Live-Arrangement - Jürgen Terhag - E-Book

Live-Arrangement E-Book

Jürgen Terhag

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Beschreibung

Live-Arrangements verbinden Kompositions- und Arrangiertechnik mit pädagogischem Handeln. Ziel und Ergebnis sind Musikstücke, die spontan und prozessorientiert während der Einstudierung entwickelt werden. Jeder Mitmachende hat so kreativen Anteil am schöpferischen Geschehen. Text und Videos vermitteln anschaulich alle Tipps und Tricks für Live-Arrangements mit unterschiedlichsten Zielgruppen, von der Schulklasse bis zum Profichor, vom Basislevel bis zur hochprofessionellen Umsetzung. So entsteht aus einem einfachen Notenblatt ein Gruppenarrangement für eine ungewöhnliche Besetzung, aus einem Textblatt ein mehrstimmiges Chor-Arrangement oder aus einer Akkordfolge ein passgenaues Band-Arrangement. Seit vielen Jahren haben Jürgen Terhag und Jörn Kalle Winter die Methodik des Live-Arrangements erforscht und erprobt. Dieses Grundlagenwerk fasst ihre Ergebnisse erstmals zusammen - für alle, die Ihrer musikalischen Gruppenarbeit neue Kreativität verleihen wollen. (Bitte beachten Sie, dass die eingebetteten Videos nicht auf allen Readern anzeigbar sind. Systemanforderung für die eingebetteten Videos: mind. IOS 5.)

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Seitenzahl: 238

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Jürgen Terhag / Jörn Kalle Winter

Live-Arrangement

Vom Pattern zur Performance

Einleitung

Das Erfinden, Variieren und Anleiten von Live-Arrangements stellt das inhaltliche Zentrum dieser Reihe zum kreativen Gruppen- und Klassenmusizieren dar. Die in diesem Buch dargestellten Grundsätze und Methoden lassen sich praktisch auf alle Formen des Musizierens in großen Gruppen übertragen und sind damit für alle musikpädagogischen Tätigkeitsfelder besonders fruchtbar.

Längst scheint es Konsens, dass gemeinsames Musizieren ein wichtiger Teil eines guten Musikunterrichts ist, und auch das Unterrichten in der Musikschule wird immer mehr durch das Musizieren in großen und heterogenen Gruppen bestimmt. Trotz aller guten Vorsätze steckt das Klassen- und Gruppenmusizieren jedoch in der Realität meist voller Probleme: So ist beispielsweise das Instrumentarium in einem schlechten Zustand oder nicht vorhanden, die Räumlichkeiten sind zu eng oder zu wenig flexibel, die Lerngruppen zu groß und zu heterogen. In Streicher-, Bläser- oder anderen Musikklassen werden einige dieser Probleme durch Vereinheitlichung gelöst, dies geschieht aber meist auf Kosten der musikalischen und lebensweltlichen Relevanz und oftmals unter Vernachlässigung weiter Felder eines ganzheitlichen kompetenzorientierten Unterrichts.

Vor diesem Hintergrund wäre es eigentlich erforderlich, für jede einzelne Lernsituation mit ihren spezifischen instrumentalen, räumlichen und personellen Bedingungen ein passendes Arrangement maßzuschneidern. Um diese nicht nur angesichts der tagtäglichen Arbeitsbelastung von Lehrerinnen und Lehrern unmöglich zu leistende Aufgabe dennoch zu meistern, wurde das Live-Arrangement entwickelt. Es beschreibt die Möglichkeit, für nahezu jede Gruppe ein passendes, gut klingendes Arrangement zu finden, und zwar während des Musizierens und durch das Musizieren. Die Vorbereitung eines konkreten Musikstücks für die spezielle Unterrichtssituation minimiert sich damit vor allem auf didaktische Fragestellungen, die im Vorfeld sowieso gestellt bzw. beantwortet werden ­müssen.

Um in diesem Sinne spontan aus dem Stegreif musizieren und Musik anleiten zu können, sind bestimmte Kompetenzen erforderlich, die mit diesem Buch vermittelt werden sollen. Zunächst ist eine möglichst genaue Kenntnis des Instrumentariums notwendig – man sollte alle verwendeten Instrumente soweit bedienen können, dass man erste Spielversuche anleiten und korrigieren kann. Aber keine Angst: Sie müssen keine Multi-Instrumentalistin und kein Universal-Virtuose sein. Da es zumeist viel einfacher ist, etwas vorzuspielen oder am Instrument zu zeigen, als es mit vielen Worten zu erklären, braucht man die Instrumente nur soweit zu beherrschen, wie man sie einsetzen will. Und wenn in der Gruppe jemand ist, der besser Schlagzeug, Bass oder Klavier spielt, ist das nicht peinlich, sondern ein Glücksfall – hier kann man erstens selbst noch etwas lernen und zweitens wird das Gestalten eines interessanten Live-Arrangements enorm erleichtert.

Für jede der zahlreichen Niveaustufen in heterogenen Gruppen kann durch das Live-Arrangement eine passende Stimme gefunden werden. Instrumentenkenntnis der Anleitenden ist vor ­allem insoweit wichtig, um abschätzen zu können, wo die instrumentenspezifischen Schwierigkeiten einer Stimme liegen. Dann kann schnell vereinfacht oder erschwert – also differenziert – werden.

Zumeist ist es besser und einfacher, ein Live-Arrangement ohne Noten durchzuführen. Durch eine vorherige schriftliche Fixierung geht schnell der Funke der Spontaneität und somit der entscheidende Live-Charakter verloren. Die visuelle Aufmerksamkeit lenkt zudem oft vom Hören ab, was die Möglichkeit erschwert, Varianten aus der Teilnehmergruppe aufzunehmen, die für diese Gruppe unter Umständen viel besser geeignet wären („Aber in den Noten steht es doch anders …“). Daher braucht man ein gutes Gedächtnis für die Startpatterns, einen Plan, wie man beginnen kann, und den Mut, ausgetretene Pfade zu verlassen. Dazu will dieses Buch ­ermutigen.

Ein Live-Arrangement muss nicht unbedingt an → Patterns (sämtliche Verweise werden im Glossar dieses Bands erklärt) orientiert sein. Durch die methodische Nähe zur → oralen Tradierung ist dies aber meist der Fall. In der Entstehungs- und Tradierungsgeschichte von Musik der unterschiedlichsten Stile und Zeiten haben sich Patternkombinationen und Klischees herauskristallisiert, die häufig musikalisches Gemeingut sind. Besonders in der oft patternbasierten → Populären Musik haben sich Stereotypen entwickelt, die allgemein bekannt, leicht zu gestalten und stilistisch flexibel sind, wodurch man sie an sehr unterschiedliche Unterrichtssituationen und Gruppenzusammensetzungen anpassen kann. Hierzu ist allerdings eine möglichst differenzierte Stilkenntnis unabdingbar, da z. B. die Kombination eines Swing-Walking-Bass mit einem Funk-Drumpattern auf Grund des unterschiedlichen → Feelings nicht funktionieren kann – so sehr sich eine Musikgruppe auch bemüht. Durch solche Fehlkombinationen wird nicht nur das sehr wichtige stilistische Lernen verhindert, es entsteht auch Frustration, denn dem postmodernen „anything goes“ folgt häufig ein „but nothing works“. Damit soll natürlich nichts gegen bewusste (!) stilistische Kontraste oder das Eröffnen neuer Klangwelten gesagt sein, denn gerade hierfür ist eine genaue Kenntnis sämtlicher Stil-Zutaten entscheidend.

Gezieltes und intensives Üben ist unbestritten Teil des Musiklernens. In großen und heterogenen Musikgruppen stellt es meist ein scheinbar unüberwindbares Hindernis auf dem Weg zu einem gleichermaßen musikalisch wie gruppendynamisch befriedigenden Ergebnis dar. Um beides zu erreichen, müssen alle Einzelstimmen daher stets so gewählt werden, dass gemeinsames Musizieren immer auch zu einem gemeinsamen Üben werden kann, das je nach Gruppe alle Schwierigkeitsgrade von voraussetzungslos bis anspruchsvoll enthält. Die Devise bei der Anleitung muss folglich nicht sein: „Ich zeige Euch das, was Ihr lernen müsst.“, sondern vielmehr „Ich zeige euch das, was ihr bereits könnt!“ Sämtliche musikalischen Vorgaben müssen also immer auf bereits Gekonntem aufbauen, damit sich das Üben in einer Großgruppe überhaupt sinnvoll entfalten kann, was ein ständiges Überprüfen und Anpassen des Schwierigkeitsgrads sämtlicher Einzelstimmen erfordert, damit diese an die instrumentalen und vokalen Fähigkeiten Einzelner sowie an die Stimmungslage in der Gesamtgruppe angepasst werden.

Richtschnur allen Handelns ist, dass möglichst zu allen Zeiten des Einstudierungs- und Übeprozesses ein ansprechendes musikalisches Ergebnis erklingt und gleichzeitig die Gruppe zufrieden, ja erfüllt musiziert. Diese entscheidende Bedingung für ein Live-Arrangement gilt buchstäblich vom ersten bis zum letzten Ton. An mancher Stelle erscheint die gleichzeitige Beachtung musikalischer und gruppendynamischer Prozesse vielleicht als Dilemma – letztlich ermöglicht sie aber erst das Musizieren in heterogenen Gruppen.

Das Anleiten eines Live-Arrangements ­erfordert also flexibles, spontanes Agieren auf einem festen Grund musikdidaktischer und methodischer Kompetenzen. Es liegt auf der Hand, dass Souveränität in der Anleitung erst durch die Routine der Praxis entsteht. Die hierzu erforderlichen Kompetenzen in der Leitung, der Handhabung der Instrumente und der stilistischen Sicherheit sind Thema dieses Buches.

Wir wünschen allen, die sich am Live-Arrangement versuchen oder darin verbessern möchten, viel Freude und Erfolg bei dieser Arbeit!

Köln, im Sommer 2011

Methoden und Prinzipien

Was ist ein Live-Arrangement?

Das Live-Arrangement verbindet Kompositions- und Arrangiertechnik mit den pädagogischen Erfordernissen des Unterrichtsalltags. Es beschreibt eine zu gleichen Teilen künstlerisch und pädagogisch geprägte Methode, die nicht nur den Klassen- und Gruppenunterricht sowie die Chor- und Ensemblearbeit erleichtert, sondern generell überall dort sinnvoll einsetzbar ist, wo mit heterogenen Gruppen Musik realisiert werden soll. Das Live-Arrangement ermöglicht es, Musikstücke unterschiedlichster Stilistik für eine ganz bestimmte Zielgruppe während der Einstudierung zu entwickeln und diese permanent so zu variieren, dass sie in allen Phasen der Erarbeitung der unterschiedlichen Leistungsfähigkeit aller Beteiligten gerecht werden. Dazu wird ein Musikstück in der Unterrichts- oder Probensituation ‚live‘ erfunden (komponiert) und immer wieder neu an die unterschiedlichen Fähigkeiten und Bedürfnisse einer bestimmten Lerngruppe angepasst (arrangiert), womit der Übergang zwischen einem Live-Arrangement und einer angeleiteten Gruppenimprovisation fließend ist.

Auf diese Weise entsteht beispielsweise aus einem → Leadsheet ein Gruppenarrangement für eine ungewöhnliche oder häufig wechselnde Besetzung, es werden musiktheoretische Grundkenntnisse spielerisch erfahrbar gemacht, eine Chor-, Orchester- oder Bandprobe lässt sich stufenlos und äußerst differenziert vom → Warmup bis zur Erarbeitung eines kompletten Musikstücks gestalten – und nicht zuletzt können ­Live-Arrangements bis zur aufführungsreifen Performance ausgebaut werden. Durch die nahezu unbegrenzten Veränderungsmöglichkeiten jeder musikalischen Vorlage wird es zudem möglich, ein Live-Arrangement für eine stilistisch ungewöhnliche oder leistungsmäßig besonders heterogene – und damit schultypische – Besetzung schrittweise zu entwickeln oder aus einem → Turnaround die rhythmisch-harmonische Basis für einen a-cappella-Chorsatz zu gewinnen. Die Musikstücke sind also zu Beginn des Einstudierens nicht festgelegt, sondern sie entstehen schrittweise während der Einstudierung. Sowohl die musikalische Qualität als auch die methodische Effektivität eines live arrangierten Musikstücks hängen somit vor allem von der musikalischen Fantasie und dem pädagogischen Geschick der Anleitenden ab.

Ausgangspunkte eines Live-Arrangements sind also statt eines fertig notierten Musikstücks eine musikalische → Keimzelle sowie die Kompetenzen aller Beteiligten. Da diese „Gruppenkompetenz“ meist so viele unterschiedliche Facetten aufweist wie Musizierende beteiligt sind, erfordert und ermöglicht das Live-Arrangement zu jedem Zeitpunkt eine organische Binnendifferenzierung, bei der im Extremfall für jedes einzelne Gruppenmitglied eine an dessen Fähigkeiten angepasste Einzelstimme live arrangiert werden kann.

Terminologisch betrachtet wird unter dem Begriff „Live-Arrangement“ sowohl der Inhalt als auch die Methode der hier skizzierten musikalischen Arbeit bezeichnet: Man kann entweder nach den Grundprinzipien des Live-Arrangements ein fertiges Musikstück einstudieren – hier ist das Live-Arrangement als Methode angesprochen – oder man entwickelt darüber hinaus mittels dieser Methode variable Musikstücke – hier wird das Live-Arrangement selbst zum Unterrichtsinhalt. So lässt sich beispielsweise mittels der Methode Live-Arrangement ein Warmup durchführen bzw. ein auskomponierter Chorsatz einstudieren oder einzelne Live-Arrangements werden zum Ergebnis der hier vorgestellten Arbeit und damit beispielsweise zum musikalischen Inhalt eines Warmups oder der Bigband-Arbeit.

Heterogenität als Potenzial

Die Arbeit mit dem Live-Arrangement ermöglicht das anspruchsvolle Musizieren mit unterschiedlichen Lern- und Spielgruppen in Unterricht und Freizeit. In solchen Gruppen entstehen trotz der inzwischen entwickelten Methodenvielfalt oft immer wieder die gleichen Probleme, die sich vor allem durch die Heterogenität einer Großgruppe und die mangelnde Flexibilität von Notentexten ergeben. So bleibt beispielsweise das Musizieren nach Noten oft weit hinter den musikalischen Möglichkeiten einer heterogenen Gruppe zurück, weil es praktisch verhindert, dass die in jeder Gruppe schlummernden musikalischen Potenziale aktiviert werden, kann doch ein im Vorfeld starr festgelegtes Arrangement kaum die speziellen, individuell unterschiedlichen und häufig wechselnden Bedingungen einer konkreten Gruppe genügend berücksichtigen. Aus diesem Grund ist das Live-Arrangement ganz besonders hilfreich, wenn eine große Gruppe von Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen zwar eine hohe Motivation zum Musizieren, aber nur wenig oder keine musikalische Erfahrung mitbringt: In einer solchen Gruppe klingen live arrangierte Musikstücke in aller Regel wesentlich besser als das hier nur mühsam aus Noten Gespielte, da sich mit dem Live-Arrangement die in jeder (!) Gruppe vorhandenen Fähigkeiten Einzelner aufgreifen und flexibel in das musikalische Geschehen integrieren lassen.

Viele Gruppenmitglieder fühlen sich selbst durch die einfachsten Notenvorlagen völlig überfordert, was zum raschen Absinken der Motivation führt. Die musikalisch Erfahrenen dagegen sind oft selbst bei anspruchsvollsten Unterrichtsmaterialien total unterfordert, was ebenfalls zu einem Nachlassen der Motivation führt. Vor diesem Hintergrund gibt es kaum passende Notenvorlagen für die heterogen zusammengesetzte und häufig wechselnde Besetzung eines Klassenorchesters, einer Instrumentalklasse o. Ä.

Weder beim Klassenmusizieren noch im instrumentalen Gruppenunterricht berücksichtigen die üblichen Vorlagen diesen gigantischen Leistungsunterschied zwischen den (wenigen) privat Ausgebildeten und der zwar motivierten, aber nur wenig oder gar nicht ausgebildeten Mehrheit. Zudem erschweren unterschiedliche Vorerfahrungen oder Lerntempi häufig das individuell wirksam werdende Unterrichten und Üben. Das daraus resultierende permanente Abändern von Notenmaterial zusammen mit dessen generell aufwändiger Vorbereitung in Form von Erstellen, Kopieren und Verteilen schreckt daher viele vom Musizieren und Unterrichten in veränderlichen Großgruppen ab. Dies ist jedoch nicht nötig, wenn man die Heterogenität als Chance und nicht als Problem betrachtet: Selbstverständlich lässt sich mit jeder Gruppe Musik machen, wenn man in der Lage ist, das musikalische Potenzial dieser Gruppe mittels der hier vorgestellten Methoden zu entdecken und systematisch zu fördern.

Notenfreies Musizieren und Unterrichten

Notation ist mehr als nur ein Hilfsmittel zum Musizieren. Wie sich in der Entwicklung der abendländischen Musik zeigt, bestand und besteht hier stets ein intensives Wechselverhältnis zwischen Notation, Komposition und musikalischem Fortschritt. Einerseits entwickelten Komponistinnen und Komponisten stets die für ihre musikalischen Vorstellungen nötigen Schreibweisen. Hatten sich diese dann durchgesetzt, beeinflussten die derart erweiterten Notationsmöglichkeiten wiederum die Entwicklung neuer musikalischer Stile.

Seit Jahrhunderten lässt sich so mittels No­tation sehr komplexe Musik realisieren, aber auch viele → orale Musikkulturen haben äußerst nuancierte und vielgestaltige Musizierformen entwickelt – ein Beispiel dafür bietet die indische Musik. Deshalb sollte auch in unserer Kultur der sich in vielen musikpädagogischen Bereichen entwickelnde (weitgehende) Verzicht auf Notation weniger als Hemmnis oder gar Rückschritt wahrgenommen werden, sondern eher als eine Chance, eigene musikalische und pädagogische Wege zu erproben. Auch beim Live-Arrangement bietet das notenfreie Musizieren etliche Vorteile:

Ermöglichung von Flexibilität

Wenn durch das Nicht-Vorhandensein von Notenmaterial kein fixes musikalisches Endprodukt vorgeschrieben wird, ist der Weg des Musizierens ein variabler Prozess, der ständig an die wechselnden Erfordernisse einer Gruppe angepasst werden kann und muss. Jemand hat die Notenmappe vergessen – ganz egal! Es gibt zwei B-Stimmen zu wenig – auch kein Problem!

Abfedern von Heterogenität

Für praktisch jedes instrumentaltechnische Niveau lässt sich beim notenfreien Musizieren eine Stimme erfinden – ebenso wie für die soeben erwähnten B-Instrumente. Auf diese Weise (und nur auf diese Weise) lässt sich der Heterogenität beim Klassenmusizieren zufriedenstellend begegnen. Problematisch sind hier übrigens zumeist nicht die Anfänger, die allein durch das Mitspielen schon motivierende Erfolgserlebnisse haben, sondern diejenigen, die viel Erfahrungen im notengebundenen Musizieren mitbringen und sich vom freien Spielen einerseits überfordert und von zu geringer technischer Schwierigkeit andererseits unterfordert fühlen.

Verbesserung der Kommunikation

Der Verzicht auf das Notenblatt macht die Augen frei für Zeichen, Blicke und Aufmerksamkeit auf die Gesamtgruppe. Gerade in einer größeren, unerfahrenen Gruppe wie der Schulklasse ist dies ein unüberschätzbarer Vorteil. Die Zeichen müssen übrigens nicht immer von den Anleitenden gegeben werden, sondern können – je nach Spielregel – auch aus der Gruppe kommen.

Lenkung der Aufmerksamkeit

Die Fixierung durch Notation suggeriert eine Einteilung in „wichtige“ musikalische → Parameter wie z. B. Tonhöhe und -länge, die im Notat erscheinen und „unwichtige“ musikalische Bereiche wie z. B. Feinrhythmik, Groove, Phrasierung o. Ä., die meist nur ansatzweise notiert werden. Da diese Unterteilung beim notenfreien Musizieren nicht so stark ins Gewicht fällt, erleichtert es die Konzentration auf all jene mindestens ebenso wichtigen Parameter, die durch Notenschrift weniger genau oder gar nicht geregelt werden.

Hier wird der Weg deutlich: Bevor man beispielsweise ein musikalisch überschaubares Sprechstück, ein Rhythmical o. Ä. in Noten aufschreibt, wäre es viel einfacher, Methoden zu nutzen, mit denen sich aus einer geeigneten → Keimzelle heraus jedes Sprechstück oder Rhythmical entwickeln und – angepasst an die vorhandene Lerngruppe – live arrangieren lässt. Die notenfreien Musizierformen des Live-Arrangements sind also weder dafür geeignet noch dazu gedacht, eine vereinfachte Version von Mozarts Kleiner Nachtmusik zu realisieren – wohl aber dazu, aus deren Anfangsmotiven der Dreiklangsbrechung ein neues, eigenes Stück zu entwickeln. Wenn man sich erst einmal zum notenfreien Musizieren durchgerungen hat, stellt es kein Problem mehr dar, sondern erleichtert und ermöglicht die musikalische Arbeit!

Es gibt sehr unterschiedliche Wege der notenfreien Vermittlung; die wichtigsten seien hier kurz zusammengefasst:

Wiederholungstechniken

In → afro-amerikanischen Musikstilen wie dem Jazz oder Blues wird häufig die → Call-Response-Technik genutzt: Ein Instrument oder Sänger gibt eine Phrase vor, die dann von einer anderen festgelegten oder improvisierten Phrase anderer Instrumente oder Gruppenmitglieder beantwortet wird. Dieses Prinzip findet sich historisch auch im Wechsel von Vorsänger und Gemeinde im Gospel. Für musikpädagogische Zwecke hiervon abgeleitet ist die → Call-Call-Technik, mittels derer die Anleitenden (oder ein Gruppenmitglied) ein → Pattern oder eine → Phrase vorgeben, die von der Gruppe wiederholt wird. Entscheidend dabei ist, dass der → Beat und das → Tempo beibehalten werden und die Phrasen bzw. Patterns nahtlos ineinander greifen. Auf diese Weise entsteht dann bereits der Eindruck eines periodisch organisierten Musikstücks.

VIDEO: Wiederholungstechniken und Zeichen

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Zeichen

Zeichen sind ein wichtiges Mittel zur Anleitung von Live-Arrangements. Sie können von Lehrer/innen und Schüler/innen frei vereinbart werden, müssen aber immer klar und eindeutig sein. Es ist nicht sinnvoll, die vereinbarten Zeichen ständig zu wechseln; man sollte aber auch nicht dogmatisch an ihnen festhalten, wenn sie sich nicht bewährt haben oder bessere Alternativen gefunden wurden.

Bodypercussion / Vocussion / Singen

Die Anleitenden müssen im Grunde alles, was sie von der Gruppe verlangen, auch selbst realisieren können. Da sie aber wahrscheinlich nicht jedes Instrument beherrschen, können die kör­pereigenen Instrumente von → Bodypercussion und → Vocussion genutzt werden, um die musikalische Vorstellung mit Stimme und Körper zu verdeutlichen. Dazu muss man sich unter Umständen erst überwinden, was sich jedoch lohnt! Meist ist es auch in Instrumentalgruppen sinnvoll und sehr hilfreich, vor dem Benutzen von Instrumenten die entscheidenden Bestandteile eines Stückes in der Gesamtgruppe mittels Stimme und Körper zu realisieren, z. B. als → Warmup.

Sprache

Neben der Einführung und Nutzung von Fachvokabular sollte man versuchen, eine bildhafte Sprache zu nutzen, um die Vorstellungswelt der Mitspielenden zu öffnen, z. B. „wie ein Sonnenaufgang“, „voller Wut“, „wie eine Autobahn“ o. Ä.

Der häufig geäußerte Satz „Mit einer notenunkundigen Gruppe kann man keine Musik machen“ ist also nicht zutreffend! Allenfalls müsste er heißen „Mit einer notenunkundigen Gruppe kann ich keine Musik machen“ – und auch in dieser Form trifft er hoffentlich nur noch so lange zu, bis Sie dieses Buch durchgearbeitet haben.

Die Arbeit mit dem Live-Arrangement kommt zwar in weiten Teilen ohne Noten aus, sie ist jedoch ein gutes Mittel zur Vorbereitung der Notenschrift und zur Motivation zum Notenlernen, denn die schriftliche Fixierung von Musik beginnt hier ganz organisch erst dann, wenn das musikalische Material zu komplex für das hörend-erinnernde Musizieren geworden ist. Die Notenschrift wird dabei in aller Regel von der Gruppe eingefordert („Sollen wir das nicht mal aufschreiben?“), wodurch dieser Prozess einer allmählichen Verschriftlichung beispielsweise über einfache Formverläufe (ABA), grafische Notation, Akkordsymbole, Tonhöhenverläufe bis zum Fünfliniensystem durchaus Verläufe in der Entwicklung von Notenschrift nachvollzieht.

Orientierung am Prozess und am Produkt

Obwohl beim Live-Arrangement nicht ein durch Noten vorab fixiertes Produkt im Vordergrund steht, sondern die Entwicklung eines Musikstücks als Prozess, ist es stets auch produktorientiert, weil zu möglichst jedem Zeitpunkt ein ansprechendes, präsentables Ergebnis erklingen soll. Zur kritischen Bewertung dieses Ergebnisses hat sich das → Imaginäre Publikum als eine wirksame Richtschnur für das ästhetische Bewusstsein von Lehrenden und Lernenden bewährt. Es meint nicht etwa ein tatsächlich vorhandenes Publikum, sondern eine Kontrollinstanz für Anleitende, aber auch für Gruppenmitglieder, mittels derer uninspiriertes Herumgrooven im stilistischen Niemandsland oder belangloses Geklimper vermieden werden kann. Alle versetzen sich möglichst häufig in die Rolle eines (wohlwollend-kritischen) Publikums und überprüfen, wie das Erklingende in dieser Rolle wirkt: Ist die Musik abwechslungsreich, stilistisch möglichst authentisch, groovt sie? Oder ist sie banal oder nervtötend?

Alle unterrichtlichen Phasen beim Klassen- und Gruppenmusizieren sollten so gestaltet werden, dass die Kontrolle durch das → Imaginäre Publikum für alle Beteiligten möglichst zufriedenstellend ausfällt. Für Lehrende bedeutet dies, sich ab und zu in eine Rezipientenrolle zu begeben, in dieser Rolle bewusst zu lauschen und das Erklingende innerlich zu bewerten – also nicht nur stolz auf das Erreichte zu sein („Für die 6c klingt das doch bereits ganz gut“), sondern sich auch kritisch zu fragen, ob man sich das Erklingende auch freiwillig anhören würde. Diese Forderung klingt je nach Blickwinkel banal, überflüssig oder utopisch, hilft aber bei strikter Beachtung entscheidend dabei, die Qualität der erklingenden Musik selbstverantwortlich zu steuern und darüber hinaus bei einiger Übung Gespräche über musikalische Prozesse und deren Qualität in Gang zu bringen.

Fehlerfreies Musizieren statt Üben

Beim Live-Arrangement wird nicht zwischen „Üben“ und „Musizieren“ unterschieden, aus Sicht der beteiligten Gruppe wird praktisch durchgängig musiziert. Das zur Verbesserung der klingenden Ergebnisse selbstverständlich erforderliche Üben wird auf allen Stufen des Lernprozesses versteckt, damit sich der herkömmliche Zusammenhang „Üben, um später zu Musizieren“ praktisch umkehren kann. Es wird nicht geübt, um irgendwann einmal musizieren zu können, sondern das erfolgreiche und möglichst lustvolle Musizieren vom ersten Ton an soll erst zum notwendigen Üben motivieren: „Musizieren, um später Üben zu wollen“. Jeder Musizier- und Lernprozess muss demnach so gestaltet sein, dass er die Motivation zum Üben durch Musizieren zunächst weckt und dann durch permanente Weiterentwicklung über einen möglichst langen Zeitraum wach hält, statt die in den meisten Gruppen vorhandene Motivation zum „Musikmachen“ auf andere Lerninhalte umzuleiten, die aus Schülersicht zunächst einmal nichts mit ihren Wünschen zu tun haben. So ist die oft zu beobachtende Vorgehensweise, die Motivation zum Musizieren für das Erlernen der Notenschrift zu missbrauchen, ein geradezu sicheres Mittel, diese Motivation zu zerstören.

Zur Erhaltung der Motivation und zur Erreichung einer angstfreien → Atmosphäre sollte das Live-Arrangement möglichst in jedem (!) Stadium der musikalischen Arbeit fehlerfrei vonstatten gehen. Besonders Anfänger/innen haben häufig eine sehr geringe Frustrationstoleranz und reagieren daher sehr empfindlich auf Fehler. Das bedeutet einerseits, dass die musikalische → Keimzelle eines Live-Arrangements von allen beherrschbar sein muss und andererseits, dass beispielsweise rhythmisch falsch wiederholte, aber stilistisch und vom Tempo her passende → Patterns nicht korrigiert werden sollten, denn mittels Live-Arrangement können alle auftauchenden Fehler spielerisch, stimmig und für die Gruppenmitglieder unmerklich aufgegriffen und evtl. weiterentwickelt werden. Häufig geben solche „Fehler“ einer musikalischen Gestaltung eine völlig neue Richtung, die auch für die Anleitenden überraschend sein kann. Im richtigen Tempo gespielt oder gesungen, verbessert ein solcher „Fehler“ die Qualität eines Live-Arrangements im Vergleich zur unsicher reproduzierten Vorgabe erheblich.

Für das fehlerfreie Musizieren „haften“ somit also die Anleitenden! Wenn beispielsweise bei der Nutzung der → Call-Call-Technik die Gruppe ein Pattern fehlerhaft wiederholt, habe ich das falsche Pattern (nämlich ein zu kompliziertes) vorgegeben. Das bedeutet wiederum, dass ein ganz entscheidender Teil der Arbeit mit Live-Arrangements das Zuhören ist: Die Anleitenden müssen stets darauf achten, in welcher Qualität bzw. Stabilität ein Pattern wiederholt wird und erst dann – „live“ in der Lernsituation – entscheiden, welches Pattern als nächstes kommen muss.

Elementares und exemplarisches Arbeiten

Bei der Arbeit mit dem vorliegenden Buch stellt es eine besondere Herausforderung dar, dass dieses Medium nur schriftlich fixierte Notenbeispiele zulässt. Die zum Buch gehörenden Video­beispiele können in einem schon eher angemessenen Medium zwar exemplarisch verdeutlichen, wie man Live-Arrangements anleitet, aber auch diese sind letztlich konserviert und können damit jeweils nur einige winzige Möglichkeiten der letztlich unbegrenzten Kombinationsmöglichkeiten des benutzten musikalischen Materials aufzeigen. Alle Übungen in Buch und auf DVD dienen damit also lediglich zur exemplarischen Verdeutlichung. Sie können und müssen stets den besonderen Erfordernissen vor Ort ange­passt werden.

Ein Buch über das Live-Arrangement ist also nicht widerspruchsfrei, denn die schriftliche Fixierung einer auf Mündlichkeit und Variabilität ausgerichteten Methode provoziert Miss­verständnisse. So wirkt eine rein verbale Beschreibung des Live-Arrangierens oft umständlich und erfordert ungeheuer viel Text; die Notation der einzelnen Schritte eines Live-Arrangements dagegen wirkt oft banal und ein solcher Umgang mit Musik erscheint sowohl für Lernende als auch für Lehrende je nach Blickwinkel gleichzeitig als Über- oder Unterforderung:

•Auf Seiten der Lehrenden erfordert die Anleitung eines Live-Arrangements sehr gut ausgebildete Musikerinnen und Musiker, da sie sehr viel direkt abrufbares musikbezo­genes Wissen voraussetzt.

•Auf Seiten der Lernenden ermöglicht das Live-Arrangement auch einer Gruppe ohne jegliche Kenntnisse und Fertigkeiten das möglichst anspruchsvolle Musizieren von der ersten Minute an, womit es zu Beginn immer eine Form des Laienmusizierens darstellt, das wiederum den dafür erforderlichen gut ausgebildeten Lehrenden häufig zu eintönig erscheint.

Dieses scheinbare Dilemma kann nur dann gelöst werden, wenn in der elementaren Arbeit die musikalisch und musikpädagogisch am besten Ausgebildeten beschäftigt werden, damit bereits der erste Einstieg in das Gruppenmusizieren so anspruchsvoll wie möglich gestaltet werden kann. Vereinfacht ausgedrückt: Je weniger eine Gruppe kann, desto mehr müssen diejenigen können, die diese Gruppe musikalisch anleiten, denn ein stabiles Fundament ist entscheidend für das gesamte musikalische Gebäude.