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In der Welt werden munter die "Lügenfahnen" (Goethe) entrollt, und daran wird sich wohl auch so rasch nichts ändern. Was aber geht eigentlich mit der Sprache vor sich, wenn die Wahrheit zur Lüge verdreht wird? Können nicht nur Sätze, sondern auch Wörter lügen? Und wie ist das Verhältnis der Ironie zur Lüge? Harald Weinrichs fulminanter Essay ist ein linguistisches Kabinettstück und eine kleine Anleitung zum Denken des Wahren.
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Veröffentlichungsjahr: 2016
Harald Weinrich
Verlag C.H.Beck
Im Jahr 1964 schrieb die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt die Preisfrage aus „Kann Sprache die Gedanken verbergen?“. Harald Weinrichs Antwort, der der erste Preis zuerkannt worden war, erschien 1966 unter dem Titel „Linguistik der Lüge“. Die „ungewöhnliche und glänzende Studie“, so das Urteil der Jury, erscheint hier in der 8. Auflage.
Harald Weinrich, geb. 1927, ist nach Professuren in Kiel, Köln, Bielefeld und München jetzt Professor für Romanistik am Collège de France, Paris. Er war als Gastprofessor an den Universitäten von Michigan und Princeton sowie am Wissenschaftskolleg Berlin tätig. An der Scuola Normale von Pisa hatte er den Galilei-Lehrstuhl inne. Er ist Ehrendoktor der Universitäten Bielefeld, Heidelberg und Augsburg. Im In- und Ausland erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen und ist Mitglied mehrerer Akademien sowie des PEN-Clubs. Veröffentlichungen u.a.: Das Ingenium Don Quijotes (1956); Tempus – Besprochene und erzählte Welt (1964); Literatur für Leser (1971); Wege der Sprachkultur (1985); Textgrammatik der deutschen Sprache (1993); Lethe (1997).
„Magna quaestio est de mendacio …“
Wort und Text
Wort und Begriff
Können Wörter lügen?
Denken
Wider die Bilderstürmer
Ja und Nein
Ironie
„Viel lügen die Sänger“
Nachwort nach 35 Jahren
Anmerkungen
Die Lüge ist in der Welt. Sie ist in uns und um uns. Man kann die Augen nicht vor ihr verschließen. „Omnis homo mendax“, sagt ein Psalmvers (115, 11). Wir können übersetzen: Der Mensch ist ein Lebewesen, das der Lüge fähig ist. Das ist eine Definition, die ebenso richtig ist wie jene Definitionen, die den Menschen ein Lebewesen nennen, das zu denken, zu sprechen oder zu lachen versteht. Es mag wohl eine misanthropische Definition sein, aber sie ist nicht widerlegbar. Molières Misanthrop nimmt sich aus ihr das Recht, das ganze Menschengeschlecht zu hassen.
Die Linguistik kann die Lüge nicht aus der Welt schaffen, und sie kann nicht verhindern, daß die „Lügenfahnen“ (Goethe) so oft entrollt werden. Zwar lügen die Menschen – meistens – mit der Sprache; sie sagen die Unwahrheit, und sie reden doppelzüngig. Aber es ist sehr fraglich, ob ihnen die Sprache beim Lügen hilft. Wenn sie es tut, wird sich die Linguistik dem „großen Problem der Lüge“ (Augustin) nicht entziehen können. Hilft die Sprache jedoch beim Lügen nicht oder setzt sie dem Lügen sogar Widerstand entgegen, so kann dennoch die Linguistik beschreiben, was sprachlich geschieht, wenn die Wahrheit zur Lüge verdreht wird. Die Lüge geht die Linguistik allemal an.
Augustin, der als erster die Lüge zum Gegenstand der philosophischen und theologischen Reflexion gemacht hat, hat auch als erster den linguistischen Aspekt der Lüge gesehen. Er erinnert daran, daß den Menschen die Sprache nicht gegeben ist, damit sie sich gegenseitig täuschen, sondern damit sie einander ihre Gedanken mitteilen. Wer also die Sprache zur Täuschung gebraucht, mißbraucht die Sprache, und das ist Sünde.[1] Thomas von Aquin und Bonaventura nehmen diesen Gedanken auf: Die Wörter der Sprache sind Zeichen des Geistes; es ist wider ihre Natur und wider den Geist, sie in den Dienst der Lüge zu stellen.[2] Die Sprache soll die Gedanken offenbaren, nicht verbergen. Die Zeichenfunktion der Sprache steht auf dem Spiel. Sie ist die elementarste, aber ebendarum die fundamentalste Leistung der Sprache. Die Lüge ist ihre Pervertierung.
