Bartimäus - Der Ring des Salomo - Jonathan Stroud - E-Book

Bartimäus - Der Ring des Salomo E-Book

Jonathan Stroud

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Beschreibung

Endlich geht das grandiose Fantasy-Abenteuer weiter:
Bartimäus erzählt atemberaubend spannend, umwerfend komisch – und wie alles begann!


»Hier erzähle ich euch die Geschichte meiner Abenteuer und wahren Größe, bevor mich dieser widerliche kleine Magier namens Nathanael in seinen unsäglichen Bann schlug.«

Endlich hat das Warten für alle Fans der fantastischen Bartimäus-Trilogie ein Ende: Das heiß ersehnte Prequel zu den faszinierenden Abenteuern um den jungen Magier Nathanael und seinen unfreiwilligen Diener Bartimäus ist da! Und Bartimäus, der Dschinn aller Dschinns, darf seine ruhmreiche Vergangenheit präsentieren – die sogar seine späteren Heldentaten mit Nathanael beinahe in den Schatten stellt. Schließlich hat Bartimäus seinerzeit nur den Besten der Besten und Hochwohlgeborenen gedient: Mächtige Magier und wunderschöne Königinnen waren seine Gebieter – und mit dem berühmten König Salomon stand er sogar auf Du und Du ...

Ein spektakuläres Feuerwerk an atemberaubender Spannung, unnachahmlichem Witz und mit einem unwiderstehlichen Helden!

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Seitenzahl: 571

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Inhaltsverzeichnis
Widmung
Hauptpersonen
Teil Eins
Kapitel 1 – Bartimäus Jerusalem, 959 r. Chr.
Kapitel 2 – Bartimäus
Kapitel 3 – Bartimäus
Teil Zwei
Kapitel 4 – Salomo
Kapitel 5 – Balkis
Kapitel 6 – Bartimäus
Kapitel 7 – Bartimäus
Kapitel 8 – Asmira
Kapitel 9 – Bartimäus
Kapitel 10 – Asmira
Kapitel 11 – Bartimäus
Kapitel 12 – Khaba
Kapitel 13 – Asmira
Kapitel 14 – Bartimäus
Kapitel 15 – Bartimäus
Kapitel 16 – Bartimäus
Kapitel 17 – Asmira
Kapitel 18 – Asmira
Kapitel 19 – Bartimäus
Kapitel 20 – Bartimäus
Teil Drei
Kapitel 21 – Asmira
Kapitel 22 – Asmira
Kapitel 23 – Bartimäus
Kapitel 24 – Asmira
Kapitel 25 – Bartimäus
Kapitel 26 – Bartimäus
Kapitel 27 – Asmira
Kapitel 28 – Bartimäus
Kapitel 29 – Asmira
Kapitel 30 – Bartimäus
Kapitel 31 – Bartimäus
Kapitel 32 – Asmira
Kapitel 33 – Asmira
Kapitel 34 – Bartimäus
Kapitel 35 – Asmira
Kapitel 36 – Bartimäus
Kapitel 37 – Asmira
Kapitel 38 – Bartimäus
Anmerkungen zur Zauberei
Anmerkungen zu Geistern
Copyright
FÜR ARTHUR IN LIEBE
Hauptpersonen
GEISTER
MARIB
BALKISKönigin von SabaASMIRAErste Wächterin
sowie zahlreiche andere Mariden, Afriten, Dschinn, Foliot und Kobolde
JERUSALEM
SALOMOKönig von IsraelHIRAMSalomos WesirKHABAZauberer in Salomos DienstenEzechielZauberer in Salomos Diensten
Die Handlung spielt um 950 v. Chr. in Jerusalem sowie der näheren und weiteren Umgebung.
Teil Eins
1
Bartimäus Jerusalem, 959 v. Chr.
Sonnenuntergang über den Olivenhainen. Der Himmel errötete pfirsichfarben wie ein verschämter Jüngling beim ersten Kuss. Durch die offenen Fenster wehte ein kaum spürbarer Windhauch, der die Düfte des Abends hereintrug. Er verfing sich im Haar der jungen Frau, die allein und in Gedanken versunken in der Mitte des Raumes auf dem Marmorfußboden stand, und ließ ihr Gewand um die schlanken, gebräunten Glieder flattern.
Sie hob die Hand. Schmale Finger spielten mit einer Locke.
»Warum so schüchtern, mein Herr?«, raunte sie. »Kommt näher und lasst Euch betrachten.«
Der alte Mann im Pentagramm gegenüber ließ die wachsbeschichtete Tonrolle sinken und funkelte mich mit dem gesunden Auge ärgerlich an. »Bei Jehova, Bartimäus! Du glaubst doch nicht im Ernst, dass die Masche bei mir zieht?«
Ich klimperte betörend mit den Wimpern. »Wenn du ein Schrittchen näher trittst, tanze ich für dich. Das willst du dir doch nicht etwa entgehen lassen? Ich führe dir den Tanz der Sieben Schleier vor.«
»Nein danke«, sagte der Zauberer gereizt. »Und das kannst du auch bleiben lassen.«
»Was denn?«
»Dieses … dieses Gewackel. Da! Schon wieder!«
»Ach, komm schon, Kumpel, reg dich ab. Was passt dir denn nicht?«
Mein Herr stieß einen Fluch aus. »Womöglich dein gespaltener linker Fuß. Vielleicht auch dein schuppiger Schwanz. Oder aber der Umstand, dass jedes Neugeborene weiß, warum man auf keinen Fall aus dem Schutzkreis treten darf, wenn man von einem tückischen, doppelzüngigen Geist wie dir dazu aufgefordert wird. Und jetzt schweig endlich, verfluchte Kreatur der Luft, und verschone mich mit deinen elenden Versuchungen oder ich verpasse dir eine Pestilenz, wie sie nicht einmal das ägyptische Weltreich erleiden musste.« Der alte Knabe spulte sich ganz schön auf. Sein Atem ging schwer und das weiße Haar stand ihm um den Kopf wie ein wirrer Heiligenschein. Er zog einen Griffel hinter dem Ohr hervor und kritzelte mit grimmiger Miene etwas in die Wachsschicht der Tonrolle. »Der nächste Eintrag, Bartimäus. Wenn die Zeile voll ist, ist ein für alle Mal Schluss mit den Vergünstigungen, verstanden? Keine gebratenen Kobolde mehr, keine Freizeit, gar nichts. Und jetzt habe ich einen Auftrag für dich.«
Die Maid im Pentagramm verschränkte die Arme und rümpfte das niedliche Näschen. »Ich habe eben erst einen Auftrag abgeschlossen.«
»Stimmt. Und jetzt kommt der nächste.«
»Den erledige ich, sobald ich mich erholt habe.«
»Du erledigst ihn sofort.«
»Warum immer ich? Schickt doch Tufec oder Rizim los.«
Ein scharlachroter Blitz schoss aus dem Zeigefinger des Alten und setzte mein Pentagramm in Brand. Ich jaulte auf und vollführte wilde Luftsprünge.
Das Knistern ließ nach, ebenso der Schmerz in meinen Füßen, und ich verharrte in einer unvorteilhaften Pose.
»Du hattest recht, Bartimäus«, kicherte der Alte. »Du tanzt wirklich nicht übel. Ist dir immer noch nach Widerworten zumute? Dann wäre nämlich ein weiterer Eintrag fällig.«
»Nein, nein … nicht nötig.« Zu meiner großen Erleichterung steckte er den Griffel bedächtig wieder hinter das runzlige Ohr. Ich klatschte schallend in die Hände. »Ihr habt einen neuen Auftrag für mich? Welche Freude! Ich bin gerührt, dass Ihr unter so vielen anderen würdigen Dschinn ausgerechnet mich auserwählt habt. Was verschafft mir diese Ehre? Ist sie der Lohn dafür, dass ich den Riesen im Libanon-Gebirge quasi nebenbei erledigt habe? Dass ich die kanaanitischen Rebellen mit unermüdlichem Eifer in die Flucht schlug? Oder verdanke ich sie schlicht meinem guten Ruf?«
Der Alte kratzte sich die Nase. »Falsch geraten. Du verdankst sie deinem Benehmen gestern Abend, als dich die Wachkobolde dabei beobachtet haben, wie du in Gestalt eines Mandrill-Affen vor dem Schaftor durchs Unterholz stolziert bist, anstößige Lieder über König Salomo geschmettert und deine eigene Herrlichkeit lautstark gepriesen hast.«
Das junge Mädchen zuckte missmutig die Achseln. »Vielleicht handelt es sich ja um eine Verwechslung.«
»Wenn jemand hartnäckig wiederholt: ›Bartimäus ist der Größte‹, lässt das gewisse Schlussfolgerungen zu.«
»Na schön, ich war’s. Dann hatte ich eben zu viele Stechlinge zum Abendessen. Macht doch nichts.«
»Ach nein? Die Wächter haben es ihrem Vorgesetzten gemeldet, und der hat sich bei mir gemeldet. Ich habe es dem Obermagier Hiram gemeldet und ich glaube, inzwischen ist es auch dem König zu Ohren gekommen.« Der Alte setzte eine förmliche Miene auf und sagte streng: »Der König ist ganz und gar nicht erfreut.«
Ich blies die Wangen auf. »Kann er mir das nicht selber sagen?«
Das gesunde Auge des Zauberers trat aus der Höhle. Es sah aus wie ein Ei, das gerade aus dem Hinterteil eines Huhnes hervorkommen will.1 »Du wagst es vorzuschlagen«, keifte er, »dass der große Salomo, König von ganz Israel, Herr über alle Ländereien vom Golf von Akaba bis zum Strom des Euphrat, sich herablassen soll, das Wort an einen schwefligen Sklaven wie dich zu richten? Allein die Vorstellung! In meinem ganzen Leben habe ich noch nie eine solche Unverschämtheit …«
»Ich bitte Euch. Seht Euch doch an. So etwas müsst Ihr schon mal erlebt haben.«
»Macht zwei Einträge, Bartimäus, für deine Dreistigkeit. « Er kratzte wütend mit dem Griffel auf der blöden Tonrolle herum. »Schluss jetzt! Hör mir gut zu. Salomo wünscht neue Trophäen für seine Wunderkammer. Er hat seine Zauberer angewiesen, die gesamte bekannte Welt nach kunstvollen und zaubermächtigen Gegenständen zu durchsuchen. Zu dieser Stunde beschwören meine Rivalen auf sämtlichen Türmen Jerusalems lauter Dämonen, die dir an Widerwärtigkeit in nichts nachstehen, und senden sie wie feurige Kometen in alle vier Himmelsrichtungen aus, damit sie versunkene Städte plündern. Mit den erbeuteten Schätzen wollen sie Eindruck auf den König machen und sich bei ihm einschmeicheln. Aber das wird ihnen nicht gelingen, Bartimäus, denn wir werden ihm die prächtigste Trophäe von allen überreichen. Habe ich mich verständlich ausgedrückt?«
Das hübsche Mädchen zog einen Flunsch, meine langen, scharfen Zähne glitzerten feucht. »Schon wieder Grabräuberei? Soll Salomo die Drecksarbeit doch selber erledigen. Aber nein, es wäre ja zu viel verlangt, dass er mal den Finger hebt und den Ring benutzt. Noch fauler geht’s wirklich nicht.«
Der Alte grinste verschlagen. Die schwarze Höhle seines fehlenden Auges schien das Licht einzusaugen. »Deine Ansichten sind sehr interessant. So interessant, dass ich sie dem König nicht vorenthalten möchte. Ich werde ihn sogleich aufsuchen. Wer weiß? Vielleicht hebt er ja doch den Finger und benutzt den Ring – gegen dich.«
Eine kleine Pause trat ein und das dämmrige Zimmer verdunkelte sich merklich. Ein kalter Schauer rieselte mir den wohlgeformten Rücken herunter. »Macht Euch keine Umstände, Meister«, knurrte ich. »Ich beschaffe ihm seine Trophäe. Wo soll’s denn hingehen?«
Mein Herr zeigte auf das Fenster, durch das die Lichter Jerusalems heiter hereinblinkten. »Du fliegst ostwärts, nach Babylon. Hundert Meilen südöstlich dieser sündigen Stadt und dreißig Meilen südlich vom derzeitigen Lauf des Euphrat findest du die verfallenen Überreste einer uralten Stadt. Die Bauern dort meiden die Ruinen aus Furcht vor Geistern, und die Nomaden weiden ihre Herden nur jenseits der äußersten Hügelgräber. Heute hausen dort nur noch ein paar religiöse Eiferer und andere Verrückte, aber der Ort war nicht immer so verlassen. Einst hatte er sogar einen Namen.«
»Eridu«, sagte ich leise. »Ich weiß.«2
»Wie seltsam müssen die Erinnerungen eines Wesens sein, das den Aufstieg und Fall solcher Orte miterlebt hat …« Nun erschauerte der Alte. »Ich mag gar nicht darüber nachdenken. Aber umso besser, wenn du dich noch daran erinnerst! Durchstöbere die Ruinen, mach die alten Tempel ausfindig. Wenn man den Schriftrollen glauben darf, muss es dort noch zahlreiche Geheimkammern geben, in denen unschätzbare antike Kostbarkeiten schlummern! Wenn wir Glück haben, sind einige davon noch unberührt.«
»Ganz bestimmt. Bei den Wächtern …«
»Gewiss, die Zauberer dürften damals gewisse Vorsorgemaßnahmen getroffen haben!« Die Stimme des Alten schwoll dramatisch an, er fuchtelte abwehrend mit den Händen. »Wer weiß, was für Geschöpfe dort noch lauern mögen? Wer alles in den Ruinen umgeht? Welch abstoßende Wesen, was für abscheuliche Ungeheuer dort … Was machst du da eigentlich mit deinem Schwanz? Lass das! Das ist unappetitlich.«
Ich riss mich zusammen. »Schon verstanden. Ich soll nach Eridu und mich dort umschauen. Aber wenn ich wiederkomme, will ich auf der Stelle entlassen werden! Ohne Wenn und Aber. Ich habe mich jetzt lange genug auf der Erde herumgetrieben. Meine Substanz schmerzt wie ein eitriger Backenzahn.«
Mein Herr grinste zahnlos, reckte mir das Kinn entgegen und wackelte wichtigtuerisch mit dem schrumpligen Zeigefinger. »Kommt ganz drauf an, was du mir bringst, Bartimäus. Wenn es dir gelingt, mich in Erstaunen zu versetzen, lasse ich dich vielleicht, vielleicht gehen. Also streng dich gefälligst an! Und jetzt – sei bereit. Ich werde dich nun an deinen Auftrag binden.«
Mitten in der Beschwörungsformel erscholl das Horn unter dem Fenster. Das Kidrontor wurde geschlossen. Die Wachposten am Schaftor, am Gefängnistor und am Wassertor griffen das Signal auf, und so ging es einmal rund um die Stadtmauer, bis schließlich das große Horn auf dem Palastdach ertönte und ganz Jerusalem für die Nacht verriegelt war.
Noch vor ein, zwei Jahren hätte ich darauf spekuliert, dass die Ablenkung meinen Herrn zu einem Versprecher verleiten würde, sodass ich mich auf ihn stürzen und ihn verschlingen konnte.
Diese Hoffnung hatte ich längst aufgegeben. Er war zu alt und zu erfahren. Ich musste abwarten, bis ich ihn anderweitig überrumpeln konnte.
Der Zauberer kam zum Ende, sprach die abschließenden Worte. Das hübsche Mädchen zerfloss und wurde durchsichtig. Einen Augenblick lang schwebte ich noch in meinem Pentagramm wie ein dunstiger Schemen, dann zerplatzte ich geräuschlos.
2
Bartimäus
Ganz gleich wie oft man schon wandelnden Toten begegnet ist, man vergisst jedes Mal, wie bescheuert sie aussehen, wenn sie sich tatsächlich in Bewegung setzen. Klar, sobald sie aus einer Mauer treten, sehen sie erst mal scharf aus und sammeln Extrapunkte wegen der Schockwirkung, der klaffenden Augenhöhlen und malmenden Kiefer und manchmal (wenn der Wiederbelebungszauber allererste Sahne war) wegen ihres grausigen Geheuls. Aber dann tappen sie einem schwerfällig durch den Tempel hinterher, mit ruckelndem Becken und schlackernden Schenkelknochen, und strecken die fleischlosen Arme auf eine Art von sich, die einschüchternd wirken soll, aber eher den Eindruck macht, als wollten sie sich gleich ans Klavier setzen und einen fetzigen Boogie-Woogie in die Tasten hämmern. Und je mehr Tempo sie zulegen, desto lauter klappern ihre Zähne, desto öfter verfängt sich ihr hüpfender Halsschmuck in den Augenhöhlen, und dann stolpern sie noch über ihre Leichentücher und fallen hin und sind einem flinkfüßigen Dschinn, der es eilig hat, immerzu im Weg. Außerdem sind sie sehr wortkarg. Keins dieser Gerippe hat je einen flotten Spruch parat, der die lebensbedrohliche Lage, in der man sich in ihrer Gesellschaft befindet, ein bisschen auflockern würde.
»Herrschaftszeiten«, begrüßte ich sie durch das Loch in der gewölbten Decke, an dessen Rand ich mich mit einer Hand festhielt, »ist denn hier keiner, mit dem man mal vernünftig quatschen kann?« Mit der freien Hand feuerte ich einen Plasmablitz ab, der vor den Füßen eines Untoten ein Loch riss. Ein Schritt und der Kerl war in der Versenkung verschwunden. Ich stieß mich ab, sprang quer durch den Tempelsaal und landete gelenkig auf einem Standbild des Gottes Enki.
Von links kam ein mumifizierter Leichnam aus seiner Wandnische geschlurft. Er trug ein Sklavengewand und um den ledrigen Hals ein rostiges Eisenband mit einer Kette dran. Mit knarzenden Gelenken stürzte er sich auf mich. Ich ruckte einmal kräftig an der Kette und ploink – sein Kopf fiel ab. Ich fing den Schädel auf, während der Rest zusammenbrach, und kegelte ihn treffsicher gegen die nächste Mumie, der prompt das Rückgrat entzweiknackte.
Dann sprang ich von dem Götterbild herunter in die Saalmitte. Die Untoten näherten sich jetzt von allen Seiten. Ihre Gewänder waren hauchdünn wie Spinnweben, an ihren Handgelenken klirrten Bronzereifen. Einst waren sie lebendige Männer und Frauen gewesen – Sklaven, Freie, Höflinge und niedere Priester, Mitglieder aller Gesellschaftsschichten von Eridu -, aber jetzt bedrängten sie mich mit gebleckten Zähnen und schartigen gelben Fingernägeln und wollten meine Substanz in Stücke reißen.
Ich bin von Natur aus höflich und verhielt mich angemessen entgegenkommend. Eine Detonation nach links, einen Schüttelkrampf nach rechts. Es hagelte munter Mumienbrösel auf die glasierten Reliefs alter sumerischer Könige.
Das verschaffte mir eine kurze Atempause. Ich schaute mich um.
In den achtundzwanzig Sekunden, seit ich mich durch die Decke gebohrt hatte, war mir noch keine Zeit geblieben, meine Umgebung ausführlich in Augenschein zu nehmen, aber die Ausstattung und der Zustand des Tempels lieferten mir gewisse Hinweise. Zum einen handelte es sich zweifelsfrei um einen Tempel des Wassergottes Enki (das verriet mir das Standbild, außerdem tauchte Enki in allen Wandreliefs auf, umringt von seinen Fischen und Schlangendrachen), der seit mindestens 1.500 Jahren nicht mehr verehrt wurde.3 Zum anderen war in den langen Jahrhunderten, seit die Priester die Türen versiegelt und die Stadt dem alles verschlingenden Wüstensand überlassen hatten, niemand mehr hier eingedrungen. Das erkannte ich an der dicken Staubschicht auf dem Boden, dem unversehrten Steinblock vor dem Eingang, dem Eifer der untoten Wächter und – nicht zuletzt – an der Figur auf dem Altar am anderen Ende des großen Raumes.
Bei der kunstvoll aus purem Gold gefertigten Figur handelte es sich um eine Wasserschlange, eine Verkörperung des Enki. Sie blinkte matt im Schein der von mir zur Beleuchtung des Saales entflammten Signalfeuer, und ihre Rubinaugen funkelten unheilvoll wie verlöschende Glut. Allein als antikes Kunstwerk war sie vermutlich unbezahlbar, aber das war nur die halbe Miete. Denn die Figur besaß auch magische Kräfte und verströmte auf den höheren Ebenen eine charakteristisch pulsierende Aura.4
So weit, so gut. Jetzt musste ich mir das Ding nur noch schnappen und wieder verschwinden.
»’tschuldigung,’tschuldigung …« Ich schob die Untoten sanft beiseite beziehungsweise (das war die Regel) pustete sie mittels Infernos quer durch den Saal. Trotzdem wurden es immer mehr, sie kamen aus hohen, schmalen Nischen in allen vier Wänden getorkelt. Zum Glück hatte ich die körperliche Erscheinungsform eines jungen Mannes gewählt und war entsprechend gut in Form. Unter Einsatz von Zauberkraft, Fußtritten und Fausthieben pflügte ich mich in Richtung Altar durch …
… und erblickte die nächste Falle.
Um die goldene Schlangenfigur war auf der vierten Ebene ein Netz aus smaragdgrün schimmernden Fäden gesponnen. Die Fäden waren hauchdünn und sogar für meine Dschinnaugen kaum sichtbar.5 Zwar wirkten sie ziemlich altersschwach, aber ich hatte trotzdem Respekt vor ihnen. Sumerische Altarfallen sollte man generell nach Möglichkeit meiden.
Ich blieb stehen und überlegte. Es gab durchaus Mittel und Wege, die Fäden aufzulösen, doch das erforderte Zeit und mehr Platz.
Da spürte ich auf einmal einen stechenden Schmerz. Ich musste feststellen, dass sich ein besonders heruntergekommener Leichnam (der Betreffende hatte zu Lebzeiten eindeutig an den verschiedensten Hautkrankheiten gelitten und sich bestimmt über die Mumifizierung als entscheidende Verbesserung seines Schicksals gefreut) angeschlichen und seine Zähne tief in die Substanz meines Unterarms gegraben hatte.
So eine Frechheit! Dem Burschen würde ich’s zeigen. Ich stieß ihm kameradschaftlich die Hand zwischen die Rippen und feuerte eine kleine Aufwärtsdetonation ab. Diesen Trick hatte ich schon etliche Jahrzehnte lang nicht mehr ausgeführt und fand ihn noch genauso lustig wie früher.
Sein Kopf schoss wie ein Sektkorken in die Höhe, knallte gegen die Decke, prallte zweimal von den Wänden ab und (plötzlich fand ich das Ganze gar nicht mehr komisch) plumpste neben dem Altar zu Boden, wobei er das schimmernde Fadennetz durchtrennte.
Womit wieder einmal bestätigt wäre, dass man Arbeit und Vergnügen bei der Erledigung eines Auftrags sauber trennen soll.
Eine dumpfe Erschütterung hallte durch alle Ebenen. Bei mir kam sie nur so leise an, dass ich kaum etwas hörte, aber drüben am Anderen Ort musste es ganz tüchtig gerumpelt haben.
Erst rührte ich mich nicht vom Fleck: ein schlanker junger Mann mit dunkler Haut und weißem Lendenschurz, der ärgerlich die sich krümmenden Fadenenden betrachtete. Dann gab ich mir einen Ruck, fluchte wortreich auf Aramäisch, Hebräisch und in anderen Sprachen, griff mir die Schlangenfigur und trat schnurstracks den Rückzug an.
Ein paar übereifrige Untote klapperten hinter mir her. Ohne mich umzudrehen, entfesselte ich einen Flutzauber, der sie wegspülte.
Die verbliebenen Fäden über dem Altar stellten ihre Zuckungen ein, verflüssigten sich rasend schnell und bildeten eine Pfütze oder ein Portal auf den Steinfliesen. Die Flüssigkeit breitete sich unter dem heruntergefallenen Mumienkopf aus, dann versank der Schädel darin. Die Pfütze lag unbewegt da und leuchtete in den unzähligen Farben des Anderen Ortes, aber stumpf, wie hinter Glas.
Dann kräuselte sich die Pfütze. Etwas näherte sich.
Ich drehte mich rasch um und schätzte die Entfernung zu dem Loch in der Decke ab, durch das immer noch Sand in die Kammer rieselte. Mein Tunnel hatte inzwischen bestimmt dem Gewicht des Sandes nachgegeben. Es würde einige Zeit dauern, bis ich mich an die Oberfläche gewühlt hatte – Zeit, die ich nun wirklich nicht hatte. Solche Zauberfallen wirken schnell.
Wohl oder übel wandte ich mich wieder dem Portal zu. Die Pfütze waberte jetzt und zwei kräftige grüne, mit dicken Adern überzogene Arme drangen daraus hervor. Klauenbewehrte Finger kratzten über die Tempelwände. Muskeln schwollen und ein albtraumhaftes Ungeheuer ragte vor mir auf. Der Kopf war der eines Menschen,6 auf dem Schädel wucherte eine schwarzlockige Mähne. Es folgte ein breiter Brustkasten, der aus demselben grünen Zeug bestand. Die untere Körperhälfte, die als Nächstes auftauchte, schien eher zufällig zusammengestellt. Die mit Muskelsträngen bedeckten Beine gehörten einem wilden Tier, einem Löwen oder anderen gefährlichen Raubtier, endeten jedoch in Adlerklauen. Das Hinterteil der Kreatur war gnädigerweise von einem Wickelrock bedeckt, allerdings spross aus dem Schlitz ein langer, bösartiger Skorpionschwanz.
Unheilvolle Stille trat ein, als die Erscheinung ganz aus dem Portal trat und sich aufrichtete. Sogar die letzten paar Untoten wirkten eingeschüchtert.
Das Gesicht des Wesens glich dem eines sumerischen Herrschers: olivfarbene Haut, markante Züge, volle Lippen und dazu ein rechteckig gestutzter, geölter Kinnbart. Nur die Augen fehlten. Zwei gähnende Löcher waren auf mich gerichtet.
»Du bist … Bartimäus, stimmt’s? Hast du die Falle ausgelöst?«
»Hallo, Naabash. Leider ja.«
Das Wesen reckte die Arme, dass es knackte. »Aaaah! Warum hast du das getan? Du weißt doch, was die Priester mit Dieben und Eindringlingen anstellen. Sie werden Hackfleisch aus dir machen. Beziehungsweise … ich soll das für sie übernehmen.«
»So wichtig ist der Schatz den Priestern nicht mehr, Naabash.«
»Meinst du?« Die leeren Augen schauten sich im Tempel um. »Ganz schön staubig hier. Ist schon’ne Weile her, was?«
»Länger, als du glaubst.«
»Trotzdem bin ich an meinen Auftrag gebunden, Bartimäus, da lässt sich nichts dran drehen. Solange Stein auf Stein steht und unsere Stadt überdauert… Du kennst ja den Spruch.« Der Skorpionschwanz zuckte ungeduldig rasselnd in die Höhe, der schwarze Stachel krümmte sich über Naabashs Schulter. »Was hältst du da eigentlich in der Hand? Doch wohl nicht die geheiligte Schlange?«
»Kann schon sein.«
»Ah, sehr schön, ausgezeichnet. Du hattest schon immer eine große Klappe, Bartimäus, hast dich immer für was Besseres gehalten. Ich kenne niemanden, der dafür so oft Dresche bezogen hat. Du kannst die Menschen mit deinem Gequatsche richtig auf die Palme bringen.« Der sumerische Edelmann entblößte lächelnd eine Doppelreihe spitz gefeilter Zähne. Gleichzeitig spannte er unauffällig die Hinterläufe an und bohrte die Adlerklauen in den Steinfußboden. Ich behielt die sprungbereiten Beine ebenso unauffällig im Auge. »Welchen Arbeitgeber treibst du denn derzeit in den Wahnsinn?«, wollte Naabash wissen. »Die Babylonier, nehme ich an. Die waren auf dem aufsteigenden Ast, als ich zuletzt hier war. Und sie hatten es schon immer auf das Gold von Eridu abgesehen.«
Der dunkeläugige Junge fuhr sich durch die Locken. Ich rang mir ein Lächeln ab. »Wie gesagt, es ist länger her, als du glaubst.«
»Länger oder kürzer, das ist mir egal«, erwiderte Naabash sanft. »Ich halte mich an meinen Auftrag. Die geheiligte Schlange bleibt hier im Tempel, wo ihre Macht den gewöhnlichen Menschen verborgen bleibt.«
Ich hatte noch nie von dieser Schlange gehört. Für mich war sie nicht mehr als der übliche Schnickschnack, über den sich die antiken Städte ständig in die Wolle gerieten, ein kitschiger kleiner Goldpinöpel. Aber man weiß natürlich gern, was man da eigentlich klaut.
»Was für eine Macht?«, fragte ich. »Was vermag die Schlange denn?«
Naabash lachte in sich hinein. In seiner Stimme schwang Wehmut mit. »Ach, nichts Besonderes. Sie beherbergt einen Elementengeist, der einen Wasserstrahl aus ihrem Maul schießen lässt, wenn man sie am Schwanz zieht. Die Priester pflegten sie in Dürrezeiten herauszuholen, um das Volk aufzumuntern. Wenn ich mich recht entsinne, ist sie außerdem mit zwei, drei kleineren mechanischen Fallen versehen, um Diebe abzuschrecken, die es auf die Smaragde auf ihren Klauen abgesehen haben. Siehst du die versteckten Scharniere?«
Daraufhin machte ich einen dummen Fehler. Von Naabashs Stimme eingelullt, warf ich einen neugierigen Blick auf die Figur in meiner Hand.
Eben das hatte er natürlich beabsichtigt.
Kaum ließ ich das Untier aus den Augen, sprang es mich auch schon an.
Ich machte einen Riesensatz zur Seite, und die Steinfliese, auf der ich gestanden hatte, wurde von dem Skorpionstachel halbiert. Leider war ich nicht schnell genug, um auch Naabashs grüner Faust zu entgehen. Sein Hieb erwischte mich noch im Sprung am Bein. Ich kam nicht dazu, mein für solche Situationen reserviertes elegantes Lieblingsmanöver durchzuführen, auch behinderte mich die kostbare Figur, die ich immer noch umklammerte.7 Stattdessen rollte ich schmerzgepeinigt über die zweckdienliche Matte aus Mumien, rappelte mich aber gleich wieder auf.
Inzwischen hatte sich Naabash würdevoll wieder aufgerichtet. Er drehte sich zu mir um, duckte sich so tief, dass seine Menschenarme über den Boden schleiften, dann stürzte er sich abermals auf mich. Und ich? Ich feuerte einen Schüttler gegen die Saaldecke ab. Wieder sprang ich zur Seite, wieder durchtrennte der Skorpionschwanz die Steinfliesen und wieder … nein, diesmal gelang es Naabash nicht, mir einen Boxhieb zu verpassen, weil nämlich die Decke über ihm einkrachte.
In tausendfünfhundert Jahren angewehter Wüstensand lastete auf dem versunkenen Tempel und bildete eine willkommene Beigabe zu den herabprasselnden Trümmern. Eine tonnenschwere graubraune Sturzflut zermalmte meinen Gegner.
Gern hätte ich ein Freudentänzchen um den immer höher werdenden Haufen aufgeführt, aber mir war natürlich klar, dass der Sand Naabash nicht lange aufhalten würde. Ich bin ja nicht blöd. Es war höchste Zeit zu verduften.
Flügel entsprossen meinen Schultern. Ich sprengte noch ein Stück Tempeldecke weg und schnellte durch die Öffnung und den Sturzbach aus Sand in die Nacht hinaus.
3
Bartimäus
Als ich nach Jerusalem zurückkehrte, ging hinter mir die Sonne auf. Die Spitzen der Magiertürme waren schon rosig angehaucht, die Kuppel von Salomos weißem Palast strahlte wie eine zweite Sonne.
Hügelabwärts, am Kidrontor, lag der Turm des Alten noch fast zur Gänze im Schatten. Ich flog zum obersten Fenster, vor dem eine Bronzeglocke hing, und klingelte ein Mal, wie mir befohlen war. Mein Herr hatte es sich verbeten, dass ihn seine Sklaven unangekündigt überraschten.
Die Glockentöne verhallten. Die Schläge meiner großen Schwingen wirbelten die kalte frische Luft auf. Ich schwebte vor dem Fenster auf der Stelle und ließ beim Warten den Blick über die Landschaft schweifen, die im ersten Licht des Tages allmählich Gestalt annahm. Das Tal lag still und stumm unter mir, eine nebelgefüllte Mulde, in die sich die Straße hinunterwand. Die ersten Arbeiter gingen durch das Tor hinaus und strebten in Richtung der Felder, stapften schwerfällig über die grob behauenen Steine. Sie wurden auf den höheren Ebenen von Salomos Spitzeln begleitet – Foliot ritten für die Arbeiter unsichtbar auf den Halftern der Ochsen, buntfarbene Stechlinge und Kobolde ließen sich vom Wind tragen.
Die Minuten verstrichen, bis sich endlich das unvergleichliche Gefühl einstellte, als würde einem das Gedärm zum Hintern rausgezogen. Der Zauberer rief mich zu sich. Ich schloss die Augen, ergab mich in mein Schicksal – und spürte im nächsten Augenblick, wie sich die säuerliche Wärme des Zauberergemachs um meine Substanz legte.
Zu meiner unendlichen Erleichterung war der Alte trotz der frühen Stunde bereits angekleidet. Ein Tempel voller mumifizierter Leichen mag ja noch angehen, aber ein nackiger runzliger Herr und Meister war entschieden zu viel. Er stand wartend in seinem Schutzkreis, und wie immer waren das Pentagramm und alle Runen fehlerfrei aufgemalt. Der süßliche Gestank der brennenden Ziegentalgkerzen und Tiegel voller Rosmarin und Weihrauch lösten bei mir leichte Übelkeit aus, doch ich stand in meinem Pentagramm und schaute den Alten unverwandt an. Die goldene Schlange hielt ich in den schlanken Händen.8
Schon als ich mich materialisierte, spürte ich, wie heftig er die Figur begehrte. Er wollte sie nicht für Salomo haben, sondern selbst behalten. Sein gesundes Auge wurde tellergroß, Habgier schimmerte auf der Iris wie ein Ölfilm.
Eine Weile sagte er gar nichts, schaute die Schlange nur an. Ich drehte sie ein wenig hin und her, damit das Kerzenlicht verführerisch über ihren Leib glitt, und kippte sie ein wenig nach vorn, sodass er die Rubinaugen und die Smaragde auf den gespreizten Klauen funkeln sah.
Als er schließlich den Mund aufmachte, klang seine Stimme heiser vor Verlangen. »Bist du in Eridu gewesen?«
»Wie befohlen. Ich habe den Tempel gefunden und mir Einlass verschafft.«
Sein gesundes Auge leuchtete. »Gib mir die Figur.«
Ich zögerte. »Entlasst Ihr mich dann? Ich habe Euch treu und erfolgreich gedient.«
Das Gesicht des Alten verzerrte sich zu einer zornigen Grimasse. »Du willst mit mir feilschen? Gib mir sofort die Figur, Dämon, oder ich schwöre bei meinem geheimen Namen, dass ich dich ins Schreckensfeuer9 werfe, noch ehe diese Stunde um ist!« Er starrte mich mit hervortretendem Auge und vorgerecktem Kinn an. Auf seinen geöffneten Lippen stand eine weißliche Schaumspur.
»Na schön«, sagte ich. »Aber passt auf, dass Ihr sie nicht fallen lasst.«
Ich warf ihm die Figur zu, von Pentagramm zu Pentagramm, und der Zauberer streckte die gierigen Hände danach aus. Ob es nun daran lag, dass er mit seinem einen Auge die Entfernung falsch einschätzte oder an seiner brennenden Ungeduld, jedenfalls bekam er die Figur nicht gleich richtig zu fassen. Sie kippte nach hinten und hätte beinahe das Pentagramm durchbrochen. Der Alte schrie erschrocken auf, grapschte nach der Schlange und riss sie an seine eingefallene Brust.
Die unbedachte Bewegung wäre beinahe seine letzte gewesen. Hätten auch nur seine Fingerkuppen über das Pentagramm hinausgeragt, hätte ich mich auf ihn gestürzt. Aber sie ragten (um Haaresbreite) nicht darüber hinaus, und das hübsche Mädchen, das unmerklich ein bisschen größer geworden war und dessen Zähne vielleicht ein bisschen länger und spitzer als noch gerade eben waren, trat enttäuscht wieder in die Mitte seines Bannkreises.
Der Alte hatte nichts davon mitbekommen. Er hatte nur noch Augen für seinen Schatz. Lange drehte und wendete er ihn in den Händen, wie eine grausame alte Katze, die mit einer Maus spielt, gurrte und sabberte angesichts der meisterlichen Handwerkskunst förmlich vor Entzücken. Irgendwann konnte ich das abstoßende Treiben nicht mehr mit ansehen und räusperte mich.
Der Zauberer blickte auf. »Was ist?«
»Ihr habt das Gewünschte erhalten. Salomo wird Euch reich dafür belohnen. Nun lasst mich gehen.«
Er kicherte. »Ach, Bartimäus, wenn du doch nur nicht so ungemein begabt für die Erfüllung solcher Aufgaben wärst … Ich weiß wirklich nicht, ob ich einen solchen Meisterdieb ziehen lassen soll. Sei einfach still und stör mich nicht. Ich muss diese Preziose näher untersuchen. Auf den Klauen hat sie mit Scharnieren versehene Buckel … ich wüsste zu gern, wozu die gut sind.«
»Ist doch egal. Ihr schenkt die Figur doch sowieso Salomo. Soll er es selbst rausfinden.«
Die verdrossene Miene meines Meisters verriet so einiges. Ich schmunzelte und schaute aus dem Fenster in den Himmel, wo die Morgenpatrouillen in großer Höhe ihre Bahnen zogen und dabei hauchdünne rosafarbene Streifen aus Wasserdampf und Schwefel auf den Himmel malten. Nicht schlecht, aber das war alles bloße Effekthascherei, wie so vieles andere auch, denn wer käme auf die Idee, Jerusalem zu überfallen, solange Salomo den Ring besaß?
Ich ließ den Zauberer die Schlange ein Weilchen untersuchen, dann sagte ich, den Blick immer noch aus dem Fenster gerichtet: »Salomo wäre bestimmt erzürnt, wenn ihm einer seiner Magier solch einen zaubermächtigen Gegenstand vorenthalten würde. Ich möchte jetzt übrigens gern entlassen werden.«
Er sah mich lauernd an. »Hast du vielleicht in Erfahrung gebracht, was diese Figur vermag?«
»Nein.«
»Aber du weißt, dass sie magische Kräfte besitzt.«
»Das erkennt ja wohl der dümmste Kobold. Ach, Verzeihung – Ihr seid ja ein Mensch. Ihr könnt die Aura der Figur auf der siebten Ebene nicht erkennen … Trotzdem, wer weiß? Wahrscheinlich wurden solche Schlangenfiguren in Eridu in Serie hergestellt. Womöglich ist es gar nicht die richtige.«
Der Alte fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Seine Vorsicht kämpfte mit seiner Neugier – und verlor. »Nicht die … was?«
»Das geht mich nichts an und Euch auch nicht. Außerdem soll ich doch still sein und Euch nicht stören.«
Mein Herr stieß einen wüsten Fluch aus. »Ich widerrufe diesen Befehl! Sprich!«
»Nein!« Ich hob abwehrend die Hände. »Ich kenne euch Zauberer und ich will nichts mit der Sache zu tun haben! Auf der einen Seite Salomo mit seinem furchtbaren Ring und auf der anderen Seite Ihr mit … mit …« Das Mädchen erschauerte jäh. »Nein, da werde ich bloß zwischen den Fronten zerrieben.«
Blaue Flammen loderten auf der ausgestreckten Handfläche des Zauberers. »Schluss mit der Verzögerungstaktik, Bartimäus. Sag mir sofort, was es mit der Figur auf sich hat, oder du bekommst die Substanzfaust zu spüren.«
»Ihr würdet gegen eine Maid die Hand erheben?«
»Rede!«
»Na, von mir aus, aber ich tue Euch damit bestimmt keinen Gefallen. Die Figur hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der Großen Schlange, mit deren Hilfe die einstigen Könige von Eridu benachbarte Städte erobert haben. Die Große Schlange beherbergte einen mächtigen Geist, der dazu verdammt war, den Wünschen seines Herrn und Meisters Folge zu leisten.«
»Und sein Herr war …?«
»Wer immer die Figur in der Hand hielt, schätze ich. Man trat mit dem Geist in Verbindung, indem man einen geheimen Mechanismus auslöste.«
Der Zauberer musterte mich prüfend. Dann sagte er: »Diese Geschichte habe ich noch nie gehört. Du lügst.«
»Klar lüge ich, ich bin doch ein Dämon! Vergesst die Sache einfach und schenkt das Ding Salomo.«
»Nein«, sagte der Alte mit plötzlicher Entschlossenheit. »Da hast du es wieder.«
»Hä?« Aber er hatte die Schlange schon in Richtung des Pentagramms geworfen, wo sie das Mädchen widerstrebend auffing.
»Willst du mich für dumm verkaufen, Bartimäus?«, zeterte mein Herr und stampfte mit dem runzligen Fuß auf den Marmorfußboden. »Du willst mich reinlegen! Du willst mich verleiten, den Mechanismus auszuprobieren, weil du hoffst, es wäre mein Untergang! Aber ich drücke auf keinen dieser Buckel – das überlasse ich dir!«
Das Mädchen schaute den Zauberer mit großen braunen Augen an. »Das muss doch nicht sein …«
»Gehorche!«
Widerwillig hob ich die Schlange vor die Augen und betrachtete die Erhebungen auf ihren Klauen. Es waren drei an der Zahl. Auf jeder prangte ein Smaragd. Ich wählte die hinterste und drückte vorsichtig drauf. Es schnarrte leise, und die Schlange verpasste mir einen elektrischen Schlag, der meine Substanz erschütterte und die prächtigen langen Haare des Mädchens wie bei einer Klobürste abstehen ließ.
Der Alte brüllte vor Lachen. »Das hätte dir so passen können, was?«, schnaufte er. »Lass es dir eine Lehre sein! Los, weiter!«
Ich drückte auf die nächste Erhebung. Mehrere goldene Schlangenschuppen klappten auf und gaben verborgene Zahnräder frei. Kleine Wolken teerhaltigen Rauchs stiegen mir ins Gesicht. Auch diesem Mechanismus hatten die Jahrhunderte zugesetzt, sodass lediglich meine Wangen ein wenig schwarz wurden.
Mein Herr konnte sich vor Heiterkeit kaum halten. »Das wird ja immer besser«, krähte er. »Wie du aussiehst! Jetzt Nummer drei.«
Der dritte Smaragd sollte wohl einen Strahl Giftgas auslösen, aber davon waren nur noch eine blassgrüne Wolke und ein übler Geruch erhalten.
»Ihr habt Euch köstlich amüsiert«, sagte ich seufzend und hielt ihm die Schlange wieder hin. »Jetzt entlasst mich oder schickt mich meinetwegen wieder los oder tut, was immer Ihr mit mir vorhabt. Aber lasst mich mit dieser Figur in Ruhe, mir reicht’s.«
Doch das gesunde Auge des Zauberers funkelte tückisch. »Nicht so eilig, Bartimäus. Du hast den Schwanz vergessen.«
»Ich wüsste nicht …«
»Bist du blind? Dort ist auch ein Scharnier! Sei so gut und drück mal drauf.«
»Muss das sein? Ich hab jetzt wirklich genug.«
»Keine Widerrede, Bartimäus. Vielleicht betätigt dieses Scharnier ja den ›Geheimmechanismus‹, von dem du vorhin erzählt hast. Vielleicht zeigt sich ja dann der sagenhafte ›mächtige Geist‹.« Der Alte grinste schadenfroh und verschränkte die dürren Arme. »Oder es zeigt sich wieder einmal, dass es sich nicht lohnt, mir zu widersprechen! Mach schon! Drück auf den Schwanz!«
»Aber …«
»Ich befehle dir, auf den Schwanz der Figur zu drücken!«
»Okay, okay.« Darauf hatte ich es die ganze Zeit angelegt. Das Kleingedruckte einer jeden Beschwörung enthält gewisse Klauseln, die es einem untersagen, dem betreffenden Herrn ein Leid anzutun. So lautet die eiserne Regel jeglicher Magie von Assur bis Abessinien. Seinen Herrn mittels schmeichelnder Worte oder schlichter Hinterlist ins Verderben zu locken, ist etwas ganz anderes, so wie man ja auch zuschlagen darf, wenn die Zauberer ihren Schutzkreis verlassen oder die Beschwörung vermasseln. Offene Angriffe sind allerdings ausgeschlossen. Man darf seinen Meister nicht berühren, es sei denn, man wird von ihm selbst ausdrücklich dazu aufgefordert. Was erfreulicherweise soeben geschehen war.
Ich hob die goldene Schlange noch ein Stück höher und zog am Schwanz der Figur. Erwartungsgemäß hatte Naabash nicht gelogen,10 und der Elementengeist11 hatte im Gegensatz zu den mechanischen Fallen keineswegs unter dem Zahn der Zeit gelitten. Ein heller, sprudelnder Wasserstrahl schoss aus dem offenen Schlangenmaul und glitzerte im Licht des jungen Morgens.
Da ich den Schlangenkopf rein zufällig auf den Zauberer gerichtet hielt, überbrückte der Strahl den Raum zwischen den Pentagrammen und traf den alten Knacker voll vor die Brust. Er wurde umgerissen und quer durchs Zimmer gespült. Das war schon für sich gesehen befriedigend, entscheidend war jedoch, dass der Alte sein Pentagramm verlassen hatte. Noch ehe er klitschnass auf dem Rücken landete, verflüchtigten sich meine Fesseln, und ich konnte mich frei bewegen.
Das hübsche Mädchen ließ die Schlange fallen und trat aus dem Bannkreis. Der Zauberer schnappte zappelnd nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen.
Als das Mädchen an den Ziegentalgkerzen vorbeiging, erloschen sie eine nach der anderen. Ihr Fuß stieß gegen einen Kräutertiegel. Ein paar Rosmarinzweiglein landeten auf ihrer Haut, die sofort zischte und dampfte. Das Mädchen achtete nicht darauf. Seine großen dunklen Augen waren auf den Zauberer gerichtet, der mühsam den Kopf hob und mir entgegensah.
Durchnässt und kurzatmig, wie er war, unternahm er noch einen letzten Versuch, sich zu wehren, und zeigte mit zitternder Hand auf mich. Er bewegte die Lippen und stieß stammelnd ein Wort hervor. Aus seinem Zeigefinger schnellte knisternd ein Substanzspeer. Das Mädchen hob beiläufig die Hand, die Blitze zerbarsten und prallten an den Wänden, dem Boden und der Zimmerdecke ab. Einer schoss aus dem Fenster und sauste in hohem Bogen ins Tal hinunter, wo er den Bauern einen gehörigen Schrecken einjagte.
Das Mädchen ging weiter, baute sich vor dem Zauberer auf und streckte die Hände aus. Die Finger und die Fingernägel waren deutlich länger geworden.
Der Alte blickte mich an. »Bartimäus …«
»So heiße ich«, sagte ich. »Willst du aufstehen oder muss ich mich nach dir bücken?«
Seine Antwort war unverständlich.
Das hübsche Mädchen zuckte lässig die Achseln. Dann fletschte es die Zähne, stürzte sich mit einem Satz auf den Zauberer und erstickte alle sonstigen Laute, die er noch von sich gab.
Die drei kleinen Wachkobolde trafen ein, als ich gerade fertig war. Womöglich hatte sie ein Aufruhr in den Ebenen angelockt. Mit großen Augen drängten sie sich auf dem Fenstersims und sahen staunend zu, wie sich die junge Frau schwerfällig erhob. Sie war jetzt allein im Zimmer. Ihre Augen glühten im Halbdunkel, als sie sich umdrehte.
Die Kobolde schlugen Alarm, aber es war schon zu spät. Zwar hörte man eilig Schwingen rauschen und spitze Klauen sausend durch die Luft fahren, doch das hübsche Mädchen lächelte nur und verabschiedete sich winkend – von den Kobolden, von Jerusalem und von meinem jüngsten Sklavengastspiel auf Erden -, dann war es verschwunden.
Das war das Ende des alten Zauberers. Wir hatten geraume Zeit zusammengearbeitet, aber seinen Namen hatte ich nie erfahren. Trotzdem erinnere ich mich seiner voller Zuneigung. Töricht, habgierig, unfähig und mausetot. Einen solchen Herrn und Meister lobe ich mir jederzeit!
Teil Zwei
4
Salomo
König Salomo der Große von Israel, Hohepriester und Beschützer seines Volkes, beugte sich auf seinem Thron vor und legte die Stirn in vornehme Sorgenfalten. »Tot?«, sagte er und dann – nach einer unheilschwangeren Pause, in der vierhundertsiebenunddreißig Menschen in banger Erwartung das Herz stockte – etwas lauter: »Tot?«
Die beiden Afriten, die in Gestalt goldmähniger Löwen vor seinem Thron kauerten, hoben die Köpfe und blickten ihn mit goldfarbenen Augen an. Die drei geflügelten Dschinn, die hinter dem Thronsessel schwebten und Obst, Wein sowie Süßigkeiten für den verwöhnten Gaumen des Königs bereithielten, zitterten so heftig, dass die Teller und Gläser in ihren Händen klirrten. Oben im Dachgebälk fielen die Tauben und Schwalben von ihren Schlafplätzen und flatterten zwischen den Säulen hindurch in die sonnendurchfluteten Gärten hinaus. Und die vierhundertsiebenunddreißig Menschen – Zauberer, Höflinge, Ehefrauen und Bittsteller -, die an jenem Morgen im Saal versammelt waren, neigten den Kopf, scharrten mit den Füßen und blickten zu Boden.
Nur ganz, ganz selten, auch nicht in Kriegs- oder Liebesdingen, hob der König die Stimme. Und wenn es einmal vorkam, bedeutete es nichts Gutes.
Am Fuß der Treppe verneigte sich Salomos Wesir, so tief er konnte. »Tot. Leider, Herr. Immerhin hat er Euch ein außergewöhnliches kleines Kunstwerk hinterlassen.«
Ohne sich aufzurichten, zeigte er mit ausgestrecktem Arm auf den Sockel neben sich. Darauf stand die goldene Figur einer Schlange.
König Salomo betrachtete die Figur. Im Saal war es totenstill. Die Löwenafriten schauten, die samtenen Vorderpfoten übereinandergelegt, blinzelnd auf die Menschen hinunter und schlugen nur ab und zu mit dem Schwanz. Die Dschinn über dem Thron verharrten wartend in der Luft und rührten nur gelegentlich die Adlerschwingen. Die Vögel draußen im Garten waren verschwunden. Schmetterlinge huschten wie Sonnentupfen zwischen den prächtigen Bäumen umher.
Schließlich richtete sich der König auf seinem Zedernthron wieder auf und sprach: »Die Figur ist wirklich sehr schön. Der arme Ezechiel hat mir mit seiner letzten Tat einen guten Dienst erwiesen.« Salomo bedeutete den Dschinn mit erhobener Hand, sie sollten ihm Wein einschenken, und da es die rechte war, ging eine Welle der Erleichterung durch den Saal. Die Anspannung wich von den Zauberern, die Ehefrauen fingen wieder an zu zanken, und die Bittsteller aus einem Dutzend Länder hoben den Kopf und schauten den König in furchtsamer Verehrung an.
Salomo war keineswegs hässlich. In seiner Jugend war er von den Pocken verschont geblieben, und auch jetzt, in mittleren Jahren, war seine Haut glatt und zart wie die eines Kindes. Fünfzehn Jahre saß er nun schon auf dem Thron, doch er hatte sich kaum verändert. Er hatte dunkle Augen, zartbraun getönte Haut und langes schwarzes Haar, das ihm offen über die Schultern fiel. Seine Nase war lang und gerade, die Lippen waren voll, die Augen nach ägyptischer Mode mit grünschwarzem Kajal umrahmt. Er war in herrliche Seidengewänder gekleidet – ein Geschenk der Zauberpriester von Indien – und üppig mit Schmuck aus Gold und Jade behängt, er trug Ohrringe aus Saphiren, Ketten aus nubischem Elfenbein, Bernsteinperlen aus Kimmerien. An seinen Handgelenken klimperten silberne Armreifen und um einen Knöchel hatte er ein dünnes Goldband geschlungen. Sogar seine Ziegenlederstiefel, ein Hochzeitsgeschenk des Königs von Tyros, waren mit Gold und Halbedelsteinen besetzt. Nur die schlanken Hände waren bar aller Juwelen und anderen Zierrats – bis auf den kleinen Finger der linken, den ein Ring schmückte.
Der König wartete, bis die Dschinn den goldenen Weinpokal gefüllt hatten, er wartete, bis sie mit goldenen Gabeln Beeren aus den windumtosten Bergen Anatoliens sowie Eisstücke von den Gipfeln des Libanon-Gebirges dazugegeben hatten. Das Volk ließ ihn derweil nicht aus den Augen, sonnte sich im Glanz seines Ruhmes, der strahlte wie die Sonne selbst.
Das Eis wurde untergemischt, der Trunk war bereitet. Mit lautlosen Schwingenschlägen zogen sich die Dschinn hinter den Thron zurück. Salomo betrachtete den Kelch, trank jedoch nicht, sondern wandte sich wieder dem Saal zu.
»Meine Zauberer«, sprach er einen Halbkreis von Männern und Frauen ganz vorn in der Menge an, »ihr habt eure Sache gut gemacht. In einer einzigen Nacht habt ihr viele hochinteressante Gegenstände aus der ganzen Welt herbeigeschafft.« Mit dem Pokal deutete er auf die siebzehn vor dem Thron aufgereihten Sockel, auf denen jeweils eine Kostbarkeit prangte. »Alle diese Gegenstände sind zweifellos außergewöhnlich und werden ein Licht auf die Kulturen unserer Vorfahren werfen. Ich werde mich ihnen mit Interesse widmen. Du kannst sie jetzt wegbringen lassen, Hiram.«
Der Wesir, ein kleiner, dunkelhäutiger Zauberer aus dem fernen Kusch, nahm Haltung an und erteilte den entsprechenden Befehl. Siebzehn Sklaven – Menschen beziehungsweise Wesen in Menschengestalt – setzten sich beflissen in Bewegung und trugen die goldene Schlange sowie die anderen Schätze aus dem Saal.
Als wieder Ruhe eingekehrt war, warf sich der Wesir in die Brust, packte seinen Stab mit dem Rubinknauf und pochte dreimal auf den Boden. »Aufgepasst!«, rief er. »Die Audienz wird fortgesetzt! Wichtige Anliegen müssen dem König vorgetragen werden. Wie stets dürfen wir alle an seiner unendlichen Weisheit teilhaben. Erstens …«
Doch Salomo hob die Hand, und da es die linke war, verstummte der Wesir, verschluckte sich an seinen Worten und erbleichte.
»Nichts für ungut, Hiram«, sagte der König sanft, »aber die erste Angelegenheit ist bereits zur Sprache gekommen. Mein Magier Ezechiel wurde heute Morgen umgebracht. Der Geist, der ihn ermordet hat … wissen wir, um wen es sich handelt?«
Der Wesir räusperte sich. »Allerdings, Herr. Mithilfe der Überreste von Ezechiels Tonrolle konnten wir den Täter identifizieren. Bartimäus von Uruk nennt er sich bevorzugt.«
Salomo runzelte die Stirn. »Habe ich schon einmal von ihm gehört?«
»Jawohl, Herr. Erst gestern. Er wurde dabei ertappt, wie er ein überaus unverschämtes Lied sang, in dem er …«
»Danke, danke, ich erinnere mich.« Der König strich sich das markante Kinn. »Bartimäus … von Uruk. Eine vor zweitausend Jahren untergegangene Stadt. Demnach handelt es sich um einen sehr alten Dämon. Er ist wohl ein Marid, nicht wahr?«
Der Wesir verneigte sich. »Nein, Herr, ich glaube nicht.«
»Dann eben ein Afrit.«
Der Wesir verneigte sich noch tiefer. Sein Kinn streifte fast den Marmorboden. »Nein, Herr, er ist vielmehr ein Dschinn von beschränkter Stärke und Macht. Ein Dschinn der Vierten Stufe, so behaupten die sumerischen Tafeln.«
»Der Vierten Stufe?« Lange Finger trommelten auf die Armlehne des Thronsessels, am kleinen Finger funkelte es golden. »Ein viertklassiger Dschinn hat einen meiner Zauberer umgebracht? Bei allem Respekt gegenüber dem unglückseligen Ezechiel, aber dieser Vorfall bringt Schande über Jerusalem – schlimmer noch, über mich! Einen solchen Frevel dürfen wir nicht auf uns sitzen lassen. Wir müssen ein Exempel statuieren. Hiram, lass die Verbliebenen der Siebzehn näher treten.«
Entsprechend König Salomos Herrlichkeit stammten seine Oberzauberer aus Ländern weit jenseits der Grenzen Israels. Aus dem fernen Nubien und aus Punt, aus Assyrien und Babylon waren diese mächtigen Männer und Frauen an seinen Hof gekommen. Jeder Einzelne konnte mit einem kurzen Befehl Dämonen beschwören, Wirbelwinde entfachen und den Tod auf ängstlich am Boden kauernde Feinde regnen lassen. Sie waren allesamt Meister der alten Künste. In ihren Heimatländern hätten sie einflussreiche Stellungen bekleiden können, aber sie hatten es vorgezogen, nach Jerusalem zu ziehen, um dem Träger des Ringes zu dienen.
Durch einen kleinen Wink mit seinem Stab forderte der Wesir sie auf näher zu treten, woraufhin sich einer nach dem anderen tief vor dem Thron verneigte.
Salomo ließ den Blick über die kleine Schar schweifen, dann sagte er: »Khaba.«
Bedächtig, würdevoll und leichtfüßig wie eine Katze löste sich ein Mann aus dem Kreis der Zauberer. »Mein Herr.«
»Dir eilt ein finsterer Ruf voraus.«
»So ist es, Herr.«
»Du behandelst deine Sklaven mit angemessener Strenge.«
»Ich halte mir viel auf meine Unnachgiebigkeit zugute, Herr, und ich tue recht daran, denn Dämonen sind sowohl grausam als auch hinterhältig, ihr Wesen ist von Grund auf rachsüchtig und boshaft.«
Salomo strich sich wieder das Kinn. »Wohl wahr … Soweit mir bekannt ist, Khaba, stehen etliche andere Geister in deinen Diensten, die sich in letzter Zeit als aufsässig erwiesen haben.«
»Allerdings, Herr. Und ein jeder bereut mittlerweile seine Unverfrorenheit bitterlich.«
»Wärst du einverstanden, den niederträchtigen Bartimäus in deine Truppe aufzunehmen?«
Khaba war Ägypter und eine eindrucksvolle Erscheinung: groß, breitschultrig, kräftig gebaut. Wie alle thebanischen Zauberpriester hatte er sich den Schädel kahl rasiert und eingeölt, bis er glänzte. Seine Nase war gebogen, seine Augenbrauen waren buschig, die Lippen schmal, blass und gespannt wie Bogensehnen. Die Augen schwebten wie schwarze Monde in der Wüstenei seines Gesichts und schimmerten feucht, als wäre ihr Besitzer beständig den Tränen nahe. Khaba nickte. »Wie in allen Dingen, Herr, ist mir Euer Wunsch Befehl.«
»Recht so.« Salomo trank einen Schluck Wein. »Sieh zu, dass du diesen Bartimäus gefügig machst, und lehre ihn Respekt. Hiram bringt dir die entsprechenden Tonrollen und Schrifttafeln, sobald Ezechiels Turm aufgeräumt ist. Das wäre alles.«
Khaba verneigte sich und kehrte an seinen Platz zurück, wobei sein Schatten wie ein Umhang hinter ihm herwallte.
»Nachdem das geklärt wäre«, sagte Salomo, »können wir uns anderen Angelegenheiten zuwenden. Hiram?«
Der Wesir schnippte mit den Fingern. Eine kleine weiße Maus kam aus dem Nichts gepurzelt und landete auf seiner Hand. Die Maus trug eine Papyrusrolle, die sie nun entrollte. Der Wesir warf einen kurzen Blick auf die Liste. »Wir haben hier zweiunddreißig Rechtsstreitigkeiten, Herr, die Euch von Euren Zauberern vorgetragen wurden. Die Kläger warten auf Euer Urteil. Dabei haben wir es unter anderem mit einem Mord, drei tätlichen Angriffen, einem Ehezwist und einem Nachbarschaftsstreit bezüglich einer fehlenden Ziege zu tun.«
Der König verzog keine Miene. »Sehr schön. Was noch?«
»Wie immer haben sich zahlreiche Bittsteller aus nah und fern an Eurem Hof eingefunden. Ich habe zwanzig davon ausgewählt, die ihr Anliegen heute vorbringen dürfen.«
»Ich werde sie anhören. Ist das alles?«
»Keineswegs, Herr. Wir haben Nachricht von unseren Dschinn-Patrouillen in der südlichen Wüste. Es haben wieder Überfälle stattgefunden. Banditen haben entlegene Bauernhöfe niedergebrannt und die Bewohner ermordet. Auf den Handelsstraßen ist es zu Plünderungen gekommen. Karawanen wurden überfallen und Reisende ausgeraubt.«
Salomo rutschte auf seinem Sessel nach vorn. »Wem unterstehen die Patrouillen im Süden?«
Eine nubische Zauberin in einem engen gelben Wickelgewand meldete sich zu Wort. »Mir, Herr.«
»Beschwöre weitere Dämonen zur Verstärkung, Elbesh! Bring die Schurken zur Strecke! Stelle fest, ob es sich um gewöhnliche Banditen oder um Söldner im Auftrag anderer Könige handelt. Morgen erwarte ich deinen Bericht.«
Die Frau verzog das Gesicht. »Jawohl, Herr … Nur …«
»Nur was?«
»Ich bitte um Verzeihung, Herr, aber ich befehlige bereits neun mächtige, widerspenstige Dschinn. Das ist furchtbar anstrengend. Noch mehr Sklaven zu beschwören, dürfte schwierig werden.«
»Verstehe.« Der König ließ den Blick vom einen zum anderen wandern. »Dann werden dich Ruben und Nisroch ein bisschen unterstützen. Und jetzt können wir …«
Ein Zauberer mit Zauselbart hob die Hand. »Vergebt mir, großer König! Auch ich bin derzeit überlastet.«
Der Mann neben ihm nickte. »Ich auch!«
Der Wesir Hiram griff ein. »Herr, die Wüste ist groß und die Kräfte Eurer Diener sind begrenzt. Möchtet Ihr da nicht in Erwägung ziehen, uns beizustehen? Vielleicht könntet Ihr …« Er unterbrach sich.
Salomos kajalumrandete Augen blinzelten träge wie die einer Katze. »Sprich nur weiter.«
Hiram schluckte. Er hatte schon zu viel gesagt. »Vielleicht könntet Ihr ja in Betracht ziehen … den … den Ring …?« Die Stimme versagte ihm den Dienst.
Die Miene des Königs umwölkte sich. Mit der Linken umfasste er die Armlehne so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. »Du hinterfragst meine Befehle, Hiram«, sagte Salomo leise.
»Niemals, verehrter Herr! Ich wollte keineswegs …«
»Du wagst es, mir vorzuschreiben, wie ich meine Macht einzusetzen habe.«
»Nein! Es ist mir nur so herausgerutscht. Es war ein Versehen!«
»Könnte es sein, dass du in Wahrheit dies begehrst?« Die linke Hand rührte sich, gleißendes Gold und schwarzer Obsidian blitzten auf. Die Löwenafriten vor dem Thron zogen die Lefzen zurück und stießen ein kehliges Grollen aus.
»Nein, Herr! Bitte nicht!« Der Wesir kauerte nun auf dem Boden, seine Maus flüchtete sich in sein Gewand. Ein Raunen ging durch den Saal und die versammelten Zuschauer wichen zurück.
Der König streckte die Hand aus und drehte den Ring an seinem Finger. Ein dumpfes Poltern erscholl, ein Windstoß fegte durch den Saal. Es wurde dunkel, und wo es am dunkelsten war, neben dem Thron, erhob sich eine hohe, stumme, geisterhafte Erscheinung. Vierhundertsiebenunddreißig Menschen fielen zu Boden, als hätte jemand sie niedergeschlagen.
Salomos Gesicht war zu einer Furcht einflößenden Maske verzerrt. Seine Stimme klang dumpf und hallend: »Und darum rate ich euch allen: Hütet euch vor eurem Begehren!«
Abermals drehte er den Ring. Die Erscheinung verschwand, im Saal wurde es schlagartig hell und in den Gärten sangen die Vögel. Die Zauberer, Höflinge, Ehefrauen und Bittsteller richteten sich zögernd wieder auf.
Salomos Gesicht war heiter und friedlich. »Entsendet eure Dämonen in die Wüste«, befahl er. »Nehmt die Banditen gefangen.« Er nippte an seinem Wein und blickte versonnen nach draußen, wo jetzt, wie so oft, leise Musik ertönte, obwohl nirgends ein Musikant zu sehen war. »Eins noch, Hiram«, fuhr der König schließlich fort. »Du hast mir noch nicht von Saba berichtet. Ist der Bote zurückgekehrt? Hat er die Antwort der Königin mitgebracht?«
Der Wesir war schwerfällig aufgestanden und tupfte sich das Blut ab, das ihm aus der Nase rann. Er schluckte. Heute war einfach nicht sein Tag. »Allerdings, Herr. Die Antwort ist da.«
»Und?«
Hiram räusperte sich. »Unerklärlicherweise weist die Königin Euren Heiratsantrag erneut zurück und lehnt es ab, in die erlesene Gesellschaft Eurer Gefährtinnen aufgenommen zu werden.« Der Wesir machte eine Pause und gab damit den anwesenden Ehefrauen Gelegenheit zu lauten Ausrufen des Erstaunens. »Ihre sogenannte Erklärung lautet, dass sie als Regentin ihres Landes, im Gegensatz zur Tochter eines Königs« – Ausrufe der Empörung wurden laut – »ihr Land nicht einfach im Stich lassen kann, um in Jerusalem dem süßen Nichtstun zu frönen und sich in Eurem Glanz zu sonnen. Sie bedauert zutiefst, dass sie Eurem Wunsch nicht nachkommen kann, und entbietet Euch und Eurem Volk ihre immerwährende Freundschaft und die des Volkes von Saba, bis, ich zitiere …«, er warf wieder einen Blick auf die Schriftrolle, »… ›bis die Türme von Marib fallen und die ewige Sonne verlischt.‹ Kurz gesagt handelt es sich um ein weiteres Nein, Herr.«
Der Wesir verstummte, rollte das Schriftstück, ohne einen Blick in die Richtung des Königs zu wagen, umständlich wieder zusammen und verstaute es in seinem Gewand. Die Menge stand wie versteinert, die Blicke auf die schweigende Gestalt auf dem Thron geheftet.
Dann lachte Salomo und trank einen tüchtigen Schluck Wein. »So lautet also die Antwort aus Saba. Nun gut. Dann müssen wir uns wohl überlegen, wie Jerusalem darauf reagieren soll.«
5
Balkis
Die Nacht war angebrochen, der Lärm der geschäftigen Stadt Marib verstummt. Die Königin von Saba saß allein in ihrem Gemach und las in ihren geheimen Schriften. Als sie nach ihrem Weinbecher griff, hörte sie plötzlich vor dem Fenster ein flatterndes Geräusch. Auf dem Sims hatte sich ein Vogel, ein Adler, niedergelassen. Er schüttelte sich Eisbröckchen aus dem Gefieder und betrachtete die Königin unverwandt mit kalten schwarzen Augen. Die Königin ihrerseits musterte den Adler forschend, und weil sie mit den Trugbildern der Luftgeister vertraut war, sagte sie: »Wenn du in friedlicher Absicht kommst, tritt ein und sei willkommen.«
Worauf der Adler von der Fensterbank hüpfte und sich flimmernd in einen schlanken jungen Mann verwandelte, dunkelhäutig und sehr ansehnlich. Nur seine Augen waren so schwarz und kalt wie die des Vogels und auf seiner bloßen Brust und den Schultern klebten noch ein paar Eisstückchen.
»Ich habe eine Nachricht für die Königin dieses Landes«, verkündete der junge Mann.
Die Königin schmunzelte. »Die bin ich. Du kommst von weit her und aus großer Höhe. Sei Gast in meinem Hause. Was ich besitze, soll auch dein sein. Verlangt es dich nach Erfrischungen oder Erholung oder nach einer anderen Wohltat? Sprich, und es sei dir gewährt.«
Der junge Mann erwiderte: »Ihr seid sehr großzügig, Königin Balkis, aber mich verlangt nach keinem dieser Dinge. Ich muss meine Botschaft überbringen und Eure Antwort hören. Wisset zunächst, dass ich ein Marid der siebten Ebene bin und der Sklave von Salomo, Sohn des David, König von Israel und mächtigster aller lebenden Magier.«
»Schon wieder?« Die Königin lächelte. »Der König hat mir schon drei Mal einen Antrag gemacht und hat drei Mal die gleiche Antwort bekommen. Seit dem letzten Mal ist kaum eine Woche vergangen. Ich hoffe doch, dass er sich endlich mit meiner Entscheidung abgefunden hat und nicht ein viertes Mal um meine Hand bitten will.«
»Was das betrifft«, antwortete der junge Mann, »werde ich Euch sogleich Auskunft erteilen. Salomo entbietet Euch seine Grüße und wünscht Euch Gesundheit und Wohlstand. Er bedankt sich dafür, dass Ihr sein letztes Angebot in Erwägung gezogen habt, nimmt es jedoch offiziell zurück. Stattdessen verlangt er, dass Ihr ihn als Euren höchsten Lehnsherrn und Herrscher anerkennt und Euch bereit erklärt, ihm einen jährlichen Tribut in Form von vierzig Säcken duftenden Weihrauchs aus den Wäldern des herrlichen Saba zu entrichten. Wenn Ihr damit einverstanden seid, wird die Sonne des Glücks Euch und Euren Nachkommen weiterhin leuchten und Ihr und Euer Volk werdet auch künftig im Wohlstand leben. Wenn Ihr jedoch ablehnt, dürfte Eure Zukunft weniger erfreulich aussehen.«
Balkis lächelte nicht mehr. Sie stand aus ihrem Sessel auf. »Was für eine unverschämte Forderung! Salomo hat keinen Anspruch auf die Reichtümer von Saba, ebenso wenig wie er einen Anspruch auf meine Person hat!«
»Wie Euch vielleicht schon zu Ohren gekommen ist«, sagte der junge Mann ungerührt, »ist Salomo der Herr und Meister eines magischen Rings, mit dessen Hilfe er im Nu ein ganzes Heer willfähriger Geister beschwören kann. Darum haben ihm bereits die Könige von Phönizien, Libanon, Aram, Tyros, Edom und viele andere Lehnstreue und Freundschaft gelobt. Sie entrichten ihm jährlich gewaltige Tribute an Gold, Nutzholz, Fellen und Salz und schätzen sich glücklich, von seinem Zorn verschont zu bleiben.«
»Saba ist von alters her ein unabhängiges Reich«, erwiderte Balkis kühl, »und seine Königin wird niemals das Knie vor einem fremdländischen Ungläubigen beugen. Kehre zu deinem Herrn zurück und richte ihm das aus.«
Der junge Mann rührte sich nicht vom Fleck, sondern sprach im Plauderton weiter: »Ist denn der geforderte Tribut für Saba wirklich nicht zu verkraften, o große Königin? Vierzig Säcke von den vielen Hundert Säcken, die Ihr jedes Jahr erntet? Das treibt Euch doch nicht in den Ruin!« Er sah die Königin von der Seite an und lächelte. Weiße Zähne blitzten zwischen seinen Lippen. »Auch ist es sicherlich angenehmer, einen solchen Tribut zu entrichten, als in Lumpen gekleidet aus Eurem zerstörten Land vertrieben zu werden, während Eure Städte niederbrennen und Euer Volk elendiglich umkommt.«
Balkis schnappte nach Luft und machte einen Schritt auf die unverschämte Kreatur zu, doch das Funkeln der schwarzen Augen ließ sie innehalten. »Du gehst entschieden zu weit, Dämon«, sagte sie und schluckte schwer. »Ich befehle dir, mein Gemach auf der Stelle zu verlassen, sonst muss ich meine Priesterinnen rufen, damit sie dich in ihren Silbernetzen fangen.«
»Silbernetze können mir nichts anhaben«, lautete die gelassene Erwiderung.
Der junge Mann trat nun seinerseits auf die Königin zu. Balkis wich zurück. In dem Schränkchen neben ihrem Sessel bewahrte sie eine Kristallkugel auf, die, wenn man sie zerbrach, ihre Leibwache herbeirief. Aber mit jedem Schritt entfernte sie sich weiter von dem Schränkchen und der Tür. Ihre Hand wanderte zu dem juwelenbesetzten Dolch in ihrem Gürtel.
»Davon rate ich Euch ab«, sagte der junge Mann. »Bin ich nicht ein Marid, der mit einem einzigen Befehl Stürme herbeirufen und neue Inseln aus dem Meer aufsteigen lassen kann? Und doch bin ich nur der niedrigste, elendeste Sklave des Salomo, der in seinem Ruhm und Stolz alle Menschen übertrifft.« Er machte eine Pause. Balkis spürte, dass sie gleich mit dem Rücken an der Wand stehen würde. Sie verharrte in kerzengrader Haltung, die Hand am Dolchknauf, die Miene ungerührt, wie man es sie einst gelehrt hatte.
»Vor langer Zeit diente ich den ersten Königen Ägyptens«, fuhr der Dämon fort. »Ich half beim Bau ihrer Grabmäler mit, die immer noch zu den Wundern dieser Welt zählen. Doch die Macht jener Könige ist nur Staub, verglichen mit der Macht, derer sich Salomo erfreut.«
Der Marid wandte sich ab und schlenderte lässig zum Kaminfeuer, wo das restliche Eis auf seinen Schultern rasch schmolz und in kleinen Bächen über seine langen, dunklen Glieder rann. Er schaute in die Flammen. »Habt Ihr davon gehört, was geschieht, wenn man sich Salomos Willen widersetzt, o Königin?«, fragte er leise. »Ich habe es einmal von ferne beobachtet. Er trägt einen Ring am Finger. Er dreht ihn ein Mal. Der Geist des Ringes erscheint. Und dann? Heere marschieren über den Himmel, Stadtmauern stürzen ein, die Erde tut sich auf und die Feinde des Königs werden vom Feuer verzehrt. Er beschwört in Windeseile unzählige Geister herbei, sodass sich der helllichte Tag in schwärzeste Mitternacht verwandelt und die Erde von ihren Schwingenschlägen erzittert. Wollt Ihr diese Schrecken wirklich selbst erfahren? Wenn Ihr Salomos Vorschlag ablehnt, dürft Ihr Euch darauf gefasst machen.«
Doch Balkis hatte sich wieder gefangen. Sie ging mit raschen Schritten zu ihrem Schränkchen und blieb davor stehen, steif vor Zorn, die Hand am Knauf der Schublade mit der Kristallkugel. »Du hast meine Antwort gehört«, sagte sie schroff. »Flieg zu deinem Herrn zurück. Richte ihm aus, dass ich seinen Vorschlag ein viertes Mal ablehne und keine weiteren Botschaften wünsche. Richte ihm auch aus, dass er, wenn er mich weiter mit seiner Habgier behelligt, es noch bereuen wird, meinen Namen je vernommen zu haben.«
»Letzteres wage ich zu bezweifeln«, entgegnete der junge Mann gelassen. »Ihr selbst verfügt über so gut wie keine Zauberkräfte und auch die Stadt Marib ist nicht eben eine Hochburg der Magie oder der Kriegskunst. Eins möchte ich noch sagen, bevor ich mich auf den langen Rückflug mache. Mein Herr hat durchaus Verständnis dafür, dass Euch die Entscheidung schwerfällt. Er gewährt Euch zwei Wochen, um Eure Meinung zu ändern. Seht!« Er deutete auf den Mond, der hinter den schlanken Lehmziegeltürmen am Himmel stand. »Heute ist Vollmond. Beim nächsten Neumond warten die vierzig Säcke im Hof auf ihre Abholung! Wenn nicht, schwingt sich Salomos Armee in die Lüfte. Zwei Wochen! Fürs Erste danke ich Euch für Eure Gastfreundschaft und vor allem für das wärmende Feuer. Ich möchte mich gern angemessen revanchieren. Vielleicht beflügelt das ja Eure Entscheidung.« Der Marid hob die Hand. Eine orangefarbene Flammenkugel erschien an seinen Fingern und schoss als Lichtblitz davon. Die Spitze des nächstbesten Turmes zerbarst in einer Feuerblume. Es hagelte brennende Ziegel, Entsetzensschreie drangen ins Gemach der Königin.
Auch Balkis schrie auf und stürzte ans Fenster. Der junge Mann lächelte verächtlich und war mit einem Satz auf dem Sims. Ein Flimmern, ein Windstoß … der Adler flog zwischen den Säulen hindurch, umkreiste ein Mal die Rauchsäule und verschwand in der sternklaren Nacht.
Der Morgen dämmerte. Von dem zerstörten Turm stiegen immer noch graue Rauchwölkchen auf, das Feuer aber war erloschen. Es hatte Stunden gedauert, bis sich die Priesterinnen auf den passenden Dämon geeinigt hatten, der zur Bekämpfung des Brandes beschworen werden sollte. Bis dahin hatte man die Flammen bereits mit Wasser aus den Kanälen gelöscht. Königin Balkis hatte alles überwacht und dafür gesorgt, dass die Toten und Verwundeten fortgebracht wurden. Nun saß sie wieder am Fenster ihres Gemachs, blickte auf die stille, verstörte Stadt hinab und sah zu, wie sich das türkisfarbene Tageslicht über die Felder heranstahl.