Bartimäus - Das Amulett von Samarkand - Jonathan Stroud - E-Book

Bartimäus - Das Amulett von Samarkand E-Book

Jonathan Stroud

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Beschreibung

Sie sind ein Team wider Willen. Aber gemeinsam unschlagbar!

»Dämonen sind überaus heimtückisch. Sie fallen dir in den Rücken, sobald sich ihnen auch nur die geringste Gelegenheit dazu bietet. Hast du verstanden?«
Und ob Nathanael verstanden hat. Er weiß genau, was es mit der Macht von Dämonen auf sich hat. Aus diesem Grund hat er sich ja für Bartimäus entschieden, den 5.000 Jahre alten, ebenso scharfsinnigen wie spitzzüngigen Dschinn. Nathanael braucht einen mächtigen Mitspieler für seinen Plan, denn er will sich rächen! Der Auftrag an Bartimäus ist klar: Er soll das Amulett von Samarkand stehlen, das im Besitz von Simon Lovelace ist.
Doch Nathanael hat keine Ahnung, wie gefährlich dieses Amulett ist. Bevor er und Bartimäus sich versehen, geraten sie in einen reißenden Strudel mörderisch-magischer Intrigen.


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Jonathan Stroud

Das Amulett von Samarkand

Roman

Aus dem Englischen von Katharina Orgaß und Gerald Jung

Copyright

Die englische Originalausgabe erschien 2003 unter dem Titel »The Bartimaeus Trilogy – The Amulet of Samarkand« bei Random House Children’s Books, London

Copyright © 2003 Jonathan Stroud

Copyright © 2004 für die deutschsprachige Ausgabe cbj/C. Bertelsmann Jugendbuch Verlag, München in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Lektorat: Textpraxis, Hamburg, Marion Schweizer

ISBN 978-3-89480-166-3

www.randomhouse.de

Inhaltsverzeichnis

Teil Eins123456 7 8 9 10 11 12 13 14 Teil Zwei 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 Teil Drei 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 Fußnoten Über das Buch Über den AutorCopyright

Für Gina

Teil Einss

1

Die Temperatur im Zimmer sank rasch. Eis bildete sich auf den Vorhängen und überzog die Deckenlampen mit einer dicken Kruste. Die Glühfäden sämtlicher Birnen schnurrten zusammen und verglommen, und die Kerzen, die wie eine Kolonie Giftpilze aus jeder freien Fläche sprossen, erloschen. Das abgedunkelte Zimmer füllte sich mit einer stickigen gelben Schwefelwolke, in der verschwommene schwarze Schatten wühlten und waberten, und von weit her erklang ein vielstimmiger Schrei. Plötzlich drückte etwas gegen die Tür, die hinaus zur Treppe führte. Das ächzende Gebälk wölbte sich. Unsichtbare Füße patschten über die Dielen und unsichtbare Lippen zischelten Niederträchtigkeiten hinter dem Bett und unter dem Schreibtisch hervor.

Der Schwefeldampf verdichtete sich zu einer dicken Rauchsäule und würgte kleine Tentakel aus, die wie Zungen in die Luft leckten und sich wieder zurückzogen. Die Säule stand direkt über dem Pentagramm und brodelte unablässig zur Decke empor wie die Rauchwolke über einem Vulkan. Dann, nach einer kaum merklichen Unterbrechung, tauchten mitten im Rauch zwei gelbe, stechende Augen auf.

Also bitte – es war sein erstes Mal. Ich wollte ihm einen Schrecken einjagen!

Was mir auch gelang. Der dunkelhaarige Junge stand in einem zweiten, kleineren, mit verschiedenen Runen ausgemalten Drudenfuß, etwa einen Meter neben dem eigentlichen Pentagramm. Er war leichenblass und zitterte wie Espenlaub. Er klapperte mit den Zähnen. Schweißperlen tropften ihm von der Stirn, erstarrten im Fallen zu Eis und klirrten wie Hagelkörner auf den Fußboden.

Alles schön und gut, aber – was soll’s? Ich meine, er sah aus wie gerade mal zwölf. Aufgerissene Augen, eingefallene Wangen. So erhebend ist es nun auch wieder nicht, ein mickriges Bürschlein zu Tode zu erschrecken. 1

Daher schwebte ich abwartend auf der Stelle und hoffte, es würde nicht allzu lange dauern, bis er die Entlassungsformel sprach. Um mir die Zeit zu vertreiben, ließ ich blaue Flammen so am Innenrand des Pentagramms emporzüngeln, als versuchten sie auszubrechen und nach ihm zu schnappen. Natürlich reiner Hokuspokus. Ich hatte bereits alles überprüft. Das Siegel war recht ordentlich gezogen und er hatte sich nirgendwo verschrieben. Schade.

Schließlich sah es so aus, als hätte der Bengel genug Mut gefasst, um zu sprechen. Jedenfalls schloss ich das aus dem Beben um seine Lippen, das nicht nur von nackter Angst herzurühren schien. Ich ließ das blaue Feuer erlöschen und ersetzte es durch einen widerlichen Gestank.

Der Junge sagte etwas. Ziemlich piepsig.

»Ich befehle dir… mir… mir…«Nun mach schon!»…d-d-deinen N-Namen zu nennen.«

So fangen sie immer an, die Jungen. Sinnloses Gestammel. Er wusste genauso gut wie ich, dass er meinen Namen schon kannte – wie hätte er mich sonst beschwören können? Dazu bedarf es der richtigen Worte, der richtigen Gesten und vor allem des richtigen Namens. Ich meine, es ist ja nicht so, als bestellte man ein Taxi – bei einer Beschwörung kommt nicht einfach irgendwer!

Ich wählte eine volle, tiefe, samtig dunkle Stimme, so eine, die von überall und nirgends ertönt und Anfängern die Haare zu Berge stehen lässt.

»BARTIMÄUS.«

Der Kleine schluckte schwer, als er das hörte. Immerhin – er war also nicht ganz dumm: Er wusste, wer und was ich war. Er kannte meinen Ruf.

Als er seine Spucke runtergewürgt hatte, stotterte er weiter: »I-Ich befehle dir nochmals zu antworten. Bist du jener B-Bartimäus, der in alten Zeiten von den Magiern beschworen wurde, die Mauern von Prag wieder aufzurichten?«

Was für ein elender Umstandskrämer. Welcher Bartimäus sollte ich wohl sonst sein? Diesmal drehte ich die Lautstärke ein bisschen auf. Das Eis auf den Glühbirnen knisterte wie karamellisierter Zucker. Die Fensterscheiben hinter den schmutzigen Vorhängen summten und vibrierten. Der Junge schwankte.

»Ich bin Bartimäus! Ich bin Sakhr al-Dschinni, N’gorso der Mächtige und die Silbergefiederte Schlange. Ich richtete die Mauern von Uruk, Karnak und Prag wieder auf. Ich sprach mit König Salomo. Ich galoppierte mit den Büffelvätern über die Prärie. Ich wachte über das Alte Simbabwe, bis seine Wälle zerfielen und die Schakale seine Bewohner fraßen. Ich bin Bartimäus! Ich kenne weder Herrn noch Meister. Deshalb frage ich dich, mein Junge: Wer bist du, dass du mich rufst?«

Echt eindrucksvoll, was? Und obendrein wahr, was dem Ganzen noch mehr Nachdruck verleiht. Aber ich wollte nicht einfach nur auf den Putz hauen. Ich hoffte das Bürschlein dazu zu verleiten, mir seinerseits seinen Namen zu verraten, damit ich etwas in der Hand hatte, wenn er mal nicht aufpasste. 2 Aber ich hatte Pech.

»Bei den Kräften des Kreises, den Zacken des Pentagramms und dem Ring der Runen – ich bin dein Herr und Meister! Du hast mir zu gehorchen!«

Irgendwie war es demütigend, diese alte Leier aus dem Mund so eines schmächtigen Knirpses zu hören, noch dazu mit dieser nervigen Piepsstimme. Ich verkniff mir, ihm gehörig die Meinung zu geigen, und intonierte stattdessen die übliche Erwiderung. Hauptsache, es war rasch vorbei.

»Was ist dein Begehr?«

Ich muss allerdings zugeben, dass ich überrascht war. Die meisten Anfänger wollen erst mal nur gucken. Sie möchten einen Blick hinter den Vorhang werfen und sich an ihrer künftigen Macht berauschen, sind aber viel zu nervös, um sie wirklich auszuprobieren. So einen kleinen Scheißer wie diesen, der sich gleich als Erstes traut, Wesenheiten wie mich anzurufen, findet man selten.

Der Junge räusperte sich. Sein großer Auftritt war gekommen. Darauf hatte er sich lange vorbereitet. Davon hatte er seit Jahren geträumt, statt auf seinem Bett herumzulümmeln und an Rennautos oder Mädchen zu denken. Mürrisch wartete ich auf seinen lächerlichen Befehl. Was hatte er sich wohl ausgedacht? Meistens sollte ich einen Gegenstand schweben lassen oder quer durchs Zimmer bewegen. Vielleicht wollte er auch, dass ich irgendein Trugbild herbeihexte. Das könnte lustig werden, denn es gab bestimmt eine Möglichkeit, den Befehl falsch zu verstehen und den Jungen aus der Fassung zu bringen. 3

»Ich befehle dir, das Amulett von Samarkand aus dem Haus von Simon Lovelace zu holen und es mir morgen bei Sonnenaufgang, wenn ich dich wieder rufe, herzubringen.«

»Was soll ich?«

»Ich befehle dir…«

»Schon gut, ich hab’s gehört.« Ich wollte nicht gereizt klingen. Es rutschte mir einfach so raus. Auch die Grabesstimme verrutschte mir ein bisschen.

»Dann geh!«

»Moment mal!« Ich spürte dieses komische Gefühl im Magen, das man immer hat, wenn man entlassen wird. Als würde einem das Gedärm zum Hintern rausgezogen. Die Formel muss dreimal gesprochen werden, bevor man endgültig verschwinden muss, falls man es darauf anlegt, noch ein Weilchen dort herumzuhängen.

Normalerweise legt man es nicht darauf an. Aber diesmal rührte ich mich nicht vom Fleck, sondern blieb ein glühendes Augenpaar in einer bösartig blubbernden Rauchsäule.

»Weißt du überhaupt, was du da verlangst, Kleiner?«

»Ich wünsche kein Gespräch mit dir, keinen Streit und keine Verhandlungen. Ich lasse mich nicht auf Rätsel noch auf Wetten oder Glücksspiele ein und schon gar nicht…«

»Auch mir liegt wahrhaftig nichts daran, mich mit einer halben Portion wie dir abzugeben, also verschone mich gefälligst mit deinem auswendig gelernten Humbug. Offenbar versucht jemand, dich für seine Zwecke zu missbrauchen. Wahrscheinlich dein Meister, hab ich Recht? Ein feiger Tattergreis, der ein Kind vorschickt.« Ich nahm den Rauch ein wenig zurück und offenbarte zum ersten Mal meine Gestalt, aber nur verschwommen. »Wenn du danach trachtest, einen richtigen Zauberer zu bestehlen, indem du mich beschwörst, spielst du doppelt mit dem Feuer. Wo sind wir hier überhaupt? In London?«

Er nickte. Klar war das London. Irgendein heruntergekommenes Reihenhaus. Ich spähte durch die Rauchschwaden ins Zimmer. Niedrige Decke, wellige Tapete, an der Wand der verblichene Druck einer düsteren holländischen Landschaft. Einen komischen Geschmack hatte der Junge. Ich hätte eher Popsängerinnen oder Fußballspieler erwartet… Die meisten Zauberer sind schon in ihrer Jugend schrecklich angepasst.

»Du Ärmster –«, meine Stimme klang sanft und mitleidsvoll, »die Welt ist schlecht und man hat dich schlecht auf sie vorbereitet.«

»Ich habe keine Angst vor dir! Ich habe dir einen Auftrag erteilt und fordere dich auf zu gehen!«

Die zweite Entlassung. Meine Eingeweide fühlten sich an wie von einer Dampfwalze überrollt, und ich spürte, wie meine Gestalt flackerte und flimmerte. Trotz seiner Jugend verfügte dieser Knabe über beträchtliche Macht.

»Nicht mich hast du zu fürchten, jedenfalls vorerst nicht. Simon Lovelace wird dir schon selbst die Hölle heiß machen, wenn er merkt, dass man ihm sein Amulett gestohlen hat, und dein jugendliches Alter wird für ihn kein Anlass zur Nachsicht sein.«

»Du musst mir zu Diensten sein.«

»Schon gut.« Eins musste man ihm lassen: Er war fest entschlossen. Und ziemlich dumm.

Er hob die Hand. Ich vernahm die erste Silbe des Methodischen Schraubstocks. Er wollte mich durch Schmerzen gefügig machen.

Ohne mich mit weiteren Spezialeffekten aufzuhalten, machte ich mich davon.

2

Es schiffte wie aus Kübeln, als ich in der Abenddämmerung im Londoner Stadtteil Hampstead auf einer Straßenlaterne landete. Das war mal wieder typisch. Ich hatte die Gestalt einer Amsel angenommen, eines munteren kleinen Burschen mit leuchtend gelbem Schnabel und pechschwarzem Gefieder, aber bei so einem Mistwetter blieb keine Feder trocken. Ich drehte das Köpfchen und entdeckte auf der anderen Straßenseite eine hohe Buche. Am Boden häufte sich rings um den Stamm vermodertes Laub – die Novemberstürme hatten bereits die Blätter heruntergefegt –, doch ihr dichtes Geäst versprach ein wenig Schutz. Als ich hinüberflog, brummte unter mir ein einsames Auto die breite, dunkle Vorortstraße entlang. Hinter hohen Mauern und immergrünen Hecken schimmerten die hässlichen weißen Fassaden stattlicher Villen wie bleiche Totengesichter. Na ja, vielleicht lag es auch an meiner Stimmung, dass sie mir so vorkamen. Fünferlei störte mich. Zunächst einmal hatte der dumpfe Schmerz eingesetzt, der jede körperliche Erscheinung begleitet, diesmal spürte ich ihn in den Federn. Abermals die Gestalt zu wechseln, hätte den Schmerz eine Weile in Grenzen gehalten, andererseits konnte gerade das in diesem kritischen Stadium der Unternehmung unnötiges Aufsehen erregen. Solange ich nicht wusste, ob die Luft rein war, musste ich Vogel bleiben.

Zweitens das Wetter. Kein Kommentar.

Drittens hatte ich die Nachteile von Körpern völlig vergessen. Es juckte mich am Schnabelansatz, und ich versuchte vergeblich, mich mit dem Flügel zu kratzen.

Viertens der Junge. Was ihn betraf, hatte ich Fragen über Fragen. Wer war er? Wieso war er lebensmüde? Wie konnte ich es ihm heimzahlen, ehe ihn die gerechte Strafe für sein Ansinnen ereilte? So was spricht sich rum, und ich würde Prügel dafür beziehen, dass ich mich von so einem Nichtsnutz herumscheuchen ließ.

Fünftens… das Amulett. Nach allem, was ich gehört hatte, ein äußerst zauberkräftiger Gegenstand. Keine Ahnung, was der Wicht damit anfangen wollte, wahrscheinlich wusste er es selber nicht. Vielleicht wollte er es sich als Modeschmuck um den Hals hängen. Vielleicht war Amulettabziehen ja gerade der letzte Schrei, sozusagen die Zauberervariante von Radkappenklauen. Wie auch immer, zunächst einmal musste ich es beschaffen, und das war kein leichtes Unterfangen, nicht einmal für mich.

Ich schloss meine Amseläuglein und öffnete meine inneren Augen, eins nach dem andern, jedes auf einer anderen Ebene.4 Dann schaute ich mich nach allen Seiten um und hüpfte dabei auf meinem Ast hin und her, um mir einen möglichst guten Überblick zu verschaffen. Nicht weniger als drei Villen in der Straße verfügten über magische Schutzvorrichtungen – ein Beweis, in was für einer piekfeinen Gegend ich mich befand. Die beiden weiter entfernten Häuser nahm ich nicht näher unter die Lupe, mich interessierte das Gebäude gegenüber, hinter der Laterne: der Wohnsitz von Simon Lovelace, dem Zauberer.

Auf der ersten Ebene war alles klar, aber die zweite hatte Lovelace mit einem Abwehrnetz versehen, das wie eine blaue Spinnwebe hinter der hohen Gartenmauer leuchtete. Es endete auch nicht an der Oberkante der Mauer, sondern wölbte sich wie eine riesige, schimmernde Kuppel über das Dach des niedrigen weißen Gebäudes und reichte auf dessen Rückseite wieder bis zum Boden.

Nicht schlecht. Aber damit wurde ich fertig.

Auf der dritten und vierten Ebene war nichts, aber auf der fünften entdeckte ich drei Wächter, die dicht unterhalb der Mauerkrone Streife flogen. Sie waren ganz und gar mattgelb und bestanden aus jeweils drei muskelbepackten Beinen, die um eine Knorpelnabe rotierten. Darüber saß ein formloser Klumpen mit zwei Mäulern und mehreren wachsamen Augen. Sie patrouillierten in unregelmäßigen Abständen an den Grenzen des Grundstücks. Instinktiv drückte ich mich an den Stamm der Buche, obwohl ich wusste, dass sie mich von dort drüben kaum bemerken konnten. Aus dieser Entfernung müsste ich eigentlich auf allen sieben Ebenen wie eine Amsel aussehen. Erst wenn ich näher heranflog, könnten sie meine Tarnung womöglich durchschauen.

Auf der sechsten Ebene war wieder alles klar. Aber die siebte… da stimmte etwas nicht. Ich konnte nichts Auffälliges feststellen – Haus, Straße, die Nacht… alles sah unverändert aus – und trotzdem… Nennt es von mir aus Intuition, aber ich war mir ganz sicher, dass dort etwas lauerte.

Nachdenklich wetzte ich den Schnabel an einem Astknorren. Wie ich vermutet hatte, war hier jede Menge mächtige Magie im Einsatz. Ich hatte schon von Lovelace gehört. Er galt als hervorragender Zauberer und gestrenger Zuchtmeister. Zum Glück hatte er mich noch nie in seine Dienste gezwungen, und ich verspürte auch keine große Lust, mir seine Feindschaft oder die seiner Sklaven zuzuziehen.

Aber ich musste dem verflixten Jungen gehorchen.

Die tropfnasse Amsel hob von ihrem Ast ab, segelte über die Straße, wobei sie elegant dem Lichtkreis der Straßenlaterne auswich, und landete auf einem räudigen Rasenfleck vor der Mauer. Dort hatte jemand für die Müllabfuhr am nächsten Morgen vier schwarze Plastiksäcke hingestellt. Die Amsel hüpfte dahinter. Eine Katze, die den Vogel von weitem beobachtet hatte,5 wartete kurz, ob er wieder hervorkäme, verlor dann die Geduld und flitzte neugierig hinterher. Doch hinter den Müllsäcken war kein Vogel mehr, kein schwarzer und auch sonst keiner. Nur ein frischer Maulwurfshügel.

3

Feuchte Erde im Mund ist einfach widerlich. So etwas ist einem Luft- und Feuerwesen nicht zuträglich. Bei solchen Gelegenheiten droht mich die Last des Erdbodens jedes Mal zu erdrücken. Deshalb bin ich auch so wählerisch in Bezug auf meine Erscheinungsformen. Vögel – na gut. Insekten – auch gut. Fledermäuse – in Ordnung. Alles, was schnell rennen kann, ist prima. Baumbewohner sind sogar noch besser. Unterirdische Lebewesen – nicht gut. Maulwürfe – ganz schlecht.

Aber wenn man einen Schutzschild umgehen will, darf man nicht wählerisch sein. Ich hatte ganz richtig vermutet, dass er nicht bis unter die Erde reichte. Der Maulwurf buddelte sich tief in den Boden, unter dem Mauerfundament hindurch. Obwohl ich mir fünfmal den Kopf an einem Stein stieß, ging kein magischer Alarm los.6 Nach zwanzig Minuten Wittern und Wühlen und etlichen Begegnungen mit saftigen Würmern, auf die meine Knopfnase bei jedem zweiten, dritten Scharren traf, erreichte ich wieder die Oberfläche.

Der Maulwurf streckte vorsichtig den Kopf aus dem kleinen Erdhaufen, den er auf Simon Lovelace’ makellosem Rasen aufgeworfen hatte, sah sich um und peilte die Lage. Im Erdgeschoss brannte Licht. Die Vorhänge waren zugezogen, die oberen Stockwerke dunkel, jedenfalls soweit es der Maulwurf erkennen konnte. Darüber wölbte sich die durchscheinende blaue Kuppel des magischen Abwehrnetzes. Ein gelber Wächter drehte drei Meter über dem Gebüsch seine stumpfsinnige Runde, die beiden anderen waren vermutlich hinter dem Haus.

Ich versuchte es noch einmal auf der siebten Ebene. Immer noch nichts, nur diese dumpfe Ahnung von Gefahr. Na schön.

Der Maulwurf tauchte wieder ab, buddelte sich unter den Graswurzeln näher an das Haus heran und kam im Blumenbeet direkt unter den Fenstern wieder zum Vorschein. Er dachte angestrengt nach. Es war nicht besonders sinnvoll, in dieser Gestalt weiterzumachen, sosehr es ihn auch lockte, in den Keller einzudringen. Eine andere Methode musste her.

Jetzt tönten Gelächter und Gläserklirren an seine pelzigen Ohren. Die Geräusche waren erstaunlich laut, sie kamen ganz aus der Nähe. Kaum einen halben Meter entfernt, befand sich ein geborstener alter Lüftungsschacht. Er führte ins Haus.

Erleichtert verwandelte ich mich in eine Fliege.

4

Aus dem Schutz des Lüftungsschachts spähte ich mit meinen Facettenaugen in einen ziemlich spießigen Salon. Ein dicker Florteppich, hässliche Streifentapeten, ein scheußliches Kristallungetüm, das einen Kronleuchter darstellen sollte, zwei altersbraune Ölgemälde, ein Sofa und zwei Sessel (ebenfalls gestreift), ein niedriger Couchtisch mit einem Silbertablett und auf dem Tablett eine Flasche Rotwein, aber keine Gläser. Letztere befanden sich in den Händen zweier Menschen.

Einer davon war eine Frau. Sie war relativ jung (für einen Menschen, soll heißen: unendlich jung) und, falls man auf üppige Erscheinungsformen steht, recht hübsch. Große Augen, kurzes dunkles Haar. Ich prägte sie mir sogleich ein. Wenn ich den Jungen am folgenden Tag wieder aufsuchte, würde ich ihm in ihrer Gestalt erscheinen – und zwar splitterfasernackt. Mal sehen, wie sein scharfer, aber trotz allem jugendlicher Verstand damit klarkam! 7

Zunächst beschäftigte mich jedoch eher der Mann, dem die Frau lächelnd zunickte. Er war groß, schlank, gut aussehend, intellektueller Typ und hatte das Haar mit einem durchdringend riechenden Gel streng nach hinten gekämmt. Des Weiteren hatte er eine kleine Halbbrille, einen breiten Mund, gesunde Zähne und ein vorspringendes Kinn. Mir war sofort klar, dass es sich um den Zauberer Simon Lovelace handelte. Lag es an der unbestimmten Ausstrahlung von Macht und Autorität? Daran, dass er sich hier ganz offensichtlich zu Hause fühlte? Oder an dem kleinen Kobold, der (auf der zweiten Ebene) über seiner Schulter schwebte und wachsam nach allen Seiten Ausschau hielt?

Verärgert rieb ich die Vorderbeine aneinander. Ich musste größte Vorsicht walten lassen. Der Kobold erschwerte mein Vorhaben beträchtlich. 8

Schade, dass ich keine Spinne war. Spinnen macht es nichts aus, stundenlang still zu sitzen, Fliegen sind viel zappeliger. Doch wenn ich mich jetzt verwandelte, merkte es der Sklave des Zauberers sofort. Ich musste meinen widerspenstigen Körper zwingen, noch eine Weile in Lauerstellung zu verharren, und den Schmerz ignorieren, der sich erneut einstellte, diesmal an der Innenseite meines Chitinpanzers.

Der Zauberer redete. Ohne Punkt und Komma. Die Frau schmachtete ihn mit so großen, törichten Hundeaugen an, dass ich sie am liebsten gepiekst hätte.

»…es wird ein ganz großes Ereignis, Amanda. Du wirst zum Liebling der Londoner Gesellschaft avancieren. Wusstest du schon, dass der Premierminister höchstpersönlich vorhat, deinem Anwesen einen Besuch abzustatten? Das weiß ich aus zuverlässiger Quelle. Meine Feinde versuchen zwar schon seit Wochen hartnäckig, mich bei ihm schlecht zu machen, aber er hat sich nicht davon abbringen lassen, die Konferenz auf deinem Landsitz abzuhalten. Du siehst also, meine Liebe, wenn es darauf ankommt, hört er immer noch auf mich. Man muss ihn nur zu nehmen wissen und seiner Eitelkeit schmeicheln. Sag’s nicht weiter, aber im Grunde ist er ein schwacher Mann. Sein Spezialgebiet ist Blenden und Bezirzen, aber auch damit gibt er sich heutzutage kaum noch ab. Wozu auch? Er hat genug Anzugträger, die das für ihn erledigen…«

In diesem Stil schwatzte der Zauberer unermüdlich weiter und ließ dabei alle möglichen wichtigen Namen fallen. Die Frau nippte an ihrem Glas, nickte, gab an passenden Stellen Laute des Erstaunens von sich und lehnte sich auf dem Sofa immer weiter zu ihm hinüber. Fast hätte ich vor Langeweile laut gesummt. 9

Plötzlich wurde der Kobold unruhig. Er drehte den Kopf um 180 Grad und fixierte die Tür auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers, dann zwickte er den Zauberer behutsam ins Ohr, um ihn zu warnen. Kurz darauf öffnete sich die Tür und ein glatzköpfiger, schwarz gekleideter Lakai trat respektvoll ein.

»Entschuldigen Sie, Sir, Ihr Wagen steht bereit.«

»Danke, Carter. Wir sind gleich so weit.«

Der Lakai zog sich zurück. Der Zauberer stellte sein (immer noch volles) Weinglas auf den Tisch, nahm die Hand der Frau und küsste sie galant. Hinter seinem Rücken schnitt der Kobold angeekelte Grimassen.

»Ich bin untröstlich, Amanda, aber die Pflicht ruft. Ich komme heute nicht mehr zurück. Darf ich dich anrufen? Wollen wir vielleicht morgen Abend ins Theater gehen?«

»Das wäre bezaubernd, Simon.«

»Also abgemacht. Mein guter Freund Makepeace hat ein neues Stück herausgebracht. Ich lasse sofort Karten reservieren. Carter chauffiert dich jetzt nach Hause.«

Mann, Frau und Kobold verließen das Zimmer, die Tür blieb offen. Hinter ihnen krabbelte eine nun wieder hellwache Fliege aus ihrem Versteck und schwirrte geräuschlos quer durchs Zimmer zu einem Aussichtspunkt, von dem aus man den Eingangsbereich überblicken konnte. Eine Weile herrschte rege Betriebsamkeit: Mäntel wurden gebracht, Anweisungen erteilt, Türen zugeschlagen. Dann verließ der Zauberer das Haus.

Ich flog in die Halle. Sie war weitläufig, ungemütlich und mit schwarzweißen Fliesen ausgelegt. Hellgrüner Farn wucherte in riesigen Tontöpfen. Lauschend drehte ich eine Runde um den Kronleuchter. Es war ganz still. Die einzigen Geräusche kamen aus einer abgelegenen Küche, doch es handelte sich bloß um das unverdächtige Klappern von Töpfen und Tellern sowie um eine Serie lauter Rülpser, vermutlich vom Koch.

Ich überlegte, ob ich einen dezenten magischen Impuls aussenden sollte, um herauszufinden, wo der Zauberer seine Utensilien aufbewahrte, kam jedoch zu dem Schluss, dass es zu riskant war. Selbst wenn es hier im Haus keine weiteren Aufpasser gab, könnten die Schwingungen doch von den Wächtern im Garten aufgefangen werden. Ich musste mich wohl oder übel auf die Suche machen.

Alle Ebenen waren unbedenklich. Ich flog quer durch die Halle und dann, einer Eingebung folgend, die Treppe hinauf.

Oben ging nach beiden Seiten ein mit dickem Teppich ausgelegter, von Ölgemälden gesäumter Korridor ab. Ohne lange zu überlegen, wandte ich mich nach rechts, denn dort hatte ich einen Spion entdeckt. Für menschliche Augen sah er aus wie ein Rauchmelder, doch auf den anderen Ebenen offenbarte er seine wahre Gestalt: eine Kröte mit hässlichen Glubschaugen, die kopfüber an der Decke hing. Ungefähr einmal pro Minute hüpfte sie auf der Stelle und drehte sich dabei ein Stück. Bei Lovelace’ Rückkehr würde sie ihm alles berichten, was vorgefallen war.

Ich schickte einen kleinen Zauber in ihre Richtung. Ein dicker, fettiger Dunst drang aus der Decke, legte sich um den Spion und nahm ihm die Sicht. Während er noch mit verwirrtem Quaken auf und nieder hüpfte, flog ich schnell an ihm vorbei ans andere Ende des Korridors. Die Tür dort besaß als Einzige kein Schlüsselloch und das Holz war unter dem weißen Lack mit Metallbändern verstärkt. Zwei gute Gründe, es hier zuerst zu probieren.

Unter der Tür war ein winziger Spalt. Für ein Insekt war er zu schmal, aber ich sehnte mich ohnehin nach einem Gestaltwechsel. Die Fliege löste sich in ein Rauchwölkchen auf und schlüpfte gerade noch rechtzeitig unter der Tür hindurch, bevor sich der Dunstschleier um die Kröte wieder verzog.

Im Zimmer verwandelte ich mich in einen Jungen.

Hätte ich den Namen des Zauberlehrlings gewusst, hätte ich boshafterweise seine Gestalt angenommen, damit Simon Lovelace einen Anhaltspunkt hatte, wenn er daranging, den Diebstahl zu rekonstruieren. Aber ohne Namen konnte ich nichts ausrichten. Daher verwandelte ich mich in einen Jungen, den ich früher einmal gekannt und sehr gern gehabt hatte. Längst hatte der Nil seinen Staub davongetragen, weshalb ihm mein kleiner Frevel nicht schaden würde, und außerdem erinnerte ich mich gern auf diese Weise an ihn. Er hatte braune Haut, helle Augen und trug einen weißen Lendenschurz. Genau wie damals legte er den Kopf ein wenig schief, als er sich nun umsah.

Der Raum war fensterlos. An der Wand standen Vitrinen mit magischen Gerätschaften. Das meiste war nutzloser Krimskrams, der allenfalls für Bühnenauftritte 10 taugte, aber es gab darunter auch ein paar durchaus verlockende Objekte.

Etwa ein Beschwörungshorn, das ich sofort als echt erkannte, denn von seinem Anblick wurde mir übel. Ein Ton genügte, und alles, was dem betreffenden Zauberer untertan war, warf sich ihm sofort zu Füßen, winselte um Gnade und flehte ihn an, seine Befehle befolgen zu dürfen. Es war ein uraltes, grausames Instrument und ich wagte mich nicht in seine Nähe. In einer anderen Vitrine lag ein Auge aus Lehm. So eins hatte ich schon mal gesehen, und zwar bei einem Golem. Ich fragte mich, ob der Dummkopf Lovelace um die Kräfte dieses Auges wusste. Höchstwahrscheinlich nicht. Er hatte es vermutlich als kurioses Souvenir von einer Pauschalreise nach Mitteleuropa mitgebracht. Magischer Tourismus… ich bitte dich. 11 Aber meinetwegen. Mit etwas Glück kostete ihn das Ding eines schönen Tages das Leben.

Und dort lag das Amulett von Samarkand. In einer eigenen Vitrine, geschützt von einem Glassturz und seinem eigenen Ruf. Ich trat näher, ging noch einmal rasch sämtliche Ebenen durch und fand – na ja, nichts Bestimmtes, nur auf der siebten Ebene schien es mir, als regte sich etwas. Nicht in diesem Zimmer, aber ganz in der Nähe. Ich beeilte mich wohl besser.

Das Amulett war klein, aus stumpfem Goldblech gefertigt und hing an einer kurzen Goldkette. In der Mitte saß ein ovaler Jadestein, und in die Goldeinfassung waren stilisierte Muster geprägt, die galoppierende Rösser darstellten. Pferde waren der kostbarste Besitz der Bewohner Zentralasiens gewesen, die das Amulett vor dreitausend Jahren angefertigt und später einer ihrer Prinzessinnen mit ins Grab gegeben hatten. Ein russischer Archäologe hatte das Schmuckstück in den Fünfzigerjahren gefunden, doch schon bald hatten Zauberer seine Bedeutung erkannt und es gestohlen. Wie es schließlich in Simon Lovelace’ Besitz gelangt war – wen er dafür umgebracht oder übers Ohr gehauen hatte –, wusste ich nicht.

Wieder legte ich den Kopf schief und lauschte. Im Haus war alles ruhig.

Ich hob die Hand und grinste mein Spiegelbild in der Vitrine an.

Dann ballte ich die Faust und stieß sie durch das Glas.

Ein Schub magischer Energie durchbebte alle sieben Ebenen. Ich schnappte mir das Amulett, hängte es mir um den Hals und drehte mich rasch um. Das Zimmer sah unverändert aus, aber da war etwas auf der siebten Ebene, das sich schnell bewegte und näher kam.

Aus war’s mit der Heimlichkeit.

Ich rannte zur Tür und sah aus dem Augenwinkel, wie sich in der Luft ein Portal auftat. Die Dunkelheit darin trübte sich, etwas war im Begriff, daraus hervorzutreten.

Ich warf mich gegen die Tür und schlug mit der Knabenfaust dagegen. Sie flog auf wie eine verbogene Spielkarte und ich stürzte, ohne anzuhalten, hinaus.

Draußen im Korridor drehte sich die Kröte nach mir um und riss das Maul auf. Ein grüner Schleimbatzen quoll daraus hervor und schoss urplötzlich auf meinen Kopf zu. Ich duckte mich, und der Schleim klatschte hinter mir an die Wand, wo er ein Gemälde und die Wandvertäfelung dahinter bis aufs Mauerwerk zerfraß.

Ich schleuderte einen Verdichtungsblitz nach der Kröte. Mit einem kläglichen Quaklaut implodierte sie zu einem festen, murmelgroßen Materieklumpen und plumpste auf den Boden. Ich ließ mich davon nicht aufhalten und errichtete im Laufen um meine physische Gestalt einen Schutzschild gegen eventuelle weitere Geschosse.

Was, wie sich herausstellte, keine dumme Idee war, denn im nächsten Augenblick schlug etwas direkt hinter mir in den Fußboden ein. Die Explosion riss mich von den Beinen und warf mich gegen die Wand. Grüne Flammen loderten rings um mich auf und hinterließen Streifen auf der Täfelung wie von den Fingern einer riesigen Hand.

Ich rappelte mich aus den zerbrochenen Ziegeln auf und drehte mich um.

Über der geborstenen Tür am Ende des Ganges stand etwas, das die Gestalt eines hoch gewachsenen Mannes mit hellroter Haut und einem Schakalkopf angenommen hatte.

»BARTIMÄUS!«

Eine zweite Detonation raste den Korridor entlang. Ich duckte mich mit einem Purzelbaum Richtung Treppe darunter hinweg und rollte, als die grünen Flammen die Wand pulverisierten, kopfüber die Stufen hinunter, brach durch das Treppengeländer, fiel zwei Meter tief auf den schwarzweißen Boden und zerbrach dabei etliche Fliesen.

Sofort stand ich wieder auf und blickte zur Haustür. Durch das Milchglasfenster daneben erkannte ich den ungeschlachten Umriss eines der drei gelben Wächter. Er lag dort draußen auf der Lauer, merkte aber nicht, dass man ihn von drinnen sehen konnte. Ich beschloss, das Haus auf anderem Wege zu verlassen. Es bestätigt sich doch immer wieder, dass Köpfchen wichtiger ist als Muskelkraft!

Apropos – ich musste schleunigst das Weite suchen. Geräusche von oben ließen auf Verfolger schließen.

Ich rannte durch mehrere Räume, die Bibliothek, das Esszimmer, hielt jedes Mal aufs Fenster zu und wich jedes Mal wieder zurück, wenn sich draußen eine der gelben, womöglich mit magischen Waffen ausgerüsteten Kreaturen zeigte. Doch angesichts ihrer Dummheit war meine Vorsicht überflüssig.

Hinter mir brüllte jemand wütend meinen Namen. Mit wachsender Beunruhigung öffnete ich die nächste Tür und stand in der Küche. Türen zu weiteren Räumen im Haus gab es dort nicht, der einzige Fluchtweg führte in einen gewächshausähnlichen Anbau voller Gemüse und Kräuter. Dahinter war der Garten – und die drei Wächter, die soeben in erstaunlichem Tempo auf ihren rotierenden Beinen um die Ecke geflitzt kamen. Um Zeit zu gewinnen, brachte ich an der Tür hinter mir ein Siegel an. Dann drehte ich mich um und erblickte den Koch.

Der dicke Mann mit dem freundlichen roten Gesicht hatte die Füße auf den Küchentisch gelegt, kippelte gefährlich mit dem Stuhl und hielt ein Hackbeil in der Hand. Er war gerade damit beschäftigt, sich mit peinlicher Sorgfalt die Fingernägel zu schneiden, wobei er die Fitzel so geschickt wegschnipste, dass sie genau im Kamin landeten. Dabei beobachtete er mich unablässig aus kleinen dunklen Augen.

Ich fühlte mich unbehaglich. Er schien nicht im Mindesten verwundert, dass ein kleiner Ägypter in seine Küche gerannt kam. Ich überprüfte ihn auf allen Ebenen. Auf eins bis sechs war er immer dasselbe, ein beleibter Koch mit weißer Schürze. Aber auf der siebten…

Auweia.

»Bartimäus.«

»Faquarl.«

»Wie geht’s?«

»Kann nicht klagen.«

»Lange nicht gesehen.«

»Stimmt.«

»Schade, was?«

»Ja. Äh… aber jetzt bin ich ja da.«

»Allerdings. Jetzt bist du da.«

Während dieser hochinteressanten Unterhaltung waren hinter der Tür mehrere dumpfe Explosionen zu vernehmen, denen mein Siegel jedoch standhielt. Ich lächelte so liebenswürdig, wie ich es unter diesen Umständen fertig brachte.

»Jabor ist offenbar so reizbar wie eh und je.«

»Ja, ganz der Alte. Höchstens eine Spur hungriger, Bartimäus. Das ist die einzige Veränderung, die mir aufgefallen ist. Er scheint nie satt zu werden, nicht mal wenn man ihn gerade erst gefüttert hat. Und das geschieht heutzutage, wie du dir vorstellen kannst, allzu selten.«

»Behandle sie mies, das macht sie fies, so lautet doch das Motto deines Herrn, oder? Er muss ja ziemlich mächtig sein, wenn er dich und Jabor als Sklaven hält.«

Der Koch lächelte verkniffen und ließ mit einer flinken Bewegung ein Stück Fingernagel an die Decke springen. Es bohrte sich in den Stuck und blieb dort hängen.

»Aber, aber, Bartimäus, in kultivierter Gesellschaft nehmen wir das S-Wort nicht in den Mund! Jabor und ich spielen auf Zeit.«

»Klar doch.«

»Da wir gerade von ungleichen Machtverhältnissen reden: Mir ist aufgefallen, dass du es vermieden hast, mich auf der siebten Ebene anzusprechen. Das finde ich ein bisschen unhöflich. Könnte es sein, dass dich meine wahre Gestalt stört?«

»Nicht stört, Faquarl – eher betört.« 12

»Entzückend. Nebenbei gesagt, ich bewundere die Wahl deiner Erscheinung, Bartimäus. Steht dir ausgezeichnet. Aber wie ich sehe, hast du ziemlich schwer an einem gewissen Amulett zu schleppen. Sei doch so gut, nimm es ab und leg es auf den Tisch. Wenn du mir dann zuvorkommenderweise noch mitteiltest, für welchen Zauberer du arbeitest, könnte ich darüber nachdenken, wie sich unsere Begegnung auf unblutige Art und Weise beenden lässt.«

»Nett von dir, aber du weißt, dass ich das nicht kann.« 13

Der Koch rammte das Beil in die Tischkante. »Lass uns offen reden – du kannst und du wirst. Das ist selbstverständlich nicht persönlich gemeint, vielleicht arbeiten wir ja eines Tages wieder zusammen, doch hier und jetzt sind mir ebenso die Hände gebunden wie dir. Auch ich habe eine Pflicht zu erfüllen, daher läuft es wie üblich auf ein Kräftemessen hinaus. Bitte berichtige mich, falls ich mich irre, aber mir scheint, du strotzt heute nicht gerade vor Selbstvertrauen – sonst wärst du längst zur Vordertür hinaus und hättest unterwegs die Triloiden fertig gemacht, statt dich von ihnen mir in die Arme treiben zu lassen.«

»Ich war bloß neugierig.«

»Mhmm. Du brauchst dich nicht unauffällig zum Fenster zu schieben, Bartimäus. Auf solche Tricks fällt nicht mal ein Mensch herein, 14 ganz abgesehen davon, dass draußen die Triloiden auf dich warten. Gib mir das Amulett, oder du machst die Erfahrung, dass dein klappriger Schutzschild keinen Pfifferling wert ist.«

Er stand auf und streckte die Hand aus. Eine kleine Pause entstand. Hinter meinem Siegel rumsten immer noch Jabors beharrliche (wenngleich einfallslose) Detonationen. Die Tür selbst musste schon längst pulverisiert sein. Im Garten lauerten die drei Wächter und hatten sämtliche Augen auf mich gerichtet. Auf der Suche nach einer Eingebung sah ich mich in der Küche um.

»Das Amulett, Bartimäus.«

Mit einem tiefen, theatralischen Seufzer hob ich die Hand und schloss sie um das Amulett. Dann sprang ich zur Seite und löste gleichzeitig das Siegel an der Tür. Faquarl stieß einen missbilligenden Laut aus und setzte zu einer Handbewegung an, als eine besonders heftige Explosion durch die Öffnung hereinfauchte, die das Siegel eben noch verschlossen hatte, und ihn rückwärts in den Kamin schleuderte, der über ihm zusammenkrachte.

Als Jabor in die Küche gestapft kam, verschaffte ich mir bereits Zutritt zum Gewächshaus, und während sich Faquarl aus dem Schutthaufen erhob, brach ich splitternd und krachend zum Garten durch. Die drei Wächter stürzten sich mit aufgerissenen Augen und wirbelnden Beinen auf mich. Aus ihren Klumpfüßen traten sichelförmige Klauen hervor. Ich inszenierte eine Illumination der allerhellsten Kategorie. Schlagartig überflutete gleißendes Licht den Garten. Die Wächter wurden geblendet und schnatterten schmerzgepeinigt. Ich sprang über sie hinweg und rannte quer durch den Garten, wobei ich den vom Haus aus hinter mir hergeschleuderten Blitzen auswich, die ganze Bäume in Brand setzten.

Am anderen Ende des Gartens schwang ich mich zwischen einem Komposthaufen und einem Motorrasenmäher über die Mauer und hinterließ dabei ein Loch mit dem Umriss eines Jungen in dem blauen Netzwerk magischer Knoten. Sofort schrillten auf dem ganzen Gelände die Alarmglocken.

Als ich auf dem Bürgersteig aufkam, hüpfte das Amulett auf meiner Brust. Jenseits der Mauer hörte ich Hufgetrappel. Höchste Zeit für eine Verwandlung.

Wanderfalken sind die schnellsten Vögel der Welt. Im Sturzflug erreichen sie eine Geschwindigkeit von über zweihundert Stundenkilometern. Horizontal über den Dächern Nordlondons gelingt ihnen das nur selten. Manch einer dürfte bezweifeln, dass es überhaupt möglich ist, zumal mit einem schweren Amulett um den Hals. Hier soll die Feststellung genügen, dass ich nicht mehr zu sehen war, als Faquarl und Jabor auf die kleine Gasse sprangen und eine unsichtbare Barrikade errichteten, in die sogleich ein viel zu schnell fahrender Möbelwagen rauschte.

Ich war längst über alle Berge.

5

Eins müssen wir deinem Spatzenhirn dermaßen einbläuen, dass du es nie mehr vergisst«, sagte sein Meister. »Kannst du dir denken, worum es sich handelt?«

»Nein, Sir«, antwortete der Junge.

»Nein?« Die buschigen Augenbrauen schossen in gespieltem Erstaunen in die Höhe. Gespannt beobachtete der Junge, wie sie unter dem herabhängenden weißen Stirnhaar verschwanden. Dort hielten sie sich fast schüchtern einen Augenblick versteckt, bevor sie sich plötzlich mit schrecklicher Endgültigkeit wieder senkten. »Nein. Na schön…« Der Zauberer beugte sich in seinem Sessel vor. »Dann will ich es dir verraten.«

Bedächtig legte er die Hände so zusammen, dass die Fingerspitzen ein Dach bildeten, und richtete es auf den Jungen.

»Eins darfst du nie vergessen«, sagte er leise. »Dämonen sind überaus heimtückisch. Sie fallen dir in den Rücken, sobald sich ihnen auch nur die geringste Gelegenheit dazu bietet. Hast du das verstanden?«

Der Junge konnte den Blick immer noch nicht von den Augenbrauen abwenden. Jetzt waren sie ernst gefurcht und stießen wie zwei Pfeile aneinander. Sie bewegten sich erstaunlich flink – nach oben, nach unten, mal schräg, mal gewölbt, mal beide zugleich und mal einzeln. Ihr scheinbares Eigenleben übte eine seltsame Faszination auf den Jungen aus. Außerdem zog er dieses Schauspiel dem bohrenden Blick seines Meisters bei weitem vor.

Der Zauberer hüstelte drohend. »Hast du verstanden?«

»Äh… ja, Sir.«

»Na, ich weiß nicht. Du sagst zwar Ja, und ich nehme an, du meinst auch Ja… und trotzdem…« Eine Augenbraue wanderte nachdenklich himmelwärts. »Trotzdem bin ich nicht davon überzeugt, dass du es von Grund auf begriffen hast.«

»Aber ja doch, Sir, ganz bestimmt, Sir. Dämonen sind heimtückisch und gemein und legen einen rein, sobald man ihnen Gelegenheit dazu gibt, Sir.«

Der Junge spielte nervös an seinem Kissen herum. Er wollte unbedingt beweisen, dass er gut aufgepasst hatte. Draußen brannte die Sommersonne auf den Rasen und den heißen Bürgersteig und vor fünf Minuten war mit fröhlichem Klingeln ein Eiswagen unter dem Fenster vorbeigefahren. Doch die dicken roten Vorhänge im Zimmer des Zauberers ließen nur einen schmalen Spalt Tageslicht herein. Die Luft war stickig. Der Junge konnte es kaum erwarten, dass die Unterrichtsstunde vorüber war und er endlich gehen durfte.

»Ich habe mir jedes Wort gemerkt, Sir«, wiederholte er.

Sein Meister nickte. »Hast du schon mal einen Dämon gesehen?«, fragte er.

»Nein, Sir. Das heißt, schon… aber nur in Büchern.«

»Steh auf.«

Der Junge erhob sich so rasch, dass er beinahe auf dem Kissen ausgerutscht wäre. Dann stand er mit linkisch herabhängenden Armen abwartend da. Sein Meister zeigte beiläufig auf die Tür hinter ihm. »Du weißt, wohin diese Tür führt?«

»Zu Ihrem Arbeitszimmer, Sir.«

»Gut. Geh die Treppe hinunter und in das Zimmer. Ganz hinten steht mein Schreibtisch. Auf dem Schreibtisch liegt ein Etui. In dem Etui befindet sich eine Brille. Setz sie auf und komm wieder her. Kapiert?«

»Ja, Sir.«

»Gut. Dann los.«

Unter dem prüfenden Blick seines Meisters ging der Junge zur Tür. Sie bestand aus dunklem, kräftig gemasertem Holz. Er musste sich anstrengen, um den schweren Messingknauf zu drehen, doch das kühle Metall fühlte sich angenehm an. Die Tür schwang in geölten Angeln geräuschlos auf und der Junge trat über die Schwelle. Er stand am oberen Absatz einer mit einem Läufer bespannten Treppe. Die Wände waren mit einem geschmackvollen Blumenmuster tapeziert und etwa auf halber Höhe strömte durch ein kleines Fenster freundliches Sonnenlicht herein.

Der Junge stieg vorsichtig eine Stufe nach der anderen hinunter. Die Stille und das Sonnenlicht beruhigten ihn und dämpften seine Angst ein wenig. Da er diese Schwelle noch nie überschritten hatte, war seine Fantasie hinsichtlich dessen, was ihn im Arbeitszimmer seines Meisters erwartete, auf irgendwelche wüsten Geschichten angewiesen. Grässliche Bilder von ausgestopften Krokodilen und eingelegten Augäpfeln sprangen ihn an. Wütend verjagte er sie wieder. Er war kein Feigling.

Am Fuß der Treppe befand sich eine zweite Tür. Sie glich der ersten, nur dass sie kleiner war und in der Mitte einen roten, fünfzackigen Stern hatte. Der Junge drehte den Türknauf und zog daran. Die Tür öffnete sich widerstrebend, weil der dicke Teppich sie hemmte. Als der Spalt groß genug war, zwängte sich der Junge hindurch.

Beim Eintreten hatte er unwillkürlich den Atem angehalten. Jetzt stieß er ihn fast enttäuscht wieder aus. Alles sah so normal aus. Ein länglicher Raum mit Bücherregalen auf beiden Seiten. An der hinteren Wand ein großer Schreibtisch mit einem gepolsterten Ledersessel. Auf dem Tisch Stifte, ein paar Akten, ein alter Computer, ein kleines Metalletui. Durchs Fenster blickte man auf einen Kastanienbaum in voller, sommerlicher Blätterpracht. Das Licht im Zimmer spielte ins Grünliche.

Der Junge ging auf den Schreibtisch zu.

Auf halbem Weg blieb er stehen und drehte sich um.

Nichts. Trotzdem hatte er ein komisches Gefühl… Aus irgendeinem Grund machte ihn die halb offene Tür nervös, durch die er soeben eingetreten war. Jetzt wäre er froh gewesen, er hätte sie hinter sich zugezogen.

Er schüttelte den Kopf. Wozu? Er würde sowieso gleich wieder hinausgehen.

Mit vier raschen Schritten stand er vor dem Schreibtisch. Wieder drehte er sich um. Hatte er da nicht eben ein Geräusch vernommen?

Außer ihm war niemand im Zimmer. Der Junge lauschte angestrengt wie ein Kaninchen in seinem Versteck. Nein, außer dem gedämpften Verkehrsgebrumm von draußen war nichts zu hören.

Mit aufgerissenen Augen und schwer atmend drehte sich der Junge wieder zum Schreibtisch um. Das Metalletui glänzte in der Sonne. Er langte über die lederbezogene Schreibtischplatte. Das war nicht unbedingt nötig – er hätte auch um den Schreibtisch herumgehen können –, doch aus irgendeinem Grund hatte er es eilig, wollte er sich seine Beute schnappen und so schnell wie möglich wieder verschwinden. Er beugte sich über den Tisch und griff nach dem Etui, doch es blieb eigensinnig außer Reichweite. Der Junge beugte sich noch weiter vor und streckte verzweifelt die Hand aus. Er verfehlte das Etui, aber sein rudernder Arm stieß einen kleinen Becher mit Stiften um. Die Stifte ergossen sich über den Lederbezug.

Der Junge spürte, wie ihm eine Schweißperle die Achselhöhle hinunterrann. Hektisch fing er an, die Stifte einzusammeln und wieder in den Becher zu stecken.

Dicht hinter ihm ertönte ein kehliges Lachen.

Er wirbelte herum, unterdrückte einen Aufschrei. Aber da war nichts.

Einen Augenblick blieb er starr vor Angst mit dem Rücken zum Tisch stehen. Dann meldete sich eine innere Stimme zu Wort. »Lass die Stifte Stifte sein – du sollst das Etui holen«, schien sie zu sagen. Zentimeter für Zentimeter schob er sich um den Schreibtisch herum, den Rücken zum Fenster und den Blick ins Zimmer gerichtet.

Etwas klopfte energisch dreimal ans Fenster. Er fuhr herum. Nichts. Nur die Kastanie im Nachbargarten wiegte sich sanft im Sommerwind.

Nichts zu sehen.

In diesem Moment rollte einer der Stifte, die er ausgeschüttet hatte, über den Tisch und fiel auf den Teppich. Er verursachte dabei kein Geräusch, doch der Junge sah es aus dem Augenwinkel. Ein zweiter Stift fing an, hin und her zu schaukeln, erst langsam, dann immer schneller. Plötzlich trudelte er davon, prallte am Computer ab und purzelte über die Schreibtischkante auf den Boden. Der nächste Stift folgte seinem Beispiel. Dann noch einer. Mit einem Mal rollten die Stifte in alle Richtungen, sausten über den Tisch, stießen zusammen, stürzten ab, blieben auf dem Teppich liegen.

Der Junge schaute zu. Der letzte Stift fiel.

Der Junge rührte sich nicht.

Etwas lachte ihm leise ins Ohr.

Er schrie auf und schlug danach, traf aber ins Leere. Durch den Schwung der Bewegung drehte er sich wieder zum Schreibtisch herum. Das Etui lag direkt vor seiner Nase. Er griff danach, ließ es aber sofort wieder los. Die Sonne hatte das Metall so aufgeheizt, dass es ihm die Hand verbrannte. Das Etui knallte gegen den Computer, der Deckel sprang ab und eine Hornbrille fiel heraus. Im nächsten Augenblick hatte der Junge sie in der Hand und rannte zur Tür.

Etwas folgte ihm. Er hörte es hinter sich herhüpfen.

Er hatte die Tür schon fast erreicht, sah schon die Stufen, die ihn zu seinem Meister zurückführten, da fiel die Tür krachend ins Schloss.

Der Junge rüttelte am Türknauf, hämmerte mit den Fäusten gegen das Holz, rief mit ersticktem Schluchzen nach seinem Meister, doch vergebens. Etwas flüsterte ihm ins Ohr, doch er verstand die Worte nicht. In Todesangst trat er mit dem kleinen schwarzen Schuh gegen die Tür, stieß sich aber bloß den großen Zeh.

Er drehte sich um und nahm seinen ganzen Mut zusammen.

Ringsherum hörte er zartes Rascheln, leises Tapsen und flüchtiges Flattern, als streifte etwas Unsichtbares, Huschendes den Teppich, die Bücher, die Regale und sogar die Zimmerdecke. Eines der dünnen Rollos schaukelte leicht in einem nicht vorhandenen Luftzug.

Trotz seiner Tränen, trotz seiner Panik fand der Junge die Sprache wieder.

»Aufhören!«, rief er. »Hinweg!«

Sofort verstummten das Rascheln, Tapsen und Flattern. Das Rollo schaukelte langsamer, pendelte aus und kam zur Ruhe.

Es war totenstill.

Nach Atem ringend, stand der Junge mit dem Rücken zur Tür und sah sich um. Nichts war mehr zu hören.

Ihm fiel die Brille ein, die er immer noch in der Hand hielt. Obwohl ihm die Angst die Kehle zuschnürte, erinnerte er sich, dass ihm sein Meister befohlen hatte, sie aufzusetzen, bevor er sich auf den Rückweg machte. Vielleicht ging ja dann die Tür zur Treppe auf und er war in Sicherheit.

Mit zitternden Fingern setzte er die Brille auf.

Und sah, was in dem Arbeitszimmer wirklich los war.

Hunderte kleiner Dämonen okkupierten jeden vorhandenen Quadratzentimeter. Sie waren überall, einer über dem anderen wie Melonenkerne oder Nüsse in einem Sack. Füße zermanschten Gesichter, Ellbogen bohrten sich in Bäuche. Sie drängten sich so dicht an dicht, dass der Teppich unter ihnen nicht mehr zu sehen war. Anzüglich grinsend hockten sie auf dem Schreibtisch, hingen an Lampen und Bücherregalen oder schwebten auf der Stelle. Einige balancierten auf den vorstehenden Nasen anderer oder baumelten von deren Gliedmaßen. Manche hatten riesige Körper mit apfelsinengroßen Köpfen, bei anderen war es umgekehrt. Es gab Schwänze und Flügel und Hörner und Warzen sowie zusätzliche Hände, Mäuler, Füße und Augen. Zu viele Schuppen, zu viele Haare und anderes mehr sprossen an den unmöglichsten Stellen. Manche besaßen Schnäbel, wieder andere Saugrüssel, die meisten hatten Zähne. Sie schillerten in allen Regenbogenfarben, oft in unpassenden Kombinationen. Und alle strengten sich mächtig an, mucksmäuschenstill zu sein, damit der Junge glauben sollte, dass niemand da war. Sie gaben sich die größte Mühe, trotz des unterdrückten Zappelns und Zitterns von Schwänzen und Flügeln und des unwillkürlichen Zuckens ihrer ausdrucksvollen Mäuler regungslos in ihren Stellungen zu verharren.

Doch als der Junge jetzt die Brille aufsetzte und sie erblickte, merkten sie, dass er sie sehen konnte.

Mit ausgelassenem Kreischen stürzten sie sich auf ihn.

Der Junge schrie auf, taumelte gegen die Tür und sackte zusammen. Er hob schützend die Hände vors Gesicht und fegte sich dabei die Brille von der Nase. Dann warf er sich blindlings auf den Bauch und rollte sich fest zusammen, betäubt von dem schrecklichen Lärm von Flügeln, Schuppen und kleinen scharfen Krallen neben ihm, auf ihm und überall um ihn herum.

So lag er immer noch da, als sein Meister nach zwanzig Minuten erschien, um ihn zu holen und die Koboldtruppe zu entlassen. Man trug ihn in sein Zimmer. Vierundzwanzig Stunden lang konnte er nichts essen. Eine ganze Woche blieb er stumm und teilnahmslos, doch schließlich erlangte er die Sprache wieder und konnte seinen Unterricht wieder aufnehmen.

Sein Meister erwähnte den Vorfall mit keinem Wort, war jedoch mit dem Ergebnis der Lektion überaus zufrieden – mit dem Quell von Hass und Furcht, der in dem sonnendurchfluteten Zimmer in seinem Lehrling zu sprudeln begonnen hatte.

Es war eine von Nathanaels frühesten Erinnerungen. Er sprach mit niemandem darüber, doch ihr Schatten sollte nie mehr von ihm weichen. Er war sechs Jahre alt.

6

Das Problem mit hochmagischen Artefakten wie dem Amulett von Samarkand besteht darin, dass sie eine charakteristische, pulsierende Aura 15 besitzen, die in etwa so auffällig ist wie ein nackter Mann auf einer Beerdigung. Sobald Simon Lovelace von meinem dreisten Streich erfuhr, würde er unverzüglich seine Spürhunde auf die verräterischen Schwingungen ansetzen, und die Verfolger würden mir umso schneller auf die Spur kommen, je länger ich mich an ein und demselben Ort aufhielt. Da mich der Junge nicht vor Tagesanbruch zurückrufen würde, stand mir eine unruhige Nacht bevor. 16

Wen würde mir der Zauberer wohl auf den Hals hetzen? Es war unwahrscheinlich, dass er über noch mehr Dschinn von Jabors und Faquarls Kaliber gebot, aber er konnte bestimmt eine Truppe schwächerer Geister zusammentrommeln, um das Aufgebot der Verfolger zu verstärken. Normalerweise sind Foliot und dergleichen für mich ein Klacks, aber wenn es zu viele sind und ich müde bin, kann es schon mal brenzlig werden. 17

Daher flog ich pfeilgeschwind aus Hampstead hinaus und suchte unter der Dachrinne eines leer stehenden Hauses an der Themse Schutz. Ich putzte mir das Gefieder und beobachtete den Himmel. Nach einer Weile zogen sieben kleine, rot leuchtende Kugeln in niedriger Höhe über das Firmament. Über dem Fluss teilten sie sich auf: Drei flogen weiter nach Süden, zwei nach Westen, zwei nach Osten. Ich drückte mich unter der Dachrinne an die Hauswand, konnte aber nicht verhindern, dass das Amulett, gerade als die Suchkugeln flussabwärts verschwanden, einen besonders kräftigen Impuls aussandte. Ich verlor die Nerven und wechselte nach kurzem Zögern auf einen Kran am anderen Ufer, wo gerade schicke Eigentumswohnungen mit Flussblick für gut betuchte Zauberer gebaut wurden. Dort ließ ich mich auf halber Höhe auf einem Eisenträger nieder.

Fünf Minuten lang blieb alles ruhig. Der Fluss schmatzte und strudelte um die schlammigen Pfähle des Kais. Wolken zogen am Mond vorbei. Plötzlich flackerte in sämtlichen Fenstern des leer stehenden Hauses am gegenüberliegenden Flussufer ein fahlgrünes Licht, in dem geduckte Schatten suchend umherwanderten. Sie fanden nichts. Das Licht hörte auf zu flackern, waberte wie phosphoreszierender Nebel aus den Fenstern und wurde vom Wind verweht. Das Haus lag wieder in Dunkelheit gehüllt. Ich flog sofort Richtung Süden weiter, wobei ich mich im Zickzack-Sturzflug von einer Straßenschlucht zur anderen schlängelte.

Den halben Abend setzte ich meinen hektischen Tanz kreuz und quer durch London fort. Es waren sogar noch mehr Kugeln unterwegs, als ich befürchtet hatte 18 (offensichtlich waren sie von mehreren Zauberern ausgeschickt worden). Sie zogen in regelmäßigen Abständen über mich hinweg. Deshalb musste ich ständig in Bewegung bleiben, trotzdem wäre ich zweimal fast erwischt worden. Einmal schoss ich gerade um die Ecke eines Bürogebäudes und stieß beinahe mit einer entgegenkommenden Kugel zusammen, eine andere stürzte sich auf mich, als ich völlig erschöpft im Green Park in einer Birke kauerte. Beide Male konnte ich entwischen, bevor Verstärkung eintraf.