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Was ist Liebe? Eine Frage, die sich die meisten von uns mindestens einmal im Leben gestellt haben. Das Fotografenpaar Anđela und Davor Rostuhar wollte hinter das Geheimnis kommen und begab sich nach ihrer eigenen Hochzeit auf eine einjährige Grand Tour d'Amour. Von urbanen Paaren in den größten Metropolen der Welt über polygame Lebensgemeinschaften bei den Massai in Kenia bis hin zu den Matriarchinnen der Mosuo im Süden Chinas sprachen sie mit mehr als hundert Menschen in über dreißig Ländern und verewigten diese einzigartige Erfahrung in diesem Buch, das die ganze Vielfalt der Liebe im 21. Jahrhundert in Wort und Bild festhält und feiert.
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Seitenzahl: 456
Veröffentlichungsjahr: 2022
DAVOR ROSTUHAR
AROUND THE WORLD
Liebesgeschichten aus aller Welt
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen
Wichtiger Hinweis
Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wurde auf eine genderspezifische Schreibweise sowie eine Mehrfachbezeichnung verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.
Das Zitat auf Seite 180 entstammt dem Buch »Liebe. Ein unordentliches Gefühl« von Richard David Precht © 2009 Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH
1. Auflage 2022
© 2022 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Türkenstraße 89
80799 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
Die kroatische Originalausgabe erschien 2021 bei The Club for Expedition and Culture unter dem Titel Ljubav oko svijeta © Davor Rostuhar, The Club for Expedition and Culture, 2021. All rights reserved.
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Übersetzung: Brigitte Rüßmann und Wolfgang Beuchelt
Redaktion: Petra Holzmann
Umschlaggestaltung: Karina Braun
Umschlagabbildung: Davor Rostuhar
Satz: inpunkt[w]o, Haiger (www.inpunktwo.de)
eBook: ePUBoo.com
ISBN Print 978-3-7423-2227-2
ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-1999-6
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-2000-8
Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter
www.rivaverlag.de
Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de
Unser wärmster Dank gehört den vielen Hundert wundervollen Menschen in aller Welt, die uns dabei geholfen haben, interessante Gesprächspartner zu finden und die zahllosen Herausforderungen zu meistern, vor denen unser Projekt und unsere Reise standen: den Mitgliedern von KEK, die der Wind in unseren Segeln waren … unseren Assistentinnen Valerija und Paula ebenso wie unseren Mitarbeitern an diesem Buch Štef, Mirjana, Kruno, Ivona und Ksenija, auf die wir uns immer verlassen können … unseren Eltern, die immer unsere größten Unterstützer waren … und unseren lieben Freunden Miljenka Čogelja und Đuro Gavran, die sich stundenlang unsere künstlerischen, geschäftlichen und privaten Sorgen angehört, sie korrekt analysiert und klug kommentiert haben.
Ganz besonders danken wir allen, die sich von uns haben interviewen lassen, die uns ihre Herzen geöffnet und offen über ihre Beziehungen und ihre Ansichten gesprochen haben, sodass wir die Welt, das Leben und die Liebe besser verstehen können.
Da in unserem Buch so viele Namen vorkommen, haben wir die Namen unserer Gesprächspartner fett gesetzt, wenn wir sie das erste Mal in einem Kapitel erwähnen. Eine Seitenzahl neben dem Namen verweist auf die Seite mit einem Foto dieser Person. Die Namen der anderen Menschen, über die wir schreiben, die wir aber nicht interviewt haben, sind nicht gefettet. Alle hier Beschriebenen sind reale Menschen. Mit zwei Ausnahmen, die lieber anonym bleiben wollten, werden auch ihre wirklichen Namen genannt. Das Ausrufezeichen in den San-Namen !ui und !ao steht für einen Klicklaut, der charakteristisch für ihre Sprache ist.
Alle Fotos in diesem Buch wurden von Davor Rostuhar aufgenommen, mit Ausnahme der Bilder der letzten vier Interviews, die er wegen der Corona-Pandemie nicht selber schießen konnte. Sie wurden daher in Davors Auftrag angefertigt:
S. 146: Foto von Davecat – aufgenommen von Davecat
S. 146: Foto von Chris – aufgenommen von Christoph Kumpa
S. 147: Foto von Carolina und Thomas – aufgenommen von Thomas Boulvin
S. 147: Foto von Lori und Shawn – aufgenommen von Shelby McClain
1 Was ist Liebe?
2 Die Sprache der Liebe – Existiert die Liebe auch, wenn eine Sprache kein Wort für sie kennt?
3 Die Geschichte der Liebe – Wie gelangte die Liebe aus den Savannen Afrikas in die urbanen Ballungszentren?
4 Die Quelle der Liebe – Entspringt die Liebe der Natur oder der Erziehung?
5 Die Ehe – Warum sind arrangierte Ehen robuster als Liebesheiraten?
6 Polygamie – Sind wir von Natur aus monogam oder polygam?
Intermezzo 1 – Das innere Paradies
7 Die Psychologie der Liebe – Wie stark prägen unsere Eltern unsere Beziehungen?
8 Vorstellungen von der Liebe – Was steckt hinter unseren festen Überzeugungen? Und: Kann sich ein Mensch ändern?
9 Liebe und Identität – Suchen wir nach einem Partner, der unser Spiegelbild ist?
10 Die Soziologie der Liebe – Wie prägt die Gesellschaft unsere Entscheidungen?
11 Romantische Liebe – Ist die Liebe die neue Religion?
12 Verbotene Liebe – Warum überlebt die Liebe manchmal widrigste Bedingungen?
13 Das Ende der Liebe – Warum scheitert die Liebe so oft, wenn alles gut zu sein scheint?
Intermezzo 2 – Die Hölle in uns selbst
14 Moderne Liebe – Wie untergräbt uns das Paradox der Wahlfreiheit?
15 Polyamorie – Ist die moderne Form der Polygamie die »neue Normalität«?
16 Die Grenzen der Liebe – Was ist mit den extremen Fällen?
17 Die Zukunft der Liebe – Gibt es Hoffnung für uns?
18 Ist Liebe der Sinn des Lebens?
19 Ist Liebe universell?
20 Was ist Liebe?
Intermezzo 3 – Fegefeuer
Behind the Scenes
Anmerkungen
Fachleute und ihre Publikationen
Über das Projekt – Love Around The World
Über die Schöpfer des Projekts
»Was ist Liebe? Ist Liebe universell?«
»Unsere Eltern haben uns nichts über Emotionen beigebracht. In unserer Kindheit gab es das Wort Liebe nicht.«
»Liebe ist, wenn wir zusammen stehen, sitzen, schlafen …«
»Liebe ist kompliziert. Aber sie ist zwischen Menschen das Wichtigste. Sie ist das, was sie zusammenhält.«
S. 6
Davor (37) und Anđela (33) aus Kroatien verlobten sich in der Antarktis und beschlossen, in ihren Flitterwochen nach der Heirat ein Jahr lang um die Welt zu reisen, um herauszufinden, was Liebe ist und ob es sie überall gibt. »Wir haben uns gefragt, ob wir uns genauso lieben würden, wenn wir in eine andere Kultur, eine andere Zeit und einen anderen Ort hineingeboren wären«, sagt Anđela. »Wäre unsere Liebe dieselbe oder anders? Ist es Liebe, die uns zusammenhält und die Illusion schafft, wir könnten all die Probleme überwinden, die sich uns unweigerlich in den Weg stellen werden? Ist unsere Beziehung schlicht das Ergebnis einer Entscheidung, praktischer Verbundenheit und gemeinsamer Werte? Oder gibt es da noch etwas anderes?«
S. 8
Fahad (57) und Tamadur (55) aus Saudi-Arabien sagen, dass sie erst vor Kurzem begonnen haben, über Emotionen zu sprechen, als ihr Land sich langsam dem Westen zu öffnen begann. »Unsere Eltern waren ungebildet und haben uns nichts über Gefühle beigebracht. Wir sind aufgewachsen, ohne das Wort ›Liebe‹ zu kennen«, sagt Fahad. »Die Zeiten ändern sich nun und das ist gut so. Unsere Kinder führen bereits ein modernes Leben und auch wir verändern uns.« Frauen müssen in Saudi-Arabien nicht länger einen Niqab tragen, aber Tamadur wollte die Tradition beibehalten und ist dankbar, dass Fahad ihre Entscheidung respektiert. »Liebe ist Respekt. Ohne Respekt kann es keine Liebe geben«, sagt sie.
S. 10
Ghasiram (60) und Kamla (50) aus Indien sind Angehörige des nomadischen Volks der Bopa, das mit seinen Kamelen durch die Wüsten Rajasthans zieht und eine der extremsten Formen arrangierter Ehen praktiziert. Die Ehe wird zwischen Eltern vereinbart, während die zukünftigen Ehepartner meist noch Kinder sind, teilweise aber auch schon vor deren Geburt. Ghasiram war fünfzehn, als er die gerade einmal fünfjährige Kamla heiratete, die sich daher kaum an die Hochzeit erinnern kann. »Wir sind nicht sofort zusammengezogen«, erzählt Ghasiram. »Wir mussten warten, bis wir erwachsen waren, damit alles für die muklawa-Zeremonie bereit war. Erst danach konnten wir zusammenleben und eine Familie gründen. Heute haben wir neun Kinder und viele, viele Enkelkinder. Alles ist gut.«
S. 12
Uatongota (32), Kauarende (56) und Uazeupara (52) aus Namibia sind Angehörige des Volks der Himba, die von Viehzucht leben und die Polygynie erlauben. »Warum ich zwei Frauen habe? Weil ich mit nur einer sehr alleine wäre. Wenn zum Beispiel eine von ihnen das Dorf verlässt, um ihre Familie zu besuchen, wie soll ich mich dann gleichzeitig um die Kinder und das Vieh kümmern? Ich müsste Wasser vom Brunnen holen, das Essen kochen … Das ist alles sehr schwierig. Deshalb braucht man zwei Frauen!«
Vorherige Doppelseite:
Unsere Bucht der Liebe, Antarktis
Ich stand alleine an Deck eines Eisbrechers, der sich seinen Weg durch das gefrorene Meer vor der Küste der Antarktis bahnte. Die Schönheit der eisüberzogenen Landschaft rundum und die Angst vor dem Unbekannten überwältigten mich.
An der Küste ragten steile schwarze Berge empor und nahmen mir die Sicht auf unser Ziel. Ich konnte nur ahnen, wie das Festland der Antarktis – diese endlose, öde Eisebene – aussehen mochte. In wenigen Tagen wollte ich mich alleine und ohne Unterstützung, aber mit Anđelas Ermutigungen, auf einen 1200 Kilometer langen Marsch von der Küste der Antarktis zum Südpol machen. Das hatten vor mir nur 23 Menschen getan. Wie immer vor einer meiner Expeditionen ins Unbekannte war ich aufgeregt, aber das war es gar nicht, was mir Angst einjagte.
Das Schiff bahnte sich seinen Weg in die Bucht und verlangsamte seine Fahrt auf der Suche nach einem Ankerplatz für die helle Nacht zwischen den Eisschollen. Das war für mich der perfekte Augenblick für das, wovon ich mein Leben lang geträumt und das ich ein Jahr lang geplant hatte: Ich hatte meinen sicheren Hafen gefunden und war bereit, vor Anker zu gehen.
Ich machte mich auf die Suche nach Anđela und bat sie, mit mir an Deck zu kommen und die grandiose Landschaft zu bewundern. Wir waren seit drei Jahren ein Paar und waren von Anfang an überzeugt, im anderen den Richtigen gefunden zu haben. Wir passten perfekt zusammen und waren fest entschlossen, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Wir wollten uns für den Rest unseres Lebens gemeinsam dem Unbekannten stellen. Ich fummelte mit schwitzigen Fingern nach dem Ring in meiner Tasche und hoffte, ich würde ihn beim Rausholen nicht ins eisige Wasser fallen lassen, sobald sie zu mir an die Reling trat.
Ich war verliebt. In Anđela hatte ich alles gefunden, was ich mir je von einer Partnerin erträumt hatte. Wir hatten beide mehrere gescheiterte Beziehungen hinter uns und wollten nun etwas aufbauen, das hält. Dabei wog ich auch unsere Chancen für eine gemeinsame lebenslange Beziehung objektiv ab. Was mich hierbei geängstigt und mir Sorgen bereitet hatte, war die Möglichkeit, dass ich vielleicht irgendwann eine negative Antwort auf die Frage geben muss, ob wir auch dann noch eine Beziehung führen konnten, wenn wir uns »auseinandergelebt« haben? Meine Erfahrungen damit, was möglich ist und was nicht, waren eindeutig: Wann immer ich etwas alleine angegangen bin, hat es auch geklappt. Die Projekte, bei denen ich auf andere angewiesen war, sind gescheitert. Es wäre naiv anzunehmen, dass die anderen daran schuld waren. Ich glaube eher, dass das Problem bei mir oder den Zeiten und der Welt liegt, in der wir leben. Während ich mit schweißrutschigen Fingern nach dem Verlobungsring in meiner Tasche fummelte, fragte ich mich, ob ich unsere Liebe über das ursprüngliche Verliebtsein hinaus bewahren könnte, bis dahin, wenn es die Gemeinsamkeiten, die uns verbinden, einmal nicht mehr gäbe und die Unterschiede zwischen uns uns an den Rand des Wahnsinns treiben.
Das ist das wahre Unbekannte, dachte ich, und war mir sicher, dass ich nun für das größte Abenteuer meines Lebens bereit war. Ich nahm Anđelas Hand, zog den Ring aus der Tasche und ging auf die Knie …
———
Wir stiegen in die Messe des Eisbrechers hinab und bestellten uns zur Feier des Tages eine Flasche des besten Weins dort. Kaum zehn Minuten, nachdem Anđela sich bereit erklärt hatte, ihr Leben mit mir zu verbringen, schmiedeten wir bereits Pläne für unsere Flitterwochen.
Mit am stärksten verbindet uns die Liebe zum Reisen. Ich habe mein Leben dem Reisen und dem Abenteuer gewidmet und in den zwei Jahrzehnten seit meinem 16. Lebensjahr etwa hundert Länder besucht, Expeditionen zu den abgelegensten Regenwäldern Papua-Neuguineas und des Amazons geleitet, bin mit dem Fahrrad von Kroatien nach Ägypten gefahren und habe aus Kriegsgebieten in Palästina und Afghanistan berichtet. Ich habe für National Geographic Regionen vom Himalaya bis zur Sahara besucht, Eisberge erstiegen, reißende Flüsse mit dem Floß befahren, bin mit dem Kajak auf dem Meer gepaddelt, habe die letzten unberührten Flecken Wildnis kartografiert und war jüngst auf Polarexpeditionen, die mich nach Sibirien, Skandinavien, Grönland und jetzt in die Antarktis geführt haben.
Ich lernte Anđela drei Jahre zuvor kennen, als sie sich bei mir für einen Job bewarb. Wir hatten noch nicht lange zusammengearbeitet, als die ersten Funken flogen. Wir verbrachten nach der Arbeit lange Stunden mit Gesprächen und entdeckten nach und nach, dass wir die Welt überraschend ähnlich sehen. Von Anfang an hat uns das Reisen besonders fasziniert.
Auch Anđela ist weit gereist. Sie hat alleine als Anhalterin den Iran bereist, ist mit dem Rucksack durch Südafrika gewandert und hat ein Jahr Freiwilligenarbeit in Kenia geleistet. Am meisten hat mich ihre Sicht auf die Welt beeindruckt und wie sie mit ihren unvereinbaren Widersprüchen umgeht. Und sie ist das, was ich immer sein wollte: eine Meisterin des Worts. Sie kann sowohl puren Luxus genießen als auch auf der Straße schlafen. Sie weiß mit den Vorzügen von Freiheit und Muße umzugehen, genießt aber auch die Arbeit, das Gefühl, nützlich und kreativ zu sein. Sie hat sich ihre eigene Autonomie und Integrität geschaffen, liebt es aber zur selben Zeit, anderen Menschen zu helfen und für höhere Ziele zu arbeiten. Sie hat eine geschickte Balance zwischen Tradition und Moderne gefunden und nimmt nur das Beste aus beiden Welten mit. Sie liebt es, den Menschen um sich herum Freude zu schenken, hält aber auch nichts von der Einstellung, dass Liebe bedingungslos zu sein hat. Sie weiß, was sie wert ist, und fordert kompromisslos das ihr Zustehende ein, sieht aber in ihrer persönlichen Bilanz keine Hindernisse für die Liebe. Sie ist genau das, was ich in einer Person immer gesucht habe.
Erfüllt von alldem, sagte ich am ersten Morgen, an dem wir zusammen aufwachten: »Ich liebe dich. Du wirst die Mutter meiner Kinder.«
Wie oft waren wir beide neben einem anderen aufgewacht und hatten uns eine spontane Amnesie gewünscht. Wie überheblich und pathetisch ist es, ein ganz anderes solches Gefühl zu äußern, selbst einem Menschen gegenüber, in den man sich Hals über Kopf verliebt hat, und selbst, wenn man glaubt, dass es nie einen Morgen geben könnte, an dem man vor ihm fliehen möchte. Aber es war, als hätten Anđela und ich ohne Zögern die Kontrolle über unser Leben übernommen, als könnten wir die Matrix – das Leben, wie es wirklich ist – und uns zusammen in diesem Leben sehen. Wir spielten keine Spiele.
»Ich weiß«, sagte sie und sah mir direkt in die Augen, »ich weiß.«
Die nächsten zweieinhalb Jahre lernten wir, miteinander zu arbeiten und zu leben, ein Gleichgewicht zwischen Arbeit und Privatleben zu finden und die feine Trennlinie zwischen beidem zu bestimmen. Anđela trat in mein Leben, als ich gerade mein Polar-Dream-Projekt startete, und ihre Hilfe ging weit über alles hinaus, was ich mir erhofft hatte. Hätte sie mich nicht durch die rigorosen, von Problemen und Rückschlägen geplagten Vorbereitungen getrieben, wäre sie nicht an meiner Seite gewesen, als ich unter dem Gewicht meiner Träume strauchelte, hätte ich es möglicherweise nie bis in die Antarktis geschafft.
Als ich in der Messe des Eisbrechers die Flasche Wein öffnete, fühlte ich die Dankbarkeit für alles, was sie für mich getan hatte, und gleichzeitig die Verpflichtung, ihr etwas zurückzugeben.
»Vielleicht könnten unsere Flitterwochen ja ein ganzes Jahr dauern und wir gehen, wohin wir wollen?!«, fragte ich, und das brachte uns dazu, all die Teile der Welt aufzulisten, die wir gemeinsam besuchen wollten.
»Ich möchte dir ein ganzes Jahr schenken«, sagte ich und fühlte das Gewicht meiner Worte. Ich arbeitete schon mein ganzes Leben lang an meiner eigenen Geschichte. Ich hatte im Zentrum meines eigenen Universums gestanden und ich wusste, dass ich früher oder später einen anderen Menschen in den Mittelpunkt stellen wollte. Einer Person dienen wollte, die ich liebte. Niemand verdient das mehr als Anđela. Aber würde ich das auch können? War das überhaupt möglich?
»Wenn du mit mir auf eine einsame Insel ziehen und das Jahr dort verbringen möchtest, tun wir das. Wenn du mit mir um die Welt trampen willst, tun wir das. Alles ist möglich! Aber ich habe da eine Idee …« Mir war klar, dass ich damit die ewig empfindliche Balance zwischen unserem Arbeits- und unserem Privatleben gefährdete. Ich wollte den Zauber nicht mit einem Geschäftsvorschlag ruinieren, aber ich war mir ziemlich sicher, dass er ihr gefiel, weil ich sie mittlerweile kennengelernt hatte. Ich wusste, dass sie ungern am Wochenende oder abends arbeitet, keine Arbeit mit in den Urlaub nimmt und viel besser als ich darin ist, diese beiden Bereiche unseres Lebens auseinanderzuhalten. Aber genau wie ich sehnt sie sich nach ein paar Tagen der Ruhe nach Arbeit, Action und Kreativität …
»Ich wollte schon immer die Natur der Liebe in aller Welt erkunden«, fuhr ich fort. »Ich möchte 10, 20, 30 der unterschiedlichsten Kulturen aussuchen und mit den Menschen über Liebe und Beziehung sprechen. Was ist Liebe? Ist sie universell? Das sind die Fragen, die ich ausloten möchte. Ich habe nur darauf gewartet, den Menschen zu treffen, mit dem ich mein Leben verbringen will. Ich war bisher noch nicht bereit dafür, aber jetzt bin ich es. Wenn du auf unserer Hochzeitsreise lieber nicht arbeiten magst, ist das völlig okay. Ich verbringe wie gesagt auch gerne ein ganzes Jahr auf einer einsamen Insel. Du entscheidest.«
Sie dachte einen Moment darüber nach und sagte dann: »Natürlich! Liebe rund um die Welt! Ich mag die Idee, wir könnten ja …«
Und schon waren wir mitten im Pläneschmieden. Sobald wir aus der Antarktis zurück waren, würden wir uns ein Jahr für die Produktion und Veröffentlichung von Buch und Film zum Projekt Polar Dream geben, durch Kroatien und benachbarte Länder touren, Millionen Vorträge halten und so die Mittel für das neue Projekt generieren. Wir wollten unsere Hochzeit planen und feiern und alles für eine große Weltreise vorbereiten. Wir begannen auch, direkt an den Details zu feilen: Wir wollten in einem möglichst breiten Querschnitt die Menschen möglichst vieler Länder befragen und dabei die unterschiedlichsten Kulturen betrachten: Jäger und Sammler, Ackerbauern und Viehzüchter, Nomaden und auch eine Reihe traditioneller wie moderner, technologisch fortschrittlicher Gesellschaften … schlicht das volle Spektrum. Wir wollten alle Kontinente und alle bedeutenden Regionen besuchen, die Dschungel und Wüsten, die Berge und die Inseln der Weltmeere, die großen Metropolen und die abgeschiedenen Dörfer. Wir wollten Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft treffen, aus allen großen Weltreligionen, die Reichen und die Armen, die Gesunden und die Kranken, die Bekannten und die Unbekannten, die glücklich Verliebten und die gebrochenen Herzen, einfach alle und jeden …
Ihnen allen wollten wir mehr oder weniger dieselben Fragen stellen: Wie sie sich kennengelernt haben, was sie vom jeweils anderen und von ihrer Beziehung erwarten, was ihre Probleme und Lösungen sind, wo ihre Vorstellung von Liebe herkommt, was ihnen die Liebe bedeutet … Wir würden ihre Antworten natürlich aufzeichnen und Material und Impressionen für ein Buch, für Vorträge und für einen Film sammeln. Daneben wollten wir auch die akademische Literatur studieren: aus den Bereichen Psychologie, Soziologie, Anthropologie, Philosophie, Geschichte … Wir wollten mit führenden Wissenschaftlern und Gelehrten dieser Disziplinen sprechen und ihre aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Liebe erfahren.
Anđela und ich lieben es zu lernen. Wir folgen der antiken Maxime »Erkenne dich selbst« und suchen nach Erkenntnis, indem wir an uns selbst arbeiten und die Welt bereisen. Ich beziehe meine Einsichten gerne aus Büchern, während Anđela ein Ohr und ein Gefühl für Menschen hat, sodass sich unsere jeweiligen Stärken perfekt ergänzen und uns zu einem starken Team machen. In Kulturen, in denen Männer und Frauen stärker getrennte Leben führen, konnte sie einen Zugang zu den Frauen finden, während ich mit den Männern sprach. Wir beide waren auf unseren Reisen vorher schon Menschen begegnet, die in den unterschiedlichsten Beziehungsformen lebten, und hatten uns beide gefragt, ob auch sie sich durch Liebe verbunden fühlten. Allgemeiner formuliert: Ist Liebe das zentrale Bindegewebe der Menschheit? Würden wir beide uns genauso lieben, wenn wir in eine andere Kultur hineingeboren worden wären?
Was ist überhaupt Liebe? Eine Emotion? Ein Konstrukt? Eine Entscheidung? Ist sie etwas Natürliches, das uns allen zu eigen ist, oder ist sie etwas durch Erziehung Erlerntes? Ich war über Bücher gestolpert, die die romantische Liebe als ein Produkt der modernen westlichen Kultur beschreiben, das also nicht universell ist. Ich hatte auch Menschen kennengelernt, deren Ehe von ihren Eltern arrangiert worden war, und andere, die Beziehungen aus Gründen der Praktikabilität und Bequemlichkeit eingegangen waren. Und doch hatte ich in indigenen Gesellschaften, deren Lebensweise sich radikal von unserer unterscheidet, gesehen, wie Funken zwischen Paaren flogen und die genauso verliebt wirkten wie Anđela und ich.
Für Anđela und mich ist Liebe einer unserer entscheidenden Werte. Keiner von uns kann sich ein erfülltes Leben ohne eine glückliche, liebevolle Beziehung vorstellen. Für uns ergibt unser Leben überhaupt erst einen Sinn, seitdem wir eine echte Beziehung zu einem Partner eingegangen sind, dessen Eigenschaften wir bewundern und der unsere Liebe teilt und erwidert. Wir fragen uns immer wieder, woher diese Einstellung rührt. Warum denken Menschen in verschiedenen Teilen der Welt ganz unterschiedlich über die Liebe? Ist Liebe einer der wichtigsten universellen Werte oder nicht?
Ist das, was wir heute füreinander empfinden – Leidenschaft, Respekt, Verständnis, Fürsorge – von Dauer oder lässt es mit der Zeit nach? Was liegt auf dem Lebensweg, den wir gerade eingeschlagen haben, noch vor uns? Ganz sicher wird es auch Unebenheiten geben. Wir werden vor Herausforderungen stehen. Werden wir sie überwinden können? Wird uns die Liebe dabei helfen? Ist Liebe der Sinn des Lebens? Was ist Liebe?
———
All dies beredeten wir voller Begeisterung unter Deck dieses Eisbrechers und auch an Bord des kleinen Boots, mit dem wir die nächsten Tage zwischen den gigantischen Eisschollen hindurchschipperten, während wir uns einen Weg durch riesige Pinguinkolonien am Rand des eisgepanzerten Kontinents suchten und die Sonne betrachteten, die hier im Sommer niemals hinter dem Horizont versinkt. Dann verabschiedeten wir uns. Ich ging auf meinen Treck und schaffte es in 47 Tagen von der Küste bis zum Südpol. Jeden Abend, wenn ich mein Zelt aufstellte und in meinen kuscheligen Schlafsack kroch, rief ich Anđela über mein Satellitentelefon an. Dann führten wir unser Gespräch fort, planten, träumten und fantasierten. Nach unserer Rückkehr nach Zagreb stürzten wir uns in die erschöpfende Erforschung des Phänomens Liebe und legten die Grundlagen für unsere lange Reise. Wir planten dafür das ganze Jahr 2019 ein, vom ersten bis zum letzten Tag.
Unsere Reise begann symbolträchtig in Paris und führte uns dann in den Oman, nach Saudi-Arabien und in den Iran. Von dort aus ging es nach Kirgisistan, Indien, auf die Malediven, nach China und Japan. Nach fünf Monaten in Asien reisten wir nach Ozeanien, wo wir Palau, die Salomonen und Neuseeland besuchten. Dann flogen wir über den Pazifik nach Südamerika, wo wir Chile, Bolivien, Kolumbien und Brasilien bereisten, und anschließend nach Afrika, wo wir in Namibia, Botswana, Sambia, Kenia und dem Tschad nach der Liebe forschten. Von Afrika ging es nach Costa Rica und für die letzten beiden Monate der Reise in die Vereinigten Staaten. Wir hoben uns Europa für den Schluss auf, in der Annahme, wir könnten die dortigen Interviews problemlos von zu Hause aus organisieren. Eine Zeit lang bremste uns der Coronavirus aus, der 2020 die gesamte Welt lähmte. Als die Gefahr durch COVID nachließ, konnten wir nach Deutschland und Italien reisen. Wir führten auch einige Interviews in unserem heimischen Kroatien. Die letzten vier Interviews mussten wir aus der Ferne führen, weil die zweite Pandemiewelle persönliche Begegnungen unmöglich machte. Insgesamt führten wir 120 Interviews in 30 Sprachen.
Sowohl Anđela als auch ich haben dabei die Welt zum ersten Mal umrundet. Unsere Recherchen beschränkten sich nicht nur auf Gespräche mit Paaren, wir lasen auch die Fachliteratur, sprachen mit Wissenschaftlern und analysierten unsere eigene Beziehung, was möglicherweise der wichtigste Schritt war. Da unser Thema so weitreichend und komplex ist und nahezu jede Facette des Lebens berührt, lasse ich die Chronologie unserer Reise nicht die narrative Logik bestimmen, so verführerisch das auch sein mag. Stattdessen springe ich hier von Land zu Land und von Beispiel zu Beispiel, ganz wie es die Erzählung verlangt.
Letztendlich ist die Erzählung das, worauf es ankommt. Und in diesem Fall ist es nicht irgendeine beliebige Erzählung, sondern die Erzählung von der Liebe.
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Touristen am Lugu-See, China
»Was ist Liebe?«, wiederholte der 57-jährige Fahad mit fragendem Blick unsere Frage. Wir interviewten ihn und seine etwas jüngere Frau Tamadur [S. 8] in ihrem Haus in Riyad, der Hauptstadt Saudi-Arabiens.
Wir waren sehr an seiner Antwort interessiert, weil die beiden das erste traditionelle Paar waren, das uns erlaubt hatte, es zu filmen. Fahad saß auf dem Sofa vor der Kamera, in ein langes weißes Qamis1 gehüllt, das seinen Körper von den Schultern bis zu den Füßen kleidete. Tamadur saß nahezu reglos neben ihm, Kopf und Hals von einem schwarzen Niqab2 und den Körper bis zu den Fußsohlen von einer ebenso schwarzen Abaya3 verhüllt. Wir konnten nur ihre Augen sehen. »Ehrlich gesagt, kam das Wort Liebe bei uns nicht vor. Wir haben es nie benutzt, nicht einmal im Zusammenhang mit der Ehe. Unsere Eltern waren nicht gebildet und haben uns nichts über Gefühle beigebracht. Wir sind nicht mit so etwas wie Liebe aufgewachsen.«
Ganz zu Beginn unserer Reise stellten wir fest, dass eine der größten Schwierigkeiten die Verständigung mit unseren Gesprächspartnern sein würde. Wir wollten mithilfe von Dolmetscher:innen mit allen Paaren in ihrer eigenen Sprache sprechen, weil sie es ihnen am ehesten ermöglichte, sich frei zu äußern. Selbst in den Fällen, in denen wir eine gemeinsame Sprache finden konnten, bestanden wir auf professionellen Dolmetscher:innen. Und doch gab es von Anfang an Probleme.
»Liebe … das kann man nicht in Worten ausdrücken«, sagte Alex in Paris [S. 113].
»Liebe kommt nicht von Worten, sondern aus dem Herzen«, sagte Nabila im Oman [S. 112].
»Was immer ich sage, ist unvollständig«, sagte Fariba im Iran [S. 288].
Liebe ist ein Gefühl, Liebe ist kein Gefühl, Liebe ist das Feuerwerk am Anfang einer Beziehung, Liebe ist die heitere Gelassenheit, die später folgt … Wir erhielten die unterschiedlichsten Antworten, die uns nicht nur zeigten, dass Menschen ganz unterschiedliche Ansichten über die Liebe haben, sondern auch, dass das Wort, das sie dafür verwenden, ganz unterschiedliche Bedeutungen für sie hat.
Manchmal war die Übersetzung das Problem. Oder sie schien es für uns zu sein, als wir beispielsweise Ghasiram und Kamla[S. 10] interviewten, Nomaden, die mit Kamelen durch die Wüsten des indischen Rajasthans ziehen und manchmal die Ehen ihrer Kinder noch vor deren Geburt arrangieren. Der bärtige Ghasiram zählte mit Überzeugung auf: »Liebe ist, wenn wir zusammen sind, wenn wir stehen, sitzen, schlafen …« Die tiefer sitzende demütige Kamla ergänzte seine Aufzählung: »… essen, trinken, stehen …«
Manchmal lag das Problem möglicherweise gar nicht in der Übersetzung, sondern in uns und unseren Vorurteilen darüber, was Liebe sein sollte.
»Liebe beginnt mit einer guten Beziehung, die auf Respekt gründet«, sagte Elmira in einem kleinen Dorf im Herzen Kirgisistans, während sie locker die Hand ihres Ehemanns Melis[S. 126] hielt. Sie wirkten wie ein harmonisches, in Frieden lebendes Paar, aber ich fragte mich, wovon sie eigentlich sprach, da sie uns etwas früher erzählt hatte, dass ihre Beziehung damit begonnen hatte, dass Melis sie entführte. Er hatte sie mit einer Gruppe von Freunden aus ihrem Studentenleben in der Hauptstadt gerissen und in seinem Dorf gefangen gehalten, bis sie einwilligte zu bleiben.
Die junge Shabnam[S. 261] aus dem indischen Agra – bekannt durch das Taj Mahal, das großartige Monument der Liebe – sagte uns, sie wisse nichts über Liebe und könne sich auch nicht vorstellen, jemanden zu lieben, denn sie war 15, als ein Mann sie nehmen wollte, und als sie sich wehrte, überschüttete er sie mit Säure und entstellte ihr Gesicht.
In den ersten Monaten unserer Reise lernten wir, dass Menschen die Vorstellung von Liebe und was sie umfasst, sehr unterschiedlich wahrnehmen. Wenn Elmira sagt, sie liebt einen Mann, der sie mit Gewalt entführt hat, aber Shabnam nach ihrem Trauma keine Vorstellung von Liebe hat, sprechen wir da überhaupt über dieselbe Sache? Fahad und Tamadur hatten in ihrer Kindheit niemals das Wort »Liebe« gehört und auch nie über Gefühle gesprochen – konnten sie da überhaupt lieben? Manche Philosophen und Sprachwissenschaftler4 behaupten, dass es jenseits der Sprache nichts gibt. Sprache ist ein Werkzeug, das unsere Gedanken organisiert. Ohne sie können wir die Welt um uns herum nicht verstehen. Wir teilen die Natur auf und organisieren sie in Konzepte, denen wir Worte zugewiesen haben, um über sie sprechen zu können. Die Erfindung der Sprache ist die größte Errungenschaft der Menschheit überhaupt. Unsere Beherrschung der Sprache verschafft uns einen Vorteil gegenüber den fünf Millionen Arten, die die Erde bewohnen, und diese Sonderstellung lässt uns diese Arten und den Planeten, den wir mit ihnen teilen, beherrschen.
Aber wenn es so ist, dass nichts außerhalb von Sprache existiert, was ist dann mit Menschen, die kein Wort für Liebe besitzen? Sind sie überhaupt zur Liebe fähig?
———
Das Volk der Mosuo lebt am Lugu-See an der Grenze zwischen Tibet und Sichuan. Wir reisten in diese abgelegene chinesische Provinz, weil wir Gerüchte gehört hatten, dass die Kultur der Musuo derzeit weltweit einem Matriarchat am nächsten komme und dass dort die Frauen bei der Wahl der Ehepartner das erste und letzte Wort hätten. Die meisten Wissenschaftler sind sich einig, dass es nie ein Matriarchat im reinen Sinn des Wortes gegeben hat, wohl aber matrilineare5 und matrilokale6 Gesellschaften, zu denen definitiv auch die Mosuo gehörten. In der Praxis bedeutet das, dass ein Kind Haus, Eigentum und Status der Mutter erbt.
Eine junge Mosuo-Frau lebt mit ihrer Familie unter einem Dach und kann sich ihren Partner ganz nach Wunsch aussuchen. Der Auserwählte darf die Nacht mit ihr in ihrem Zimmer verbringen, muss aber am Morgen wieder nach Hause gehen. Diese Art der Beziehung zwischen Männern und Frauen nennt man tiesese; sie kommt in der Mosuo-Gesellschaft einer westlichen Ehe am nächsten. Die Mosuo sind eine der wenigen Kulturen ohne formalisierte Ehe-Institution. Bringt eine Frau ein Kind zur Welt, ist der Kindsvater nicht vollständig für Kind oder Frau verantwortlich, denn das Kind wird vom Bruder der Mutter aufgezogen. Der biologische Vater darf seine Kinder besuchen und die Beziehung zur Mutter pflegen, wenn diese das will, aber die Beziehung bleibt weiter auf nächtliche Besuche beschränkt. Am Morgen muss er nach Hause zurückkehren und sich um die Kinder seiner Schwester(n) kümmern. Er hat keine formalen oder moralischen Verpflichtungen der Frau oder seinen biologischen Kindern gegenüber.
Während diese äußeren Provinzen Chinas und ihre einzigartigen Kulturen rapide in die dominante chinesische Kultur integriert werden, verändern sich auch die Bräuche der Mosuo. Nichtsdestotrotz spricht nur ein kleiner Prozentsatz der Mosuo Mandarin und die meisten Älteren und auch einige der Jüngeren praktizieren weiterhin tiesese. Sadama, die für uns zwischen der Mosuo-Sprache und Englisch dolmetschte, nahm uns mit in die abgelegene Bergregion und stellte uns traditionell lebende Paare vor, die noch tiesese pflegen. Sie luden uns in ihre reich mit Schnitzereien verzierten Häuser mit der großen zentralen Feuerstelle ein und hießen uns so warm willkommen, wie das nur einfache Menschen können, die davon leben, dass sie den Boden mit den Händen bearbeiten. Sie waren zwar so scheu, dass sie erröteten und den Blick senkten, erklärten sich aber gerne bereit, mit uns zu sprechen.
Das erste Interview führten wir mit einem älteren Paar in einem der typischen Holzhäuser am Ufer des Lugu-Sees. Die achtundsiebzig Jahre alte Daba erzählte uns, wie sie noch zu Zeiten Mao Zedongs begann, Zeit mit dem etwas älteren Tsao[S. 104] zu verbringen. Zu dieser Zeit gab es keine Han-Chinesen in der Nähe des Sees. Es lebten in dieser Region nur ethnische Minderheiten,7 von denen die Mosuo die zahlenmäßig größte waren. Die Menschen waren arm und lebten von der Landwirtschaft, aber Daba und Tsao ging es gut. Er kam immer nachts zu ihr und ging am nächsten Morgen wieder nach Hause. Die Kinder wurden von ihren Brüdern aufgezogen. Daba und Tsao lebten Jahrzehnte in getrennten Haushalten, beschlossen aber, im Alter zusammenzuziehen, als ihre Welt anfing, sich zu verändern.
Wir redeten offen und lebhaft und ich war stolz darauf, dass wir in der Lage waren, so gut mit Angehörigen einer uns sehr fremden Kultur zu kommunizieren. Bis zu dem Moment, in dem die Frage nach der Liebe aufkam.
»Dafür haben wir kein Wort«, sagte Sadama, unsere Dolmetscherin.
»Aber vielleicht etwas Vergleichbares?«, fragte Anđela. »Habt ihr vielleicht ein Wort, das die guten Gefühle zwischen Mann und Frau beschreibt?«
»Nein, so etwas haben wir nicht«, lautete die bestimmte Antwort.
Das war neu für uns. Mir ging durch den Kopf, dass die Nomaden in Rajasthan möglicherweise ebenfalls kein Word für Liebe hatten. Diese neue Information half dabei, auch andere Dinge besser zu verstehen. Unsere Dolmetscherin in Rajasthan schien seinerzeit gerne zu improvisieren und sich unklar auszudrücken. Vielleicht hatte sie noch einmal versucht, es unseren Gesprächspartnern zu erklären, war aber gescheitert, weil sie antworteten, dass Lieben das sei, was sie tun, wenn sie schlafen, essen, sitzen und stehen …
»Habt ihr denn ein Wort für ›Gefühle‹ oder ›fühlen‹?«, versuchte Anđela es mit einer anderen Herangehensweise.
»Oh ja!«
»Könntest du dann bitte die Dame fragen, was sie für ihren Partner empfindet?«
Daba saß direkt vor der Kamera in ihrem geräumigen Holzhaus, während Tsao etwas weiter weg hinter ihrer linken Schulter saß. Beide saßen auf Stühlen, aber ihre Körpersprache war völlig unterschiedlich. Er saß verdreht und zur Seite geneigt, als ob er jeden Augenblick aus dem Sichtfeld verschwinden wollte. Sein Rücken war unter der Last der Jahre gebeugt, während sie aufrecht saß, gelassen die Szene dominierte und dabei eine unsichtbare Stärke ausstrahlte. Sie drehte langsam und entspannt eine Gebetsmühle, die sie in ihrem Schoß hielt. Deshalb überraschte es mich auch, als sie über Sadamas Frage lachte.
»Ich habe absolut keine Gefühle für ihn.«
———
Können Menschen, die kein Wort für Liebe kennen, das Konzept überhaupt erfassen? Wir wollten mit jemandem darüber sprechen, der sich gründlich mit der Frage auseinandergesetzt hat. Manche Philosophen und Sprachforscher behaupten zwar, dass es nichts jenseits der Sprache gebe, aber das ist vielleicht eher die Meinung einiger weniger. Heute sind sich die meisten Fachleute einig, dass Sprache nicht die Grenzen dessen definiert, was wir begreifen und wissen können. Darüber sprachen wir mit einer der weltweit führenden Sprachwissenschaftlerinnen: Dr. Anna Wierzbicka, einer 82-jährigen gebürtigen Polin, die seit einem halben Jahrhundert in Australien lebt.
»Nicht alles erreicht uns durch die Sprache. Wir werden auch mit manchen Konzepten geboren. Natürlich muss das Kind das mit dem Konzept verbundene Wort lernen, aber das Konzept als solches besteht schon. Wäre das anders, könne man Kinder nicht lehren. Zum Beispiel die Konzepte von Ich und Du. Es gibt sie in allen Sprachen. Man muss sie kennen, bevor man eine Sprache lernen kann. Andere derartige Konzepte sind Ich weiß, Ich denke, Ich fühle … Diese Konzepte rühren nicht aus der Sprache, sondern wir werden mit ihnen geboren.«
Anna Wierzbickas größtes wissenschaftliches Werk ist die von ihr entwickelte Natural Semantic Metalanguage. Dies ist eine universelle Sprache aus 64 Wörtern oder Konzepten, die Wierzbicka und ihre Mitarbeiter in allen bekannten Sprachen gefunden haben. Mithilfe dieser Metasprache lässt sich nahezu alles kommunizieren, auch schwierige abstrakte Konzepte.
»Wie passt das Wort ›Liebe‹ in diese Metasprache?«, fragte ich sie.
»Zunächst einmal ist ›Liebe‹ ein abstraktes Substantiv. Man verwendet hier besser das Verb ›lieben‹. Wenn ich sage ›Ich liebe dich‹, sage ich in Wirklichkeit mehrere Dinge: Ich denke oft an dich. Wenn ich an dich denke, empfinde ich etwas, empfinde ich oft etwas. Darum möchte ich viele Dinge tun. Ich möchte dir Gutes tun. Das lässt sich in alle Sprachen der Welt übersetzen.«
»Schön, aber warum haben dann viele Sprachen ein Wort für Liebe, während andere, wie die Sprache der Mosuo, keines haben?«
»Die meisten Sprachen kennen kein Wort für Liebe. Sie sollten nicht fragen, warum Menschen kein Wort für Liebe haben, sondern vielmehr, warum wir eines haben. Nur, weil eine Kultur kein Wort für ein bestimmtes Gefühl geprägt hat, heißt das noch lange nicht, dass die Menschen dieses Gefühl nicht empfinden oder darüber sprechen. Es bedeutet nur, dass ihre Kultur diesem Gefühl keine Bedeutung zugeschrieben und damit auch kein Wort dafür entwickelt hat.«
»Heißt das, dass Liebe nicht universell ist?«
»Was immer man über der Bedeutung der Liebe glauben mag, es ist ein Trugschluss, sie sei universell, natürlich oder ein grundlegend menschliches Konzept. In vielen Kulturen rund um die Welt empfindet eine Mutter etwas Gutes ihrem Kind gegenüber. Ich nehme an, dass das möglicherweise universell ist. Aber Liebe zwischen Mann und Frau variiert deutlich stärker von einer Kultur zur anderen. Selbst im antiken Griechenland kannte man kein Wort für die Liebe. Man hat einfach ganz anders darüber gedacht als heute.«
Die alten Griechen hatten mehr Worte für Liebe als die meisten modernen Sprachen heute, aber keines davon beschreibt die Art der Liebe, die wir hier erkunden. Das populärste Wort war philia, die Liebe zu den eigenen Familienangehören und dem Staat, also mehr eine Liebe zwischen Freunden als eine romantische Liebe. Eros beschreibt sexuelle Leidenschaft, Lust, Liebe für das Äußerliche, Körperliche. Die Griechen schätzten Schönheit, betrachteten eros aber nicht unbedingt als etwas Positives. Sie hielten ihn sogar eher für möglicherweise gefährlich, weil er einen Menschen der Selbstkontrolle berauben kann. Aristoteles zufolge entwachsen wir in der Jugend dem eros und begründen als Erwachsene unsere Beziehungen und unsere Ehe auf philia; und für Platon ergänzen sich eros und philia – das eine erwächst aus dem anderen. Agape ist so etwas wie bedingungslose Liebe, die keine Gegenleistung erwartet, bezieht sich aber eher auf die Liebe zu den Göttern oder die Liebe der Götter zu den Menschen. Pragma ist pragmatische, reife Liebe, die auf Kompromissen, Bemühen und gemeinsamen Interessen gründet. Ludus ist verspielte, unreife Liebe, kokett und jugendlich. Storge ist eine Art Empathie, in der Regel die Liebe zwischen Eltern und Kindern. Philautia ist die Liebe zu sich selbst, xenia ist die Liebe zu einem Gast, philanthropia ist die Liebe zur Menschheit und die Menschlichkeit …
Bei unserem Projekt erforschen wir aber nicht die Liebe zu Eltern, Freunden, der Gesellschaft, dem Herkunftsland, Gott, Verwandten oder der Menschheit. »Aber wie wollen wir diese Liebe, die wir erkunden, nennen?«, fragte ich mich. Wenn wir von der Liebe zwischen Mann und Frau ausgehen, schließen wir dann die Liebe zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren aus? Wenn wir sagen, wir erforschen die Liebe zwischen zwei Menschen, schließen wir dann polygame oder polyamouröse Gemeinschaften aus mehr als zwei Menschen aus? Wenn wir romantische oder leidenschaftliche Liebe untersuchen wollen, schließen wir dann alle Menschen in ernsthaften Beziehungen aus, die nicht auf Romantik oder Leidenschaft basieren? Wenn wir sagen, wir studieren die Liebe zwischen Partnern, klingt das, als redeten wir von einer Geschäftsbeziehung. Wenn wir sagen, wir betrachten die geschlechtliche Liebe, was ist dann mit all denen, die in asexuellen Beziehungen leben oder deren Sexualität dysfunktional ist, oder die sich lieben, aber seit Jahren nicht miteinander intim geworden sind?
»Kann man überhaupt in Sprache kommunizieren, was es ist, das wir hier untersuchen?«, fragte ich Anna Wierzbicka.
Sie antwortete: »Wenn sich kein anderes Wort dafür findet, können Sie immer noch versuchen, es zu beschreiben.«
»Ich bin aber überrascht, dass unsere Sprachen kein Wort für diese Art der Liebe geschaffen haben, obwohl sie doch in westlichen Kulturen einer der höchsten Werte ist.«
»Manchmal kann ein einziges Wort mehr als eine Bedeutung haben«, erklärte sie. »In Ihrem Fall ist das vielleicht ein wenig verwirrend und nicht präzise genug, aber was Sie mir beschreiben, ist möglicherweise eine von vielen Bedeutungen des Wortes ›Liebe‹.«
Das stimmt. Einige unserer Gesprächspartner glaubten, wir meinten nur die heiße Phase der intensiven Verliebtheit. Manchmal meinten sie mit dem Wort die erotische, sexuelle Dimension der Liebe, während andere damit die tiefgreifendere Zuneigung bezeichneten, die sich später in einer Beziehung entwickelt. Manchmal betrachteten sie Liebe als eine Beziehung voller Respekt, bei anderer Gelegenheit verklärten sie sie zu einer göttlichen Kraft und wieder andere lehnten die Liebe als abstraktes und ihrer Meinung nach erfundenes Konzept ab.
Wenn es um konkrete Konzepte geht, wie Hund, Messer, Baum oder Wasser, sind Missverständnisse oder dramatisch abweichende Interpretationen weniger wahrscheinlich. Aber wenn wir über abstrakte Konzepte wie Gott, Vaterland, normal, natürlich, Gerechtigkeit oder Liebe sprechen, geht das Verständnis deutlich auseinander, weil unterschiedliche Menschen ihnen unterschiedliche Bedeutungen zuweisen. Selbst die wissenschaftliche Literatur ist sich da uneins. Die Liebe, die wir erkunden wollen, wird von manchen »Liebe« genannt, von anderen »romantische Liebe« und von wieder anderen »leidenschaftliche Liebe« … Deshalb wollten wir die Terminologie am Anfang dieses Buchs zumindest teilweise abklären, damit wir unseren Weg vielleicht etwas leichter durch das linguistische Chaos finden.
Mit gefällt die Unterteilung der Liebe in drei Komponenten oder Phasen, wie sie die amerikanische Anthropologin Dr. Helen Fisher vorschlägt, eine der führenden Kapazitäten auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Erforschung der Liebe. Diese drei Komponenten sind in unserer Biologie verwurzelt. Fisher zufolge hat der Mensch drei primäre Gehirnsysteme entwickelt, die für Paarung und Fortpflanzung verantwortlich sind:
1. Geschlechtstrieb
2. Anziehung oder romantische Liebe
3. profunde Zuneigung
Im Gegensatz zu Wierbicka ist Liebe für Fisher durchaus universell und allen Völkern eigen; für sie entwickelte sich vor mehreren Millionen Jahren Liebe als Evolutionsstrategie, um den Arterhalt zu sichern. Sie sagt, dass unser Geschlechtstrieb uns dazu bewegt, eine bestimmte Auswahl möglicher Partner zu suchen. Die romantische Seite der Liebe oder Anziehung lenkt unsere Energie auf eine individuelle Person. Das Gefühl der profunden Zuneigung ermöglicht es uns schließlich, mit dieser Person zumindest lange genug zusammenzubleiben, um ein Kind über das vulnerable Kleinkindstadium hinaus aufzuziehen. Um aber besser verstehen zu können, warum und wie die Evolution solche Mechanismen entwickelt hat, sollten wir uns ansehen, was mit der Liebe geschehen ist, während sich unsere Art ihren langen Weg von den afrikanischen Savannen bis in die modernen Metropolen suchte.
Vorherige Doppelseite:
Kalahari, Namibia
New York schien uns die passende letzte Etappe für unsere Reise. Als wir um die Welt reisten, reisten wir gleichzeitig durch ...
… einen Querschnitt der Kulturen der Welt in all ihrer Vielfalt und endeten passenderweise in der ikonischen Hauptstadt des Westens. Am letzten Abend in New York saßen wir in einem Restaurant im obersten Stock eines Wolkenkratzers in Manhattan und dachten an all die Orte und Menschen zurück, die wir im vergangenen Jahr in 24 Ländern auf allen Kontinenten besucht hatten. Ich betrachtete die spektakuläre Nachtlandschaft der Stadt und mir war, als hätte ich auf unserer Reise die ganze Welt gesehen und in ihrer Gänze umarmt. Ich rief mir die faszinierenden Kulturen in Erinnerung, die wir kennengelernt hatten, und fühlte mich, als hätte ich die gesamte Menschheitsgeschichte gesehen. Unsere Reise hat uns nicht nur um die Welt geführt, sondern auch durch die Zeit und die verschiedenen Entwicklungsstadien der menschlichen Gesellschaft.
Ich überlegte, wie man einen historischen Abriss dieser Entwicklung so einfach wie möglich verfassen könnte. Ich war mir der Risiken der zu starken Vereinfachung bewusst und hielt es für klug, unsere Geschichte in drei Schlüsselperioden – ursprünglich, traditionell und modern – und zwei große Übergänge – Agrarrevolution und industrielle Revolution – einzuteilen.
Das ursprüngliche Zeitalter (die Urgeschichte) umfasst die Zeit, in der all unsere Vorfahren Jäger und Sammler waren, von den Anfängen unserer Art bis zu den allerersten Bauern, die Domestizierung von Tieren und Pflanzen und den Wandel zu einer sesshaften Lebensweise.
Übergang: Jungsteinzeit oder Agrarrevolution1
Das traditionelle Zeitalter ist eine Zeit, in der ein Großteil der Menschen in aller Welt Ackerbau und Viehzucht betreibt und ihr Leben fast vollständig von der Religion bestimmt wird.
Übergang: Industrielle Revolution2
Das moderne Zeitalter ist eine Periode, in der der ordnende Einfluss der Religion auf das Leben schwindet und ein Aufstieg von Wissenschaft, Technologie, Bildung zu beobachten ist, und man zunehmend auf Gesundheit achtet.
Wichtig ist dabei, dass sich nicht alle menschlichen Gesellschaften im gleichen Tempo entwickelt haben. Die Agrarrevolution fand unabhängig an diversen Orten statt: zum ersten Mal vor 11 000 Jahren in Mesopotamien, dann vor 9000 Jahren in China und Neuguinea, vor 5000 Jahren in Mexiko, der Andenregion und Subsahara-Afrika und dann vor 3000 Jahren in Nordamerika. Von dort verbreitete sie sich in alle Himmelsrichtungen, aber abhängig von Umwelt und Kultur mit ganz unterschiedlicher Geschwindigkeit. An einigen Orten ging es schneller als an anderen, manche Völker nahmen die Veränderungen bereitwilliger an, während andere länger an ihrer Lebensweise als Jäger und Sammler festhielten.
Das Gleiche gilt für die industrielle Revolution: Sie startete im 18. Jahrhundert in Europa und kam erst im 19. oder 20. Jahrhundert in einigen Teilen der Welt an. Es gibt Jäger- und Sammler-Stämme, die erst im 20. Jahrhundert mit dem Rest der Welt in Kontakt kamen und damit den eher schrittweisen Übergang übersprangen, den andere Regionen durchlaufen haben. Bei ihnen geschah in ein oder zwei Generationen, wofür Kulturen des Westens 10 000 Jahre gebraucht hatten. Was mich schon immer als Reisender fasziniert hat, und mehr noch als Anđela und ich das Ende unserer großen Reise feierten, ist der Umstand, dass man in unserer Zeit immer noch die ganze Diversität der menschlichen Gesellschaften finden kann. Dabei ist das Reisen in die entferntesten Ecken der Welt, in denen diese Kulturen immer noch existieren, heute einfacher, billiger, schneller und sicherer als je zuvor. In der Zukunft mag den Menschen das Reisen sogar noch leichter fallen, aber sie werden schon bald nicht mehr in der Lage sein, die außerordentliche kulturelle Vielfalt unserer Spezies zu sehen, weil die lokalen Kulturen heute zunehmend und unwiderruflich in der größeren globalen Kultur aufgehen.
In unserer Zeit gibt es auf unserem Planeten immer noch Gesellschaften, die Hunderte und sogar Tausende Geschichtsjahre voneinander entfernt sind. Es erstaunt mich, dass es im 21. Jahrhundert immer noch Jäger und Sammler gibt. Ein Blick in ihr Leben ist zugleich ein Blick in das Leben von Menschen unserer Ur- und Frühgeschichte – was ich das »ursprüngliche Zeitalter« nenne. Wir durften an zwei Orten in diese Welt blicken. Der eine war das Herz des Amazonas, wo die Jäger und Sammler der Matis wohnen, ein Volk, das bis zu seinem ersten Kontakt mit Außenstehenden vor 40 Jahren immer noch wie in der Steinzeit lebte. Mittlerweile dringen die Segnungen und Flüche der Moderne immer schneller in ihre Welt ein, aber auch heute noch leben viele von ihnen als Jäger und Sammler. Die Männer machen mit Blasrohr und Giftpfeilen Jagd auf Affen, während die Frauen im Wald nach Früchten suchen.
Unser Aufenthalt bei den Matis war ebenso ein Höhepunkt unserer Reise wie unser Besuch beim San-Volk der !Kung in der Kalahari zwischen Namibia und Botswana. Ihre von Klicklauten geprägte Sprache, in der sie am Lagerfeuer mit uns über Liebe spachen, führte uns zurück in uralte Zeiten. Viele von ihnen lebten bis vor 10, 20 Jahren als Jäger und Sammler, aber dann begann sich ihre Welt drastisch zu verändern. Heute sind sie Opfer eines der vielen Paradoxe der modernen Zeit. Die Gesetze des Staates, in dem sie leben, erlauben fremden Jägern gegen hohe Gebühren, Großwild zu jagen, während die !Kung – die seit Tausenden von Generationen durch das südliche Afrika zogen und von der Jagd lebten – dies nicht länger dürfen.
Im Gespräch mit den Matis und den !Kung fühlte ich mich, als spräche ich mit meinen Urahnen. Aus dem gleichen Grund studieren Anthropologen indigene Völker, die bislang keinen Kontakt mit der Außenwelt hatten: Ein Blick in ihr Leben und ihre Kultur ist auch ein Blick in die Geschichte und die Natur der Menschheit. Je älter die Lebensweise einer Gemeinschaft, desto einfacher ist es, sie wissenschaftlich zu studieren. Die moderne Gesellschaft ist so komplex geworden, dass viele Wissenschaftler sie für nicht mehr erforschbar halten.
———
In New York hatten wir das große Glück, die Ehre und das Privileg, eine der weltweit führenden Anthropologinnen zu treffen: Dr. Helen Fisher[S. 390] vom Kinsey Institute. Sie ist eine der am häufigsten zitierten Kapazitäten auf dem Gebiet des Studiums der Liebe. Wir besuchten sie am letzten Werktag des Jahres 2019 in ihrem Apartment nahe dem Central Park. Binnen Minuten beeindruckte sie uns mit ihrer herzlichen, aufmerksamen, lebhaften Art. Sie wirkt mit ihren 74 Jahren jugendlich, energiegeladen und voll kindlicher Neugier. Ihre lange und glänzende Karriere untermauerte ihre bestimmten, prägnanten und eloquenten Antworten auf unsere Fragen. Wir baten sie, uns ihre weithin beachteten Theorien von der Anatomie der Liebe sowie ihre Vision von der Entwicklung der Menschheit und der Evolution der Liebe zu erläutern.
»Vor ungefähr vier Millionen Jahren«, erzählte uns die freundliche Wissenschaftlerin, »wandelte sich das Klima in Ostafrika und die Bäume verschwanden. Unsere hominiden Vorfahren kletterten von den Bäumen herab und standen aufrecht auf zwei Beinen. Das verschaffte ihnen einen besseren Überblick, sodass sie Beutegreifer in der Savanne frühzeitig erspähen konnten. Die Frauen konnten ihre Kinder nicht länger auf dem Rücken tragen, sondern mussten sie auf die Arme nehmen, sodass sie keine Stangen und Steine nutzen konnten, um Nahrung zu suchen und sich zu verteidigen. Sie brauchten die Hilfe der Männer bei der Aufzucht der Kinder. Ich sehe nicht, wie ein einzelner Mann einen ganzen Harem verteidigen könnte, aber eine einzelne Frau konnte er mit Sicherheit beschützen. Damit nahm der menschliche Drang seinen Anfang, sich zu Paaren zusammenzutun und Kinder als Team gemeinsam aufzuziehen. Wenn Schimpansen sprechen könnten und uns Menschen betrachteten, würde ihnen vor allem auffallen, dass wir uns die Mühe machen, uns zusammenzutun, da 97 Prozent der Säugetiere ihre Jungen nicht gemeinsam aufziehen. Für uns Menschen war das aber ein bedeutender Wendepunkt. Sobald wir zu Kinder großziehenden Paaren zusammenfanden, entwickelte sich auch das Hirnsystem für romantische Liebe und die Fähigkeit, tiefgehende und ausdauernde Zuneigung zu empfinden.«
»War nicht die Größe des Gehirns beziehungsweise des Schädels Teil des Problems?«, fragte ich. »Ich meine, in einem Ihrer Bücher gelesen zu haben, dass die Schädel der Menschen im Vergleich zu anderen Arten unproportional gewachsen sind.«
»Ja. Irgendwann in der Evolution der Hominiden wurde das Gehirn im Verhältnis zum Geburtskanal der Mutter so groß, dass die Frauen bei der Geburt Probleme bekamen. Deshalb brachten sie ihre Kinder früher zur Welt, und diese unterentwickelten, hilflosen Säuglinge benötigten in den ersten kritischen Tagen und Monaten zusätzliche Fürsorge, um zu überleben. Die Neugeborenen anderer Spezies liefen, krochen oder flogen schon sehr bald. Die Menschen bringen ihre Jungen buchstäblich unfertig zur Welt. Als aus Jahrzehnten Jahrhunderte und Jahrtausende wurden, blieben die menschlichen Paare zumindest so lange zusammen, wie ihre Kinder brauchten, um die besonders gefährliche früheste Kindheit zu überleben, also die ersten drei bis vier Lebensjahre.«
Bis zur Agrarrevolution und dem Übergang vom Leben als Jäger und Sammler zum Ackerbau lebten Menschen überall in kleinen, egalitären Gruppen, hatten also alle mehr oder weniger die gleiche Macht. Es gab keine Anführer und keine Elite, die andere kontrollierte, und Männer und Frauen waren gleichgestellt. Die Rollen waren klar definiert: Die Männer gingen auf die Jagd, während die Frauen pflanzliche Nahrung sammelten, aber keiner war wichtiger als der andere. Der Hauptgrund dafür war, dass Männer und Frauen den gleichen Beitrag zum Haushalt lieferten. Die Frauen schafften die gleiche Menge an Kalorien herbei wie die Männer; zudem wurden die Ressourcen nicht angesammelt, weil man sie nicht bei sich tragen konnte. Die Jäger und Sammler waren nicht an einen Ort gebunden, weil ihre Beute früher oder später lernen würde, ihnen aus dem Weg zu gehen. Deshalb waren sie meist Nomaden ohne Besitz, denn sie konnten den Besitz nicht mit sich führen.
Wir haben das selbst gesehen, als wir mehrere Angehörige des Volks der Matis und der San kennenlernten, denen wir später in diesem Buch noch begegnen werden. Bei den Matis [S. 272–273] trafen wir drei Männer, vier Frauen und genauso viele Kinder. Ihr ganzer Besitz bestand aus einigen wenigen Töpfen, Wasserschläuchen, Blasrohren und Pfeilen und aus Ranken geflochtenen Hängematten, die sie zwischen zwei Bäumen aufspannten, um sich auszuruhen oder zu schlafen. All das ließ sich leicht in einem Einbaum verstauen; und selbst wenn sie am Ufer lagerten oder zum Jagen und Sammeln in den Wald gingen, konnten sie ihre Kinder und ihren in die Hängematten gepackten Besitz leicht mitnehmen.
Die San der Kalahari waren bis vor Kurzem noch Nomaden und brachten ihre Abneigung gegen Besitz mit in ihr neues, sesshaftes Leben. !ui und !ao[S. 386], das Paar, mit dem wir sprachen, hatten das einfachste Haus, das ich je besucht habe. Ihre kleine Hütte bestand aus einigen in den Boden gerammten Stöcken und einem dünnen Blechdach, einem löchrigen Moskitonetz und mehreren fadenscheinigen Decken, die als Wände und Fußboden der Hütte dienten. !ui und !ao besaßen darüber hinaus noch ein paar abgetragene Kleidungsstücke und das war’s. Alles in allem nicht mehr als vielleicht zehn Gegenstände. Sie hatten nie in ihrem Leben Schuhe, Geschirr oder Handys oder all die anderen Dinge besessen, die wir für so unverzichtbar halten.
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Die Agrarrevolution war vielleicht nach der Erfindung der Sprache die bedeutendste Entwicklung in der Menschheitsgeschichte. Die Domestizierung von Tieren und Pflanzen erlaubte es den Menschen zum ersten Mal in ihrer Geschichte, überschüssige Nahrung zu erzeugen und zu lagern, was der Zukunft die Unsicherheit nahm, aber sie auch zwang, an einer festen Stelle zu bleiben und schwerer zu arbeiten als je zuvor. Daraus entstand unter anderem das private Besitztum. Die Menschen begannen, zwischen »mein« und »dein« zu unterscheiden, und erfanden die Schrift, um Listen ihrer Besitztümer anzufertigen. Die Konflikte zwischen Menschen wurden größer, weil es jetzt um mehr ging. Der Nahrungsüberfluss ermöglichte die Entstehung von Eliten und Führern. Zum ersten Mal entstand irgendwann eine Klasse, die ihre Zeit nicht auf die Herstellung von Nahrung verwenden musste, sondern andere bei dieser Aufgabe anleiten konnte. Um diese neue Macht zu festigen und die Menschen leichter beherrschen zu können, erfand die Elite ein mächtiges neues Werkzeug: die Religion.
Auch in den Familien bildeten sich Machtunterschiede aus. Die Kinder wurden nun als verfügbare Arbeitskräfte genutzt und die Frauen verbrachten ihre fruchtbaren Jahre damit, Kinder zu produzieren, weil ein Mann Macht über die Sexualität der Frau ausüben musste, um sicherzustellen, dass er sein Land und sein Vieh an seine biologischen Kinder vererben konnte. So entstand das Patriarchat3.
»Vor der Agrarrevolution brachten Frauen genauso viel Essen auf den Tisch wie die Männer und waren damit ökonomisch, gesellschaftlich und sexuell genauso mächtig wie die Männer«, erklärte Helen Fisher. »Aber in dem Moment, in dem sie sesshaft wurden und Landwirtschaft betrieben, und vor allem mit der Erfindung des Pflugs, veränderte sich die Dynamik zwischen Mann und Frau dramatisch. Die Rolle des Mannes wurde viel wichtiger: Er räumte Steine vom Acker, fällte Bäume, ging zum Markt und brachte Zahlungsmittel nach Hause. Die Frauen konnten nicht mehr den Hof verlassen, um Nahrung zu sammeln, also übernahmen sie weniger bedeutende Aufgaben: Sie jäteten Unkraut, beschnitten die Pflanzen, bereiteten das Abendessen zu, webten Kleidung, bekamen Kinder und zogen sie auf. Sie bekamen mehr und mehr Kinder, weil diese wichtige Arbeitskräfte waren, und das band sie noch stärker ans Haus.«
