Lockwood & Co. - Der Verfluchte Dolch - Jonathan Stroud - E-Book

Lockwood & Co. - Der Verfluchte Dolch E-Book

Jonathan Stroud

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Beschreibung

Ein neuer Fall für die genialen Geisterjäger von Lockwood & Co.

Ein mysteriöser und vermutlich lebensgefährlicher Geist geht um in den Hallen der St. Simeon Schule in London. Er lauert in den Schatten, verbreitet Angst und eiskalten Schrecken — und ist bewaffnet mit einem tödlich scharfen Dolch ... Der Direktor wendet sich in seiner Sorge an niemand anderen als die talentierten Geisterjäger Anthony Lockwood, Lucy Carlyle und George Cubbins. Doch werden die drei Freunde von Lockwood & Co. die Nacht mit dem grausamen Geist überleben können?

Jonathan Stroud schreibt unvergleichlich witzig und ironisch und sorgt mit den spannenden Abenteuern von Lockwood & Co für Gänsehaut und schlaflose Nächte.

Lese-Empfehlung: Kann vor, während oder nach der Lektüre der Bände 1-5 der Reihe gelesen werden.

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Seitenzahl: 121

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JONATHAN STROUD

DER VERFLUCHTE DOLCH

Aus dem Englischen vonKatharina Orgaß und Gerald Jung

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1. Auflage

Erstmals als cbt E-Book Februar 2019

© 2015 Jonathan Stroud

Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel

»Lockwood & Co. – Dagger in the Desk« bei Random House Children’s Books, London

© 2019 für die deutschsprachige Ausgabe

cbj Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Übersetzung: Gerald Jung und Katharina Orgaß

Umschlagbild und –gestaltung: bürosüd, München

MP · Herstellung: UK

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-23450-8V002

www.cbj-verlag.de

Ganz Großbritannien befindetsich in den Fängen einer Geisterepidemie.

Seit nunmehr fünfzig Jahren suchen die ruhelosen Seelen der Toten in ständig wachsender Zahl die Insel und ihre Bewohner heim – keiner weiß, wie oder warum. Bei Einbruch der Dunkelheit verbarrikadieren sich daher die Londoner in ihren Häusern, deren Anwesen mit einer Vielzahl an Geisterabwehrmechanismen bewehrt sind. Dann liegen die Straßen verlassen da – bis die Schatten sich rühren. Nun ist es an den Schemen, Alben und Wiedergängern, die Stadt für die Nacht zu der ihren zu machen.

Manche der Phantome gieren danach, mit den Lebenden in Kontakt zu treten, doch die Folgen sind fatal für die Menschen. Die für das Übernatürliche blinden und tauben Erwachsenen sind besonders wehrlos gegenüber der damit einhergehenden tödlichen Geistersieche. Sie müssen deshalb ganz auf die Jugendlichen der Stadt vertrauen – denn einige von diesen verfügen über eine angeborene übernatürliche Gabe, Kraft derer sie die Geister in Schach halten können. Deshalb beschäftigen die zahlreichen zur Abwehr der Plage entstandenen Geister-Agenturen Teams jugendlicher Agenten, die mit Degen bewaffnet ausziehen, die tödliche Gefahr zu bekämpfen. Die Begabten unter ihnen kehren heim. Viele andere nicht.

Zwischen diesen zahllosen von Erwachsenen geführten Agenturen ist Lockwood & Co. die kleinste und außergewöhnlichste. Sie besteht aus genau drei Agenten: ihrem dynamischen Anführer Anthony Lockwood, der so charmant wie genial ist; seinem Stellvertreter George, akribischer Rechercheur und unerschütterlich treuer Freund, wenn es an der Front brenzlig wird; und dem neuesten Mitglied Lucy Carlyle – mutig, gewitzt und mit einem beachtlichen übernatürlichen Talent gesegnet.

Gemeinsam haben die drei Agenten von Lockwood & Co. trotzdem alle Hände voll damit zu tun, dem Horror von London die Stirn zu bieten und dabei zu überleben.

Es war ein Wintermorgen, der Tag nach dem ziemlich unappetitlichen Abschluss des Falles mit den Schwebenden Fingern. Lockwood, George und ich hatten uns zu einem sehr späten Frühstück in der Küche eingefunden. Überall auf dem Tisch lagen Degen, Ketten und Salzbomben herum, und Georges mit Ektoplasma-Brandflecken gesprenkelte Jacke hing qualmend über einem Stuhl. Neben der Cornflakes-Packung stand ein Silberglasbehälter mit einer abgetrennten Hand, sicher verwahrt und zur baldigen Entsorgung bestimmt. So was ist in unserem Haushalt ganz normal und verdirbt niemandem den Appetit. Wir fingen gerade mit der zweiten Runde Tee und Toast an, als die Glocke an der Haustür betätigt wurde.

»Vielleicht ein Klient«, meinte Lockwood. »Geh doch mal nachsehen, Lucy.«

»Wieso ich?«, fragte ich unwillig.

»Weil ich noch im Schlafanzug bin und George Marmelade im Gesicht hat.«

Weil er damit leider recht hatte, konnte ich schlecht etwas dagegen einwenden. Also ging ich zur Tür und öffnete. Vor mir stand ein kleiner, dicker Mann mit rosigen Wangen und zerzaustem aschblonden Schopf. Er trug einen braunen Tweedanzug, und seine weit aufgerissenen Augen drückten blankes Entsetzen aus.

»B-bitte entschuldigen Sie die Störung«, stotterte er, »a-aber ich g-glaube, ich habe einen Geist gesehen.«

Ich schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. »Da sind Sie bei uns genau richtig. Kommen Sie doch bitte herein.«

Ich ließ den verängstigten Mann auf dem Sofa Platz nehmen und stellte eine Tasse Tee sowie ein paar Kekse vor ihn auf den Tisch, was sein Unbehagen aber nur noch zu verschlimmern schien. Seine Hände zitterten, seine Zähne klapperten, seine Augen huschten ängstlich hin und her, als fürchte er, dass gleich etwas aus der Wand schlüpfen und ihn fressen würde. Als Lockwood (inzwischen komplett bekleidet) und George (halbwegs marmeladenfrei) hereinkamen, sprang er wie angestochen auf und kippte sich Tee übers Hemd.

Lockwood gab ihm die Hand. »Ich bin Anthony Lockwood und das hier sind meine Kollegen George Cubbins und Lucy Carlyle. Was können wir für Sie tun?«

»Mein Name ist Samuel Whitaker«, antwortete der rosawangige Mann. »Ich bin Direktor der St.-Simeons-Akademie für außergewöhnlich begabte junge Menschen, einer renommierten Schule in Hammersmith. Wir sind eine altehrwürdige Institution, die aber im Lauf der Zeit modernisiert und großzügig umgebaut wurde. Erst letzten Monat haben wir eine neue Bibliothek eingeweiht, und ungefähr zu dem Zeitpunkt ging es mit …«, er schluckte hörbar, »… mit den Zwischenfällen los.« Der Direktor machte eine Pause.

»Den Kindern ist es zuerst aufgefallen«, fuhr Mr Whitaker dann fort. »Den Schülern der 2A. Sie beklagten sich über einen unangenehmen Geruch. Weil das Klassenzimmer der 2A neben der Knabentoilette liegt, habe ich mir nichts weiter dabei gedacht. Aber sie berichteten auch von sonderbarer Kälte und unerklärlichen Beklemmungen … und von leisem Klirren, das sie gehört hätten.«

»Was war das für ein Klirren?«, fragte George. »Eher wie Handschellen oder eher wie Ketten?«

»Das weiß ich nicht. Als Erwachsener bin ich für derlei ja unempfänglich. Ich habe folglich nichts gehört.«

»Und wann treten diese Phänomene auf?«

»Immer am späten Nachmittag, wenn es draußen dunkel wird. Gestern war es wohl besonders schlimm. Ich unterrichtete gerade in der 2A. Als die Stunde zu Ende war und die Kinder ihre Sachen zusammenpackten, beklagten sie sich wieder über die Kälte und den unangenehmen Geruch, und dann wurde etwas in den Raum geworfen. Es flog mitten durch die Glastür, sauste durch die Luft und bohrte sich in mein Pult. Es war ein Messer, Mr Lockwood! Ein Messer mit einer langen, dünnen Klinge und einem altmodischen Griff! Nach ein paar Schrecksekunden rannte ich in den Flur hinaus und schaute nach links und rechts. Ganz kurz glaubte ich aus dem Augenwinkel heraus eine Gestalt zu sehen … eine gebeugte, entstellte Figur, gleich an der Tür zur Bibliothek. Aber als ich mich zu ihr umwandte, war sie verschwunden. Trotzdem hatte ich so ein Gefühl, als würde mich etwas beobachten … etwas Boshaftes, Rachsüchtiges.« Mr Whitaker fröstelte. »Da hat es mir gereicht! Ich habe die Schule geschlossen, und jetzt hoffe ich, dass Sie mir helfen können.«

»Wir werden unser Möglichstes tun«, versicherte ihm Lockwood. »Eine Frage noch: Was haben Sie mit dem Messer gemacht?«

Der Schuldirektor wirkte leicht verunsichert. »Es hat sich so tief in mein Pult gebohrt, dass ich es nicht herausziehen konnte, also habe ich es stecken lassen. Es müsste noch dort sein.«

Lockwood schnalzte mit der Zunge. »Hoffentlich … Aber das werden wir heute Nacht ja sehen. Gehört das Klassenzimmer der 2A zum alten Teil des Gebäudes?«

»Ja, es ist schon hundert Jahre alt. Man sieht es an der Wandvertäfelung.«

»Und liegt es in der Nähe der neuen Bibliothek?«

»Die ist nur ein paar Türen weiter den Gang entlang.«

»Danke, das genügt uns, Mr Whitaker. Wir sind dann eine Stunde vor Anbruch der Dunkelheit an der Schule. Sie lassen die Tür für uns offen?«

»Selbstverständlich.« Der kleine Mann zögerte. »Aber ich muss doch hoffentlich nicht auch …«

Lockwood grinste. »Keine Sorge, wir finden uns allein zurecht.« Er stand auf und reichte dem Schuldirektor die Hand. »Auf Wiedersehen. Wir melden uns gleich morgen früh bei Ihnen.«

»Was meint ihr«, fragte ich, als wir unserem Kunden nachschauten, wie er durch den Vorgarten watschelte und dann die Straße hinabeilte. »Ein Poltergeist?«

Lockwood schüttelte den Kopf. »Poltergeister werfen zwar Sachen durch die Gegend, aber sie manifestieren sich nicht. Und Whitaker hat ja eine Gestalt gesehen.«

George hatte die Brille abgenommen und rieb mit einem Pulloverzipfel auf den verschmierten Gläsern herum. »Das gefällt mir nicht«, brummelte er. »Das gefällt mir ganz und gar nicht. Ein Geist, der mit spitzen Gegenständen um sich schmeißt, noch ehe es richtig dunkel ist! Da ist äußerste Vorsicht geboten!«

»Ach, halb so wild«, erwiderte Lockwood unbekümmert. »Das schaffen wir schon.« Er reckte sich und gähnte. »Wer möchte denn noch einen Toast?«

* * *

Der Tag verging. Wir bereiteten im Untergeschoss alles vor und packten unsere Siebensachen zusammen. Da Geister Eisen und Silber nicht ausstehen können, und Salz genauso wenig, gehören diese drei Dinge zu den wichtigsten Bestandteilen unserer Ausrüstung.

Ich überprüfte alle Glieder der Eisenketten für unsere Bannkreise, George füllte die Behälter mit Salz und Eisenspänen auf, und Lockwood verteilte an jeden eine Leuchtbombe. Wir bestückten unsere Arbeitsgürtel und übten noch ein bisschen Fechten. Anschließend schlangen wir ein paar belegte Brote herunter, warfen unsere Taschen über die Schultern und machten uns nach Hammersmith auf.

Es war ein stürmischer, nasskalter Spätnachmittag, der Wind trieb welkes Laub und Abfall vor sich her. Die Geisterlampen in den Straßen brannten schon.

Die St.-Simeons-Akademie entpuppte sich als weitläufige Ansammlung unansehnlicher Gebäude nahe der Autobahnüberführung. Das von den Londoner Abgasen dunkel verfärbte Hauptgebäude war eine wilde Ansammlung steiler Dächer, gotischer Türmchen und schmaler Fenster, die uns, als wir näher kamen, schwarz entgegenblinkten. Die neueren Seitenflügel aus Glas und Beton waren nicht weniger hässlich.

George musterte das Ganze mit finsterer Miene. »Da wimmelt’s nur so von Geistern«, verkündete er. »Das spür ich schon von hier aus.«

»Damit kommen wir schon klar«, entgegnete Lockwood. »Lasst uns reingehen.«

Unter dem Vordach brannte nur eine einsame Lampe, die Tür tat sich bei der ersten Berührung knarrend auf. Lockwood ging als Erster hinein, dann ich und als Letzter George.

Wir sahen uns um.

Wir standen in einer gefliesten Eingangshalle. Überall hingen von den Schülern gemalte Bilder, auf einer Seite befand sich eine Art Empfangstresen. Es roch wie in den meisten Schulen nach Bohnerwachs, miefenden Socken und verkochtem Essen. Vor uns erstreckte sich ein langer, getäfelter Flur mit massiven Türen auf beiden Seiten. Weil es draußen immer dunkler wurde, konnten wir das Ende des Flurs nicht erkennen.

Wir blieben erst einmal stehen und setzten unsere jeweiligen Gaben ein. Lockwood und George hielten nach geisterhaften Spuren Ausschau, ich lauschte auf übernatürliche Geräusche.

Alles lag totenstill da. Ich hörte nichts. Beziehungsweise fast nichts, denn einmal glaubte ich ein leises metallisches Klirren vernommen zu haben …

Doch es war gleich wieder verstummt. Außerdem weit weg. Noch.

»Gut«, sagte Lockwood. »Dann wollen wir mal. Wir gehen direkt ins Klassenzimmer der 2A.«

George hob die Hand. »Augenblickchen. Oberste Regel für Ermittler: Richte dir erst einen sicheren Ort ein, bevor du dich weiter in ein heimgesuchtes Gebäude hineinwagst. Wir sollten hier einen Bannkreis ziehen, in den wir uns flüchten können, falls etwas schiefgeht.«

Lockwood winkte ab. »Wozu? Der Geist ist noch meilenweit entfernt. Das wäre die reinste Kettenverschwendung.«

George funkelte ihn durch seine kleinen Brillengläser an. »Jedes Jahr sterben Dutzende Agenten, weil sie es mit den Sicherheitsvorkehrungen nicht so genau nehmen! Vorsicht ist besser als Nachsicht und es dauert nicht mal eine Minute.«

»Ich bin dafür, dass wir nicht lange fackeln und den Geist aufspüren«, gab Lockwood zurück. »Was meinst du, Lucy?«

»Ich dachte eigentlich, wir sehen uns zuerst in der neuen Bibliothek um«, sagte ich. »Laut Whitaker haben die Heimsuchungen angefangen, nachdem sie errichtet wurde. Vielleicht haben die Bauarbeiten ja irgendetwas Übernatürliches aufgestört und der Geist haust genau dort.«

Lockwood nickte bedächtig. »Da ist was dran. Gut, dann werfen wir auf dem Weg zum Klassenzimmer einen Blick in die Bibliothek und führen ein paar Messungen durch. Apropos – was sagt das Thermometer?«

George, der vor sich hin grummelte, weil wir nicht auf ihn hören wollten, hakte sein Thermometer vom Gürtel und schaute auf die fluoreszierende Anzeige. »Sechzehn Grad.«

»Schön. Behalte die Temperatur im Auge, und gib mir Bescheid, wenn sie sich ändert.«

Ein jäher Temperaturabfall ist immer ein Zeichen für unmittelbar bevorstehende übernatürliche Aktivitäten. Ein Vorbote, der Leben retten kann. Im Fall der Heimsuchung im Haus an der Bucht beispielsweise sank die Temperatur um volle zehn Grad, als ich das Badezimmer unter dem Dach betrat. Ich konnte gerade noch meinen Degen ziehen, ehe der Alb aus den Fliesen glitt.

Aber sechzehn Grad waren kein Grund zur Besorgnis. Wir rückten unsere Taschen zurecht und gingen mit einer Hand am Waffengürtel weiter.

Wir befanden uns eindeutig im alten Teil des Gebäudes, denn die Eichenvertäfelung reichte bis auf halbe Höhe der weiß verputzten Wände, die darüber bis unter die Decke mit Anschlagtafeln und gerahmten Fotografien gepflastert waren. Man sah Sportmannschaften, die Gewinner von Wettbewerben und Gruppenaufnahmen von Schülern und Lehrern, die aufgereiht in die Kamera blickten. Um mehr zu erkennen, war es zu dunkel, weil wir die Taschenlampen immer nur kurz anknipsten, wenn wir die Schilder an den Türen lesen wollten.

»Klasse 1A, 1B …«, las Lockwood halblaut vor, »1C, Chemieraum … wo ist denn diese blöde Bibliothek?«

Ein Geräusch hallte durch die Dunkelheit. Wie ein dumpfes Ächzen, das sofort wieder verstummte.

Ich blieb stehen. »War das dein Magen, George?«

Er sah mich verständnislos an. »Was soll mein Magen gewesen sein? Ich hab nichts gehört.«

»Ich auch nicht«, schloss Lockwood sich ihm an. »Was hast du denn gehört, Lucy?«

Darin besteht nämlich meine Gabe. Ich höre Dinge, die andere nicht erfassen können. »So ein schauerliches Ächzen. Wie eine rostige Türangel. Oder ein Sargdeckel, der sich langsam öffnet.«

»Hä?«, sagte George. »Und du denkst, das könnte mein Magen gewesen sein?«

»Der macht auch so komische Geräusche, wenn du Hunger hast.«

Er überlegte kurz und erwiderte dann: »Hm. Wahrscheinlich hast du nicht ganz unrecht.«

»Und wo kam das Geräusch her?«, wollte Lockwood wissen.

»Keine Ahnung … von irgendwo weiter vorn.«

»Sehr gut. Dann stimmt schon mal die Richtung.«

Unsere Sohlen tappten vernehmlich über die Dielen, als wir weiterliefen. Bald darauf kam das Ende des Flurs in Sicht. Nach rechts und links gingen Seitenflure ab, vor uns tauchte eine große verglaste Tür auf, die moderner wirkte als die, an denen wir bisher vorbeigekommen waren. Daneben hing ein geschnitztes Holzschild mit einer Aufschrift. Lockwood richtete die Taschenlampe darauf.

»Ernest Potts-Gedenkbibliothek«, las er laut vor. »Das muss sie sein.«

Er hatte noch nicht ausgesprochen, als ein kalter Luftzug über uns hinwegwehte. Wir schwenkten sofort unsere Taschenlampen herum und leuchteten hektisch in die Flure hinein, entdeckten aber nichts.

»Die Temperatur sinkt«, meldete George. »Nur noch elf Grad.«

»Degen bereithalten!«, kommandierte Lockwood und stieß die Glastür auf.