt, fängt ihr Körper fast von allein an, sich in der Pekingform zu bewegen. Atmen – Hüfte drehen – der Kranich öffnet seine Flügel – die Laute spielen – den Fächer öffnen … Die traditionelle chinesische Tai-Chi-Form stimmt sie auf den Tag ein. Sie konzentriert sich, atmet, bleibt im Gleichgewicht, der Körper kennt jede Position, die Hüfte nimmt den Körper mit. Atmen. Ein kurzer Schritt – an der steinernen Bank ist die Bahn zu Ende –, den Spatzenschwanz fangen, die Drehung. Leise raschelt es im seitlichen Gebüsch, sie ist kurz abgelenkt. Eine Eidechse? Ein Vogel? Eine Schlange? Der Anflug von Beklemmung fließt mit der Atemluft aus ihr heraus. Sie schließt die Augen, lenkt den Fokus ihrer Gedanken zurück zur Form … Wolkenhände … nach dem Weg fragen …
Nach einer Viertelstunde lehnt sie am Geländer, atmet der Form nach. Sie steigt auf die steinerne Bank, breitet die Arme aus, unter sich das Dach der offenen Kapelle – der weite Blick zum See lässt sie einen Moment verharren. Hinter ihr raschelt es wieder, sie lächelt in sich hinein, als sie die Vorstellung streift, jemand könnte sie beobachten. Ist schon passiert, bestenfalls aus Verwunderung und Interesse, in der Regel erntet sie aber ein spöttisches Lächeln der zufälligen Wanderer. Sie schaut auf den See, der in der Morgensonne glitzert wie der Sternenhimmel in der Nacht. Yin und Yang. Das Lächeln bleibt auf ihrem Gesicht. Sie schließt die Augen, gleich wird sie sich auf den Rückweg machen, auch darauf freut sie sich. Carpe diem – nutze den Tag, genieße den Augenblick. Ihr Lächeln wird breiter. »Werd nicht esoterisch«, würde ihre Freundin spotten, aber sie fühlt sich nicht esoterisch, sondern gelassen und ganz in ihrer Mitte. Ein Stein rollt hinter ihr den Berg hinab, sie beugt sich ein wenig nach vorne, um von der Bank zu steigen. Was …? Sie verliert das Gleichgewicht, strauchelt, die Beine werden nach oben gerissen, sie schnappt nach Luft, ihre Beine wirbeln durch die Luft, sie greift nach dem Geländer, kann es nicht fassen, sie findet keinen Halt. Ein Schrei hallt durch die Luft, es ist ihr eigener. Der Instinkt, zu überleben, dirigiert ihre Hände. Greif zu, du musst dich festhalten! Zweige peitschen ihr ins Gesicht, schrammen an ihren rudernden Armen. Sie fasst nach scharfem Gras, nach Büschen, ihre Nägel reißen, Dornen stechen, dann ein Schlag, sie fällt in tiefe Dunkelheit. Irgendwann ein Licht. Sie öffnet die Augen für einen kurzen Moment, erschrickt – zwei dunkle Augenpaare starren sie an, bevor der Schmerz wieder zuschlägt und gnädige Dunkelheit sie umhüllt …
Limone sul Garda, Settembre/Ottobre – September/Oktober
Mercoledì (Mittwoch) – Tag 1
Ich lehne am Balkongeländer und lasse mir die herbstwarme Sonne ins Gesicht scheinen. Das helle Licht spitzelt durch meine halb geschlossenen Lider. Ich blinzle und genieße die Aussicht über die Dächer von Limone bis runter zum See. Meinem Lago di Garda! Ja, so fühlt es sich an. Mein See.
Die letzten Wochen waren der pure Wahnsinn. Wir haben unsere Wohnung am Marienplatz untervermietet, Vinc behält dort ein Zimmer, sein Büro, in dem wir alles lagern, was wir nicht nach Italien mitnehmen. Ist ja kein Umzug für die Ewigkeit. Ich habe mein fünfstöckiges Schuhregal in München zurückgelassen, dafür Rambo eingepackt, und wir haben zwei Studenten damit glücklich gemacht, dass sie unsere Wohnung supergünstig für eine Weile übernehmen dürfen und als Gegenleistung lediglich unsere Pflanzen liebevoll pflegen müssen. Zugegeben, das sind einige. Für mich ist das wie Meditation, wenn ich nach einem stressigen Tag im »Macis« mit der Gießkanne in der Hand von Topf zu Topf ziehe, wo nötig, ein wenig Wasser spende und mich über ein neues Blatt oder eine über Nacht sichtbar gewordene Knospe freue – am liebsten mit Vinc an meiner Seite, der mich mit einer Tasse Tee oder einem Glas Rotwein in der Hand begleitet und meine Begeisterung teilt.
Ich muss schmunzeln, als ich an den Artikel einer Münchner Tageszeitung denke:
Der Zwei-Sterne-Tempel »Macis« am Münchner Sebastiansplatz muss einen herben Verlust beklagen. Kürzlich erst durfte Sascha Ritter, unser Lieblingssternekoch und Aushängeschild der Stadt München, einen zweiten Michelin-Stern in Empfang nehmen, und ist gefragt in jeder Kochshow – jetzt muss er seine Spitzenköchin, das Zugpferd seines Gourmettempels, ziehen lassen. Doro Ritter, die 29-jährige Tochter des Chefs, geht neue Wege. Aber nur temporär, wie sie ihren Fans beteuert. Sie zieht für eine Zeit nach Italien, wir dürfen aber hoffen, wenigstens in Form eines Kochbuches bald von ihr zu hören. »Nicht so extravagant wie mein Vater, aber Gaumenerlebnisse, die man auch zu Hause zaubern kann und die ganz ohne Magie gelingen« seien darin zu finden, wie Doro Ritter verspricht. Der Maestro enthält sich der Stimme, aber wir alle wissen, dass die beiden ein Dream-Team sind …
So oder so ähnlich ging es noch eine Weile weiter. Sommerloch? Na ja, vielleicht auch, aber mein Vater ist eben ein richtiger Promi, und das steigert die Verkaufszahlen eines jeden Blattes.
Die Ereignisse haben sich in den letzten Wochen überschlagen.
»Kaum zu glauben, was seit unserem Aufenthalt in Malcesine im Juni alles passiert ist«, sage ich zu Vinc, der sich neben mir ans Balkongeländer lehnt und von der Sonne wärmen lässt. Meine Blicke schweifen rüber zum Nachbargrundstück, dem »grauen Haus«, wie ich es nenne, wo der Hausmeister, Giovanni Tacconi, mit lautem Geknatter auf dem Rasenmäher-Traktor, Marke Ambrogio, seine Bahnen zieht. Er trägt sein klassisches Outfit: dunkelbraune Cordhose, braun-blau gestreiftes Hemd, die oberen zwei Knöpfe offen, darunter sind ein magerer Brustkorb und der Rand eines mehr oder weniger weißen Unterhemdes sichtbar. Ich habe ihn noch nie anders gesehen. Oder doch, mal mit, mal ohne den grauen Arbeitskittel.
Tacconis breiter Schnauzbart hüpft mit seinem Besitzer auf dem Sitz auf und ab, Rambos Schwanzspitze zuckt.
Vinc setzt sich an den Tisch und blättert in der Zeitung. »Hast du das mitgekriegt? Oben am Wasserfall, ein Stück oberhalb vom ›Milanesa‹, ist am Montag eine Frau verunglückt. Sie suchen nach Zeugen.«
»Nee, habe ich nicht mitbekommen, aber ich krieg zurzeit eh wenig mit, unser neues Haus nimmt ziemlich viel Raum ein in meinem Hirn.«
»Was nicht das Schlechteste ist, sonst würdest du wieder Mord vermuten und zu ermitteln anfangen.«
»Wieso, was ist denn passiert?« Jetzt bin ich neugierig geworden. »Und wofür suchen sie Zeugen, wenn es ein Unglück war?«
Vinc schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. »Mann, bin ich blöd. Muss ich dich auch noch mit der Nase darauf stoßen!« Er seufzt theatralisch.
»Übertreib mal nicht, mein Lieber. Ich ermittle nur, wenn es etwas zu ermitteln gibt, und dazu brauche ich Fakten. Allora, cosa è successo alla cascata?«, will ich es jetzt genau wissen.
»Das kann ich dir auch nicht sagen. Aber es geht wahrscheinlich ums Geld. Wer muss zahlen? Eine Unfallversicherung oder vielleicht die Gemeinde wegen mangelnder Sorgfaltspflicht? Du weißt ja, man braucht immer einen Schuldigen, einen, der verantwortlich ist.« Vinc spricht laut gegen das Geknatter des Rasenmähers vom Nachbargrundstück an.
»Ich werde bei Gelegenheit Greta fragen, die weiß bestimmt Näheres.«
»Lieber nicht, sonst wird aus dem Unfall womöglich doch noch ein Mordfall«, unkt Vinc. »Jedenfalls wird es mit dir nicht langweilig, so viel ist sicher«, stellt er in den Raum beziehungsweise in die spätsommerlich warme Abendluft hier in Limone, in unserem Garten, in unserem Haus.
»Unser Haus«, sinniere ich und vergesse den Unfall, »das klingt abenteuerlich. Wenn du mir das vor drei Monaten gesagt hättest … War echt witzig, wie es aus Paps herausgesprudelt ist, als er von unseren Hochzeitsplänen gehört hat. Na ja, er war noch nie ein guter Geheimnisbewahrer. Obwohl – für seine Verhältnisse hat er dieses Mal ganz schön lange durchgehalten.«
»Wir waren viel unterwegs, da hatte er schlicht und einfach wenig Gelegenheit, sich zu verplappern«, relativiert Vinc.
»Stimmt«, gebe ich lachend zu. »Trotzdem, dass er in aller Heimlichkeit dieses Haus hier in Limone gekauft hat, für sich und uns, das muss ihn schon sehr gedrückt haben.«
»Er hatte Valeria und die Rinaldis zur Unterstützung«, erinnert Vinc.
Ich lache leise. »Er hat sicher nicht damit gerechnet, dass wir sofort unsere Zelte in München abbrechen und uns hier eine Weile niederlassen.«
Jetzt lacht auch Vinc. »Der alte Fuchs! Aber er hat es relativ gelassen hingenommen, das muss man ihm lassen. Obwohl ihm damit sein Zugpferd in seinem Gourmettempel abhandengekommen ist.«
Ich winke ab. »Das Zugpferd im ›Macis‹ ist schon er selbst. Und er hat genug Spitzenköche an seiner Seite.«
»Nicht tiefstapeln, Schatz«, fordert Vinc.
»Okay, ein paar eigene Fans habe ich natürlich. Aber ich bin ja nicht für ewig aus München und dem ›Macis‹ weg. Und Paps versteht das. Er war früher auch nie lange an einem Ort, dagegen bin ich geradezu sesshaft. Und ich war ja sehr oft dabei. Paps ist Paps, der beste der Welt übrigens. Als meine Mutter ohne uns ihr neues Leben angefangen hat, ist meine Kinderwelt zerbrochen, aber Paps war für mich da. Immer. Er hat auf seine vielen Reisen verzichtet und sie wenn, dann hauptsächlich in den Ferien unternommen, denn er wollte nicht, dass ich bei den Großeltern aufwachsen muss.«
»Sascha ist voll in Ordnung. Ich krieg den besten Schwiegervater der Welt, zufrieden?« Vinc zwinkert, meint es aber ernst, das weiß ich, denn er hat selbst erlebt, wie es ist, von den Eltern abgeschoben zu werden und bei den Großeltern aufzuwachsen. Auch wenn sie sehr lieb waren. Er redet nicht gerne darüber, aber er hat mir mal gesagt, dass er lange das Gefühl hatte, seine Eltern seien seinetwegen weggegangen. Heute weiß er, dass das Quatsch ist, aber irgendwo in seinem Inneren nagen wohl noch immer Reste dieser Zweifel einer verlassenen Kinderseele an ihm.
»Immerhin können wir uns so den Traum von einem Ortswechsel verwirklichen, wenn es auch nicht Australien ist, wie ursprünglich geplant«, kommt er auf unser eigentliches Thema zurück.
»Auch wieder wahr. Aber gleich ein eigenes Haus! Warum stand das Gebäude eigentlich so lange leer?«
»Na ja, der Pool ist uralt, den musst du praktisch runderneuern. Dafür ist das Anwesen zu teuer gewesen und für Investoren, die das Haus an Feriengäste vermieten wollen, uninteressant. Wir dagegen wollen hier wohnen. Zumindest zeitweise. Und dein Vater liebäugelt damit, sich hier ab und zu eine Auszeit zu nehmen. Außerdem hat er Kontakt zu einer einheimischen Familie mit Kind, die das Erdgeschoss beziehen will. Die Eltern übernehmen die Hausmeisterarbeiten, eine Win-win-Situation für alle.
»Für Paps ist es in Limone auf jeden Fall geruhsamer als in München – da schlägt der Promibonus voll zu. Hier kennt man ihn zwar auch, aber er kann doch viel anonymer unterwegs sein. Davon abgesehen, ein Pool wäre nicht übel. Die Renovierung sollten wir unbedingt angehen. Ich frage Greta, ob sie eine Firma kennt, die Pools aufbereitet. Ich bin sicher, Paps zahlt das.«
Vinc nickt. »Denke ich auch. Wäre schade, einen Pool im Garten zu haben, den man nicht nutzen kann. Vor allem im Sommer, wenn die Temperatur über 30 Grad steigt.«
»Apropos Greta: Wir sind heute zum Lasagne-Essen ins ›Magdalena‹ eingeladen. Francesca kocht und wir sollen Bescheid geben, ob es klappt«, wechsle ich das Thema. Francesca Rinaldi ist die Schwiegermutter meiner Freundin Greta, die Adriano Rinaldi geheiratet hat und damit seine Familie und alles, was dazugehört, gleich mit – das Familienhotel hier in Limone, seine Kinder aus erster Ehe …
»Preferisco cucinare a casa«, beantwortet Vinc meine Frage und unterbricht damit meine Gedanken.
»Soso, der Herr kocht lieber zu Hause. Das heißt dann wohl, dass ich mir etwas einfallen lassen soll?«
»Wenn du so fragst«, Vinc schaut mich unschuldig an.
Klar, diese Rollenverteilung klingt altmodisch, ist bei uns aber trotz gelungener Emanzipation keine Frage, denn den Kochlöffel lasse ich mir nur ungern aus der Hand nehmen. Mit Spülschwamm und Trockentuch sieht es dagegen ganz anders aus.
Skeptisch runzelt Vinc die Stirn. »Was denkst du gerade?«, fragt er. »Dass die Aufräumarbeiten in meinen Tätigkeitsbereich fallen?«
Ist manchmal echt schlimm, wie er in meinem Gesicht lesen kann.
Chiara aus dem übernächsten Haus grüßt zu uns rüber, ich winke zurück.
»Wollt ihr zum Grillen kommen? Wir haben viel zu viel eingekauft«, ruft sie, als Tacconi für einen Moment den Motor seines Rasenmähers abstellt.
»Un momento, Chiara, ich muss kurz die Lage checken.«
Ich schau zu Vinc. »Gilt das als zu Hause kochen?«
Er lacht. »Jetzt hast du dich aber elegant um ein Abendessen gedrückt. Ja, ich würde sagen, das gilt. Ist etwas anderes als bei den Rinaldis.«
Ich hebe fragend die Augenbrauen.
»Das meine ich nicht böse, aber die gesamte Familie auf einem Haufen ist manchmal recht anstrengend, das musst du zugeben.«
Ich nicke gnädig. »Ja, da hast du nicht ganz unrecht. Je nachdem, wie die Kinder drauf sind.«
Wir sind uns einig. Gretas zweijährige Tochter Sofia ist süß, aber der siebenjährige Davide und die achtjährige Laura aus Adrianos erster Ehe liegen momentan im Dauerclinch, und das ist für die Nerven aller Anwesenden eine Herausforderung.
»Allora, Chiara, wir nehmen die Einladung gerne an! Wir haben einen Riesenhunger und unser Kühlschrank ist leer. Wir bringen Wein mit. Wann sollen wir kommen?«, rufe ich übers Grundstück des grauen Hauses und dessen Hausmeister hinweg rüber zur »Villa Limone«, wie Chiara und ihre Mitbewohner ihr Haus nennen.
»Sofort, wenn ihr wollt.«
»Gib uns ’ne halbe Stunde.«
»D’accordo. Kommt einfach, wenn ihr fertig seid.«
»Wir können die Truppe dann gleich zu unserem Fest einladen«, schlägt Vinc vor, als wir ins Haus gehen, um uns umzuziehen und den Wein zu holen.
»Gute Idee. Die Nachbarn vom grauen Haus fragen wir morgen.«
Vinc und ich planen ein Einweihungsfest mit Freunden und Nachbarn. Paps will auch kommen, seine Freundin Valeria aus Valeggio sul Mincio ebenfalls und vermutlich die Filmcrew, die Paps bei seinen Fernsehauftritten begleitet, bestehend aus Paul, Basti und Flo. Ich kenne die Jungs schon seit Jahren, ich mag sie und freue mich, dass sie mit von der Partie sein werden. Soweit ich weiß, machen sie eine Reportage in Südtirol, die dann gerade unter Fach und Dach sein müsste.
Wir gehen noch mal raus in den Garten und schauen, ob Rambo sich hier irgendwo herumtreibt. Obwohl wir uns keine Sorgen machen, dass er sich in der neuen Umgebung verlaufen könnte, denn Rambo ist ein Orientierungsgenie. Solange Vinc oder Paps oder ich dabei sind, meistert er einen Umzug problemlos und widerlegt das Klischee, eine Katze wechsle lieber den Besitzer als die Wohnung. Okay, der Erkundungsradius unseres Katers ist noch kleiner als in München und wir behalten ihn jetzt in der Anfangszeit vielleicht ein bisschen mehr im Auge als sonst, aber das legt sich von Tag zu Tag.
Bald ziehen verführerische Grilldüfte zu uns rüber.
»Komm, gehen wir, bevor alles weg ist.« Ich nehme Vinc’ Hand und will los.
Er hält mich zurück.
»Das geht langsam zu weit! Jeden Tag dieser Gestank!«, schreit Tacconi gerade die jungen Leute in seinem Nachbargarten an. Mittlerweile hat sich der Rest der Truppe zu Chiara gesellt.
»Höchstens jeden zweiten Tag. Außerdem, Signor Tacconi, Essen stinkt nicht«, kommt es gelassen von Emanuele, Chiaras Freund, zurück.
»Genauso wenig wie Geld«, sage ich leise genug zu Vinc, dass Tacconi es nicht hören kann, aber der ist sowieso auf die andere Seite seiner Nachbarschaft konzentriert.
Chiara ignoriert den Nörgler und ruft an ihm vorbei, als wäre er gar nicht da: »Doro, Vinc, habt ihr Grillsoße? Oder Ketchup?«
»Ich glaube, das gibt unser Kühlschrank noch her«, rufe ich zurück. Was auch stimmt, denn obwohl ich solche Soßen im Normalfall schnell selbst mixe, verwende ich durchaus auch Fertigprodukte. Zugegeben nur im äußersten Notfall, im Prinzip geht die Einsatzquote gegen null – da bin ich anders als Paps, der lehnt solche Produkte kategorisch ab.
Drüben im grauen Haus läutet die Haustürklingel in einer der Wohnungen. Tacconi verzieht sich, wahrscheinlich ist es seine. Ich freue mich auf den Abend, die drei Pärchen drüben – Chiara und Emanuele, Ina und Dario, Riccarda und Michele – sind echt nett. Mittlerweile ist Rambo aufgetaucht und beobachtet unseren Aufbruch mit stoischem Blick. Ich schätze, es wird nicht lange dauern und er erscheint als dritter Gast aus dem Ritter’schen Anwesen auf dem Grillfest in der Villa Limone.
»Den Fehler, ihm vom Tisch was abzugeben, kriegen wir nicht mehr ausgebügelt«, bemerkt Vinc resigniert.
Womit wir in Wirklichkeit gut leben können, Rambo darf sich bei uns sowieso fast alles erlauben.
Unser anthrazitfarbener Kater sitzt gelassen da. Aber mich täuscht er nicht.
Ich stupse Vinc leicht mit dem Ellbogen an. »Siehst du seine Schwanzspitze?«
»Würde sagen, der Junge heckt etwas aus«, entgegnet er trocken.
»Genau. Und das hat nichts mit Fressen zu tun, sondern mit Tacconi. Wahrscheinlich schmiedet er einen Plan, den Hausmeister auf die Palme zu bringen, bevor er anschließend zum Grillfest kommt.« Tacconi ist kein Freund der »Kommune«, wie er die jungen Leute in seinem Nebenhaus nennt, und Vinc und ich stehen seit Rambos fiesen kleinen Attacken ebenfalls nicht mehr in seiner Gunst, was uns aber relativ kaltlässt. Fast könnte ich Mitleid mit ihm bekommen – auf der einen Seite wir mit dem lästigen Katzenvieh, auf der anderen Seite die Villa Limone mit der »Kommune«, um es mit seinen Worten auszudrücken.
Wir ermahnen Rambo zu ordentlichem Benehmen gegenüber den Nachbarn und machen uns mit Vino und Grillsoße auf den Weg. Vor dem grauen Haus parkt ein Wagen der Polizia. Zwei uniformierte Beamte sprechen vor der Haustür mit dem Hausmeister. Habe ich vorhin also richtig kombiniert, das Klingeln hat Tacconi gegolten. Er – hager und klein im grauen Arbeitskittel – hat sich mit in den Türrahmen gespreizten Armen und breitbeiniger Grätsche in der Haustür positioniert und signalisiert: Bis hierhin und nicht weiter! Die beiden Beamten dagegen haben lässig die Daumen im Gürtel eingehakt beziehungsweise in die Hosentaschen gesteckt und stehen in entspannter Haltung vor dem aufgeregten Mann.
Natürlich schauen wir neugierig rüber, was Tacconi gar nicht gefällt, wie ich an seinen zusammengekniffenen Lippen erkennen kann. Er muss sich wohl oder übel anhören, was die beiden Polizisten von ihm wollen. Und er kann auch nicht verhindern, dass ich eine Frage höre, die einer der Polizisten gerade stellt.
»Signore, wir wollen nur wissen, wo Sie Montagabend zwischen 19 und 21 Uhr waren.«
Selbst schuld, denke ich schadenfroh, hätte er die Beamten ins Haus gelassen, dann hätten Vinc und ich nichts von der Frage mitbekommen. Tacconi sendet uns Giftpfeile mit seinen Blicken. Soll er doch, wir gehen weiter zur Villa Limone und vergessen den wütenden Hausmeister fürs Erste.
Vinc nimmt meine Hand und zieht mich durchs offene Gartentor hinters Haus, wo rhythmische Musik und viel Gelächter in der Luft liegen.
Die Grillsession ist bereits in vollem Gange, und Michele, Herr über Fleisch und Grillzange, befördert mit seinem Arbeitsgerät ein Rindersteak für Vinc und ein paar Lammkoteletts für mich auf unsere Teller. Die Salatbar ist bestückt mit Rote-Bete-Carpaccio, einer Schüssel mit buntem Sommersalat, Nudelsalat und einem Korb voll Weißbrot. Frisch geschnittene Melonenwürfel und helle sowie dunkle Trauben ersetzen eine kalorienhaltige Nachspeise. Na ja, bis auf ein Schälchen Mascarpone-Schoko-Mousse, das man hinter den Trauben fast übersehen könnte. Chiara und Riccarda trinken nur Wasser, alle anderen haben dazu ein Glas Chiaretto fürs Essen am Platz stehen. Wir schließen uns der Variante »Wasser plus« an.
»Leute, wir möchten euch gerne zu unserer Einweihungsparty einladen«, nutze ich die gute Stimmung. »Habt ihr Lust? Ganz formlos, ohne Einladungskarte und so.«
»Oh, super, ein Fest«, freuen sich die Mädels, die Jungs sind auch nicht abgeneigt. »Und wann soll die Party steigen?«, fragt Michele.
»Nächsten Samstag, ab 17 Uhr«, sagt Vinc. »Wäre schön, wenn ihr kommen würdet. Die Rinaldis vom ›Magdalena‹ sind dabei, Doros Vater und seine Freundin Valeria. Sie ist Italienerin und hat ein Ristorante in Valeggio«, informiert er die Truppe. »Und ein paar Bekannte und Freunde aus Malcesine und Bardolino werden auch kommen.«
»Und natürlich die Nachbarn vom grauen Haus. Maria und Matteo Colombo. Die alten Herrschaften liebe ich sowieso. Und die Tassones und die Ottinis, die beiden Paare aus dem ersten Stock, können wir bei der Gelegenheit auch endlich mal besser kennenlernen«, ergänze ich die Liste.
»Ladet ihr Tacconi auch ein?«, fragt Chiara ironisch.
»Haben wir eigentlich vor«, sage ich und meine es ernst. »Entspannt vielleicht die Lage für uns alle. Wenn wir ihn als Einzigen nicht einladen, ist er auf jeden Fall beleidigt. Ich finde, einen Versuch ist es wert, und einen einzigen Stinkstiefel wie ihn wird unser Fest schon verkraften.«
Etwas unsicher schauen mich die anderen jetzt an. Ob ich sie auf den Arm nehme?
»Leute, nein, das ist kein Witz.«
Langsam nickt Chiara und die anderen fünf stimmen mit ein.
»Du hast recht Doro, geben wir ihm eine Chance«, meint Michele und will das Thema damit offensichtlich abhaken.
»Eine Frage noch zu Tacconi, scusami, Michele. Zwei Polizeibeamte standen gerade bei ihm vor der Haustür und wollten wissen, wo er am Montagabend gewesen ist. Habt ihr eine Ahnung, warum?«
Die Freunde schütteln die Köpfe.
Egal, ich werde es schon noch erfahren, denke ich und verbanne Tacconi damit endgültig aus meinen Gedanken.
Der restliche Nachmittag verläuft größtenteils harmonisch, bis auf den Fauxpas, der Emanuele unterläuft, nachdem er Chiara ermuntert hat, noch einen Nachschlag von der Mascarpone-Schoko-Creme zu nehmen. »Willst du mich mästen?«, wehrt sie lachend ab, woraufhin seine Antwort, er liebe vollschlanke Frauen, insbesondere sie, ihr Lächeln vom Gesicht fegt. »Willst du damit sagen, ich bin dick?«, fragt sie pikiert und Emanuele hat große Mühe, sie vom Gegenteil zu überzeugen und ihr zu versichern, dass er auf kein Gramm von ihr verzichten würde. Nicht für zehn Kamele. Was dann endgültig ihre gute Laune zurückbringt.
Vinc und die Jungs tauschen mittlerweile Urlaubserinnerungen und Tipps aus, wie ich mit halbem Ohr mithöre. Ich bin deshalb etwas abgelenkt beim Gespräch mit den Mädels, die sich – wie sollte es anders sein – auf meinen Promi-Vater eingeschossen haben. Mein Paps ist ein bekannter Fernsehkoch, das ist ein gern genommenes und unerschöpfliches Thema, zumal wenn eine so authentische Quelle mit am Tisch sitzt. Ich seufze innerlich und würde mich lieber am Urlaubsgespräch der Jungs beteiligen, aber die Mädels bleiben stur bei »Sascha Ritter« und meiner Rolle als Spitzenköchin im »Macis«. Ob das nicht schwierig sei, so direkt mit meinem Vater als Chef und so?
»Ihr lernt ihn beim Fest kennen«, vertröste ich die Runde. »Und jetzt ist es genug von meinem Vater und mir, jetzt seid ihr dran. Wie ist das mit eurem Schmuckvertrieb?«
»Okay, kommt mit«, fordert Chiara uns auf und geht voraus in den Garten.
Auch die Jungs schließen sich an. Einträchtig flanieren wir über das Anwesen und abwechselnd erläutern Chiara, Emanuele, Dario und Michele ihr Projekt. Chiara erzählt von ihrer Arbeit als Schmuckdesignerin und erwähnt dabei auch schon mal die technischen Details. Sie hat Goldschmiedin gelernt, Ina und Riccarda helfen ihr. Ina als von ihr angelernte, sehr talentierte Schmuckdesignerin, Riccarda als Fachfrau fürs Marketing. Sie bedient Werbung auf Instagram und den Internetverkauf. Denn was nützt der tollste Schmuck, wenn ihn keiner sieht? »Bis jetzt lief der Vertrieb hauptsächlich übers Internet, wir haben ein Atelier und eine Ausstellungsecke hier im Haus, aber das ist auf Dauer zu wenig. Wir haben da auch schon eine Idee …«, sagt sie.
»Genau«, nimmt Emanuele den Faden auf, »der Besitzer des Hotels hier unten«, Emanuele deutet Richtung See, »wollte meinem Onkel Franco ein Stück des Grundstücks abkaufen, um mit einem zweiten Pool seine Anlage zu erweitern. Unser Grundstück bietet sich dafür tatsächlich an, aber ich bin sehr froh, dass zio Franco nichts von seinem Grund und Boden abgeben wird, denn so haben wir die Möglichkeit, eine geniale Idee zu verwirklichen: Kunst statt Pool.«
»Kunst statt Pool?«, wiederhole ich und schaue ihn neugierig an.
Chiara schüttelt ihre dunkelbraune Lockenmähne und hakt sich bei ihrem Freund unter. »Eine Mega-Sache, echt, Doro. Stellt euch vor, wir dürfen ein Kunstatelier im Garten errichten und können dann mit Werbung und Präsenz richtig durchstarten!« Sie lässt das Gesagte wirken und beobachtet unsere Reaktionen.
Drüben im Nebengarten steht Tacconi auf einer Leiter und erntet späte Äpfel. Obwohl ich böse unterstelle, dass er nicht erntet, sondern lauscht, was auf feindlichem Grund und Boden besprochen wird.
»Passt auf, was ihr erzählt, ich glaube, er hört mit«, verweise ich die anderen auf den Spion im Apfelbaum.
Emanuele winkt ab. »Lass den ruhig mithören, wir haben nichts zu verbergen. Also, schaut«, er deutet auf die hintere Gartenecke, die an Tacconis Grundstück grenzt, »hier pflanzen wir ein paar Obstbäume. Pfirsich, Apfel, Birne. Da drüben Gemüsehochbeete, dann hier, am Haus, entsteht das Herzstück, für das wir überhaupt alles umkrempeln, das Atelier für die Mädels. Haben wir im Übrigen bereits genehmigen lassen, ist alles vollkommen legal.« Letzteres posaunt er in gesteigerter Lautstärke hinaus, damit Tacconi es auch ja hören kann. Der ist sicher kurz vor dem Platzen, vermute ich und fände es besser, ihn nicht weiter zu reizen.
»Habt ihr von dem Unfall oben am Wasserfall gehört?«, frage ich deshalb schnell, bevor Emanuele zur Höchstform auflaufen kann.
Chiara hatte bis jetzt Tacconi im Blick, nun wendet sie sich mir zu. »Ich habe in der Zeitung davon gelesen. Das war vorgestern, stimmt’s? Die Frau ist wohl hochgeklettert und dabei ausgerutscht und abgestürzt. Muss auf halber Höhe passiert sein. Unglücklicherweise ist sie mit dem Kopf auf einen Stein aufgeschlagen. Sie wurde zwar bald gefunden, ist dann aber auf dem Weg ins Krankenhaus verstorben. Tragisch.« Chiara vergräbt ihre Hände tief in den Taschen ihrer weiten Leinenhose.
»Eine Touristin?«, frage ich.
»Nein, nicht direkt. Zwar keine Ortsansässige – ich weiß nicht genau, woher sie kam –, aber es hat geheißen, dass sie die Leitung des Teams innehatte, das hier eine neue Parkgarage bauen will. So habe ich es zumindest beim Einkaufen gehört.«
»Ach so. War sie allein unterwegs?«
»Anscheinend. Deshalb suchen sie ja noch nach Zeugen, wie es in der Zeitung stand.«
»Ja, habe ich auch gelesen, darum ist mir das gerade eingefallen.«
»Weiber«, schallt es jetzt von der Leiter im Nebengarten. »Meinen, sie können alles besser machen. Ein Parkhaus! So ein Schmarrn! Che mucchio di stronzate! Als ob wir nicht schon genug Autos im Ort hätten. Genauso ein Quatsch wie euer Atelier. Lauter Hirnfürze.« Tacconi spuckt aus.
Na danke. So viel zu meinem Plan, ihn nicht weiter zu reizen. Aber ich glaube, man kann gar nicht anders, als ihn zu provozieren, weil er sich über alles aufregt, da ist wirklich Hopfen und Malz verloren.
»Das mit der Einladung sollten wir noch mal gründlich überdenken«, raunt Vinc mir zu. Ich nicke augenrollend.
»Sie sind doch nur grün vor Neid, dass Sie als Hausmeister rumdümpeln und andere richtig gut verdienen. Noch dazu, wenn es Frauen sind!«, höhnt Emanuele.
Wir setzen uns wieder und Ina geht ins Haus. »Emanuele, kannst du mir in der Küche helfen?«, ruft sie über die Schulter zurück. Er hat sich gerade hingesetzt und runzelt kurz die Stirn, folgt ihr dann aber in die Küche.
Ich vermute, Ina kennt Emanueles Einstellung Tacconi gegenüber und will, so wie ich eben auch, verhindern, dass die Situation eskaliert. Natürlich wirken sich die geplanten Baumaßnahmen einschränkend auf die Nachbarn aus. Das durchdringende Quietschen einer Kreissäge, der bodenverdichtende Rüttler, die lautstarke Kommunikation der Arbeiter – alles in allem ein unfreundliches Paket für die nächste Zeit. Wahrscheinlich liebt Tacconi den Winter, selbst hier in Italien ist es dann kalt und im Garten herrscht Ruhe. Kein Grillen, keine feiernden jungen Leute, das ist nach seinem Geschmack, denke ich und widme mich wieder den Ausführungen im Hier und Jetzt.
Riccarda ist voll in Fahrt. »Ina und Chiara haben dann endlich genug Platz für ihre Schmuckkreationen, ich übernehme weiter die Marketingschiene. Ich plane einen regelmäßigen Podcast mit Schmuckdesign live und so weiter. Und natürlich einen Verkaufsraum hier auf dem Grundstück. Vielleicht Kurse in der Goldschmiedekunst, denn es ist wirklich Kunst, was die beiden produzieren.« Michele legt den Arm um die Schultern seiner enthusiastischen Freundin. »Stopp, Schatz, Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut.«
Riccarda lacht. Sie hat selbst gemerkt, dass die Begeisterung mit ihr durchgeht.
Gerade springt Rambo trotz seiner Leibesfülle in eleganter Katzenmanier über den Zaun und gesellt sich schnurrend zu uns. Muss ich erwähnen, dass nicht nur ein Reststückchen Fleisch von den Tellern für das arme Kätzlein organisiert wird? Vinc und ich tauschen einen amüsiert-resignierten Blick. Wir haben es aufgegeben, andere Menschen bezüglich gesundheitlicher Aspekte zur Katzenfütterung belehren zu wollen. Einer dieser wohlmeinenden Menschen hat mal in vollem Ernst entgegnet, wer seine Katze unbeaufsichtigt fremde Wohnungen betreten und fremde Gärten als Katzenklo benutzen lasse, der müsse gewisse Verhaltensmuster betroffener Nichtkatzenbesitzer in Kauf nehmen. Ich finde das nicht immer gut, aber es stimmt natürlich, und außerdem haben wir eh keine Chance. Auf dem Weg von unserer Wohnung am Münchner Marienplatz zum »Macis« am Sebastiansplatz quert unser Rambo den Viktualienmarkt, wo tierliebe Menschen heimatlose Katzen füttern. Dass Rambo sich den Platz auf dem Thron erobert hat, war nur eine Frage der Zeit und wundert uns nicht. Was heißt, er ist der ungekrönte König des Viktualienmarktes, und als solcher frisst er immer zuerst und am meisten – heimatlos hin oder her. Sein Ziel, das »Macis«, reiht sich als Reich in Rambos Riege, das heißt, auch hier hält man nichts von Diät für mollige Katzen. Na ja, und selbst wir sind ja auch oft sehr inkonsequent, wenn es um Rambos Fressverhalten geht.
Ich fange Chiaras säuerlichen Blick auf, den sie, nicht sonderlich auf die Gespräche am Tisch konzentriert, immer wieder in Richtung Haus schweifen lässt. Sie bemerkt mein Interesse und wird ein bisschen rot. Ist ihr sichtlich peinlich, dass ihr der Missmut so deutlich ins Gesicht geschrieben steht.
»Ist schon besser, keinen Streit anzufangen. So einen Menschen wie Tacconi änderst du nicht mehr«, will ich sie beruhigen beziehungsweise Inas Einschreiten in ein positives Licht rücken.
Sie schaut mich verständnislos an. Eine kleine, steile Falte bildet sich an ihrer Nasenwurzel. Äh … habe ich irgendwas nicht mitbekommen? Von Vinc kann ich keine Unterstützung erwarten, der ist mit Michele ins Gespräch vertieft, Dario ist eher still.
Im Zweifel die Wahrheit, denke ich und setze an, Chiara zu erklären, was ich gemeint habe.
»Sì, certo, Doro, ist auch nicht wichtig«, winkt sie ab und steht auf.
Diese Bemerkung verstehe ich jetzt nicht, aber egal, geht mich nichts an. Oder doch, immerhin sind Vinc und ich Teil der Nachbarschaft und haben ein berechtigtes Interesse an einem friedlichen Umgang miteinander.
Chiara ist auf dem Weg zur Küche. Soll ich ihr hinterhergehen?
Quatsch, die regeln ihre Angelegenheiten ohne meine ungefragte Einmischung, bremse ich mich. Außerdem kommt Emanuele ihr gerade entgegen, und sie setzen sich gemeinsam zurück an den Tisch. Nach einer Weile vervollständigt Ina die Runde. Na also, hab ich mal wieder das Gras wachsen hören. Zumindest was Chiara betrifft. Zwischen Dario und Ina knirscht es irgendwie ein bisschen, und dazu denke ich mir meinen Teil.
In bester Laune ziehen wir gegen elf Uhr abends ab, beladen mit zwei Tellern leckerer Grillreste.
»War ein langes Nachmittagsgrillen.« Vinc gähnt.
»Ja, absolut. Hör mal, gräbt Ina irgendwie an Emanuele herum?«, rede ich mir von der Seele, was ich mich am Abend in der geselligen Runde gefragt habe.
»Hm, keine Ahnung.« Vinc gähnt schon wieder und zeigt wenig Interesse.
»Vielleicht täusche ich mich, aber ehrlich, ich hab mir gedacht, wenn die um dich so herumscharwenzeln würde, dann sähe ich Handlungsbedarf.«
»Handlungsbedarf?« Jetzt ist Vinc bei der Sache und lacht.
»Ja klar. Meinst du, es kann sich einfach eine Tussi an dich ranmachen?«, sage ich gespielt empört. »Im Ernst, ich glaube, Chiara hat das bemerkt und war ziemlich sauer. Erst dachte ich ja, dass Ina Emanuele aus Tacconis Schusslinie bringen wollte, aber dann habe ich beobachtet –«
»Beobachtet, soso.« Vinc bemüht sich erst gar nicht, seinen Spott zu verhehlen. »Was denn? Dass Ina mit Emanuele, der ja Chiaras Freund ist, geflirtet hat? Und wie hat der reagiert?«
»Emanuele?« Ich zucke mit den Schultern. »Kann ich nicht sagen. Ein bisschen zurückgeflirtet hat er schon, glaube ich. Ich will nicht den Moralapostel spielen, aber …«
»… aber ein Flirt innerhalb der Wohngemeinschaft mit dem Partner einer anderen ist nicht sehr schlau, meinst du?«, vollendet Vinc meinen Satz.
»Genau. Deshalb ist es mir wahrscheinlich aufgefallen. Ich meine, so gut kenne ich die alle ja noch nicht, trotzdem …«
»Und Inas Freund? Was hat der gemacht?« Vinc will es jetzt ganz genau wissen.
»Dario? Der hat eher nix gesagt«, behaupte ich und hätte genauso gut sagen können: »Typisch Mann.«
»Hey! Vorsicht mit solch leichtfertigen Behauptungen«, warnt Vinc, der meinen Tonfall kennt und messerscharf die richtigen Schlüsse zieht.
Giovedì (Donnerstag) – Tag 2
»Zum Glück haben sie nichts dagegen, dass wir Tacconi zu unserem Fest einladen wollen. Wie findest du die Idee eigentlich?«, frage ich Vinc, denn der Vorschlag ist mir gestern ganz spontan gekommen und ich konnte diese Frage noch gar nicht weiter mit ihm besprechen.
Vinc zuckt mit den Schultern. »Passt schon. Wie du gesagt hast, einen Stinkstiefel wird unser Fest schon verkraften und vielleicht werden wir ja doch noch positiv überrascht. Obwohl er gestern ein richtiger Arsch war.«
»Da kann ich nicht widersprechen. Chiara hat auch erzählt, dass es einige Gerüchte über ihn gibt. Er und ein paar Gleichgesinnte sollen Baustellen sabotieren und so einer Art Bürgerwehr angehören. Limone den Limonesen oder so ähnlich. Hoffentlich machen wir keinen Fehler.« Ich setze mich auf Vinc’ Schoß und er schlingt die Arme um mich.
»Hoffentlich packt mein Schreibtischstuhl das Übergewicht«, sagt Vinc und küsst mich, offenbar nicht allzu besorgt.
Die Ablenkung gelingt dieses Mal nicht hundertprozentig. Tacconi wabert durch meine Gedanken und ich bin mir nicht mehr ganz so sicher wie gestern, ob wir diesen Miesepeter wirklich auf unserem Fest haben wollen. Es geht schließlich nicht nur um die Einweihung, sondern auch um unsere Verlobung. Ein ganz besonderer Tag für Vinc und mich. Ich seufze. »Irgendwie kam das Thema gestern nicht mehr auf den Tisch. Die Gespräche über Chiaras Arbeit mit ihrem Schmuck, über die Pläne, die sie mit dem Garten haben, und den Urlaub oder besser gesagt den Trip, auf dem sie zusammen gewesen sind, waren echt interessant. Egal, ich bringe mal die Teller zurück.«
Das Tor zu Chiaras Grundstück steht offen und ich gehe die abschüssige Zufahrt bis zum Haus hinunter. Am Ende schützen einige überdachte Pkw-Stellplätze die Autos vor Hagel und Taubenkot, von dort aus kann man direkt in den Garten gelangen. Mal sehen, ob jemand von der Truppe draußen ist, ansonsten stelle ich die Teller einfach auf die Terrasse.
Chiara kehrt pfeifend die Spuren des gestrigen Grillgelages von der Terrasse, Emanuele verschwindet mit einem beladenen Tablett Richtung Küche und nimmt meine Teller gleich mit.
»Aha, auch ausgeschlafen«, witzle ich gut gelaunt.
Chiara unterbricht ihre Arbeit und stützt sich auf den Besenstiel. »Mann, wir sind gestern noch ewig versumpft«, stöhnt sie. »Ein bisschen Bewegung tut jetzt richtig gut, aber danach brauche ich eine Runde Schlaf auf dem Liegestuhl.«
Dann hat sich die Lage zwischen Ina und Dario also beruhigt, liegt mir auf der Zunge, aber ich schlucke es runter, weil es mich wirklich nichts angeht, stattdessen lasse ich mir noch mal zeigen, wo das Atelier genau hinkommt und wohin der Olivenbaum umsiedeln muss. Darum lässt sich Chiara nicht lange bitten, es ist aktuell ihr Lieblingsthema, sie brennt förmlich vor Tatendrang für das Projekt ihrer Künstler-WG. Darüber hatten wir auch gestern Abend gesprochen – bis die Stimmung dann leicht gekippt ist. Hoffentlich war das ein einmaliger Ausrutscher von Ina, sonst hat sich das mit dem gemeinsamen Atelier erledigt, bevor es überhaupt angefangen hat. Andererseits sind sie gestern anscheinend noch ewig lange beisammengesessen, vielleicht ist ja alles längst geklärt.
Ich schneide das Thema »Tacconi« an. Chiara ist immer noch skeptisch. »Seit der Typ von unseren Plänen bezüglich des Gartens weiß, ist er total übel drauf. Der Lärm, die vielen Fremden, die in die Straße pilgern und nichts als Dreck hinterlassen würden. Leere Getränkedosen, Papiertaschentücher, Tüten, Zigarettenkippen und so weiter – und wer das entsorgen solle? Er? Tacconi? Ja, darauf würde es hinauslaufen, schimpft er. Der Typ ist pedantisch und kleingeistig«, behauptet sie angewidert.
»Tacconi regt sich über alles auf: die missachtete Hausordnung, nicht sortierten Müll, die unerledigte Gartenpflege – er könne ja nicht alles selber machen!« Chiara muss lachen. »Weißt du, Doro, auf die ›Kommune aus dem Nachbarhaus‹, so nennt uns dieser Idiot, war er von Anfang an nicht gut zu sprechen. Aber jetzt, wo wir beginnen, die Idee von einem Kunstatelier im Garten zu verwirklichen, weswegen natürlich auch vermehrter Publikumsverkehr in unserer relativ ruhigen Straße zu erwarten ist, flippt er total aus und nutzt jede Gelegenheit, uns Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Er klagt gegen die Baumaßnahmen, gegen das Gewerbe in diesem Haus, gegen alles, was ihm einfällt. Gut, dass Emanueles Onkel finanziell am längeren Hebel sitzt und sich von Tacconi nicht einschüchtern lässt. Trotzdem macht er mir irgendwie Angst.«
Ich muss lachen, weil ich an gestern denke. »Noch dazu sind wieder die ›Weiber‹ die Störenfriede und womöglich ja sogar noch erfolgreich. Seine Meinung über Frauen hat er ja lautstark kundgetan: Die gehören seiner Meinung nach an den Herd und nicht in die Männerdomäne der beruflich Engagierten. Der wird uns noch kennenlernen!«
»Das hast du sehr treffend formuliert.« In weiblicher Einigkeit grinsen wir uns an.
»Was sagen eigentlich die anderen Bewohner zu ihrem Diktator im Haus? Wie sind die so drauf?«, frage ich, denn ich stelle es mir grauenhaft vor, mich ständig mit so einem Stänkerer auseinandersetzen zu müssen.
»Die sind ganz nett. Ist eine gute Idee, sie alle zu eurem Fest einzuladen, da hat man mal die Gelegenheit, ins Gespräch zu kommen. Die beiden Alten aus dem Erdgeschoss werden aber wahrscheinlich nicht kommen«, schätzt Chiara. »Matteo ist dement und sitzt im Rollstuhl und Maria wird ihn nicht allein lassen. Zumindest nicht sehr lange.«
»Ich klingle persönlich bei den beiden. Rollstuhl wäre ja kein Problem, aber die vielen Menschen werden ihn überfordern, fürchte ich. Demente Menschen vertragen solche Situationen schlecht. Aber der Signora würde ein bisschen Abwechslung sicher ganz guttun. Na ja, das muss sie entscheiden, sie weiß am besten, was sie ihrem Mann zumuten kann«, sage ich.
»Okay, dann die Tassones. Pietro und Daniela sind sehr nett und werden bestimmt vorbeischauen. Und die Ottinis, Alessandro und Tiziana, ebenfalls. Die zwei sind sowieso recht kommunikativ und hilfsbereit.«
»Ja, sie haben mir auch schon angeboten, auszuhelfen, wenn uns etwas fehlt«, bestätige ich den Eindruck. »Das andere Ehepaar habe ich bis jetzt kaum zu Gesicht bekommen. Wahrscheinlich gehen die immer aus dem Haus, wenn ich nicht da bin. Die Frau, Daniela Tassone, sehe ich manchmal im Liegestuhl in der Sonne, aber ich will sie dann nicht stören.«
Chiara fährt sich durch ihre schulterlangen, üppigen Locken. »Ja, das ist ein Punkt, der mir ein bisschen leidtut. Danielas Lieblingsplatz wird von den Umbauten bei uns sehr betroffen sein. Mehr Schatten, ein Olivenbaum muss weg, und vor allem wird sie durch die Besucher natürlich nicht mehr so ungestört sein. Darüber kann ich vielleicht auf dem Fest mir ihr sprechen. Wir könnten eine Hecke pflanzen oder einen anderen Sichtschutz anbringen.«
»Was meinst du?« Ich kann ihr nicht ganz folgen.
»Es ist so, dass unser Anbau ihren Lieblingsplatz unattraktiv machen wird. Der lichtdurchflutete Baumschatten des Olivenbaums wird vom kompakten Schatten des Ateliers ersetzt werden, außerdem sind unsere Gärten ja recht einsehbar, was ich an sich schön finde, denn ich hasse diese meterhohen Thujahecken, aber auf der anderen Seite gibt es natürlich bald wesentlich mehr Publikumsverkehr bei uns.« Chiara verzieht den Mund, unentschlossen zwischen Vorfreude und Skepsis. »Zumindest stellen wir uns das so vor und hoffen auf reges Interesse und auf viele Verkäufe. Aber für die Nachbarn wird das auf jeden Fall eine Belastung.«
Ich nicke. »Ja, das ist blöd. Ich muss zugeben, da würde ich mich auch ein bisschen ärgern. Aber so ist das Leben, wir sind nicht allein auf der Welt. Außerdem liegt euer Garten ja nördlich von uns, damit ist die Schattenfrage doch gar nicht relevant, oder?«, überlege ich.
»Ein bisschen schon, zumindest abends wird sie es je nach Jahreszeit merken. Und sie liebt den Olivenbaum.« Chiara seufzt.
»Ist ja auch schade drum«, bemerke ich.
»Für den Baum ist gesorgt, den versetzen wir in den hinteren Bereich des Gartens, aber da hat dann Daniela nichts davon.«
Emanuele kommt aus dem Haus und gesellt sich zu uns. »Bist du wieder bei deinem schlechten Gewissen, mein Liebling? Hör auf damit, meinst du, im umgekehrten Fall würde jemand Rücksicht auf dich nehmen?«
»Tacconi bestimmt nicht«, sage ich lachend und die beiden grinsen dazu.
»Apropos Liegestühle, ich bringe unsere mal in Position. Amore, willst du auch einen caffè freddo?«, fragt Emanuele und streicht Chiara liebevoll eine Haarsträhne hinters Ohr.
»Ja, sehr gerne, tesoro«, sagt sie mit einem glücklichen Lächeln auf den Lippen.
»Amore«, »tesoro«, Liebling hier, Liebling da – die Gefühlswelt scheint wieder in Ordnung zu sein. Emanuele verzieht sich ins Haus und Chiara schwärmt noch ein bisschen weiter von ihrem geplanten Projekt. Besonders gefällt ihr die Idee, den hinteren Teil des Gartens in eine Oase der Ruhe und Besinnung zu verwandeln. »Das ist der Teil des Gartens, der an die Hotelanlage angrenzt und den uns Signor Manestrini, der Hotelbesitzer, unbedingt abkaufen wollte. Wäre schon lukrativ gewesen, keine Frage, aber Grund verkauft man nicht leichtfertig, sagt Emanueles Onkel und ich bin sehr froh über seine Einstellung.«
»Und darüber, dass er sich die auch leisten kann«, werfe ich lakonisch dazwischen.
»Sì, certo, das auch«, gibt Chiara zu. »Signor Manestrini behauptet, Emanueles Onkel hätte vor den Umbauplänen Gesprächsbereitschaft in Aussicht gestellt, die Familie, die das Hotel betreibt, ist demzufolge enttäuscht, das Verhältnis etwas abgekühlt. Verstehe ich ja auch.« Chiara zuckt mit den Schultern, ihre Miene verdüstert sich für einen Moment, dann überwiegt wieder die Begeisterung für ihr Projekt. »Der Garten ist in diesem Bereich ein wenig verwildert, das soll auch so bleiben, allerdings soll dort in Kombination mit dem Atelier die Möglichkeit zur Meditation und zur Pause eingerichtet werden. Bänke, leise Musikberieselung, ein Glas Prosecco, vino, acqua oder einen caffè gibt es dazu gratis im Haus. Soll der Anregung der Kauflust und der Steigerung der Qualität des Aufenthalts insgesamt dienen.«
Ich nicke anerkennend. »Große Pläne. Ich wünsche euch ganz viel Glück.«
Nach und nach kommen die anderen aus dem Haus, blinzeln in der Helligkeit und gähnen ausgiebig.
»Wer will caffè?«, fragt Dario.
Alle heben prompt den Finger, so eine schnelle Reaktion hätte ich dem verschlafenen Haufen gar nicht zugetraut. Aber caffè ist in ihrem Zustand eben ein Zauberwort.
»Wie lange ging euer Gelage gestern noch?«, frage ich, denn die Nachwirkungen scheinen mir doch sehr offensichtlich.
»Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als wir ins Bett gegangen sind«, stellt Dario lapidar fest. »Hat aber bestimmt nicht mehr lange gedauert. Die Mädels waren nicht zu bremsen mit Ideen zu ihren Plänen.«
Die Stimmung ist gut, fast enthusiastisch, die Misstöne vom Vorabend scheinen vergessen. Vielleicht habe ich gestern wirklich nur das Gras wachsen hören.
Venerdì (Freitag) – Tag 3
Heute ist es wieder so weit. Vinc und ich sitzen mit je einer Tasse caffè und einer Scheibe Marmeladentoast auf der Terrasse, als im Nachbargarten ein Motor angeschmissen wird. Das haben wir in den Wochen, seit wir hier sind, bereits gelernt: Jeden zweiten Tag zieht der Hausmeister drüben seine Bahnen auf dem Rasenmäher, Marke Ambrogio. Der breite Sitz des Gefährts könnte locker zwei von seiner Statur fassen, es wirkt, als wäre der hagere Mann eine Nummer zu klein für den Rasenmäher oder umgekehrt das Gefährt eine Nummer zu groß für ihn. Mähroboter lehnt Tacconi ab – irgendeinen Pluspunkt hat wohl jeder Mensch, denke ich. Obwohl Tacconi dabei mit Sicherheit nicht die Insektenwelt im Sinn hat, die dadurch gestört und bedroht würde, und schon gar nicht unvorsichtige Katzen, Igel, Vögel oder sonstiges Getier. Er ist schlicht und einfach überzeugt davon, dass ein Roboter nicht annähernd so akkurat arbeiten kann wie ein Mensch respektive er selbst.
Manchmal finde ich ihn auch ein bisschen unheimlich, wenn er in der Dunkelheit durch den Garten schleicht. Rambo dagegen gefällt das. Witzig, wie gestern Abend seine Katzenaugen unter dem Busch hervorlugten und ich noch dachte: Achtung, Rambo, Feind im Anmarsch! Mit einem gezielten Sprung landete er knapp vor Tacconis Beinen und brachte ihn damit zum Straucheln. Geplant war wahrscheinlich, ihn zu Fall zu bringen. Da hätte ich wohl besser denken sollen: Achtung, Signor Tacconi! Schadenfroh grinse ich in mich hinein. Tacconi hat geflucht, Rambo ist weiterstolziert, seine Samtpfoten in Unschuld waschend. Er hat Tacconi schließlich nicht angerührt.
»Ich würde sagen, das war das Ende einer nie erwachten Freundschaft«, setze ich einen Schlusspunkt hinter meinen Bericht, als ich Vinc von der Begebenheit erzähle.
»Er sollte es nicht übertreiben«, meint er kopfschüttelnd.
»Ja, finde ich auch. Was macht der Typ auch nachts im Garten, er sollte auf der Couch vor der Glotze sitzen und Ruhe geben.«
»Ich meinte nicht Tacconi, sondern Rambo. Die zwei provozieren sich gegenseitig.«
Ich zucke mit den Schultern. »Ach so meinst du das. Ja gut, aber da kannst du nichts machen. Bei dem einen ist es Dummheit, bei dem anderen Instinkt.«
Vinc lacht.
»Vincenzo, ich sage es ungern, aber du hast recht, wir sollten versuchen, mit Tacconi zu reden. Vielleicht bieten wir ihm die Wasserschlauchmethode an. Damit tut er Rambo nicht weh und unser Kater ist zwar beleidigt, lässt den Mann aber dann in Ruhe.«
»Wäre einen Versuch wert, aber ehrlich, Schatz, glaubst du, dass Rambo sich den Spaß so leicht verderben lässt?«
Wir sind uns einig, dass die beiden das unter sich klären müssen, eventuell ist die Einladung zu unserem Fest ja doch ein wenig Honig um Tacconis Maul, mal sehen.
»Ich geh ins Büro«, verabschiedet sich Vinc, »die Arbeit wartet. Brauchen sie dich heute im ›Magdalena‹?«
»Nee, Valdo ist wieder fit«, antworte ich, denn meine Kocheinsätze im »Magdalena« sind nur sporadisch, wenn Valdo krank ist oder keine Zeit hat. Das Arrangement gefällt mir, damit bin ich relativ frei und kann mich meinen Zukunftsplänen widmen. Ich meine damit zum Beispiel mein Kochbuch, das seit längerer Zeit in der Warteschleife hängt, und natürlich gibt es genug hier im Haus zu tun.
Okay, dann nehme ich mir mal ein Beispiel am fleißigen Hausmeister. Ich hole eine Gartenschere aus dem Schuppen, die alten Arbeitshandschuhe schmeiße ich angewidert ins Regal zurück, sie starren vor Dreck – es muss für heute ohne gehen. Die Unordnung im Schuppen werde ich mir ein anderes Mal vornehmen. Unschlüssig drehe ich mich um meine eigene Achse und sondiere die Lage. Allora, am besten arbeite ich mich im Uhrzeigersinn durch unseren Garten, Büsche stutzen, welke Blumen rausreißen oder abschneiden und auf dem Rasen aufhäufen. Im Schuppen finde ich zwei große Körbe, ein paar Löcher im Flechtwerk zeugen davon, dass sie ihre besten Tage schon hinter sich haben, aber für die Gartenabfälle taugen sie noch. Greta hat gesagt, das Grüngut kann ich ein Stück südlich von unserem Haus, oben in der Via Luigi Einaudi, im Centro di Raccolta, abgeben. Ob ich das Schnittgut in Säcke verpacken muss, weiß ich allerdings nicht. Außerdem muss ich mich um die Pflege unserer persönlichen Limonaia kümmern. Das hat mich an diesem Garten am meisten gefreut, dass der Vorbesitzer einen wirklich gut bestückten Zitronengarten angelegt hat. Mit Winterschutz und allem Pipapo. Allerdings haben die Pflanzen unter dem langen Leerstand gelitten, da muss ich mich demnächst mit den Themen Schnitttechnik und Überwinterung auseinandersetzen. Und natürlich die reifen Früchte ernten, um in die Limoncello-Produktion einzusteigen.
Nach drei Stunden konzentrierter Arbeit stapeln sich einige Berge Schnittgut und verblühter Stauden auf dem Rasen.
Vinc bringt mir ein großes Glas Johannisbeerschorle mit einer Scheibe einer unserer eigenen Zitronen zur Erfrischung. Er hat sein Büro im ersten Stock für eine kurze Pause im Garten verlassen, jetzt schaut er sich anerkennend um. »Hey, du bist der Wahnsinn! Die Seite sieht richtig gut aus.«
»Ja, ist ganz flott gelaufen. Nur dieser stachelige Widerling hier in der Mitte hat sich gegen meinen Schnitt gewehrt.« Um Mitleid heischend strecke ich Vinc meine Hand entgegen, deren Daumenballen ein blutiger Schnitt ziert. »Es steckt noch ein Teil des Dornes drin«, jammere ich.
Vinc schaut sich die Wunde genauer an. »Ich befürchte, ich muss operieren. Amputation.«
»Blödmann«, schimpfe ich, muss aber lachen. »Ohne Witz, der Dorn tut richtig weh. Kannst du versuchen, ihn mit der Pinzette rauszuziehen?«
»Klar, Schatz. Trink deinen Saft, ich hole das Operationsbesteck.«
»Ich muss aber vorher meine Hände schrubben«, rufe ich ihm hinterher und pfriemle mit meinen erdigen Fingern die Zitrone aus dem leeren Glas. Viel zu schade, um im Müll zu landen, finde ich und löse mit den Zähnen das Fruchtfleisch von der Schale. Die Säure berührt für einen Augenblick meine Geschmacksnerven, die Reaktion zieht sich über mein ganzes Gesicht. Ich liebe diese Explosion der Sinne.
»Ja, tu das, ich hole das Verbandszeug«, ruft Vinc über die Schulter zurück.
Fünf Minuten später macht er sich ans Werk. Zum Glück kann er den Spreißel mit der Pinzette fassen und herausziehen. Sofort lässt der Schmerz nach. Vinc desinfiziert die Wunde und klebt ein Pflaster drüber.
»Danke, Schatz«, seufze ich und lehne mich im Stuhl zurück. »Puh, Gartenarbeit ist verdammt anstrengend! Das bin ich von unserem botanischen Garten in der Wohnung nicht gewohnt.«
Ein markerschütternder Schrei, wie von einem Kind in Not, durchschneidet die Luft. Ich renne von der Terrasse raus in den Garten und sehe es aus den Augenwinkeln.
»Rambo! Neiiiin! Stopp! Anhalten!«
In aller Seelenruhe hält Tacconi mit seinem Rasenmäher auf den Kater zu. Ich klettere über den brusthohen Gartenzaun und werfe mich dazwischen. Endlich reagiert der Alte.
Vinc ist bereits neben mir und kümmert sich um Rambo. Jetzt erst sehe ich, warum er sich nicht in Sicherheit gebracht hat.
Er ist in eine fiese Falle geraten. Tacconi! Er muss sie aufgestellt haben! Ich rastere alles in Sekundenbruchteilen ab. So ein Zwischending zwischen Bärenfalle und Mausefalle und als Köder für Rambo ein zappelndes Mäuslein davor angebunden. Und Rambo, der dumme, verfressene Kater, hat offensichtlich sein Hirn und seinen Gefahr witternden Instinkt ausgeschaltet und ist in Tacconis Falle getappt. Und schreit. Vor Schmerzen. Er zuckt fauchend vor mir zurück, als ich mich neben ihm bücke. Ich rede beruhigend auf ihn ein, streichle ihm sanft über den Rücken, während Vinc versucht, die Pfote aus dem Klammergriff der Falle zu befreien.
