Little Big City Fataler Fall - Katja Kleiber - E-Book

Little Big City Fataler Fall E-Book

Katja Kleiber

0,0
4,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ein skrupelloser Vermieter, eine tote Pflegerin – und eine Detektivin, die nicht locker lässt. Privatdetektivin Sandy beschützt Oma Helga. Denn Helga ist die letzte Mieterin in einem Frankfurter Altbau und will nicht weichen. Der Vermieter setzt auf Terror: nächtlicher Baulärm, Stromausfälle, „kaputte“ Heizungen. Dann liegt Helgas Pflegerin tot am Fuß der Kellertreppe: ein Unfall? Sandy entdeckt vertauschte Medikamente, ein verschwundenes Handy und Hinweise auf weitere Verbrechen. Ihr wird klar: Hier geht es nicht nur um Wohnungen, sondern um Schweigegeld, Schuld und Mord. Und plötzlich steht auch sie im Visier derer, die nichts zu verlieren haben. Ein gesellschaftskritischer Krimi über skrupellose Bauherren, systematische Entmietung - und eine alte Frau, die sich nicht vertreiben lässt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



LITTLE BIG CITY FATALER FALL

SANDY ERMITTELT BAND 5 EIN FRANKFURT-KRIMI

KATJA KLEIBER

INHALT

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Danksagung

Leseprobe Little Big City Fatale Fracht

Über die Autorin

Bücher von Katja Kleiber

Copyright © 2025 by Katja Kleiber

c/o Impressumsservice Kathrin Mothes

Geschwister-Scholl-Str. 31

06869 Coswig (Anhalt)

www.katja-kleiber.de

Coverdesign: Bookbrush, unter Verwendung eines Fotos von Motiv von James Sullivan/unplash.

Dieses Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Formatiert mit Vellum

KAPITEL1

Klos und Duschtassen zu bewachen, war eine der dämlichsten Tätigkeiten der Welt. Als Hostess hatten sie mich auf der Internationalen Sanitär- und Heizungsmesse nicht haben wollen, angeblich fehlte mir das „gepflegte Erscheinungsbild“. Zur Vorstellung bei der auch als „Interklo“ bekannten Messe hatten die anderen Bewerberinnen Röckchen und turmhohe Highheels getragen.

Ich war wie immer in schwarzen Jeans, einem Karohemd aus dem Baumarkt und ausgetretenen Sneakers erschienen. Meine Haare hatte ich nach einem Färbeunfall raspelkurz geschnitten und getönt, doch das Schwarz wuchs langsam heraus, so dass am Scheitel das natürliche Mausbraun erschien. Dieses Erscheinungsbild galt als nicht tageslichttauglich. Man hatte mir statt des Jobs als Hostess Arbeit bei einem Security-Unternehmen angeboten, das für die Frankfurter Messe tätig war. In Nachtschicht.

Nun drehte ich meine Runden zwischen Badporzellan und Whirlpools. Die klaute niemand, aber an fast jedem Stand gab es einen Laptop, Tablet oder gar einen Flachbildschirm, auf dem die neuesten Modelle der Sanitärbranche vorgeführt wurden. Wir waren von der Security ermahnt worden, besonders auf die kleinen Tablets zu achten.

Es war weit nach Mitternacht, meine Polyester-Uniform kratzte und die Füße taten mir weh. Dabei brauchte ich das Geld von diesem Job unbedingt. Mein Konto war bis zum Anschlag überzogen.

Bei Partys fiel es mir nicht schwer, bis zum Morgengrauen zu feiern, aber jetzt war ich schrecklich müde, wahrscheinlich wegen der abgestandenen Luft in der Messehalle. Zum Glück war ich nicht allein.

„Komm, wir setzen uns eine Weile hin“, sagte ich zu Melina, mit der ich meine Runden drehte. Sie war zwei Köpfe größer als ich und dreimal so breit. Auch keine Idealmaße, so dass sie ebenfalls nicht als Messehostess in Frage kam, wohl aber für die nächtliche Securitytätigkeit. Sie hatte braune Locken, die fröhlich um ihr rundes Gesicht tanzten. Sie war mir gleich sympathisch, weil sie genauso wenig Ehrgeiz zeigte wie ich.

Wir waren uns einig, dass es sinnlos war, leere Messehallen zu bewachen. Es war noch ein Dutzend weitere Leute eingestellt worden, die fleißig ihre Runden drehten. Melina und ich gönnten uns eine Pause.

Wir lehnten uns mit dem Rücken an die Wand. Auch unbequem. Schließlich setzten wir uns einfach auf den Boden. Melina kramte aus ihrer Hosentasche zwei Hustenbonbons hervor, von denen sie mir einen anbot. Aus lauter Langeweile nahm ich ihn an, obwohl mir der Mentholgeschmack nicht gefiel.

„Ich studiere Gender studies.“

Als sie merkte, dass ich sie verständnislos anschaute, erklärte sie: „Es geht um die Bedeutung und Auswirkungen der Dimension Geschlecht in Gesellschaft, Kultur und Bildung. Also, wie es zu Ungleichheiten kommt.“

Das würde Freya gefallen. Mir schien es komplex und anstrengend. Bevor ich was dazu sagen musste, fragte Melina: „Und was machst du so?“

„Ich bin Privatdetektivin.“ Allerdings hatte ich derzeit keine Klienten, sonst müsste ich nicht diesen Blödjob machen. Die Großdetektei Meier hatte auch schon lange keine Aufträge mehr rüberwachsen lassen. Lag wahrscheinlich an meiner letzten Rechnung. Meier hatte bemerkt, dass ich mehr Observationsstunden abgerechnet hatte als im Beobachtungsprotokoll standen. Echt nur ein paar, aber er hatte einen Riesenaufstand gemacht. Dabei zahlte er Stundensätze, von denen ich nicht leben konnte. Daher fand ich nichts dabei, die Rechnung ein wenig zu hübschen. Nun war ich damit auf die Nase gefallen und musste Wachdienst bei der Messe schieben. Nachts.

„Oh, wow.“ Melina war beeindruckt. „Du klärst Morde auf?

„Meistens geht es eher darum, Leute zu observieren oder Alibis zu überprüfen.“ Ich hatte auch schon Mörder überführt, wollte aber nicht protzen. Außerdem zog das runter, über Hass und Leichen zu sprechen.

Eine Weile lutschten wir schweigend die Mentholbonbons. Die Luft in der Messehalle war stickig. Neonröhren tickten.

„Ich hätte einen Job für dich“, sagte Melina zögernd. „Meine Oma Helga, die hat ein Problem.“

Altenpflege? Konnte auch nicht schlimmer sein als nachts in der Frankfurter Messe Klos zu bewachen, die keiner stehlen wollte.

Doch Melina sprach schon weiter. „Sie wohnt in einem Altbau, da häufen sich seltsame Zwischenfälle. Mal fällt der Strom aus, mal ist das Wasser abgestellt. Solche Sachen.“

„Altbau halt.“ Ich hatte in besetzten Häusern gewohnt, in denen Regen durchs Dach tropfte, der Keller schimmelte und ähnliches.

„Nein, daran liegt es nicht. Der Vermieter macht ihr das Leben schwer. Ich glaube, sie soll herausgewohnt werden.“

„Herausgewohnt?“

„Sie zahlt eine sehr geringe Miete, weil sie schon seit Jahrzehnten dort lebt. Außerdem ist sie die letzte Bewohnerin im Haus, alle anderen haben eine Abfindung angenommen und sind ausgezogen. Sie ist aber schon sechsundachtzig, da will sie nicht mehr umziehen.“

„Das kann ich verstehen.“ Ich hasste Umzüge. Bald stand mir wieder einer bevor, denn ich hatte eine Eigenbedarfsklage am Hals.

„Der Vermieter will auch noch Helga rausdrängen, das Haus renovieren und in Eigentumswohnungen unterteilen. Die verkauft er dann für viel Geld.“

„Was für ein Schwein!“ Mein nächster Auftrag war in Sicht. Falls Oma Helga mein Honorar aufbringen konnte.

In dem Moment kamen zwei Typen vom Format Schrank in die Halle. Sie trugen schwarze Uniformen. Sofort hatten sie uns entdeckt und waren schneller bei uns, als wir uns aufrappeln konnten.

„Ihr werdet nicht fürs Rumsitzen bezahlt.“

Beide hatten kahl rasierte Schädel und Stiernacken. Sie unterschieden sich kaum voneinander, einer hatte jedoch ein Tattoo am Hals. Die Uniformen waren an der Brust mit einem Logo bestickt.

Ich erkannte es wieder, das Logo war auch auf meinem T-Shirt. Es war von der Securityfirma, die uns eingestellt hatte.

„Wie heißt ihr?“, bellte der mit dem Tattoo.

Wir nannten unsere Namen, was blieb uns anderes übrig.

„Kommt morgen im Büro vorbei, ihr werdet ausgezahlt.“

KAPITEL2

Oma Helga hatte einen Kaffee für uns zubereitet, der seinen Namen nicht verdiente. Ich konnte bis auf den Grund der Tasse sehen, obwohl ich noch keinen Schluck getrunken hatte. Nun gut, vielleicht ging es als Heilwasser durch.

„Und dann ist der Strom wieder ausgefallen“, erzählte Helga. Sie sprach etwas umständlich und wiederholte Sachen, aber insgesamt war klar, worauf die Geschichte hinauslief: Sie sollte hier raus.

Ich sah mich um. Die Küche war nicht riesig, aber geräumig. In der Mitte stand ein Tisch, an dem wir jetzt saßen: Oma Helga, ihre Enkelin Melina und ich. Eine Pflegerin huschte durch die Wohnung. „Das ist Elena aus Polen, die hilft mir“, hatte Helga sie vorgestellt. „Ihre Wohnung wurde gekündigt, darum wohnt sie jetzt erstmal bei mir.“

Elena nickte uns scheu zu.

Ich schätzte sie auf etwa zehn Jahre jünger als mich, also Mitte zwanzig. Sie war groß, hatte ihr langes Haar in der Mitte gescheitelt und zu Zöpfen geflochten, die ihr bis auf die Brust hingen.

„Elena, setz dich zu uns.“

„Gleich komme.“ Sie bewegte sich rasch und effizient. Sie öffnete den Backofen und zog ein Backblech heraus, auf dem wohlgeformte Kekse in Reih und Glied lagen. Sofort duftete die ganze Küche nach Gebäck. Sie legte die Kekse auf einen großen Teller und stellte ihn in die Mitte des Tisches.

Ich konnte nicht anders und griff sofort zu, wodurch ich mir fast die Finger verbrannte. Die Dinger waren noch heiß. Ich pustete. Mit den Keksen war auch der Kaffee genießbar.

Er schmeckte, wie er aussah. Eher wie Tee mit Kaffeearoma. Aber ich war nicht wegen des Blümchenkaffees hier. Tatsächlich konnte man bis auf den Boden der Tasse sehen, obwohl sie voll war.

Eine Bewegung hinter dem Fenster lenkte mich ab. Es war geschlossen, aber unmittelbar davor verlief eines der Gerüstbretter, auf dem ein Arbeiter in Blaumann hockte. Als er hochblickte, nickte ich ihm zu. Er schnitt eine Grimasse und schaute wieder weg.

„Wie lange ist das Gerüst schon hier?“, fragte ich.

„Also, mindestens schon seit drei Monaten. Melina, als du Geburtstag hattest, war es gerade aufgebaut, oder?“

Melina nickte.

„Wofür wird es überhaupt gebraucht?“ Es liefen zwar ein paar Arbeiter rum, aber was sie genau taten, war mir unklar.

„Arbeiten an der Fassade“, meinte Oma Helga.

„Die machen doch nichts“, warf Melina ein. „Weder haben sie Putz abgeschlagen noch neu gestrichen.“

„Das mit dem Gerüst ist wahrscheinlich nur ein weiterer Versuch, euch rauszuwohnen. Wie viele Mieter gibt es sonst noch? Könnt ihr euch zusammenschließen?“

„Ich bin die letzte, Kind“, sagte Helga. Sie schaute traurig in ihre Tasse. „Die anderen haben aufgegeben. Kann ich ihnen nicht verdenken, der Vermieter hat Abfindungen bezahlt. Die konnte manch einer brauchen.“

„Und wenn du …“, setzte Melina an.

„Ich habe über vierzig Jahre mit meinem Herbert hier gewohnt, Gott hab ihn selig.“ Helga schaute ihre Enkelin streng an. „Wenn ich ausziehe, dann nur mit den Füßen voran!“

Melina hatte mir erzählt, wie viel oder besser gesagt wie wenig Oma Helga an Miete zahlte. In den vergangenen Jahren waren die Mieten in Bockenheim wie in ganz Frankfurt in astronomische Höhen geschossen. Helga zahlte sensationell wenig. Gut, meine Bude im Dachgeschoß in der Basaltstraße kostete noch weniger. Aber das war nur ein einziges Zimmer mit Bad. Helga hatte drei Zimmer, Küche und Bad.

Beim Gedanken an meine Wohnung wurde mir übel, denn auch ich hatte eine Kündigung bekommen. Der Vermieter hatte Eigenbedarf für seinen Enkel angemeldet. „Kann man nicht viel machen“, hatte meine Freundin Freya von Buckow verkündet. Und wenn sie das sagte, stimmte es, denn die Rechtsanwältin warf sich sofort in den Kampf, wenn auch nur die kleinste Chance auf einen Sieg bestand. Das hatte ihr den Spitznamen „Pitbull“ eingetragen. Sie ließ einfach nicht locker. Hier aber sah sie keine Aussicht auf einen Erfolg. Pro forma hatte sie einen Brief an den Vermieter geschrieben, aber der Einspruch war sofort zurückgewiesen worden. Ich musste bis Ende November ausziehen, was ich erstmal verdrängte.

Oma Helga stemmte sich vom Stuhl hoch. „Es fehlt Zucker.“

Elena sprang auf. „Bleib doch sitzen, ich hole.“ Sie öffnete einen der Schränke, nahm eine Packung Zucker heraus und füllte die Dose auf dem Tisch wieder auf.

„Danke Elena.“ Helga lächelte sie warm an. „Nimm dir eine Auszeit, ich habe ja Gesellschaft.“

Elena nickte und verschwand ins Wohnzimmer, wo sie sich aufs Sofa setzte. Durch die offene Tür konnte ich sehen, dass sie auf ihrem Handy herumtippte, das in einer kitschigen rosa Hülle steckte. War vielleicht polnischer Geschmack, ging mich nichts an. Ich hatte ohnehin keine Ahnung von Mode. Wenn die Klamotten schwarz waren, stimmten sie für mich.

Ich aß noch mehr von den leckeren Keksen. Wann bekam man schon mal sowas Gutes? Backen gehörte bestimmt nicht zu den vertraglich vereinbarten Pflichten von Elena, offenbar revanchierte sie sich, weil sie bei Helga wohnen durfte.

Diese erzählte einige Anekdoten, wobei sie sich öfter unterbrach, um unterdrückt zu stöhnen. Ihr Rücken machte offensichtlich Probleme. Dann kam sie geradewegs auf ihr Anliegen zu sprechen. „Von mir aus können sie das Haus umbauen, aber ich will drinbleiben. Diesen Terror lasse ich mir nicht gefallen.“ Dann wandte sie sich direkt an mich. „Würdest du mir helfen?“

Ich nickte. „Ich würde regelmäßig kommen, den Zustand des Hauses und der Bauarbeiten protokollieren. Ich mache Fotos, daraus stellen wir ein Dossier zusammen, das beweist, dass es hier um Entmietung geht.“ Ich nannte ein Honorar, von dem ich annahm, dass Helga es bezahlen konnte. Nach dem Rausschmiss bei der Messe konnte ich jeden Job gebrauchen. Und dieser schien mir schnell erledigt.

Helga stimmte ohne Zögern zu. „Ich fände es toll, wenn ich nicht alleine gegen den Vermieter stehen würde.“

Melina griff nach ihrer Hand und drückte sie. „Du bist nie alleine.“

„Du weißt, was ich meine.“ Helga tätschelte mit ihrer braunfleckigen, dünnen Hand Melinas Arm. „Du studierst, du jobbst, da musst du dich nicht auch noch um meine Probleme kümmern.“

„Aber …“

Helga unterbrach sie resolut und schilderte, dass die Probleme begonnen hatten, als der vorherige Vermieter verstorben war. Seine Erben hatten das Haus an ein Unternehmen verkauft. „Als ich mich weigerte, einer Abfindung zuzustimmen und auszuziehen, fing dieser Terror an.“

Wie aufs Stichwort donnerte ein ohrenbetäubender Lärm los.

Ich schrak zusammen.

„Jetzt fangen sie wieder mit den Presslufthämmern an“, rief Oma Helga. Sie griff sich mit beiden Händen an die Ohren als ob sie sich diese zuhalten wollte. Aber sie nahm die Hände wieder runter und zeigte sie stolz vor: auf jeder Handfläche lag ein beiges, daumenlanges Gerät. Dann grinste sie: „Sie wissen nicht, dass ich Hörgeräte habe. Die nehme ich einfach raus, wenn es zu laut wird.“

KAPITEL3

Ich stiefelte die ausgetretenen Stufen zu meiner Wohnung in der Basaltstraße hoch. Auch hier wäre bald Schluss.

Oben angekommen, erwartete mich jemand vor meiner Wohnungstür. Ein hochgewachsener Typ in Lederjacke. „Wombel!“ Ich fiel meinem Kumpel um den Hals.

Er drückte mich fest an sich.

Dann hielt er mich auf Armlänge ab und meinte: „Gut siehst du aus!“

Sicher wollte er was von mir, wenn er mir so schmeichelte. Ich wusste, dass ich nach einer Woche Nachtschicht auf der Messe übermüdet und blass war. Außerdem war mein Haarschnitt eine Katastrophe.

Wombel hingegen wirkte fit. Er war groß, über ein Meter neunzig, hatte einen imposanten Irokesenschnitt - derzeit in rosa und blau - und breite Schultern. In letzter Zeit musste er trainiert haben, denn er wirkte muskulöser als vor ein paar Monaten, als ich ihn zuletzt gesehen hatte. Rannte er jetzt auch in ein Gym?

„Was willst du?“, fragte ich, während ich die Wohnung aufschloss.

„Nichts Besonderes.“ Er kniff mich scherzhaft in den Hintern, so dass ich aufquieckte. Ich schlug nach ihm. Er sollte sich nicht einbilden, mich angrabschen zu können.

Ich setzte einen Kaffee auf, wobei ich zum Ausgleich für Helgas Plörre einen Extra-Löffel Pulver in den Filter gab. Koffein musste sein.

Wombel fläzte sich auf die Matratze, die mir als Bett diente.

„Willst du wieder bei mir wohnen?“

„Nur ein paar Tage.“

Ich kannte Wombel. Aus Tagen konnten Wochen werden, aus Wochen Monate. Was mich an sich nicht störte. Aber da gab es ein Problem: „Ich bin gekündigt. Ende November muss ich ausziehen.“

Wombel riss die Augen auf. „In zehn Tagen? Wohin geht es dann?“

Zehn Tage? So klar war mir das nicht gewesen. Ich hatte das Problem verdrängt. Meine Angewohnheit, in den Tag hinein zu leben, hatte Nachteile. Ich zuckte die Schultern. „Keine Ahnung. Finde schon irgendwas.“

„Um mich musst du dir keine Sorgen machen.“

Auf die Idee war ich auch nicht gekommen. Wombel kam allein zurecht. Er sprach weiter, bevor ich antworten konnte: „Ich bleibe eine Nacht hier, okay? Morgen ziehe ich in meinen Bauwagen.“

„In einen Bauwagen?“

„Kann einen Wagen in der Au bekommen, neben dem besetzten Haus.“

Das besetzte Haus in der Au kannte ich von einem Punkkonzert, das aber schon einige Jahre zurücklag. „Was verschlägt dich dahin?“ Wombel wohnte normalerweise in Hamburg, wenn er nach Frankfurt kam, dann nur für ein paar Tage.

„Ich wollte mal eine andere Lebensform ausprobieren.“

Ich zog die Augenbrauen hoch. Da steckte doch mehr dahinter. Wombel war normalerweise beständig. Wenn es genug Bier zu trinken gab, war er mit seinem Leben zufrieden und experimentierte nicht herum.

„Na gut, du kriegst es ja doch raus“, knurrte er. „Es ist wegen Anton.“ Anton war sein Sohn, den er unabsichtlich gezeugt hatte. Eine Lesbe hatte ihn verführt, als er sturzbetrunken war.

„Wegen Anton musst du im Bauwagen wohnen?“

„Nein, Anton zieht mit seinen Müttern nach Argentinien.“ Wombel guckte unglücklich.

„Nach Argentinien?“, echote ich. Anton war drei Jahre alt, soweit ich mich erinnerte.

„Seine Mutter, also Susi, hat einen Forschungsauftrag in Argentinien, in Mar del Plata, an irgendeinem Meeresforschungsinstitut. Und Marion kommt mit.“

„Wow! Das hört sich ja interessant an.“

„Interessant? Es ist furchtbar! Ich sehe Anton ein Jahr lang nicht!“ Wombels Augen füllten sich mit Tränen. „Er wird fünftausend Kilometer entfernt sein.“

„Ein Jahr ist doch nicht so lang.“ Was Blöderes fiel mir nicht ein.

„Ein Jahr! Dann ist er schon vier, wenn er zurückkommt.“ Wombel war am Boden zerstört. Dabei hatte er gar kein Kind haben wollen. Doch dann hatte Wombel sich in den Kleinen verliebt. Er zeigte Fotos seines Sohns herum und war stolz wie Bolle, obwohl er rechtlich mit Anton nichts mehr zu tun hatte. Er hatte auf das Sorgerecht verzichtet und den Jungen zur Adoption freigegeben, damit die beiden Mütter auch vor dem Gesetz beide zusammen seine Eltern sein konnten.

„Ihr könntet über Zoom Kontakt halten“, sagte ich lahm. Dieses Konferenztool musste doch zu irgend etwas gut sein.

„Das ist nicht das Gleiche.“ Wombel war nicht zu trösten. Vielleicht sollten wir von Kaffee zu Bier übergehen, das würde helfen.

Ich stand auf und öffnete den Kühlschrank. Da lag noch ein Sixpack. Das würde knapp reichen. Ich holte für jeden eine Flasche. Wombel knackte die Verschlüsse mit den Zähnen auf.

„Wieso musst du dann in einen Bauwagen ziehen?“ Den Zusammenhang zwischen dem Umzug und Antons Abenteuern in Lateinamerika verstand ich nicht.

„Ich wollte das schon immer mal ausprobieren. Denk mal, wie man sich von der ganzen kapitalistischen Welt unabhängig machen kann, wenn man keine Miete zahlen muss!“ Wombel nahm einen großen Schluck Bier. „Keine Miete, man ist nicht mehr Sklave des Systems! Das bisschen, was ich zum Leben brauche, habe ich schnell zusammengeschnorrt. Oder ich jobbe im Winter und habe genug für den Sommer.“ Er fing an, mir vorzurechnen, wie wenig Kohle er brauchte, wenn er keine Miete zahlte. „Mein Zimmer in der WG in Hamburg habe ich untervermietet an einen Syrer, für ein Jahr. Wenn Anton wiederkommt, gehe ich zurück nach Hamburg. Ist alles total durchdacht.“ Er schien mit dieser Lösung zufrieden, also gratulierte ich ihm.

„Die Leute in der Au kenne ich schon lange. Als sie erzählten, dass ein Bauwagen frei wird, habe ich sofort zugeschlagen. Muss das Ding nur noch streichen, dann ist es ganz wohnlich.“

Wombel zog mich zu ihm rüber. „Lass mal schauen, ob wir noch was miteinander anfangen können.“

Da war ich mir sicher, denn seit wir zuletzt die Kiste geteilt hatten, waren nur ein paar Monate vergangen. Unsere Körper sollten noch aneinander gewöhnt sein. Das überprüften wir ausgiebig.

KAPITEL4

Nieselregen fiel mir ins Gesicht. Ich schniefte. Hoffentlich erkältete ich mich nicht bei dem miesen Wetter. Im Radio sagten sie, es sei zu warm für die Jahreszeit. Konnte ja sein, aber das ewige Grau ging mir auf die Nerven. Ich zog meinen Schal enger.

Der Altbau, in dem Helga wohnte, wirkte würdevoll, auch wenn der Putz abblätterte. Ornamente umrandeten jedes Fenster, in beige von der rötlichen Fassade abgesetzt. Das Beige war verblichen.

Nur das Gerüst störte den Anblick der Fassade. Ich machte ein Foto. Ab jetzt würde ich alles dokumentieren, was an diesem Haus verändert wurde.

Oben turnte ein Arbeiter herum, ohne Helm oder sonstigen Schutz. Mir wurde beim Anblick schon schwindelig. War es der gleiche Mann, den ich gestern vom Küchenfenster aus gesehen hatte? Ein drahtiger Typ in Blaumann. Er schaute zu mir runter, grüßte aber nicht.

Direkt neben der Eingangstür waren Graffiti gesprüht: „Spekulantenschwein“ in kräftigem Rot. Daneben ein verblichener Schriftzug „Stadt für alle.“ Hier hatte man offenbar versucht, die Farbe zu entfernen, doch die Buchstaben waren noch zu erkennen. Klick, wieder ein Foto.

Ich senkte meinen Finger auf die Klingel von „Besier“, Helgas Nachname. Da die Tür offenstand, war es nicht nötig zu schellen, aber ich wollte sie nicht erschrecken.

Im Hausflur ging ich an einer langen Reihe Briefkästen vorbei. Alle Schlitze waren mit Malerkrepp zugeklebt, außer beim Kasten „Besier“. Erneut machte ich ein Foto.

Eine Schicht Staub und Zement bedeckte die Treppe. Sicher durch die Arbeiten mit dem Presslufthammer, die Dreck durchs ganze Haus geblasen hatten. Ich stieg zu Helga in den dritten Stock hoch.

Oben angekommen, musste ich einen Moment verschnaufen. Nachts war ich nicht besonders viel zum Schlafen gekommen, denn Wombel und ich hatten neue Positionen ausprobiert. Mein Freund Mattu musste ja nichts davon wissen. Er arbeitete ohnehin meistens, so dass wir uns selten sahen.

„Helga?“

Sie saß am Küchentisch, trug eine adrette Bluse. Das Fenster stand leicht geöffnet, so dass es zog. Ich machte es zu.

„Hab dir was mitgebracht.“ Ich legte eine Packung Pralinen aus dem Supermarkt auf den Tisch. Wollte mich für die Kekse gestern revanchieren. Der Duft des Gebäcks hing immer noch in der Luft.

„Das ist aber nett, danke sehr.“ Ihr runzliges Gesicht strahlte. „Nimm dir doch eine Tasse, es gibt Kaffee.“ Zwei Tassen mit einer dünnen Flüssigkeit standen schon auf dem Tisch. Als ich zögerte, sagte Helga: „Oder magst du lieber Tee? Elena trinkt meinen Kaffee nicht. Schau mal, in der Kanne dahinten hat sie Tee aufgegossen, bedien dich.“

Ich überlegte, ob Tee besser wäre als zu dünner Kaffee, entschied mich aber für den Kaffee. Mit einer Praline dazu ließ er sich trinken. Ich lutschte an der Schokokugel herum. Dann fiel mir auf, dass Helga irgendwie besorgt wirkte. „Wie war deine Nacht?“

„Gut soweit.“

„Haben die Bauarbeiter wieder genervt?“

„Nein, bisher gab es keine Probleme heute. Aber, hör mal, Elena ist verschwunden.“

„Wie, verschwunden? Sie schläft doch hier?“

„Ja, wir haben zusammen gefrühstückt.“ Helga wies auf die Tassen. „Aber jetzt ist sie weg. Sie wollte Kartoffeln aus dem Keller holen und ist nicht zurückgekehrt.“

„Sie kommt bestimmt gleich wieder.“ Ich nahm noch eine Praline und ließ sie genüsslich im Mund zergehen, trank einen weiteren Schluck von dem Herzschoner-Kaffee.

„Kannst du mal nach ihr sehen? Sie braucht sonst nie so lange.“

„Gleich.“ Ich hatte keine Lust, schon wieder die Altbautreppe herunter und wieder hoch zu laufen. Es war so gemütlich bei Helga in der Küche.

Doch als sie mich flehentlich anschaute, konnte ich ihr den Wunsch nicht abschlagen. Elena flirtete vielleicht mit den Arbeitern. Oder nahm sich eine kleine Auszeit, um auf ihrem rosa Handy Nachrichten anzuschauen. Helga ließ ihr bestimmt keine Ruhe, solange sie in der Wohnung war. Mir war schon aufgefallen, wie sauber alles war. Helga erspähte bestimmt jede Fluse und Elena musste sie wegsaugen.

Ich machte mich daran, die Treppen wieder runterzusteigen.

In der Mitte traf ich einen Bauarbeiter, der mir nur unwillig auswich. „Guten Morgen!“, sagte ich betont fröhlich.

Er brummte nur.

Ich ging die Treppe weiter herunter und fand die Tür zum Keller, öffnete sie. Eine trübe Funzel erhellte nur notdürftig den Kellerabgang. Eine Holzstiege, auf den Stufen klebte ausgetretenes Vinyl. Unten lag etwas, das ich im Halbdunkel nicht erkannte. Ein Bündel Stoff?

Ich stieg herunter, vorsichtig, um nicht zu stolpern. Die letzten Stufen sprang ich.

Unten lag kein Stoffbündel, es war ein Mensch.

Ich erkannte Helgas Pflegerin an der Kleidung. Ihr Kopf war in einem seltsamen Winkel abgeknickt.

„Elena?“ Ich berührte sie an der Schulter.

Ihr Körper gab nach und fiel auf die Seite. Ich blickte in leblose Augen.

Fuhr zurück.

„Elena!“

Ich schluckte. Dann näherte ich vorsichtig meine Hand ihrem Gesicht.

Ihre Haut war noch warm, aber da war kein Atem. Ihre Brust hob und senkte sich nicht.

Ich fummelte hektisch an ihrem Hals herum.

Kein Pochen. Kein Puls.

KAPITEL5

„Tot?“ Helga musste etwas geahnt haben.

„Es tut mir so leid.“

Helga barg ihr Gesicht in den Händen. Sie schluchzte nicht, sie stöhnte nicht.

Ich wagte nicht, sie zu berühren.

Dann schaute sie auf. Ihre Augen waren gerötet. Sie sah auf einmal alt aus, wirklich alt.

„Furchtbar! Das arme Ding!“ Helga rang mit sich. „Bitte, gib mir noch Kaffee. Dann ruf die Polizei. Das macht man doch so, oder?“

Ich nickte. Wusste sogar, wen ich anrufen würde. Matthias Mattuschewski, seines Zeichens Leiter des K 11, zuständig für Kapitaldelikte. Dazu zählten alle unnatürlichen Todesarten - und das traf doch zu, da Elena die Treppe runtergefallen war?

Im Keller lagen Bretter herum, der Boden war aufgebrochen. Das musste das Werk der Presslufthämmer gewesen sein, die wir gestern gehört hatten. Schutt lag am Fuße der Kellertreppe. Anscheinend war Elena darüber gestolpert.

Ich holte mein Handy hervor und rief Mattu an.

„Hallo, mein Schatz, wie geht es dir?“, meldete er sich.

Wir hatten eine Beziehung, wenn man das so sagen konnte. Jedenfalls schlief er regelmäßig bei mir, wenn auch nicht oft. Er quengelte immer herum, wir sollten uns eine gemeinsame Wohnung suchen, aber bisher hatte ich das verhindern können.

Ich würgte Mattus Flirtversuche ab und erklärte ihm die Lage.

„Fass nichts an, unternimm nichts, ich komme gleich mit Weber vorbei.“

Mit Weber, dem Ekelpaket? Der war doch gar nicht mehr beim K 11? „Ich dachte, du arbeitest mit Wenigmann?“

„Wenigmann ist auf Fortbildung“, stöhnte Mattu. „Ich habe um Verstärkung gebeten, und wen haben sie uns zugeteilt? Weber - weil der schon Erfahrungen in der Mordkommission hat. Egal, jedenfalls fass nichts an, wir sind gleich da.“

Ich bezweifelte, dass er schnell da sein würde, denn wegen der Messe Interklo war die Stadt noch voller als gewöhnlich. Mit Blaulicht hatte er vielleicht eine Chance, seine Ansage wahrzumachen.

Auf ein Wiedersehen mit Weber hatte ich überhaupt keine Lust. Mattu offenbar auch nicht. Er hatte den Ekelbullen vor einiger Zeit aus seinem Team wegbefördert, hin zur Sitte. Mit Weber hatte ich vor Jahren einen unangenehmen Zusammenstoß gehabt, als ich verhaftet worden war - und dadurch Mattu kennengelernt, eine positive Wendung in meinem Leben.

Ich setzte mich zu Helga. Wir tranken Kaffee, doch ich schmeckte ihn nicht.

Das Bild der Pflegerin mit dem seltsam abgewinkelten Kopf brannte vor meinem Auge.

„Ich hätte sie nicht in den Keller schicken dürfen“, sagte Helga.

„Du hast keine Schuld.“ Wenn, dann eher ich. Statt in Ruhe Pralinen zu essen, hätte ich sofort nach Elena schauen sollen. Ich erinnerte mich an die trübe Funzel, die die Kellertreppe kaum erhellte. „Das hätte jedem passieren können. Ein Unfall.“

Wir saßen eine Weile am Tisch und schwiegen. Elenas Tasse stand einsam da. Ich wagte nicht, sie abzuräumen. Das würde ihr Verschwinden endgültig machen.

„Wie schrecklich, so eine junge Frau.“ Helga lief eine Träne über die Wange. „Mein lieber Herbert ist immerhin 75 geworden.“

Mir fiel nichts ein, was ich dazu sagen sollte. Dann fiel mein Blick auf ein Schwarz-Weiß-Foto auf der Anrichte. Es zeigte einen gutaussehenden, jungen Mann mit Hut. „Ist das Herbert?“

Helgas Blick hellte sich auf. „Ja, da hat er eine Beförderung bekommen. So ein schicker Mann.“ Sie lächelte. „Ich war so verliebt.“ Sie erzählte, dass er bei der Bahn gearbeitet hatte, als Angestellter. Sie selbst war in einem Schuhgeschäft tätig gewesen. Nach der Hochzeit waren sie nicht sofort zusammengezogen, sondern waren bei ihren Eltern geblieben und hatten gespart, um sich einen Haushalt leisten zu können. Schließlich hatte Herbert eine Wohnung über die Bahn bekommen. „Ein winziges Loch, aber es war unsers.“ Nach einigen Jahren konnten sie sich mehr leisten und waren nach Bockenheim gezogen, hier in die Kiesstraße.

„Und jetzt? Herbert, Gott hab ihn selig, ist schon lange gegangen. Ich bin ganz allein, das macht auch keinen Spaß mehr. Und mein Sohn lebt in den USA, den seh ich auch nie. Oder nur auf dem Handy, wenn er so einen Videoanruf macht.“

„Du hast doch deine Enkelin!“

„Die studiert, und das soll sie auch. Aber was mach ich jetzt ohne Elena? Mein Herz macht es nicht mehr so richtig. Dann das Rheuma, ich habe Schmerzen bei jeder Bewegung. Ich brauche Hilfe, beim Anziehen, im Haushalt, bei den Tabletten …“ Mit einer schwachen Bewegung wies Oma Helga in Richtung einer großen weißen Plastikschachtel mit vielen Abteilungen. Die Tage der Woche waren auf der Schachtel aufgedruckt. In jedem Abteil lagen Pillen, weiße, rosa, kleine, große …

„Das sind aber viele“, sagte ich spontan.

„Fürs Herz, gegen das Rheuma, für die Verdauung, Vitamine …“ Helga stöhnte. „Ich blicke da schon lange nicht mehr durch. Elena ordnet sie … also hat sie geordnet. Jeden Montag hat sie für die ganze Woche alle Tabletten zugeteilt und darauf geachtet, dass ich sie nehme. Ich vergesse doch so schnell.“

Als ich die Schachtel genauer betrachtete, sah ich, dass für jeden Tag vier Abteilungen vorhanden waren: morgens, mittags, abends und nachts. Die Abteilungen von Montag bis Donnerstag waren leer, ebenso der Freitag morgen, also heute. Die anderen Tabletten von heute warteten auf ihre Einnahme.

„Mit Medikamenten kenne ich mich nicht aus“, sagte ich. Ich war selten krank und wenn überhaupt, litt ich unter einer Erkältung, da genügten Nasentropfen und Vitamin C. „Aber beim Anziehen und im Haushalt kann ich dir helfen, bis eine andere Pflegerin kommt.“

Kaum hatte ich das gesagt, klingelte es an der Haustür.

KAPITEL6

Ich öffnete und Mattu stand vor der Tür.

Er zog mich an sich und drückte mir rasch einen Kuss auf den Mund.

Hinter ihm hörte ich schwere Schritte. Weber schleppte seinen Körper die Treppe hinauf.

Als er oben ankam, standen Mattu und ich einen Meter voneinander entfernt und guckten unschuldig.

„Wir kennen uns doch“, entfuhr es Weber, als er mich sah. „Nichts als Ärger hat man mit dir, du kleine Punkerratte. Was hast du wieder angestellt?“

„Bitte bleiben Sie höflich“, sagte ich steif. Solche Ausdrücke hatte ich Freya abgeguckt.

„Kollege Weber, geh bitte in den Keller, achte darauf, dass nichts verändert wird und warte auf das Team der Tatortsicherung.“

Weber verzog den Mund. „Jetzt bin ich gerade hier hoch und soll wieder alles runterlaufen?“

„Ab!“ Mattus Ton war scharf. Vermutlich schärfer als beabsichtigt, denn er setzte freundlicher hinzu. „Schau dich um, mach schon mal Fotos. Ich komme gleich.“

Nachdem Weber wieder heruntergetrottet war, setzte sich Mattu an den Küchentisch. Ich stellte Helga vor. „Bitte erzählen Sie, was passiert ist.“ Er strich sich über seine grauen Stoppelhaare und lächelte die alte Dame an.

„Elena ist meine Haushaltshilfe. Sie erledigt alles für mich, was ich nicht mehr kann. Ich hatte sie gebeten, Kartoffeln aus dem Keller zu holen. Die bewahren wir da unten auf, da halten sie länger. Die Luftfeuchtigkeit…“

„Also, Elena ist in den Keller gegangen, um Kartoffeln zu holen. Und dann?“

„Sie ist nicht zurückgekommen und deshalb habe ich Sandy gebeten, nach ihr zu schauen.“

„Sandy, was machst du hier?“

„Wir sind Freunde. Beziehungsweise Melina, ihre Enkelin, ist eine Freundin von mir“, sagte ich ausweichend. „Ich helfe Oma Helga beim Papierkram.“ Dass ich engagiert war, um die Entmietungsstrategie zu dokumentieren, behielt ich für mich. Mattu mochte es nicht, wenn meine Ermittlungen und sein Job kollidierten.

Mattu zog die Augenbrauen hoch, fragte aber nicht nach. Er wusste ganz genau, dass ich Papierkram und die Arbeit am Computer hasste, die zu meinem Job als Privatdetektivin gehörten. Ich versuchte immer, sie auf ein Minimum zu reduzieren.

„Ermittelst du?“ Er hatte meine Lüge natürlich gewittert.

„Nein“, sagte ich wahrheitsgemäß. Bisher war ich ja noch gar nicht dazu gekommen, herumzuschnüffeln.

Mattu wandte sich wieder an Helga. „Wie lange war Elena schon bei Ihnen?“

„Seit ein paar Monaten …“ Sie überlegte. „Drei vielleicht? Die vorherige Polin war sehr unzuverlässig. Sie kam immer zu spät.“ Sie verzog missbilligend den Mund. „Der Pflegedienst hat mir dann Elena geschickt. Sie ist die Beste. Also …“ Sie verlor sich in Gedanken. Korrigierte dann: „War die Beste. Sie hat mir wirklich bei allem geholfen, ich weiß gar nicht, was ich jetzt machen soll. Sie kam nicht nur zwei Mal am Tag, sondern dadurch, dass sie hier wohnte, in meinem alten Bügelzimmer, hat sie mir dauernd geholfen.“

Ich wollte vor Mattu nicht mein Angebot wiederholen, Helga zu unterstützen. Gleichzeitig würde ich weiter gegen diesen Miethai ermitteln, das war mein regulärer Auftrag. Da war ich Mattu keine Rechenschaft schuldig. Sobald die Untersuchung von Elenas Unfall abgeschlossen war, würde ich ihm von dem Entmietungsterror erzählen, aber nicht vorher. Wenn ich außerdem Helga im Haushalt half, was nicht so anstrengend klang, würde ich vielleicht auch dafür bezahlt?

---ENDE DER LESEPROBE---