London Affair - Rhyannon Byrd - E-Book

London Affair E-Book

Rhyannon Byrd

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Beschreibung

Es sollte nur für ein Wochenende sein ...

Ein dramatisches Ereignis führt Kunststudentin Emmy Reed und Billionaire und CEO Jase Beckett zusammen. Beide sind fasziniert voneinander und schließen einen Deal: Sie begleitet ihn übers Wochenende als seine Freundin zu einer Familienhochzeit, er hilft ihr bei ihrer Karriere. Doch schnell kocht die Leidenschaft zwischen ihnen hoch, und als ihre gemeinsame Zeit vorüber ist, müssen sie eine Entscheidung treffen ...

"Niemand schreibt die Mischung aus prickelnder sexueller Spannung und herzerwärmender Romantik besser als Rhyannon Byrd!" SHAYLA BLACK, NEW-YORK-TIMES-BESTSELLER-AUTORIN

Diese Gesamtausgabe enthält die bereits erschienenen LONDON-SINS-Novellas THE PROMISE, THE DECISION, THE CONFESSION

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Seitenzahl: 604

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

Widmung

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebtes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Siebzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel

Neunzehntes Kapitel

Zwanzigstes Kapitel

Einundzwanzigstes Kapitel

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Epilog

Die Autorin

Die Romane von Rhyannon Byrd bei LYX

Impressum

RHYANNON BYRD

London Affair

Roman

Ins Deutsche übertragen von Diana Beate Hellman

Zu diesem Buch

Ein dramatisches Ereignis führt Kunststudentin Emmy Reed und Billionaire und Playboy Jase Beckett zusammen. Beide sind fasziniert voneinander und schließen einen Deal: Sie begleitet ihn als seine Freundin zu einer Familienhochzeit, er hilft ihr bei ihrer Karriere. Doch schnell kocht die Leidenschaft zwischen ihnen hoch, und es kommen Gefühle ins Spiel. Aber in Jases intriganter Familie existiert ein dunkles Geheimnis, das um jeden Preis bewahrt werden muss und das Emmy aufdecken könnte …

Diese Gesamtausgabe enthält die bereits erschienenen LONDON-SINS-Novellas THE PROMISE, THE DECISION, THE CONFESSION.

Für Cassandra Wie Tyler sagen würde, bist du die Coolste aller Coolen, Sweetheart. Ich bin unendlich stolz auf dich, und ich liebe dich mehr, als du dir vorstellen kannst.

ERSTES KAPITEL

Donnerstagnachmittag

EMMY

Warum ist das so, dass wir uns im Leben immer nach den Dingen verzehren, die wir nicht haben können? Nach den Dingen, die uns zerstören könnten? Die das Zeug dazu haben, uns zu ruinieren? Uns in Stücke zu zerreißen und in etwas zu verwandeln, das wir selbst nicht mehr wiedererkennen können? Warum muss die menschliche Natur so verdammt destruktiv sein?

Das sind die Gedanken, die mir in dem Moment, in dem ich ihn zum ersten Mal sehe, durch den Kopf schießen. Ich weiß nicht, wie er heißt. Er ist nichts weiter als ein ausgesprochen attraktiver Fremder in einem tadellos sitzenden, teuer aussehenden grauen Anzug, der in dem stickigen und muffig stinkenden Wagen der Londoner Underground, in dem auch ich unterwegs bin, völlig deplatziert wirkt. Ein Unbekannter, der die Verkörperung all dessen ist, wovon mein Unterbewusstsein in der bleiernen Stille der Nacht sehnsüchtig fantasiert, was ich im hellen Licht des Tages aber immer weit von mir weisen würde. Ich meide diesen Typ von Mann aus so vielen Gründen, dass ich sie gar nicht alle aufzählen kann. Einer davon und der noch am wenigsten ausschlaggebende ist meine geringe Toleranz für Egoismus und diese Ich- habe-einen-großen-Schwanz-und-Geld,-also-bin-ich-ein- Gott-Scheiße, die Männer wie er so wahnsinnig gut abziehen können.

Trotzdem ist mir nicht verboten, hinzuschauen und mich an dem Anblick zu erfreuen.

Ich sitze auf einem der schmuddeligen Sitze im rechten Teil des Wagens, und er steht keine anderthalb Meter von mir entfernt und hält sich an dem metallenen Handlauf fest, der unter der Decke installiert ist. Ich weiß, dass er mich beobachtet, denn er spiegelt sich im Fenster, und ich tue nur so, als würde ich den Liebesroman lesen, den ich mir auf meinen E-Book-Reader geladen habe. Ich stelle mir vor, wie er aussehen würde, wenn er all diese teuren Seidenhüllen fallen ließe, und spüre, wie mir die Hitze ins Gesicht steigt, was lächerlich ist. Ich bin schließlich keine Jungfrau wider Willen, die an nichts anderes denken kann als an Sex. Das bin ich schon nicht mehr, seit ich in meinem ersten Jahr im College mit meinem damaligen Freund geschlafen habe. Mit einem Mann wie ihm habe ich allerdings keine sexuellen Erfahrungen. Um verführerische Alphamänner mache ich nämlich einen großen Bogen; wie attraktiv sie sind, spielt da überhaupt keine Rolle. Ich bin ohnehin nicht ihr Typ. Da ich nicht gerade groß bin und eine eher kurvige Figur, honigblonde Locken und Grübchen habe, sehe ich weder aus wie ein Betthäschen noch wie eine High-Society-Lady. Was mir die Möglichkeit gibt, meine Zeit mit guten Freunden zu verbringen und mich auf meine beginnende Karriere in der Kunstwelt zu konzentrieren.

Es ist aber noch nie ein Mädchen daran gestorben, ein bisschen fantasiert zu haben. Und er wäre eine erstklassige Fantasie für ein mitternächtliches Intermezzo mit meinem batteriebetriebenen Freund. Also nutze ich die kurze Zeit, die mir noch bis zum Aussteigen bleibt, um ihn so eingehend wie möglich zu beobachten.

Das Jackett, das sich über seinen breiten Schultern spannt, hat ohne jeden Zweifel mehr gekostet als die Miete, die ich zu Hause in San Diego jeden Monat für mein winziges Apartment zahle. Es ist aus einem mit hellen Nadelstreifen durchzogenen anthrazitfarbenen Stoff und wurde eindeutig für seine groß gewachsene und muskulöse Statur maßgeschneidert. Ich kann diese Muskeln, die sich unter dem Jackett verbergen, zwar nicht sehen, weiß aber aufgrund dessen, wie er das Teil ausfüllt, dass sie da sind. Es bereitet mir größtes Vergnügen, mir Mr Teufelskerl Spitzenunternehmer dürftig bekleidet vorzustellen, mit nichts weiter am Leib als hauchdünnen Sportshorts, und mir vor meinem geistigen Auge auszumalen, wie dieser große Körper vom Schweiß glänzt, und seine Muskeln sich beim Trainieren unter der glatten Haut wölben. Diese Haut hat im Gegensatz zu der Haut der meisten Briten einen eher olivfarbenen Ton, was vermutlich bedeutet, dass eine seiner Ahnen eine traumschöne italienische oder spanische Gräfin war – es sei denn, er ist überhaupt nicht von hier und in Wahrheit genau wie ich Ausländer.

Doch ganz egal, woher er stammt, eines ist klar: Diese intelligenten blauen Augen in Verbindung mit seiner Hautfarbe haben eine frappierende Wirkung, und die Götter waren offenbar in Geberlaune, als sie dieses Gesicht modelliert haben. Die markante, gerade Nase. Den breiten, entschlossen wirkenden Mund. Die geraden, dunklen Augenbrauen und das pechschwarze Haar, das von Natur aus diesen wuscheligen Look hat, der so unverschämt sexy aussieht. Oh ja, dieser Typ wird bei meinen künftigen Fantasien mit hundertprozentiger Sicherheit eine Zeit lang die Hauptrolle spielen.

Da mir plötzlich warm wird, fange ich an, auf meinem Sitz hin und her zu rutschen. Ich greife in mein langes Haar und drehe es zu einem Zopf, den ich über meine Schulter lege, um es von meinem Rücken und Nacken wegzubekommen. Er beobachtet mich immer noch, was ungefähr genauso verwirrend ist wie die Tatsache, dass ein Mann wie er überhaupt die Londoner Underground benutzt. Im Allgemeinen verfüge ich über eine gute Menschenkenntnis, und »unheimlich« wird mir bei seinem Anblick auch nicht zumute. Ich bekomme nicht dieses Gefühl, das mich veranlassen würde, einem Mann großräumig aus dem Weg zu gehen und zuzusehen, dass noch andere Menschen um mich herum sind für den Fall, dass er sich als Irrer erweist. Wenn man als alleinstehende Frau in einer Großstadt lebt, muss man sich entscheiden: Entweder man verfeinert sein Gespür für solche Situationen oder aber man geht das Risiko ein, zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort zu sein. Mr Sexy und Umwerfend lässt mich indes nicht ausflippen. Zumindest nicht vor Panik. Mir behagt allerdings überhaupt nicht, wie mein Körper auf ihn reagiert – wie mein Puls hämmert und wie sich dieser Schimmer auf meine Haut legt, der rein gar nichts mit der schwülen Sommerhitze zu tun hat, denn ich weiß, dass das zu nichts führt. Ich bin nicht sein Typ.

Ich lege die Stirn in Falten, weil mir dieser letzte Gedanke immer wieder wie ein Echo durch den Kopf schallt, und ich frage mich, warum ich mich wiederhole. Das ist so gar nicht meine Art. Und obwohl ich mich daran erfreue, mir dieses so besondere Exemplar von einem Mann anzuschauen, bin ich jetzt bereit, mental etwas Distanz zwischen uns zu schaffen, damit ich mein inneres Gleichgewicht zurückerlange.

Eine schroff klingende Stimme dröhnt aus den Lautsprechern und eröffnet uns, der nächste Halt sei Canada Water, sodass wir nicht mehr weit von der Station Canary Wharf entfernt sind. Dort werde ich aussteigen, um mich mit Lola zu treffen, einer meiner Londoner Freundinnen, die genau wie ich Kunstliebhaberin ist. Lola und ich haben uns vor vier Jahren kennengelernt, als ich im Rahmen eines Auslands-Studienprogramms meiner Universität ein Semester in London studierte. Wir waren Zimmergenossinnen und haben uns auf Anhieb gut verstanden. Und dank FaceTime konnten wir unsere Beziehung über die Jahre aufrechterhalten. Sie wird mich im kommenden Sommer sogar in San Diego besuchen, und wir haben vor, dann den Pacific Coast Highway hinaufzufahren und eine Woche in San Francisco zu verbringen.

Trotz ihres abgeschlossenen Kunstgeschichtsstudiums arbeitet Lola als Empfangsdame in einem der protzigen Bürowolkenkratzer der Canary Wharf. In der Eingangshalle gibt es eine Starbucks-Filiale, und in der treffe ich mich mit ihr während ihrer Mittagspause auf einen Kaffee.

Wir fahren in die Station Canada Water ein, und als die Stimme sich neuerlich über die Lautsprecheranlage zu Wort meldet, um uns mitzuteilen, dass es zu einer zweiten Verspätung gekommen ist, ziehe ich mein Handy aus meiner Handtasche und logge mich ins Wi-Fi ein, damit ich Lola eine SMS schicken und sie vorwarnen kann, dass ich mich verspäten werde. Doch genau in dem Moment, in dem mein Handy die Verbindung herstellt, schallt mit ohrenbetäubender Lautstärke »Go With The Flow« von Queens of the Stone Age aus meinem Handy, und ich taste hastig nach dem Lautstärkeregler und geniere mich, weil ich vergessen hatte, den Ton leiser zu stellen.

»Hey«, murmle ich, da ich nach einem kurzen Blick auf den Bildschirm weiß, dass Lola am anderen Ende der Leitung ist. »Es gab während der Fahrt ein paar Verspätungen, deshalb wird es noch so etwa eine Viertelstunde dauern, bis ich ankomme.«

Die Aufmerksamkeit, die Mr S & U (Sexy und Umwerfend ist zu lang, selbst um es nur zu denken) mir schenkt, ist so gewaltig, dass ich sie wie eine körperliche Berührung spüren kann, und jetzt lauscht er jedem Wort, das ich von mir gebe. Falls er bisher noch nicht bemerkt hatte, dass ich Amerikanerin bin – obwohl ich nicht weiß, wie ihm das vom puren Ansehen hätte aufgehen sollen –, weiß er es jetzt. Man kann das Mädchen aus Georgia verpflanzen, schafft es aber nicht, Georgia aus dem Mädchen herauszubekommen. Ich habe zwar die letzten sechs Jahre meines Lebens eine Schule in Kalifornien besucht, spreche aber immer noch den Dialekt der Südstaatler, mit dem ich aufgewachsen bin, einen Dialekt, in dem die Vokale so gedehnt werden, dass sie sich anhören, als habe man sie mit Melasse überzogen.

»Mach dir deswegen keinen Kopf«, meint Lola. »Irgendjemand hat sich krankgemeldet, sodass ich eh erst in zwanzig Minuten von meinem Schreibtisch weg kann. Hast du die Notizen dabei, die ich mir anschauen soll?«

»Ja, die Notizen habe ich alle dabei. Der Harrison Trust hat mein Gesuch aber wieder abgelehnt.« J. J. Harrison ist ein mürrischer und öffentlichkeitsscheuer moderner Künstler, der mehr festgefahrene perverse Meinungen über Frauen hat als Venedig Kanäle, was ihn zum erstklassigen Thema des Artikels macht, den ich über die Rolle der dominierten Frau als Sujet in der modernen Kunst zu schreiben gedenke. »Falls ich also nicht doch noch irgendwie auf Gold stoße, wird dieser Artikel grottenschlecht, und die Redakteurin von Luxe lacht sich über mich kaputt.«

Dank eines meiner Professoren hatte ich die Gelegenheit bekommen, einem der führenden Magazine der Kunstszene einen Artikel vorzulegen. Doch wenn ich nicht bald mit irgendeiner Art von originellem Material rüberkomme, wird man mich dort niemals eines zweiten Blickes würdigen. Normalerweise komme ich nach England, um meine Freunde hier zu besuchen, doch dieses Mal ist mein Aufenthalt eine Geschäfts- und keine Vergnügungsreise. Ich bin für ein paar Wochen in Großbritannien, um Recherchen über Harrison anzustellen, der Brite ist, und wenn es mir jetzt nicht gelingt, ihn und seine Arbeit aus einer Perspektive zu beschreiben, die tiefschürfende Einsichten liefert, werde ich es nie schaffen. Das haben vor mir schon andere versucht und sind gescheitert, doch ich baue nach wie vor auf das Feuer, das ich im Hintern habe, und hoffe, dass es mir dabei helfen wird, doch noch zu bekommen, was ich will.

Lola bringt an meinem Ohr eine Kaugummiblase zum Zerplatzen, und ich zucke zusammen. »Sag einfach am Empfang Bescheid, wenn du hier ankommst. Wir bekommen das schon alles irgendwie geregelt, Süße.«

Ich lächle, weil sie zu den Menschen gehört, die ich auf dieser Welt am meisten liebe, und ich verabschiede mich von ihr und beende dann das Gespräch. Dann lasse das Handy zusammen mit meinem E-Book-Reader in meine Tasche gleiten. Ich spüre zwar nach wie vor, dass Mr S & U mich beäugt, aber meine Sorgen im Hinblick auf den Artikel drängen das Kribbeln, das dieser Mann in mir auslöst, in den Hintergrund. Auf einmal habe ich Mühe, mir ein heiseres Lachen zu verkneifen, denn ich frage mich plötzlich, was wohl der alte J. J. Harrison aus ihm machen würde. Normalerweise sind Harrisons Männerfiguren immer ebenso kraftvoll und arrogant, wie seine Frauen verletzbar und schwach sind.

Als der Zug endlich in die Station Canary Wharf einfährt, erhebe ich mich, und der Mann bewegt sich auf mich zu und steht plötzlich so dicht vor mir, dass mir der betörende Duft seines teuren Rasierwassers in die Nase steigt. Hitze schießt durch meine Adern, erwärmt mich von innen, und ich weiß, dass mein Gesicht rot angelaufen ist. Als ich einen kurzen Blick in seine Richtung werfe, stelle ich fest, dass er mich unverwandt anstarrt, was mir die Röte nur noch mehr in die Wangen treibt. Ich beiße mir auf die Unterlippe und könnte schwören, dass seine Augenlider regelrecht bleiern werden, als er mich dabei beobachtet, und dieser begehrende Blick verfügt über die Fähigkeit, selbst die zynischste Frau in ein sabberndes, nach Atem ringendes Etwas zu verwandeln.

Der Zug hält auf dem Bahnsteig, zischend öffnen sich die Türen, und ich habe das seltsame Gefühl, dass er jetzt jeden Moment etwas zu mir sagen wird, doch eine Horde junger, rabiat aussehender Typen drängt sich zwischen uns und handelt sich damit ein leises Knurren des Anzugträgers ein. Ich schenke ihnen nur wenig Beachtung, als ich aussteige, weil ich zu sehr damit beschäftigt bin, mich zu fragen, ob es mich enttäuscht oder erleichtert, dass er seine Chance verpasst hat, mich anzusprechen. Aus irgendeinem Grund löst die Vorstellung, mit ihm zu reden, ein Gefühl der Verunsicherung in mir aus. Dabei bin ich nicht schüchtern. Er ist nur einfach nicht der Typ von Mann, mit dem ich normalerweise Umgang pflege, und ich fühle mich nicht gern unsicher. Er hat mich aus dem Gleichgewicht gebracht, aller Wahrscheinlichkeit nach deswegen, weil ich weiß, dass sich meine Persönlichkeit nicht gut mit der eines erfolgreichen und wohlhabenden Anzugträgers verträgt. Ich bin zu geradeheraus und zu lausig darin, gekünstelt zu lächeln. Habe ich Vorurteile? Vielleicht. Ich bin jedoch häufig genug von der Familie meines Vaters umgeben gewesen, um genau zu wissen, wie wenig ich diese Art von Mann mag. Wie gut er aussieht, spielt da überhaupt keine Rolle.

Der erotische Brite mochte zwar die Verkörperung meiner tiefsten und finstersten Fantasien sein, doch wie ich in dem Augenblick, in dem ich ihn zum ersten Mal sah, schon richtig konstatiert hatte, könnte er mich, wenn ich ihn zu nah an mich heranließe, auf eine Weise zerbrechen und verletzen, die ich echt nicht brauche. Auf eine Weise, gegen die ich mich in jahrelanger harter Arbeit zu schützen gelernt habe. Er würde immer genau das Richtige sagen. Immer genau das Richtige tun. Und es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass ich eine fehlerhafte DNA in meinem Blut habe, wenn es um das Thema Widerstand geht. Was der Grund dafür ist, dass ich ihn mir aus dem Kopf schlagen werde.

Da ich mich so schnell wie möglich in die Menschenmenge einfüge, die aus dem Wagen strömt, schenke ich dem, was um mich herum passiert, keine Beachtung, bis ich plötzlich in einen der schmalen Gänge gezerrt werde, die die einzelnen Bahnsteige miteinander verbinden. Ich frage mich gerade, was das, verdammt noch mal, zu bedeuten hat, als mein Kopf gegen die Backsteinmauer zu meiner Linken knallt. Scheiße, das hat wehgetan!

»Sei nicht doof und versuch nicht, dich zu wehren«, knurrt mir ein Mann ins Ohr, der einen Londoner East-End-Akzent hat. »Gib uns einfach die Handtasche, du Schlampe.«

Meine Handtasche? Ich habe mir meine Hobo-Tasche schräg um den Körper geschlungen und spüre plötzlich, wie eine Hand aggressiv an dem Tragegurt reißt. Ich kann nicht fassen, dass mir so etwas am helllichten Tag passiert, inmitten von Menschentrauben. Was bilden diese Idioten sich ein? Als ich jedoch hastig einen Blick nach links und rechts werfe, wird mir klar, dass sie so etwas offenbar schon häufiger gemacht haben. Vor beiden Ausgängen des kurzen, schmalen Durchgangs steht ein Kerl Wache und versperrt denen den Blick, die vorübereilen, und diese Menschenmassen sind alle zu sehr darauf konzentriert, schnell an ihr Ziel zu gelangen, um überhaupt mitzubekommen, was da vorgeht.

»Nimm die Finger weg, verflucht noch mal!«, kreische ich, doch der Lärm eines einfahrenden Zuges auf dem Nord-Bahnsteig übertönt meine Stimme. Der Kerl, der mich festhält, knurrt mir wütend irgendetwas zu, und im nächsten Moment greift er mir mit der Hand ins Haar, knallt meine Schläfe neuerlich gegen die Mauer, und ich denke: Oh, Scheiße, das ist übel. Ein gleißender Schmerz schießt mir durch den Kopf, und ich spüre, wie meine Gedanken zersplittern. Als Nächstes höre ich ein gedämpft klingendes Knurren und dann ein Geräusch, das sich anhört, als würde eine mächtige Faust Knochen zermalmen. Der brutale Klammergriff um meinen Arm und in meinem Haar lockert sich, sodass ich auf den Boden falle und mein Kopf erneut Bekanntschaft mit einer harten Fläche macht. Mittlerweile sehe ich Sterne. Im nächsten Moment flucht eine sonore Stimme derart bösartige Dinge, dass ich überzeugt bin, es werde nun gleich jemand sterben. Und ich kann nur hoffen, dass nicht ich dieser Jemand bin!

Durch einen Nebel aus Schmerz und Verwirrung höre ich, dass weitere Fausthiebe ausgeteilt werden, und ich bin stinksauer auf mich selbst, weil ich diesen Dreckskerlen nicht wenigstens einen Tritt in die Eier verpasse. Als Nächstes bekomme ich mit, dass man mich vorsichtig vom Boden hebt und ich in zwei starken, von Seide umhüllten Armen liege, die so gut duften, dass ich auf eine Weise stöhne, die rein gar nichts mit dem Schmerz in meinem Kopf zu tun hat.

Dieser so besondere Duft hat etwas göttlich Vertrautes an sich, und ich weiß, dass ich unbedingt dahinterkommen muss, warum ich das so empfinde.

Allerdings verliere ich das Bewusstsein, bevor mir das gelingt.

Blinzelnd schlage ich die Augen auf und schnappe entsetzt nach Luft, während ich versuche, eine Erklärung dafür zu finden, warum mein Kopf sich anfühlt, als habe man ihn für ein Boxtraining benutzt. Ich stoße einen erstickt klingenden Laut der Verwirrung aus, als ich feststelle, dass ich auf einem Sofa liege, und meine Hände graben sich in das butterweiche Leder unter mir, als so ganz allmählich ein freundliches Gesicht klar erkennbar wird.

»Hallo Miss. Ich bin Martin, Mr Becketts persönlicher Assistent«, sagt der Mann mit einem eindeutig britischen Akzent. Er sitzt auf einem antiken Stuhl, den man so gestellt hat, dass er direkt vor dem Sofa steht, trägt einen Anzug über seinem hageren Körper und sieht aus wie diese in höchstem Maße kompetente Art von Mensch, die mit der einen Hand den Staatshaushalt verwalten könnte, während sie mit der anderen Gourmetgerichte kocht. Auf seinem silbernen Haar schimmert das Sonnenlicht, das durch die Fenster hereinscheint. »Versuchen Sie, sich nicht zu schnell zu bewegen. Nach dem zu urteilen, was Jase mir erzählt hat, wurden Ihrem Kopf ziemlich viele Schläge versetzt.«

Jase? Wer zum Teufel ist Jase? »Wo bin ich?«, frage ich und bin erstaunt, dass meine Stimme wie ein Krächzen klingt.

»In Jases – das heißt in Mr Becketts – Privatbüro.«

Ich lecke mir mit der Zunge über die Lippen und versuche, mir die letzten Dinge, an die ich mich noch erinnern kann, durch den schmerzenden Kopf gehen zu lassen, kann aber dennoch keine Erklärung für meine derzeitige Lage finden. »Wie bin ich denn hierhergekommen? Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass irgendwelche Penner auf dem Bahnhof versucht haben, mich zu überfallen … das ist es aber auch schon.«

Der zarte rosafarbene Hauch, der sich plötzlich auf Martins Wangen legt, lässt mich ahnen, dass mir seine Antwort nicht gefallen wird. »Äh, nun ja, er hat Sie getragen.«

»Ach du lieber Himmel«, murmle ich vor mich hin, und das Ganze ist mir derart peinlich, dass ich am liebsten sterben würde. Auf einmal weiß ich ganz genau, wen dieser Mann hier mit er meint, und mein armes Hirn kommt endlich dahinter, zu wem dieser betörende Duft gehört hatte, als man mich vom Boden hob. Und er hat mich den ganzen Weg getragen? Das ist … nein, denke ich und erschaudere vor lauter Scham. Das ist zu viel. Ich meine, aller Wahrscheinlichkeit nach habe ich ihm auf seinen unbezahlbaren Anzug gesabbert!

Oh … und lieber Himmel, ich hoffe, dass ich dabei nichts von mir gegeben habe. Freunde haben mir erzählt, dass ich im Schlaf spreche, aber wer weiß schon, ob mir das auch bei Ohnmachten so geht. Bei dem Glück, das ich immer habe, ist es durchaus möglich, dass ich den gesamten Weg zu seinem Büro dazu genutzt habe, mich darüber auszulassen, wie außerordentlich attraktiv er ist. Oder dass es mein Plan war, ihn als Inspiration für meine Spielchen mit meinem Vibrator zu benutzen!

Ganz ehrlich, wäre irgendwo ein Loch im Fußboden, würde ich jetzt auf der Stelle dort hineinkriechen.

Martin räuspert sich und sorgt damit dafür, dass ich meine Aufmerksamkeit wieder auf sein freundliches Gesicht lenke. »Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir zu sagen, wie Sie heißen, Miss?«

»Emmy. Emmy Reed«, hauche ich und schaffe es, mich aufrecht hinzusetzen und meine Füße auf den Boden zu stellen, ohne dabei Martins Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen, der allerdings beide Hände erhoben hat, als erwarte er jeden Moment, dass ich wieder umkippe. Das gibt mir eine Vorstellung davon, wie ramponiert ich aussehe. Mein Rock sieht aus, als habe man ihn mir mehrmals um die Knie geschlungen, und meine weite eierschalfarbene Bluse hängt mir derart von der rechten Schulter, dass man den Träger des Dessous sieht, das ich darunter trage.

»Emmy ist ein hübscher Name«, sagt er mit einem Lächeln auf den Lippen, als er endlich zuversichtlich zu sein scheint, dass ich aufrecht sitzen kann ohne umzufallen. Er lehnt sich auf seinem Stuhl zurück, stützt die Ellbogen auf die Armlehnen und faltet die Hände. »Bleiben Sie einfach nur ganz still sitzen, Miss Reed, und es wird Ihnen im Nu besser gehen. Der Arzt ist bereits auf dem Weg.«

»Welcher Arzt?« Ich zucke zusammen, weil ich diese Worte in derart scharfem Ton von mir gebe, dass es meinem Kopf alles andere als guttut.

»Der Hausarzt der Familie Beckett, Dr. Riley.«

Ich spüre, wie mich nackte Panik erfasst, mich wie eine langsam anrollende, schwindelerregende Flut durchwogt und sämtliche Scham ertränkt. »Warum brauche ich denn einen Arzt?«

Eine nur schwach erkennbare Falte wird auf Martins Stirn sichtbar. »Sie hatten das Glück, keine offenen Wunden davongetragen zu haben, doch ich fürchte, Sie könnten eine Gehirnerschütterung erlitten haben. Also sollten Sie sich, bevor Sie wieder herumlaufen, von einem Arzt untersuchen lassen.«

»Scheiße«, platzt es aus mir heraus, und sofort zucke ich wieder zusammen. Martin erweckt den Eindruck, als habe er in seinem ganzen Leben noch nie ein Schimpfwort in den Mund genommen. Er hält mich wahrscheinlich für eine ungehobelte und vulgäre amerikanische Proletarierin. »Äh, entschuldigen Sie«, flüstere ich und beiße mir auf die Unterlippe.

Wieder legt sich ein mildes Lächeln auf seine Lippen. »Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Ich fürchte, Sie könnten fluchen, bis Ihr Gesicht blau anläuft, und es wäre trotzdem nur ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn man bedenkt, wie viele Kraftausdrücke ich im Laufe meiner Jahre mit Mr Beckett schon zu hören bekommen habe.« Er beugt sich dichter an mich heran und senkt die Stimme. »Es könnte sogar angehen, dass ich einige seiner geschmackvolleren Sprüche im Laufe der Jahre übernommen habe, aber behalten Sie das bitte für sich.«

Ich lache, und seine Augen beginnen zu funkeln. Es erleichtert mich, dass der gute, alte Martin nicht so steif ist, wie ich befürchtet hatte. Und da die Rede auf Mr Beckett gekommen ist, will ich mich gerade erkundigen, wo er ist, weil ich hoffe, hier herauszukommen, bevor er wiederkommt, als sich am anderen Ende des Zimmers plötzlich etwas bewegt und meine Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Er steht auf der entgegengesetzten Seite des sehr großen Raums und spricht mit tiefer und abgehackt klingender Stimme Worte in ein Handy, die ich akustisch nicht verstehen kann. Ich höre aber genug, um die Bestätigung zu bekommen, dass er Brite ist – und dass er verärgert klingt.

Ach du liebe Zeit. Mich zu retten, hat ihn vermutlich von so wichtigen Dingen abgehalten, wie das Wirtschaftssystem irgendeines armen Landes zu zerstören, denke ich verächtlich und bin selbst erstaunt über die Wut, die ich dabei empfinde. Ich nehme an, dass dieser Mann – und die vielen unübersehbaren Beweise für seinen außerordentlichen Wohlstand, von denen ich im Moment umgeben bin – etwas an sich hat, was mir echt auf die Nerven geht.

»Sind Sie in festen Händen, Miss Reed?«

Ich zucke zusammen und richte meinen Blick wieder auf Martin. »Warum, um alles in der Welt, müssen Sie das denn wissen?«

»Das muss ich nicht wissen«, erwidert er mit einem leicht verlegenen Grinsen. »Ich weiß aber, dass Jase – das heißt, Mr Beckett – sich das fragt, also dachte ich mir, ich helfe dem Jungen aus.«

Ich schniefe leise vor mich hin. »Ein Junge ist er ja nun nicht gerade. Und ich kann Ihnen versichern, dass ich die letzte Frau bin, für die er sich interessieren würde.«

Und natürlich wählt Beckett genau diesen Moment, um sein Telefonat zu beenden und auf uns zuzusteuern. Er hat sein Jackett abgelegt und sich die Ärmel seines frisch gebügelten weißen Oberhemdes hochgerollt, und schiebt, während er immer näher kommt, lässig die Hände in die Vordertaschen seiner Hose. Als er endlich stehen bleibt, muss ich den Kopf in den Nacken legen, um ihm weiterhin ins Gesicht blicken zu können. Er ist sehr groß und wirklich attraktiv, da gibt es nichts zu meckern, aber: Guter Laune scheint er nicht zu sein. »Warum sagen Sie so etwas?«, fragt er mit herrlich maskuliner Stimme und steht dabei nur etwa einen Meter von der Stelle entfernt, an der ich auf dem Sofa sitze.

»Äh, was sage ich denn?« Ich klinge wie eine Idiotin, aber seine sonore Stimme hat mich aus der Bahn geworfen. Tyler, mein bester Freund in San Diego, würde vor lauter Aufregung bereits sabbern. Aber Tyler steht ja auch auf diese vor Testosteron triefenden Alphamänner mit den rauen Stimmen.

Beckett tritt noch näher an mich heran, baut sich so vor mir auf, dass die Spitzen seiner polierten Lederschuhe die Spitzen meiner Ballerinas berühren. »Dass ich mich nicht für Sie interessieren würde.«

Ich versuche, mein Unbehagen mit einem Lachen abzutun, und rutsche auf dem Sofa ein Stückchen weiter nach rechts, damit ich, wenn ich mich endlich wieder stabil genug fühle, um auf meinen Beinen zu stehen, in der Lage bin, mich zu erheben, ohne dabei gegen ihn zu prallen. Da er nicht den gebührenden Abstand zu mir wahrt, hat dieser Mann allem Anschein nach Probleme damit, anderen nicht zu nahe zu kommen. Und da hatte ich mir immer eingebildet, es werde von der britischen Oberschicht erwartet, überkorrekt und zurückhaltend zu sein. Beckett hätte sich mit jedem knallharten, hitzigen Amerikaner messen können.

»Sir, das ist Miss Emmy Reed«, wirft Martin ein, der eindeutig bemüht zu sein scheint, die Spannungen abzubauen, die zwischen seinem Arbeitgeber und mir entstanden sind.

»Sie wissen verdammt gut, dass ein Mann blind sein müsste, um sich nicht für Sie zu interessieren«, erklärt Beckett in ruhigerem Ton und ganz so, als habe sein Assistent überhaupt nichts gesagt.

»Aber sicher doch«, spotte ich, denn mir behagt nicht, wie dieser Mann mich aus der Fassung bringt. »Und ich wette, dass das jetzt die Stelle ist, an der ich dahinschmelzen, mich Ihnen an den Hals werfen und mich lächerlich machen soll. Sie konfrontieren eine Frau mit Ihrer so einmaligen Ausstrahlung, und normalerweise lässt sie dann sofort ihr Höschen fallen. Sehe ich das richtig?«

Martin versucht zwar, nicht zu lachen, scheitert aber kläglich, und Beckett schenkt mir ein etwas schiefes, zugleich aber unfassbar verruchtes Grinsen … und dann senkt er in aller Ruhe den Blick und schaut auf meinen Schoß. »Allem Anschein nach nicht, denn ich sehe gerade, dass Sie Ihres noch anhaben.«

Wieder schniefe ich leise vor mich hin und empfinde es irgendwie als Erleichterung, soeben festgestellt zu haben, dass er genauso überheblich ist, wie ich vermutet hatte. »Sie dürfen es mir glauben, ich zähle nicht. Ich kann mir aber durchaus vorstellen, welche Wirkung Sie auf die Frauen aus Ihren Kreisen haben.«

»Aus meinen Kreisen?« Er runzelt so die Stirn, dass seine Brauen fast den Haaransatz berühren, und ein Gefühl, das ich nicht deuten kann, färbt seine Augen dunkel.

»Ach, Sie wissen schon. Diese Art von Mädchen, die immer ›Göttlich‹ oder ›Daaahling‹ flöten und ›Küsschen, Küsschen‹ auf die Wange austeilen. Ich wette, die lechzen alle danach, richtig?«

Er stößt einen leisen, trockenen Lacher aus, streckt mir eine große männliche Hand entgegen und sagt: »Ich werde für den Moment darüber hinweggehen und mich einfach mal vorstellen. Jasper Beckett, aber meine Freude nennen mich Jase.«

»Emmy Reed.« Ich krächze diese Worte nur, denn meine Kehle hat schwer zu kämpfen, weil ich schlucken muss, als er seine große Hand um meine legt. Wie ist es nur möglich, dass ein Mann, der genau das Gegenteil von dem ist, was ich mir, wie ich weiß, für mich selbst als Mann wünschen sollte, eine derart große Anziehungskraft auf mich ausübt? Meine feministischer veranlagten Freundinnen aus der Arbeitsgemeinschaft Frauenforschung würden mich jetzt mit großen Augen anstarren und angewidert mit den Köpfen schütteln, aber ich kann mich dem Hormonrausch, der durch meinen Körper jagt, einfach nicht entziehen.

»Und wie nennen Ihre Freunde Sie?«

Aus reinem Selbstschutz ziehe ich meine Hand zurück. »Das geht Sie nichts an.«

Er schüttelt leicht den Kopf, schaut mir dabei aber weiterhin fest in die Augen, weil er vermutlich nicht weiß, wie er mit einer Frau umgehen soll, die ihm etwas versagt. Eine bleierne Stille macht sich zwischen uns beiden breit – eigentlich zwischen uns dreien, da der arme Martin immer noch, wie es sich für ihn geziemt, auf seinem Stuhl sitzt – bis ich schließlich klein beigebe. »Meine Freunde nennen mich Em, und Sie sehen überhaupt nicht aus wie ein Jasper.«

»Ja, das bekomme ich häufiger zu hören.« Sein wunderschöner Mund zuckt, als er seine kräftige Hand wieder in die Hosentasche gleiten lässt. »Die einzige Erklärung, die ich dafür habe, ist die, dass meine Mutter mich offenbar gehasst hat.«

»Tut sie das inzwischen nicht mehr?«

»Sie ist gestorben, als ich sechs Jahre alt war.«

»Oh.« Jetzt fühle ich mich wie ein Vollidiot, der soeben in ein Fettnäpfchen getreten ist. »Das tut mir leid.«

»Das braucht Ihnen nicht leidzutun«, erwidert er leise. »Das ist ja schon sehr lange her.«

Da ist etwas zwischen den Zeilen – die Dinge, die er nicht sagt –, das mir verrät, dass der Tod seiner Mutter alles andere ist als ein Bestandteil seiner Vergangenheit, der ihm inzwischen gleichgültig und so gut wie vergessen ist.

Im nächsten Moment wechselt er das Thema. »Wie fühlen Sie sich?«, fragt er und seine blauen Augen flackern. »Ich hätte diese kleinen Scheißkerle am liebsten dafür zerstückelt, dass sie sich an Ihnen vergriffen haben.«

»Es geht mir gut, ich habe lediglich leichte Kopfschmerzen. Das hätte sehr viel schlimmer enden können, wenn Sie mir nicht zu Hilfe gekommen wären, also vielen Dank.«

»In Zukunft müssen Sie nach solchen Männern Ausschau halten, wenn Sie allein unterwegs sind«, belehrt er mich.

Ich beiße die Zähne fest zusammen, da ich ihm unmöglich gestehen kann, dass ich normalerweise genau das getan hätte, im vorliegenden Fall aber zu sehr damit beschäftigt war, mir Gedanken über ihn zu machen, statt darauf zu achten, was diese Verbrecher trieben. Das Schmunzeln, das sich auf seine Lippen schleicht, verrät mir jedoch, dass er bereits ahnt, womit ich mich gedanklich befasst hatte. Ich verdrehe die Augen und forme mit den Lippen das Wort »Arschloch«, was aus irgendeinem Grund bewirkt, dass sich sein Schmunzeln in ein ausgewachsenes Grinsen verwandelt. Also wirklich, was ist los mit diesem Kerl?

»Der Arzt wird in Kürze hier sein«, sagt Martin, der auf einmal ein wenig besorgt klingt. Dass er überhaupt nicht weiß, was er von Beckett und mir halten soll, steht ihm ins Gesicht geschrieben.

Ich beiße mir auf die Unterlippe, denn ich finde die Vorstellung, dass ein mir unbekannter Arzt herkommt, um mich zu untersuchen, schlichtweg abscheulich. »Ich glaube wirklich nicht –«

»Machen Sie sich gar nicht erst die Mühe, sich darüber streiten zu wollen«, schneidet Beckett mir das Wort ab, »denn Sie werden sich von ihm untersuchen lassen.«

Ich gehe innerlich zwar hoch, mache aber keinen Ärger. Ich begnüge mich damit, ihn wütend anzustarren und frage: »Wo ist meine Handtasche?«

Er deutet mit einer ruckartigen Kinnbewegung auf das andere Ende des Raums. Dort ist eine Fensterfront mit getönten Scheiben, hinter denen der Sommerhimmel aussieht wie ein grauer Schleier aus Regenwolken, und davor steht sein ausladender, wuchtiger Schreibtisch. Meine Handtasche liegt auf einer Ecke dieses Schreibtisches und sieht aus, als würde sie überhaupt nicht dorthin gehören. Zudem sieht es so aus, als sei sie unlängst geöffnet worden, denn mein Handy liegt daneben.

Ich richte meinen Blick wieder auf Beckett und frage mich, was dieser Mann sich eigentlich einbildet, dass er die Dreistigkeit besitzt, meine persönliche Habe zu durchwühlen. Und wundere mich, dass ich ihn trotzdem noch immer attraktiv finde. Um Himmels willen, was ist nur los mit mir? Ich habe zwar genauso viele Hormone wie andere Frauen, lasse mich aber nicht von ihnen beherrschen. Nicht, wenn es um Männer geht.

»Essen Sie heute mit mir zu Abend.«

Ich fange an zu blinzeln, weil ich überzeugt bin, mich verhört zu haben. »Wie bitte?«

»Essen Sie mit mir zu Abend«, sagt er noch einmal. »Es wird ein paar Stunden dauern, bis Ihre neuen Kreditkarten kommen. Bis dahin haben Sie kein Geld, um irgendwohin zu gehen. Diese Zeit könnten Sie also mit mir verbringen, oder?«

»Wovon reden Sie? Was ist denn mit meinen Kreditkarten?«

»Das ist alles schon geregelt.« Er starrt mit einem Gesichtsausdruck auf mich nieder, der so unergründlich ist, dass ich ihn nicht deuten kann, doch die Intensität, die er verströmt, hat eine derart greifbare Kraft, dass sich mir die Brust zusammenschnürt und ich anfange, schneller zu atmen. »Es spricht also nichts dagegen, mit mir zu Abend zu essen.«

Als mir aufgeht, was passiert ist, balle ich die Hände zu Fäusten. »Wollen Sie etwa behaupten, diese Arschlöcher haben mir meine Kreditkarten gestohlen?« Ich hatte San Diego mit zwei Debitkarten und einer Kreditkarte verlassen und die Absicht gehabt, sie getrennt aufzubewahren für den Fall, dass mir während meiner Reise so etwas wie das hier passieren sollte. Idiotischerweise war ich noch nicht dazu gekommen, diesen Plan in die Tat umzusetzen. Sie waren alle in einem Kreditkartenetui in der Innentasche meiner Handtasche gewesen.

»Als ich mich mit dem Mistkerl befasst habe, der Sie verletzt hat, hat einer der anderen Männer ein paar Karten aus Ihrer Handtasche gezogen«, erklärt Beckett mir und reibt sich dabei mit der Hand über den dunklen Bartschatten auf seinen Wangen.

»Hurensohn!« Jetzt bin ich stocksauer.

Er kneift die Augen zu Schlitzen zusammen, als behage ihm nicht, dass ich wütend werde. Was mir allerdings scheißegal ist. »Machen Sie sich keine Sorgen wegen der Karten. Ich habe Ihre Bank angerufen, und man stellt Ihnen bereits neue aus. Außerdem habe ich Ihre Konten sperren lassen.«

»Das hat man Sie einfach so machen lassen?«

Er zuckt mit den Achseln. »Ich musste ein paar Beziehungen spielen lassen.«

An liebsten würde ich ihm jetzt ins Gesicht sagen, dass ihn meine Bankkonten einen Dreck angehen, doch das verkneife ich mir, da ich ihm dankbar bin, dass er so schnell und umsichtig gehandelt hat. »Werden die Karten an diese Adresse hier geschickt? Ich hatte nämlich geplant, heute Abend nach Surrey zu reisen und dort in einer Frühstückspension zu wohnen.«

Statt mir eine Antwort auf meine Frage zu geben, will er wissen: »Wo sind denn Ihre Sachen?«

»Was für Sachen?«

Er schaut mich an, als sei das eine dumme Frage. »Sie hatten doch gewiss nicht vor, ohne Gepäck nach Surrey zu reisen.«

»Ach so. Ich habe meinen Koffer bei einem Freund stehen«, nuschle ich leise vor mich hin. Diese emotionale Achterbahnfahrt hat meine Kopfschmerzen nur noch weiter verschlimmert. Ich fange an, mir mit den Fingerspitzen die Schläfen zu massieren. »Es ist geplant, dass ich ihn vor meiner Abreise dort abhole.«

»Geben Sie mir die Adresse, und ich werde den Koffer von jemandem abholen lassen. Dann können Sie und ich miteinander zu Abend essen, und ich besorge Ihnen für die Nacht ein Zimmer.«

Ich nehme meine Hände herunter, lege sie bedächtig auf das Sofa und grabe meine Finger in das hochwertige Leder. Dieser Mann hat mir zwar geholfen, doch das werde ich vor mir selbst nicht als Entschuldigung dafür benutzen, ihm sexuell zu Diensten zu sein. »Bilden Sie sich etwa ein, ich würde einfach so die Nacht mit Ihnen verbringen? Ich kenne Sie doch gar nicht.« Und außerdem bin ich nicht sein Typ! Was die Lage, in der ich mich befinde, zu einer Farce macht. Spielt er hier irgendeine Art von Spielchen mit mir?

Er reagiert auf meinen gepresst klingenden Wach-hier-mal-endlich-auf-Ton, indem er den Kopf leicht zur Seite legt. »Ich bitte Sie lediglich um ein Abendessen. Meine Familie besitzt in Chelsea ein Hotel. Das Zimmer ist ausschließlich für Sie, Emmy.«

Oh. Jetzt komme ich mir irgendwie albern vor.

Ich gehe im Geist durch, welche Alternativen ich habe, und stelle fest, dass ich gar keine habe. Lola lebt mit ihrem Freund zusammen, den ich nicht ausstehen kann. Und Ben, der Freund, in dessen Wohnung ich meinen Koffer im Moment stehen habe, hat für ein paar Tage Besuch von seiner Mutter, was bedeutet, dass er jetzt auf dem Sofa schläft, auf dem ich normalerweise nächtige, wenn ich in London bin. Ich habe Ben und Lola zur gleichen Zeit kennengelernt. Er wohnte in der Studentenwohnung, die sich gleich unter unserer befand, und wir haben uns angefreundet, weil wir beide die Foo Fighters so sehr liebten und thailändisches Essen zum Mitnehmen.

Beckett wartet nach wie vor auf eine Antwort von mir, also räuspere ich mich und sage: »Wenn das so ist, äh, vielen Dank. Ich werde Ihnen das Geld für das Zimmer und das Essen aber erstatten, sobald ich meine Kreditkarten habe und irgendwo einen Geldautomaten finde. Dann können Sie wieder tun, was Sie eben so tun, und sind mich los.«

Er lacht, und dieses Mal bin ich diejenige, die die Augen zusammenkneift. »Was ist denn jetzt so lustig?«

»Lustig ist nichts. Nur –«, er sucht offenbar nach dem richtigen Wort, »– erfrischend.«

Mein Ton ist so scharf, dass es nahezu schmerzt. »Weil?«

Wieder heben sich seine breiten Schultern, und er zuckt mit den Achseln. »Sie interessieren sich nicht für mein Geld. Und Sie wollen wirklich keine Zeit mit mir verbringen. Das bin ich nicht gewöhnt.«

»Wow«, lache ich und schüttle den Kopf. »Großes Ego?«

Er grinst und bleckt seine geraden weißen Zähne. »Mit Ego hat das nichts zu tun, Sweetheart. So ist es einfach. Das gefällt mir aber – dass Sie nicht so sind wie all die anderen Frauen, die ich kenne. Deshalb möchte ich Ihnen ein Angebot machen. Ein Angebot, das Sie annehmen werden, weil es viel zu reizvoll ist, als dass Sie es ablehnen könnten.« Die Glut in seinen blauen Augen lässt mich rot anlaufen, und mein Herz hämmert mit solcher Wucht, dass ich weiß, dass er meinen Puls an meinem Hals pochen sehen kann. »Ich werde dafür sorgen, dass Sie unbegrenzten Zugang zu der Privatsammlung von J. J. Harrisons Gesamtwerk bekommen, und wenn wir Glück haben, sogar ein Interview mit ihm führen können«, erklärt er mir mit leiser Stimme und in trügerisch beiläufigem Ton. »Und als Gegenleistung erklären Sie sich bereit, mich an diesem Wochenende zu einer Familienhochzeit nach Kent zu begleiten.«

Ich schnelle so hastig hoch, dass ich gezwungen bin, mich an Martins Stuhl festzuhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Begleiten? Familienhochzeit? Ein Angebot, das ich nicht ablehnen kann? »Was reden Sie denn da, verdammt noch mal?«

Beckett hatte mir die Hände entgegengestreckt, als ich ins Wanken geriet, und er senkt seine Arme erst, als er sieht, dass ich nicht umfallen werde. »Sie wollen Informationen über Harrison, und ich will kein ganzes Wochenende damit verbringen, einer weiteren Frau dabei zuzuhören, wie sie über ihre jüngsten Einkäufe oder ihre Fingernägel schwafelt oder über jeden, den sie sieht, gehässige Bemerkungen macht.«

Ich bekomme ganz große Augen. »Woher wissen Sie denn von meinen Recherchen?«

»Ihr Telefongespräch«, gibt er lakonisch zur Antwort.

Ich denke zurück und stelle fest, dass er das Telefonat, das ich in der Tube mit Lola geführt habe, mitbekommen hat. »Oh.« Ich versuche meine Gedanken zu ordnen, doch es hämmert immer noch wie verrückt in meinem Schädel. »Äh, ich muss –«

Als könne er meine Gedanken lesen, meint er: »Machen Sie sich keine Sorgen um Ihre Freundin. Ich habe sie von Ihrem Handy aus angerufen. Sie weiß, dass mit Ihnen alles in Ordnung ist.«

Ich lege den Kopf in den Nacken, damit ich ihm ins Gesicht schauen kann, und würde ihm jetzt unheimlich gern die Meinung geigen, ihm sagen, dass er nicht das Recht hatte, in meinem Handy herumzuschnüffeln – davon, dass er das Handy mit meinem Daumenabdruck entsperrt hatte, als ich ohnmächtig war, will ich mal gar nicht erst reden –, doch im letzten Moment verkneife ich mir das. Der Mann hat mich gerettet, also würde ich wie eine wutschnaubende Zicke klingen, wenn ich ihn jetzt dafür zur Rede stellen würde, dass er mir abgenommen hat, Lola zu informieren. Trotzdem ärgert es mich.

»Wie ist das denn nun mit dem kommenden Wochenende?«, bedrängt er mich, dass sich mir die Nackenhaare sträuben, denn es schwingt dabei ein leicht herrischer Ton in seiner sonoren Stimme mit, als kämpfe er dagegen an, mir einfach zu befehlen, ihn zu begleiten.

Innerlich bebend hole ich Luft und erwidere: »Abgesehen von der auf der Hand liegenden Tatsache, dass ich verrückt sein müsste, um mit jemandem, den ich überhaupt nicht kenne, irgendwohin zu fahren, erwähnten Sie gerade, dass Sie keine Zeit mit einer Frau verbringen möchten, die gehässige Kommentare von sich gibt.«

Er hebt das Kinn – so, wie Männer das tun. »Das stimmt.«

»Und woher wollen Sie wissen, dass ich das nicht tun würde?«, frage ich in zunehmend ratlosem und verärgertem Ton. Dabei bin ich so auf diese leuchtend blauen Augen fixiert, die auf mich niederstarren, dass ich nur aus den Augenwinkeln mitbekomme, dass Martin sich erhebt und aus dem Büro flüchtet. Verdenken kann ich ihm das nicht. Was hier abläuft, wird immer grotesker.

Auf einmal verzieht Beckett den Mund erneut zu einem Grinsen, und als er seine Hände wieder in den Hosentaschen vergräbt, kann ich sehen, wie die kräftigen Muskeln unter seinem weißen Hemd spielen. »Irgendetwas sagt mir, dass dieses neunmalkluge Mundwerk nur mich brüskieren würde. Andere Menschen nicht.«

Was? Meinte dieser Typ das ernst? »Und das hört sich für Sie nach Vergnügen an?«

Sein leises Lachen rinnt mir warm über den Rücken und nistet sich als flüssige Hitze zwischen meinen Schenkeln ein. »Verlangen Sie nicht von mir, das zu erklären.«

Ich verschränke die Arme vor der Brust und starre ihn mit kaltem Blick an. »Und wie gedenken Sie das hinzubekommen, dass ich mir Harrisons Privatsammlung ansehen kann?«, erkundige ich mich. Ich mache mir gar nicht erst die Mühe, auch noch das Interview zu erwähnen, da ich sowieso schon weiß, dass es niemals dazu kommen wird. »Und erzählen Sie mir keinen Mist. Es ist keine Lüge, wenn ich sage, dass ich nicht das geringste Interesse daran habe, das Wochenende mit Ihnen inmitten einer Horde piekfeiner Wichtigtuer zu verbringen.«

»Ich erzähle Ihnen keinen Mist.« Der Ton seiner Stimme verrät mir, dass ihm das, was ich gerade gesagt habe, nicht gefällt. Er scheint die Art von Mann zu sein, der Frauen gewohnt ist, die sich überschlagen, um so schnell wie möglich zu tun, was er will. Und ich bin so gar nicht der unterwürfige Typ.

»Wie wollen Sie das also anstellen?«, lasse ich nicht locker und bin selbst erstaunt, wie zickig ich dabei klinge. Wer mich in diesem Moment hört, käme niemals auf die Idee, dass man mich im Allgemeinen für eine wirklich nette Person hält, die leicht Freundschaften schließt. Wenn es um Beziehungen geht, bin ich vielleicht nicht gerade gut, doch es bedarf in der Regel einer Menge, um mich zu erzürnen. Beckett hat jedoch etwas an sich, was meinen Wunsch nach Höflichkeit im Keim erstickt.

Er tritt dichter an mich heran und senkt den Kopf, damit er mir mit starrem Blick ins Gesicht schauen kann, und seine blauen Augen funkeln triumphierend. »Ich gebe Ihnen einen Hinweis«, raunt er mir zu, und die heiseren Nuancen seiner Stimme fühlen sich an wie eine körperliche Berührung, die mich nicht kaltlässt. »Mein vollständiger Name ist Jasper John Beckett, und der Mädchenname meiner Mutter war Prescott.«

»Oh, mein Gott«, hauche ich, und dabei rotiert es in meinem Hirn, weil sich die Puzzleteile nun endlich zusammenfügen. Wieder muss ich mich mit beiden Händen an der Rückenlehne von Martins Stuhl festhalten. J. J. Harrisons vollständiger Name ist Jasper John Harrison Prescott!

»Ich wurde nach dem Künstler benannt, denn so handhabt man diese Dinge in meiner Familie«, fügt er mit dem arrogantesten Lächeln hinzu, das ich je gesehen habe. »Der frauenfeindliche alte Schweinehund, für den Sie sich so brennend interessieren, ist mein Großvater mütterlicherseits.«

ZWEITES KAPITEL

Freitagmorgen

JASE

Zum ersten Mal in den zweiunddreißig Jahren meines Lebens bin ich einer Frau begegnet, aus der ich nicht schlau werden kann. Das hört sich zwar überheblich an, ist aber die Wahrheit. Zumindest aus meiner Sicht. Ich meine, klar, es ist durchaus möglich, dass ich einige der Frauen, mit denen ich zusammen war, falsch eingeschätzt habe, aber bei den Erfahrungen, die ich mit ihnen gemacht habe, hat es niemals irgendwelche Überraschungen gegeben. Bei dieser Frau ist es indes … Na ja, diese hier hat mir so den Kopf verdreht, dass ich kaum noch weiß, wie ich heiße.

Seit einer halben Stunde fahre ich mit der neuesten Liebe meines Lebens – einen für mich sonderangefertigten mattschwarzen Range Rover – über die Autobahn, während Emmy Reed auf dem Beifahrersitz hockt und sich nach Kräften bemüht, mich zu ignorieren. Sie trägt eine leichte gelbe Strickjacke über einem langen, schulterfreien Sommerkleid, das in einem dunkleren Gelbton gehalten ist, und dazu bis zur Wade geschnürte Ledersandalen. Eigentlich müsste sie in dieser Aufmachung aussehen, als sei sie auf dem Weg zu einem Musikfestival, das von irgendwelchen Künstlern der Bohème veranstaltet wird, doch ihr steht dieses Outfit auf eine Art und Weise, die eine Frau sich selbst dann nicht kaufen könnte, wenn sie ein Vermögen dafür ausgäbe. Emmy könnte in diesem eng anliegenden Hippiekleid zu jeder exklusiven Abendveranstaltung gehen und würde sämtliche Blicke auf sich ziehen. Und sie duftet wie etwas, das in meinen Mund gehört. Wie etwas, in dem ich mein Gesicht vergraben und niemals wieder auftauchen möchte, nicht einmal, um Luft zu holen.

Selbst ohne es darauf anzulegen, sorgt sie dafür, dass ich ständig dagegen ankämpfen muss, eine Erektion zu bekommen, und in meinem Kopf geht es zu … lieber Himmel, ich kann gar nicht beschreiben, was ich empfinde. Zu viel, das ist mal schon das eine. Ein gescheiter Mann hätte den Schaden vermutlich in Grenzen gehalten, solange ihm das noch möglich war, und sich verdammt noch mal von ihr losgeeist, aber vielleicht bin ich ja nicht so gescheit, wie ich bisher immer dachte. Sie sitzt schließlich nur aus einem einzigen Grund neben mir: wegen des Arschlochs, das mein Großvater ist.

Aber das ist mir völlig egal.

Angesichts der Einstellung mir gegenüber, die sie gestern deutlich gemacht hat, würden die meisten Menschen das sicher für seltsam halten, aber sie ist wirklich zu besonders, als dass ich sie mir einfach durch die Lappen gehen lassen könnte. Ich muss zumindest das Wochenende mit ihr verbringen und sie in ihrer Gesamtheit erleben, bevor ich sie wieder abserviere. Und abservieren werde ich sie. Das tue ich immer. Laut Aussage der Londoner Klatschblätter hat meine längste Beziehung drei Wochen gedauert, und das ist nur passiert, weil Melissa nach unserer ersten Woche mit einer schweren Blinddarmentzündung im Krankenhaus endete, und ich einfach nicht die Möglichkeit hatte, mit ihr Schluss zu machen, solange sie krank war.

Das Gros meiner Verflossenen hält mich zwar aller Wahrscheinlichkeit nach für ein Arschloch, aber so ein Scheißkerl bin nicht einmal ich, dass ich einer Frau den Laufpass geben würde, wenn ihr Hintern aus dem Schlitz eines Flügelhemdchens hervorblitzt, und man ihr durch Schläuche Flüssigkeiten in den Körper pumpen muss.

»Also, wer ist sie?«, fragt die kleine Amerikanerin neben mir, und für den Bruchteil einer Sekunde bin ich total perplex und frage mich, woher sie weiß, dass ich gerade an eine meiner Verflossenen gedacht habe.

»Wer ist wer?«, hake ich sicherheitshalber nach, denn ich habe nicht die Absicht, etwas zu gestehen, was ich nicht zwingend gestehen muss.

»Die hübsche Rothaarige«, erwidert sie, ohne mich dabei anzublicken. Wann immer sich mir die Gelegenheit dazu bietet, schiele ich aus den Augenwinkeln zu ihr hinüber, und sie schaut inzwischen schon so lange aus dem Seitenfenster nach draußen, dass sie sicher bereits einen steifen Nacken hat. »Sie wissen schon, das Mädchen, das gestern Abend in mein Hotelzimmer gekommen ist und mir all die neuen Sachen gebracht hat.«

Ah. Es ist zwar peinlich, das zugeben zu müssen, aber es erleichtert mich maßlos, dass sie meine Gedanken nicht gelesen hat.

»Ich habe keine Ahnung, wer sie ist. Ich habe einfach nur bei Harrods angerufen und darum gebeten, dass sie irgendjemanden von ihrem persönlichen Einkaufsservice abstellen, der ein paar Kleider und Schuhe für Sie aussucht, und ein Outfit, das Sie auf einer Hochzeit tragen könnten.«

Sie dreht den Kopf in meine Richtung, und ich kann spüren, wie ihr finsterer Blick über mein Profil gleitet. »Sie haben die Leute dort angerufen?«

»Ja. Warum dieser Ton?«

»Es erscheint mir einfach zu … das ist eine zu niedere Tätigkeit für jemanden wie Sie. Ich wäre davon ausgegangen, dass Sie Martin mit so etwas beauftragt hätten.«

»Nein. Ich ziehe es vor, dass Martin sich nicht damit befasst, wie Sie in Tangas und durchsichtigen Büstenhaltern aussehen.«

Als sie daraufhin einen schnaubenden Laut ausstößt, bringt mich das zum Lächeln. »Ja, die Dessous waren ein hübscher, wenn nicht gar perverser Touch.«

»Sie halten mich doch bereits für einen Lustmolch. Da kann ich meinem Ruf auch gleich alle Ehre machen.«

Ich kann körperlich spüren, dass sie mich jetzt anschaut und die Augen verdreht, und das hat zur Folge, dass ich weitergrinse. Ich kann mich nicht erinnern, dass sich eine Frau mir gegenüber je dermaßen wenig anbiedernd verhalten hat, und ich weiß, dass ich das vermissen werde, wenn sie weg ist. Was nicht heißt, dass ich mich deshalb darum bemühen würde, dass sie nicht aus meinem Leben verschwindet. Sie mag zwar anders sein als die anderen und so verdammt sexy, dass es mich an den Rand des Wahnsinns treibt, aber ich bin lediglich auf eine Ablenkung aus, auf mehr nicht. Ich suche nach etwas, was der Eintönigkeit des Alltags etwas Farbe gibt, und das tut Emmy ohne jeden Zweifel. Es ist schon sehr lange her, dass ich etwas so gern berühren wollte, wie ich ihre weiche, goldene Haut berühren will. Ich will diesen Panzer durchbrechen, den sie trägt, und dafür sorgen, dass sich die Frau, die sich unter diesem Panzer verbirgt, an mich krallt. Ich will sie vor Erregung schreien hören und spüren, wie sich diese kurzen Fingernägel in meinen Rücken graben, wenn ich sie nehme.

Doch dieser Panzer, den sie trägt, ist dick. So dick, dass sie mir das Abendessen gestern im allerletzten Moment mit der Behauptung versagt hat, ihr Kopf schmerze immer noch zu sehr, als dass sie ihr Zimmer verlassen könne.

Meine Finger umklammern das Lenkrad fester als bisher, als ich plötzlich an die Mistkerle denke, die sie überfallen haben, und ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen und noch einmal auf die kleinen Scheißer einschlagen. Oder noch besser, den Anruf meines Finanzchefs ignorieren, der mich diese entscheidenden Sekunden gekostet hat, die ich benötigt hätte, um die Typen davon abzuhalten, sich überhaupt an ihr zu vergreifen.

Unmittelbar nachdem ich ihr gegenüber in meinem Büro die Großvater-Bombe hatte platzen lassen, war Dr. Riley eingetroffen. Ich konnte spüren, wie wenig es Emmy behagte, sich von unserem Arzt untersuchen zu lassen, doch sie versuchte nicht, ein Streitgespräch mit mir darüber anzufangen. Zum Glück hatten die Schläge, die man ihrem Kopf zugefügt hatte, dank ihrer dicken, wunderschönen Haare keine offenen Wunden verursacht. Sie hatte allerdings zwei Beulen, die Riley hin und her schob, und an denen er so lange herumdrückte, dass ich dachte, sie würde ihm jeden Moment gegen die Schienbeine treten. Seine Diagnose war eine leichte Gehirnerschütterung, und seine Prognose lautete, dass dieser damit beizukommen sei, ein paar Tage normale Dosen freiverkäuflicher Schmerzmittel zu nehmen und es ein bisschen ruhiger angehen zu lassen. Ich hatte vorgehabt, sie nach der Untersuchung selbst zum Hotel zu fahren, doch es gab bei einem meiner Auslandsprojekte einen Notfall, um den ich mich kümmern musste, sodass Martin sie zum Hotel meiner Familie chauffierte, ihr dort eine Suite beschaffte und ihr die Medikamente dorthin liefern ließ. Dann war er losgefahren und hatte ihren Koffer abgeholt, und da ich bezweifelte, dass dieser die Art von Kleidung enthielt, die sie für ein Wochenende auf dem Land benötigen würde, bei dem sie im Zuge einer Recherchereise einer piekfeinen Hochzeit beiwohnte, hatte ich Harrods angerufen und beauftragt, ein paar Sachen herüberzuschicken.

Als ich um kurz nach neunzehn Uhr in der Absicht, sie zum Abendessen in das Dachrestaurant einzuladen, vor ihrer Zimmertür aufgekreuzt war, hatte sie mich nicht einmal in die Suite gelassen. Bekleidet mit einem der flauschigen weißen Hotel-Bademäntel, hatte sie die Tür nur einen Spaltbreit geöffnet und mir erklärt, es gehe ihr nicht gut genug, um auszugehen oder Besuch zu empfangen, was ich als Aufforderung betrachtete, mich vom Acker zu machen. Da ich nicht wie ein totales Arschloch herüberkommen wollte, hatte ich ihr die neuen Kreditkarten ausgehändigt, die man in mein Büro gebracht hatte, und ihr dann gesagt, sie solle sich ausruhen, und dass ich um acht Uhr heute Morgen wiederkäme, um sie abzuholen. Womit wir wieder in der Gegenwart wären, was da heißt, dass wir gerade über die M20 rasen und uns mit jeder Meile mehr dem Haus nähern, in dem ich meine Kindheit verbracht habe … und damit dem letzten Ort auf dieser Welt, an dem ich sein will.

Nach unserem kurzen Austausch über die Frau mit den roten Haaren verfallen wir neuerlich in bleiernes Schweigen, und ich muss mir auf die Zunge beißen, um sie nicht mit Fragen zu löchern, denn ich habe Sorge, sie damit zu verschrecken. Ich kann mich in Geduld üben, denn ich habe ja das gesamte Wochenende Zeit. Genau genommen bis Montagabend, da Caroline, meine Stiefmutter, sichergestellt hat, dass die Hochzeit meines Cousins Oliver das pompöseste Ereignis des Jahres wird. Mich überrascht, dass sie niemanden eingeladen hat, der zur Königlichen Familie gehört, obwohl ich sicher bin, dass der eine oder andere Earl anwesend sein wird sowie auch mehrere Mitglieder des Parlaments. Caroline beurteilt jedes gesellschaftliche Ereignis danach, wie viel Geld die Gäste auf ihren Bankkonten haben, und wie prestigeträchtig die Stellungen sind, die sie in der Gesellschaft innehaben, und das wird auch bei dieser Hochzeit nicht anders sein.

Da ich irgendetwas tun muss, schalte ich das Radio ein und hoffe, dass Emmy keine fanatische Pop-Liebhaberin ist. Mein Mundwinkel zuckt, als sie anfängt, leise den Song der Arctic Monkeys mitzusingen, der gerade gespielt wird, und ich frage mich, ob es sie erstaunen würde, wenn sie wüsste, dass ich die Band schon mehrmals bei Livekonzerten erlebt habe. Angesichts dessen, was sie so von sich gibt, geht sie vermutlich davon aus, dass ich ausschließlich Symphoniekonzerte und Ballettpremieren besuche – und ich muss zugeben, dass ich mich darauf freue, ihr zu beweisen, wie falsch sie damit liegt. Ihr zu zeigen, dass ich erheblich cooler bin, als sie mir zutraut.

Ja, dass ich Geld habe, ist wahr. Ich habe aber für jeden einzelnen Penny hart gearbeitet und nie erwartet, dass die Welt mir etwas schenkt. Alistair, mein Vater, hatte mir als Beweis gereicht, wie schrecklich alles laufen kann, wenn man von dem lebt, was einem auf einem Tablett serviert wird, und nicht von dem, was man sich selbst verdient, und ich wusste schon in jungen Jahren, dass ich um nichts in der Welt so sein wollte wie er.

Für einen kurzen Moment erwäge ich, Emmy vor meiner verkorksten Familie zu warnen, entscheide mich dann aber dafür, es für mich zu behalten. Sie wird das noch früh genug selbst herausfinden, und bis es so weit ist, verbringe ich diese Zeit lieber damit, sie ganz für mich zu haben.

»Wissen Sie, meinem Freund, den ich zu Hause in San Diego habe, wird das hier überhaupt nicht gefallen«, wirft sie plötzlich ein und starrt dabei immer noch aus dem Fenster.

Dieses Mal bin ich es, der einen schnaubenden Laut von sich gibt. »Netter Versuch«, sage ich und schalte das Radio leiser, »aber Sie haben keinen.«

Obwohl ich meinen Blick weiterhin auf die Fahrbahn richte, spüre ich, dass sie den Kopf zur Seite dreht und mich anstarrt. »Woher wissen Sie –«

»Lola«, falle ich ihr grinsend ins Wort. »Als ich sie gestern an der Strippe hatte, habe ich sie danach gefragt.«

Sie erwidert nichts darauf, und ich habe das Gefühl, dass ich ihre Freundin soeben in größte Schwierigkeiten gebracht habe. Da ich mir einbilde, Lola schuldig zu sein, von ihrer Indiskretion abzulenken, sage ich: »Ich fand es allerdings entzückend, wie Martin versucht hat, Ihnen diese Information zu entlocken.«

Sie lacht leise auf, und ich muss mir ein weiteres Lächeln verkneifen, als sie sich plötzlich auf ihrem Sitz dreht, damit sie mich anschauen kann, und sich auf ihren rechten Unterschenkel hockt. »Da wir gerade von Martin sprechen, wie haben Sie den denn an Land gezogen?«

»An Land gezogen?«

»Ja. Der ist wie so ein Alfred, aber Sie sind zweifellos kein Batman. Wie haben Sie das also angestellt?«

»Warum kann ich denn nicht Batman sein?« Ich höre mich an wie ein Idiot, aber ich weiß ernsthaft nicht, warum diese wunderschöne Blondine der Meinung ist, ich könne diese Rolle so überhaupt nicht ausfüllen.

»Wenn Sie Batman wären«, entgegnet sie in völlig sachlichem Ton, »hätten Sie mich gestern aufgefangen, bevor ich mit dem Schädel auf den Asphalt geknallt bin.«

Ich werfe ihr einen raschen Seitenblick zu, um mich zu vergewissern, ob sie das ernst meint, und bin erleichtert, als ich sehe, dass sie lächelt.

»Das ist ein berechtigter Einwand«, murmle ich und möchte ihr dieses zynische Lächeln, das so sexy ist, so gern von den Lippen küssen, dass ich es bereits auf der Zunge schmecken kann. Wie ich auch das verdammte Verlangen schmecken kann, das in meinem Innersten brodelt, und so schüttle ich leicht den Kopf und zwinge mich, mich wieder auf die Straße zu konzentrieren.

»Also, wie ist das, J. J. Harrison zum Großvater zu haben?«, will sie wissen und ist jetzt offenbar plötzlich in Plauderstimmung. Dagegen habe ich nichts, ich wünschte nur, sie würde nicht über Harrison reden wollen. Aber ich nehme, was ich kriegen kann.

»Um ehrlich zu sein«, gebe ich zur Antwort, »weiß ich das gar nicht so recht.«

»Was soll das denn heißen? Er ist Ihr Großvater. Ich habe gestern Abend eine ganze Stunde damit zugebracht, im Internet Recherchen über Sie anzustellen, und irgendwann ein paar Familienfotos gefunden, auf denen Sie mit ihm abgebildet sind. Die sahen aus, als seien sie bei irgendeiner Preisverleihung aufgenommen worden, zu der er gehen musste, weil man ihn dazu gezwungen hatte.«

»Ja, er ist mein leiblicher Großvater, aber er hat sich nie so benommen«, bestätige ich ihr, kann mich aber nicht erinnern, wann man Harrison und mich zusammen fotografiert haben sollte. Ich bemühe mich inzwischen schon seit Jahren, ihm aus dem Weg zu gehen. »Er ist eher so dieser mürrische alte Fiesling, dem ich von Zeit zu Zeit in die Arme laufe.«

»Oh. Das ist echt Scheiße. Fast habe ich das Gefühl, sagen zu müssen, dass mir das leidtut.«

»Fast?«, frage ich mit einem heiseren Lachen.

»Nun ja, ich meine, es ist ja nicht gerade so, dass Sie familienmäßig darben. Nach dem zu urteilen, was ich gelesen habe, haben Sie so viele Verwandte, dass sie eine ganze Kleinstadt bevölkern könnten.«