Links blinken, rechts abbiegen - Eva C. Schweitzer - E-Book

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Eva C. Schweitzer

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Beschreibung

Die Antideutschen sind eine kleine, aber schrille Politsekte, die so weit links ist, dass sie schon wieder rechts angelangt ist. Einige waren mal Funktionäre von K-Gruppen, andere kommen vom Schwarzen Block oder sind bloß Anti-Ostdeutsche, die Kleinbürger verachten. Sie haben viele Sympathisanten in den Medien. Das verleiht ihnen mehr Einfluss, als für Deutschland gut ist. Eva Schweitzer zeigt die Ursprünge dieser Ideologie in den USA auf, und legt den schädlichen Einfluss der Antideutschen offen und erklärt, wer hinter diesem Phänomen steckt.

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Seitenzahl: 429

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Ebook Edition

Eva C. Schweitzer

Links blinken, rechts abbiegen

Die unheimliche Allianz zwischen Neurechten, woken Antideutschen und amerikanischen Neokonservativen

Mehr über unsere Autoren und Bücher:

www.westendverlag.de

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

ISBN 978-3-86489-819-8

© Westend Verlag GmbH, Frankfurt/Main 2021,

Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin

Satz und Datenkonvertierung: Publikations Atelier, Dreieich

Inhalt

Vorwort
1 Soft Power
2 Das multikulturelle Disneyland
3 Der ewige Krieg
4 Woke und woker: Ein Tropfen Blut
5 Woke und woker: Die Berliner Simulation
6 Hollywood und die New York Times – die ersten Antideutschen
7 Stalins langer Schatten
8 Der Aufstieg der Neocons
9 Die Juden sind nicht an allem schuld
Literaturverzeichnis

Vorwort

In dem Film The Invasion of the Body Snatchers (Invasion der Körperfresser) landen riesige Schoten aus dem All in einer Kleinstadt in Kalifornien. Nach und nach nehmen die Schoten das Aussehen von den Menschen an, die dort leben, und ersetzen die insgeheim durch außerirdische Doppelgänger – Doppelgänger, die den Befehlen der Aliens folgen. Und nur langsam und ungläubig begreifen die echten Menschen, was gerade passiert. Der Kultfilm gilt als Parabel auf die McCarthy-Zeit oder auch auf den Sowjetkommunismus. Und ganz ähnlich wie in dem Film fühle auch ich mich gelegentlich, wenn ich manche alten Freunde wiedersehe. Ach, den haben sie jetzt auch durch einen woken Klon ersetzt …?

Bin ich nicht selbst eine von denen? Sicher, ich trete für gleiche Rechte für alle ein. Ich kaufe keine Käfig-Eier, und wenn ich einen Mietwagen nehme, dann einen Toyota Prius. Ich lebe in New York City, der multikulturellen Metropole des Westens. Meine Freunde sind schwul und polyamourös, arabisch und jüdisch, chinesisch und österreichisch, Apachen und Australier und natürlich Amerikaner. Und Deutsche, viele mit ähnlich internationalem Hintergrund wie ich.

Ich gucke Nachrichten auf BBC World, habe die New York Times abonniert, kaufe in der Bronx ein und kann mich mit einem chinesischen Händler über den angemessenen Preis für eine vom Lastwagen gefallene Flasche Chanel N˚5 streiten. Ich war auf der Gay Pride Parade, lange bevor die von Apple, Google und Facebook ferngesteuert wurde, und würde niemals einen Auftragnehmer ablehnen, weil er oder sie schwarz ist. Kurz, ich bin links, aber aus einer Zeit, wo die Linke für die Freiheit angetreten ist, nicht für die DDR 2.0.

Nun lebe ich selbst in der globalen, von den USA geschaffenen Woke-Republik, die letztlich ein Amalgam aus politischer Agenda, den Interessen globaler Konzerne und Popkultur darstellt. Und ich beobachte, wie Amerika die nach Deutschland exportiert – und wie Deutschland begeistert drauf einsteigt und Amerika gelegentlich sogar noch überbietet.

Fußballstadien leuchten in den Regenbogenfarben. In fast allen Werbespots tauchen Schwarze auf, kaum aber türkisch- oder arabischstämmige Menschen oder auch Russlanddeutsche, obwohl von ihnen wesentlich mehr in Deutschland leben und sie eigentlich als Zielgruppe relevanter wären. Unternehmen entscheiden, dass es in ihren Kantinen keine Currywurst mehr gibt. Zeitungen gendern und nonbinären, was das Zeug hält, statt »Indianer« heißt es »I-Wort«, Kämpfer für Black Lives Matter lassen sich nicht mal von Corona davon abhalten zu demonstrieren, und die Innenstädte sind so multikulti, dass die Gentrifizierung nicht mehr auffällt. Deutschland fühlt sich manchmal wie ein riesiges Portlandia an, die halbfiktive Stadt in der Satiresendung über das Westküsten-Hipster-Paradies. Kuba ist wie die DDR mit Palmen. Die Woke-Republik Deutschland ist wie Amerika mit Vollkasko.

Es gibt ein Spielchen in Amerika, das geht so: Wann hast du gemerkt, dass die woken Zeitgeister Body Snatchers sind? Bei manchen weißen Studenten aus ärmlichen Verhältnissen fing das an, als sie von Professoren als »privilegiert« beschimpft wurden, die ihrerseits sechsstellige Gehälter bekommen. Andere wurden skeptisch, als Black-Lives-Matter-Aktivisten die Plünderungen von kleinen Geschäften rechtfertigten, die meist Immigranten gehören. Bei manchen geschah es, als Leute, vor allem aus dem Arbeitermilieu, ihren Job verloren, wie etwa ein Lastwagenfahrer, dem (völlig zu Unrecht) vorgeworfen wurde, er habe aus dem Autofenster heraus White Power signalisiert. Es sind allesamt Habenichtse, die Opfer von Woke Capitalism wurden.

Bei mir fing es an, als biologische Männer Transfrauen genannt werden wollten – eigentlich weniger deswegen, von mir aus kann sich jeder als Klingone oder Indianerhäuptling identifizieren –, sondern weil fast alle großen Zeitungen und die Öffentlich-Rechtlichen das kritik- und gehirnlos mitmachen. Und nicht nur mitmachen, es ist, als sei dies das drängendste Problem in einer Zeit des Sozialabbaus und der globalen Flüchtlingsbewegungen.

Der New York Times war es ein größeres Anliegen, Transfrauen den Zugang zu Mädchentoiletten freizukämpfen, als über den Syrienkrieg zu berichten. Die Zeit präsentierte einen Transmann (eine biologische Frau), die, Wunder der Natur, schwanger war. Und irgendeiner von diesen über-woken Öffi-Ablegern forderte auf Facebook, obdachlose Frauen sollten kostenlos Tampons bekommen, bestand aber darauf, diese Frauen »Personen« zu nennen. Das Schrille daran war, dass sich die folgende Debatte nur an diesem Begriff verbiss und nicht an der Forderung selbst, dass aber die Medienmacher keinen Millimeter von ihrer Terminologie abrückten – es war ihnen wichtiger, das identitätskarnevaleske Regelwerk in die Köpfe zu zementieren als obdachlosen Frauen zu helfen. Es war, als beobachte man Klone, die stur Befehle aus dem Weltraum befolgten.

Es ist nicht die Politik, die irritiert. Vor mir aus kann die Stadt Berlin Tampons an Neubürger aus Afghanistan verschenken. Irritierend ist das geforderte orwelleske Bekenntnis, dass zwei plus zwei gleich fünf ist. So wie bei Captain Picard, der fiktive Sternenflottenkapitän aus Star Trek, der einmal von den echsenartigen, bösen Cardassianern gefoltert wird; sie verlangen von ihm, dass er sagt, er sehe fünf Lichter. Es sind aber nur vier. Picard widersteht. Aber tun wir es?

Zeitgleich mit diesen vermeintlichen Grassroots-Bewegungen, die von oben kommen, von der Politik, den Medien, den Woke Capitalists, hat ein schleichender Paradigmenwechsel eingesetzt. Es gab einmal eine skeptische, linke Denktradition, dass die CIA Medienvertreter beschäftigt, dass die U. S. Army Attentate begeht, die dem Feind in die Schuhe geschoben werden, dass die NSA weltweit herumspitzelt und dass an der Kennedy-Ermordung oder 9/11 irgendetwas faul war. Heute war noch bis vor Kurzem jeder ein verrückter Verschwörungstheoretiker, der sagte, Corona stamme aus einem Genlabor in China und nicht von einer halbgaren Fledermaus auf einem Restaurantteller. Und ja, ich bin geimpft.

Und alle diese Woke-Wellen kommen aus Amerika. Dort sind sie sogar noch verrückter und lauter, weil Amerika das Land des glänzenden Infotainments ist und nicht der grüblerischen Philosophen. Dort ist es das Ziel der woken Meinungsführer, ihre Nase ins Fernsehen zu halten und Geld zu verdienen. Deutschland hingegen lechzt nicht nach Geld, Spaß und Ruhm; es geht beim Gendern, beim Klimaschützen, beim Buntwerden und beim Vergangenheitsbewältigen ums Besserwissen und Vorschriftenmachen, gründlich wie Deutsche nun mal sind, bis alles in Scherben fällt. Aber Vorschriften nur für andere: Wasser predigen und Wein trinken, Links blinken und rechts abbiegen.

Das bringt uns zu den Antideutschen – nicht bloß das Häuflein von ehemaligen K-Gruppen-Aktivisten, die sich zu Israelverteidigern und Irankriegstreibern weiterentwickelt haben, im Einklang mit ihren amerikanischen Vorbildern, den Neokonservativen. Sondern diese mehltauartige linke Stimmung, in Deutschland erst mal alles schlecht zu finden. Denn das ist die eigentliche treibende Kraft des Woke-Wollens: Der Hang zur Selbstgeißelung, der eigentlich Fremdgeißelung ist, weil die Deutschlandschlechtfinder sich selbst nie mitmeinen. Sie glauben, sie kämpfen im Auftrag des Guten, Wahren und Schönen, des Friedens und des Antifaschismus. Tatsächlich sind sie kontrollfreakige Besserwisser, deren Lebensphilosophie es ist, andere zu bestandpauken, wo es langzugehen hat.

Diese Antideutschen wären ohne Amerika nicht denkbar. Sie sind das Ergebnis einer jahrzehntealten transatlantischen Beziehungskiste, aber nicht unbedingt das gewünschte oder auch nur ein brauchbares Ergebnis, eher eine Art Frankenstein’sche Kreatur. Die neueren deutschen Verrücktheiten sind die Spottgeburt einer Zwangsheirat des stolzen amerikanischen Sendungsbewusstseins, das im Wilden Westen wurzelt, mit dem deutschen Belehrbedürfnis. Das ist nicht gut für Amerika und nicht gut für Deutschland. Dieses Buch ruft dazu auf, selbst zu denken und selbst zu urteilen. Versucht es, es ist nicht gefährlich und man fühlt sich sofort besser. Dann verschwinden die Schoten von ganz allein.

1 Soft Power

Berlin, am frühen Abend des 9. November 1989. Der deutsche Schicksalstag. Das Wetter ist regnerisch und kühl. Ein paar Redakteure der linken taz, der tageszeitung, sitzen im Café Adler am Checkpoint Charlie, wo damals noch das Redaktionshaus lag. Das Café in dem gelben Altbau, nur wenige Meter von der Mauer entfernt, war das Stammlokal vieler Redakteure. Arno Widmann ist einer davon. Widmann liest gerade ein Manuskript, als Georgia Tornow, die taz-Chefredakteurin, aufgeregt an seinen Tisch tritt. Sie habe einen Anruf bekommen: Die Mauer werde heute geöffnet. »Du spinnst«, ist Widmanns Antwort. Nein, nein, das sei wahr, besteht Tornow – gerade lief die berühmte Pressekonferenz mit Günter Schabowski live im Fernsehen, wo der Ost-Berliner SED-Chef erklärt hat, DDR-Bürger dürften in den Westen reisen, und zwar »ab sofort«. Der immer noch ungläubige Widmann steht auf und läuft selbst durch den Checkpoint, bis DDR-Grenzer ihn aufhalten. »Aber die Grenze ist doch offen?«, sagt der taz-ler. »Nur für unsere Leute«, entgegnet der Grenzer.

Widmann ist nicht der einzige Westberliner, der völlig überrascht ist. Sicher, es gab Gerüchte über eine geplante Ausreiseerlaubnis für DDR-Bürger, sogar Gespräche zwischen den Oberen beider Stadthälften. Seit Monaten sind Ostdeutsche über die ungarische Grenze oder die Prager Botschaft in den Westen gekommen. Dazu kam die Niederlage der Sowjetunion in Afghanistan, die Taupolitik von Michael Gorbatschow, bekannt unter den Stichworten Glasnost und Perestroika, die Abkehr von der Breschnew-Doktrin – was den Rückzug der Roten Armee aus Osteuropa vorwegnimmt – und, zuletzt, das Canceling von DDR-Staatschef Erich Honecker, gefolgt vom Rücktritt des Ministerrats und des Politbüros am 8. November. Das waren deutliche Zeichen. Allerdings erst im Rückspiegel.

Mir selbst wird die Lage erstmals im August 1989 bewusst, als ich im Heidelberger Krug am Kreuzberger Chamissoplatz einen Abenteurer treffe, der gerade aus der Sowjetunion gekommen ist und der jedem erklärt, das Land sei völlig am Ende. »Überall sitzen hökernde Russen herum, an den Bahnhöfen und an den Ausfallstraßen und verkaufen alles. Die machen das noch maximal drei Monate.« Ich denke, interessant, einen authentischen Bericht zu hören, aber ein bisschen wird der wohl schon übertreiben.

Von der Wucht der Maueröffnung sind dann sogar die SED-Funktionäre überrascht, die sie angeordnet haben. Und erst recht die westdeutsche Linke, die sich bequem im ewig geteilten Deutschland eingerichtet hatte, wo die Ostdeutschen gleichzeitig die Vorzüge des Sozialismus genießen und für die Sünden der Nazis büßen. Von denen waren manche nun richtig erbost. Detlef zum Winkel vom Kommunistischen Bund etwa, der heute für diverse antideutsche Postillen schreibt, ekelt sich in der Parteizeitung Arbeiterkampf vor den »Zonis«, denen er »gern die Fresse poliert« hätte. Als Willy Brandt – Berlins früherer Bürgermeister, der den Zweiten Weltkrieg in Norwegen im Widerstand verbracht hat – mit Bundeskanzler Helmut Kohl und anderen am Rathaus Schöneberg die deutsche Nationalhymne singt, werden sie dafür von erbosten Westberliner Linken ausgepfiffen.

Kurz darauf warnt der SPD-Linke Oskar Lafontaine vor einer zu raschen Vereinigung (er scheitert krachend als Kanzlerkandidat). Die Grünen sind gespalten. Eine Minderheit hat die Opposition in der DDR unterstützt, jetzt aber finden sich viele von ihnen als Sympathisanten des »Dritten Wegs« wieder, der neuerliche Versuch einer von der BRD unabhängigen DDR mit einem reformierten Sozialismus, ohne Mauer und ohne Stasi, der von Linken, undogmatischen SED-Mitgliedern und einigen Anhängern des Bündnis 90 unterstützt wird, die später mir den Grünen fusionieren.

Auch das scheitert krachend; im Mai 1990 wählen knapp 80 Prozent der DDR-Bürger Parteien, die eine baldigste Wiedervereinigung wollen. Teile der US-Linken denken allerdings heute noch, die DDR sei auf der Suche nach dem Dritten Weg von bösen Kapitalisten gekidnappt worden und den DDR-Bürgern sei es eigentlich ganz gut gegangen. So erzählt der Berlin-Brooklyner Autor Tim Mohr der linken Zeitschrift The Nation noch 2018, in der DDR habe es keinen Mangel an Lebensmitteln gegeben und jeder hatte einen modernen Fernseher und einen Kühlschrank – wer mal in einem HO-Laden war, kann darüber nur den Kopf schütteln.

Dabei war die DDR – wie Wolfgang Gast ein paar Jahre nach der Wende in der taz schrieb – längst pleite und legte eigentlich einen Konkurs auf Kosten des Westens hin. Gast beruft sich auf den Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen. Danach warnten Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit am 27. Oktober 1989 vor den »Konsequenzen der unmittelbar bevorstehenden Zahlungsunfähigkeit«. Die Stasi-Experten kamen zu dem Schluss, dass die »Aufrechterhaltung einer stabilen Versorgung der Bevölkerung« mit den für den Zeitraum 1991 bis 1995 geplanten Maßnahmen der DDR-Führung »substantiell nicht gesichert« seien.

Die Wiedervereinigung ist die Geburtsstunde der sogenannten Antideutschen, die den Mauerfall als dräuenden Vorboten eines neuen Großdeutschen Reichs begreifen. Aber natürlich kommen die Antideutschen nicht aus dem Nichts. Sie gehen auf kommunistische Uni-Gruppen zurück, vor allem den Kommunistischen Bund, auf eine Tradition aus Hysterie vor dem nächsten Weltkrieg, Deutschlandschlechtfinden, falscher Demut und als Selbsthass getarnte Fremdenfeindlichkeit, allerdings auch auf einen nicht so offensichtlichen US-amerikanischen Einfluss, der letztlich den USA selbst schaden würde.

Als der Checkpoint Charlie aufgeht, werden die GIs in Berlin davon genauso kalt erwischt wie die Kreuzberger Linken, die in Sichtweite der Mauer leben. Dabei ist Amerika (mit Großbritannien und Frankreich) nicht nur Besatzungsmacht in Westberlin, die Halbstadt ist auch der wichtigste Spionageposten der CIA mitten im Roten Meer. Von hier aus hören US-Spione auf dem Teufelsberg den Osten ab und graben mit den britischen Spymastern sogar Tunnel unter der Mauer, um die Sowjets zu bespitzeln.

Aber Amerika begreift sofort die geschichtliche Dimension. Binnen Stunden rollen US-Journalisten und Kamerateams an. Tom Brokaw, der allen Amerikanern bekannte Anchor des Senders NBC, der aus dem Heartland, aus South Dakota stammt, steht samt Mikrofon vor den TV-Kameras am Brandenburger Tor. In einer NBC-Übertragung nennt er die Mauer ein »von Grund auf böses Symbol der Unterdrückung aus Beton«, aber die »tapferen Ostdeutschen« hätten sie zu einem Ausdruck der »Freude und Befreiung« gemacht.

Die US-Regierung unter Präsident George Bush Sr. unterstützt die Vereinigungspläne von Kohl. Bush war Vize von Ronald Reagan, der drei Jahre zuvor Gorbatschow aufgefordert hatte, die Mauer abzureißen; diese Politik setzt Bush fort. Anders das Inselland Großbritannien. Dort wettert die Sunday Times, das Blatt des rechten Medienmoguls Rupert Murdoch, gegen ein »pan-germanisches Viertes Reich«. Premierministerin Margaret Thatcher versucht sogar hinter dem Rücken von Bush, Gorbatschow dazu zu bewegen, sich der Wiedervereinigung in den Weg zu stellen (ausgerechnet die eiserne Lady Thatcher nannte die Deutschen damals »unsensibel gegenüber den Gefühlen anderer«).

Aber nicht alle US-Medien sind emphatisch mit den tapferen Ostdeutschen. Rachel Somerstein, Journalismus-Professorin in New York, hat die US-Presse zum Mauerfall untersucht. »Als die Mauer aufging, waren die meisten Artikel negativ«, sagt sie. »Es wurde vor einem Vierten Reich gewarnt, vor Arbeitslosigkeit, zu den Demos wurden Bilder von der Kristallnacht gezeigt.« Erst zehn Jahre später hätten die US-Medien begonnen, rückblickend auch die positiven Seiten zu beschreiben, die Freude, die Party. »Unsere Presse wusste erst nicht, was das Ereignis bedeutet. Wir hatten das Narrativ noch nicht ausgeformt.« Dann aber hätten die USA die Maueröffnung als einen Sieg für Amerika im Kalten Krieg interpretiert, und das sei in den USA positiv besetzt. So betont die Washington Post, dass es Reagans aggressive Afghanistan-Politik gewesen sei, dank derer die Mauer eingerissen wurde.

Die New York Times, das publizistischen Flaggschiff der Demokraten, hatte damals mit Arthur »Punch« Sulzberger einen eher konservativen Verleger. Sulzberger, der die Times in der dritten Generation führte, war aber durchaus obrigkeitskritisch. Unter seiner Führung hatte das Blatt Anfang der siebziger Jahre die »Pentagon Papers« veröffentlicht, geheime Strategiepapiere, was letztlich das Ende des Vietnamkriegs einleitete. Times-Chefredakteur Abraham Rosenthal sieht Deutschland, vorsichtig gesagt, skeptisch. Er reist nach dem Fall der Mauer nach Berlin und erleidet einen »echten Schock«, als er im Osten ein gänzlich unbekanntes Stadtzentrum mit vielen prächtigen Gebäuden entdeckt. Dies sei, natürlich, der Teil Berlins, den Albert Speer gebaut habe und wo Adolf Hitler gestorben sei.

Wenig überraschend, melden sich bei der Times erst einmal die Reichsbedenkenträger zu Wort und weisen darauf hin, dass Israel Einwände habe. Die DDR habe nie anerkannt, dass sie ebenso die Verantwortung für die Nazis trage wie der Westen Deutschlands, und nie Reparationen bezahlt (erst im April 1990 bat die Volkskammer das »Volk von Israel« um Verzeihung für die »Verfolgung und Entwürdigung jüdischer Mitbürger auch nach 1945 in unserem Land«.), schreibt Joel Brinkley aus Jerusalem. Die israelische Regierung sorge sich auch – so Brinkley – dass eine Versöhnung zwischen Ost und West schlecht für Waffenverkäufe sei und womöglich dazu führe, dass das strategische Interesse der USA an Israel nachlasse. Denn die USA seien die wichtigsten Alliierten Israels gegen die sowjetgestützten arabischen Länder.

Auch Joseph Nye zählt zu den Warnern. Der Harvard-Professor war außenpolitischer Berater mehrerer demokratischer Präsidenten; in seinem langen Berufsleben deckte er die ganze transatlantische Bandbreite ab, von der Trilateral Commission bis zum Council on Foreign Relations. 1990 hat Nye den Begriff Soft Power geprägt, außenpolitische Macht nicht durch Gewehre, Kanonen, Bomben und Drohnen, die Finanzierung von Umstürzlern, Folter und die gelegentliche Entführung nach Guantanamo Bay, sondern durch ein Gesamtkunstwerk aus Popkultur, Filmen und Musik, Ideen und Ideologien mit der Hilfe von Hollywood und den Medien, das via Think Tanks, Universitäten und internationale Institutionen exportiert wird. Im Internet lassen sich Toolkits ergoogeln, Werkzeugkästen, die Argumentationsmunition und Sprachvorschriften für die neueste Cause célèbre liefern, oft hochgeladen von progressiven US-Amerikanern – gerade die fühlen sich berufen, das Gute in die Welt zu tragen, egal, was es die Welt kostet. Wer versucht, die deutsche Nachkriegsgeschichte ohne US-amerikanische Soft Power zu verstehen, dem geht es wie den zweidimensionalen Bewohnern eines Planeten, auf dem ein dreidimensionales Raumschiff landet.

Der Fall der Mauer und das nahende Ende des sowjetischen Imperiums machen Nye besorgt. Das öffne die Tür für das »alte Europa« der tiefen ethnischen und nationalen Antipathien – bereits jetzt drohten Nationalisten in den baltischen Ländern, sich von der Sowjetunion abzuspalten, schreibt er in der Times in einem Duktus, als spreche er für das Politbüro der UdSSR. Nye warnt auch vor der deutschen Vereinigung. Die deutsche Frage stelle sich in Europa, seit Bismarck einen starken Staat geschaffen habe, der sich an zwei Fronten verteidigen könne. Das Problem sei in drei Kriegen – 1870, 1914 und 1939 – nicht gelöst worden, deshalb müsse Deutschland in den Westen eingebunden bleiben und die US-Truppen dürften nicht abziehen.

Auch Anne-Marie Burley hofft, dass der Ostblock erhalten bleibt. Der Fall der Mauer sei keineswegs der erste Schritt zur Wiedervereinigung, schreibt sie in der Times; vielmehr sei dies ein Pokerspiel, wo die DDR-Regierung gerade mit dem Öffnen der Grenze geblufft habe. Als Nächstes werde der neue Staatschef Egon Krenz eine Welle von Flüchtlingen auf den Westen loslassen. Kohl habe dann keine andere Wahl, als die Gesetze so zu ändern, dass DDR-Bürger nicht mehr automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft bekämen (offenbar wusste die promovierte Juristin nicht, dass dies im Grundgesetz verankert ist). Die Ostler hinter der Grenze zu halten und zwei deutsche Staaten dauerhaft zu belassen, würde Frieden, Freiheit und Wohlstand in Europa bewahren.

Burley wird unter dem Namen Anne-Marie Slaughter Karriere als Professorin in Princeton und Harvard machen; 20 Jahre später wird sie als Politikdirektorin und außenpolitische Beraterin von Hillary Clinton deren desaströse Libyen- und Syrienpolitik mitverantworten. Das Bemerkenswerte ist aber, wie sehr sich die Ansichten der Deutschlandexperten von der New York Times mit denen der Antideutschen decken.

Kurz nach der Maueröffnung fordert der bereits in Auflösung begriffene Kommunistische Bund, die »Anerkennung der DDR« durchzusetzen. Die deutsche Einheit sei »unmissverständlich der Versuch, eine Großmacht zu etablieren«. Im Mai 1990 organisiert die »radikale Linke« die Demo »Nie wieder Deutschland!«. Das Bündnis besteht aus russophilen Kommunisten um Hermann Gremliza, dem Chefredakteur von Konkret, den Mao-treuen Ballonmützen vom Kommunistischen Bund und den Ökosozialisten um Rainer Trampert und Thomas Ebermann. Die Wiedervereinigungsgegner identifizieren sich mit Karl Marx, Heinrich Heine und dem Holocaust-Überlebenden Paul Celan; das ist das erste Mal, dass die deutsche Nachkriegslinke so tut, als sei sie jüdisch.

Der Ungeist Hitlers lässt auch die Times-Redaktion nicht zur Ruhe kommen. Wenn schon Wiedervereinigung – etwas, das Bush Sr. nun ganz entschieden betreibt, denn ein von den Sowjets kontrolliertes Ostdeutschland als rote Insel mitten in einem befreiten Europa ist in keinster Weise im geostrategischen Interesse der USA – dann nur vereint zu einem besseren Deutschland. Einem dezentralen, multikulturellen Deutschland, das nach dem Krieg und dem Holocaust dem Militarismus abschwört und Immigranten aufnimmt, unbehelligt von xenophoben Einheimischen, einer kontrollierenden Ausländerbehörde und einer übergriffigen Polizei. Soft Power eben. Von nun an hat die Times ein strenges Auge auf Deutschland, vor allem, was eventuelle militärische Abenteuer angeht. Und das sehen die Antideutschen, die damals noch als Linke selbstidentifizieren, ähnlich.

New York, der Morgen des 11. September 2001. Die Welt steht still, als zwei Boeing 767 nacheinander, im Abstand von einer knappen Stunde, in die beiden Türme des World Trade Center rasen und in einer gewaltigen Feuerwolke aufgehen. Nach den ersten Stunden der Panik, als die Twin Towers zusammenbrechen, Menschen aus den Fenstern springen, giftiger Staub halb Manhattan verdunkelt, die U-Bahn den Betrieb einstellt, die Grenze gesperrt wird, die Flughäfen dichtmachen und George W. Bush das Buch My Pet Goat beiseitelegt und in einen Bunker gebracht wird, fragt sich Amerika erschrocken und verängstigt, wer dahinterstecken könnte.

Auch von dem Anschlag von 9-11 werden die Militärgeheimdienste und die CIA kalt erwischt. Und wie beim Fall der Mauer werden die Warnzeichen erst in den Wochen danach registriert: Berichte aus Afghanistan und Pakistan über den Aufstieg der von Reagan gehätschelten Mujahedin. Der Auftritt des israelischen Premiers Ariel Scharon auf dem Tempelberg, der die zweite Intifada brachte. Das berühmte CIA-Memo Bin Ladin Determined To Strike in US vom August 2001. Bald macht auch das Wort von der »Hamburg Cell« die Runde: sieben Studenten aus Ägypten, dem Jemen und Saudi-Arabien, die in Hamburg studierten, unbehelligt von der deutschen Polizei. Angeführt von Mohammed Atta und Ziad Jarrah, haben sie den Anschlag ausgeheckt. Ein Schock: Nicht nur ahnt in den USA niemand, dass islamistische Attentäter in Deutschland frei miteinander konspirieren können, sondern dass es dort überhaupt Zuwanderer aus dem arabischen Raum gibt.

Nun ist die New York Times empört über so viel deutsche Schlamperei und Laisser-faire. Bei einer der vielen Debatten nach 9-11 in New York City wundert sich ein Politikexperte auf einem Podium, warum sich die deutsche Polizei denn nicht mit dem Verfassungsschutz kurzgeschlossen und die Moscheen überwacht habe? Das sei nicht so einfach, wegen des Datenschutzes und des Föderalismus, wird ihm erklärt. Und: Solle die Bundesregierung denn eine Art geheime staatliche Polizei einrichten, die potenzielle Staatsfeinde überwache? Die Ironie geht an dem Experten vorbei.

Nur Monate später erleidet Amerika einen zweiten Schock: Deutschland unter SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder weigert sich, die geplante US-Invasion des Irak mit Truppen oder einem Votum in den Vereinten Nationen zu unterstützen. Wieder werden die Deutschlandkenner der New York Times kaltüberrascht und sie finden den deutschen Antimilitarismus nun gar nicht mehr so herzerwärmend. Erst erklären sie dem deutschen Publikum noch geduldig, dass 9-11 ein großer, nie da gewesener Schock für Amerika sei, da müsse Deutschland mitziehen, ob es wolle oder nicht. Dann wird der Ton drängender, bis die Times Deutschland barsch auffordert, endlich das Richtige zu tun, derweil Kolumnist Tom Friedman sich erst freut, dass der Sturz von Saddam Hussein positive Veränderungen in der arabischen Welt bewirken werde, und dann Deutschland und Frankreich beschimpft, weil die nicht für den Krieg zahlen wollen. Natürlich wollen die USA vor allem Rache für 9-11, aber drapiert in einen internationalen Befreiungsfeldzug und nicht als die US-britische Invasion, die es letztlich wird.

Auch in der Regierung von Bush jr. kommt wenig Sympathien für Deutschland auf. Besonders tut sich Pentagon-Chef Donald Rumsfeld hervor, dessen Familie aus Bremen stammt und der Deutschland (und Frankreich) auf einer Pressekonferenz von Anfang 2003 auf einer Pressekonferenz als Old Europe beschimpft. Er fasse es nicht, was aus dem wehrhaften Vaterland geworden sei. Derweil sammelt sich die deutsche antiimperialistische Linke in mehrfacher Mannschaftsstärke mehr oder weniger vereint hinter Schröder und marschiert mit »Kein Blut für Öl«-Transparenten durch die Innenstädte. Oder ist sie vereint? Nicht ganz.

Es gibt ein wehrhaftes kleines Dorf mitten im deutschen Pazifismus, das Widerstand leistet. Denn dies ist der Moment, wo sich die Antideutschen von linken Imperiumswarnern zu rechten Einmarschbefürwortern wandeln, zur »Rumsfeld-Linken«. Diese Keybord Kommanders wollen die USA und Israel gegen die antisemitische arabische Welt verteidigen; natürlich nicht selbst und nicht mit richtigen Waffen (dafür wären sie ja auch zu alt), sondern mit der Nazikeule, mit der sie die Friedensbewegten überziehen. Und der Über-Antideutsche Bewegung. Gremliza stellt sich an die Spitze der Pro-Irakkriegs-Bewegung.

Mit dem Irakkrieg etablieren sich Antideutsche als die im klassischen leninistischen Sinne nützlichen Idioten des US-Imperialismus, und wichtiger noch: als der lange Arm der Neokonservativen in Deutschland, dem Intrigantenstadl, der hinter dem ewigen Krieg im Mittleren Osten steckt. Neocons sind US-amerikanische Kriegstreiber, die teils auf Trotzkisten, teils auf Liberale zurückgehen – daher das »neo« –, die unter Bush jr. das Pentagon gekapert haben und im Obama-Exil in Israel-nahen Think Tanks untergeschlüpft sind. Dort machen sie heute – flankiert von den Antideutschen – Stimmung gegen den Iran.

Wie ihre amerikanischen Vorbilder, legen die deutschen Epigonen im Lauf der Zeit derartige Verwandlungen hin, dass Woody Allen in seiner Pseudo-Dokumentation Zelig dagegen wie ein Anfänger wirkt: vom Trotzkisten und/oder Maoisten zum Grünen, zum Bush-Fan und zuletzt gelegentlich zum Querfrontler. Und als Deutschland mit Merkels Flüchtlingspolitik letztlich doch den Fallout der Kriege der USA im Nahen Osten abbekommt, driften einige frühere Antideutsche sogar in eine Anti-Immigrantenecke ab, die in den USA von Altright-Mediengründer Steve Bannon oder Proud-Boys-Führer Gavin McInnes besetzt wird.

Die Antideutschen sind der Geist, der stets verneint; umgekehrt allerdings als Mephistopheles ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft. In diesem Buch geht es aber weniger um die faustische deutsche Seele, die Aufarbeitung der Wiedervereinigung, des Irakkrieges oder die doch nicht so richtig gut gelungene Bewältigung der Flüchtlingswelle von 2015. Es geht darum, welchen Einfluss Amerika auf die deutsche Debatte ausübt; Politikprofis und Meinungsbildner, Thinks Tanks und Medien, Soft Power eben, und welchen Rückstoß, Blowback – um den klassischen CIA-Begriff zu benutzen – das in Amerika hatte.

Aus der Vogelperspektive betrachtet sind die Antideutschen eine schrille Politsekte, die an ihrem eigenen Deutschsein leidet. Es ist nicht leicht, sie zu beschreiben. Vom Habitus erinnern sie einen an die marxistischen Gruppen, die in den siebziger Jahren das studentische Univolk so lange genervt haben, bis auch der letzte freiwillig zum Kapitalismus konvertiert ist, oder auch an die Moon-Sekte, nur ohne deren Charme. Sie haben die Macho-Attitüde des schwarzen Blocks, können aber mit Messer und Gabel essen. Sie verehren Amerika, aber mehr so wie Star-Wars-Fans, die versehentlich bei einer Star-Trek-Convention aufkreuzen, verkleidet als todgeweihte Redshirts. Wie die Neocons unterstützen sie die israelische Regierung so vehement, als habe sich der Mossad im Oberstübchen eingenistet. Dabei haben sie sich so weit nach rechts bewegt, dass sie sich mühelos den Evangelikalen in den USA anschließen könnten, die glauben, dass Schwule in die Hölle gehören und Schwarze auf die Plantage, und dass Baby Jesus Donald Trump hilft, über Wasser zu wandeln. Aber das weiß in Deutschland zu deren Glück keiner. Kurt Tucholsky schrieb einmal, »Die Blonden sind ganz umgängliche Menschen. Aber die Dunklen, die gern blond sein möchten …«. Das sind die Antideutschen.

Dieses verschworene Häuflein von Kämpfern gegen das Deutschtum – oder ehemaligen Kämpfern; das wird ja nicht in die Personalakte vermerkt – ist divers, aber klandestin. Ihre mannigfaltigen Sinneswandel werden nur sichtbar, wenn der Schwall in den sozialen Medien die Richtung ändert. Wie bei Maggie Thatcher ist ihr Motto »Bomber Harris do it again« und »Nie wieder Deutschland!« Frühere SED-Sympathisanten sind darunter, Startbahn-West-Gegner, Milošević-Anhänger, linke Grüne und, natürlich, Funktionäre vom Kommunistischen Bund, die Fanorganisation von Mao, also des Staatsführers, dessen Regime die meisten Toten der Weltgeschichte produzierte. Überhaupt glauben die Deutschlandkritiker ja, auf der Seite des Guten zu kämpfen, haben aber leider trotzdem einen Hang, Massenmörder zu lieben, nicht nur Mao und Stalin, sondern etwa auch Napoleon oder Pol Pot. So reiste Hans-Gerhart »Joscha« Schmierer, Gründer des Kommunistischen Bunds Westdeutschland, der später unter Joschka Fischer im Auswärtigen Amt arbeitete, mit einer Delegation des Kommunistischen Bunds Westdeutschland nach Kambodscha, um Pol Pot seine Solidarität zu erklären. Und auch er lief mit Bush in das Lager der Irakkriegsbefürworter über.

Politisch grenzen sich die Antideutschen gegen gewöhnliche Linke ab; gegen Realo-Grüne, Verteidiger von Arbeiterrechten, Straßenkämpfer für ein freies Palästina, klimaschützende Greta-Freunde und Woke, die sich mit schwarzen, transbinären indigenen Lesben identifizieren. Berührungspunkte haben sie mit den Anti-Ostdeutschen, die in Hamburger Redaktionen Panik vor den Sachsen und ihrer komischen Sprache schieben. Ironisch, denn die Hochburg der Antideutschen ist im Leipziger Szeneviertel Connewitz. Sie haben aber nur wenige Gesinnungsgenossen im Ausland. Natürlich gibt es massenhaft Antideutsche in Österreich, England oder Polen, aber aus gänzlich anderen Gründen. Ihre politischen Freunde jenseits der Grenzen stecken meist im rechtskonservativen Lager. Und auch Antideutsche tendieren dazu, Gegner von Black Lives Matter zu sein (antiamerikanisch!) und Feinde der Antikolonialbewegung (anti-israelisch!).

Die Antideutschen sind die Reichsbürger der früheren Linken. Sie glauben, dass die Bundesrepublik nicht existiert oder zumindest von den Seiten der Zeit getilgt werden sollte. Ihr Instinkt gebietet ihnen, alles zu spalten, was wirklich links (und deutsch) ist. Sie haben den Kommunistischen Bund gesprengt, die Grünen untergraben, die Piratenpartei torpediert und sich als fünfte Kolonne der Neocons im Bauch der Linken etabliert. Auch hinter Versuchen, prominente Ostdeutsche wie Wolfgang Thierse aus der SPD zu mobben, steckt eine zutiefst antideutsche Haltung.

Nicht wenige Antideutsche, vor allem die im weltweiten Web wabernden Wortführer, kommen aus Nazi-affiliierten Familien und hatten SS-Offiziere oder hochrangige Nazis als Vorfahren. Nichts erwärmt das Herz ja mehr, als wenn einem die Nachfahren von Nazis erklären, wie wichtig die Kollektivschuld ist. Und bei den meisten Antideutschen hat man das Gefühl, die würden auf Befehl den Hebel in der Gaskammer wieder umlegen oder statt Dresden eben Tel Aviv bombardieren wollen, wenn sich der politische Wind mal dreht und es nicht mehr cool klingt, antideutsche Sprüche abzusondern, sondern antiarabische oder antijüdische.

»Die Antideutschen, das ist ein Kult«, sagt Michael Holmes, ein früherer Antideutscher mit einem amerikanischen Vater. Der Umgang untereinander sei von Wut, Intoleranz und Denkverboten geprägt, interne Kritik werde nicht zugelassen. Eigentlich ähnelten sie der Scientology-Sekte. Sogar unter den Antideutschen selbst fürchteten manche die eigene autoritäre Attitüde. »Eigentlich gibt es gar nicht so viele Antideutsche, aber sie haben viel mehr Einfluss auf die Linke und auf die Mitte der Gesellschaft, als es ihre Zahl nahelegt«, meint Holmes. Antideutsche verteidigten jeden amerikanischen Krieg. »Die lassen überhaupt keine Kritik zu, nicht an Guantanamo Bay, nicht am Folterknast von Abu Ghraib und überhaupt nicht an Israel«, sagt Holmes. Sie hätten einen ganz merkwürdigen Philosemitismus; einige wollten gar zum Judentum übertreten. »Mit solchen Freunden brauchen die Juden keine Feinde mehr.« Die Antideutschen hätten zwar linksradikale Wurzeln und bezögen viele ihrer Lehren aus der Frankfurter Schule, die auf Theodor Adorno zurückgeht. Sie verleugneten dies aber, wenn es ihnen bei der Bündnispolitik nutze. »Aber wenn die jemals richtig Macht bekommen, das wird böse.«

Erste Zweifel bekam Holmes bei einer Demonstration in Berlin während des Jugoslawienkriegs, als Antideutsche Solidarität mit Milošević forderten und dabei von Flüchtlingen aus Bosnien attackiert wurden. Aber so einfach war es nicht, auszusteigen. »Es gab keine offene Gewalt, aber hohen psychischen Druck, ich wurde angeschrieen und beleidigt«, erzählt er. »Und nicht nur ich, auch andere, die anfingen, skeptisch zu werden. Dabei dachte ich, das wären meine Freunde.« Ihm gelang der Ausstieg, und danach hätten auch noch andere die Sekte verlassen. Holmes selbst sieht sich als Linker, aber es stört ihn bei der deutschen Linken, dass die den Antisemitismus als Problem vernachlässigen, weil sich der gegen eine angeblich reiche und mächtige Minderheit richte, sagt er. »Jüdische Freunde in Amerika fragen mich manchmal, warum interessiert sich die deutsche Linke nicht für uns?«

Der inoffizielle Wortführer der Antideutschen war Hermann Gremliza, ehemaliger Spiegel-Autor (und Ghostwriter von Günter Wallraff), der 45 Jahre lang Konkret leitete. Konkret war das Leib- und Magenblatt der westdeutschen studentischen Linken der 68er-Generation. Gegründet wurde Konkret von Klaus-Rainer Röhl, dem Mann der RAF-Terroristin Ulrike Meinhoff (Röhl gehört heute dem nationalliberalen Flügel der FDP an und schreibt für die Preußische Allgemeine). Lange Jahre bekam Konkret für jede Ausgabe 40 000 Westmark aus der DDR; gleichwohl ging das Blatt pleite. Gremliza übernahm es 1974, nachdem er beim Spiegel rausgeflogen war. Er befreite Konkret von seinen bis dato berüchtigten Tittenbildern und drehte es nach seriös-links – gegen Deutschland.

»Ich bin so frei, von dieser Scheißkultur nichts wissen zu wollen«, schrieb er in seinem Buch Haupt- und Nebensätze. »Deutschlands Werte gehen mir allesamt am Arsch vorbei, ich singe keine Hymne, folge keiner Flagge, werde einen Teufel tun, auf das Grundgesetz, diesen Waffenstillstandspakt im Klassenkampf (Rosa Luxemburg) einen Eid abzulegen.« Gremliza war ein lebenslanger Marxist, dessen Vater in der NS-Zeit ein hohes Tier bei Daimler Benz war, aber, wie der Sohn betonte, kein Nazi. So ein glücklicher Zufall! Er trat aus der SPD aus, als deren Bundestagsfraktion am Tag der Maueröffnung mit der CDU, CSU und der FDP im Bundestag aufstand, um das Deutschlandlied zu singen.

Gremliza vereinte, wie viele Antideutsche, seine Abneigung gegen Deutschland mit einer tiefen Liebe zu Israel. Warum diese Kombination überhaupt nützlich für Israel sein soll, bleibt das Geheimnis der Antideutschen; jedenfalls, Putinfans sind nicht auch gleichzeitig Deutschlandhasser, aber das nur am Rande. Die israelsolidarische Linke, die es so nur in Deutschland gebe, sei von Hermann L. Gremliza maßgeblich geprägt worden, schrieb die Jüdische Allgemeine, als er im Dezember 2019 starb. »Sie reicht von den Universitäten, wo prozionistische linke Gruppen an vorderster Front gegen die Israel­boykottbewegung BDS kämpfen, über Medien wie Konkret und Jungle World bis hinein in Bundestagsparteien.« Der astrein arische »Commandante Redundante« (Wiglaf Droste) nahm gerne »jüdische Antisemiten« mit israelischer, deutscher oder US-Staatsbürgerschaft aufs Korn. Wie alle Antideutsche unterstützte er beide Feldzüge beider Bush-Präsidenten gegen den Irak. Er war auch – anders als der ebenfalls antideutsche Donald Trump – strikt gegen den Abzug der US-Truppen auf Deutschland. Damit lag er mit beidem auf der Linie der New York Times.

Nach dem Mauerfall zerlegte sich der Kommunistische Bund selbst. Der pragmatische Teil ging zu den Grünen. Wegen der hohen Durchsetzung der Grünen mit alten Kadern galt es in den Fluren der taz als ausgemacht, dass die CIA sofort intervenieren würde, falls die Grünen jemals über die Fünf-Prozent-Hürde kämen. Aus dem ideologisch orientierten Flügel hingegen entwickelte sich eine pro-israelische, antideutsche Einheitsfront, deren erstes publizistisches Aushängeschild die Zeitschrift Bahamas war.

Viele ältere Grüne, die noch heute politisch aktiv sind, waren im KB. Zu den Realos zählen etwa Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Ralf Fücks, der langjährige Geschäftsführer der Heinrich-Böll-Stiftung, oder auch Jürgen Trittin, der unter Gerhard Schröder Bundesminister war. Bei der Linkspartei ist heute Ulla Jelpke, die die Dämonisierung der Stasi kritisiert und dem Neuen Deutschland sagte, der Begriff Clan-Kriminalität sei »irreführend und diskriminierend«; Razzien gegen arabische Clans trügen dazu bei, die »rassistische Karte« im Sinne der AfD zu spielen. Oder Jürgen Reents, der zuletzt das Neue Deutschland leitete. Aber manche Antideutsche, die die Wanderung durch die Wüste vom KB zu den Grünen mitgemacht haben, sind im rechten Lager gelandet. Darunter sind Justus Wertmüller, Jürgen Elsässer und Matthias Küntzel, früher wissenschaftlicher Mitarbeiter der grünen Bundestagsfraktion.

Küntzel, Wertmüller und Elsässer sind heute vom linken Mainstream so weit entfernt wie der TSV 1860 München von der Tabellenführung der Bundesliga. Wertmüller verteidigte nicht nur den serbischen Staatschef Slobodan Milošević – in einem eher wirren Beitrag für die Jungle World verbot er deutschen Autonomen, Milošević einen Faschisten zu nennen, nicht zuletzt wegen des »österreichisch-deutschen Rambouillets im Jahr 1914«, sondern forderte in einem Vortrag 2010 auch dazu auf, den nicht minder umstrittenen Immigrationsskeptiker Thilo Sarrazin differenziert zu sehen. Heute sieht er sich selbst als »ideologiekritisch«. Das liegt irgendwo zwischen Marx und Engels, mit einem Schuss Feuerbach und einer Prise Weber auf einer Lage Hegel und mit Adorno und Habermas garniert, ist also ziemlich deutsch.

Elsässer, der wie Wertmüller aus der Ecke von Jungle World, Neues Deutschland und Konkret kommt, überwarf sich mit Gremliza über den Irakkrieg. Danach etablierte er sich als Verteidiger des »werktätigen Volks« (mit dem Antideutsche sonst eher nichts am Hut haben) und gründete im Januar 2009 eine »Volksfront gegen das Finanzkapital«. Diese sei, erklärte Elsässer der taz, von »Lafontaine bis Gauweiler« für all jene offen, die »eine große Offensive« gegen den »bewussten Angriff des anglo-amerikanischen Finanzkapitals« starten wollen. Die Zeit nannte ihn »Kreml-Propagandisten«. Für die amerikanische Zeitschrift The Atlantic allerdings war die Karriere vom Neues-Deutschland-Autor zum Putinfreund nur logisch. »Er ist ein Apparatschik, dessen Loyalität wahrscheinlich immer bei Moskau lag«, schreibt Mike Lofgren, ein früherer Mitarbeiter des US-Kongresses. Hingegen verbitten sich die bei der Fahne gebliebenen Antideutschen nicht nur Kritik an Amerika, sondern auch an US-Banken, da dies grundsätzlich antisemitisch sei. Ist es nicht eher antisemitisch, Kritik an der Wall Street mit dem Hinweis abzubürsten, bei Wall Street denke jeder an Juden? Denn damit unterstellen die Großkapital-Verteidiger ja erst, die Wall Street sei jüdisch kontrolliert.

Auch Blogs wie das von Stefan Laurin herausgegebene Ruhrbarone, Lisas Welt oder Salonkolumnisten liegen am Kreuzweg von antideutsch und pro-israelisch – in der letzten Krise um Gaza, im Mai 2021, boten die Ruhrbarone Arye Sharuz Shalicar als Kriegserklärer auf, der ehemalige Sprecher der israelischen Armee. Bei Missy Magazine dürfen hingegen antideutsche Frauen schreiben. Einige Autoren der Jungle World waren zu DDR-Zeiten eigentlich bloß antiwestdeutsch, weshalb es wirklich tragisch ist, dass sie nun mit den Anti-Ostdeutschen in einem Boot sind.

Auch bei etablierten Medien gibt es Antideutsche, etwa Patrick Gensing, ein früherer Punk, der bei der Tagesschau Faktencheck macht. Gensing lehnt den »Fetisch um die Heimat« ab, soweit es sich um deutsche Heimat handelt. Heimat, schreibt er in der taz, sei kein Ort, sondern allenfalls ein diffuses Gefühl. Menschen sollten aber keine diffusen Gefühle benötigen, um sich notdürftig eine Identität zu konstruieren. Und Heimat sei ein sehr deutsches Konzept, das Wort gebe es anderswo gar nicht. Die Haltung von Gensing ist typisch für die antideutsche Linke, aber totaler Blödsinn: Deutschland ist, im Gegenteil, das einzige Land auf der ganzen Welt, wo Linke mit ihrer Heimat fremdeln.

Der Journalist inszeniert sich in der taz als Kosmopolit, der glaubt, der Heimatbegriff fördere Fremdenfeindlichkeit und sei ein »Einfallstor für Antisemitismus«. Auch hier wieder diese merkwürdige Umkehrlogik: Nicht nur überlässt Gensing den Begriff der Rechten, er unterstellt damit deutschen Juden, aber auch Einwanderern, dass die Deutschland nicht als Heimat sehen könnten oder dürfen. Und was oberflächlich danach aussieht, als befürworte er offene Grenzen, funktionierte auch andersherum: Wenn es keine Wurzeln gibt und keine Grenzen, was spräche dagegen, Zuwanderer nach Gusto auch wieder abzuschieben? Welchen Sinn hätte in einer wurzel- und identitätslosen Welt eine Antikolonialbewegung? Dann könnten Deutsche auch in Südwestafrika siedeln oder in Schlesien. Schließlich sind Kosmopoliten überall in der Welt zu Hause.

Und wenn Heimat insignifikant und auswechselbar ist, aus welchem Grund kämpfen dann Mieter gegen Gentrifizierung? Die können doch einfach wegziehen und Platz für die gutverdienende Intellektuellen-Elite machen, der Gensing angehört. Das Schrägste aber ist, dass Leute wie Gensing wahrhaftig glauben, sie seien links, weltoffen oder progressiv. Tatsächlich spiegelt diese Utopie der identitäts- und heimatfreien Kosmopoliten lediglich die neoliberale Überheblichkeit der Generation Vielflieger-Kreditkarte wider.

Bekannt wurde Gensing durch sein Blog Publikative.org, in dem er sich geriert wie der Statthalter des verblichenen CIA-Chefs Allen W. Dulles und das inzwischen vollständig aus dem Netz geschrubbt wurde. Darin wettert er gegen rechte Kapitalismuskritik, die sich gegen das »ortlose Finanzkapital« wende, gegen die Mahnwachen für den Frieden am Brandenburger Tor und wirft der Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht Querfront-Tendenzen vor. Er wendet sich auch gegen deutsche Kritik an der NSA-Überwachung, obwohl die ja von Amerikanern wie Edward Snowden und Glenn Greenwald angestoßen wurde. Im Deutschlandfunk spricht er von »Hysterie« und einer »opferlosen Debatte«, die »antiamerikanische Verschwörungslegenden« produziere. Dass die USA ihre Interessen »durchboxen« würde, sei ein »Ressentiment«, das »Linke, Konservative und Rechtsradikale« vereine. Natürlich vereint dies auch Liberale, Sozialdemokraten, Grüne und sogar US-Amerikaner: Die politische Richtung, die glaubt, Amerika setze seine Interessen um, indem es »bitte, bitte« sage, muss erst noch erfunden werden.

Gensings Blog verlinkte auf den Sänger Danger Dan von der Band Antilopen Gang, der in Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt gratismutig gegen altneue Rechte wie Jürgen Elsässer, Götz Kubitschek und Alexander Gauland ansingt, um »die Welt von den Faschisten zu befreien«. In einem älteren Liedchen schwurbelt Danger von einer Atombombe, die 80 Millionen Deutsche auslöschen soll, aber das meint er irgendwie ironisch, und nicht faschistisch.

Gensing ist nicht der einzige antideutsche Faktchecker. Bei Correctiv arbeitet David Schraven, der das antideutsche Blog Ruhrbarone mitgegründet hat. Correctiv betreibt sogenannten Faktencheck für Facebook. Faktenchecken tun die Antideutschen am liebsten, das verleiht ihnen Autorität. Correctiv macht es sich zur Herzensaufgabe, antideutsche Zitate, die prominenten Grünen und Linken zugeordnet werden, als fake zu entlarven, ein hoffnungsvolles Zeichen, dass das inzwischen karriereschädigend ist. Als Claudia Roth in einer Demo mitlief, die von dem Plakat »Deutschland, du mieses Stück Scheiße« angeführt wurde, wies Correktiv minutiös nach, dass Roth das Plakat vielleicht irgendwie doch nicht gesehen haben muss.

Warum wird ein Deutscher überhaupt antideutsch? Selbst der linkste, Trump- wie Clinton hassende Amerikaner, Black-Lives-Matter-Aktivist oder indianische Pipeline-Bekämpfer würde nicht auf die Idee kommen, sich vor ein Foto des rauchenden World Trade Center zu photoshoppen, mit einem Schild, auf dem steht: »Osama bin Laden, do it again!« So wie Antisemitismus nichts damit zu tun hat, was Juden tun, sind auch die Beweggründe der Antideutschen nicht darin zu finden, was Deutsche tun. Sie sind in der Psyche der Antideutschen verankert, die Deutschland dämonisieren, als Staat delegitimieren und einem doppelten Standard unterwerfen. Sonst würden sie ja Länder bekämpfen, die tatsächlich rechtsautoritär sind, von der Türkei über Ungarn bis zu Nordkorea.

Im Grunde sind Antideutsche spätgeborene, überkompensierende Widerständler gegen die Nazis. Sie glauben, durch die öffentliche Zurschaustellung ihrer antideutschen Haltung in den Augen der Welt von der Erbsünde Auschwitz ausgenommen zu sein, so wie sich kleine Kinder die Hand vor die Augen halten, weil sie glauben, damit werde es dunkel. Und natürlich hätten sie alle unter den Nazis ihr Leben im Widerstand riskiert, so wie sie auch heute tapfer auf Social Media Nazis bekämpfen. Parallel dazu leben sie in der Fantasie, dass sie keine Opfer mehr sind, sondern Sieger, wenn sie sich mit Bomber Harris identifizieren, und das gänzlich ohne eigene Anstrengung und unter Beibehaltung der Moralflagge.

Auch Hitler, der Österreicher, wurde kurz vor seinem Lebensende ziemlich antideutsch. In seinem Testament sagte er (zitiert von dem britischen Wissenschaftler Ian Kershaw): »Wenn der Krieg verloren geht, wird auch das Volk verloren sein. Es ist nicht notwendig, auf die Grundlagen, die das deutsche Volk zu seinem primitivsten Weiterleben braucht, Rücksicht zu nehmen.« Und: »Wenn das deutsche Volk einmal nicht mehr stark und opferbereit genug ist, sein Blut für seine Existenz einzusetzen, so soll es vergehen und von einer anderen, stärkeren Macht vernichtet werden.« Ganz ähnlich dachte auch Kaiser Wilhelm, der empört sagte: »Das deutsche Volk ist eine Schweinebande«, als ihn die Nazis nicht aus dem holländischen Exil holten.

Wie Kaiser Wilhelm können die Antideutschen austeilen, aber nicht einstecken. Sie schneiden nächtens das Gold aus gekaperten schwarz-rot-goldenen Fahnen (oder, wie Joseph Goebbels die Flagge nannte, schwarz-rot-senf) und fordern, Chemnitz mit Napalm zu bombardieren, weil dort angeblich so viele Nazis herumlaufen. Sie halten es aber für Hate Speech, wenn sie ein Pöstchen beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk verlieren. Sie wollen – wie Denis Yücel in der taz – Deutschland zwischen Frankreich und Polen aufteilen, verlangen aber, dass die deutsche Bundesregierung sie herausholt, wenn sie in der Türkei festsitzen.

Sie fragen – wie die Linke-Politikerin Sarah Rambatz – auf Facebook nach »antideutsche Filmempfehlungen? & grundsätzlich alles, wo Deutsche sterben«. Wenn sie daraufhin aber Hassmails und Todesdrohungen bekommen, rennen sie zur Polizei, weil sie selbst doch nicht so gerne sterben wollen. Dem Spiegel erzählte Rambatz zu ihrer Verteidigung, sie habe jüdische Freunde. Haben die Juden noch nicht genug gelitten? Immerhin ergatterte sie einen Posten beim Jungen Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, wo sie fortan die israelische Besatzungspolitik verteidigte. Ob sie heute auch Filme sucht, in denen Araber sterben?

Wie einst bei den marxistischen Gruppen, stellt sich bei den Antideutschen die Frage: Kann so ein wirrer Haufen von psychologisch beschädigten Politaktivisten überhaupt Einfluss haben? Leider mehr, als man denkt. Denn die bestenfalls links in der Wolle gefärbten Antideutschen bilden nur die Speerspitze einer Grundhaltung, die Linke, vermeintliche Linke, Liberale, Grüne, Autonome, Jusos, Immigrationsaktivisten, Klimabewegte, Merkel-Verehrer und Woke vereint. Bei vielen von denen sind antideutsche Positionen hoffähig oder zumindest plappern sie diese denkbefreit nach. So brachte es die WDR- und Zeit-Journalistin Sophie Passmann 2019 fertig – ausgerechnet am Jahrestag des Anschlags auf den Berliner Weihnachtsmarkt, als zwölf Menschen ermordet wurden – zu twittern, »Vielleicht haben Leute, die es für weihnachtlich halten, in Menschenmengen auf Märkten gebrannte Mandeln zu fressen, auch einfach verdient, von anderen Kulturen verdrängt zu werden«. Eines der Opfer des Anschlags war Israeli; also, so weit her ist es mit der Israelliebe dann doch nicht immer.

Ein Merkmal der Antideutschen ist deren offene Verachtung des prolligen deutschen Arbeiters. Stellvertretend für alle unbekannten Möchtegern-Antideutschen lassen wir hier Adrian Schulz zu Wort kommen, taz-Kolumnist unter der Oberzeile »Jung und Dumm«, der sich darüber mopst, dass VW die Currywurst aus der Betriebskantine verbannen will. »Am liebsten stecken die Deutschen Fleisch in Fleisch. Dann erhitzen sie beides, bis man nur noch reinpiksen muss, damit das warme Fett herausläuft. Diesen erhabenen Strom stumm zu bewundern ist Balsam für die Seele und den Volkskörper, ihn zu spüren und zu schmecken, nachdem man das Fleischstück in den offenen Mund geschoben hat, und der Sabber, so, wie die Deutschen das schätzen, seine Arbeit macht.« (Satzbau der des Autors). Man versteht, warum Hitler Vegetarier war. Jedenfalls, beim Lesen dieser Zeilen erscheint vor dem inneren Auge spontan ein pickeliges Bourgeois-Bürschlein mit Monokel und gegelten Haaren, das noch nie frühmorgens aufgestanden ist und in einer Fabrik gearbeitet hat.

Aber auch der politische Gegenpol der Antideutschen ist antideutsch. Denn das sind nicht etwa die AfD oder die NPD, sondern die Anti-Imps; Antiimperialisten, die sich als links identifizieren (und, ganz ehrlich, mit mehr Recht als die Antideutschen). Wie die Antideutschen waren viele der linksfühlenden Deutschland-Schlechtfinder früher Pol-Pot-Anhänger oder Idi-Amin-Verehrer. Das überkompensieren sie heute damit, dass sie hinter jedem Busch einen Nazi wittern, wobei die Nazis bereits mit Boris Palmer, Sahra Wagenknecht und Dieter Nuhr anfangen. Lieber nicht mit einem echten Nazi anlegen, das könnte gefährlich werden. So bahnen sie sich mit der Nazikeule den Weg durch die Feuilletons und Twitterfeeds, nach der alten Wiglaf-Droste-Devise, »Wer zuerst Auschwitz schreit, hat gewonnen«. Denn die Verschwörungstheorie, an die sie glauben, ist die stets um die Ecke dräuende Refaschisierung Deutschlands.

Auch ihr Motto ist: Immer radikal, niemals konsequent. Viele von ihnen sind wie der Onkel, der früher bei einem Joint Bourbon gesoffen hat und heute predigt, wie ungesund Kaffee ist. Sie misstrauen dem reaktionär-autoritären deutschen Staat, rufen aber die Polizei, wenn die Nachbarn in Corona-Zeiten eine Party mit mehr als sechs Gästen feiern. Sie haben Schweißausbrüche, wenn sie eine deutsche Fahne sehen, haben aber mit dem türkischen Halbmond kein Problem, der für ein Land mit wesentlich aggressiverem Nationalismus steht. Sie haben sich in den neunziger Jahren für progressiv gehalten, als sie zu Christoph Schlingensiefs Kunstaktion »Tötet Helmut Kohl« applaudierten, heute halten sie jeden für einen Nazi, der ruft: »Merkel muss weg.« Sie scheuchen der Weltrevolution nach wie Wiley E. Coyote dem Roadrunner. Sie leben in dem Wahn, sie seien tapfere Widerstandskämpfer, während sie im Ausland als peinliche, rechthaberische Krauts gelten. Es ist diese dummschwatzende Klasse, die den Resonanzboden der Antideutschen bildet.

Während die Antideutschen mit der RAF als Royal Air Force sympathisieren, denken die Anti-Imps bei RAF an Rote Armee Fraktion. Die Anti-Imps sind von der schrägen Vorstellung besessen, dass Deutschland im weltweiten Vergleich besonders ungleich oder unsozial sei. Hingegen sind die Antideutschen, soweit sie nicht ins rechtspopulistische Lager abgewandert sind, pro-kapitalistisch mit einem Schlag ins Neoliberale. Die Antideutschen als ethno-zentriertes, wenngleich seitenverkehrtes Spiegelbild der Nazis unterscheiden säuberlich zwischen Biodeutschen, Deutschen mit russischem Migrationshintergrund, Passdeutschen mit Wurzeln im Ölland, deutschen Juden, Deutsch-Amerikanern und Österreichern. Die Anti-Imps sehen die Welt als Kampf zwischen Unterdrückten und Unterdrückern, Arbeiterklasse und Ausbeuterklasse, wo die Unterdrückten quer durch die Völker zusammenstehen (idealerweise). Sie stehen den Kommunisten nahe, sind aber meist zu unorganisiert und zu arbeitsscheu, um welche zu sein. Sie sind auch gegenüber Immigration aufgeschlossener als die Antideutschen, in der irrigen Annahme, Immigranten seien automatisch links oder wenigstens nicht deutsch.

Dass sich diese beiden Flügel der extremeren Linken gespalten haben, liegt an Amerika. Das Schisma begann im Ersten Golfkrieg unter Poppy Bush, wo die einen kein Blut für Öl opfern wollten, die anderen aber durchaus den Großen Satan unterstützen. Da der Streit letztlich eine Reaktion auf die amerikanischen Kriege ist, scheiden sich die linken und die rechten Antideutschen besonders am Verhältnis zu Israel und Amerika. Die Linken sind gegen Amerika als Hochburg des militärisch-industriellen Komplexes und gegen Israel als neue Kolonialmacht. Sie solidarisieren sich mit unterdrückten People of Color, zu denen sie die Palästinenser zählen, nicht aber die Israelis, und betrachten sich als Arm der »Critical Whiteness«, was eigentlich nur in den USA Sinn macht, dem Land, das aus ethnischen Grabenkriegen entstanden ist. Sie sind antikolonialistisch, während die Antideutschen sich für die besseren Israelis halten und es mit Besorgnis und Befremden sehen, dass dunkelhäutige, barfüßige Urwaldbewohner ihre Leidensgeschichte für genauso wichtig erachten wie die der gebildeten europäischen Juden.

Den Zionismus haben die Antideutschen mit dem (schmalen) pro-israelischen Flügel der AfD und anderen Rechtspopulisten in Europa gemeinsam, mehr aber noch mit den Evangelikalen in den USA. Die verehren Israel, denn sie glauben, dass dort, am Ende aller Tage, an Armageddon, der Antichrist erscheint, das Wasser zu Blut wird, Hitze das Land zerstört und in Dunkelheit, Hagel und Erdbeben die Seelen der guten Christen gen Himmel steigen, während die Atheisten, Katholiken, Muslime, Juden, Buddhisten, Hindus und Jünger der Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters der ewigen Verderbnis anheimfallen.

Ursprünglich pro Immigration, sind die meisten Antideutschen aus Solidarität mit Israel ins Lager der Anti-Araber gewechselt. Sie bekämpfen sogar linke Israelis, die ihnen nicht israelfreundlich genug sind. Für die Antideutschen ist Israel (und das gänzlich ohne Zutun der Israelis) die innere Heimat, die blut-und-bodenmäßig bis in die Zeit zurück zu Moses und König David geht und die sie sich in Deutschland nie zu finden getrauten. Aber während sich die Liebe zu Israel noch aus der Nazivergangenheit ihrer Väter und Mütter und der Überkompensation der daraus resultierenden Schuldgefühle erklären lässt, ist ihre Freundschaft zu den noch wesentlich nationalistischeren USA schwerer verständlich.

Nun ist es in Deutschland nicht ungewöhnlich, Amerika zu lieben. Deutsche Touristen finden sich überall in den USA, von Manhattan bis Roswell, von Rapid City bis Fisherman’s Wharf. Viele Deutsche lieben Country oder Jazz, Blues oder Bluegrass, Steaks oder Hamburger, den Grand Canyon, den Yellowstone Park, Miami Beach, den Hollywood Boulevard, die Partymeilen von Memphis, Nashville und New Orleans. Und sie mögen auch die Amerikaner, die um mehrere Größenklassen freundlicher und höflicher sind als Deutsche (und erst recht Antideutsche). Die Antideutschen aber lieben die neokonservativen Think Tanks und die US-Militärmaschinerie. Wie merkwürdig ist das eigentlich?

Mohamed Amjahid beschreibt im Zeit-Magazin die irritierende Amerika- und Israelliebe der antideutschen Fieselschweif-Jugend: »Auf Snapchat und in geheimen Facebook-Gruppen präsentieren sich Hunderte junge Menschen mit bunt gefärbten Haaren, Davidstern-Tattoos oder Piercings im Gesicht. Sie kauen genüsslich auf labbrigen Burgern und formen mit dünnen Fritten das Victoryzeichen. Einer zeigt auf Facebook stolz sein Kinderzimmer, mit Israel- und USA-Flaggen tapeziert. Nachts deckt sich dieser Antideutsche mit einer großen USA-Fahne zu. Wenn er die Nachttischlampe anknipst, strahlen blaue Davidsterne an der Decke. Antideutschen gefallen die neokonservativen bis rechten Thesen von Autoren wie Matthias Matussek, Henryk M. Broder oder Hamed Abdel-Samad. Thilo Sarrazin finden einige ›nicht so schlimm‹. Im Sommer tragen sie Sonnenbrillen mit Stars and Stripes. Regelmäßig organisieren sie Solidaritäts-Ausflüge nach Tel Aviv. Dort essen sie ›koschere Chicken-Nuggets‹ bei McDonald’s.« (Übrigens haben entweder Amjahid oder die Antideutschen eine eher unpräzise Idee davon, was koscher bedeutet; Restaurants sind koscher; Huhn gibt es nicht in den Varianten koscher und traif.)

Die historische Geburtsstunde der Antideutschen war der 25. April 1945. Das ist der Elbe Day