Longieren als Dialog mit dem Pferd - Katharina Möller - E-Book

Longieren als Dialog mit dem Pferd E-Book

Katharina Möller

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Beschreibung

Beim Longieren am Kappzaum ohne Ausbinder und ohne zwangsläufig starr auf dem Zirkel stehen zu bleiben, treten Sie in einen Bewegungsdialog mit Ihrem Pferd. Anhand vielfältiger aufeinander aufbauender Übungen verhelfen Sie Ihrem Pferd zu mehr Gleichgewicht, Losgelassenheit und einer gesunden Bewegungsweise und Traghaltung, die die klassische Reiterei optimal ergänzen. Dabei wird das Pferd nicht in eine äußere Form gedrängt, sondern darf eine physiologisch sinnvolle Bewegung entwickeln und selbst zur individuell richtigen Form finden. Dieses Buch ist geeignet für Menschen, die ohne Hilfszügel longieren und sich dabei gemeinsam mit ihrem Pferd als Team entwickeln und Zusammenhänge der Reitlehre bereits am Boden verstehen und erleben möchten. Es bietet konkrete Hilfestellung für Longiereinsteiger oder bisherige Longiermuffel. In den Schritt-für-Schritt-Anleitungen werden eventuelle Lücken in der Grundausbildung geschlossen. Das Buch bietet außerdem ein sinnvolles "Rücken-Aufbau-Training" und einen für Pferde nachvollziehbaren Weg zu losgelassener, freudiger Bewegung mit dem Mensch als Partner.

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Seitenzahl: 172

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(Foto: Phillip Weingand)

Katharina Möller

LONGIEREN ALS DIALOGMIT DEM PFERD

VIELSEITIGES BEWEGUNGSTRAININGAM KAPPZAUM

Haftungsausschluss

Autorin und Verlag haben den Inhalt dieses Buches mit großer Sorgfalt und nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt. Für eventuelle Schäden an Mensch und Tier, die als Folge von Handlungen und/oder gefassten Beschlüssen aufgrund der gegebenen Informationen entstehen, kann dennoch keine Haftung übernommen werden.

Sicherheitstipps:

Achten Sie bitte immer auf entsprechende Sicherheitsausrüstung: Handschuhe, festes Schuhwerk beim Longieren sowie Reithelm, Reitstiefel/-schuhe und gegebenenfalls eine Sicherheitsweste beim Reiten.

IMPRESSUM

Copyright © 2017 Cadmos Verlag GmbH, Schwarzenbek

Titelgestaltung und Layout: Cadmos Verlag GmbH, Schwarzenbek

Satz: Pinkhouse Design, Wien

Coverfoto: Maresa Mader

Fotos im Innenteil: Maresa Mader, Thomas Sachs, Phillip Weingand

Lektorat: Claudia Weingand

Druck: Himmer GmbH Druckerei & Verlag, Augsburg

Konvertierung: Bookwire GmbH

Deutsche Nationalbibliothek – CIP-EinheitsaufnahmeDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Alle Rechte vorbehalten.

Abdruck oder Speicherung in elektronischen Medien nur nach vorheriger schriftlicher Genehmigung durch den Verlag.

ISBN: 978-3-8404-1076-5eISBN: 978-3-8404-6438-6

INHALT

Einleitung

Prinzipien der Hilfengebung beim Longieren

Drehung und Position wirken auf die Richtung

Tonus und Position wirken auf das Tempo

Mentale Absicht

Feine Peitschensignale

Jeder Impuls hat eine Richtung

Longenhilfen

Stimmsignale

Longieren und klassisches Reiten – gemeinsame Prinzipien

Form und Funktion

Über den Rücken

Takt und Losgelassenheit – und Anlehnung?

Für den lernenden Menschen

Losgelassenes Bewegen ist „selbstbelohnend“

Übungsaufbau, Aufwärmen, Pausen

Arbeitsplatz

Praktische Übungen

Basisübung: Ganze Bahn und große Volten

Was tun, wenn das Pferd deutlich zu schnell wird?

Anhalten und Handwechsel

Übergänge zwischen Schritt und Trab

Tempo, Haltung und Tempounterschiede im Trab

Reisegalopp, Tempounterschiede im Galopp und Übergänge

Seitwärtsbewegen

Rückwärtsrichten

Cavaletti

Schlangenlinien

Zusammenstellen der Übungen für eine Einheit

Ausschließlich longieren?

Longieren als Reha- und Jungpferdetraining

Wenn der Sattel nicht passt

Wenn das Pferd beim Reiten Probleme hat

Junge Pferde

Dankeschön!

Literaturtipps zum Weiterlesen

NUNO OLIVEIRA

"REITER, DIE IHRE PFERDE FESTHALTEN, SIND UNBEDEUTENDE REITER. REITER, DIE IHRE PFERDE FREI LASSEN, SIND ES, WELCHE DIE GENÜSSE DER REITKUNST ZU EMPFINDEN VERMÖGEN."

(Foto: Phillip Weingand)

(Foto: Phillip Weingand)

EINLEITUNG

Warum dieses Buch?

Longieren hat heute einen hohen Stellenwert in der Bewegung und Ausbildung vieler Freizeitpferde – zu Recht, wie ich finde! Durch sinnvolles Training an der Longe kann das Pferd optimal auf das Tragen eines Reiters vorbereitet und in Ergänzung zum Reiten sein Leben lang gesundheitsfördernd bewegt und trainiert werden. Eintöniges, unphysiologisches Longieren ermüdet den Geist und verschleißt den Körper. Es ist deshalb wichtig, das Longieren genau wie das Reiten von der Pike auf zu erlernen, um es korrekt und vielseitig anwenden zu können.

Mein Ziel ist, Ihnen mit diesem Buch die Grundlagen des Longierens am Kappzaum sowie kreative Anwendungsmöglichkeiten zu vermitteln. Im Gegensatz zu anderen bereits vorhandenen „Longierlehren“ möchte ich ein Konzept vorstellen, welches in seiner Gesamtheit logisch in die Reitlehre integriert ist.

Es kommt nicht so sehr darauf an, welche Übungen wir machen, sondern wie genau wir das tun.

Wie ein Pferd sich bewegt, wie es auf den Longenführer reagiert und wie sich die Kommunikation zwischen beiden entwickelt, hat einen starken Einfluss darauf, was im Verlauf der weiteren Ausbildung (auch unter dem Sattel) passieren wird. Kleine Details können große Unterschiede machen und Jahre später ins Gewicht fallen. Umgekehrt kann das Longieren Lücken in der Grundausbildung schließen und Verständnisprobleme beheben, was sich sofort positiv auf andere Teile der Ausbildung auswirkt. Ich möchte Sie einladen, den Details Beachtung zu schenken, und möchte Sie bitten, das gesamte Buch zu lesen, um das Konzept in Gänze zu erfassen.

Ich wünsche Ihnen, liebe Leser, viel Freude mit Ihrem Pferd!

(Foto: Phillip Weingand)

PRINZIPIEN DER HILFENGEBUNG BEIM LONGIEREN

Longieren ist Kommunikation mit dem Körper. Dazu gehören auch die Peitsche und die Longe als verlängerte Arme des Menschen und als Bindeglieder mit dem Pferd, die Informationen austauschen. Beim Longieren findet die Kommunikation nach meiner Philosophie immer in Bewegung statt und besteht aus unserer Position im Raum genauso wie aus unserer Körperspannung, Atmung und unseren Gedanken. Die Vielschichtigkeit ist es, die die Kunst des Longierens und die lebenslange Faszination des Umgangs mit dem Pferd ausmacht.

Alles ist relativ, die Kommunikation zwischen jedem Menschen und jedem Pferd ist individuell ein wenig verschieden, und was zu tun oder zu lassen ist, kann sich sekündlich ändern. Wer gut longiert, spielt mit seinem Körper und tanzt dabei mit seinem Pferd.

Blumige Worte allein haben allerdings bekanntlich noch niemandem das praktische Longieren beigebracht, deswegen werden wir nun zunächst die Hilfengebung in greifbare Einzelteile zerlegen. Diese Einzelteile technisch sauber zu erlernen und anzuwenden ist der erste große, bisweilen langwierige Schritt in Richtung Kunst. Dazu benötigen wir zunächst noch kein Pferd. In meiner Tätigkeit als Reit- (und dabei auch Longier-) lehrerin lasse ich meine Schüler die folgenden Dinge zunächst ohne Pferd erfassen und dann „trocken“ üben. Ihren eigentlichen Sinn entfaltet die Hilfengebung erst, wenn nachher ein echtes Pferd dazu in Resonanz geht. Die technischen Fertigkeiten lernen die allermeisten Menschen jedoch viel schneller, wenn sie sich vorerst ganz auf sich und die Ausrüstung konzentrieren können.

Drehung und Position wirken auf die Richtung

Die Gesamtdrehung des Longenführers wirkt auf die Gesamtbewegungsrichtung des Pferdes. Drehe ich mich nach links, läuft das Pferd linksherum, drehe ich mich nach rechts, läuft das Pferd rechtsherum. Wenn der Mensch diese Drehung im passenden Maß und in passendem Tempo vollzieht, reagieren Pferde automatisch darauf. Diese körpersprachlichen Grundlagen müssen also nicht vorab konditioniert werden. Ein rohes, unverdorbenes Pferd, zu dem bereits ein Vertrauensverhältnis besteht, kann man allein mittels dieser Körperdrehung unspektakulär um sich herum laufen lassen.

Wie stark man sich drehen sollte, ist wiederum ganz individuell. Ich stelle mir vor, aus meinem Bauchnabel leuchtet ein Scheinwerfer, etwa ein Autoscheinwerfer. Mit diesem Scheinwerfer erleuchte ich den Weg, den mein (noch imaginäres) Pferd gehen soll. Um nach links zu leuchten, sodass das Pferd linksherum laufen soll, drehe ich meinen Rumpf im Ganzen langsam nach links. Schultergürtel und Beckengürtel drehen sich dabei gleichmäßig mit, das heißt meine linke Schulter und meine linke Beckenschaufel drehen sich nach hinten. Auch meine Beine laufen mit: Meine Fußspitzen zeigen dann ebenso nach links, die Verlängerung der Fußspitzen zeigt mehrere Meter vor das Pferd, um ihm Raum zu geben, vorwärtszulaufen. Mit „Vorwärts“ ist immer die Bewegungsrichtung gemeint, nicht das Tempo! Das Pferd darf sich anfangs sehr gern in ruhigem Tempo bewegen – nur bitte nicht seitwärts oder rückwärts, sondern vorwärts.

Um in der hier beschriebenen Art zu longieren, gehen wir also neben dem Pferd her, wir gehen beide in dieselbe Richtung. Longieren wir wie in diesem Beispiel einen Linksbogen, geht der Mensch dabei einen kleinen Bogen und das Pferd geht in einem etwas größeren Bogen um ihn herum.

DAS PFERD FOLGT DEM „LICHTKEGEL“

Manchen Menschen ist das sofort klar und es funktioniert intuitiv, andere haben zunächst Schwierigkeiten. Vielleicht liegt das an eigenen körperlichen Problemen oder falsch gelernten Bewegungen und Sie müssen erst wieder üben, sich aus der Körpermitte heraus zu drehen.

Denken Sie an den Scheinwerfer im Bauchnabel und beginnen Sie die Drehung dort. Ihr Kopf dreht sich dann natürlich mit, das heißt Sie blicken auch in die gewünschte Richtung. Ein typischer Fehler wäre, nur den Kopf zu drehen, sodass Sie in die richtige Richtung schauen, das Pferd jedoch mit Ihrer Körpermitte nach außen, also von sich wegdrücken, weil der imaginäre Scheinwerfer „durch das Pferd hindurchscheint“, sodass es seitwärts über die Schulter wegläuft.

Das Pferd folgt dem Lichtkegel, deswegen muss der Lichtkegel vor das Pferd auf die gewünschte Spur zeigen, damit es in einer Vorwärtsbewegung dorthin läuft. Achten Sie bei Problemen auf Ihre Fußspitzen: Die gedachte Linie durch Ihre Füße darf dem Pferd nicht den Weg abschneiden, wenn es vorwärtsgehen soll.

Das Pferd spiegelt die Bewegungen des Reiters! Diese Aussage trifft in allen Dimensionen zu und wird uns in diesem Buch und in der klassischen Reiterei generell ständig wieder begegnen. (Foto: Maresa Mader)

Haben Sie mit diesen Drehungen körperliche Schwierigkeiten, empfehle ich Yoga, Feldenkrais und/oder einen Besuch beim Osteopathen.

DIE RICHTIGE POSITION

Die Bewegungsrichtung des Pferdes wird gemeinsam mit der Körperdrehung auch von der Position des Menschen bestimmt. Bleiben wir dabei, das Pferd linksherum im Kreis um uns gehen lassen zu wollen: Je mehr wir uns nach rechts bewegen (während wir natürlich wie beschrieben nach links gedreht bleiben), desto mehr und desto zügiger wendet das Pferd nach links ab. Auch diese Bewegung muss man eventuell vorab üben, denn es ist koordinativ gar nicht so leicht, sich in eine Richtung zu drehen, also auch dorthin zu schauen, aber in die andere Richtung zu gehen.

Wenn Sie das ausprobieren, kann es sein, dass Sie sich selbst unwillkürlich rückwärtsbewegen. Das machen sehr viele Menschen, Sie wären mit diesem Problem nicht allein. Das Rückwärtstreten sorgt beim Pferd dafür, dass es noch mehr in Ihre Richtung kommt, also abwendet wie gewünscht. Diese Rückwärtsbewegung kann man gezielt einsetzen und das tun wir in der Praxis z. B., um einen Handwechsel einzuleiten.

Die weiße Peitsche zeigt die Verlängerung der „Zehenrichtung“ der Longenführerin und entspricht auch der „Scheinwerferrichtung“ vor das Pferd. Das Pferd hat Raum, um nach vorn zu gehen. (Foto: Phillip Weingand)

Tonus und Position wirken auf das Tempo

Aus Ihren bereits vorhandenen praktischen Erfahrungen mit Longieren oder Freiarbeit wissen Sie vielleicht, dass die beschriebene Position „hinter“ dem Pferd es oft beschleunigt. Wir beeinflussen also nicht nur die Richtung, sondern auch das Tempo des Pferdes.

Das Pferd reagiert auch mit seiner Körperspannung auf unsere Körperspannung. Erhöhe ich meinen Muskeltonus, erhöht sich auch der des Pferdes, und das wiederum drückt sich in aller Regel dadurch aus, dass es schneller wird. Man kann das Pferd also mittels Körperanspannung beschleunigen und mittels Entspannung verlangsamen. Je entspannter das Pferd, desto gemütlicher schlendert es.

Den eigenen Tonus erhöhen kann man zum einen durch die Atmung: Ein betontes Einatmen erhöht die Spannung, ein gelassenes Ausatmen verringert sie. Zum anderen funktioniert das über unsere Art zu gehen:

Ein energisches Marschieren sorgt für Spannung und „Gas“, ein energiesparendes Schlendern sorgt für ebensolches beim Pferd. Verschiedene Muskelgruppen kann man als Mensch willentlich an- und abspannen und damit auch ganz konkrete Hilfen geben.

Wie bereits gesagt, wirkt auch die Position des Menschen auf das Tempo: Je mehr man hinter das Pferd läuft, desto mehr treibt man es „vor sich her“. Die Abgrenzung zwischen Antreiben und Abwenden liegt im Zusammenspiel der Hilfen: Bewege ich mich in einer ganz gelassenen Rückwärtsbewegung hinter das Pferd und leuchte dabei mit meinem imaginären Scheinwerfer eher zu Boden, wendet es in meine Richtung und muss nicht schneller werden. Bewege ich mich energisch schreitend hinter das Pferd und leuchte mit meinem imaginären Scheinwerfer auf seine Hinterhand, treibe ich es an und damit vor mir weg, je nachdem, wie weit ich dabei meinen Körper drehe, sogar schon etwas seitwärts.

Longieren aus der Körpermitte

Alle Hilfen aus dem Rumpf des Menschen sind wichtiger als die aus den Extremitäten und wichtiger als zusätzliche Hilfsmittel, wie konditionierte Signale.

Diese „Körperhilfen“ funktionieren analog zu den sogenannten Gewichtshilfen des Reiters im Sattel und sind auch zeitlich (kurz) vor allen anderen Hilfen einzusetzen. Je perfekter das Reiten oder hier Longieren aus der Körpermitte gelingt, desto weniger benötigen wir zusätzliche Hilfen.

Gibt der Reiter oder Longenführer dagegen widersprüchliche körpersprachliche Signale, kann das Pferd auf andere Hilfen wie etwa den Einsatz von Peitsche und Longe nicht korrekt reagieren und gerät in einen stressigen Zwiespalt.

Die größte Fehlerquelle in der Praxis ist, dass Körperdrehung, Position und Tonus in einem Moment nicht zur angestrebten Bewegung passen.

Bei jeglichen Missverständnissen zwischen Pferd und Mensch ist also genau hier anzusetzen, anstatt das Pferd womöglich fälschlicherweise mit der Longe herumzuziehen.

Zu den Hilfen für konkrete Lektionen kommen wir im dritten Teil des Buches. Vorab halte ich es für elementar, dass wir uns bewusst machen: Bewegungsrichtung und Tempo werden allein durch unseren Körper beeinflusst.

Dazu brauchen wir Peitsche und Longe vorerst überhaupt nicht zu benutzen! Die Basis jeder Hilfengebung liegt im Körper, besonders im Rumpf des Reiters.

Mentale Absicht

Unmittelbar mit der Körpersprache verknüpft und damit ein zentraler Teil der Hilfengebung ist die mentale Absicht. Ich kann nur ausstrahlen, was ich wirklich will. Und ich kann nur anweisen, was ich mir vorstellen kann. Mein Körper transportiert, was ich denke.

Dieses faszinierende Thema ist so vielschichtig, dass man ganze Bücher damit füllen kann (welche ich Ihnen im Anhang gern empfehle), und ist keine esoterisch anmutende Glaubensfrage, sondern in vielerlei Hinsicht belegte Tatsache. Leider findet die mentale Absicht in der ernsthaften Reiterei noch nicht überall so viel Beachtung, wie ich persönlich ihr beimesse. Zu jeder Einwirkung gehört die passende Bewegungsvorstellung: Was soll passieren? Beim Reiten und beim Longieren muss man sozusagen „positiv denken“, aber bitte nicht in Form von unrealistischen Sonderwünschen wie „Jetzt longieren wir mal ein bisschen und davon werden wir dann Olympiasieger“. Im Gegenteil, es geht um ganz konkrete innere Bilder, die die unmittelbar nächsten Schritte betreffen.

INNERE BILDER

So stelle ich mir unmittelbar vor einem vorwärtstreibenden Impuls vor, wie das Pferd gleich etwas dynamischer, raumgreifender traben wird, gebe den Impuls und denke dabei: „Trabe jetzt mal bitte raumgreifender!“ Ich denke also immer an die unmittelbar nächste Ziellektion und zwar, wie das Pferd dabei gleich gut aussehen wird, wie die Lektion richtig gelingen wird, und gebe ganz kurz nach diesem mentalen Impuls die technische Hilfe, lasse also in diesem Beispiel dann mit etwas vermehrter Körperspannung den Peitschenschlag ein wenig fliegen. Passiert es dann in der Realität, dass das Pferd wie gewünscht seinen Trab verbessert, denke ich „Ja! Das ist ein super Trab, du bist ein stolzes/schickes/kräftiges/lebendiges Pferd!“ und bestärke damit die in demselben Moment ablaufende Bewegungsweise. Einige Trabtritte später plane ich dann zum Beispiel, auf eine Volte abzuwenden, und denke: „So, wir müssten jetzt ein wenig ruhiger traben, wir wenden gleich ab auf eine Volte. Wo ist dein inneres Hinterbein? Schön den Halsansatz stabil lassen, jawohl, dann kannst du doch gleich prima im Brustkorb rotieren, schau, so klappt das mit der Volte…“ und leite damit parallel die Drehung ein.

Im Idealfall denke ich während der Arbeit mit dem Pferd an nichts anderes, bin also voll im sprichwörtlichen „Hier und Jetzt“ und lenke meine Konzentration immer auf das, was in den nächsten Sekunden passieren soll. Aus Pferdesicht passen dann alle meine Regungen zusammen, ich sende keine widersprüchlichen Signale, sondern denke und schwinge tatsächlich mit jeder Faser meines Körpers „für das Richtige“.

Die interessante Frage dabei ist, was „das Richtige“ denn jeweils sein soll, also wo man seine Prioritäten setzt, was realistische Zielbilder für den heutigen Tag und das heutige Pferd auf seinem individuellen Level sind.

Der Ausbilder muss ja die Aufgabe so stellen, dass das Pferd ihr entsprechen kann, sodass der Mensch sich dann innerhalb jeder Übungseinheit wieder und wieder über viele kleine Erfolgserlebnisse freuen kann und das wiederum dem Pferd transportiert, was genau es alles richtig macht (was also weiter ausgebaut und verstärkt werden soll), dass seine Anstrengung honoriert wird und es im Laufe der Zusammenarbeit wirklich immer stolzer, schöner und kräftiger wird.

Wenn die mentale Verbindung zwischen Mensch und Pferd funktioniert, handelt es sich dabei nicht (mehr) um eine Einbahnstraße. Sobald Grundsätze des Longierens geklärt sind, machen Sie immer wieder Sendepausen und schauen Sie, was passiert. Vielleicht bekommen Sie vom Pferd Gefühle oder Bewegungen gezeigt, die Sie dann wiederum aufnehmen und weiter damit spielen können. Je gefestigter eine Pferdepersönlichkeit ist, desto mehr drückt sie sich aus. Vielleicht können Sie sogar konkrete Fragen stellen. Das Longieren hat den Vorteil, dass Sie Ihrem Pferd dabei gestatten können, sich in Bewegung auszudrücken. Beim Reiten sind viele nicht so sportliche Reiter verständlicherweise gehemmt, allzu überschwängliche Bewegungen des Pferdes zuzulassen, weil sie diese eventuell nicht mehr sitzen können. An der Longe besteht in dieser Hinsicht keine Gefahr. Wir machen in der Praxis viele Übungen, die das Pferd geradezu animieren, seine Beweglichkeit auszuprobieren und zu zeigen, was es draufhat!

Denken Sie bitte immer, was das Pferd tun soll – und nicht, was es nicht tun soll.

Also beispielsweise „Jetzt bitte antraben – danke, so trabst du schön, so weiter!“ anstatt „Schleich doch nicht so langsam … meine Güte, bist du faul!“ Denken Sie dabei immer, als würden Sie mit Ihrem Pferd kommunizieren – und nicht, als würden Sie mit anderen über das Pferd reden. Also wenn das Pferd spannig und schnell wird, denken Sie etwa „Oh, là, là! Locker bleiben, einfach weitertraben!“ anstatt „Jetzt rennt der wieder so, was hat der denn bloß?“

Feine Peitschensignale

Die Peitsche erfüllt beim Longieren mehrere Funktionen und ist gewissermaßen dazu da, die Informationen der Körpersprache für das Pferd zu präzisieren. Einige Signale der Peitsche sind Teil der Körpersprache und funktionieren intuitiv.

Sie werden also nicht extra konditioniert. Andere dagegen bringen wir dem Pferd im Praxisteil einzeln bei.

Ganz wichtig vorab ist, dass die Peitsche niemals dazu da ist, ein Pferd zu schlagen! Sie kann (in Einzelfällen gegebenenfalls auch energisch!) eingesetzt werden, um Abstand herzustellen, aber eben nicht, um einem Pferd körperliche Schmerzen im Sinne von Strafe zuzufügen. Der Unterschied mag für einen Beobachter gering erscheinen, wenn er zusieht, wie ein Longenführer die Peitsche fliegen lässt, aber Pferde erfassen sofort, ob jemand sie schlägt oder nur den Luftraum zwischen ihnen und dem Menschen besetzt.

TROCKENÜBUNGEN

Pferde fühlen sich mit der Peitsche umso wohler und lernen die Signale umso besser, je präziser der Longenführer Signale trennen kann, und das wiederum braucht sehr viel Übung!

Üben Sie die Führung der Peitsche zunächst ohne Pferd. In meiner Kindheit wurde z. B. geübt, mit der Peitsche Coladosen von der Bande zu schießen. Auch ein Holzpferd ist nützlich: Üben Sie, auf das Sprunggelenk des Pferdes zu zeigen, dann die Peitschenspitze in einer ruhigen Bewegung nach vorn-oben hinter sein Schulterblatt zeigen zu lassen. Üben Sie außerdem, auf Höhe des Hinterbeins verschiedene „Höhen“ anzuzeigen: vom Sprunggelenk Richtung Sitzbein des Pferdes und dann schließlich über die Kruppe. Auch muss es möglich sein, die Peitsche von etwa einem Meter hinter dem Pferd in Richtung seines Sprunggelenks schwingen zu lassen, sodass der Peitschenschlag (die Schnur) sanft ans Pferd fliegt. Dieses Touchieren muss treffsicher an verschiedenen Stellen des Körpers möglich sein.

Welche Touchierpunkte was genau bewirken sollen, erläutere ich später passend zu den einzelnen Übungen. Vorab geht es darum, dass Sie die Technik üben. Geben Sie Unterricht im Longieren, bedenken Sie, dass nicht jeder Mensch die entsprechenden Körperteile korrekt benennen kann. Eine Lehrstunde im Exterieur des Pferdes ist also oftmals vorab notwendig. Im Foto auf der nächsten Seite habe ich die häufig genutzten Punkte gekennzeichnet.

DIE RICHTIGE PEITSCHE

Es gibt eine Vielzahl verschiedener Peitschen und ich empfehle, dass Sie sich mindestens zwei, besser drei anschaffen: eine kurze Touchierpeitsche (etwa 1,30 Meter bis 1,50 Meter) für die Arbeit dicht am Pferd. Damit können Sie präzise verschiedene Körperstellen „kitzeln“. Des Weiteren benötigen wir eine normale Longierpeitsche von etwa zwei Metern Länge mit Peitschenschlag. Außerdem habe ich für die Arbeit auf großen Zirkeln eine lange (Voltigier-)Peitsche von vier Metern Länge mit entsprechend langem Schlag in Gebrauch. Je nachdem, auf welchem Abstand wir uns zum Pferd bewegen, wird eine entsprechende Peitschenlänge benötigt, sodass man das Pferd damit berühren kann. Welche Marken und konkreten Modelle Sie kaufen, müssen Sie ausprobieren. Je nach Gewicht, Härtegrad und Balance der Peitsche kommt ein jeder Mensch mit dem einen oder anderen Modell besser zurecht.

Am Holzpferd kann man üben, exakt die markierten Stellen zu treffen: Erst mit der Peitschenspitze darauf zeigen, dann leicht touchieren. (Foto: Phillip Weingand)

Video zur Übung

Es nützt die teuerste Peitsche nichts, wenn man sie nicht präzise führen kann! Probieren Sie schon im Laden, ob Sie mit der angebotenen Peitsche gut hantieren und beispielsweise präzise ein bestimmtes Regalbrett anzeigen können.

Ein nicht zu unterschätzender Aspekt ist die Farbe der Peitsche: Das Pferd muss die Zeichen der Peitsche gut sehen können. Sie muss sich also farblich klar vom Untergrund abgrenzen. Wer hellen Sand hat, ist mit einer weißen Peitsche nicht gut bedient, wer wie ich einen dunklen Textilboden hat, kann keine schwarze Peitsche gebrauchen. Ich habe deswegen von einem Hersteller bunte Peitschen in Benutzung (Blau und Pink funktionieren meiner Beobachtung nach gleich gut, obwohl Pferde theoretisch die Farbe Blau besser erkennen müssten).

Vorhandene schwarze Peitschen habe ich mit Inbetriebnahme meines dunklen Reitplatzes mit gelbem Isolierband umwickelt.

Peitschenhilfen werden beim Longieren analog zu den Schenkelhilfen beim Reiten eingesetzt.

Die Peitsche gibt dabei Impulse und setzt wieder aus, es findet kein Dauerfeuer statt. Genau wie bei den Schenkelhilfen muss jeder Einsatz einen konkreten Zweck haben und durch richtiges Timing und Dosierung so effizient sein, dass sich die Hilfe danach erübrigt.

DIE PEITSCHE ALS TEIL DER KÖRPERSPRACHE

Betrachten wir die Peitsche als „verlängerten Arm“ des Longenführers. Wie genau man sie in der Hand hält, ist mir persönlich egal, solange man funktional damit zeigen und touchieren kann. Ich lege mir den Griff unter meinen Unterarm, so wird mein Handgelenk wenig belastet und die Peitsche fungiert tatsächlich als Verlängerung meines Armes.