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Prinzessinnen weinen nicht, sagt sich Margrit von Walden und wischt sich die Tränen ab. Noch kann sie nicht begreifen, dass ihr Vater sie eingesperrt hat, weil er sie von dem Mann trennen will, dem ihr ganzes Herz gehört: Marquis Jean de Cahusac. Nein, die Prinzessin glaubt nicht, dass Jean, ihr Jean, nur ein Abenteurer war, ein Bankrotteur ... Das darf einfach nicht sein! Jean liebt sie aufrichtig. Prinzessin Margrit seufzt und streicht sich eine Haarsträhne aus der Stirn. In diesem Augenblick klopft es an ihr Fenster. Erschrocken springt Margrit auf und öffnet es hastig. Vor ihr steht Jean de Cahusac, und in diesem Augenblick weiß Margrit, dass sie Jean folgen wird, was auch immer ihr Vater gegen ihre Liebe unternehmen wird ...
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Seitenzahl: 148
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Inhalt
Die turbulente Ehe der Prinzessin M.
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Inhaltsverzeichnis
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Sie war siebzehn – er ein Abenteurer
Von Corinna Sandberg
Prinzessinnen weinen nicht, sagt sich Margrit von Walden und wischt sich die Tränen ab. Noch kann sie nicht begreifen, dass ihr Vater sie eingesperrt hat, weil er sie von dem Mann trennen will, dem ihr ganzes Herz gehört: Marquis Jean de Cahusac. Nein, die Prinzessin glaubt nicht, dass Jean, ihr Jean, nur ein Abenteurer ist, ein Bankrotteur ... Das darf einfach nicht sein! Jean liebt sie aufrichtig.
Prinzessin Margrit seufzt und streicht sich eine Haarsträhne aus der Stirn. In diesem Augenblick klopft es an ihr Fenster. Erschrocken springt Margrit auf und öffnet es hastig. Vor ihr steht Jean de Cahusac, und in diesem Augenblick weiß Margrit, dass sie Jean folgen wird, was auch immer ihr Vater gegen ihre Liebe unternehmen wird ...
Bei strahlendem Maiwetter feierte Wolfram Prinz von Waldau auf dem väterlichen Schlossgut seine Verlobung mit Annabelle Komtess von Donheim. Zur Verlobung fanden sich viele Mitglieder des Adels zusammen. Es war eine jener Gelegenheiten, bei denen man sich traf und unter sich war. Fürst Berthold, der Vater des Prinzen, stand in hohem Ansehen.
Auch Margrit Prinzessin von Waldau, Wolframs jüngere Schwester, war von ihrem Internat beurlaubt worden und anlässlich der Verlobung zu Hause eingetroffen. Schon am Nachmittag des ersten Tags auf dem Schloss ihrer Väter, beim offiziellen Empfang sah sie ihn, den Mann, der ihr zum Schicksal werden sollte.
Siebzehn Jahre alt war die zierliche blonde Prinzessin Margrit. Es traf sie wie ein Blitzschlag. Und sie hörte neben sich das missbilligende Getuschel ihrer Tante.
»Unerhört, so ein Benehmen, hier einfach in Rennfahrerkluft hereinzuplatzen. Das sieht ihm ähnlich, diesem unmöglichen Menschen, dem Bankrotteur und ... wie nennt man das heute? Playboy.«
Der Diener Otto meldete die neu eintreffenden Gäste an.
»Marquis Jean de Cahusac!«, rief er und stieß mit seinem Zeremonienstock zweimal auf.
Der hochgewachsene, schlanke Mann in der hellen Rennfahrerkleidung verbeugte sich. Den Helm trug er noch unter dem Arm. Er lächelte. Mit seinen schwarzen Locken, dem schmalen, braungebrannten Gesicht und dem Grübchen im Kinn sah er blendend aus. Sein Lächeln war das eines Siegers und galt allen anwesenden Frauen.
Prinzessin Margrits Herz schlug schneller. Sie hatte sich soeben auf den ersten Blick unsterblich verliebt.
Jean de Cahusac war sich der Wirkung seines Auftritts voll bewusst. Er verbeugte sich höflich vor den Verlobten und begrüßte Fürst Waldau und dessen Gattin sowie Graf und Gräfin Donheim.
»Meine herzlichen Glückwünsche«, sagte der Marquis. »Hier mein Verlobungsgeschenk.«
Er winkte seinen in der Tür zum Salon stehen gebliebenen Mechaniker herbei. Der brachte einen großen Karton an, den man zu den übrigen Geschenken stellte, und entfernte sich wieder. Jean de Cahusac nahm sich ein Sektglas vom Tablett, stieß mit dem Verlobungspaar an und schlenderte ans kalte Büfett.
»Ich bin gerade vom Nürburgring hier eingetroffen«, verkündete er. »Hatte unterwegs keine Zeit, etwas zu mir zu nehmen. Bei der Verlobung meines alten Freundes Wolfram musste ich natürlich unbedingt mit dabei sein. Und zwar rechtzeitig.«
Er bediente sich reichlich mit Kaviar.
»Schmeckt es?«, erkundigte sich Erbprinz Lothar von Craila anzüglich. »Ich dachte übrigens, dass das Rennen auf dem Nürburgring noch andauert. Wie haben Sie es geschafft, so schnell schon hier zu sein, Marquis?«
De Cahusac hatte sich mittlerweile unter den anwesenden Frauen umgesehen. An Margrit von Waldau blieb sein Blick haften. Geistesabwesend beantwortete er die Fragen des Erbprinzen. Ein Motorschaden hätte ihn dazu gezwungen, aus dem Rennen auszuscheiden, erwiderte er. Natürlich alles die Schuld der Mechaniker und des Rennstalls.
»Für diese Leute fahre ich in der nächsten Saison nicht mehr. Aber verraten Sie mir doch, Lothar, wer ist denn die süße Blondine dort drüben beim Fenster? So wie sie habe ich mir die Frau meiner Träume immer vorgestellt. Können Sie mich mit ihr bekannt machen?«
Der Erbprinz war nicht begeistert davon, fand aber keinen Grund, de Cahusac seinen Wunsch abzuschlagen. Margrit sank das Herz in die Knie, als der blendend aussehende Marquis auf sie zuschritt, an der Seite von Lothar von Craila, für den sie einmal geschwärmt hatte.
Oh, es war wirklich nichts dabei gewesen. Lothar sah auf seine Art gut aus, wenn er natürlich auch nicht mit dem Marquis mithalten konnte. Er war mit seinen knapp dreißig Jahren eine stattliche Erscheinung und galt als der begehrteste Junggeselle des europäischen Adels.
Doch diese Schwärmerei verflog aus Margrits Kopf wie Rauch im Wind. Es gab für sie nur noch den Marquis. Er verbeugte sich und küsste ihr die Hand. Wie ein elektrischer Schauer durchrieselte es sie. Das musste die Liebe sein.
»Sie sind bezaubernd, Prinzessin«, gestand ihr der Marquis mit etwas rauer Stimme. »Ein so reizendes Mädchen wie Sie habe ich noch niemals gesehen.«
»Das haben Sie sicher schon zu sehr vielen gesagt, Marquis«, antwortete Margrit leise.
De Cahusac schüttelte den Kopf.
»Noch niemals so wie heute. Darf ich Sie heute Abend um den ersten Tanz bitten, Prinzessin?«
»Ich werde es mir überlegen.« Margrit verübelte es sich selbst, dass ihre Antwort so schnippisch klang. »Sie entschuldigen mich jetzt. Ich sehe dort drüben eine alte Freundin. Dann muss ich zu meiner Familie.«
Sie knickste. Man hielt sich hier an die Etikette. Völlig verwirrt eilte Margrit davon. Sie hörte nicht, wie hinter ihr Lothar von Craila den Marquis auf die Seite nahm und ihn ermahnte, seine Playboytalente nicht an der jungen Prinzessin auszuprobieren.
Die alte Freundin war eigentlich nur eine Bekannte von Margrit. Eine Baronesse, zwei Jahre älter als sie, mit großen Füßen und vorstehenden Zähnen. Trotz reichlicher Mitgift war es ihr bisher noch nicht gelungen, einen standesgemäßen Mann für sich zu interessieren.
»Was ist dieser Marquis doch für ein toller Mann!«, begann sie sofort zu schwärmen. »Und wie er dich angesehen hat, Margrit! Selbst mein Herz ist davon geschmolzen. Ach, wenn mich doch nur einmal ein Mann so ansehen würde.«
»Mir ist das nicht aufgefallen«, behauptete Margrit.
Verstohlen schaute sie wieder zu de Cahusac hinüber. In ihrem Kopf wirbelte alles durcheinander. Nach einigen Minuten suchte Margrit den Waschraum auf, wo sie sich mit kaltem Wasser erfrischte und Kölnisch Wasser auf ihre Schläfen tupfte. Beim Nachziehen des Make-ups hatte sie Gelegenheit, sich kritisch und genau im Spiegel zu betrachten.
Ihr naturblondes Haar bedurfte keiner Tönung. Es zeigte die Farbe von reifen Weizenfeldern im Sonnenschein, und ihre Augen waren so blau wie der Himmel darüber. Die Stupsnase passte gut über den Mund mit den vollen, roten Lippen. Margrit trug als Schmuck nur Brillantohrringe und ihren Rubinring.
Das Dekolleté ihres hellblauen Cocktailkleids war tief. Sie konnte es sich leisten. Denn mit ihrer gertenschlanken, an den richtigen Stellen mit aufregenden Kurven versehenen Figur vermochte die Prinzessin Aufsehen zu erregen.
Ob ich ihm wirklich gefalle, fragte sich Margrit mit bangem Herzen? Um sie herum schienen kleine Fünkchen in der Luft zu tanzen. Sie konnte nur an Jean de Cahusac denken. Er war herrlich, fantastisch, einmalig. Ein Mann, von dem jeder Mensch glattweg begeistert sein musste.
Ihre Familie war es nicht, wie Margrit feststellte, als man sich nach dem Cocktailempfang für eine Weile zurückzog. Bis zum Diner, das festlich im Bankettsaal stattfinden und in einen Ball übergehen sollte.
Margrit wurde zu ihren Eltern in die Bibliothek gerufen. Wolfram und die alte Tante waren auch anwesend. Lediglich Großmutter Marguerite fehlte. Sie hatte sich in ihre Räume zurückgezogen und wollte erst am Abend beim Ball wieder auftreten. Das ließ sie sich mit ihren achtundsiebzig Jahren aber nicht nehmen.
Wolfram von Waldau verabschiedete gerade seine Verlobte. Sobald die Fürstenfamilie unter sich war, fingen die Vorhaltungen an. Fürst Berthold sprach in ernstem Ton von der Oberflächlichkeit und dem schlechten Ruf des Marquis de Cahusac. Die Fürstin erwähnte, dass seine Finanzlage katastrophal sei. Zudem hätte er zahlreiche Frauengeschichten.
»De Cahusacs Name steht ständig in den Klatschspalten gewisser Blätter«, stellte sie fest.
»Das ist nicht die noble Art, den guten alten Namen de Cahusac an die Öffentlichkeit zu bringen«, bemerkte die Tante. »Seine Vorfahren würden sich im Grab umdrehen, wenn sie es wüssten.«
Margrit stampfte zornig mit dem Fuß auf.
»Lass sie doch in ihren Gräbern Polka tanzen, falls sie das unbedingt wollen! Weshalb erzählt ihr mir das alles? Darf ich nicht einmal ein paar Worte mit einem Mann wechseln, ohne dass ihr euch gleich aufregt und wer weiß was befürchtet? Weshalb ist de Cahusac denn eingeladen worden, wenn ihr eine so schlechte Meinung von ihm habt?«
»Das ist es ja gerade«, sagte ihr Bruder Wolfram verlegen. Die anderen hatten den Temperamentsausbruch Margrits etwas befremdet betrachtet. »Er wurde nicht eingeladen. Wir besuchten mal zufällig eine Weile dieselbe Schule. Sympathie hatten wir keine füreinander. De Cahusac rief mich gestern an, gratulierte zu meiner Verlobung, von der er – ich weiß nicht, wie – gehört hatte, und sagte, man hätte ihm von seinem Château in der Bretagne aus telegrafisch mitgeteilt, dass er eingeladen sei. Dafür bedankte er sich überschwänglich und versprach, selbstverständlich zu kommen. Daraufhin konnte ich ihm schlecht sagen, dass er nicht eingeladen sei und wegbleiben solle.«
»Und er ist nicht eingeladen worden?«, erkundigte sich Margrit.
»Nein«, antwortete ihre Mutter. »Weder von uns noch von den von Donheims. Es muss sich um einen dummen Scherz handeln. Oder de Cahusac hat die Einladung einfach frei erfunden, um einen Grund zu haben, auf Schloss Waldau zu erscheinen.«
»Warum sollte er das?«
»Weil er Kontakte anknüpfen will«, brummte der Fürst. »Sehr viele Einladungen erhält er wohl nicht mehr. Da muss er sich selber welche machen.«
»Das ist infam!«, rief Margrit empört. »Wie könnt ihr dem Marquis so etwas unterstellen? Nur weil er Autorennen fährt und an einer schönen Frau nicht vorübersieht, braucht er noch lange kein Taugenichts und gesellschaftlich unmöglich zu sein. Ihr solltet euch schämen! Vielleicht wurde er aus Versehen doch eingeladen. Auch andere Schul- und Studienfreunde Wolframs erhielten Einladungen. Oder es handelte sich um eine Verwechslung. Er hat immerhin den weiten Weg von der Eifel bis an die Jagst zurückgelegt, um deine Verlobung mit uns zu feiern, Wolfram, hat ein großes Geschenk mitgebracht und sich einwandfrei benommen. Sollte er mich etwa nicht anschauen oder mir sagen, es gäbe Hübschere als mich, aber, na ja, für die Familie des Fürsten Waldau ginge ich gerade noch an?«
»Margrit!«, rief die Mutter empört. »Was soll das heißen?«
»Dein eigenartiger Sinn für Humor ist außer bei dir nur noch bei deiner Großmutter Marguerite anzutreffen«, sagte der Fürst und seufzte. »Kind, wir wollen dich doch nur behüten und vor einer Dummheit bewahren. Wenn du über den Marquis de Cahusac Bescheid weißt, sei er nun, wie er wolle, wird dich das davor zurückhalten, dich etwa in ihn zu verlieben. Er kann einem jungen Mädchen wie dir leicht den Kopf verdrehen. Beachte ihn nicht, das ist das Beste. Dann bereitest du dir selbst und auch uns keinen Kummer.«
»Ich brauche eure Ratschläge nicht«, antwortete Margrit schnippisch. »Ich bin siebzehn Jahre alt und kann sehr gut selbst auf mich aufpassen. Wen ich beachte und wen nicht, müsst ihr schon mir überlassen. Wir sehen uns später beim Diner und zum Ball.«
Damit war sie draußen. Ihre Eltern, der Bruder und die Tante schauten irritiert drein.
***
Der Ball am Abend war ein Ereignis. Schloss Waldau, am Ufer der Jagst in einem weiten Park gelegen, strahlte im Licht zahlloser Kerzen. Die Damen erschienen im Abendkleid und mit reichem Schmuck, die Herren zumeist im Frack oder Smoking. Zahlreiche Bedienstete standen bereit. Die Kapelle spielte im großen Ballsaal, dessen Fenster wegen der Hitze der Kerzen in der milden Mailuft weit geöffnet waren.
Der Abendwind trug die Klänge der Musik über den Fluss bis ins Dorf Waldau hinüber. Die Einwohner freuten sich, denn sie schätzten die Fürstenfamilie, liebten besonders die blonde Prinzessin Margrit.
Die junge Prinzessin tanzte engumschlungen mit dem Marquis de Cahusac. Die beiden lächelten sich an, hatten nur Blicke füreinander und versanken einer in den Augen des andern. Sie merkten nicht, dass die Musik aufgehört hatte zu spielen.
Erst ein Räuspern unter den Zuschauern ließ sie aufmerken. Die Tanzfläche war schon geräumt. Lothar von Carila rettete die Situation auf dezente Weise.
»Ja, so ein Walzer im Mai bringt zum Träumen«, sagte er laut. »Ein Hoch auf unsere hervorragende Kapelle.«
Er klatschte. Andere fielen in den Beifall ein. Einige Hochrufe erschollen, und der Kapellmeister und seine sechs Musiker verneigten sich geschmeichelt. Mittlerweile suchten Margrit und der Marquis die Sektbar auf. Gleich neben dem Ballsaal war sie eingerichtet, mit Blumen geschmückt. Sie tranken sich zu und beachteten die anderen um sich her nicht.
»Sie tanzen so leicht wie eine Feder, Prinzessin«, meinte de Cahusac. »Ich könnte ewig mit Ihnen so dahinschweben.«
»Das würde auf die Dauer doch wohl zu langweilig, Marquis de Cahusac.«
»Marquis de Cahusac, Marquis de Cahusac, wenn ich das schon höre. Besonders noch aus dem Mund des bezauberndsten jungen Mädchens, das ich kenne. Nennen Sie mich Jean, Prinzessin.«
»Gern, Jean. Aber nur, wenn Sie Margrit sagen. Schluss mit den Förmlichkeiten. Wollen wir Brüderschaft trinken?«
Margrit erschrak über ihre eigene Kühnheit. Wie, wenn der Marquis sie ihr verübelte? Sechsundzwanzig war er, neun Jahre älter als sie und damit nach ihrem Verständnis ihr ein gewaltiges Stück voraus.
Sie stießen an. Die Gläser klirrten. Dann berührten sich ihre Lippen zu einem flüchtigen Kuss. Jean schmeckte den süßen Sekt auf Margrits Lippen und roch ihr Parfüm, die Frische, die sie ausstrahlte.
»Wollen wir eine Weile hinaus in den Schlosspark gehen? Hier drinnen ist die Luft stickig. Und die Sterne schimmern draußen in der samtigen Nacht ...«
»O ja, Jean.«
Er war ein Romantiker, wenn er es sein wollte, und Margrit ein Mädchen, dem das gefiel. Sie verließen das Schloss durch den Seitenausgang und bedachten nicht, dass sie Aufsehen erregten. Arm in Arm schlenderten sie an den Rosenrabatten und am Irrgarten vorbei, begegneten selten auch anderen Paaren und Grüppchen. Die Verlobung des Fürstensohnes Wolfram von Waldau wurde in großem Rahmen gefeiert.
Am Schlossteich setzten sie sich auf eine Bank. Der Mond zeichnete eine silberne Bahn auf das grünliche Wasser mit den Seerosen darin. Irgendwo in dem Park schlug eine Nachtigall.
»Ich liebe dich Margrit«, sagte Jean. »Meine Prinzessin. Wir kennen uns erst seit ein paar Stunden, aber ich weiß, dass du die Frau meines Lebens bist. Ohne dich ist mein Dasein nichts. Lass uns alles vergessen und nur füreinander da sein.«
Er schloss Margrit in die Arme und küsste sie zuerst zart, dann immer leidenschaftlicher. Sie wusste nicht, wie ihr geschah. Sie war glücklich, und sie sehnte sich mehr nach diesem Mann als nach allem andern auf der Welt. Ihre Gefühle überwältigten sie, und sie schmiegte sich leidenschaftlich an ihn.
»Jean, mein Jean, meinst du das im Ernst? Liebst du mich wirklich?«
»Ich will tot umfallen, wenn ich lüge.«
Die beiden versanken wieder in Küssen. Erst die Stimme Wolfram von Waldaus schreckte sie auf. Sie fuhren auseinander, sahen den Bruder der Prinzessin und seine Verlobte sowie die »alte Freundin« Margrits, die Komtess mit den großen Füßen, vor sich stehen.
Aber der Zauber des Augenblicks war derb zerstört.
»Pardon, Marquis«, sagte Wolfram von oben herab. »Meine Schwester erkältet sich leicht. Daher wollte ich ihr ihren Umhang bringen. Ich hatte durchaus keine Ahnung, dass Sie in so angeregter Unterhaltung mit ihr sind.«
Er zeigte das Kleidungsstück, das er über dem Arm trug. Der Marquis sprang auf und verbeugte sich. Zum Diner und zum abendlichen Ball hatte er seinen Rennfahreranzug mit einem weinroten Smoking vertauscht. Er saß wie angegossen und stand ihm ganz ausgezeichnet.
»Sehr rücksichtsvoll, Wolfram, dass du so um das Wohlergehen deiner Schwester besorgt bist!« Er sprach mit leichtem Spott. »Wir wollten ohnehin gerade ins Schloss zurückkehren.« Er bot Margrit seinen Arm. »Prinzessin.«
Sie überließ ihrem Bruder dem Umhang und ging mit Jean zum Schloss. Innerlich bebte Margrit vor Wut, obwohl sie sich nach außen hin nichts anmerken ließ. Natürlich war es eine Lüge gewesen, dass Wolfram ihr etwas hatte zum Anziehen bringen wollen. Ihre Familie bewachte sie eifersüchtig und wollte ihre Liebe zu Jean zerstören. Aber das sollte ihren Angehörigen nicht gelingen, schwor sich Margrit.
In diesem Moment wendete sie sich noch mehr zu Jean hin und entfernte sich innerlich von ihrer Familie. Im Ballsaal bemerkte man die Rückkehr des Marquis und der Prinzessin sehr wohl, denen bald Prinz Wolfram, seine Verlobte und die Komtess folgten. Die Neugierigen stellten fest, dass die Prinzessin gerötete Wangen und glänzende Augen hatte, dass sie am Arm ihres Begleiters hing und mit den Blicken nicht von ihm lassen wollte.
Die Klatschmäuler gerieten in Aktion. Der zu dem glanzvollen Ereignis geladene Gesellschaftsreporter zückte seinen Notizblock.
»Für ein Sensatiönchen ist so eine Feier immer gut«, sagte er und lächelte in sich hinein. »Vielleicht sogar für eine Sensation? Wer kann es wissen.«
Margrit entging das Getuschel. Wenn sie es gehört hätte, wäre es ihr egal gewesen. Sie lachte, tanzte und plauderte, war fast ständig mit Jean de Cahusac zusammen. Nur zweimal tanzte sie mit dem Erbprinzen Lothar. Gegen Jean erschien er ihr steif und eckig, plump und bäurisch, und sie hätte nicht sagen können, was sie einmal an ihm gefunden hatte. Die Sorge in seinen braunen Augen bemerkte sie ebenso wenig wie manches andere.
Auch dieser glanzvolle Abend endete. Ab Mitternacht zogen sich die ersten Festgäste zurück. Sie übernachteten alle im Schloss oder dem dazugehörigen, etwas entfernt gelegenen Pavillon, der als Gästehaus eingerichtet war. Fürst Waldau hätte es nicht geduldet, dass seine geladenen Gäste in einem Hotel abstiegen.
Ihre Mutter bat Margrit um ein Uhr morgens auf ihr Zimmer. Margrit erschien dort, in himmelhochjauchzender Laune und mit einem kleinen Schwips. Sie hatte nur drei Glas Champagner getrunken. Aber schon Jeans Nähe ließ sie schwindlig werden. Die Unterredung dauerte nicht lange. Fürstin Claudia, eine große, schlanke Frau Anfang vierzig, redete ihrer Tochter wegen des Marquis ins Gewissen, während sie sich abschminkte. Ihr war der Verlobungsball ihres Sohnes verleidet.
