Long Covid - Frederik Jötten - E-Book

Long Covid E-Book

Frederik Jötten

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Beschreibung

Post-Covid-19-Erkrankung, Long-Covid-Syndrom, kurz Long Covid – die Krankheit, die nach einer Infektion mit dem Coronavirus auftreten kann, hat viele Namen. Seitens vieler Ärzte und Forscherinnen ist noch immer überraschend wenig darüber bekannt und es gibt auch noch wenige Therapie- und Behandlungsansätze. Der Beobachter-Ratgeber zu Long Covid soll Betroffenen und Angehörigen helfen. Er gibt medizinisches Hintergrundwissen, klärt die aktuelle Rechtslage – und zeigt, was man selber tun kann, um mit der Situation besser fertig zu werden. Ein Rundum-Ratgeber, der medizinisches, arbeitsrechtliches, sozialversicherungstechnisches und psychologisches Rüstzeug mitgibt.

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Seitenzahl: 193

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Beobachter-Edition

© 2022 Ringier Axel Springer Schweiz AG, Zürich

Alle Rechte vorbehalten

www.beobachter.ch

Herausgeber: Der Schweizerische Beobachter, Zürich

Lektorat: Muriel Blancho

Umschlaggestaltung: fraufederer.ch

Satz: Bruno Bolliger, Gudo

Herstellung: Bruno Bächtold

Druck: Grafisches Centrum Cuno GmbH & Co. KG, Calbe

ISBN 978-3-03875-448-0

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Inhalt

Vorwort

Medizin

Was bedeutet Long Covid aus medizinischer Sicht?

Symptome von Long Covid und deren Behandlung

Erschöpfung (Fatigue)

Probleme mit Atmung und Herz-Kreislauf-System

Störung des Riech- und Geschmackssinns

Mögliche Mechanismen von Long Covid und Behandlungsoptionen

Psychologie

Einleitung

Psychologie und Long Covid

Bewältigungsstrategien

Das lebendige Dreieck des Wohlbefindens

Unser Wohlbefinden

Gedanken

Gefühle

Körper

Die Bedeutung des Lebensumfeldes

Wie wir leben

Angehörige

Long Covid bei Kindern

Arbeitsrecht

Einleitung

Krankmeldung und Arztzeugnis

Was muss der Arbeitgeber wissen?

Das Arztzeugnis

Wenn der Arbeitgeber Sie zur Vertrauensärztin schickt

Einfach oder detailliert: Was gehört ins Arztzeugnis?

Teilarbeitsunfähigkeit

Wiedereinstieg in den Job

Fixe Arbeitszeit oder Gleitzeit?

Und bei Gleitzeitmodellen?

Arztbesuch und Teilzeitarbeit

Längere Therapien

Bei Krankheit: Lohnfortzahlung des Arbeitgebers

Es kommt auf den Arbeitsvertrag an

Das sagt das Gesetz

Kein Krankenlohn für «Frischlinge»

Wie viel Geld erhält man wie lange?

Was gilt bei Stundenlohn?

Was ist mit dem Dreizehnten, den Spesen und Zulagen?

13. Monatslohn, Gratifikation, Bonus

13. Monatslohn

Gratifikation

Trinkgelder, Spesen, Schichtzulagen, Überstunden

Echte und unechte Spesen

Zulagen für Schichtarbeit und Ähnliches

Was gilt bei Überstundenentschädigung und Jahresarbeitszeitmodellen?

Familienzulagen

Die Beiträge an die Sozialversicherungen

Beitrags- und Versicherungslücken vermeiden

Kündigungsschutz bei Krankheit

So lange sind Sie vor Kündigung geschützt

Und der Lohn?

Selber kündigen?

Pensumskürzung, Funktionsänderung, Vertragsanpassung

Krank und arbeitslos

Haben Sie genug Beitragszeit?

Sind Sie vermittlungsfähig?

Spezialregelung nach der Anmeldung bei der IV

Wenns falsch läuft: der Rechtsweg

Zuerst Hilfe holen

Wenn Sie klagen müssen

Sozialversicherungsrecht

Einleitung

Allgemeine Vorbemerkungen

Berufsunfall oder Krankheit?

Covid-19 und Long Covid als Listenkrankheit

Covid-19 und Long Covid nach der Generalklausel

Angestellt oder selbständig erwerbend?

Welche Leistungen müssen von den Versicherungen übernommen werden?

Kurz- und mittelfristige Leistungen

Bei Berufskrankheiten

Im Falle einer Krankheit

Spezielle Behandlungen bei Covid-19 und Long Covid

Kann die Versicherung Leistungen kürzen, weil ich mich nicht impfen liess?

Langzeitleistungen

Anmeldung bei der IV

Was ist, wenn ich mich nicht erhole? Welche Leistungen habe ich dann zugute?

Worauf muss ich achten?

Wie wird eine Long-Covid-Erkrankung rechtlich beurteilt?

Was ist, wenn ich mit einem Entscheid nicht einverstanden bin?

Wann brauche ich welche Hilfe?

Wie finanziere ich das?

Entscheide der Unfall-, Kranken- und Invalidenversicherung

Entscheide der Pensionskassen

Krankentaggeld- und Lebensversicherungen sowie die Zusatzversicherungen zur Krankenkasse

Fazit

Anhang

Nützliche Adressen und Links

Quellenangaben

Vorwort

In meiner Karriere als Neuroimmunologin habe ich es oft mit diffusen und schwierig fassbaren Symptomen zu tun. «Fatigue», die chronische Müdigkeit, ist eines, das mich bereits lange begleitet. Es ist ein häufiges Symptom und betrifft viele Krankheiten wie Multiple Sklerose, Schlaganfall oder Krebserkrankungen. Meinen ersten Long-Covid-Patienten begegnete ich in meiner Sprechstunde im Oktober 2020. Sofort bemerkte ich viele Parallelen mit der Fatigue bei anderen neurologischen Erkrankungen. Die Intensität der Fatigue und das Phänomen von der «Post Exertional Malaise» (PEM) und den «Crashs» waren aber auch für mich überraschend.

Jeder Long-Covid-Verlauf ist anders. Es gibt eine grosse Bandbreite an Symptomen, von der Fatigue über Magen-Darm-Beschwerden bis hin zum Haarausfall. Das stellt uns Ärztinnen und Ärzte, aber auch die Gesellschaft vor grosse Herausforderungen. Durch die unterschiedlichen Beschwerden sind die Patienten in allen Bereichen des Lebens eingeschränkt. Diese Erkrankung hat daher massive Folgen für unsere Gesundheit, unsere Wirtschaft und unser soziales Leben und muss ernst genommen und nicht bagatellisiert werden. Die Patienten brauchen eine enge Betreuung. Es braucht seriöse Informationen. Es ist wichtig, Patienten vor sogenannten Fake News über Long Covid zu schützen.

Nach zweieinhalb Jahren Pandemie muss ich leider sagen, dass wohl noch länger kein Ende in Sicht ist. Aber es gibt gute Nachrichten bezüglich Long Covid. Es handelt sich meistens nicht um einen dauerhaften Zustand. Natürlich braucht es viel Geduld und Kraft, aber die Chancen, wieder vollkommen gesund zu werden, sind hoch. Bildhaft gesagt: Es gibt ein Licht am Ende des Tunnels – der Tunnel ist zwar nicht der Belchentunnel, sondern der Gotthardtunnel –, aber irgendwann kommen wir alle im sonnigen Tessin an.

Dr. med. Lara Diem

Oktober 2022

Medizin

Was bedeutet Long Covid aus medizinischer Sicht?

Für die Gesellschaft ist es eine schlechte Nachricht, für Betroffene eine Erleichterung – die medizinische Forschung zweifelt nicht daran, dass die Erkrankung Long Covid existiert. Studien aus aller Welt haben gezeigt, dass Menschen noch lange nach ihrer akuten Infektion mit dem Sars-Corona-Virus-2 an den Folgen leiden können. Eine Untersuchung der Uni Basel belegt: Auch viele Schweizerinnen und Schweizer sind betroffen. Für die «Swiss Corona Stress Study» wurden mehr als 11 000 Menschen online befragt. Dabei zeigte sich, dass ein Jahr nach einem positiven Coronatest 30 Prozent das Long-Covid-Symptom der schnellen körperlichen Erschöpfung angaben, bei den Personen, die keinen nachweislichen Sars-Cov-2-Infekt hatten, waren es hingegen 15 Prozent.1«Der Anteil, der auf eine Infektion zurückzuführen ist, liegt demnach bei 15 Prozent», sagt Dominique de Quervain, Professor für Neurowissenschaften an der Uni Basel und Leiter der Studie. «Mit einer Häufigkeit von rund 20 Prozent für mindestens ein Long-Covid-Symptom liegen wir in unserer Studie im Bereich der 10 bis 50 Prozent, von denen in den meisten internationalen Studien berichtet wird.» Dass die jeweiligen Anteile je nach Studie so unterschiedlich ausfallen, liegt an deren verschiedenen Designs. So beruhen die Daten oft auf Umfragen und es gibt nur wenige Vergleichsgruppen. Ausserdem sprechen solche Umfragen eher Menschen an, die an Long-Covid-Symptomen leiden. «Dies trifft allerdings auf die Swiss-Corona-Stress-Studie eher weniger zu», sagt de Quervain. «In unserer Studie ging es namentlich um Stress, die Bezeichnung ‹Long Covid› fiel bei der Symptomerhebung nirgendwo.» Allerdings bleibt die Verzerrung, dass eher Menschen an der Befragung teilnehmen könnten, die etwa an Erschöpfung leiden. «Long-Covid-Symptome werden aber anscheinend nicht durch psychischen Stress nach einer Infektion ausgelöst», sagt de Quervain. «Denn Symptome von Stress und Depression sind bei positiv Getesteten nicht gehäuft vorgekommen.»

Die stärksten Nachwirkungen einer Coronainfektion haben Menschen, die sich wegen eines schweren Verlaufs ins Spital begeben mussten. Laut einer britischen Studie haben über 70 Prozent ein Jahr später noch Beschwerden.2«Hier dürfte allerdings ein grosser Teil der Beschwerden auf die invasive Krankenhausbehandlung zurückgehen», sagt Lara Diem, Neurologin am Inselspital Bern. «Wir sehen in unserer Long-Covid-Sprechstunde eher Menschen, die einen milden Verlauf hatten.»

Post Covid Unter Betroffenen und in der Bevölkerung hat sich die Bezeichnung Long Covid für anhaltende Beschwerden nach einer Infektion mit Sars-Cov-2 durchgesetzt. Dagegen unterscheiden Mediziner einerseits Long Covid mit Symptomen, die zwischen mehr als einem und drei Monaten dauern, und andererseits Post Covid, mit Symptomen, die länger als 12 Wochen anhalten. In der englischsprachigen Fachliteratur sind weiterhin die Bezeichnungen PASC (post-acute sequelae of COVID-19, «Postakute Folgekrankheiten von Covid-19») oder Long haul COVID («sich lange hinziehendes Covid») gängig.

Klar ist: Es sind nicht wenige Menschen betroffen. Die Invalidenversicherung hat bereits 2000 Anträge wegen Long Covid erhalten, 150 kommen jeden Monat dazu. Es könnten mehr werden, denn aktuelle und künftige Varianten des Coronavirus entgehen dem Immunschutz immer besser. «Die Hoffnung, dass Omikron und seine Varianten weniger oft Long Covid auslöst, musste ich begraben», sagt Lara Diem vom Inselspital Bern. «Wir sehen leider auch mehr und mehr Betroffene auch aus den Wellen im Jahr 2022.» Die Impfung, insbesondere die vollständige Serie, bestehend aus drei Dosen mRNA-Impfstoff (Moderna oder BioNTech/Pfizer), verhindert Infektionen und damit auch Fälle von Long Covid. Unklar ist dagegen, wie gut sie vor ebendiesen langwierigen Komplikationen schützt, wenn man sich dann doch infiziert. Die Mehrzahl der Studien zeigt, dass die Fälle von Long Covid unter Geimpften mit einer Durchbruchsinfektion seltener sind als bei Ungeimpften die sich infiziert haben.3Allerdings verringert sich die Wahrscheinlichkeit nur um etwa 50 Prozent,4andere Studien zeigen gar keinen Schutz der Impfung gegen Long Covid.5«Wir werden mit Anfragen überflutet», sagt Lara Diem über die Long-Covid-Sprechstunde am Inselspital in Bern. Auch Gregory Fretz, Leiter Medizinische Poliklinik am Kantonsspital in Chur, der dort die entsprechende Einrichtung leitet, sagt: «Wir haben Mühe, den Anfragenden einen Termin zu geben, ohne dass die Wartezeit allzu lange wird. Es kommt sicher ein gesellschaftliches Problem auf uns zu, denn viele Betroffene können vorerst nicht mehr arbeiten.»

INfo An Long Covid erkranken etwas häufiger Frauen als Männer. Die Altersgruppe der 35–49-Jährigen ist mit einem Anteil von 26,8 Prozent am häufigsten betroffen, dicht gefolgt von der Gruppe der 50–69-Jährigen. Die einzige Vorerkrankung, die nachgewiesenermassen das Risiko für Long Covid erhöht, ist ein vor der Infektion bestehendes Asthma.6

Symptome von Long Covid und deren Behandlung

Seit Oktober 2021 gibt es eine WHO-Definition von Post Covid (das in diesem Buch Long Covid genannt wird).7Sie besagt, dass es sich dabei um eines oder meist mehrere typische Symptome handelt, die ab drei Monaten nach der Sars-Cov-2-Infektion für die Dauer von mindestens zwei Monaten vorhanden sind, das tägliche Leben beeinträchtigen und nicht durch eine andere Diagnose ausgeschlossen werden können. «Wir machen neurologische, pneumologische, kardiologische Untersuchungen und schliessen so andere Ursachen aus», erläutert Gregory Fretz. «Einen Marker, der uns mit Sicherheit zeigt, dass Long Covid vorliegt, kennen wir noch nicht.»

Laut WHO fallen unter Long Covid sowohl Beschwerden, die seit der akuten Infektion durchgehend andauern, als auch solche, die nach einer vollständigen Genesung neu auftreten können. «Die Symptome können auch schwanken oder es kann Rückfälle geben.»

Die Symptome sind vielfältig, das Bundesamt für Gesundheit nennt: Übermässige Müdigkeit und Erschöpfung, Kurzatmigkeit und Atembeschwerden, kognitive Störungen, Kopfschmerzen, Husten, Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn, Schlaflosigkeit, Muskelermüdung/Muskelschmerzen, Schmerzen in der Brust, intermittierendes Fieber, Hautausschläge, Beschwerden nach körperlicher Anstrengung.8 Betroffenennetzwerke nennen weitere Symptome wie Schwindel oder sexuelle Störungen.9Auch Gelenkschmerzen, Gefühlsstörungen, Tinnitus/Ohrschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden, andauernde Erkältungssymptome, Depressions- und Angstzustände10sowie Kopfschmerzen werden beschrieben.11

Die häufigsten Symptomkomplexe werden im Folgenden mit verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten aufgezeigt.

Erschöpfung (Fatigue)

Eigenschaften und Diagnose

Das Leitsymptom Fatigue (Englisch für «Ermüdung») von Long Covid ist rätselhaft, schwer zu fassen und den Menschen in der Umgebung kaum zu vermitteln. «Die Betroffenen beschreiben eine bleierne Müdigkeit und einen Hirnnebel», sagt Gregory Fretz, der als einer der Ersten in der Schweiz in Chur eine Sprechstunde für Long-Covid-Betroffene anbot. «Manche sagen, dass sie sich wie dauerhaft verkatert fühlen.»

Im Kantonsspital Graubünden gab es zuvor schon Expertise für das Chronic-Fatigue-Syndrom, das eine ähnliche Symptomatik aufweist. Dagegen kennen viele, insbesondere niedergelassene Mediziner sich kaum mit solchen Erschöpfungszuständen aus. Betroffene schildern, dass sie mit ihren Problemen nicht ernst genommen werden. Ein verlässlicher Biomarker, etwa ein messbarer Blutwert, mit dem die Diagnose gestellt werden kann, ist bislang unbekannt.

«Es handelt sich um körperliche und geistige Abgeschlagenheit, aber nicht um Schläfrigkeit», sagt Neuroimmunologin Lara Diem. «Die Batterien sind einfach leer, kleinste Anstrengungen können die Betroffenen bereits überfordern.» Eine Diagnose ist möglich – mittels verschiedener Fragebögen, zum Beispiel der «Fatigue-Skala für Motorik und Kognition» (FSMC)12. In diesem wird der Grad der körperlichen und geistigen Ermüdung gemessen und wie sehr man davon psychisch belastet ist. «Fatigue kann körperliche oder geistige Erschöpfung oder beides heissen», sagt Lara Diem. «Bei Post Covid häufig beides, am Anfang ist eher mehr das Körperliche zu spüren, im Verlauf dann oft mehr die geistige Beeinträchtigung.»

Doch so schwer die Erschöpfung auch ist, es gibt auch eine gute Kehrseite. «Ein wichtiges Charakteristikum ist, dass kognitive Fähigkeiten –anders als bei einer Demenz – nicht dauerhaft beeinträchtigt sind», erklärt Lara Diem.

«Konzentration und Merkfähigkeit nehmen eben nur rasch ab.» Dass die Hirnleistung nicht irreparabel gestört ist, lässt sich genauso mit neuropsychologischen Tests nachweisen wie die Konzentrationsstörungen. Am Anfang steht etwa der «Symbol Digit Modalities Test», bei dem man Symbolen Zahlen zuordnen soll.13«Der dauert nur 90 Sekunden, aber wenn es da Auffälligkeiten oder Unklarheiten gibt, testen unsere Neuropsychologen Gedächtnis, Konzentration, Aufmerksamkeit und Merkfähigkeit – das geht über mehrere Stunden», sagt Lara Diem. Allerdings werden solche aufwändigen Tests in der Praxis und ausserhalb von Universitätsspitälern selten gemacht. «Sie werden vor allem dann angewendet, wenn es darum geht, ob der oder die Betroffene arbeitsunfähig ist und eine Versicherungsleistung in Anspruch nehmen muss», sagt Gregory Fretz vom Kantonsspital in Chur.

Erschwert wird die Diagnose dadurch, dass kognitive Leistungen bei der Fatigue im Tagesverlauf stark schwanken können. «Viele Betroffene beschreiben, dass sie früh am Morgen oder nach einer Pause leistungsfähiger sind», sagt Lara Diem. «Aber die neuropsychologischen Tests sind so fordernd, dass ein Leistungsabfall sichtbar wird. Man kann Fatigue nicht so gut messen wie den Blutdruck, aber es ist möglich.» Auf dem Weg zur Diagnose einer Long-Covid-Fatigue geht es auch darum, andere Grunderkrankungen auszuschliessen.

«Es passiert immer wieder, dass sich Betroffene mit Diagnose Erschöpfungsdepression bei mir vorstellen, aber diese nicht die Ursache, sondern die Folge der Fatigue bei Long Covid ist», erzählt Lara Diem. «Diese Menschen haben oft Angst, ihren Job zu verlieren, ihre Familie nicht mehr versorgen zu können, und sind immer erschöpft – das bringt den stärksten Menschen an seine Grenzen.» Aber Long Covid sei eben keine psychiatrische Erkrankung und dürfe auch nicht so behandelt werden.

Behandlung und Selbstbehandlung

Da die Mechanismen der Fatigue unbekannt sind, gibt es noch keine ursächliche Therapie. Auf was man als Betroffener besonders achten sollte – seine Kräfte einzuteilen. Denn viele erleben sogenannte Crashs, also Zusammenbrüche, sowohl nach körperlicher als auch geistiger oder emotionaler Beanspruchung. Man spricht auch von «Post Exertional Malaise» (PEM, Englisch für «Nach-Anstrengungs-Unwohlsein»). Das bedeutet, dass innerhalb 24 Stunden nach einer Überanstrengung ein Zusammenbruch folgen kann, der seinen Höhepunkt nach spätestens 72 Stunden erreicht – dieser war in einer Studie messbar als Leistungsabfall auf dem Fahrrad-Ergometer.14

«Die Anstrengung muss objektiv nicht gross sein, um einen Long-Covid-Betroffenen mit Fatigue zu überfordern», sagt Lara Diem. «Ein Spaziergang oder ein emotionales Gespräch kann schon einen Crash hervorrufen.» Besonders gefährdet seien Menschen, die viel von sich erwarten, die gegen die Fatigue kämpfen – und sich zu schnell zu viel zumuten. «So erleidet man immer wieder Rückschläge statt Fortschritte», sagt Diem. «Das frustriert insbesondere Menschen, die gewohnt sind, viel leisten zu können.»

Weil das richtige Mass an Anstrengung individuell sehr verschieden ist, haben Medizinerinnen und Therapeuten Verfahren entwickelt, dieses zu finden. Das Konzept des Energiemanagements (auch genannt «Pacing») hilft die Kräfte einzuteilen (Details dazu ab Seite 36). Im Kern geht es darum, die eigenen Grenzen in körperlicher, geistiger, emotionaler und sozialer Hinsicht zu erkennen, zu akzeptieren und sich helfen zu lassen, wenn es notwendig ist.15Ziel ist dabei nicht, sich für immer mit diesem Zustand abzufinden, sondern behutsame Schritte in Richtung Normalität zu gehen. Dabei kann das Herzfrequenz-Monitoring helfen.16Dazu wird der Puls ständig mit einer entsprechenden Uhr gemessen, um ein Überschreiten eines individuell bestimmten Wertes möglichst zu vermeiden und so auch einen Crash zu verhindern. Mit der Zeit versucht man, die noch tolerierbare Herzfrequenz schrittweise zu erhöhen. «Energiemanagement und Pacing sind wertvolle Therapiebausteine, die Betroffene am besten mit Ergo- und Physiotherapeuten einüben», sagt Lara Diem. Ein Beweis, dass diese Verfahren bei Long Covid helfen, gebe es noch nicht. «Diese Verfahren sind entwickelt worden für die Fatigue bei Multipler Sklerose, und ich sehe in unserer Sprechstunde, dass sie auch den Menschen helfen, die nach Covid-19 ein Erschöpfungssyndrom entwickelt haben.»

Einig sind sich Experten darin, dass Betroffene mit Fatigue nach Covid-19 möglichst nicht zu lange warten sollten, bis sie ärztliche Hilfe suchen. «Ich habe den Eindruck, dass es sich lohnt, früh zu reagieren und in ein Energiemanagement einzusteigen», sagt Gregory Fretz. «Wenn jemand vier Wochen nach einem milden Infekt noch starke Symptome hat, im Sinne von Fatigue, also etwa keine Kraft, aus dem Bett zu kommen, und sich nicht konzentrieren kann, dann sollte man einen Arzt aufsuchen.» So könne einer Chronifizierung entgegengewirkt werden.

Unterstützende Therapiebausteine können Entspannungsverfahren sein. «Ich habe bei meinen Patienten gute Erfahrungen gemacht mit progressiver Muskelentspannung, autogenem Training und Meditation», sagt Lara Diem vom Inselspital. «Das hilft, die Batterien wieder aufzuladen.»

Prognose

Die Studienlage wirkt zunächst wenig ermutigend. Eine Untersuchung der Uni Heidelberg zeigte, dass 77 Prozent der Long-Covid-Betroffenen ein Jahr nach der Infektion mit Sars-Cov-2 noch Symptome hatten. 56 Prozent berichteten von verminderter körperlicher Leistungsfähigkeit, 53 Prozent von Fatigue, 40 Prozent von Konzentrationsstörungen.17 Allerdings waren hier auch Patientinnen eingeschlossen, die während der Akutphase im Krankenhaus waren und die eventuell aufgrund der Behandlung Langzeitfolgen spüren. In der Tat kommen Untersuchungen zu einem anderen Ergebnis, die nur anfänglich mild bis moderat Erkrankte einschliessen. Eine entsprechende italienische Studie etwa findet den Erschöpfungszustand nach einem Jahr nur noch bei 27 Prozent.18Mit anderen Worten: Bei der Mehrzahl der Betroffenen können sich die Symptome verbessern. «Die Studien haben oft die Schwäche, dass eine lange Liste von möglichen Symptomen abgefragt wird», sagt Gregory Fretz vom Kantonsspital Graubünden. «Wenn man dann das Vorhandensein von einem oder wenigen Symptomen bereits als Long Covid definiert – unabhängig vom Schweregrad und der damit verbundenen Einschränkung im Alltag –, dann erfasst man kaum Verbesserungen – wir aber sehen, dass es bei der Mehrzahl der Betroffenen langsam, aber stetig aufwärtsgeht und sie wieder mehr am Leben teilhaben können.» Das deckt sich auch mit den Erfahrungen anderer Long-Covid-Sprechstunden in der Schweiz. «Wir werden zeitnah eine Studie publizieren, welche eine Genesung von 60 Prozent der Menschen nach einem Jahr und eine deutliche Reduktion der Beschwerden über die Zeit zeigt», sagt Lara Diem vom Inselspital Bern. «Ich sehe nicht das Risiko, dass die Long-Covid-Fatigue eine chronische Erkrankung wird.» Es handle sich um ein postinfektiöses Symptom, das langwierig sein könne, bei der überwiegenden Zahl der Menschen aber vorübergehe. Gregory Fretz rechnet allerdings damit, dass bei etwa zwei Prozent der Long-Covid-Betroffenen dauerhaft ein chronisches Erschöpfungssyndrom bestehen bleiben könne. «Das kann Patienten und Patientinnen betreffen, die sich trotz Fatigue zunächst deutlich überfordert haben oder bei denen eine Depression oder Schlafstörungen hinzukommen», sagt Lara Diem. Das führe zu einer zentralen Sensibilisierung, dem gleichen Prozess, der auch der Chronifizierung von Schmerzen zugrunde liegt. «Das heisst, das Gehirn erkennt die Fatigue als Normalzustand», sagt Lara Diem. «Wir versuchen diese Menschen möglichst schnell interdisziplinär auch mit Hilfe der Psychosomatik zu behandeln, damit es nicht so weit kommt.»

Probleme mit Atmung und Herz-Kreislauf-System

Eigenschaften und Diagnose

Covid-19 galt anfangs vor allem als Erkrankung der Lunge – bei Long Covid ist diese dagegen kaum betroffen. «Zwar leiden viele Betroffene an Kurzatmigkeit, aber nachweisbare Lungenschäden sind selten», sagt Christian Schmied, Leitender Arzt an der Klinik für Kardiologie des Universitätsspitals Zürich und der Long-Covid-Sprechstunde am Unispital Zürich. Sowohl Lungenfunktionstest als auch bildgebende Verfahren zeigen in der Regel keinen Befund. Zu dem Kardiologen Christian Schmied kommen viele Leistungs- und Hobbysportler, die einen Leistungsabfall nach einer Covid-19-Erkrankung feststellen. «Das lässt sich objektivieren, auch Herzrasen und Blutdruckschwankungen sind häufig», sagt Schmied. «Aber eine organische Ursache können wir meist nicht finden.» Eine lang anhaltende Überreaktion des Immunsystems könnte der Grund sein. Anfang des Jahres zeigte eine Studie aus Australien, dass bei Long-Covid-Betroffenen Botenstoffe des Immunsystems, sogenannte Zytokine, dauerhaft in höherer Konzentration im Blut zu finden waren als bei Betroffenen, die nach Covid-19 gänzlich genesen waren.19

«Die Atmung wird durch das autonome Nervensystem gesteuert», erklärt Pneumologe Gregory Fretz. «Eine Hypothese besagt, dass dieses durch eine lang anhaltende Überreaktion des Immunsystems bei Long Covid in Mitleidenschaft gezogen wird.» Das autonome Nervensystem steuert die unbewusste Atmung – und auch den Herzschlag.

Therapie der Symptome

Die Atmung hat die Besonderheit, dass sie zwar autonom – also ohne, dass wir etwas tun – funktioniert, wir sie aber trotzdem auch willentlich beeinflussen können. Über die Atmung können wir wiederum das autonome Nervensystem beeinflussen. Entspannungstechniken nutzen diese Wechselwirkungen. «Entsprechend sprechen sehr viele von denjenigen Long-Covid-Betroffenen, die unter Atemnot leiden und keine strukturellen Lungenschäden aufweisen, auch auf Atemtherapie an», sagt Gregory Fretz. Genaueres dazu im Ratgeberteil Psychologie.

Eine weitere mögliche Ursache für Long-Covid-Symptome sind Mikrothrombosen, die die Blutzirkulation stören könnten.20Sie werden insbesondere im Zusammenhang mit Symptomen im Herz-Kreislauf-System oft diskutiert. «Wir sehen solche Blutgerinnsel bei den schwer kranken Intensivpatientinnen in grösseren Gefässen, nicht aber bei Long-Covid-Betroffenen», sagt USZ-Kardiologe Christian Schmied. «Dementsprechend rate ich auch davon ab, ohne klare internistische Diagnose Blutverdünner wie Aspirin einzunehmen, denn diese erhöhen das Blutungsrisiko.» Um Entzündungen in kleineren Gefässen und Mikrothrombosen nachweisen zu können, brauche es allerdings spezielle Untersuchungstechniken, die nicht in der Routine angewendet werden.

Schmied sieht in Covid-19 ein langfristiges Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. «Sars-Cov-2 kann eine Entzündung der Gefässinnenwand hervorrufen», sagt Schmied. «Es ist möglich, dass deshalb eine durchgemachte Erkrankung ein weiterer Risikofaktor für Arteriosklerose wird – so wie Rauchen, hohe Cholesterinwerte und Übergewicht.» Er rät deshalb gerade Menschen, die sich mit dem Coronavirus infiziert hatten, den Lebensstil so anzupassen, wie es ohnehin für die Herzgesundheit empfohlen wird: Mediterrane Ernährung, regelmässige Bewegung (langsam anfangen, siehe Energiemanagement), Diabetes, Blutdruck und Blutfettwerte gut einstellen, Übergewicht reduzieren, Stress vermeiden sowie das Rauchen einstellen.

Prognose

Die Prognose für Atmungs- und Herz-Kreislauf-Beschwerden im Rahmen von Long Covid sieht Christian Schmied positiv. «Aus meiner persönlichen Erfahrung verschwinden die Beschwerden meist mit der Zeit. Auch wenn dies leider Monate dauern kann», sagt er. «Man darf nur die Geduld nicht verlieren – regelmässiges Training, Minimierung der kardiovaskulären Risikofaktoren und irgendwann geht es den allermeisten Betroffenen wieder gut.» Langzeitstudien, welche die Betroffenen über mehr als ein Jahr verfolgen und Untersuchungstechniken anwenden, welche gerade auch die kleineren Gefässe beurteilen lassen, seien deshalb dringend notwendig.

UMGANG MIT SCHMERZMITTELN Von Long-Covid-Betroffenen werden Schmerzen in Muskeln, Gelenken, in der Brust und im Kopf beschrieben. Wie diese zustande kommen, ist unklar. In der Diagnose geht es vor allem darum, andere Ursachen als Long Covid auszuschliessen. Gregory Fretz vom Kantonsspital Chur wendet in der Therapie folgende Medikamente an. Sie sind als Tipps zu lesen, die Betroffene mit dem eigenen Arzt besprechen können, und sollten keinesfalls selbständig eingesetzt werden.

Kopfschmerzen: Paracetamol, nicht steroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen, schmerzmodulierende Antidepressiva wie Amitriptylin in geringer Dosierung.Muskelschmerzen (inklusive Brustschmerz, der als Muskelschmerz identifiziert wurde): Physiotherapie, Entspannungstechniken, Muskelrelaxans Tizanidin (unter strenger Überwachung). Gelenk- und Rückenschmerzen: nicht steroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen.

Störung des Riech- und Geschmackssinns

Es war von Anfang an das Symptom, das Covid-19 von anderen Atemwegserkrankungen unterschied – der Verlust des Riech- und Geschmackssinns. Was im Frühjahr 2020 noch niemand ahnte: bei einigen Menschen bleibt dieses Symptom über Monate, manchmal gar Jahre bestehen. Deshalb gilt es heute als eines der häufigsten Long-Covid-Symptome. «Es tritt unabhängig von anderen Long-Covid-Beschwerden auf», sagt Michael Soyka, Hals-Nasen-Ohren-Arzt und Co-Leiter der Abteilung Rhinologie am Unispital Zürich. Es wurde inzwischen nachgewiesen, dass das Virus sich in der Nasenschleimhaut vermehrt. Jedoch nicht direkt in den Zellen, die für das Riechen verantwortlich sind, sondern in den Stützzellen,21die die Riechneurone umgeben und mit Substanzen versorgen, die diese brauchen.22«Bei den meisten Menschen regenerieren sich diese Zellen recht schnell, sodass das Riechvermögen nach wenigen Wochen wieder zurückkehrt», sagt Michael Soyka. «Bei Betroffenen, die längere Zeit darunter leiden, ist diese Regeneration anscheinend gestört.»

Eigenschaften und Diagnose

Es gibt zwei Gruppen von Riechstörungen. «Die einen Betroffenen riechen weniger gut oder überhaupt nicht mehr», erklärt Michael Soyka. «Die zweite Gruppe riecht zwar noch gut, hat aber Fehlwahrnehmungen, etwa dass ein früher geschätztes Parfum nun für sie stinkt.» Hals-Nasen-Ohren-Ärzte testen den Geruchssinn mit Riechstiften, an denen die Betroffenen schnüffeln. Daraufhin sollen sie eine Zuordnung in einer Liste treffen. «Das Wichtigste in der Diagnostik ist allerdings, dass wir gefährliche Ursachen wie etwa einen Tumor ausschliessen und die Betroffenen gut beraten können», sagt Soyka.

Therapie